Portraits | Interviews | Auszeichnungen | Lesereisen | Bilder | Übersetzer | Dies und Das
 
»Boyle verbrannte das Sternenbanner vor dem Weißen Haus, lebte in Garagen und benötigte mehrere Psychoanalytiker, um nicht völlig den Bezug zur Gesellschaft zu verlieren.« (Markus Schröder)
 
Thomas Coraghessan Boyle - Vita
von Markus Schröder
 
T. Coraghessan Boyle wurde am 2. Dezember 1948 in Peekskill im US-amerikanischen Bundesstaat New York, Westchester County, als Thomas John Boyle geboren. Seinen später angenommenen Mittelnamen verdankt er seiner Abstammung; Boyles Großeltern waren aus Irland emigriert, und der ungewöhnliche Name Coraghessan taucht in der Familiengeschichte auf. Boyle pflegt ein Image als Sonderling und Einzelgänger, dazu gehört auch, dass nicht eindeutig zu klären ist, wie der Mittelname ausgesprochen wird. Susanne von Paczensky schreibt »Kregessen« und beruft sich dabei auf die Aussage von Boyles ältester Tochter, Kerrie, Tad Friend schreibt »cor-RAG-a-sen«, Bruce Weber ebenso lautmalerisch »Kuh-RAGG-ih-son« und im Current Biography Yearbook wird erwähnt, dass der Name »Ke-rag-issn« - mit der Betonung auf der zweiten Silbe - gesprochen wird. Die letzte Variante ist die wahrscheinlichste, da Boyle in den Audioversionen seiner Romane, die er selbst vorträgt, diese Version wählt. Boyle eignete sich diesen ungewöhnlichen Namen an, als er zum College ging. Der Grund war vor allem, dass er interessanter wirken wollte. Kindheit und Jugend verbrachte T.C. Boyle in seinem Geburtsort, wobei er die Lakeland High School in Peekskills Ortsteil Shrub Oak besuchte.

In biographischen Anmerkungen zu T.C. Boyle wird immer wieder auf seinen schwierigen familiären Hintergrund und sein ausschweifendes Leben bis in die 70er Jahre hinein hingewiesen, die als Gründe dafür geltend gemacht werden, warum er zum enfant terrible der Literatur geworden ist. Näher betrachtet unterscheiden sich die Lebensbedingungen Boyles in seiner Kindheit jedoch nicht besonders von denen vieler Amerikaner, die in den sechziger Jahren in der unteren Mittelschicht aufgewachsen sind. Sein Vater, der ebenfalls Thomas John Boyle hieß, war von Beruf Busfahrer, seine Mutter Sekretärin. Die Boyles hatten ein geregeltes Einkommen, waren überzeugte Katholiken und gaben ihrem Sohn soviel finanzielle und moralische Unterstützung wie möglich, um eine gute schulische Bildung zu gewährleisten, wie Boyle selbst immer wieder betont. Beide Elternteile wurden jedoch alkoholabhängig, was auch zu ihrem frühen Tod führte.

Die Sucht verleitete Boyles Eltern allerdings nicht dazu, ihren Sohn zu vernachlässigen oder ihn gar zu misshandeln, so dass auch hier keine extremen psychischen Belastungen zu erkennen sind. Den Alkoholismus seines Vaters sieht Boyle in Depressionen begründet, die aus traumatischen Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs resultierten; auch dass John Boyle in einem Waisenhaus aufwuchs (die Mutter war früh gestorben und der Vater konnte sich nicht um ihn kümmern), konnte zu den Depressionen beigetragen haben. T.C. Boyles Mutter wuchs während der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren in einem reinen Frauenhaushalt auf, ihr Vater war unbekannt. John Boyle starb 1972 im Alter von 54 Jahren bei einem dem Alkohol zugeschriebenen Unfall, seine Ehefrau wenige Jahre später an durch Alkoholismus bedingtem Leberversagen.

T.C. Boyle bekam trotz der Bemühungen seiner Eltern um seine Bildung früh schulische Probleme. Im zweiten und dritten Schuljahr wurde er in einer Klasse für lernbehinderte Kinder unterrichtet, was aber auch als ungenutztes Potenzial und Unterforderung des Schülers angesehen werden könnte, wenn Boyles später mit summa cum laude erworbene Doktorwürde in Betracht gezogen wird. Nach seinem High School Abschluss in Peekskill ging Boyle für das College-Studium nach Potsdam an die dortige Zweigstelle der State University of New York (SUNY), sein Hauptfach war Musik. Auch heute noch spielt Boyle Saxophon und Klarinette. Er schaffte aufgrund fehlender Motivation mit Mühe seinen Abschluss mit dem Mindestnotendurchschnitt von 2.0, entsprechend einer deutschen 4.0.

Während des Studiums in Potsdam traf Boyle auch seine zukünftige Frau Karen Kvashay, mit der er drei Kinder namens Kerrie, Milo und Spencer hat. Nach dem Abschluss wollte Boyle an einer weiterführenden Universität Musik studieren, wofür seine Leistung allerdings nicht ausreichte. Er lief zudem Gefahr, zum Kriegsdienst in Vietnam einberufen zu werden, obwohl er neben seiner überdurchschnittlichen Größe von 6' 3'' (191 cm) an chronischem Untergewicht litt. Boyle entschloss sich deshalb, eine Stelle als Lehrer in einer Schule einer sozial schwachen Gegend anzunehmen, um einer Einberufung in die Armee zu entgehen, und kehrte als Lehrer zu seiner alten High School in Shrub Oak zurück. Diese hatte sich mittlerweile zu einem sozialen Brennpunkt entwickelt. Der offen vollzogene Drogenkonsum in der Schule, die allgegenwärtige physische Gewalt unter den Schülern, die Boyle nötigte, den Schülern ebenfalls gewalttätig gegenüberzutreten, und die Hoffnungslosigkeit, den Jugendlichen irgendetwas beibringen zu können, führten dazu, dass schließlich auch Boyle selbst Drogen jeglicher Art nahm.

I had never taken any teaching course. [...] This was a very tough slum school, mainly black and Puerto Rican. I had to rip their shirts, throw them against the wall, get physical. [...] At the same time this was when I started to get into heroin and hang out with all those people. So I was up all night stoned, and I had to go in and do this job. It just about killed me.

Boyle verbrannte das Sternenbanner vor dem Weißen Haus, lebte in Garagen und benötigte mehrere Psychoanalytiker, um nicht völlig den Bezug zur Gesellschaft zu verlieren. Trotz des physischen und psychischen Niedergangs schaffte er es, Kurzgeschichten zu schreiben, wofür er während seiner Zeit am College sein Talent in einem creative writing Kurs entdeckt hatte. Die Veröffentlichung seiner ersten Kurzgeschichte, The OD and Hepatitis RR or Bust, in der North American Review gab ihm das nötige Selbstvertrauen und die Reputation, um sich 1972 an dem anerkannten Writers Workshop der Iowa State University zu bewerben. Die Bewerbung wurde aufgrund der einen Kurzgeschichte angenommen, und Boyle ging mit seiner jetzigen Frau Karen nach Iowa, wo er bei John Cheever, Vance Bourjaily und John Irving studierte. Weitere Lehrer des Workshops waren zu jener Zeit unter anderen Raymond Carver und Gail Godwin.

Boyle arbeitete nebenbei als Barmixer, wie auch schon in dem Jahr vor seiner Zeit in Iowa, und als estuarine biologist auf dem Hudson. Das Schreiben führte Boyle aus dem Sumpf der Sucht heraus, und er gab die Drogen auf.

Nach seiner Hochzeit und seinem M.F.A. in englischer Literatur des 19. Jahrhunderts, den er 1975 mit der Bestnote 4.0, summa cum laude, abschloss, promovierte Boyle im gleichen Fach ebenfalls an der Iowa State University. Seine Dissertation von 1977, eine Kurzgeschichtensammlung, wurde zwei Jahre später unter dem Titel Descent of Man veröffentlicht. Boyle widmete sich nun ganz der zeitgenössischen amerikanischen Literatur und wurde Redakteur der Iowa Review. Gleichzeitig veröffentlichte er selbst Kurzgeschichten, unter anderem in TriQuarterly und der North American Review. Für einige der Geschichten erhielt er den Coordinating Council of Literary Magazines Award for Fiction 1977 und ein Creative Writing Fellowship des National Endowment for the Arts. Aufgrund seiner literarischen Leistungen während dieses Stipendiums und wegen der positiven Rezensionen zu seiner Dissertation erhielt er einen Lehrauftrag für creative writing an der University of South California in Los Angeles, wo er immer noch als mittlerweile beamteter Professor tätig ist.

Trotz der Vermarktung als enfant terrible lebt Boyle nicht seinem Image entsprechend. Aus einem kleinbürgerlichen Milieu kommend, ist auch sein Alltag eher beschaulich. Ohne die normalerweise zu seinem Image gehörenden Drogenprobleme und neurotischen Exzesse auszuleben, lebt Boyle mit seiner Frau - mit der er mittlerweile mehr als 20 Jahre verheiratet ist - und seinen drei Kindern in einem noblen Vorort von Los Angeles, von wo aus er dreimal in der Woche zur Universität pendelt. Den Kauf und die Restaurierung seines vom Stararchitekten Frank Lloyd Wright erbauten Hauses in Montecito hat Boyle mit dem Verkauf der Filmrechte von The Road to Wellville finanziert. Er engagiert sich in seiner spärlichen Freizeit stark für Umwelt und Politik (allerdings nicht in Parteien oder Organisationen), was sich neben seinem Interesse für Gesellschaft und Geschichte in den Romanen widerspiegelt. An Literatur bevorzugt er neben Dickens vor allem die Schriftsteller, mit denen er verglichen oder in eine Kategorie eingeordnet wird, beispielsweise Gabriel García Márquez, Donald Barthelme, John Barth oder Thomas Pynchon. Seine bewegte Vergangenheit nutzt Boyle in der Werbung für seine Romane zwar verkaufsfördernd, sieht sie aber auch kritisch:

People romanticize the picture of a writer, romanticize me, in fact, and think that the way to be a writer is to be stoned all the time. [...] Having a family and having a stable life is absolutely essential to any writing I've ever done.

Seine weiteren Pläne teilt Boyle nur ungern mit. Angaben in früheren Interviews zu geplanten Arbeiten stellten sich zumeist als nicht realisiert heraus. Weder der religionskritische Roman, auf den er im Interview mit Elisabeth Sereda hinweist, noch der auf einem Werk von Melville basierende Roman, den Boyle im Interview mit Paco Marín anspricht, wurden veröffentlicht. In einem seiner neuesten Interviews gibt er ein ganz anderes Thema an, zu dem er momentan arbeitet:

Right now I'm working on a very long, complex, historical novel set in the period from 1900 to 1930 in my new home of Montecito, California, near Santa Barbara. It has nothing to do with politics, however, the new stories may - I have new stories out in '99 - after this new novel.
 
© Verlag Die Blaue Eule, Essen 1997, aus M. Schröder, »Nice guys finish last: Sozialkritik in den Romanen T. Coraghessan Boyles«, Band 22 der »Arbeiten zur Amerikanistik«. Verwendung dieses Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
 
 
 
Übersicht