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GALORE: Es ist schön hier in Santa Barbara. Sehr vornehm,
still und entspannt. Hier lässt es sich bestimmt hervorragend
neue Romane und Geschichten schreiben. Die Aufgabe, der Sie
seit nunmehr drei Jahrzehnten nachgehen.
T.C. Boyle: Vollkommen. Es leben gute Menschen hier.
Nette Leute. Viele davon haben bereits ein bewegtes Leben
hinter sich. Es gibt immer viel zu erzählen an einem Nachmittag
wie diesem. Außerdem sind die Farben so intensiv hier. Schauen
Sie sich nur die Pflanzen an: Sie wirken wie angesprayt. Das
macht das Klima hier am Meer.
GALORE: Das Klima macht noch etwas anderes: Nebel.
Vorhin in Los Angeles, eineinhalb Stunden Fahrt von hier,
hatte es weit über 30 Grad und brennende Sonne. Hier ist dichter
Nebel und rund 15 Grad kühler. Ist das immer so?
T.C. Boyle: Häufig. Am Nachmittag reißt es meistens auf,
aber auch dann wird es nicht so heiß. Ich mag den Nebel auch
sehr.
GALORE: Warum das?
T.C. Boyle: Er deckt alles zu, wie ein Winterschlaf.
Alles fährt runter, die Geschwindigkeit des Lebens, das Gefühl,
dein eigener Biorhythmus. Die Sonne hingegen macht dich kirre
mit der Zeit. Mit ein Grund, warum die Menschen in L. A. alle
glauben, sie stünden ständig unter Zeitdruck. (lacht)
Gleichzeitig ist es hier deutlich kühler, das hält dich wach.
Ruhig, aber wach: ein begrüßenswerter Zustand. Ich bin einfach
kein Sonnenmensch.
GALORE: Ich muss mich im Übrigen noch für meine Verspätung
entschuldigen. Ich habe diese Bar hier nicht auf Anhieb gefunden.
T.C. Boyle:: Macht nichts. Ich wäre sowieso hier gewesen.
Ich bin oft im Peabody's.
GALORE: Der Name taucht in anderen Zusammenhängen auch
schon mal in Ihren Büchern auf. Sie mögen den Ort?
T.C. Boyle: Sehr. Es ist mein Sonntag-Nachmittags-Platz.
Ich esse meine Lieblings-Tortillas, trinke ein paar Gläser
Rotwein, treffe Freunde, schaue mit ihnen auf den Boden ihres
Bierglases. Oder mir ein Spiel an. (im Hintergrund läuft
ein Baseball-Spiel) Mit Männern Mannschafts-Sportarten
im Fernsehen gucken und die Gespräche führen, die man in solchen
Situationen führt: Das ist ein guter Sonntagnachmittag.
GALORE: Und es ist sicher ein guter Ausgleich zu Ihren
ganzen Lese-Reisen. Allein nächsten Monat reisen Sie drei
Wochen durch Europa, treten fast jeden Abend live auf.
T.C. Boyle: Das stimmt. Hier komme ich nach Hause nach
einer langen und anstrengenden Tournee.
GALORE: Warum tun Sie sich den Stress überhaupt noch
an?
T.C. Boyle: Meine Frau hat schon vor ein paar Jahren
aufgehört zu fragen, warum ich mir alle paar Monate diese
22-Städte-Lesereisen antun muss. Sie sagt inzwischen nur noch:
»Jaja, ich weiß schon. Du musst es tun. Und du hast diese
Horden von fantastischen Fans. Die wollen dich sehen.« Und
ich sage: »Yeah! But it's not enough! It's never enough!«
In solchen Momenten, auf der Bühne, spürt man die direkte
Reaktion auf seine Arbeit, den Austausch. Deshalb mag ich
zum Beispiel auch die Lesungen in Deutschland immer sehr,
ihr habt ein sehr enthusiastisches Publikum. Und groß!
GALORE: Sind Sie ein Performer?
T.C. Boyle: Ja. Ich liebe es, auf der Bühne zu sein.
Ich liebe es, raus zu gehen und anderen meine Geschichten
vorzulesen. Je mehr, desto besser.
GALORE: Diese Bühnenauftritte sind doch nichts anderes
als eine Reminiszenz an den Umstand, dass Sie gerne Rockmusiker
geworden wären, oder?
T.C. Boyle: Gut erkannt. Ich wäre gern Musiker geworden.
Aber dazu fehlt mir etwas. Man kann nur eine Sache im Leben
richtig gut machen.
GALORE: Spielen Sie heute noch Saxophon oder Schlagzeug?
Oder treten als Sänger auf mit Ihrer Band The Ventilators?
T.C. Boyle: Nein. Wobei das Singen mir noch am meisten
Spaß gemacht hat. Ich war beschissen als Sänger, aber es hat
Spaß gemacht. Es ist inzwischen nur noch ein Hobby, wie man
ja auch an den katastrophal schlechten Proberaummitschnitten
aus den Achtzigern auf meiner Homepage sehen kann.
GALORE: Gibt es die Ventilators noch?
T.C. Boyle: Nein, obwohl wir gerade über eine Reunion
nachdenken. Ist ja sehr angesagt derzeit, sich als Band wiederzuvereinigen.
(lacht) Aber ich weiß nicht, wie das funktionieren
soll. Musik kostet sehr viel Zeit, und das Schreiben lastet
mich voll aus. Du musst proben, du musst Songs schreiben,
du musst auf Tour gehen. Du musst es so gut machen, wie es
eben in deiner Macht steht. Sonst solltest du es gleich lassen.
Die Arena, in der ich zum weltweiten Wettbewerb antrete, ist
nun mal die Literatur. Wenn du etwas mit Leidenschaft, mit
Obsession tun willst, kann es immer nur eine Sache sein.
GALORE: Geht es in einem intensiven Leben immer um
Obsession?
T.C. Boyle: Für mich selber gesprochen: ja. Natürlich
wechseln die Obsessionen. Entweder du bist besessen von Arbeit
oder du bist besessen von all den anderen Dingen, die interessant
scheinen, und diese sind zumeist die sehr viel gefährlicheren
Verlockungen. In meinen frühen Zwanzigern ist mir das sehr
schnell klar geworden: Entweder du stirbst, oder du findest
eine andere Obsession, die dich befriedigt. Also habe ich
alles in die Arbeit gesteckt.
GALORE: Irgendeine Form von Extremismus und Abhängigkeit
ist also immer da - man muss nur versuchen, sie in die richtigen
Bahnen zu lenken.
T.C. Boyle: There is always an addiction. Wenn
du jung bist, ist es der Selbstzweifel und das Gefühl des
Nichtsseins, die Suche, die dich förmlich abhängig macht.
Jeder findet seinen eigenen Weg daraus, seine eigene Obsession,
die dieses ewige Suchen ersetzt. Drogen sind da ein vielerprobtes
Mittel. Aber mir war klar, dass ich ein Riesenproblem bekommen
würde, wenn ich nicht zügig die Reißleine ziehe. Also habe
ich gearbeitet. Ununterbrochen. Anfangs nur, um die Stunden
zu füllen.
GALORE: Und inzwischen seit 30 Jahren kontinuierlich
durch: Sie schreiben im Schnitt einen Roman und ein Buch mit
Kurzgeschichten im Jahr, treten überall auf der Welt live
auf und unterrichten seit 25 Jahren an der University of Southern
California. Die Obsession lässt nicht nach?
T.C. Boyle: Zumindest nicht spürbar, nein.
GALORE: Dabei wäre ein Abschalten, ein Runterkommen
von Zeit zu Zeit doch mal ganz schön.
T.C. Boyle: Das ist exakt der Punkt. Aber es geht nicht.
Und bislang ist ja auch noch die Energie da. Wie es bis jetzt
läuft schätze ich, dass ich das parallele Schreiben und Unterrichten
noch durchziehen kann, bis ich vielleicht 95 bin. Danach könnte
es enger werden.
GALORE: Sie schreiben, so heißt es, bedingungslos sieben
Tage die Woche. Woher kommt die Energie?
T.C. Boyle: Schauen Sie mich an, dann haben Sie die Antwort.
Ich werde rein physisch immer weniger. Ich brenne mit einer
hohen Flamme. Aber es geht eben nicht anders. Ich versuche
es ja. Kürzlich erst wieder: Da habe ich mir das Haus in den
Bergen gemietet, das ich häufig bewohne, um dort etwas zu
vollenden. Dieses Mal war es mein nächster Roman The Inner
Circle, ich hatte das Haus für einen Monat gemietet. Nach
weniger als zwei Wochen war ich fertig. Ich traf mich mit
Freunden, bin tagelang durch den Wald marschiert, habe ordentlich
getrunken. Aber nach nur wenigen Tagen habe ich mich wie automatisch
wieder hingesetzt und einfach losgeschrieben. Es sind dann
direkt ein paar Kurzgeschichten für meinen nächsten Band entstanden.
GALORE: Was ist das Unangenehmste und Schönste daran,
vom Schreiben besessen zu sein?
T.C. Boyle: Das zweifellos Traurigste ist, dass die Menschen
das Lesen verlernen. Es ist eine antiquierte Kulturform, es
ist die Kunst von gestern, in der heutigen Welt vollkommen
irrelevant. Menschen lesen zur Informationsbeschaffung, aus
rein technischen Gründen. Sie lesen immer seltener etwas wegen
seiner Schönheit, für die reine Stimulanz des Geistes. Das
Schöne am Schreiben ist hingegen, dass das vollkommen egal
ist, weil ich trotzdem weiterschreibe. Ich tue es sowieso,
ob sich nun jemand darum schert oder nicht.
GALORE: Sie sagten in einem Aufsatz: »Das Schreiben
ist in der Top 5 der populärsten Künste auf Platz vier abgerutscht,
nur noch knapp vor dem Malen. Gegen die Musik, den Film und
inzwischen auch das Kreieren von Spielen hat das Schreiben
keine Chance.« Ist es um das geschriebene Wort tatsächlich
so schlecht bestellt? Keine junge Generation, die als Gegengewicht
zu der ganzen Fast-Food-Kunst wieder Spaß am Lesen hat?
T.C. Boyle: Ich möchte nicht zu zynisch klingen, aber
ich beobachte wenige 16-Jährige auf der Straße beim heimlichen
Schmökern in Literatur-Klassikern. Das ist ja auch ein Grund,
warum ich so verbissen unterrichte, denn dort finde ich eine
junge Generation, die vollkommen obsessiv dem Schreiben verfallen
ist. Aber das Grundproblem ist doch: Für junge Menschen ist
die moderne Gesellschaft eine äußerst stressige Angelegenheit,
da ist einfach nicht viel Zeit, um sich mit einem guten Buch
in sein Zimmer zurück zu ziehen.
GALORE: Das ginge schon: Einfach weniger Computergames
zocken. Oder bekifft mit Freunden rumhängen.
T.C. Boyle: Das genau ist ja der Punkt. Lesen ist - neben
dem gemalten Bild vielleicht - die Kunstform, die am Stärksten
an deine Phantasie und Vorstellungskraft appelliert. Du musst
bereit sein, ausschließlich kraft deiner Vorstellungsgabe
in andere Welten abzutauchen, dich in andere Menschen zu versetzen.
Genau das ist für einen Großteil der jüngeren Generation das
Problem. Für sie ist das keine Option. Sie kennen das gar
nicht. Sie wissen nicht, wie das geht, weil ihre Sinnesreize
vom Babyalter an mit allen nur erdenklichen Welten und Szenarien
zugemüllt werden. Beobachten Sie doch nur die Leute, die sich
am Flughafen mit Unterhaltung für einen langen Flug eindecken:
ein Computerspiel, obendrauf einen bekloppten Vampirfilm,
zum Lesen höchstens ein Lifestyle-Heftchen. Wenn du sie fragst
warum sie kein Buch kaufen, sagen sie dir: »Reading sucks,
man. Bücher sind langweilig.« So denkt 90 Prozent der
westlichen Weltbevölkerung.
GALORE: Sind Sie im Leben genauso manisch wie im Schreiben?
T.C. Boyle: Um das zu beantworten, muss ich Ihnen ein
wenig von meiner Frau erzählen. Ihre Eltern sind zu einem
Teil ungarisch, zum anderen Teil deutsch, leben aber schon
lange in den Staaten. Ihre Eltern und ihre sieben Geschwister
sind wie Weinbergschnecken - du musst sie anstoßen, um rauszufinden,
ob sie leben. Sie sind unendlich zufrieden. Sie sitzen auf
der Couch, trinken ihr Bier. Keine Ambition. Nur Existieren.
Sie sind sehr glücklich damit. Das ist schön, das ist wundervoll,
aber ich kann das nicht. Es geht nicht. So gesehen bin ich
sicher manisch.
GALORE: Braucht wirkliche Kunst das Manische, den Wahnsinn?
Oder reicht es, ein gewisses Talent zu haben und den Wunsch,
einmal etwas wirklich Gutes zu schreiben? Wie ein ambitionierter
Handwerker?
T.C. Boyle: Es gibt wahnsinnig viel gutes Talent da draußen
- eine Sache, die mich ja so sehr am Unterrichten begeistert.
Eine Menge junger Leute haben eine unglaubliche Gabe. Man
schaue sich nur die ganzen jungen Musiker an, darunter sind
fantastische Songschreiber, außergewöhnliche Menschen. Genauso
ist es mit den jungen Schreibern. Aber es reicht nicht, es
einfach zu wollen. Dazu gehört mehr. Du musst Biss haben.
Du musst es machen und zu Ende bringen. Viele schreiben ein
Buch und driften dann ab Richtung Film oder Musik. Oder sie
versinken ein paar Jahre in Belanglosigkeit und schreiben
auf einmal das Buch ihres Lebens. Und warum? Weil sie den
wahnsinnigen, besonderen Moment in diesem Buch eingefangen
haben. Zum besonders Guten gehört eben das Extreme, Manische
dazu.
GALORE: Sie schreiben: »Ich bin über die Jahre zu einem
Schriftsteller mit Weisheit und Reife geworden« ...
T.C. Boyle: Das habe ich gesagt? (lacht laut heraus)
Dass ich über die Jahre zu einem Schriftsteller mit Weisheit
und Reife geworden bin? Wow.
GALORE: Es steht auf Ihrer Homepage, in dem autobiografischen
Essay von Ihnen über das Schreiben.
T.C. Boyle: Ich denke, ich wollte einen Witz machen.
GALORE: Es liest sich aber nicht wie einer. Und es
ist ja auch ohne jede Arroganz schlicht die Wahrheit.
T.C. Boyle: Tja, das stimmt wohl. Wäre ja auch schlimm,
wenn ich nach all den Jahren nicht ein wenig Weisheit und
Reife gewonnen hätte. Aber das Gute ist: Es ist nie genug.
Man will immer mehr.
GALORE: In dem Essay schreiben Sie auch darüber, dass
sich eine Geschichte mehr oder weniger von selbst schreibt;
der Autor müsse nur einem gewissen Pfad folgen. Das ist ein
sehr unromantischer Blick auf den kreativen Prozess.
T.C. Boyle: Finden Sie?
GALORE: Ja, es fehlt dabei diese mystische, nicht beschreibbare
Komponente, das, was viele mit dem Kuss der Muse beschreiben.
T.C. Boyle: Vertrauen Sie mir, es ist schon viel Mystisches
am Schreiben. Die besondere kreative Leistung des Autoren
ist: Du begibst dich in einen unbewussten Geisteszustand,
wenn du an deiner Kunst arbeitest. Der Leser weiß nicht, was
auf der nächsten Seite passiert, aber er will es erfahren.
Nicht anders geht es dem Autor. Was mich immer wieder am Schreiben
fasziniert, ist, dass jede einzelne Geschichte grundlegend
anders ist als alles, was du zuvor geschrieben hast. Du weißt
nicht, woher sie kommt, du weißt nicht, wie sie ausgeht. Deshalb
fängst du immer wieder von vorne an. Du willst einfach wissen,
wie die Geschichte zu Ende geht. Es macht dabei fast keinen
Unterschied, ob du eine Geschichte liest oder schreibst.
GALORE: Die Geschichten sind immer da.
T.C. Boyle: Das sind sie. In diesem Frühjahr war ich
in England, auf einer Lesereise zu meinem aktuellen Roman
Drop City. Ich war in London und hatte einen Tag frei.
Das Wetter war mies, der Fernseher in meinem Hotelzimmer war
kaputt, ich konnte nicht mal einen Film sehen. Also saß ich
elf Stunden am Stück auf der Couch und habe gelesen.
GALORE: Was haben Sie gelesen?
T.C. Boyle: Die Biographie von Neil Young, Shaky.
Es war wunderbar, elf Stunden bei diesem komischen Typen und
seinen fabelhaften Songs zu sein. Wissen Sie, was das ganze
Buch zu mir gesagt hat?
GALORE: Nein.
T.C. Boyle: Es stand in einer einzigen Zeile, ein Auszug
aus einem Interview, wo der Interviewer ihn fragt, wie er
auf diesen oder jenen Song gekommen sei. Er sagte nur: »It
just comes.« (lacht) So ist das auch mit den Geschichten.
GALORE: Sie haben also keine Ahnung, wie eine Geschichte
ausgeht, an der Sie schreiben?
T.C. Boyle: Nein.
GALORE: Und die Personen?
T.C. Boyle: Die kommen mit der Zeit. Ich lerne sie auch
erst nach und nach kennen.
GALORE: Was wissen Sie, wenn Sie anfangen?
T.C. Boyle: Ich habe gerne einen Titel, und ich möchte
vorher wissen, wie viele Teile ein Buch hat, wie lang es ungefähr
werden wird. Bei Grün ist die Hoffnung wusste ich zum
Beispiel: Es wird vier Teile geben. Vier Jahreszeiten. Schließlich
ging es um Marihuana-Anbau. (lacht) Aber was die Geschichten,
ihre Entwicklung anbetrifft: Keine Ahnung. Just free form.
GALORE: Es gibt viele Autoren, die vor dem Schreiben
eines Romans wie wild recherchieren, eintauchen in eine Szene,
in ein Milieu - wenn sie nicht gar ohnehin nur über sich selber
und ihr Umfeld erzählen. Würde man sie fragen, warum sie das
tun, würden sie sicher antworten: »Weil man sonst nicht fundiert
und glaubhaft darüber erzählen kann.« Sie sehen das wohl anders.
T.C. Boyle: Vollkommen. Das ist auch der Punkt, der die
wirklichen, buchstäblichen Schreiber und Geschichtenerzähler
von den Genre- oder Plauder-Schreibern unterscheidet. Ich
hasse diese Genre-Autoren, die sich monatelang minutiös auf
das Schreiben eines Romans vorbereiten müssen. Sie trivialisieren
und verniedlichen unseren Berufsstand. Und sie töten die wahre
Kreativität. Diese Menschen fahren beim Schreiben stur geradeaus
auf der Mitte der Straße. Sie wissen schon vorher, auf welcher
Seite der große Schockmoment kommt, wann die Vampire aus den
Wänden treten. Sie wissen, wie oft die Protagonisten im Verlauf
des Buches Sex haben werden. Sie wissen einfach alles vorher.
That's crap. Was ich an Literatur mag, ist ja gerade
die Ungewissheit. Sie können jedes Buch von mir aufschlagen
und anfangen zu lesen - ich wette mit Ihnen, Sie haben keine
Idee, was auf Seite zehn passieren wird, bis sie dort angekommen
sind. Der Grund ist: Ich weiß es selber nicht. Also kann ich
gar nicht vorausschauend oder systematisiert schreiben.
GALORE: Nehmen wir Ihren aktuellen Roman Drop City,
in dem eine Hippie-Kommune aus den Siebzigern von Kalifornien
nach Alaska zieht. Allein die Art und Weise, wie präzise,
bild- und metapherreich Sie das autarke, LSD-berauschte Leben
dieser Aussteiger am Rande der Zivilisation beschreiben: Das
geht vollkommen ohne Recherche?
T.C. Boyle: Die Frage ist, wie man Recherche definiert.
Natürlich bin ich vor dem Schreiben des Buches nach Alaska
gereist, habe dort ein paar Tage in einem winzigen Kaff verbracht,
mich mit den kauzigen Einsiedlern, die dort wohnen, unterhalten,
und auf Grundlage dieser Gespräche die Grundzüge einiger Charaktere
entwickelt. Wie diese aussehen, was sie tun, welche Rolle
sie spielen, was ihnen im Verlauf des Buches widerfährt: All
das kommt erst beim Schreiben. Ohne diesen Überraschungsmoment,
der für mich mindestens ebenso groß ist wie für Sie als Leser,
würde ich die Lust am Schreiben verlieren. Es gäbe für mich
sonst keinen Grund mehr, überhaupt noch zu schreiben.
GALORE: Etwas anderes, was Ihre Geschichten spannend
macht, ist das Eintauchen in immer wieder andere Sujets. Wird
es schwerer mit den Jahren, immer wieder einen neuen Ansatz,
ein neues Sujet zu finden?
T.C. Boyle: Auch hier: Nichts ist konstruiert oder im
Vorhinein ausgedacht. I just go with the flow. Das
ist der einzige Weg. Bei Kurzgeschichten, das gebe ich gerne
zu, wird es nicht unbedingt einfacher, weil ich so viele davon
schreibe. Da passiert es mir schon mal, dass ich eine Geschichte
schreibe und nach zwei Dritteln feststellen muss: »Hey, das
hast du schon mal geschrieben.« Wenn das passiert, höre ich
sofort auf. Aber da es in meinen Geschichten zumeist darum
geht, Grenzen einzureißen und Menschen in extremen Situationen
zu beobachten, sind die möglichen Blickwinkel auf eine Geschichte
auch unendlich.
GALORE: Wie ist Ihr Verhältnis zu den Protagonisten,
während Sie ihnen beim Schreiben Leben einhauchen? Nehmen
wir zum Beispiel Ihren Roman América: Dort erzählen
Sie die Geschichte einer jungen Mexikanerin. Einer Illegalen,
die in den Canyons von Los Angeles campiert, kein Wort Englisch
spricht und vergeblich versucht, sich eine Existenz in diesem
Moloch zu schaffen. Wie können Sie so genau wissen, was eine
solche Frau fühlt, denkt und tut? Sind Sie in solchen Momenten
ein brillanter Chronist oder schizophren?
T.C. Boyle: Das ist ein sehr gutes Beispiel - ich habe
für den Roman damals sehr viel Häme und Gegenwind einstecken
müssen, weil man mir sagte: »Du kannst einfach nicht wissen,
was in einem solchen Menschen vor sich geht. Das ist politisch
nicht korrekt. Wie kann ein weißer, wohlhabender Typ über
eine vollkommen mittellose, naive und hoffnungslos überforderte
mexikanische Illegale schreiben?« Warum also? Ganz einfach:
Weil es mein Job ist! Es ist das einzige, was ich wirklich
gut kann! Ich könnte aus der Perspektive eines Hundes schreiben,
wenn ich das will. Diese Fähigkeit habe ich mir über viele
Jahre antrainiert.
GALORE: Wie gut das mit der Perspektive des Hundes
funktionieren kann, hat ja schon Paul Auster in seinem Roman
Timbuktu vorgemacht. Es ist die bewegte Geschichte
eines streunenden Kläffers, der sein vermeintliches Heil in
den Armen einer liebenden Familie findet, die ihn aufnimmt,
sich am Ende aber doch wieder auf die Straße zurück sehnt.
T.C. Boyle: Sehen Sie? Ich bin nicht der einzige, der
das kann. Jeder, der ein guter Geschichtenerzähler ist, kann
das. Es ist meine verdammte Aufgabe, mittels Phantasie neue
Welten zu kreieren. Es ist so dumm, einen Autoren auf diese
Weise zu kritisieren, ihn zu limitieren, denn es entzieht
ihm seine grundlegende Arbeitsplattform. Von den Beach Boys
konnte auch mal gerade einer surfen - den Lifestyle der Surfer
haben sie trotzdem sehr glaubhaft repräsentiert. Oder Filmemacher:
Glauben Sie, dass ein Action-Regisseur jemals in seinem Leben
kopfüber an einem Helikopter hing? Und doch kann er uns glaubhaft
vermitteln, wie sich das anfühlt. Für einen Schreiber ist
dieser Aspekt ungleich elementarer.
GALORE: Erfährt man über die Protagonisten Ihrer Bücher
auch etwas über Sie selber?
T.C. Boyle: Natürlich tut man das. Aber hoffentlich ist
es kunstvoll genug versteckt, dass man es nicht sofort bemerkt.
GALORE: Es gibt da einen Protagonisten, der sehr viel
näher an Ihnen selbst zu sein scheint als die meisten anderen:
Ty Tierwater aus Ein Freund der Erde. Er ist ein verbissener
Naturschützer, er ist ein abgeklärter, sinnsuchender, ambionierter
Mensch, den man trotz seiner radikalen Aktionen am Ende sehr
lieb gewinnt. In ihm steckt eine Menge von T.C. Boyles Sicht
auf die Welt, richtig?
T.C. Boyle: Gut beobachtet. Auch wenn ich wohl nicht
so weit gehen würde wie er. Ich liebe die Natur, aber ich
würde nicht in den Knast wandern wollen, nur um ein paar Holzrodungsmaschinen
in die Luft zu sprengen.
GALORE: Wenn Ty Tierwater zum Beispiel sagt: »Ich brauche
nichts und niemanden. Ich könnte meine Sachen packen, abhauen
und in einem Tipi leben.« - könnte das auch ein T.C. Boyle sein?
T.C. Boyle: (lacht) Tja: Ty hat schon die gleichen
Frustrationen wie ich. Er hat ein Problem mit der industriellen
Gesellschaft, mit dem Konsumterror, mit diesen ganzen falschen
Werten. Er möchte, wie ich, simpler und mehr im Einklang mit
der Natur leben und nicht gegen sie. Doch er realisiert, dass
das in Zeiten, in denen diesen Planeten sechs Komma irgendwas
Milliarden Menschen bevölkern, eine vollkommen hypothetische,
antiquierte Sichtweise ist. The whole world turns to shit.
Der Glaube, alles werde sich zum Guten wenden und der Mensch
werde vernünftig, ist naiver Idealismus.
GALORE: Ein andere Sache, die Ty sagt: »Ich versuche,
Perspektiven zu vermeiden, wo es geht. Perspektiven verursachen
Schmerzen. Lebe in der Gegenwart, sage ich immer. Vergiss
die Geschichte, vergiss Nostalgie. Sie führt zu nichts.«
T.C. Boyle: Nein, das ist ganz klar Ty. Das kann ich
ganz offensichtlich nicht unterschreiben. Natürlich bin ich
auch frustriert darüber, wie sich die Dinge auf diesem Planeten
entwickelt haben. Aber deshalb bin ich noch lange kein verbohrter
Existenzialist, der die Schönheit seines eigenen Lebens nicht
zu schätzen wüsste. Ich mag mein Leben bis hierhin sehr.
GALORE: Wie wär's mit dem hier: »Habe ich erwähnt,
dass ich die Vergangenheit hasse, die Gegenwart kaum aushalte
und auch jede Form der Befragung über meine Zukunft verabscheue?«
T.C. Boyle: Vergessen Sie nicht: Ty ist ziemlich schrullig,
er ist ein alter Mann, als er das sagt. Will ich also dahin
kommen, wenn ich so alt bin wie er? Ich möchte hoffen nein.
Aber wenn wir ehrlich sind, ist es nun mal so - alte Menschen
sind so unglaublich selten zufrieden mit dem Weg, den ihr
Leben nahm. Wird es also so kommen, dass ich in 25 Jahren
das Gleiche sage? Wahrscheinlich. Nicht zuletzt, weil die
ganze Welt dann schätzungsweise genauso am Arsch ist wie von
mir in dem Buch beschrieben.
GALORE: Haben Sie als ein Mensch, der sehr aktiv für
die Belange der Natur eintritt, jemals eine Erfahrung wie
Ty Tierwater gemacht, der aus Protest gegen die massenhafte
Baumrodung einen Monat lang ohne jede Hilfsmittel im Wald
lebt?
T.C. Boyle: Nein. Ich bin mir auch absolut sicher, dass
ich das nicht wollte.
GALORE: Obwohl Sie ein überzeugter Naturbursche sind?
T.C. Boyle: Obwohl ich die Natur liebe, ja. Aber im Gegensatz
zu Ty kann ich nicht mal eben für einen Monat im Wald verschwinden.
Meine Familie, meine Leser und nicht zuletzt mein Agent würden
mir das wohl äußerst übel nehmen. Außerdem würde ich dünnes
Kerlchen das schon rein physisch niemals durchstehen.
GALORE: Und doch schreiben Sie darüber wie ein Mensch,
dem nichts vertrauter scheint. Kann beziehungsweise muss man
dieses Gefühl, das Ty dort durchlebt, die Insekten in jeder
Körperöffnung, die lebensbedrohlichen Entbehrungen, die Gedanken,
die mit diesen Grenzerfahrungen einher gehen, irgendwie substituieren,
um glaubhaft darüber zu schreiben?
T.C. Boyle: Es hilft natürlich, sich in eine tendenziell
ähnliche Situation zu versetzen, aber grundsätzlich ist jede
Geschichte eine Übung deiner Vorstellungskraft. Das Haus in
den Bergen, von dem ich vorhin erzählte, ist so ein Ort der
vollkommenen Natur. Ihr Deutschen habt zwar die Alpen, ihr
kennt Berge, und doch ist es etwas anderes: Dieses Haus ist
der pure wilde Westen. Ich komme aus New York - für mich ist
dieses Haus Natur pur. Wenn ich dort oben bin, verbringe ich
auch ganze Tage im Wald. Während ich an Drop City geschrieben
habe, bin ich auch zum ersten Mal auf verschiedene Berggipfel
geklettert, habe mir stundenlang die Outline der Gebirgszüge
angesehen. Sicher: Wenn ich dann wieder zurück zum Haus komme,
habe ich Elektrizität, einen Ofen, auf dem ich mir Essen machen
kann, einen Videoplayer, auf dem ich Filme schauen kann. Gleichzeitig
kann ich jederzeit draußen sein in dieser vollkommenen Wildnis.
Auf diese Weise habe ich das Beste aus beiden Welten. Der
optimale Zustand.
GALORE: Wie kann ein Mensch wie Sie, der dermaßen unmittelbar
mit der Schönheit wilder Natur verbunden ist, sich für sie
einsetzt, so nahe an einer überindustrialisierten, die Natur
zerstörenden Megalopolis wie Los Angeles leben, ohne dabei
verrückt zu werden? Der Smog. Der Müll. Die Überbesiedelung.
Die unästhetisch zugebauten Hollywood Hills: Es gibt nicht
viele Orte auf der Welt, die einem deutlicher machen, wie
ultimativ der Mensch die Natur zerstören kann.
T.C. Boyle: Seltsam genug, nicht? Ich wuchs auf in New
York, der größten Stadt der Vereinigten Staaten, und bin von
dort in die zweitgrößte Stadt gezogen. Da sind wir wieder
bei den Sachzwängen, den Kompromissen, die du als Individuum
eingehen musst. Ich kam nach Los Angeles, weil mir an der
USC ein Lehrstuhl angeboten wurde. In North Dakota oder den
Wäldern Kanadas könnte ich wohl nur schlecht die besten Nachwuchs-Schriftsteller
Amerikas unterrichten. L. A. war auch sehr gut zu mir. Ich
habe hier sehr liebe Menschen kennen gelernt, einige der besten
Freunde meines Lebens. In den Siebzigern und Achtzigern war
es auch etwas anderes, dort zu leben - es war eine Boom-Stadt,
es gab all die großartigen Clubs, es gab eine florierende
Subkultur. Als all das nachließ, bin ich hier raus gezogen
nach Santa Barbara, eben weil es mir zu viel wurde. Ich habe
es dort nicht mehr ausgehalten. Hier bin ich wieder in einem
kleinen funktionierenden Mikrokosmos. Ich finde direkt hinter
meinem Haus intakte Natur vor, gleichzeitig kann ich zu Fuß
zu meinem Arzt, meiner Lieblingsbar und zum Strand laufen.
Auch hier finde ich eben das beste aus beiden Welten.
GALORE: Gibt es Dinge, die Sie an dem Los Angeles von
heute mögen?
T.C. Boyle: Bis auf die Freunde: nicht wirklich. Wie
kann man eine Stadt ohne wirkliche Geschichte, ohne echte
Struktur gern haben? Eine Stadt, in der man ein Drittel des
Tages damit zubringt, auf irgendwelchen Freeways im Stau zu
stehen? Dass ich nach L. A. kam, war auch mehr ein Unfall
- es war eben das Angebot der USC. Und ich habe in all diesem
urbanen Schlamassel ein Umfeld gefunden, das mir als Individuum
gefällt, gut tut. Mein Vorteil ist: Eigentlich passe ich hier
überhaupt nicht hin. Ich bin immer ein Außenseiter gewesen,
die meisten Menschen kommen mit meiner Art nicht klar. So
ist es viel einfacher, jene zu finden, mit denen man auf einer
ähnlichen Wellenlänge surft. Außerdem ist es hier abseits
der Städte noch wirklich wild, in einer Weise, wie man es
an der Ostküste nicht mehr findet. Die Berge sind absolut
naturbelassen, dort gibt es noch echte Cowboys auf ihren Pferden,
du findest Packesel und handbetriebene Wasserpumpen, du findest
Elche und Bären und Klapperschlangen. Bis heute bin ich jedes
Mal aufs Neue wieder beeindruckt, wie wild die Natur in Kalifornien
noch immer ist, wenn man nur weit genug von der Zivilisation
weg fährt.
GALORE: Allgemeiner gefragt: Wie fühlen Sie sich als
Bewohner eines Landes, das als einziges von weit über hundert
teilnehmenden Staaten die Beschlüsse der Klimakonferenz mit
Füßen tritt? Erst recht, seitdem Sie Ihren egozentrischen,
naturverachtenden Präsidenten haben?
T.C. Boyle: Es ist keine Frage, dass sich die Dinge akut
verschlimmern, seit dieser Neofaschist an der Macht ist. Man
kann nur hoffen, dass Bush sich mit seiner Inkompetenz selber
negiert, dass seine Amtszeit so lang sein wird wie die seines
Vaters: exakt eine Legislaturperiode. Zu der Zeit, als er
an die Macht kam, saß ich gerade an Ein Freund der Erde,
und ich dachte mir schon, dass die dort entwickelten Zukunfts-Utopien
von einer tosenden Welt voller Naturkatastrophen mit ihm als
Präsident sehr viel wahrscheinlicher werden. Eine Grundfrage,
die ich mit diesem Buch behandeln wollte, ist die: Kann man
im Einklang mit der Natur leben und gleichzeitig ein zivilisatorisches
Leben führen, mit einer guten Ausbildung, mit guten Berufschancen,
mit einer Lebensperspektive, die zu gleichen Teilen der Natur
und der Konsumgesellschaft Rechnung trägt? Die Antwort ist:
nein, nicht in letzter Konsequenz. Wer im Kapitalismus lebt,
der lebt immer ein Stück weit gegen die Natur. Wir alle kaufen
Produkte, deren Herstellung zu Lasten der Natur geht. Würden
wir alle versuchen, autark zu leben, um der Natur keinen Schaden
zuzufügen, würde die Wirtschaft den Bach runter gehen und
uns im Umkehrschluss die Grundlage für Arbeit, für Geld und
damit auch für Ausbildung entziehen. Das ist eine Problemstellung,
die ich nicht lösen kann. Ich habe keine Idee, wie man es
anders machen könnte. Ich kann mir nur Sorgen machen, und
das tue ich, indem ich Bücher darüber schreibe.
GALORE: Kann man Phantasie und Vorstellungsgabe trainieren?
T.C. Boyle: Nein, das glaube ich nicht.
GALORE: Also haben schlicht manche mehr als andere.
T.C. Boyle: Das einzige, was man tun kann, ist, sich
seiner Phantasie hinzugeben. Das kann im Prinzip jeder, nur
die meisten tun es nicht. Sie haben entweder Angst davor,
oder sie haben es vollkommen verlernt. Die Fähigkeit, sich
für Phantasie, für Kunst jedweder Art zu begeistern, ist in
dir. Sie ist angeboren. Jeder, der ein Künstler werden will,
ist getrieben von diesem Bedürfnis, seine eigene Phantasie
zu beflügeln. Dieses Bedürfnis hat nicht jeder, Kunst ist
keine demokratische Sache, sie ist nicht fair. Warum kann
er etwas, das ich nicht kann? Doch hast du erst mal entdeckt,
dass dieses Bedürfnis in dir schlummert, bleibt dir keine
andere Wahl mehr, als es bis auf die Spitze zu treiben, um
zu sehen, wie weit du mit deiner Phantasie gehen kannst. Du
willst dich einfach selber überraschen. Kunst kommt einfach
aus dem Nichts. Morgen zum Beispiel: Da werde ich mit einem
komplett neuen Roman beginnen. Ich habe letztens Dr. Sex (Orig.: The Inner Circle) beendet und elf Kurzgeschichten für meinen nächsten
Sammelband geschrieben. Jetzt ist es Zeit für den nächsten
Roman. Und ich habe noch absolut keine Idee, was da morgen
auf mich zu kommt.
GALORE: Sie schreiben ohnehin schneller, als Ihren
Verlagsvertretern lieb ist. Immer wieder gibt es von deren
Seite die Anmerkung, dass man nicht in so schneller Abfolge
Bücher eines Autors veröffentlichen sollte - es ist schlecht
fürs Geschäft.
T.C. Boyle: Das stimmt. Aber das ist auch nicht so dramatisch.
Je nach Thema funktionieren meine Bücher ohnehin in gewissen
Regionen überhaupt nicht, fallen also auch nicht weiter auf.
GALORE: Zum Beispiel?
T.C. Boyle: Mein neues Buch, The Inner Circle,
in dem es um den Kinsey-Sex-Report geht. Es ist sehr explizit,
es geht viel ums Bumsen. Ich habe eine lange eMail-Konversation
mit meinem französischen Verlag hinter mir, die von meiner
Seite mit den Worten endete: »Am besten veröffentlichen wir
es in Frankreich überhaupt nicht. Das Buch ist viel zu sexy
für die Franzosen. So viel offensives Pimpern verträgt ihr
Romantizismus nicht.« (lacht)
GALORE: Lesen Sie Ihre alten Bücher von Zeit zu Zeit?
T.C. Boyle: Nein, habe ich lange nicht mehr. Eine schöne
Sache, viele gute Freunde zu haben, sind die Momente, wenn
du auf einer Party ziemlich angetrunken durch ihr Haus taperst
auf der Suche nach einem Klo und plötzlich in der Bibliothek
landest. Da stehen sie alle, ordentlich nebeneinander aufgereiht:
Deine eigenen Bücher! All das, was du über die Jahre geschrieben
hast! Ich nehme mir in solchen Momenten schon mal ein älteres
Buch von mir zur Hand, lese einen Absatz und denke: »Yeah
man, that rocks! It's great!« Aber normalerweise nehme
ich keine alten Bücher von mir zur Hand. Wie ich schon vorhin
sagte: ich möchte die nächste Geschichte kennen lernen und
nicht die auffrischen, die ich schon kenne.
GALORE: Haben Sie ein persönliches Lieblingsbuch?
T.C. Boyle: Wassermusik.
GALORE: Das ist Ihr erster Roman. Warum gerade der?
T.C. Boyle: Er ist vollkommen wild. Außerhalb jeglicher
Kontrolle. Als mein Agent und mein Lektor halb durch waren,
sagten sie damals beide zu mir: »Schmeiß ein paar Nebengeschichten
raus, das ist alles viel zu viel«, und ich entgegnete: »Das
ist mir egal. So viel Arbeit muss schon sein, wenn man mein
Buch lesen will.« So kompromisslos bin ich nie wieder gewesen.
Und ich werde es wohl auch nie wieder sein.
GALORE: Es gibt wohl keinen populären zeitgenössischen
Schriftsteller, der so viel Zeit auf das Schreiben von Kurzgeschichten
verwendet - demnächst erscheint ihr siebtes Buch mit Sammlungen
solcher Geschichten. Warum sind sie so wichtig?
T.C. Boyle: Zunächst: Ich habe als Autor von Kurzgeschichten
angefangen und sie über viele Jahre geschrieben, lange bevor
ich darüber nachdachte, einen Roman zu schreiben. Außerdem
haben sie ihren ganz eigenen Reiz: Auch dort erzählst du eine
Geschichte, aber nicht auf 300, 400 Seiten, sondern auf fünf,
zehn oder 15. Ich liebe Kurzgeschichten. Und es ist auch etwas,
das ich kann. Nehmen wir zum Beispiel John Irving, der im
übrigen vor rund 30 Jahren einer meiner Mentoren an der Uni
in New York war: Er schreibt nie Kurzgeschichten, er denkt
einfach nicht in diesen Kategorien. Und er sagte damals auch:
»Ich kann es einfach nicht, es liegt mir nicht.« Mir hingegen
schon. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch, beides zu können:
lange und kurze Geschichten. Aber am Ende sind es immer Geschichten.
Ich könnte zum Beispiel auch mal ein Drehbuch oder ein Theaterstück
schreiben, aber ich tue es nicht. Weil es mir nicht liegt.
Es wäre eine konstruierte kreative Situation. Was hingegen
Kurzgeschichten und Romane angeht: Da fühle ich, dass ich
beides gleich gut kann, also möchte ich mich auch beiden Literaturformen
widmen.
GALORE: Warum gelten Kurzgeschichten verglichen mit
Romanen gemeinhin als weniger wertig, werden häufig höchstens
als nette Übung für zwischendurch, als Hausaufgabe im Kurs
‚kreatives Schreiben' betrachtet?
T.C. Boyle: In meiner Klasse habe ich einen jungen Mann,
der ganz hervorragende Kurzgeschichten schreiben kann, aber
von heute auf morgen damit aufgehört hat. Als ich ihn fragte
warum, sagte er: »Damit ist kein Geld zu verdienen!« Nun,
da hat er Recht. Zum Glück brauche ich mir darum aber keine
Sorgen mehr zu machen. Aber es zeigt, warum die Kurzgeschichte
zu einem vom Aussterben bedrohten Phänomen geworden ist.
GALORE: So gut Ihre Kurzgeschichten sind, haben Sie
dennoch einen sehr traurigen Nebenaspekt: Die Charaktere der
Geschichten werden häufig derart präzise und bildreich entwickelt,
da möchte man einfach wissen, wie ihr Leben weiter geht. Bei
jeder einzelnen Geschichte aus Ihrem letzten Kurzgeschichtenband
Schluss mit cool dachte ich: Verdammt, was passiert
als nächstes? Ich will diesen Menschen nicht schon wieder
gehen lassen!
T.C. Boyle: Dabei dürfen Sie nicht vergessen: Es muss
so sein. Ich habe allein, während wir dieses Interview führen,
fünfzig neue Ideen für eine Geschichte. Soll ich all diese
Ideen sausen lassen, nur um die eine künstlich zu verlängern,
die Sie sich gerne ein wenig ausführlicher gewünscht hätten?
Ich kann schon so gerade mal jede 500. Idee umsetzen, ihr
Leben einhauchen. Das ist bereits schlimm genug. Nicht jede
Geschichte kann ein Roman sein. Ich schrieb zum Beispiel neulich
eine kleine Geschichte über einen Typen, der sich in eine
Frau verliebt, die im gleichen Block wohnt wie er, und der
sein ganzes Leben dazu benötigt, ihr diese Liebe zu beichten.
Natürlich hätte diese Geschichte einen ganzen Roman füllen
können, aber ich habe sie einfach schnell daher erzählt. Nun
ist sie die Grundlage für einen Hollywood-Film, der in absehbarer
Zeit gedreht wird. Das ist doch toll: Jemand anderes erzählt
meine Geschichte in epischer Breite zu Ende, die ich nur sehr
skizzenhaft entworfen habe. Und ich kann mich wieder neuen
Geschichten widmen. Ich bin fertig mit der Story. Ich möchte
nicht zurückblicken und das Gefühl haben: In der Geschichte
hätte mehr gesteckt. Mich interessiert nur, was als nächstes
kommt.
GALORE: Interessanterweise war ihre allererste Arbeit
als Student des kreativen Schreibens ein Theaterstück. Davon
verstehen Sie doch gar nichts, haben Sie gesagt. Wie kam's
dazu?
T.C. Boyle: (lacht) Naja, eben weil ich ein Student
war und noch nichts vom Schreiben verstanden habe. Ich mag
Theaterstücke, bis heute üben sie auch einen gewissen Einfluss
auf meine Arbeit aus. Ich mag den Humor daran, das Unmittelbare
des Dialogs, das Surreale.
GALORE: Sie haben danach nie wieder ein Theaterstück
geschrieben, obwohl Ihre erste Arbeit damals sehr wohlwollend
aufgenommen wurde.
T.C. Boyle: Nein, weil ich danach das wunderbare erzählerische
Element der Geschichte kennen gelernt habe. Und das hat mich
bis heute nicht mehr los gelassen. Das Erzählen hat für mich
sehr viel mehr Bedeutung als die konstruierte Situation eines
Stücks. Es geht um die Schönheit der Sprache, um Metaphern,
um Bilder, die in dieser Form in einem Stück nicht möglich
sind. In Stücken sprechen Menschen miteinander, alles andere
wird lediglich figurativ dargestellt. In meiner Arbeit spielen
Dialoge im allgemeinen eine sehr untergeordnete Rolle. Nehmen
Sie nur James Joyce oder Thomas Pynchon, zwei meiner frühesten
Inspirationen: In ihren Werken finden Sie überhaupt keine
Dialoge, nur das erzählerische Element. Das Erzählen einer
Geschichte ist die älteste und natürlichste Stimme, die wir
kennen. Nur das ermöglicht es dir, die unendlichen Möglichkeiten
von Sprache zu nutzen. Alles andere, selbst die Lyrik, ist
auf eine Weise limitiert.
GALORE: Thema Sprache: Jene verwenden Sie häufig in
einer wunderbar augenzwinkernden Weise, indem sie konventionelle
Begriffe in einen surrealen Kontext stellen und auf diese
Weise eine ganz neue Ebene der Bedeutung des Begriffs kreieren.
T.C. Boyle: Genau das ist ja das Schöne an der Sprache:
Jedes Wort kann etwas vollkommen anderes bedeuten, wenn man
nur gewillt ist, es in einen anderen Kontext zu stellen.
GALORE: Unter dieser Prämisse fand ich eine Kritik
zu Ihrem aktuellen Buch Drop City sehr eigenartig.
Dort heißt es: »Die Figuren sind extrem nachvollziehbar, um
nicht zu sagen stereotyp. Die Sätze sind konventionell bis
zum Anschlag; kein Satz, den man sich unterstreichen, keine
Idee, die sich ein anderer Autor klauen wollte.«
T.C. Boyle: Was kann ich sagen? Offensichtlich liegt
der Mensch falsch. Ich weiß, dass es nicht so ist. Neulich
gab ich ein Interview für die Titelseite der New York Times,
in dem es ausschließlich um den möglichst kreativen Gebrauch
von Sprache ging - der junge Mann, der mich interviewte, wollte
nichts anderes wissen. Warum sollte er sich so verhalten,
wenn meine Sätze so konventionell und langweilig sind? Man
darf nicht vergessen: Ob und wie sehr Kritik an meiner Arbeit
mich beeindrucken oder mitnehmen könnte, es wird nichts daran
ändern, was und wie ich es tue. Ich schreibe so, wie ich fühle.
Was ich diesem Kritiker also sage? Ganz einfach: »Tut mir
leid, dass dir das Buch nicht gefallen hat. Ist hoffentlich
beim nächsten anders.« Ich habe ohnehin ein Problem mit Kritikern.
Sie sind die schlechteren Künstler.
GALORE: Wie meinen Sie das?
T.C. Boyle: Ich bin überzeugt, dass 95 Prozent der Literaturkritiker
am liebsten selber Schriftsteller wären; nur fehlt ihnen das
Talent. Sie sind so frustriert und verbittert über die Tatsache,
dass sie selber keine ordentliche Geschichte zuwege bringen,
dass sie lieber die Geschichten anderer in der Luft zerreißen.
Grundsätzlich bin ich der Auffassung: Der Künstler ist der
Held, der ehrenwerte Ritter, ein Kritiker ist höchstens Hofnarr,
schlimmstenfalls Henker. Wir Künstler schauen sehr entspannt
von oben auf die Kritiker, ihre abstrusen Theorien und ihren
gewollt artifiziellen Jargon herab. Um einen britischen Ausdruck
zu verwenden, den ich sehr mag: Wir pissen auf sie von einer
großen Höhe. Es ist ein sehr langer Urinstrahl, glauben Sie
mir. Was genau zeichnet den Kritiker überhaupt aus? Nichts!
Jeder von uns ist ein Kritiker, jeder von uns hat eine Meinung.
Wir beide könnten uns heute Abend einen Film zusammen ansehen
und morgen eine Rezension darüber für die L. A. Times verfassen
- kein Problem. Warum? Weil das jeder kann, der eine Meinung
hat. Außerdem geht es beim Schreiben um vieles, nur nicht
darum, jedermann zufrieden zu stellen. Wenn ich das wollte,
würde ich für Reader's Digest schreiben. Oder Groschenromane.
GALORE: Mal ganz abgesehen davon, dass es Ihnen offenbar
ein diebisches Vergnügen ist, Kritikern neues Futter zu geben.
T.C. Boyle: Absolut. Es gab schon einige Romane von mir,
die im amerikanischen Literaturbetrieb derart verrissen wurden,
dass man glauben könnte, sie würden mich am Liebsten an einem
Stock über dem Lagerfeuer grillen. Das ist großartig, ich
mag das! Ich bin gerne ein Provokateur, ich bin glücklich,
das tun zu können und trotzdem so viele Bücher zu verkaufen,
dass ich davon äußerst komfortabel leben kann.
GALORE: Warum gibt es in Ihren Büchern vor lauter Realismus
immer so wenig Raum für Hoffnung? Kein Platz für Romantik,
Happy Ends, etwas fürs Herz?
T.C. Boyle: Ich frage Sie: Was hätten wir davon?
GALORE: Ein gutes Gefühl am Ende eines Buches. Ein
wenig Hoffnung, dass die Welt doch nicht so scheiße und abgezockt
ist, wie wir immer vermuten.
T.C. Boyle: Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen:
Vor zehn Jahren hielt ich eine Vorlesungsreihe an einer anderen
Universität. Ich las eine ganze Reihe von - meiner Auffassung
nach - extrem lustigen Geschichten aus meinem Fundus, und
nach ein paar Sitzungen sagte einer der Studenten: »Können
Sie nicht mal was Fröhliches vorlesen? Ihr desillusionierter
Blick auf die Welt macht uns ganz depressiv!« Was lernen wir
daraus? Ich bin offenbar ein depressiver Typ. Nur merke ich
das nicht, denn ich genieße das Leben, ich erfreue mich an
jedem einzelnen Tag. Was andere also als depressiv auffassen,
ist für mich Normalität.
GALORE: Wie gehen Sie damit um?
T.C. Boyle: Zynismus. Wenn du Scheiße schon nicht ändern
kannst, dann lache wenigstens drüber. Der Punkt, der meine
Feinde wohl am meisten aufregt, ist, dass ich ein verdammt
glücklicher Mensch bin. Das macht manche von ihnen geradezu
verrückt, sie wollen mich dafür umbringen, dass ich sie mit
der schonungslosen Wahrheit über diese Welt konfrontiere und
dabei auch noch glücklich bin. Weil sie selber das nicht können.
Was schreibe ich denn schon auf? Ich schreibe über die Magie
des Lebens, über dieses unbeschreibliche, einzigartige Phänomen
des menschlichen Daseins in all seinen Ausprägungsformen.
Und ich schreibe darüber so realistisch wie möglich. Dafür
soll ich also gehasst werden, nur weil einige wenige Traumtänzer
und weltfremde Idealisten die Wahrhaftigkeit des Lebens nicht
aushalten? Jeder hat seine eigene Art und Weise, damit umzugehen,
dass wir Tiere auf einem relativ großen Stück Stein mit einer
eigenartigen Zusammensetzung von Gasen sind, und keiner weiß
warum und wie das alles zusammen hängt. Ich schreibe eben
darüber, das ist meine Art.
GALORE: So gesehen ist Schreiben eine andere Form von
Religion.
T.C. Boyle: Exakt beobachtet. Ich schreibe über die Dinge,
die uns alle vor dem Einschlafen wach halten, die manche Menschen
Priester werden lässt, die so viele Menschen zur Religion
treibt: Was bringt uns Morgen? Wie wird sich etwas entwickeln?
Was wird sein? Das ist das Thema. Und so weit ich dieses Thema
verstehe, hat es einfach etwas deprimierendes an sich. Niemand
weiß, was kommt. Und alle ahnen, dass es nicht gerade besser
wird. Zwei Milliarden Menschen leben ohne festen Wohnsitz.
Es gibt immer mehr Lebewesen einer Sorte auf einem viel zu
kleinen Planeten. Das Tempo der Zerstörung anderer Spezies
beschleunigt sich immer mehr. Und ich bin überzeugt davon,
dass auch für unsere Spezies ein Crash bevor steht. Es muss
einfach, weil die Welt andernfalls implodieren wird. Dabei
liebe ich die menschliche Spezies, besonders die Frauen. Aber
es ist vorbei, ich kann das sehen. Es wird gar nicht mehr
lange dauern. Vielleicht noch nicht in dieser oder der nächsten
Generation, aber verglichen mit der gesamten Evolutionsgeschichte
ist das Ende sehr nah.
GALORE: Mit dieser Lebenssichtweise muss man wohl depressiv
werden. Oder eben zynisch.
T.C. Boyle: Das sag ich doch. Wenn du über diese Zusammenhänge
schreibst, dich tagtäglich damit auseinander setzt und Szenarien
erfindest, die einen Bezug zum wahren Leben haben sollen,
dann gibt es einfach keinen Ausweg aus diesem Realismus. Natürlich
muss man irgendwie darauf reagieren, aber da gibt es die unterschiedlichsten
Wege. Es kann schon sein, dass manche Leser Ein Freund
der Erde lesen und sich anschließend am liebsten an der
Duschstange aufhängen würden. Das tut mir leid, ehrlich. Aber
ich bin nicht dafür verantwortlich. Es ist einfach die Wahrheit.
Zumindest meine. Denn bei aller Diskussion um die Welt: Am
Ende drücke ich nur das aus, was ich persönlich sehe und fühle.
GALORE: Wenn Schreiben eine andere Form von Religion
ist: Brauchen Sie dann die kirchliche Religion? Das Thema
spielt in Ihren Büchern so gut wie keine Rolle.
T.C. Boyle: Bis zu meinem 13. Lebensjahr wurde ich streng
römisch-katholisch erzogen. Mein Vater hatte als Kind in einem
römisch-katholischen Waisenhaus in Irland gelebt, das ihn
stark geprägt hat. Meine Mutter war ebenfalls sehr katholisch.
In New York wuchs ich dann aber in einer jüdischen Gemeinde
auf, in der die Religionszugehörigkeit ziemlich egal war -
tatsächlich waren sie alle auf ihre Weise Atheisten. Sie versuchten,
smarter zu sein als der Rest, lustiger, individueller - all
das widerspricht der Idee von Religion. Sie alle waren getrieben
von einer sehr bizarren Form von Glauben an sich selber, nicht
so sehr an eine Kirche oder an einen Gott. Als ich also in
die Pubertät kam, sagte ich zu meiner Mom: »Ich habe die Bibel
gelesen, bin mit in die Kirche gegangen, ich hab's versucht.
Aber irgendwie mag ich an all diesen Zinnober nicht glauben.«
Und sie sagte: »Okay, es ist dein Leben. Ich möchte nur für
dich hoffen, dass du diese Entscheidung niemals bereust.«
GALORE: Haben Sie sie bereut?
T.C. Boyle: Nein, wenngleich ich im Verlauf der Jahre
meiner Studien der Welt heraus gefunden habe, dass auch die
Wissenschaft purer Voodoo-Zauber ist. Die Wissenschaft gibt
vor, eine Antwort auf drängende Fragen der Welt zu haben,
und ein paar Dinge sind mittlerweile vielleicht auch erklärbar:
Wir haben das menschliche Genom getroffen, wir wissen das
ein oder andere über Krankheiten, wir können dieses Glas hier
vom Tisch schmeißen, es wird runterfallen und kaputt gehen
- das ist Physik. Aber die einzigen wichtigen Dinge, die,
die wir wirklich beantwortet wissen möchten, werden wir niemals
erklären können. Das macht die Religion ja gerade so attraktiv
für manche Menschen, weil sie glauben, dort Antworten zu finden.
Doch was mich betrifft: Ich kann einfach nicht dem Kirkegaard'schen
Gedankensprung zustimmen, der besagt: Du kannst ruhig an Gott
glauben, gerade weil es so absurd ist an ihn zu glauben, weil
alles gegen seine Existenz spricht. Also glaube dran - das
Gegenteil wird ohnehin nie bewiesen. Würde ich gerne akzeptieren,
diese Einstellung, geht aber nicht. Ich habe es immer gehofft,
aber mittlerweile glaube ich, das wird nichts mehr.
GALORE: Wenn alles Voodoo und mystischer Unfug ist,
selbst die Wissenschaft: Woran soll man dann noch glauben?
T.C. Boyle: Das ist ja das Deprimierende. Alles, was
nach dieser Theorie noch übrig bleibt, ist die Einsicht, dass
das alles hier nur ein großer Unfall ist, und dass der Mensch
auch nichts weiter ist als ein zufällig entstandenes, wildes
Tier. Warum habe ich eine Frau und drei Kinder? Weil ich Sex
mag, den animalischen Trieb! Woher kommen denn Gedanken wie:
»Heiße Braut! Will ich flachlegen!«, wenn eine schöne Frau
zur Tür reinkommt? Weil wir alle dieses Animalische in uns
tragen. Es ist der ewige Kampf zwischen Seele und Verstand,
der uns zwischen den Extremen pendeln lässt. Schauen Sie sich
nur die katholische Kirche an, die ihren Nonnen und Priestern
das grundlegende animalische Bedürfnis der Fortpflanzung entzieht:
Es funktioniert nicht! Sie landen am Ende bei kleinen Jungen
oder Prostituierten! Also muss das falsch sein. Was hingegen
richtig ist: Ich habe keine Ahnung.
GALORE: Ein wenig schimmert da die Hippie-Ideologie
von Drop City durch: Lebe im Einklang mit der Natur,
freie Liebe für alle, keine Besitzansprüche, die Welt ist
ein magischer Ort. Würden Sie gerne die Zeit zurück drehen,
noch einmal das naiv und positiv verklärende Weltbild der
Hippies leben?
T.C. Boyle: Been there, done that. Hat ja auch
nicht funktioniert. Der Grund, warum ich gerade jetzt über
diese Ära geschrieben habe, ist: Seit jüngster Zeit, seit
Beginn des Informationszeitalters und des gläsernen Menschen,
ist diese Lebensidee endgültig jüngere Geschichte. Es wird
nicht mehr so nostalgisch verklärt, wie noch in den Büchern
von Tom Wolfe, Ken Keesey oder Tim Robbins. Es wird mittlerweile
verstanden: Es hat nicht funktioniert. Dieser Lebensentwurf
ist vollkommen utopisch. Was ich mit Drop City wollte,
ist einen vollkommen unkomischen, ungeschönten Tatsachenbericht
über eine Ära schreiben, die an ihren eigenen Ambitionen zu
Grunde ging. Alle, auch die Hippies, mussten irgendwann einsehen,
dass man unmöglich mit so vielen Menschen auf ein und demselben
Planeten leben kann, ohne ihn zu absorbieren, mit Landwirtschaft
und Zivilisation zu bedecken und somit am Ende zugrunde zu
richten. Menschen sind Alpha-Raubtiere, wie Grizzlybären oder
Haie. Und Alpha-Raubtiere können nun mal nicht im Einklang
mit der Natur leben, weil sie sich von ihr ernähren. Sie haben
zudem einen großen Bedarf an Nahrung - es muss also jemand
anderes darunter leiden. Und sie brauchen Platz, weil sie
eigentlich keine Herdentiere sind. Nun: Für den Menschen,
das inzwischen am Abstand weit verbreitetste Alpha-Raubtier,
wird's langsam eng auf diesem Planeten. Deshalb bin ich ja
auch so überzeugt davon, dass demnächst der große Knall kommt
und uns alle abholt. Es sind nicht mehr genug Ressourcen für
alle da.
GALORE: Eingangs sprachen wir über Obsessionen, Abhängigkeiten.
War es nur die obsessive Arbeit, die Ihnen aus Ihrer Heroin-Sucht
geholfen hat?
T.C. Boyle: Die Arbeit und die Liebe meiner Frau. Sie
war bereits damals meine Freundin. Ohne sie und das erschreckende
Erlebnis, dass ein guter Freund von mir sich den goldenen
Schuss gesetzt hat, wäre ich aus dieser Sucht wahrscheinlich
nicht heraus gekommen. Ich habe sehr bescheuerte Dinge getan,
mein Leben riskiert, meine Daseinsberechtigung als Mensch.
Sie müssen sich vorstellen: Ich habe schon gedrückt, als ich
noch als Lehrer an einer Schule in New York tätig war. Die
Liebe meiner Frau, die Arbeit und das glücklicherweise rechtzeitig
einsetzende Gefühl, dass es so nicht weiter geht, haben mir
aus der Sucht geholfen.
GALORE: Sie haben damals, auf dem Höhepunkt Ihrer Abhängigkeit,
angefangen, Kurzgeschichten zu schreiben.
T.C. Boyle: Das stimmt.
GALORE: War das Schreiben, der kreative Prozess ein
anderer?
T.C. Boyle: Nur in der Form, dass diese Aufgabe, das
Schreiben als solches, neu für mich war. Mein Lebensinhalt
bestand damals daraus, in den richtigen Clubs abzuhängen,
einen Haufen Deadheads zu treffen, high zu werden und den
Tag zu verplempern. Durch das Schreiben habe ich entdeckt,
dass es noch etwas anderes in meinem Leben gibt, was mich
zutiefst mit Befriedigung erfüllt. Ich habe dadurch kapiert,
dass diese Typen, mit denen ich rumhing, nichts anderes waren
als ein Sack voller Junkies, die keine Bücher lesen, keine
Inspiration haben und den ganzen Tag über das große Nichts
diskutieren. Dank des Schreibens habe ich entdeckt, dass Rebellion
auch anders funktionieren kann als Drogen zu nehmen. Beim
Schreiben selber hingegen gab es keinen Unterschied. Ich habe
an einem bestimmten Punkt meines Lebens einfach die »Reset«-Taste
gedrückt und von vorne angefangen.
GALORE: Was treibt einen intelligenten jungen Mann
mit einem Job, einem festen Wohnsitz und einer liebenden Freundin
zu einer Droge, die bereits nach dem ersten Schuss abhängig
macht?
T.C. Boyle: Zunächst: Es ist ein nur Mythos, dass du
beim ersten Schuss abhängig wirst. Das stimmt einfach nicht.
Und zweitens: Es gibt nun mal so etwas wie Selbsthass und
Selbstzerstörung, und dieses Phänomen hat mich wohl mehr als
andere erwischt. Du musst Junkie sein wollen, um einer zu
werden. Es ist eine ganz klare vorsätzliche Entscheidung.
Du willst dir Schmerz zufügen und gleichzeitig einen Ausweg
aus dem Schmerz deines Lebens finden. Manche Menschen glauben
eben, dass Heroin da der beste Ausweg aus diesem Dilemma ist.
GALORE: Ist jemals eines Ihrer drei Kinder auf Sie
zugekommen mit dem Wunsch, es einmal mit Drogen zu probieren?
T.C. Boyle: So weit sie mich darüber in Kenntnis gesetzt
haben: nein. Das ist ja das Schöne an einer jungen Generation:
Sie muss sich immer gegen die Gewohnheiten und Sichtweisen
der Eltern auflehnen, das exakte Gegenteil tun. In meinem
Fall bedeutet das: Meine Kinder sind extrem straight, weil
ihr Vater all diesen Ausstiegsscheiß schon gemacht hat. Sie
studieren hart, sie konzentrieren sich auf ihre Ziele. Rebellion
heißt heutzutage: Clean bleiben, Ziele haben, das Slackertum
der Eltern verachten.
GALORE: Haben Ihre Kinder Ambitionen zu schreiben?
T.C. Boyle: Meine Tochter schreibt, ja. Sie hat demnächst
ihren ersten großen Auftritt auf einem Schreiber-Festival
in New York. Sie scheint bereits auf einem guten Weg zu sein,
eine brillante Schriftstellerin zu werden. Was das Schöne
ist: Ihre Geschichten sind in jeder vorstellbaren Beziehung
vollkommen anders als meine eigenen.
GALORE: Das müssen sie auch - sonst gäbe es da wohl
den lebenslangen Wettkampf-Gedanken: Werde ich besser als
mein Vater? Wie emanzipiere ich mich? Das Kirk- und Michael-Douglas-Drama
auf Schreiberebene.
T.C. Boyle: Vollkommen richtig! Ich bin auch selber sehr
froh, dass es so ist. Ähnlich ist es mit meinen Studenten:
Kaum einer hat einen ähnlichen Stil wie ich. Im Gegenteil:
Sie versuchen sich bewusst abzusetzen von den Impulsen ihres
Mentors.
GALORE: Was ist das Schlimmste an unserem Planeten?
T.C. Boyle: Menschen. Ohne sie wäre alles in Ordnung.
Oder nein: Männer. Frauen sind toll. Ich liebe sie. Frauen
würden den Planeten niemals in einer Weise zerstören, wie
es der Mann tut. Unsere Spezies ist außer Kontrolle. Der Mann
sollte viel stärker über eine zentrale Frage nachdenken: Sind
die Dinge wirklich existent, nur weil wir sie wahr nehmen?
Wir glauben so vieles wahrzunehmen, zu realisieren, was lediglich
in unserem kranken, fehlgeleiteten Geist existiert. Wenn es
uns nicht mehr gibt, wird es auch all die Dinge, die wir als
globales Problem ansehen, von heute auf morgen nicht mehr
geben. Unsere Wahrnehmung ist doch ein einziger Scheiß. Nehmen
Sie nur meinen Hund: Er ist zu Hause, ein paar Minuten Fußweg
von hier, und er kann uns riechen. Er weiß, dass wir hier
sind. Können Sie ihn riechen? Hören? Spüren? Also: Warum nur
kommt der Mensch immer wieder auf die Idee, das Lebewesen
mit den optimalen Voraussetzungen zu sein, um diese Welt zu
beherrschen?
GALORE: Worüber sollten wir alle mal mehr nachdenken?
T.C. Boyle: Wir sollten alle mehr darüber nachdenken,
mindestens 70 Prozent unseres Einkommens darauf zu verwenden,
T.C.-Boyle-Bücher zu kaufen und den verbleibenden Rest an Arme,
Bedürftige oder Naturschutz-Organisationen zu spenden. Und
wir sollten überall auf der Welt, in jeder einzelnen verdammten
Stadt, T.C.-Boyle-Buchshop-Baracken errichten, die so groß sind,
dass dort mindestens vier Obdachlose leben können, die sich
mit dem Verkauf meiner Bücher ihr Leben finanzieren. (lacht)
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