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»Es ist offensichtlich, dass unsere Spezies auf einen gewaltigen Untergang zusteuert.« (T.C. Boyle)
 
Die einzige Hoffnung ist, dass wir irgendwann aussterben
Nein, er spricht nicht so, wie er schreibt. Wenn der schlaksige Kerl mit der widerspenstigen Haarsträhne erzählt, wie er in dunklen Bars versumpft, sagt er schlicht, dass er gerne mit Freunden einen Drink nimmt. Keine Anspielung auf jene Typen, die »trinken wie Brauereipferde« oder »genug Bier abkippen, um ein Schiff zu Wasser zu lassen.« Das sind Bilder aus den Büchern des Tom Coraghessan - kurz T.C. - Boyle. Wilde Formulierungen, die der US-Autor mit dem unaussprechlichen zweiten Familiennamen so hemmungslos aneinderreiht, dass Feuilletonisten seinen Stil mitunter »metaphern-inflationär« schelten. Andere dagegen haben den 49jährigen wegen seines seismographischen Gespürs für die Risse in der amerikanischen Gesellschaft zum »Dickens des 20. Jahrhunderts« (Publishers Weekly) erhöht. Der Schriftsteller, der Anfang der 80er in die Riege der erstrangigen Belletristen Amerikas aufstieg, hat in seinen Geschichten Gesundheitsfanatiker, Ex-Hippies und immer wieder die politisch Korrekten vorgeführt. In América zeigte er mit der ihm eigenen schwarzen Heiterkeit, wie rassistisch ein Durchschnittsliberaler sein kann. In seinem neuen Buch Riven Rock (Hanser Verlag) schreibt Boyle über sexuelle Obsessionen in der amerikanischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zur Zeit arbeitet er bereits an seinem nächsten Roman über Umweltschutz. Als er sich um 15 Uhr auf die Terrasse seines Frank-Lloyd-Wright-Hauses im kalifornischen Montecito hockt, hat er sein Arbeitspensum beendet. Jeden Tag wird von zehn bis 15 Uhr geschrieben, da ist er eisern - meistens jedenfalls. Der Freak von einst ist heute sehr diszipliniert. »Sonst fällt mein Leben auseinander«, sagt er. Mit den FR-Redakteuren Martin Scholz und Brigitte Spitz sprach T.C. Boyle über eheliche Tugenden, kreative Schreiber und Literatur-Ignoranten in den USA.
 
 
Das Interview
 

Frankfurter Rundschau: Mister Boyle, wissen Sie noch, was Sie vor 30 Jahren gemacht haben?

T.C. Boyle: Sicher. Ich war Teil von etwas, dessen ich mir damals gar nicht bewusst war - ein Hippie, begeistert von den wilden Revolutions- und Anti-Kriegs-Gesängen. Aber eigentlich wollte ich mich damals nur ständig zudröhnen. Mein Kopf war selten klar genug, um genau zu analysieren, was um mich herum genau geschah. Damals glaubte ich, es sei völlig in Ordnung, alles niederzureißen, durch die Straßen zu marschieren und »Hängt die Reichen« zu grölen. Heute habe ich, wie Sie sehen, eine andere Einstellung zu den Reichen. Wenn du erwachsen wirst, sollte sich die Sicht auf die Dinge doch ein bißchen verändern.

Frankfurter Rundschau: Was ist von dem »Sex and Drugs and Rock'n Roll«-Lifestyle geblieben?

T.C. Boyle: Ich habe mal mit meiner Tochter eine Aufklärungsveranstaltung über Drogen in ihrer Schule besucht - sie ging damals in die fünfte Klasse. Bei der Gelegenheit wurde mir schlagartig klar, dass meine Generation im Prinzip nichts erreicht hat. Wir haben nur alles zerstört und nichts Neues wieder aufgebaut. Die Tatsache, dass die Anti-Drogen-Aktionen heute in der fünften und nicht wie früher in der zwölften Klasse angeboten werden müssen, ist doch sehr beunruhigend. Wobei diese plumpe, politisch korrekte Propaganda sowieso nicht funktioniert, das ist alles Heuchelei. Als Ex-Junkie, der früher Heroin gespritzt und auch sonst alles genommen hat, was high machte, kam ich mir auf dieser Veranstaltung schon sehr merkwürdig vor. Ich habe später eine Geschichte darüber geschrieben, in der ich frage, was wir, die Generation der 68er, wirklich bewegt haben.

Frankfurter Rundschau: Sagen Sie es uns.

T.C. Boyle: Das Vermächtnis sind Waffen, Gangs und kaputte Familien, in denen niemand mehr Verantwortung übernimmt - so jedenfalls sieht das in den USA aus. Immer weniger US-amerikanische Kinder haben überhaupt noch einen Vater. Die nächste Generation wird diesen Scherbenhaufen wieder zusammensetzen müssen.

Frankfurter Rundschau: Und bis es soweit ist, schreiben Sie in Ihrem Frank-Lloyd-Wright-Haus in Montecito neue Bücher. Ist ein Schönwetter-Refugium für Rock- und Filmstars ein inspirierender Ort für einen Schriftsteller, der sich, wie Sie, so gerne über die Leiden der Zivilisationsgesellschaft lustig macht?

T.C. Boyle: Ich kenne hier doch kaum berühmte Leute. Die wollen alle ihre Ruhe haben. Ich treffe hier nur Typen, die mit mir an der Bar rumhängen - alles waschechte Kalifornier, die surfen gehen. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, was ein inspirierender Ort sein könnte. Bevor ich hierher zog, lebte ich in Woodland Hills in Los Angeles und davor in einer »White Trash«-Bastion, einem kleinen Ort, an dem sich vor allem Motorrad-Gangs wohl fühlten. Das könnte man schon als anregendes Umfeld beschreiben. Aber ich ziehe meine Inspiration aus meinem eigenen Gehirn und kümmere mich nicht um die anderen. Tatsache ist, dass ich meine Nachbarn gar nicht kenne. Ich kann Ihnen nicht mal sagen, wer da gerade im Garten nebenan mit der Motorsäge herumknattert, während wir sprechen.

Frankfurter Rundschau: Erklären Sie doch mal, warum sich ein erfolgsverwöhnter Autor wie Sie in Romanen wie América und Kurzgeschichten wie Filthy With Things über den Amerikanischen Traum mokiert, von dem Sie selbst so sehr profitiert haben.

T.C. Boyle: Der Amerikanische Traum oder das, was man dafür hält, löst bei mir oft Bauchschmerzen aus. Wenn ich daran denke, fühle ich mich sehr unwohl in meiner Rolle als Amerikaner. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, jetzt sitze ich hier - reich, in einer superreichen Nachbarschaft. Aber anders als Leute, die immer im Geld schwammen und ganz selbstverständlich die Harvard-Universität besuchten, hatte ich stets ein Interesse für die untere Klasse, wie man in meinen Büchern nachlesen kann. Ich weiß sehr gut, wie es da ist. Ich stehe dem Amerikanischen Traum sehr skeptisch gegenüber. Aber was nützt das Über-Intellektualisieren, wenn wir tatsächlich doch keine Alternative zu diesem einen, kapitalistischen System haben. Ich bin ein Produkt meiner Gesellschaft. Als Kind habe ich alle TV-Shows mit diesen perfekten amerikanischen Familien gesehen. Nachdem meine Eltern am Alkohol zugrunde gegangen waren, fragte ich mich, was denn nur bei mir und meiner Familie falsch gelaufen war? Ich bin mir also der Schwächen des Amerikanischen Traums sehr wohl bewusst. Ich kann ihn kritisieren und bin dennoch abhängig davon und ein Teil dieser Kultur. Sicher, ich hätte all meinen Besitz den Obdachlosen in Santa Barbara geben und, als sie noch lebte, mit Mutter Teresa zusammenziehen können. So weit möchte ich dann doch nicht gehen. Da bin ich lieber ein komfortabler Kritiker der Gesellschaft.

Frankfurter Rundschau: In Ihrem neuen Roman Riven Rock spotten Sie nicht nur, Sie schreiben über eine ungewöhnliche Ehe - über eine Frau, die ihrem geistesgestörten und krankhaft sexbesessenen Mann ein halbes Jahrhundert lang treu bleibt. Hat sich der Ex-Freak Boyle auf wertkonservative Traditionen besonnen?

T.C. Boyle: Das geht mir zu weit. In dem Buch befasse ich mich vor allem mit der Sexualität und den Fragen, wie man sie beherrscht, wie wichtig Treue ist und ob der ewige Krieg zwischen Mann und Frau befriedbar ist. Man darf nicht vergessen, dass die Ehe von Katherine und ihrem Mann Stanley die furchtbarste ist, die man sich vorstellen kann. In Katherines Fall war die bedingungslose Treue zu ihrem Mann nicht gerade gut für sie. Sie erlebte nie sexuelle Erfüllung. Andererseits muss man sie dafür bewundern, dass sie ihn dennoch liebte und hoffte, er würde geheilt werden. Und dieser Aspekt hat mich gereizt.

Frankfurter Rundschau: Ist die Ehe mit dem Gelöbnis, Treue bis dass der Tod euch scheidet, heute nicht eine veraltete, bourgeoise Institution?

T.C. Boyle: Ich habe ein paar enge Freunde, die ich fast mein ganzes Leben lang hatte - meine Frau gehört dazu. Wir leben in so einer verrückten, unsicheren Welt, da brauche ich jemanden, auf den ich mich verlassen, dem ich vertrauen kann. Eine langjährige Beziehung gehört für mich dazu. Ich will niemanden missionieren. Die Ehe funktioniert für mich. Ich brauche diese Stabilität, um meine Arbeit machen zu können. Ich bin immer nur Millimeter vom Abgrund entfernt. Wohin das führen kann, habe ich bei meinen Eltern gesehen, die sich in den Tod getrunken haben.

Frankfurter Rundschau: Sind heute jene, die heiraten, die Rebellen, weil es nicht mehr zeitgemäß erscheint?

T.C. Boyle: Irgendwie schon. In unserer Konsumgesellschaft sind solche Werte nicht mehr gefragt. Alles wird nur noch darauf reduziert, Produkte zu verkaufen. Der Sex, die Beziehungen zu anderen Menschen sind käuflich - all unser Handeln ist nur noch auf sofortige Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet. Das gilt für alle Lebensbereiche. Du hast eine Kreditkarte. Prima. Was du willst, holst du dir sofort. Du wartest nicht oder arbeitest darauf hin, du bildest dich auch nicht mehr. Das ist auch der Grund, weshalb ein Film wie Pretty Woman so einen Erfolg hatte. Die Botschaft für die Frauen war folgende: Ihr müsst nicht gebildet sein oder einen Job haben - es reicht, wenn ihr Huren seid und darauf wartet, dass ein reicher Typ sich euch angelt. Der macht euch dann glücklich - mit materiellen Dingen.

Frankfurter Rundschau: Wie schaffen Sie es denn, sich da auszuklinken?

T.C. Boyle: Ich arbeite - das füllt mich aus. Ich definiere mich über das, was ich mache und nicht über Produkte. Ich denke, die Tiefenpsychologen haben recht, wenn sie sagen, dass uns die Menge von Produkten und das Verlangen nach ihnen irgendwann killen werden. Andererseits sind genau das die Dinge, die unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft antreiben. Das wird immer so weitergehen, bis irgendwann der Ofen aus ist. Ein Beispiel: Die Zahl der Neubauten wird als Indikator für die boomende US-amerikanische Wirtschaft gewertet. Wenn wir irgendwann die ganze Welt mit neuen Häusern zugebaut haben - was dann? Dann haben wir ein globales Tokio, eine Stadt, in der sie ständig neue Häuser hochziehen und fünf Jahre später wieder abreißen, damit sie wieder etwas Neues bauen können. Ist das gut für uns? Erfüllt es uns, wenn wir ein neues Auto oder eine neue Waschmaschine kaufen? Ich pfeife darauf. Mir war das stets egal. Meine Frau dagegen kauft alles, um sicherzustellen, dass ich von allem viel habe. Aber, wenn ich mir vorstelle, dass die menschliche Rasse und alles, was sie erschaffen hat, bald sowieso tot sein wird, frage ich mich nach dem Wert einer Buchhandlung oder einer CD-Sammlung. Es gibt sechs Milliarden von uns - bis zum Jahr 2050 soll sich die Erdbevölkerung sogar noch verdoppeln, ein Desaster. Das Wetter haben wir schon verändert, es gibt immer mehr medikamentenresistente Krankheiten. Es ist offensichtlich, dass unsere Spezies auf einen gewaltigen Untergang zusteuert.

Frankfurter Rundschau: Was sagen Ihre drei Kinder zu den Armageddon-Visionen ihres Vaters?

T.C. Boyle: Die sind alle manisch-depressiv, weil sie sich meine zynischen Kommentare ständig anhören müssen. Nein, jetzt im Ernst. Haben Sie den Vogel gesehen, der gerade über unseren Kopf flog? Der hat wahrscheinlich auch drei Kinder. Irgendwann waren sie einfach da. Bei mir war es auch nicht anders. Ich habe nicht meine Frau zur Seite genommen und gesagt: »Hey Honey, lass uns ein paar Kinder haben.« Es war eher so, dass sie irgendwann sagte: »Halt mal den Wagen, ich muss mich übergeben.« So war das immer. Ich habe die »Mutter der Erde« geheiratet. Wir haben heute sechs Milliarden Menschen auf der Welt, weil wir Fortpflanzung nicht planen. Die einzige Hoffnung ist, dass wir irgendwann aussterben. Aber es gibt Lichtblicke: Die Zahl der unfruchtbaren Männer soll rapide zugenommen haben.

Frankfurter Rundschau: Immerhin sind die Frauen in Ihrem Roman eher fähig, Lust und Versuchung zu kontrollieren, während die männlichen Verhaltensmuster denen der Affen nicht unähnlich sind. Sind die Frauen die bessere Hälfte der Menschheit?

T.C. Boyle: Nein, das sind sie nicht. Aber sie haben die Kontrolle, soviel ist sicher. Die Männer sind sehr primitiv - naja, zumindest in einem Buch wie Riven Rock.

Frankfurter Rundschau: Nur im Buch?

T.C. Boyle: Wenn Sie so wollen, können Sie das als zentrales Statement von Riven Rock so stehen lassen. Die Männer treiben es in dem Buch ja wortwörtlich wie die Affen, aber das ist nur eine zugespitzte Darstellung ihrer Triebhaftigkeit.

Frankfurter Rundschau:
Hillary Clinton war kürzlich auf dem Titel von Psychology Today. Thema war - natürlich - das Verhalten ihres Ehemannes, des mutmaßlichen sexual animal, und ihre tolerante Reaktion darauf. Würde sie sich für eine aktualisierte Version Ihres neuen Romans anbieten?

T.C. Boyle: Nein. Hillary ähnelt eher der Lady Macbeth als meiner Romanfigur Katherine. Die Clintons sind ein Macht-Paar. Die First Lady versucht, ihren Ehemann bei allem, was er macht, zu decken - was man wohl mit ihrer Lust nach Macht erklären kann. Die Clintons haben einen Pakt geschlossen. Was soll's, nicht jeder muss monogam sein. Und überhaupt, das interessiert doch niemanden mehr.

Frankfurter Rundschau: Offenbar doch. Der Stand der neuesten Ermittlungen wegen der mutmaßlichen Affären des Präsidenten brachte Bill Clinton erst jüngst wieder mehr Medienaufmerksamkeit als seine Chinareise.

T.C. Boyle: Aber das wachsende Wirrwarr über all die neuen vermeintlichen Enthüllungen ist doch zum Gähnen langweilig. Zugegeben nicht so langweilig wie Clintons Chinabesuch, aber immer noch öde. Es war schon sehr kurios, dass ich kürzlich in mehreren US-Talkshows über den Penis des Präsidenten reden sollte. Da hatte ich anderthalb Jahre an einem neuen Buch gearbeitet, und dann fällt dem Talkmaster nichts Besseres ein, als mich über den Penis des Präsidenten zu befragen.

Frankfurter Rundschau: Und, ist Ihnen dazu etwas eingefallen?

T.C. Boyle: Aber sicher doch. Ich habe natürlich darüber geredet - schließlich geht es ja auch in meinem Buch um unterdrückte und zügellose Sexualität. Ich bin ja froh, dass Clinton einen Penis hat - bei seinen beiden Vorgängern bin ich mir da nicht so sicher. Aber viele dieser Talkshows sind lächerlich, eine Art Ersatzbefriedigung: Es wird ständig über Sex geredet, während ihn immer weniger Leute haben.

Frankfurter Rundschau: Was Sie nicht davon abhält, in solchen Talkshows mitzuplappern.

T.C. Boyle: Natürlich nicht, ich will schließlich meine Bücher verkaufen.

Frankfurter Rundschau: Abgesehen davon, dass Sie in den TV-Shows zu den Genitalien des Präsidenten befragt werden - welche Rolle, glauben Sie, hat ein Schriftsteller in der Mediengesellschaft von heute?

T.C. Boyle: Das will ich Ihnen sagen: In den USA haben Schriftsteller gar keine Bedeutung mehr. Denn die Amerikaner können oder wollen nicht lesen. Schriftsteller sind in diesem Land irrelevant. Der Typ mit der Motorsäge im Nachbargarten ist für die US-Gesellschaft vermutlich relevanter. Er tut wenigstens etwas.

Frankfurter Rundschau: Fühlen Sie sich von den Europäern besser verstanden?

T.C. Boyle: In Europa gibt es prozentual mehr Intellektuelle als in den USA. Aber es ist ein weltweites Phänomen, dass immer weniger gelesen wird. Wir leben in einer phonetischen und visuellen Gesellschaft - die Menschen haben keine Zeit mehr zum Nachdenken. Und um zu lesen, musst du ein bißchen was von der Nachdenklichkeit des Autors haben, denn du musst seine Worte in deine eigene Welt übersetzen. Heute wächst kein Kind in den USA mehr mit Büchern auf.

Frankfurter Rundschau: Lesen Ihre Kinder Bücher von T.C. Boyle?

T.C. Boyle: Meinen Söhnen habe ich einige Geschichten vorgelesen, die auf ihrem Niveau sind. The Champ beispielsweise, eine Kurzgeschichte über Boxer. Meine Tochter hat einige meiner Bücher gelesen. Sie ist überzeugte Feministin und nicht gerade überglücklich damit, wie ich Frauen in vielen meiner Bücher beschreibe. So gesehen war ich überrascht, dass einige der englischen Rezensenten Riven Rock als feministischen Roman gelobt haben. So kann man ihn natürlich auch interpretieren, aber diese Beurteilung ist mir zu oberflächlich.

Frankfurter Rundschau: Sie haben mal gesagt, Sie wollen den Lesern auf die Füße treten, Ihre Bücher sollten ihnen ein schlechtes Gefühl bereiten. Würden Sie sich als Autor mit politischen Sendungsbewusstsein bezeichnen?

T.C. Boyle: Ich schreibe nicht per se politische Romane. Bücher, die nur deshalb geschrieben werden, um eine politische Überzeugung zu transportieren, sind nicht so gut. Das ist keine Kunst. Mich interessieren die ästhetischen Aspekte, ich schreibe, um etwas zu entdecken, und wenn ich beginne, weiß ich nicht, wo das hinführen wird. Politische Romane wollen den Leser von einem Standpunkt überzeugen. Ich aber möchte die Leser in eine Welt einführen, in der sie sich ihre eigene Meinung bilden sollen. Bei América wusste ich nicht, was genau mein Standpunkt zu dem Thema der illegalen Einwanderung war, bis ich das Buch fertiggestellt hatte. Jetzt arbeite ich an einem neuen Roman über die Umweltschutzbewegung. Obwohl ich weiß, wie ich dazu stehe, kann ich Ihnen nicht sagen, wie das Szenario aussehen wird. Viele der Umweltsauereien deprimieren mich, aber ich weiß nicht, ob es deshalb ein depressives oder provokatives Buch werden wird.

Frankfurter Rundschau: Würde es Sie aufmuntern, wenn Öko-Experte Al Gore nach Bill Clinton ins Weiße Haus einzieht?

T.C. Boyle: Dann hätten wir immerhin den ersten grünen Präsidenten der USA. Aber die Ökologie ist ein ödes Thema - und Al Gore macht es leider noch öder. Alles, was mit Umweltschutz zusammenhängt, wird von den Leuten als extrem langweilig empfunden. Die wollen wissen, wo es Drogen gibt, wieviel die Drinks kosten, und was es abends zum Essen gibt. Aber ich habe genug Selbstvertrauen, dass ich das Thema so beschreiben werde, dass es die Leute erschreckt, aufrüttelt und so zum Lachen bringt, dass sie in die Hosen machen. Ich weiß nicht, ob Al Gore das mit einer seiner Reden gelingen wird.

Frankfurter Rundschau: Sie könnten ja etwas nachhelfen, Ihr deutscher Kollege Günter Grass hat sich kürzlich erbarmt und die SPD ein bißchen im Wahlkampf unterstützt. Können Sie es sich vorstellen, für Al Gore zu lesen?

T.C. Boyle: Ich stehe Parteien sehr skeptisch gegenüber, ich wollte nie ein Teil von ihnen sein oder von ihnen gesagt bekommen, was ich zu tun hätte. Ich drücke meine Meinung lieber in meinen Büchern aus.

Frankfurter Rundschau: Grass ist von Mitgliedern der Bundesregierung beschimpft worden, weil er die deutsche Asylpolitik kritisiert hat. Sie haben mit der Darstellung der US-Einwanderungspolitik in Ihrem letzten Roman América ebenfalls eine Debatte entfacht. Steht es um den Einfluss der Schriftsteller in den USA doch nicht so schlimm, wie Sie es vorhin beschrieben haben?

T.C. Boyle: Es stimmt schon, ich musste viel Kritik wegstecken. Die Rechten mochten mich nicht, weil sie dachten, ich würde für eine sanftere Einwanderungspolitik plädieren. Die Liberalen mochten mich auch nicht, weil ich sie in dem Roman als nette Rassisten von nebenan darstellte. Und die Fraktion der politisch Korrekten hasste mich, weil ich Teile des Buches aus der Sicht eines Mexikaners geschrieben hatte, was ihrer Ansicht nach nicht in Ordnung war, da ich ja Amerikaner bin. Das war so ziemlich die absurdeste Kritik. Aber kein Schriftsteller in den USA hätte hier einen vergleichbaren Aufruhr hervorrufen können wie Günter Grass in Deutschland. Der Eklat zu América war nur ein kleines Beben, eine Ausnahme. Weil in den USA keiner mehr Bücher liest, wäre es auch allen egal, wenn ein Updike die Regierung kritisierte. Das würde nicht mal in den Zeitungen gedruckt. Ich bin darüber sehr unglücklich, aber so ist es hierzulande nun mal. Hierzulande ist es wichtiger, was der Star einer TV-Seifenoper oder der Bassist einer drittklassigen Rockband zu sagen hat. Die Meinung der Schriftsteller ist nicht wichtig, weil die meisten Leute keinen Zugang zu ihnen haben. Die Amerikaner verstehen Literatur nicht mehr.

Frankfurter Rundschau: Nun bemühen Sie sich ja, dieser Ignoranz Ihrer Landsleute entgegenzuwirken - als Dozent für »creative writing« an der University Of Southern California. Was erzählen Sie Ihren Studenten?

T.C. Boyle: Diese Schreibwerkstätten sind großartig - niemand kauft Bücher, der Planet stirbt, es gibt keinen Gott, aber es gibt Kurse, die zu kreativem Schreiben ermuntern. Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache - aber es ist gut. Es geht nicht darum, dass meine Studenten alle Schriftsteller werden. Einige arbeiten als Drehbuchautoren, andere als Journalisten, wieder andere landen auf der Straße und wühlen in Mülltonnen - aber sie kennen sich immerhin mit Literatur aus. Du kannst sie nicht lehren, Talent zu haben, wenn keines da ist. Aber sie wären erstaunt, wie viele von ihnen eine große Begabung für Literatur haben. Das zu fördern macht mir großen Spaß.

Frankfurter Rundschau: Bringt diese Idee des »creative writing« nicht eine formatierte Literaturszene hervor, Schriftsteller, die nach Schema schreiben?

T.C. Boyle: Der übliche Vorwurf. Aber in der Realität hat sich das nie bewahrheitet. Die einzige Gefahr sind Schriftsteller, die so von sich selbst eingenommen sind, dass sie den Studenten nichts anderes als ihren Stil aufzwingen. Mir geht es darum, die Studenten zu ermutigen, ihren eigenen Stil zu entwickeln, ich bin nur der Trainer.

Frankfurter Rundschau: Jetzt dürfen Sie auch bei uns ein bißchen trainieren. Verraten Sie uns doch bitte, was um alles in der Welt Sie zu Sätzen wie diesen inspiriert hat: »Mexikanisches Bier schmeckt, als hätte man's durch den Schritt von irgendwem seiner langen Unterhose gefiltert.«

T.C. Boyle: Weiß ich auch nicht. Das sagt eine meiner Romanfiguren in Riven Rock, ein irischstämmiger Amerikaner, der Mexikaner nicht mag, wie man dem Tonfall unschwer entnehmen kann. Und in der Zeit, in der das Buch spielt, trug man eben lange Unterhosen. Hinzuzufügen wäre da noch, dass die Leute zu jener Zeit weder sich noch ihre Unterwäsche oft gewaschen haben - denn warmes Wasser war damals nicht überall verfügbar. Aber wenn es sie beruhigt: Ich persönlich mag mexikanisches Bier.

Frankfurter Rundschau: Mister Boyle, zum Abschluss ein Test für den kreativen Schreiber. Beenden Sie für uns doch mal den folgenden Satz: »Nach zwei Stunden Interview mit der FR ...

T.C. Boyle: ... hoffe ich, dass ich noch ein paar gute Einfälle in meinem Kopf habe, bevor ich sterbe - etwas später heute abend.«

 
Das Gespräch mit T.C. Boyle führten Martin Scholz und Brigitte Spitz am 20. Juli 1998. Verwendung des Interviews auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Rundschau.
 
 
 
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