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Frankfurter Rundschau: Mister Boyle, wissen Sie noch,
was Sie vor 30 Jahren gemacht haben?
T.C. Boyle: Sicher. Ich war Teil von etwas, dessen ich
mir damals gar nicht bewusst war - ein Hippie, begeistert
von den wilden Revolutions- und Anti-Kriegs-Gesängen. Aber
eigentlich wollte ich mich damals nur ständig zudröhnen. Mein
Kopf war selten klar genug, um genau zu analysieren, was um
mich herum genau geschah. Damals glaubte ich, es sei völlig
in Ordnung, alles niederzureißen, durch die Straßen zu marschieren
und »Hängt die Reichen« zu grölen. Heute habe ich, wie Sie
sehen, eine andere Einstellung zu den Reichen. Wenn du erwachsen
wirst, sollte sich die Sicht auf die Dinge doch ein bißchen
verändern.
Frankfurter Rundschau: Was ist von dem »Sex and Drugs
and Rock'n Roll«-Lifestyle geblieben?
T.C. Boyle: Ich habe mal mit meiner Tochter eine Aufklärungsveranstaltung
über Drogen in ihrer Schule besucht - sie ging damals in die
fünfte Klasse. Bei der Gelegenheit wurde mir schlagartig klar,
dass meine Generation im Prinzip nichts erreicht hat. Wir
haben nur alles zerstört und nichts Neues wieder aufgebaut.
Die Tatsache, dass die Anti-Drogen-Aktionen heute in der fünften
und nicht wie früher in der zwölften Klasse angeboten werden
müssen, ist doch sehr beunruhigend. Wobei diese plumpe, politisch
korrekte Propaganda sowieso nicht funktioniert, das ist alles
Heuchelei. Als Ex-Junkie, der früher Heroin gespritzt und
auch sonst alles genommen hat, was high machte, kam ich mir
auf dieser Veranstaltung schon sehr merkwürdig vor. Ich habe
später eine Geschichte darüber geschrieben, in der ich frage,
was wir, die Generation der 68er, wirklich bewegt haben.
Frankfurter Rundschau: Sagen Sie es uns.
T.C. Boyle: Das Vermächtnis sind Waffen, Gangs und kaputte
Familien, in denen niemand mehr Verantwortung übernimmt -
so jedenfalls sieht das in den USA aus. Immer weniger US-amerikanische
Kinder haben überhaupt noch einen Vater. Die nächste Generation
wird diesen Scherbenhaufen wieder zusammensetzen müssen.
Frankfurter Rundschau: Und bis es soweit ist, schreiben
Sie in Ihrem Frank-Lloyd-Wright-Haus in Montecito neue Bücher.
Ist ein Schönwetter-Refugium für Rock- und Filmstars ein inspirierender
Ort für einen Schriftsteller, der sich, wie Sie, so gerne
über die Leiden der Zivilisationsgesellschaft lustig macht?
T.C. Boyle: Ich kenne hier doch kaum berühmte Leute.
Die wollen alle ihre Ruhe haben. Ich treffe hier nur Typen,
die mit mir an der Bar rumhängen - alles waschechte Kalifornier,
die surfen gehen. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht,
was ein inspirierender Ort sein könnte. Bevor ich hierher
zog, lebte ich in Woodland Hills in Los Angeles und davor
in einer »White Trash«-Bastion, einem kleinen Ort, an dem
sich vor allem Motorrad-Gangs wohl fühlten. Das könnte man
schon als anregendes Umfeld beschreiben. Aber ich ziehe meine
Inspiration aus meinem eigenen Gehirn und kümmere mich nicht
um die anderen. Tatsache ist, dass ich meine Nachbarn gar
nicht kenne. Ich kann Ihnen nicht mal sagen, wer da gerade
im Garten nebenan mit der Motorsäge herumknattert, während
wir sprechen.
Frankfurter Rundschau: Erklären Sie doch mal, warum
sich ein erfolgsverwöhnter Autor wie Sie in Romanen wie América und Kurzgeschichten wie Filthy With Things über den
Amerikanischen Traum mokiert, von dem Sie selbst so sehr profitiert
haben.
T.C. Boyle: Der Amerikanische Traum oder das, was man
dafür hält, löst bei mir oft Bauchschmerzen aus. Wenn ich
daran denke, fühle ich mich sehr unwohl in meiner Rolle als
Amerikaner. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, jetzt sitze
ich hier - reich, in einer superreichen Nachbarschaft. Aber
anders als Leute, die immer im Geld schwammen und ganz selbstverständlich
die Harvard-Universität besuchten, hatte ich stets ein Interesse
für die untere Klasse, wie man in meinen Büchern nachlesen
kann. Ich weiß sehr gut, wie es da ist. Ich stehe dem Amerikanischen
Traum sehr skeptisch gegenüber. Aber was nützt das Über-Intellektualisieren,
wenn wir tatsächlich doch keine Alternative zu diesem einen,
kapitalistischen System haben. Ich bin ein Produkt meiner
Gesellschaft. Als Kind habe ich alle TV-Shows mit diesen perfekten
amerikanischen Familien gesehen. Nachdem meine Eltern am Alkohol
zugrunde gegangen waren, fragte ich mich, was denn nur bei
mir und meiner Familie falsch gelaufen war? Ich bin mir also
der Schwächen des Amerikanischen Traums sehr wohl bewusst.
Ich kann ihn kritisieren und bin dennoch abhängig davon und
ein Teil dieser Kultur. Sicher, ich hätte all meinen Besitz
den Obdachlosen in Santa Barbara geben und, als sie noch lebte,
mit Mutter Teresa zusammenziehen können. So weit möchte ich
dann doch nicht gehen. Da bin ich lieber ein komfortabler
Kritiker der Gesellschaft.
Frankfurter Rundschau: In Ihrem neuen Roman Riven
Rock spotten Sie nicht nur, Sie schreiben über eine ungewöhnliche
Ehe - über eine Frau, die ihrem geistesgestörten und krankhaft
sexbesessenen Mann ein halbes Jahrhundert lang treu bleibt.
Hat sich der Ex-Freak Boyle auf wertkonservative Traditionen
besonnen?
T.C. Boyle: Das geht mir zu weit. In dem Buch befasse
ich mich vor allem mit der Sexualität und den Fragen, wie
man sie beherrscht, wie wichtig Treue ist und ob der ewige
Krieg zwischen Mann und Frau befriedbar ist. Man darf nicht
vergessen, dass die Ehe von Katherine und ihrem Mann Stanley
die furchtbarste ist, die man sich vorstellen kann. In Katherines
Fall war die bedingungslose Treue zu ihrem Mann nicht gerade
gut für sie. Sie erlebte nie sexuelle Erfüllung. Andererseits
muss man sie dafür bewundern, dass sie ihn dennoch liebte
und hoffte, er würde geheilt werden. Und dieser Aspekt hat
mich gereizt.
Frankfurter Rundschau: Ist die Ehe mit dem Gelöbnis,
Treue bis dass der Tod euch scheidet, heute nicht eine veraltete,
bourgeoise Institution?
T.C. Boyle: Ich habe ein paar enge Freunde, die ich fast
mein ganzes Leben lang hatte - meine Frau gehört dazu. Wir
leben in so einer verrückten, unsicheren Welt, da brauche
ich jemanden, auf den ich mich verlassen, dem ich vertrauen
kann. Eine langjährige Beziehung gehört für mich dazu. Ich
will niemanden missionieren. Die Ehe funktioniert für mich.
Ich brauche diese Stabilität, um meine Arbeit machen zu können.
Ich bin immer nur Millimeter vom Abgrund entfernt. Wohin das
führen kann, habe ich bei meinen Eltern gesehen, die sich
in den Tod getrunken haben.
Frankfurter Rundschau: Sind heute jene, die heiraten,
die Rebellen, weil es nicht mehr zeitgemäß erscheint?
T.C. Boyle: Irgendwie schon. In unserer Konsumgesellschaft
sind solche Werte nicht mehr gefragt. Alles wird nur noch
darauf reduziert, Produkte zu verkaufen. Der Sex, die Beziehungen
zu anderen Menschen sind käuflich - all unser Handeln ist
nur noch auf sofortige Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet.
Das gilt für alle Lebensbereiche. Du hast eine Kreditkarte.
Prima. Was du willst, holst du dir sofort. Du wartest nicht
oder arbeitest darauf hin, du bildest dich auch nicht mehr.
Das ist auch der Grund, weshalb ein Film wie Pretty Woman
so einen Erfolg hatte. Die Botschaft für die Frauen war folgende:
Ihr müsst nicht gebildet sein oder einen Job haben - es reicht,
wenn ihr Huren seid und darauf wartet, dass ein reicher Typ
sich euch angelt. Der macht euch dann glücklich - mit materiellen
Dingen.
Frankfurter Rundschau: Wie schaffen Sie es denn, sich
da auszuklinken?
T.C. Boyle: Ich arbeite - das füllt mich aus. Ich definiere
mich über das, was ich mache und nicht über Produkte. Ich
denke, die Tiefenpsychologen haben recht, wenn sie sagen,
dass uns die Menge von Produkten und das Verlangen nach ihnen
irgendwann killen werden. Andererseits sind genau das die
Dinge, die unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft antreiben.
Das wird immer so weitergehen, bis irgendwann der Ofen aus
ist. Ein Beispiel: Die Zahl der Neubauten wird als Indikator
für die boomende US-amerikanische Wirtschaft gewertet. Wenn
wir irgendwann die ganze Welt mit neuen Häusern zugebaut haben
- was dann? Dann haben wir ein globales Tokio, eine Stadt,
in der sie ständig neue Häuser hochziehen und fünf Jahre später
wieder abreißen, damit sie wieder etwas Neues bauen können.
Ist das gut für uns? Erfüllt es uns, wenn wir ein neues Auto
oder eine neue Waschmaschine kaufen? Ich pfeife darauf. Mir
war das stets egal. Meine Frau dagegen kauft alles, um sicherzustellen,
dass ich von allem viel habe. Aber, wenn ich mir vorstelle,
dass die menschliche Rasse und alles, was sie erschaffen hat,
bald sowieso tot sein wird, frage ich mich nach dem Wert einer
Buchhandlung oder einer CD-Sammlung. Es gibt sechs Milliarden
von uns - bis zum Jahr 2050 soll sich die Erdbevölkerung sogar
noch verdoppeln, ein Desaster. Das Wetter haben wir schon
verändert, es gibt immer mehr medikamentenresistente Krankheiten.
Es ist offensichtlich, dass unsere Spezies auf einen gewaltigen
Untergang zusteuert.
Frankfurter Rundschau: Was sagen Ihre drei Kinder zu
den Armageddon-Visionen ihres Vaters?
T.C. Boyle: Die sind alle manisch-depressiv, weil sie
sich meine zynischen Kommentare ständig anhören müssen. Nein,
jetzt im Ernst. Haben Sie den Vogel gesehen, der gerade über
unseren Kopf flog? Der hat wahrscheinlich auch drei Kinder.
Irgendwann waren sie einfach da. Bei mir war es auch nicht
anders. Ich habe nicht meine Frau zur Seite genommen und gesagt:
»Hey Honey, lass uns ein paar Kinder haben.« Es war eher so,
dass sie irgendwann sagte: »Halt mal den Wagen, ich muss mich
übergeben.« So war das immer. Ich habe die »Mutter der Erde«
geheiratet. Wir haben heute sechs Milliarden Menschen auf
der Welt, weil wir Fortpflanzung nicht planen. Die einzige
Hoffnung ist, dass wir irgendwann aussterben. Aber es gibt
Lichtblicke: Die Zahl der unfruchtbaren Männer soll rapide
zugenommen haben.
Frankfurter Rundschau: Immerhin sind die Frauen in
Ihrem Roman eher fähig, Lust und Versuchung zu kontrollieren,
während die männlichen Verhaltensmuster denen der Affen nicht
unähnlich sind. Sind die Frauen die bessere Hälfte der Menschheit?
T.C. Boyle: Nein, das sind sie nicht. Aber sie haben
die Kontrolle, soviel ist sicher. Die Männer sind sehr primitiv
- naja, zumindest in einem Buch wie Riven Rock.
Frankfurter Rundschau: Nur im Buch?
T.C. Boyle: Wenn Sie so wollen, können Sie das als zentrales
Statement von Riven Rock so stehen lassen. Die Männer
treiben es in dem Buch ja wortwörtlich wie die Affen, aber
das ist nur eine zugespitzte Darstellung ihrer Triebhaftigkeit.
Frankfurter Rundschau: Hillary Clinton war kürzlich auf
dem Titel von Psychology Today. Thema war - natürlich - das
Verhalten ihres Ehemannes, des mutmaßlichen sexual animal,
und ihre tolerante Reaktion darauf. Würde sie sich für eine
aktualisierte Version Ihres neuen Romans anbieten?
T.C. Boyle: Nein. Hillary ähnelt eher der Lady Macbeth
als meiner Romanfigur Katherine. Die Clintons sind ein Macht-Paar.
Die First Lady versucht, ihren Ehemann bei allem, was er macht,
zu decken - was man wohl mit ihrer Lust nach Macht erklären
kann. Die Clintons haben einen Pakt geschlossen. Was soll's,
nicht jeder muss monogam sein. Und überhaupt, das interessiert
doch niemanden mehr.
Frankfurter Rundschau: Offenbar doch. Der Stand der
neuesten Ermittlungen wegen der mutmaßlichen Affären des Präsidenten
brachte Bill Clinton erst jüngst wieder mehr Medienaufmerksamkeit
als seine Chinareise.
T.C. Boyle: Aber das wachsende Wirrwarr über all die
neuen vermeintlichen Enthüllungen ist doch zum Gähnen langweilig.
Zugegeben nicht so langweilig wie Clintons Chinabesuch, aber
immer noch öde. Es war schon sehr kurios, dass ich kürzlich
in mehreren US-Talkshows über den Penis des Präsidenten reden
sollte. Da hatte ich anderthalb Jahre an einem neuen Buch
gearbeitet, und dann fällt dem Talkmaster nichts Besseres
ein, als mich über den Penis des Präsidenten zu befragen.
Frankfurter Rundschau: Und, ist Ihnen dazu etwas eingefallen?
T.C. Boyle: Aber sicher doch. Ich habe natürlich darüber
geredet - schließlich geht es ja auch in meinem Buch um unterdrückte
und zügellose Sexualität. Ich bin ja froh, dass Clinton einen
Penis hat - bei seinen beiden Vorgängern bin ich mir da nicht
so sicher. Aber viele dieser Talkshows sind lächerlich, eine
Art Ersatzbefriedigung: Es wird ständig über Sex geredet,
während ihn immer weniger Leute haben.
Frankfurter Rundschau: Was Sie nicht davon abhält,
in solchen Talkshows mitzuplappern.
T.C. Boyle: Natürlich nicht, ich will schließlich meine
Bücher verkaufen.
Frankfurter Rundschau: Abgesehen davon, dass Sie in
den TV-Shows zu den Genitalien des Präsidenten befragt werden
- welche Rolle, glauben Sie, hat ein Schriftsteller in der
Mediengesellschaft von heute?
T.C. Boyle: Das will ich Ihnen sagen: In den USA haben
Schriftsteller gar keine Bedeutung mehr. Denn die Amerikaner
können oder wollen nicht lesen. Schriftsteller sind in diesem
Land irrelevant. Der Typ mit der Motorsäge im Nachbargarten
ist für die US-Gesellschaft vermutlich relevanter. Er tut
wenigstens etwas.
Frankfurter Rundschau: Fühlen Sie sich von den Europäern
besser verstanden?
T.C. Boyle: In Europa gibt es prozentual mehr Intellektuelle
als in den USA. Aber es ist ein weltweites Phänomen, dass
immer weniger gelesen wird. Wir leben in einer phonetischen
und visuellen Gesellschaft - die Menschen haben keine Zeit
mehr zum Nachdenken. Und um zu lesen, musst du ein bißchen
was von der Nachdenklichkeit des Autors haben, denn du musst
seine Worte in deine eigene Welt übersetzen. Heute wächst
kein Kind in den USA mehr mit Büchern auf.
Frankfurter Rundschau: Lesen Ihre Kinder Bücher von
T.C. Boyle?
T.C. Boyle: Meinen Söhnen habe ich einige Geschichten
vorgelesen, die auf ihrem Niveau sind. The Champ beispielsweise,
eine Kurzgeschichte über Boxer. Meine Tochter hat einige meiner
Bücher gelesen. Sie ist überzeugte Feministin und nicht gerade
überglücklich damit, wie ich Frauen in vielen meiner Bücher
beschreibe. So gesehen war ich überrascht, dass einige der
englischen Rezensenten Riven Rock als feministischen
Roman gelobt haben. So kann man ihn natürlich auch interpretieren,
aber diese Beurteilung ist mir zu oberflächlich.
Frankfurter Rundschau: Sie haben mal gesagt, Sie wollen
den Lesern auf die Füße treten, Ihre Bücher sollten ihnen
ein schlechtes Gefühl bereiten. Würden Sie sich als Autor
mit politischen Sendungsbewusstsein bezeichnen?
T.C. Boyle: Ich schreibe nicht per se politische Romane.
Bücher, die nur deshalb geschrieben werden, um eine politische
Überzeugung zu transportieren, sind nicht so gut. Das ist
keine Kunst. Mich interessieren die ästhetischen Aspekte,
ich schreibe, um etwas zu entdecken, und wenn ich beginne,
weiß ich nicht, wo das hinführen wird. Politische Romane wollen
den Leser von einem Standpunkt überzeugen. Ich aber möchte
die Leser in eine Welt einführen, in der sie sich ihre eigene
Meinung bilden sollen. Bei América wusste ich nicht,
was genau mein Standpunkt zu dem Thema der illegalen Einwanderung
war, bis ich das Buch fertiggestellt hatte. Jetzt arbeite
ich an einem neuen Roman über die Umweltschutzbewegung. Obwohl
ich weiß, wie ich dazu stehe, kann ich Ihnen nicht sagen,
wie das Szenario aussehen wird. Viele der Umweltsauereien
deprimieren mich, aber ich weiß nicht, ob es deshalb ein depressives
oder provokatives Buch werden wird.
Frankfurter Rundschau: Würde es Sie aufmuntern, wenn
Öko-Experte Al Gore nach Bill Clinton ins Weiße Haus einzieht?
T.C. Boyle: Dann hätten wir immerhin den ersten grünen
Präsidenten der USA. Aber die Ökologie ist ein ödes Thema
- und Al Gore macht es leider noch öder. Alles, was mit Umweltschutz
zusammenhängt, wird von den Leuten als extrem langweilig empfunden.
Die wollen wissen, wo es Drogen gibt, wieviel die Drinks kosten,
und was es abends zum Essen gibt. Aber ich habe genug Selbstvertrauen,
dass ich das Thema so beschreiben werde, dass es die Leute
erschreckt, aufrüttelt und so zum Lachen bringt, dass sie
in die Hosen machen. Ich weiß nicht, ob Al Gore das mit einer
seiner Reden gelingen wird.
Frankfurter Rundschau: Sie könnten ja etwas nachhelfen,
Ihr deutscher Kollege Günter Grass hat sich kürzlich erbarmt
und die SPD ein bißchen im Wahlkampf unterstützt. Können Sie
es sich vorstellen, für Al Gore zu lesen?
T.C. Boyle: Ich stehe Parteien sehr skeptisch gegenüber,
ich wollte nie ein Teil von ihnen sein oder von ihnen gesagt
bekommen, was ich zu tun hätte. Ich drücke meine Meinung lieber
in meinen Büchern aus.
Frankfurter Rundschau: Grass ist von Mitgliedern der
Bundesregierung beschimpft worden, weil er die deutsche Asylpolitik
kritisiert hat. Sie haben mit der Darstellung der US-Einwanderungspolitik
in Ihrem letzten Roman América ebenfalls eine Debatte
entfacht. Steht es um den Einfluss der Schriftsteller in den
USA doch nicht so schlimm, wie Sie es vorhin beschrieben haben?
T.C. Boyle: Es stimmt schon, ich musste viel Kritik wegstecken.
Die Rechten mochten mich nicht, weil sie dachten, ich würde
für eine sanftere Einwanderungspolitik plädieren. Die Liberalen
mochten mich auch nicht, weil ich sie in dem Roman als nette
Rassisten von nebenan darstellte. Und die Fraktion der politisch
Korrekten hasste mich, weil ich Teile des Buches aus der Sicht
eines Mexikaners geschrieben hatte, was ihrer Ansicht nach
nicht in Ordnung war, da ich ja Amerikaner bin. Das war so
ziemlich die absurdeste Kritik. Aber kein Schriftsteller in
den USA hätte hier einen vergleichbaren Aufruhr hervorrufen
können wie Günter Grass in Deutschland. Der Eklat zu América war nur ein kleines Beben, eine Ausnahme. Weil in den USA
keiner mehr Bücher liest, wäre es auch allen egal, wenn ein
Updike die Regierung kritisierte. Das würde nicht mal in den
Zeitungen gedruckt. Ich bin darüber sehr unglücklich, aber
so ist es hierzulande nun mal. Hierzulande ist es wichtiger,
was der Star einer TV-Seifenoper oder der Bassist einer drittklassigen
Rockband zu sagen hat. Die Meinung der Schriftsteller ist
nicht wichtig, weil die meisten Leute keinen Zugang zu ihnen
haben. Die Amerikaner verstehen Literatur nicht mehr.
Frankfurter Rundschau: Nun bemühen Sie sich ja, dieser
Ignoranz Ihrer Landsleute entgegenzuwirken - als Dozent für
»creative writing« an der University Of Southern California.
Was erzählen Sie Ihren Studenten?
T.C. Boyle: Diese Schreibwerkstätten sind großartig -
niemand kauft Bücher, der Planet stirbt, es gibt keinen Gott,
aber es gibt Kurse, die zu kreativem Schreiben ermuntern.
Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache - aber es ist
gut. Es geht nicht darum, dass meine Studenten alle Schriftsteller
werden. Einige arbeiten als Drehbuchautoren, andere als Journalisten,
wieder andere landen auf der Straße und wühlen in Mülltonnen
- aber sie kennen sich immerhin mit Literatur aus. Du kannst
sie nicht lehren, Talent zu haben, wenn keines da ist. Aber
sie wären erstaunt, wie viele von ihnen eine große Begabung
für Literatur haben. Das zu fördern macht mir großen Spaß.
Frankfurter Rundschau: Bringt diese Idee des »creative
writing« nicht eine formatierte Literaturszene hervor, Schriftsteller,
die nach Schema schreiben?
T.C. Boyle: Der übliche Vorwurf. Aber in der Realität
hat sich das nie bewahrheitet. Die einzige Gefahr sind Schriftsteller,
die so von sich selbst eingenommen sind, dass sie den Studenten
nichts anderes als ihren Stil aufzwingen. Mir geht es darum,
die Studenten zu ermutigen, ihren eigenen Stil zu entwickeln,
ich bin nur der Trainer.
Frankfurter Rundschau: Jetzt dürfen Sie auch bei uns
ein bißchen trainieren. Verraten Sie uns doch bitte, was um
alles in der Welt Sie zu Sätzen wie diesen inspiriert hat:
»Mexikanisches Bier schmeckt, als hätte man's durch den Schritt
von irgendwem seiner langen Unterhose gefiltert.«
T.C. Boyle: Weiß ich auch nicht. Das sagt eine meiner
Romanfiguren in Riven Rock, ein irischstämmiger Amerikaner,
der Mexikaner nicht mag, wie man dem Tonfall unschwer entnehmen
kann. Und in der Zeit, in der das Buch spielt, trug man eben
lange Unterhosen. Hinzuzufügen wäre da noch, dass die Leute
zu jener Zeit weder sich noch ihre Unterwäsche oft gewaschen
haben - denn warmes Wasser war damals nicht überall verfügbar.
Aber wenn es sie beruhigt: Ich persönlich mag mexikanisches
Bier.
Frankfurter Rundschau: Mister Boyle, zum Abschluss
ein Test für den kreativen Schreiber. Beenden Sie für uns
doch mal den folgenden Satz: »Nach zwei Stunden Interview
mit der FR ...
T.C. Boyle: ... hoffe ich, dass ich noch ein paar gute
Einfälle in meinem Kopf habe, bevor ich sterbe - etwas später
heute abend.«
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