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Ox: Ich muss sagen, du siehst sehr jung aus für einen
Sechzigjährigen.
T.C. Boyle: Was?!?
Ox: Ja, in einem deiner rororo-Taschenbücher steht,
dass du 1938 geboren wurdest - richtig ist aber wohl 1948.
T.C. Boyle: Oh ja, das habe ich auch gesehen! Ja, das
ist doch gut! So kann ich die Leute mit meinem jugendlichen
Aussehen überraschen. Oder ich krieche bei meiner nächsten
Lesung mit einem Krückstock auf die Bühne. Das bringt mich
darauf, dass ich seit Jahren die Idee mit mir herumtrage,
mal eine Wodkaflasche mit auf die Bühne zu nehmen, bei der
ich das Steuersiegel - in den USA müssen Schnapsflaschen über
den Drehverschluss ein Steuersiegel tragen - wieder angeklebt
habe, sodass jeder denkt, das sei eine noch ungeöffnete Flasche.
Nur ist meine Flasche natürlich mit Wasser gefüllt. Und so
würde ich mich in aller Seelenruhe auf die Bühne stellen,
die Flasche leeren, kein Wort darüber verlieren und ganz normal
lesen.
Ox: Alkohol - ein gutes Stichwort: in fast allen Artikeln
über dich bzw. in fast allen Rezensionen deiner Bücher werden
als zentraler Teil deiner Biografie immer wieder Alkohol und
Drogen genannt.
T.C. Boyle: Wirklich? Oh, das überrascht mich jetzt aber
...
Ox: Soso ... stellt dich das nun falsch dar oder stimmt
es?
T.C. Boyle: Nun, es gibt mein Image korrekt wieder, allerdings
mein altes Image. Heute ist mein Image das eines hart arbeitenden
Schriftstellers, der versucht vor seinem Tod soviel zu schreiben
wie möglich ...
Ox: ... anstatt seine Zeit damit zu verschwenden, sich
selbst zu zerstören.
T.C. Boyle: Richtig. Ich bin in den letzten Jahren immer
schneller geworden. Für Riven Rock habe ich vierzehn
Monate gebraucht, während ich für Wassermusik und World's
End noch jeweils drei Jahre gebraucht habe. Wenn ich mich
also weiterhin so steigere, werde ich mit 70 in der Lage sein,
jede Woche ein neues Buch zu schreiben.
Ox: Oh mein Gott! Wäre das wünschenswert?
T.C. Boyle: Nein - weder für mich, noch für dich, noch
für sonst irgendwen.
Ox: Ich denke, es gehört auch irgendwie dazu, dass
man auf das neue Buch seines Lieblingsschriftstellers warten
muss.
T.C. Boyle: Ja, ich denke auch, und andererseits gibt
es ja auch noch meine Kurzgeschichten, was mich in den USA
von den meisten meiner Kollegen unterscheidet. Wenn ich also
vom Schreiben eines Buches erschöpft bin, fange ich nicht
gleich das nächste an, sondern mache erstmal mit einer Kurzgeschichte
weiter. 1989 zum Beispiel hatte ich gerade East is East
- deutsch Der Samurai von Savannah - beendet, ganz
allein oben in meinem Haus in den Wäldern. Ich war froh fertig
zu sein, zufrieden mit mir, aber auch aufgeregt. Und am Tag,
nachdem ich das Manuskript an meinen Verleger geschickt hatte,
kam ich mir vor wie als Kind - dieses Gefühl, dass die Tage
endlos dauern, weil man nichts zu tun hat: ich stand auf,
frühstückte, las ein Buch, ging spazieren, ging in die Bar
was trinken, kam nach Hause - und am nächsten Tag war mir
schon wieder so langweilig, dass ich mich hinsetzte und eine
Kurzgeschichte schrieb. Tja, dieses Hochgefühl nach dem Schreiben
eines Buches hält eben nicht lange an.
Ox: Um auf deine Biographie zurückzukommen: Abgesehen
davon, dass du als Ex-Kiffer bezeichnet wirst, ist auch ständig
die Rede vom Ex-Musiker. Welche Rolle spielt bzw. spielte
Musik in deinem Leben?
T.C. Boyle: Zum einen eine ganz grundlegende: Ich habe
noch nie etwas geschrieben, ohne dabei Musik zu hören. Du
brauchst einfach den Rhythmus für deine Schreibe, denn das,
was du schreibst, muss Rhythmus haben. Ich höre klassische
Musik und manchmal auch Jazz. Die Musik darf nicht ablenken,
sondern soll einen gewissen Grundrhythmus liefern. Zum anderen
wollte ich früher Musiker werden. Ich spielte in einer ganzen
Reihe von Bands Saxophon oder Schlagzeug, und in der letzten
Band, die ich hatte, war ich der Sänger, und ich glaube, darin
bin ich auch am besten. Da das Leben für mich in den letzten
Jahren aber immer komplizierter geworden ist, finde ich keine
Zeit mehr für die Musik. Ich bin nämlich ein Fanatiker, ich
mache keine halben Sachen und will das, was ich mache, so
perfekt wie möglich machen. Ich musste mich also zwischen
der Musik und dem Schreiben entscheiden, schon aus Fairness
gegenüber meinen Mitmusikern, die ja ihren ganzen Ehrgeiz
in die Band legten. Naja, und so klappte das mit der Band
noch ganz gut, so lange mein Leben nicht so kompliziert war
wie heute: Ich hatte erst ein oder zwei Bücher geschrieben,
musste nicht viel rumreisen, kaum jemand kannte mich oder
interessierte sich für meine Bücher. Heute geht neben dem
Schreiben der größte Teil meiner Zeit für das Reisen drauf:
Dieses Jahr zum Beispiel kam im Februar in den USA Riven
Rock raus, also musste ich auf Lesetour gehen, dann fuhr
ich im Juni nach Großbritannien, um dort zu lesen, jetzt
bin ich hier, und am 1. November erscheint in den USA ein
dicker Sammelband mit meinen Kurzgeschichten. Und im Januar
'99 kommt auch schon die Taschenbuchausgabe von Riven Rock,
sodass ich wieder unterwegs sein werde ... Ach ja, und dann
ist da auch noch das neue Buch, das ich irgendwann mal fertigschreiben
muss.
Ox: Das klingt alles nicht viel anders als das, was
ein Rockmusiker so zu absolvieren hat: der ist auch ständig
auf Tour, entweder mit der Band oder um Interviews für die
neue Platte zu geben.
T.C. Boyle: Ja, absolut - nur dass ich nicht weiß, wie
diese ganzen Musiker das lebend überstehen. Ich meine, die
sind die Hälfte des Jahres unterwegs, und das würde mich umbringen.
Mein Standpunkt ist, dass wenn man einen normalen, gesunden
Mann oder auch eine normale, gesunde Frau einen Monat lang
in ein - durchaus schönes - Hotelzimmer steckt, ist er oder
sie nach diesen vier Wochen tot. Dieser Lebensstil bringt
dich einfach um, kein Scheiß! Diese Tour in Deutschland zum
Beispiel läuft für mich total gut, in Berlin etwa hatten wir
im Tränenpalast 500 Leute. Aber: je mehr Leute zu den Lesungen
kommen, desto länger sitze ich nach der Lesung dran, um Bücher
zu signieren. Das läuft nämlich so: Erst lese ich eine Stunde
lang, dann beantworte ich zwanzig Minuten lang Fragen, und
dann sitze ich anderthalb Stunden da und signiere Bücher.
Dann ist es halbzwölf, ich bin in Schweiß gebadet, wir
gehen noch irgendwo was essen, um zwei komme ich ins Hotel
zurück, doch um acht spätestens muss ich wieder raus, um in
die nächste Stadt zu fahren. Und so geht das jeden Tag. Ich
meine, mir machen diese Lesereisen natürlich Spaß, aber sie
sind eben sehr anstrengend.
Ox: Bleiben wir bei der Musik: In ein paar Artikeln
wirst du auch als »Ex-Punk« bezeichnet. Wie ist das zu verstehen
- im Sinne von »Punk« als »Halbstarker« oder im Sinne von
»Punkrocker«?
T.C. Boyle: Sowohl als auch!
Ox: Genauer bitte - ich meine, das Interview ist für
ein Punk-Fanzine, also wollen wir auch was über die Punk-Vergangenheit
von T.C. Boyle wissen.
T.C. Boyle: O.k., o.k. ... Ich war ein Punk im ursprünglichen
Sinne, aber auch was die Musik anbelangt. Ich war auch ein
Hippie, mochte Hippiemusik und Hippiemode, aber ich war jung
genug, um an Punk Gefallen zu finden, als es damit richtig
losging: Ich schnitt mir die Haare, legte mir andere Klamotten
zu und fing an THE CLASH zu hören. Ich machte also damals,
Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, in Los Angeles beide
Äras mit.
Ox: Und, welche Konzerte von damals hast du in guter
Erinnerung?
T.C. Boyle: Natürlich die von den GERMS! Au Mann, die
legendären GERMS. Und natürlich noch zig andere. Meine damalige
Band hieß The Ventilators, und auch wenn wir Rhythm & Blues
spielten, so waren wir doch ziemlich von Punk beeinflusst.
Unser Drummer war echt ein Verrückter, der kloppte wie ein
Blöder, sodass wir klassische Rhythm & Blues-Songs in dreifacher
Geschwindigkeit spielten. Das war echt verrückt.
Ox: Und, habt ihr irgendwas veröffentlicht?
T.C. Boyle: Nein, soweit kamen wir nie, aber ich habe
zuhause noch ein Tape, das wir mal beim Proben haben mitlaufen
lassen. Ich finde es großartig, aber damit stehe ich wohl
ziemlich alleine da.
Ox: Vielleicht solltest du diese Aufnahme doch noch
irgendwann veröffentlichen.
T.C. Boyle: Na, ich weiß nicht - aber die Gefahr besteht
durchaus! In New York hat mich vor einer Weile nach einer
Lesung eine Frau angesprochen, die für das Plattenlabel Reprise
arbeitet. Sie steckte mir mit einem verschmitzten Lächeln
ihre Visitenkarte zu und sagte nur »Jederzeit...«. Aber keine
Chance, darauf kann ich verzichten. (lacht)
Ox: Nach deiner Beschreibung wären The Ventilators heute durchaus zeitgemäß, denn angesichts von glattem MTV-»Alternative«-Rock
wollen viele Leute wohl einfach »echte« Musik.
T.C. Boyle: Hm, stimmt schon. Dieses ganze Grunge-Ding
ist mittlerweile völlig am Ende, und ich bestreite nicht mal,
dass ein paar dieser Leute recht talentiert waren, aber mehr
als einen guten Song oder eine gute Platte hatten die meistens
nicht, und das reicht halt nicht. Äh, irgendwie bringt mich
das jetzt auf das Thema Film: Ich habe damit zwar direkt nichts
zu tun, aber in absehbarer Zeit wird es wohl eine Verfilmung
von meinem Buch Grün ist die Hoffnung geben. Columbia
Pictures hat sich die Filmrechte gesichert, hat einen Regisseur
gefunden und auch Drehbuchschreiber. Das sind die Leute, die
das Drehbuch zu Große Point Blank geschrieben haben,
und als Regisseur ist der Typ vorgesehen, der Full Monty
gemacht hat. Vielleicht machen sie aus meinem Buch also einen
witzigen Film, ich hoffe es, aber ich selbst habe damit nichts
zu tun.
Ox: Hast du denn diesbezüglich keine Ambitionen?
T.C. Boyle: Eigentlich nicht, das heißt, demnächst werde
ich wahrscheinlich meine eigene TV-Show auf HBO bekommen.
Ich muss allerdings so gut wie gar nichts selber machen, denn
die Schreiber suchen andere für mich aus, auch die Regisseure,
und es soll so aussehen, dass ich eine kurze Ansage mache
zu halbstündigen Verfilmungen von einigen meiner Kurzgeschichten:
»Guten Abend, meine Damen und Herren, blablabla ...« Ich freue
mich darauf, denn so könnte ich auf einen Schlag viel, viel
mehr Leute erreichen und müsste nicht mehr so viel auf Tour
gehen. Bisher ist das aber erst im Planungsstadium, eine Entscheidung
fällt im Frühjahr.
Ox: Literaturverfilmungen sind immer eine heikle Sache,
denn wer das Buch gelesen hat, hat im Kopf bereits seinen
eigenen »Film« gedreht. Warst du also mit Willkommen in
Wellville zufrieden?
T.C. Boyle: Ja! Ich kann Alan Parker sehr gut leiden,
sowohl als Regisseur wie als Freund. Ich finde, er hat aus
meinem Buch einen tollen Film gemacht - auch wenn die meisten
Kritiker nicht dieser Meinung waren. (lacht) Die beklagten,
dass er das Buch nur oberflächlich umgesetzt habe, mit zu
vielen Slapstick-Szenen. Aber ich denke, man muss einfach
sehen, dass es sich um ein ganz anderes Medium handelt: Ich
hatte 500 Seiten Platz um zu machen, was ich wollte. Alan
dagegen hatte nur knapp zwei Stunden, wobei ich auch noch
den Verdacht hege, dass die Columbia-Bosse ihn zwangen den
Film zu kürzen, weil er ja richtig groß in die Kinos
kam. Aber trotzdem, den Umständen entsprechend hat Alan doch
was aus dem Stoff gemacht, der Humor ist wild und dem Buch
enstprechend, wobei man auch sehen muss, dass der Humor nicht
gerade amerikanisch ist. Die Amerikaner sind da doch Konservativeres
gewohnt, diesen typische TV-Serien-Humor halt. Alans Film
dagegen hatte mehr was von einem Fellini-Film, er war wundervoll
grotesk, mit Schleim und Scheiße und Furzwitzen - Mann, ich
finde das klasse!
Ox: Wie arbeitest du? Hast du jeden Tag deine festen
Schreibzeiten?
T.C. Boyle: Ja. Ich stehe morgens auf, setze mich hin
und schreibe und arbeite meist bis am frühen Nachmittag, eben
bis mein Hirn mich im Stich lässt. Und am nächsten Tag mache
ich dann weiter.
Ox: Und was ist mit Schreibhemmungen? Passiert es dir
mal, dass du dasitzt und dir einfach nichts mehr einfällt?
T.C. Boyle: Natürlich, das kommt vor. Dann stehe ich
auf und widme mich dem Toilettenputzen, wische den Küchenfußboden,
streiche irgendwas am Haus, bringe ein paar Ratten um - bis
ich mich besser fühle und weiterschreiben kann.
Ox: Eigentlich haben alle deine Bücher einen historischen
Background. Und ich denke mal, dass man dieses historische
Faktenwissen nicht so eben aus dem Ärmel schüttelt, sondern
dafür einiges an Forschung leisten muss.
T.C. Boyle: In der Tat. Und dieses Forschen beschränkt
sich nicht nur auf meine historischen Bücher, sondern ist
auch bei denen notwendig, die in der Gegenwart spielen. Mein
neues Buch etwa, das Ein Freund der Erde heißen
wird, beschäftigt sich mit der Geschichte der Umweltbewegung
von 1950 bis 2025 - ich werde die Geschichte also in die Zukunft
projezieren. Meine Frau hasst das Buch jetzt schon, denn wenn
ich mich so konzentriert mit der Umweltthematik auseinandersetze,
bin ich immer sehr deprimiert. Jedenfalls bin ich in Vorbereitung
des Buches schon eine ganze Weile damit zugange gewesen, mich
mit der Umweltbewegung zu beschäftigen, mit Biologie-Fachbüchern
und so weiter. Und während dieser Vorbereitungsphase entwickelt
sich dann die konkrete Idee für das Buch, ich fange an zu
schreiben, und im Augenblick habe ich schon ungefähr 60 Seiten
geschafft. Wie es scheint, wird es die Geschichte eines Umweltsaboteurs
sein, der in den Achtzigern und Neunzigern aktiv war und sich
jetzt, 2025, an damals zurückerinnert. Das Prägendste an dem
Buch wird das Wetter im Jahre 2025 sein, denn es ist sehr,
sehr schlecht. Ich meine, ich will nicht und werde nicht ein
weiteres apokalyptisches Buch schreiben, das macht ja jeder.
Nein, das Buch wird eher eine Komödie sein, nur ist das Wetter
eben sehr schlecht, aufgrund der Erderwärmung: ständig weht
ein fieser Wind, alles ist voller Scheiße, alles tropft und
ist feucht - so stelle ich mir die Zukunft vor, und um das
beschreiben zu können, muss man natürlich erstmal recherchieren.
Mit meinen historischen Büchern lief das genauso: Erst war
das Thema da, dann habe ich viel dazu gelesen. Bei América
bzw. The Tortilla Curtain habe ich mich in Tijuana
mit Mexikanern unterhalten, die versucht haben die Grenze
zu überqueren, war mit ihnen nachts an der Grenze, aber das
war auch schon alles an journalistischer Arbeit. Ich bin eben
kein Journalist, ich erfinde lieber Sachen. Und so lese ich
solange Bücher, bis in meinem Kopf eine Geschichte entsteht,
die ich dann weiterspinne. Andere Schriftsteller begehen den
Fehler, zuviel zu recherchieren, und so lesen und lesen sie
und kommen gar nicht dazu, ihr Buch zu schreiben. Ich dagegen
lese nur soviel wie es braucht, damit meine Gedanken zu sprudeln
beginnen - schließlich kann ich ja »unterwegs« immer
noch anhalten und nochmal was nachlesen. Für kleine Details
habe ich mittlerweile das Internet als große Hilfe entdeckt.
Ich gebe dir mal ein Beispiel: ich habe gerade eine Kurzgeschichte
über den langweiligsten Menschen der Welt geschrieben, und
der redet über die verschiedensten Dinge, etwa über Golf -
oder über Motorsägen. Ich persönlich habe aber keinerlei Ahnung
von Motorsägen, doch mit Hilfe des Internets und einer Suchmaschine
hatte ich mit dem Stichwort »chainsaw« innerhalb einer Minute
eine Masse von Informationen, mit beinahe jedem technischen
Detail. Für solche kleinen Recherchen ist das Internet also
ein sehr nützliches Werkzeug. Apropos, in Kürze habe ich unter
www.tcboyle.com meine eigene Website. Ursprünglich hatte ich
eigentlich nur vor, ein paar ausgewählte Rezensionen meiner
Bücher dort unterzubringen, aber nachdem ich per Suchmaschine
geschaut hatte, was so im WWW über mich zu finden ist - nämlich
nur eine handvoll lausiger Reviews von irgendwelchen Leuten
-, entschloss ich mich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen
und etwa die Besprechungen aus großen Zeitungen wie der New
York Times dort hinzustellen.
Ox: Und das machst du alles selbst?
T.C. Boyle: Äh, nun, ich habe dafür natürlich meine Techniker
- meine beiden Söhne, die von Geburt an mit ihrem Computer
und dem Modem verwachsen sind. Die beiden sind zwölf und fünfzehn.
Ox: Eine Tochter hast du auch noch.
T.C. Boyle: Ja, die ist jetzt neunzehn und gerade auf
dem College. Die kann mit dem Computer aber nicht viel anfangen,
im Gegensatz zu den beiden Jungs. Die haben das Design der
Webpage schon fertig, wir müssen sie nur noch auf den Server
laden. Aber wenn ihr Vater im Zug von Saarbrücken nach Dortmund
sitzt, können sie natürlich nicht daran weiterarbeiten.
Ox: Ein Grundthema deiner Bücher ist, dass du immer
wieder die Geschichte eines Mannes erzählst, der in Situationen
gerät, die ihn auf die verschiedenste Weise überfordern, sodass er zu Handlungen gezwungen wird, die seltsam bis bizarr
erscheinen.
T.C. Boyle: Was du da beschreibst ist doch eigentlich
nur das Leben, wie es wirklich ist: Somebody suddenly fucks
up in a major way or things come crushing down on him
- jemand baut plötzlich große Scheiße oder es bricht einfach
über ihn herein. Ich habe das Gefühl, dass mein Leben von
zufälligen Ereignissen, von Glück und Pech, von Voodoo bestimmt
wird. Und was passiert, was bedeutet es, wenn sich plötzlich
alles gegen dich wendet? Da ich einen Roman schreibe, da es
sich um Fiktion handelt, habe ich die Macht das Schicksal
meiner Charaktere zu bestimmen - und ich will, dass sie leiden.
Doch wer bestimmt im richtigen Leben unser Schicksal? Das
ist das große Geheimnis, und was geheimnisvoll ist, das macht
auch Angst. Bret Easton Ellis, der Autor von American Psycho,
hat über América gesagt, in meinen Büchern gebe es
immer eine kontrollierte Situation, eine kleine Gruppe von
Menschen mit einer Mauer um sie herum, und dann kommt plötzlich
jemand, dringt ein und tritt ein großes Chaos los. Und ja,
Ellis hat recht. Ich denke, der Wunsch Kontrolle auszuüben,
wenn auch nur über einen eng begrenzten Bereich, ist menschlich,
aber dann frage ich mich auch wieder, ob das überhaupt jemals
möglich ist. Wahrscheinlich nicht, und deshalb gibt es ständig
Frustrationen: Alles auf dieser Welt, vom Leben der Bakterien
bis zu dem der Wirbeltiere, ist auf Chaos programmiert. Alles
ist Chaos, sowas wie »Vernunft« gibt es nicht.
Ox: Wie fühlt man sich denn so als »Kult-Autor«? Als
solcher wirst du nämlich immer wieder in Rezensionen bezeichnet.
T.C. Boyle: Hm, ich weiss nicht, ob das wirklich ein
gutes Gefühl ist, denn sowas beschränkt dein Publikum. Ich
war in den USA früher mal ein »Kult-Autor«, aber jetzt verkaufe
ich natürlich viel zu viele Bücher. Zum Mainstream zu gehören
ist andererseits auch nicht erstrebenswert, denn das bedeutet
ja, dass man nichts Aufregendes mehr macht. Ich bin also irgendwas
zwischendrin, wobei man die passende Bezeichnung noch finden
muss. Aber klar, es ist schön ein »Kult-Autor« zu sein, ich
habe bis heute eine große »Kult«-Anhängerschaft in allen
Ländern, nicht nur in den USA. Doch angesichts der Menge von
Büchern, die ich mittlerweile verkauft habe, bin ich aus diesem
Kult-Dingens herausgewachsen, ohne jedoch zum Mainstream zu
gehören. Ich muss mir also was neues ausdenken - wie wär's
mit T.C. Boyle, former cult author, now dominant king of
the literary world?
Ox: Äh ja, doch, das klingt gut. Jetzt weiß ich endlich
auch, was es mit dieser dezenten goldenen Krone auf deinem
Kopf auf sich hat.
T.C. Boyle: ... der große Schriftsteller, dem mit
jedem Buch was neues einfällt. Als ich 20 war, liebte
ich einen bestimmten US-amerikanischen Schriftsteller, der
in Europa lebt und dessen Namen ich jetzt nicht nennen werde,
weil ich über ihn lästern werde. Dieser Schriftsteller war
klasse, witzig, gut, ich kaufte alle seine Bücher, sobald
sie herauskamen. Doch dann, beim fünften oder sechsten Buch,
fiel mir auf, dass jedes Buch eine exakte Kopie des vorhergehenden
war, nur dass die Charaktere andere Namen hatten. Ich habe
die Bücher daraufhin weggeschmissen, denn das hat für mich
nichts mit Kunst zu tun: Man muss sich weiterentwickeln, muss
wachsen, was anderes ausprobieren. Und selbst wenn man daran
scheitert - man muss es zumindest versuchen.
Ox: Wie siehst du die Zukunft des geschriebenen respektive
gedruckten Wortes in Zeiten, da das Fernsehen und das Internet
allgegenwärtig sind?
T.C. Boyle: Als seinerzeit das Telefon eingeführt wurde,
schrieb die amerikanische Presse wütende Kommentare darüber,
dass nun das geschriebene Wort an Bedeutung einbüßen
würde und niemand mehr Briefe schreiben werde. Nun, diese
Kommentatoren hatten zu einem guten Teil recht, aber was ist
heute? Die Leute schreiben sich Unmengen von eMails und telefonieren
weniger. Ich sehe darin nichts Schlechtes, denn immerhin benutzen
die Leute so die Schriftsprache - mit Hilfe einer Tastatur.
Überlege mal, wieviele Leute schrieben vor zehn Jahren mit
Hilfe einer Tastatur? Als Schreiber, als Verfasser von Literatur,
beschäftigt mich ein ganz anderer Aspekt, nämlich der, um
wieviel wichtiger Musik und Filme im Vergleich zu Büchern
genommen werden. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: um ein
Buch zu lesen, braucht es ein gewisses Maß an Intelligenz.
Demgegenüber ist es viel viel simpler eine CD in den CD-Player
einzulegen oder den Fernseher einzuschalten bzw. ein Video
einzulegen. Die Schuld daran trägt unsere moderne verrückte
Kultur: Ständig ist zuviel von allem verfügbar, alles ist
hysterisch und schnell, niemand hat Zeit für irgendwas, schon
gar nicht um sich hinzusetzen, sich zu sammeln und sein Gehirn
in jenen schönen kontemplativen Zustand zu versetzen, den
es braucht, um ein Buch zu lesen. Andererseits sind die Schriftsteller
an dieser Entwicklung auch nicht unschuldig, denn je komplizierter
und experimenteller ihre Bücher in den späten Sechzigern und
frühen Siebzigern wurden, desto mehr entstand der Eindruck,
sie würden nur noch für ihresgleichen sowie für den gebildeten
Teil der Bevölkerung schreiben. Nun, das ist prinzipiell in
Ordnung, aber auch sehr selbstbeschränkend. Große Kunst,
denke ich, sollte für jeden geeignet sein und vor allem auch
unterhalten. Oft genug verliert man den zentralen Aspekt aus
den Augen, dass ein Buch in erster Linie unterhalten sollte.
Ein Buch ist Entertainment, wie eine Fernsehserie oder eine
Platte. Ob es nun schlecht oder brillant ist, das ist eine
andere Frage - es kommt darauf an, dass es unterhält. Und
wir brauchen keine Kritiker, die uns ein Buch erklären. Nun,
ich hoffe, dass meine Bücher diesen Anspruch erfüllen: Jeder
sollte in der Lage sein, meine Bücher zu lesen. Nicht jeder
muss alles darin verstehen, aber man sollte von der Story
gefesselt werden, sich davon hinwegtragen lassen. Die nächste
Stufe ist, dass man die Struktur und die Botschaft eines Buches
erkennt, und so weiter, aber das ist nicht so wichtig.
Ox: Wenn es also um den Aspekt der Unterhaltung geht,
um Entertainment, warum sollte dann ein Schriftsteller nicht
ein ähnliches Level erreichen wie ein Popstar oder ein Filmstar?
T.C. Boyle: Ganz einfach: Das Publikum ist kleiner. Und
weil ich finde, dass sich das ändern sollte, bin ich auch
so heiß auf diese TV-Sache, die ich vorhin erwähnt habe.
Wenn ich die Leute mit den Verfilmungen meiner Geschichten
begeistern kann, gehen sie vielleicht auch in den Laden und
kaufen meine Bücher. Ganz offen: Das Publikum ist wie eine
Viehherde, die lesen alles, nur weil sie es im Fernsehen gesehen
haben. Und ich finde es besser, wenn sie dann etwas lesen,
das meiner Meinung nach gut ist, als irgendeine Scheiße
- und das ist das, was sie jetzt zu lesen vorgesetzt bekommen.
Und deshalb will ich in einem lustigen Jackett via Fernsehen
vor ihnen stehen und ihnen klarmachen, was gut ist. Natürlich
weiß ich, dass in den USA wie speziell in Deutschland die
Kritiker damit ein Problem haben werden, denn sie glauben,
dass ein Intellektueller bestimmten Kriterien genügen muss,
eine bestimmte Rolle erfüllen soll. Und? Ich habe auch einen
Universitätsabschluss, und ich kann machen, was ich will.
Nur will ich nicht, dass die Leute denken, eine Lesung wäre
eine trockene akademische Sache, die am besten in einem Klassenzimmer
stattfindet. Nein, eine Lesung muss Spaß machen, muss
elektrisieren - so wie ein gutes Buch auch.
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