Wer T.C. Boyles Roman Ein Freund
der Erde gelesen hat, muss in diesen regenreichen Tagen
an Tyrone O'Shaughnessy Tierwater denken und an sein Leben in
der Treibhauswelt des Jahres 2025. Ty, wie Freund und Feind
den tragischen Helden aus Kalifornien nennen, war stets ein
aufrechter Kämpfer für die Sache der Ökologie, vor allem in
den 80er Jahren des alten Jahrhunderts. Während die ehemaligen
Weggefährten von Earth Forever mit grüner Rhetorik Karriere
machen, landet Ty als Ökofundi zuerst im Knast und dann im gesellschaftlichen
Abseits. Letzten Endes jedoch ist alles vergebens, denn die
Erderwärmung nimmt unaufhaltsam ihren Lauf.
Und so sieht sie aus, Tys Welt: »Es hat uns alle hart getroffen.
Überschwemmungen, Sturm, Donner und Blitz, sogar Hagel. Eine
Menge Leute haben kein Dach mehr überm Kopf. ... Überall sind
Bäume umgestürzt. ... Der Wind packt alles, was nicht niet-
und nagelfest ist, um es an ein geheimes Ziel zu tragen, zum
Friedhof der fortgewehten Sachen. ... Niemand ist heute noch
gegen Wetterschäden versichert, Klagen vor Gericht werden automatisch
abgewiesen.«
Was Boyle literarisch verpackt, hört sich bei Mojib Latif vom
Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg zwar nüchterner,
aber nicht wesentlich anders an: Hierzulande werde es während
der Sommermonate in Zukunft verstärkt regnen, während der Winter
sich wärmer, schneeärmer und stürmischer zeige. Beim Anhalten
der gegenwärtigen Emissionstrends klimaverändernder Spurengase
sei mit einer Verdopplung der Zahl der Unwetter in den nächsten
50 Jahren zu rechnen.
Die Fakten, die Gerhard Berz von der Münchener Rückversicherung
für die Naturkatastrophen der vergangenen 40 Jahre präsentiert,
lassen Latifs Prognose ziemlich realistisch, vielleicht sogar
konservativ erscheinen: Vergleicht man die 60er mit den 90er
Jahren, so ist die Anzahl der Naturkatastrophen weltweit auf
das 3,3fache gestiegen, die Summe der volkswirtschaftlichen
Schäden auf das 8,6fache und die Summe der versicherten Schäden
auf das 16,9fache. Spitzenreiter unter den Wetterkatastrophen:
Hurrikan »Andrew« 1992 in den USA mit einer Schadensumme von
30 Mrd. US Dollar und Wintersturm »Lothar« 1999 in Europa mit
einer Schadensumme von 11,1 Mrd US Dollar. Berz: »Wir sind mehr
denn je davon überzeugt, dass der Klimawandel sich sehr stark
in extremen Wetterereignissen niederschlägt.«
Wenn, so die Münchener Rück, der Schadensverlauf witterungsbedingter
Naturkatastrophen weiter so steigt wie in den letzten 20 Jahren,
werden die klimabedingten Schäden im Jahr 2062 höher liegen
als das Weltsozialprodukt.
Ob man die literarische Fiktion heranzieht, die Prognosen der
Wissenschaft oder die Wahrscheinlichkeitsrechnungen der Versicherungsmathematik,
eine Frage drängt sich auf: Ist die Treibhauswelt unser Schicksal,
dem wir uns zu fügen haben? Oder besteht nicht doch die Möglichkeit,
mindestens das Schlimmste abzuwenden?
Wer sich dieser Frage kühlen Kopfes nähert, wird die Kosten
des Klimawandels von morgen mit den Kosten des Klimaschutzes
von heute vergleichen. Von der neoklassischen Ökonomie mit ihrer
Zukunftsvergessenheit ist da wenig zu erwarten. In ihren Modellen
kommt Klimaschutz nur als teure Angelegenheit vor, die das Wirtschaftswachstum
hemmt. Über die Folgen des Treibhauseffekts für landwirtschaftliche
Produktivität, Artenvielfalt oder menschliche Gesundheit zerbricht
man sich nicht den Kopf – mangels sicherer Daten, wie es entschuldigend
heißt. Und auch im Mainstream der Politik, wo langfristige Orientierungen
immer weniger zählen, wird Klimaschutz im wesentlichen als Kostenfaktor
gesehen. Man scheut die Zumutung ans Wahlvolk und hält an absurden
Dingen wie Kohlevorrangpolitik und umweltschädlichen Subventionen
aller Art fest.
Es gibt gewiss Argumente der Bedenkenträger, die ernst zu nehmen
sind, etwa der Hinweis auf das Problem der Trittbrettfahrer,
also der Staaten, die beim Klimaschutz nicht mitmachen, von
seinen positiven Effekten aber profitieren. Auch ist richtig,
dass die Transformation des Energiesystems Zeit braucht und
unnötige Kapitalvernichtung vermieden werden sollte. Bei der
Verfolgung klimapolitischer Ziele den Kompass der Kosteneffizienz
nicht gänzlich aus der Hand zu legen, ist durchaus vernünftig,
denn Geld steht nicht unbegrenzt zur Verfügung.
Aber mit Krämergeist ist dem Klimawandel nicht beizukommen.
Gebraucht wird etwas ganz anderes: ein Gespür für Zukunftsverantwortung
und die Bereitschaft zum Neuen. Es ist so ungeheuer wichtig,
der negativen Vision von der Treibhauswelt eine positive Vision
von einer besseren Welt gegenüberzustellen. Sicher, wir werden
nicht umhinkommen, uns auch an den Klimawandel anzupassen, denn
ganz aufzuhalten ist er nicht mehr: Besiedlungsverbote in überflutungsgefährdeten
Bereichen, die Befreiung unserer Flüsse und ihrer Auen, um Retensionsräume
zu schaffen, die Entsiegelung von Flächen, vielleicht auch das
Befestigen unserer Häuser und Dämme, all das wird wohl nötig
sein.
Positive gesellschaftliche Energie erwächst aber nur aus positiven
Zielen: Warum nicht für 2015 das Null-Emissions-Auto anstreben,
für 2020 das Niedrigenergiehaus, für 2030 die abfallfreie Kreislaufwirtschaft
und für 2050 die CO2-freie Energieversorgung? Warum
nicht das Ziel verfolgen, Afrikas Elektrifizierung komplett
auf der Basis von Solarenergie zu betreiben, Amazoniens Entwaldung
durch nachhaltige Fortwirtschaft in zehn Jahren zu stoppen und
Chinas Industrialisierungsprogramm mit bester Technik auszustatten?
Warum nicht klar sagen: Europa wird seine umweltschädlichen
Subventionen in Energie, Verkehr und Landwirtschaft bis 2010
auf null fahren und die eingesparten Beiträge in zukunftsfähige
Entwicklungen investieren, je zur Hälfte daheim und in den Ländern
des Südens? Das wäre ein starkes Signal - für Klimaschutz und
globale Gerechtigkeit.
Eine bessere Welt hat ihren Preis. Aber er ist nicht so hoch
wie der des Lebens in einer Treibhauswelt der Beschränkungen
und Ängste. Vor allem jedoch: Das Umsteuern in Richtung Nachhaltigkeit
ist eine wunderbare Aufgabe. Wir müssen nicht alle zu Idealisten
werden, aber von Verrückten wie Ty Tierwater ist eine Menge
zu lernen. Vielleicht sind sie in Wahrheit die Stimme der Vernunft.
|