|
Die Zeit: Herr Boyle, schon in Ihrem Roman América von 1995, in dem es um illegale mexikanische Einwanderer geht, wüten Brände in Kalifornien. Wofür steht das Feuer in Ihrer Geschichte?
T.C. Boyle: In der Natur ist der Mensch nichts weiter als ein Tier. Wir leugnen das gerne und glauben, auf einer höheren Stufe zu stehen. Aber wenn wir uns, so wie jetzt wieder, bewusst machen, was das Universum über uns bringen kann, wird die Dialektik zwischen diesen beiden Polen deutlich. In América stehen sich zwei Lager gegenüber ...
Die Zeit: ... mexikanische Einwanderer und wohlhabende Kalifornier.
T.C. Boyle: Beide sind Katastrophen gleichermaßen ausgeliefert, die Natur beweist uns, dass ethnische Unterschiede nebensächlich sind.
Die Zeit: Waren Sie vom Feuer bedroht?
T.C. Boyle: Nein, aber wir haben Evakuierte bei uns beherbergt. Freunde meiner Tochter waren bis gestern zu Besuch, weil sie nicht in ihr Haus in La Joya nahe San Diego zurückdurften. Zum Glück wurde es nicht zerstört. Aber auch jeder, der hier in Santa Barbara County wohnt, kann jederzeit davon betroffen sein. Wir hatten bisher einfach Glück. Vor ein paar Tagen gab es sehr starke Winde, wenn da irgendwo in der Nähe unseres Hauses ein Feuer ausgebrochen wäre, hätte es uns alle töten können. Das Feuer kann mit so einer Geschwindigkeit die Hügel herunterkommen, dass es innerhalb einer Stunde bei uns nahe dem Meer angelangt ist. Auch wenn es noch meilenweit entfernt ist, riechen wir den Rauch und haben Asche in unserem Hof.
Die Zeit: Haben Sie je daran gedacht, die Gegend zu verlassen?
T.C. Boyle: Ständig. Ich überlege mir schon, nach München zu ziehen und mir ein Haus an einem See zu kaufen. Da gibt es keine Erdbeben und keine Feuer.
Die Zeit: Sie scherzen.
T.C. Boyle: Na ja, ich liebe die Gegend, in der ich lebe. Ich bin ein Californian guy geworden. Bis zu meinem 21. Lebensjahr war ich nie westlich des Hudson-Flusses gewesen. Der Grund, warum ich nach L.A. kam, war meine Arbeit. Ich hatte gerade meine Doktorarbeit fertig, war Schriftsteller und wollte einen Job als Professor. Den bekam ich an der University of Southern California. Mittlerweile bin ich sehr glücklich hier. Besonders an Februartagen, wenn ich Freunde in New York anrufe und frage, wie es ihnen geht, während ich zum Strand gehe und sie gefrorene Hundekacke wegschaufeln.
Die Zeit: In Ein Freund der Erde haben Sie den Klimakollaps ins Jahr 2025 verlegt. Nun deuten Wissenschaftler die Dürre in Kalifornien schon als Folge steigender Temperaturen. Waren Sie zu optimistisch in Ihrem Buch?
T.C. Boyle: Vielleicht. Die globale Erderwärmung ist ein Fakt. Aber ob das nun zu den wärmeren El-Niño-Zyklen führt, wie wir sie gerade haben, muss man noch untersuchen. Die Feuer sind kein neues Phänomen, das Problem ist, dass immer mehr Leute raus in die Canyons ziehen. Dort hat es schon vor hundert Jahren gebrannt, aber damals lebte niemand dort.
Die Zeit: In einem Interview sagten Sie: Alles, was wir Amerikaner tun, macht ihr Deutschen auch bald. Warum sind wir beim Klimaschutz den USA voraus?
T.C. Boyle: Wir leben unter einer republikanischen Regierung, die nur daran interessiert ist, Geschäfte zu machen. Ein großer Unterschied zwischen unseren Nationen ist, dass es in Deutschland schon seit Jahrhunderten keine Wildnis mehr gibt. In den USA hingegen hat man immer noch diesen Pioniergeist, diese Cowboymentalität. Wir glauben, wir verfügen über unbegrenzten Raum und unerschöpfliche Ressourcen. Die Natur wird als etwas gesehen, das bekämpft werden muss. In meinem Roman Drop City habe ich mich mit der Hippiebewegung beschäftigt, ihre Anhänger wollten nachhaltig leben, ihre Nahrung selbst anbauen. Aber bei der enormen Überbevölkerung der Erde ist es unmöglich, so zu leben. Wir sitzen in einem Zug nach nirgendwo.
Die Zeit: Ein Trost: Klimaschützer Al Gore hat den Nobelpreis bekommen.
T.C. Boyle: Das ist großartig, ein Schlag ins Gesicht von George W. Bush. Aber natürlich ist die Zerstörung schon weit vorangeschritten. Wir reden hier über das Feuer in Kalifornien. Aber sehen Sie sich mal das Feuer im Irak an, das ist die fortgesetzte Zerstörung der Erde. Und laut UN sind in diesem Jahr 6,2 Millionen Menschen verhungert - wie soll man da nicht depressiv werden?
Die Zeit: Sie klingen immer sehr pessimistisch, fast als laute die Essenz: Rette den Planeten, töte dich selbst.
T.C. Boyle: Das ist natürlich ein morbider Scherz. Als ich Ein Freund der Erde schrieb, wollte ich nicht, dass die Menschen die Hoffnung aufgeben und druchdrehen. Aber ich habe keine Lösungen, ich bin einfach ein besorgter Mensch, der zufällig künstlerisch tätig ist. So gut es geht, schütze ich die Umwelt, ich habe ein Biotop in meinem Garten angelegt, ich recycle fanatisch, aber es ist eine Sisyphusarbeit.
Die Zeit: Was ist ein fanatischer Recycler?
T.C. Boyle: Wir sind eine fünfköpfige Familie. Aber der Müll, der jede Woche unser Haus verlässt, passt in eine kleine Tüte.
Die Zeit: Wieso machen Sie sich die Arbeit, wenn es doch keine Hoffnung gibt?
T.C. Boyle: Ja, es ist schizophren. Vermutlich kann man aus einigen meiner Arbeiten schließen, ich sei pessimistisch und verbittert. Aber nein, ich erfreue mich meines Lebens sehr. Mein persönlicher Beitrag zum Umweltschutz ist, dass ich dennoch eines Tages sterben werde.
|