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| Schluss mit
cool |
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| Folgende Rezension haben
wir auf den Internetseiten des Leipziger Magazins PNG (Persona
Non Grata e. V.) gefunden. Das heißt, wir wissen nicht genau,
ob es sich hier um eine Buchbesprechung handelt. Vielleicht
steht auch nur die Kritik in der Kritik. Lesenswert ist der
Text auf jeden Fall. Deshalb bedanken wir uns bei Rainer von
PNG online, dass er uns seine mit Kalkül aneinandergereihten
Buchstaben zur Verfügung gestellt hat. |
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| Schluss mit cool |
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Der Blick auf den Titel legt zwei
Vermutungen nahe: Entweder ist dem jungen Altmeister amerikanischer
Prosa inmitten seiner bisherigen Unfehlbarkeit bei der Titelauswahl
die Hand ausgerutscht, oder die gefürchtete Blutkretsche der
Übersetzung hat hier mal wieder zugeschlagen. Ein kurzer Blick
hinter das sogenannte Schmutzblatt bestätigt die Annahme, dass
die Originalausgabe dieses (nicht mehr ganz druckfrischen) Erzählbands
von Thomas Coraghessan Boyle einen gänzlich anderen, bei weitem
wohlklingenderen und sinnigeren Titel, als die deutsche Übersetzung
trägt. After the Plague lautet dieser, er ist ebenfalls
einer gleichnamigen Erzählung dieser Sammlung entnommen, aber
im Gegensatz zu dem bemüht zeitgeistigen-geistlosen Slogan,
hätte er ohne Bedenken Pate für die anderen fünfzehn Erzählungen
stehen können - ein Leben (wie) nach der Pest.
Die Wahl fiel jedoch auf Schluss mit cool, nun ja, wer’s
mag. Als Titel für die dazugehörige Story durchaus tragbar,
für das ganze Buch kaum erträglich. Zu allem Überfluss purzeln
die drei miteinander kombinierten Worte noch einem gekrönten
und in pinken Flitter gehüllten Hundi aus dem gähnenden Maul,
so als ob er den Coolschluss bellend befiehlt. Meine Güte, ganz
schön punkig. Da hamm wa die Jungleser im Sack, wa? Nun, Schluss
mit uncoolem Gestänker, was das Äußere des Buches in der uns
vorliegenden Form angeht, es geht um Inhalte, nicht um Aushalte.
Sollte man meinen. Selbsternannte Inhaltsaufsichtsbevoll-mächtigte,
auch Feuilleton genannt, singen dazu ihr Ständchen am laufenden
Bändchen. Nun, Boyle, was hat das jetzt mit ihm zu tun, nicht
viel, und doch eine ganze Menge. Ist doch auch er einer der
Auserkorenen (schon immer gewesen), der als einer dieser bunten
Tischtennisbälle beim niemals endenden Rundlauf der Kulturreplikanten
fungieren darf. In anderen Worten: Das Feuilleton hat sich längst
auf ihn eingeschossen, und schießt immer mal wieder munter weiter
seit inzwischen bald zwanzig Jahren.
An ein solches Weiterreichen mit Schulterklopfen hat man sich
längst gewöhnt, das ist nichts Neues, durch die Wiederholung
wird es aber auch nicht minder widerwärtig, es ist nicht tragisch,
nur brechreizerregend und bei Autoren wie Boyle wird, als kleiner
Trost, wenigstens nicht haltlos überbewertet. (Das Paradebeispiel,
weiterhin, für die schwartekrachenlassende Überbewertung eines
Feuilletonziehkinds sondergleichen: Houellebecq. Ich find' den
ja gut, wirklich nicht schlecht, aber, um Himmels Willen, in
erster Linie packt da jemand einfach seinen Schwanz auf den
Ladentisch, stellt sich auch alles andere als doof dabei an,
und alle parieren in einer Hysterie, als hätten sie diese einstudiert
... Aber sparen wir uns weiterer Worte.)
Man hat sich darauf geeinigt, dieser Mensch wird nicht gesteinigt.
Wurde einem Künstler diese kollektive Zuneigung erst mal bekundet,
so sollte auch eine Gegenleistung erbracht werden oder vielmehr
wird diese stillschweigend eingefordert, und zwar in der Form,
dass man den Liebling gefälligst auch nach dem eigenen Bilde
herumreichen darf. Ganz vermeiden lässt sich das bei dem subjektiven
Rezensionsgeeiere sowieso nicht, logisch, aber dieser monotone
Singsang auf einem Ton, der aus allen erdenklichen Himmelsrichtungen
erschallt, kann es nun wahrhaftig nicht sein. Da kann man als
Künstler wissend und grinsend drüberstehen, der Rezipient hat
den Dreh hoffentlich auch schnell raus, dass der Geduldsfaden
des Papiers dehnbar bis ins Unendliche ist; falls nicht, »informiert«
er sich zusätzlich zu seinen zahlreichen Abos noch bei »Aspekte«.
Richtig kuschelig wird es allerdings dann, wenn der Grundtenor
dieser ach-so-geliebten Kunst, nichts Geringeres ist als eine
herzblutende, (ja, verdammtnochmal Herzblut, darunter schreibe
ich keine Rezension mehr) und inbrünstige Anklage an die Welt
und das Heraufbeschwören von dessen baldigen Untergangs ist.
World's End. Schluss mit lustig. Mit einer Erektion so
knallhart wie dieses Leben, die Hose mächtig ausgeboylt (Feuilletongebot
der ersten Stunde: Wortspiele mich oder töte mich, kurz: Womiotömi.
Im Idealfall beides), setzt sich Herr Chefredakteur persönlich
an die x-te Huldigung dieses durchaus bemerkenswerten Autoren
und rammt seine Worte in den fruchtbaren Boden seines Blatts,
dabei eins und eins addierend: Wenn Sex sells macht das
Morbide auch nicht frigide. Gut, nach dem elften Bier - nicht
September, nein, nein, der nicht - muss man auch damit ein Müh
sparsamer haushalten, aber eine überschaubare Zahl, ein exakt
ermittelter Prozentsatz, an düsteren Ergüssen der Prinzen der
Finsternis hat noch keinem Metier zu keiner Zeit geschadet,
mal darf’s wie beim Metzger a bisserl mehr sein, mal verlangen
die Umstände das zartbesaitete Gemüt der gestrauchelten Menschheit
zu schooonen.
Ich gestehe es ein, da bin ich jetzt wohl ein wenig vom Weg
abgekommen. Ich gestehe außerdem ein, dass sich der Zusammenhang
zwar erschließen mag, aber es gibt gewiss andere Autoren, bei
denen dieser einheitliche Chor im Blätterwald deutlicher erschallt.
Und trotzdem, dieser Autor hat schon immer etwas zu sagen gehabt
und tut es weiterhin. »Nach der Pest« ist der buchgewordene,
aber nichtsdestotrotz lebende Beweis dafür, dass bei Kennst-du-schon-den-neuen-TC
der Ausverkauf keinerlei Schaden angerichtet hat, ausgebrannt,
i wo. Gut, noch ein Eingeständnis, ein letztes: Nach Lesen der
zweiten Erzählung »Nicht zimperlich« war ich zunächst entsetzt,
schockiert, später am Boden zerstört. Sie ist sicherlich kein
völliger Schuss in den Ofen, aber Prickeln will sie auch nicht
so recht, gar nicht, um es genau zu sagen. Ungefähr zur Hälfte
der Erzählung kroch der Wurm eines ketzerischen Gedankens aus
dem sicher geglaubten Gehäuse meines Anstands und flüsterte
mir zu: Wenn die Geschichte mit genau der Pointe - Pointe, Igitt!
- enden sollte, wie du bereits vermutest, hast du ein Problem.
Die Geschichte endete. Und ich hatte ein Problem.
Wie geschieht mir, rief ich hilflos, als ich benommen über das
leberwurstgraue Linoleum der Küche taumelte, Halt suchte an
der matter denn je glänzenden Spüle und mir mit zitternder Hand
Orangensaft über mein weißes T-Shirt schüttete, damit wenigstens
der Anschein von Farbe in mein Leben zurückkehre. Ich irrelevant-wanziger
Popelpoppostillenschmierant maße mir an, an einer Erzählung
von Boyle herumzukritteln? Wie schlecht muss ich noch werden,
damit die Schlechtigkeit dieser Welt ihre mit modrigen Algen
verhangenen Arme fest um mich schlingt? Ich las sie noch mal
quer, um mich selbst zu widerlegen, das ist gut, und das hier
ist gut, und das auch noch, hechelte ich gehetzt vor mich hin.
Aber ich konnte es drehen und wenden wie ich wollte, alles in
allem war sie schlichtweg enttäuschend. Wegen dem Schluss, ja,
allein wegen dem Schluss.
Warum lese ich denn Amerikaner? Doch nur wegen ihrer eigentümlichen
Meisterschaft Erzählungen zu beenden (Stimmt’s auch nicht ganz,
die Dramaturgie verlangt’s). Geschichten, die voll Traurigkeit
und Verzweiflung sind, die enden niemals: Da ist einfach Schluss,
hat einmal ein im hiesigen, verstuckten und verbarrten (Großes
Theater), verkrachten (Remember Masernland, nein, besser noch
Phrasenland, sein fulminant pubertätsklebriges Debütantenwerkstück)
und verlöfflerten (ihres Zeichens Herausgeberin der Zeitschrift
Schöner Lesen, wie jeder weiß, und annodazumals quälende Quartettquotentante
mit Schmollfaktor zehn, was sowieso jeder weiß), verbohlten
(obwohl, diese Ehre wollen wir ihm eigentlich nicht zuteil werden
lassen, na ja, er grinsbackt so eifrig) und verschulzten (ja,
ja, auch der Ingo, oder gerade der, ich will nichts gegen seine
Literatur sagen, gefallen hat es mir nicht, aber ich räume ein,
dass ich auf diesem Auge mitunter ein wenig blind bin, vielleicht
einen schlechten Tag erwischt hatte, was weiß ich. Fraglos krumm
nehmen durfte man diesem bundesostdeutschen Vorzeigeami, dass
er sein Carverfantum so weit trieb, indem er der bestialischen
Vermessenheit frönte, gemeinsam mit Richard Ford eine Lesung
mit Carvertexten zu bestreiten, ohne sich zuvor die Übersetzung
der doppelten und daher dringlichen Bitte Would you please
be quiet, please zu Gemüte geführt zu haben.) und, um diese
noch Stunden fortführbare Liste zu verkürzen, dem allgemein
verpopten (Pop als Synonym für Unfertiges, erachtet es längst
nicht mehr für nötig das Haupt zu senken und verschämt Trauerränder
unter den Fingernägeln hervor zu pulen, wenn er von Mutter Literatur
zur Rede gestellt wird, wo er denn die ganze Zeit gesteckt habe.
Schau an, wie frech er grinst, der Bezichtigte. Ups, wie klassisch,
der Spiegel ...) und im hinterseeischen, literarischen Größenwahn
hoffnungslos unterschätzter Amerikaner, diese Wahrheit in die
Gebotstafel seines Meisterwerks (Maro sei Dank) gehämmert. Den
Namen des Autoren müsst ihr schon selber rausfinden, Hemingway
war’s nicht, soviel sei verraten. Aber den kennen ja die meisten
Autoren hierzulande als Begleitlektüre zum eigenen trilerarischen
Schaffen, weshalb man sich schon mal duzen darf, Ernie and
me. Begriffen haben das inzwischen schon etliche, mit dem
Aufhören, nur beherrscht es hier niemand. Aber ich schweife
schon wieder ab, und die Zeilenpolizei hängt mir auch schon
an den als Klammern getarnten Fußnoten. Ich wollte lediglich
beanstanden, dass mir die eine, die zweite Geschichte, nun ja,
sozusagen zu einem zu sehr europäischen Finale fand, so wie
ein Tatort endet oder eine Langzeitarbeitslosigkeit, am Ende
kommt es immer noch dicker als erwartet. (Wie spektakulär endet
denn eine LZA, höre ich da jemand fragen. Wartet’s ab, kann
ich da nur sagen). Aber wahrscheinlich treibe ich nun die Übertreibung
über Spitzfindigkeiten in eine Maßlosigkeit. Und da fiel mir
gleich ein weiterer Ausspruch eines guten Bekannten wie ein
Knopf in die Bettelschale zur Sanierung meines Seelenheils.
Sinngemäß lautete dieser, dass die einzige Kritik, die man dem
Recherchegott Boyle machen könne, diejenige wäre, dass er zu
perfekt sei, dass die lebendigkeitsfördernde Komponente Mensch
samt seiner Fehlerchen meist auf schier unheimliche Art und
Weise ausgespart bliebe.
Da gibt es wahrlich schlimmere Kritik, und ich weiß nicht, ob
ich ihm damit recht geben kann, in gewisser Weise vielleicht,
zumindest teile ich mit ihm dieses beängstigende Gefühl, das
einen beschleicht, wenn man immer wieder aufs Neue eingestehen
muss, wie gut dieser ausgefuchste Hund da schreibt, unangreifbar,
seine Sätze sitzen sicher, so dass man sich fast wünscht, die
eine oder andere Schlampigkeit möge sich da einschleichen. Aber
nun kann ich mich nicht mehr beschweren, da habe ich den Salat,
mit überwürzten Dressingbeutelchen, Kopfsalat, ein Riesentrümmer,
weiß nicht wohin damit. Ich stehe an der Spüle und schöpfe ihn
ab, als mir die einzige Alternative zur Rettung, die mir bereits
in den Sinn gekommen war, nun auch endlich über die selbstgesprächigen
Lippen purzelte: Weiterlesen. Womit ich mich nun auch endlich
zu dem einzigen vernünftigen Wort in diesen vermaledeiten Zeilen
herabgehangelt hätte. Weiterlesen, wage es.
Tja, und ich tat wahrlich gut daran. Aber den Teufel samt seinen
scheußlichen Schergen werde ich tun, der überflüssigen Wortaddition
noch weitere Hülsen draufzupacken. Das sollen mal die anderen
machen, die von der benannten Claqueurenclique, die haben den
Bogen raus, nicht so überspannt, immer schön lässig, treffsicher
sowieso und stets auf der Seite der Guten. Weshalb mir simplement
folgender alt- und aufgebackene Slogan hinter den in greifbare
Nähe gerückten, doppelten Punkt zu setzen bleibt: Stay at
home, read this book. |
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| Verwendung des Artikels auf www.tcboyle.de
mit freundlicher Genehmigung von Rainer Dinser, PNG online. |
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