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»Diese perfekte kleine Welt habe ich nicht geplant, aber hier ist sie.« (T.C. Boyle)
 
Autor trifft Stimme
Im Mai 2005 tourten der Kultautor T.C. Boyle und Schauspieler Jan Josef Liefers gemeinsam durch Deutschland. In Boyles Heimat Kalifornien hatten sich die beiden Stars der BRIGITTE-Lesetour wenige Monate zuvor erstmals getroffen und kennengelernt.
 
 
Jan Josef Liefers bei T.C. Boyle
 
Was für 'ne Begrüßung. Da steht T.C. Boyle in seiner Haustür und ruft, unverkennbar Mitleid in der Stimme: »Mann! Wie siehst du denn aus?« Jan Josef Liefers grinst leicht gequält. Wie er aussieht? Den Umständen entsprechend, danke. Übermüdet, gejetlagt, drei Flüge in den Knochen. »Ich bin Jan«, sagt einer der beliebtesten Schauspieler Deutschlands und reicht seinem Gegenüber die Hand. »Ich bin Tom«, sagt einer der berühmtesten Schriftsteller der Welt und nimmt sie. Führt Liefers durch das Wohnzimmer auf eine kleine Terrasse. Bietet ihm Tee an. Liefers blinzelt in die kalifornische Nachmittagssonne und atmet tief durch. Angekommen. Endlich.

35 Stunden hat er gebraucht. 35 Stunden bis zu dem Mann, dessen deutsche Stimme er ist. Liefers liest das Hörbuch zu Boyles Roman Dr. Sex. Und er wird ab dem 17. Mai [2005] viel Zeit mit dem Schriftsteller verbringen, denn an diesem Tag startet die BRIGITTE-Lesetour durch Deutschland. Boyle und Liefers werden dann aus dem Buch lesen, sich Bälle zuspielen und sich und alle anderen auf höchstem Niveau unterhalten. In Hamburg geht es los, genau wie die Kennenlern-Reise des Jan Josef Liefers.

Von hier aus ist er nach München gedüst, in extrem mieses Wetter. Den Direktflug nach Los Angeles unverschuldet verpasst, neun Stunden später nach New York gejettet, drei Mützen voll Schlaf in einem Flughafenhotel. Am nächsten Morgen aus dem eisigen Big Apple fünf Stunden ins sonnengetränkte L. A. geflogen. Raus aus dem Jet, rein in den gemieteten Cadillac. Schnell nach Venice Beach, bei 22 Grad raus aus den Schuhen, Füße ins Wasser. Auf den Pacific Coast Highway, Fenster runter, Radio an, links zieht der Pazifik vorbei, rechts Malibu und Santa Monica. 120 Meilen später Santa Barbara. T.C. Boyle lebt hier, nebenan, in Montecito.
 
Boyles Haus, gebaut im Jahre 1909
von Architekten-Legende Frank Lloyd Wright
 
Und wie: Das Haus des Schriftstellers ist eine kleine Sensation. Die Architekten-Legende Frank Lloyd Wright hat es 1909 gebaut, »das erste Haus von ihm in Kalifornien«, sagt Boyle. Japanischer Teehaus-Stil, komplett aus Holz, 172 Fenster hat irgendwer mal gezählt. Im Wohnzimmer stößt Boyle fast an die Decke mit seinen 1,91 Metern. Er ist der vierte Besitzer, »vorher wohnte hier eine verrückte alte Dame«, erzählt er. »Wenn ich einmal sterbe, wird das Haus wieder einer verrückten alten Dame gehören: meiner Frau.«

Boyle kommt aus den Peekskill Mountains, drüben Richtung Ostküste. Woodstock ist nicht weit weg, und er war damals dabei, in jeder Beziehung: freie Liebe, freie Wahl der Drogen, das Leben Rock 'n' Roll. In den 70ern, da schon ein viel versprechendes literarisches Talent, ist er nach Los Angeles gezogen, Ende der 80er nach Santa Barbara, mit seiner Frau und drei Kindern. Hat die viel zu große Stadt eingetauscht gegen ein perfektes Idyll. Hohe Palmen, feiner Sandstrand, Yachthafen, eine im Kolonialstil durchgestylte Einkaufsstraße. Dahinter steigen sanft und spektakulär Weinberge in den Himmel - Santa Barbara könnte man sich nicht schöner malen. Da ist viel Geld im Spiel, das steht mal fest. Viel saturiertes Großbürgertum. Und mittendrin Thomas Coraghessan Boyle, der Spießerschreck. Der Ex-Hippie, Ex-Junkie, Ex-Kommunarde. Wie passt der hier rein?

»Och, ganz gut«, sagt er. Er hat hier alles, was er so braucht: seinen Supermarkt, seine Bank, seine Kneipen, die Berge zum Wandern und die Hütte in den Wäldern zum Schreiben. 56 ist er inzwischen und immer noch eine schräge Erscheinung: so dünn wie lang, die roten Haare stehen wie eine Drahtbürste vom Kopf. Ein Ohrclip links, Lachfältchen an beiden Augen. Er schenkt Tee nach, selbst gebrüht, liebevoll gereicht in einem Service mit blauen Blümchen. Überhaupt: Er ist hier der Hausmann. Kocht, putzt, kümmert sich um den Garten, der nach Eukalyptus duftet. Seine Frau? »Die gibt das Geld aus, das ich verdiene.« Er meint es nicht so.

Jan Josef Liefers erzählt von einer Radtour, die er hier mal gemacht hat, von Vancouver nach Los Angeles in einem Monat. 1990 war das, gleich nach der Wende, da ist er rübergekommen mit seinem Freund Tobi. Die ganze Küste sind sie runter mit dem Rad, »wir waren garantiert die ersten Ostdeutschen.« Und da unten, am Strand von Santa Barbara, haben sie auch eine Nacht verbracht. »Oh, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich euch im Gästehaus schlafen lassen«, sagt Boyle.

Zeit für Gastgeschenke. Jan bringt ihm ein Hörbuch mit, das erste, das er von T.C. Boyle eingelesen hat, Kurzgeschichten. Klasse, sagt Tom, »die kommt ins Archiv, ich sammle das, ich habe Tonnen von meinem Zeug aus aller Welt«. Jan legt noch die CD von Dr. Sex drauf - »hat mich ne Woche gekostet im Studio«, sagt er. Und noch eine CD wechselt den Besitzer, mit selbst gemachter Musik, schließlich ist Jan Josef Liefers noch Musiker neben der Schauspielerei. »Ich habe früher auch in einer Band gespielt«, sagt Boyle, »Garagenmusik, Saxophon und Gesang, nur so zum Spaß.« Liefers lacht: »Viel mehr ist das bei mir auch nicht.« Das ist schwer untertrieben, schließlich war das Album »Oblivion« ziemlich erfolgreich. Im Moment bastelt Liefers an einer CD mit deutschen Texten. Beide Männer haben angefangen mit Rock'n'Roll-Träumen - berühmt geworden sind sie in anderen Disziplinen. Schade irgendwie, sagt Jan: »Ein gutes Konzert ist der direkteste Weg in die Herzen der Menschen.«

»O ja«, sagt Tom, »Musik ist wirklich die größte aller Künste.« Wenn alles klappt, wird es auch bei der BRIGITTE-Lesetour eine Band auf der Bühne geben - Water music, benannt nach T.C. Boyles Debütroman Wassermusik. Und so wie die Jungs drauf sind, rocken sie bestimmt eine Runde mit.

Jan erzählt, dass er aus Dresden kommt. Dass es im Osten so gut wie unmöglich war, mit seiner Vorstellung von Musik toleriert zu werden, so ist er schließlich Schauspieler geworden. Tom erzählt, dass er irische Vorfahren hat, tatsächlich hat er mal ein paar Monate in Irland gelebt, Spurensuche. »Aber ich wollte dann schnell wieder heim, um zu sehen, wie die Dodgers spielen - ich bin sehr gern Amerikaner.« Dabei schimpft er gern auf seine Heimat. Natürlich wegen Bush. Dessen Wiederwahl hat ihn ziemlich genervt, noch mehr nervt ihn das bigotte, reaktionäre Klima, das Bush geschaffen hat. »Ich weiß, dass ihr euch in Deutschland Sorgen macht wegen Bush«, sagt er, »aber keine Angst: Es sind nur noch vier Jahre mit George W., und dann noch acht mit seinem Bruder Jeb, dem Gouverneur von Florida. Danach könnten wir wieder eine liberale Regierung bekommen.« »Ha«, sagt Jan, »vergiss nicht die Töchter von Bush.«

Vielleicht ist dieses reaktionäre Klima aber dafür verantwortlich, dass Dr. Sex, Boyles biografischer Roman über Alfred Kinsey, so erfolgreich ist - ein Roman über einen Mann, der die sexuelle Befreiung eingeleitet und behauptet hat, dass nichts pervers und alles okay ist. »Was fasziniert dich eigentlich an diesem Dr. Kinsey?«, fragt Liefers. Dass der in seinem Projekt so aufgegangen ist, sagt Boyle: »Er war kompromisslos, ohne Schonung für sich und seine Umwelt - so wie viele Schriftsteller. So wie ich.« Ob er Kinsey mag? Ja, schon, irgendwie: »Was er getan hat, war großartig; er hat gezeigt, dass zwischen erwachsenen Leuten alles erlaubt ist, wenn beide es wollen.«

»Ich hatte viel Spaß, als ich das Buch eingelesen habe«, sagt Liefers, »sogar die Jungs im Regieraum mussten ab und zu unterbrechen, weil sie sich vor Lachen nicht mehr konzentrieren konnten.« In der WAZ stand neulich, T.C. Boyle und Jan Josef Liefers würden zusammenpassen »wie Gin und Tonic«. Gelobt wurde Liefers auch im ARD-Hörfunk wegen seines feinen Gespürs für die ironische Note in T.C. Boyles Geschichte. Für Dr. Sex hat er den Kinsey-Assistenten John Milk erfunden, den er als Ich-Erzähler berichten lässt - eine für Boyle ungewöhnliche Perspektive: »Ich liebe es, meine Leser zu überraschen. Man muss sich ändern, sonst ist alles sinnlos.« Wenn seine Bücher später verfilmt werden, interessiert ihn das nicht mehr: »Wenn ich nicht der Boss sein kann, juckt mich so ein Projekt nicht. Ich habe noch keine Sekunde in einem Meeting verbracht.«

Dafür umso mehr Zeit im Hörsaal. Boyle lehrt an der University of Southern California in Los Angeles. Creative Writing, jeden Montag und Freitag. »Ich erzähle meinen Studenten - nichts«, sagt er, »ich gebe ihnen Beispiele, wir lesen ihre Texte, ich ermuntere sie, that's it.« So viel Einsatz, so viel Spaß am Lehrersein, das hätte er früher nicht für möglich gehalten. Ein Herumtreiber und Schulversager war er, der mit Mühe den Highschool-Abschluss geschafft hat. Aber dann wurde er in einem Schreib-Workshop von John Irving gefördert, und es gab kein Halten mehr: »Schreiben ist eine Sucht«, sagt er. »Wenn man einmal angefangen hat, will man mehr schreiben.« Das will er weitergeben - und diese Mission, die hat ihm gefehlt bei seiner ersten Lehrtätigkeit Ende der 60er Jahre. mit 20, da wollte er nur Aushilfslehrer sein, um sich nicht in Vietnam abschlachten zu lassen. Er war kaum älter als seine Schüler und nicht wesentlich motivierter.

Die Herren machen einen Rundgang durch den Garten. Zum großen Teich, den Boyle selbst ausgehoben hat, brusttief. »Aber jeder Gartenbesitzer wird dir versichern: Ein Teich ist nie groß genug.« Tom erzählt von den Königsschmetterlingen, die später im Jahr im Garten leben, »tausende davon«. Er duldet sogar den kleinen Waschbären, der sich einen Bau in der Nähe gebuddelt hat und die Goldfische jagt. Sie kommen ins Plaudern, Gott und die Welt sind zu Gast in diesem Garten mit dem unfassbaren Eukalyptus-Geruch. »Diese perfekte kleine Welt habe ich nicht geplant«, sagt T.C. Boyle, »aber hier ist sie.«

Und hier bleibt er. Jan Josef Liefers geht. Wird später vom Strand bei seiner Frau Anna Loos und bei seiner kleinen Tochter anrufen. Er wird durch ein paar Musikgeschäfte streifen, auf der Suche nach einer original Rickenbacker-Gitarre. Sich bei seinem Kumpel Tobi melden, mit dem er die Fahrradtour gemacht hat vor 15 Jahren. »Mensch, Kleener«, wird er in sein Handy rufen, »ich werd gerade so sentimental. Weeste noch, damals?« Der Pazifik wird dazu sanft auf seine Zehen schwappen. Und morgen wird er zurück nach Berlin fliegen, kein Ozean, kein Strand, und der Himmel wird nicht ganz so blau sein wie hier. Eigentlich ein Grund, traurig zu sein. Aber bald kommt der Mai und bringt seinen neuen Kumpel T.C. Boyle nach Deutschland.
 
 
Text: Stephan Bartels. Fotos: Tom Krausz. Erschienen ist dieser Artikel in der Zeitschrift BRIGITTE 10/05, Verwendung auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung der BRIGITTE-Redaktion.
 
 
 
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