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»Ich wusste nicht, wann Sie kommen. Deswegen gibt es das Gemüse als Salat, sonst wäre es völlig verkocht.« (T.C. Boyle)
 
Ich bin der Sex-Sklave meiner Frau
Zu Besuch bei Bestsellerautor T.C. Boyle am Ende der Welt
von Nike Vlachos
 
Er haust in einer schäbigen Hütte im kalifornischen Wald. Seine Nachbarn sind Berglöwen und Bären. Dort schrieb er sein neues Buch Dr. Sex. Wir trafen T.C. Boyle, den seltsamsten Bestseller-Autor der Welt in seinem selbst gewählten Exil.

Das Mobiltelefon hat schon seit einer Stunde keinen Empfang mehr. Wir sind im Sequoia National Forest. Hier und da ragt der Stamm eines gigantischen Mammutbaums aus dem Dunkel. Kein Laut. Seit Stunden fahren wir durch den kalifornischen Nationalpark. Irgendwo hier muss die Hütte des Dichters sein.

Doch der Weg endet abrupt mitten im Wald. An Weiterfahren ist nicht zu denken, weil die Straße vereist ist. Endlich: ein Licht. Ein Holzhaus am Ende des Serpentinwegs. Vor der Tür steht Tom Coraghessan Boyle und lächelt. Mit seiner Taschenlampe weist er uns die Stufen hoch. »Ich habe mir schon Sorgen gemacht«, sagt er und zeigt auf ein paar gefrorene Abdrücke im Schnee. Tellergroße Pfoten. »Ich habe neulich gehört, dass bei einer Familie aus der Gegend ein Berglöwe gegen das Wohnzimmerfenster gesprungen ist. Der hatte offensichtlich Appetit.« Aber das sei kein Grund zur Panik. »Ich bekomme öfter Besuch von zwei ausgewachsenen Bären, wenn ich ein Hähnchen auf dem Grill liegen habe.«

Was der Mann da erzählt, klingt so bizarr wie eine typische Boyle-Geschichte. Und danach, dass er uns gerade den ersten Bären aufbindet. Draußen am Wasserfall ist er angeblich schon einem Berglöwen begegnet. Ihm sei aber nie etwas passiert. »Mein ungarischer Hirtenhund hatte weniger Glück. Den haben nach 14 treuen Jahren die Kojoten erwischt.«

Boyle serviert Rotwein in den beiden einzigen Weingläsern, die im Haus zu finden sind. Dann setzt er sich in einen Sessel und lässt die Beine über die Lehne baumeln. Stolz präsentiert er die durchgewetzten Ärmel seines Lederblousons. Den silbernen Totenkopfring und den 1,50-Dollar-Ohrring legt er nicht einmal zum Schlafen ab: »Das ist mein Bühnen-Outfit.«

So sieht also ein 55-jähriger Autor aus, der allein in Deutschland drei Millionen Bücher verkauft hat und dessen Roman América bei uns zum Schulkanon gehört. Boyle-Lesen als Hausaufgabe - gefällt ihm das? Er kratzt sich über seinen Ziegenbart: »Es schmeichelt mir, obwohl ich damit wohl endgültig zum Establishment gehöre.«

Und das passiert ausgerechnet ihm, diesem alten Hippie. Dem Zeremonienmeister seiner eigenen, nie endenden Freak-Show. Einem, der sagt, Romane seien wie Rockkonzerte: »Entweder bringst du die Leser zum Tanzen, oder sie feuern dir Bierdosen an den Kopf.«

Im Augenblick hagelt es Bierdosen. Aber nicht von seinen Lesern, sondern von den Ultrakonservativen in den USA, die zum Boykott seines neuen Werkes Dr. Sex aufrufen. Boyle schildert darin das Leben des berühmt-berüchtigten Sexforschers Alfred Charles Kinsey. »Historisch exakt«, wie er sagt, aber aus der Perspektive von John Milk, eines fiktiven Mitarbeiters und Geliebten von Kinsey. »Eigentlich war Kinsey der erste Hippie. Er liebte es, nackt zu sein, die Natur, Camping, Gartenarbeit, und er schlief mit unzähligen Männern und Frauen.«

Es ist mehr als 60 Jahre her, dass Kinsey in Amerika die erste und bis dato größte Sexumfrage unter nahezu 20.000 Amerikanern durchgeführt und Statistiken zu Themen wie Onanie, Sex mit Tieren, vorehelicher Verkehr aufgestellt hat. Die Veröffentlichungen seiner Ergebnisse in den Büchern »Das sexuelle Verhalten des Mannes« (1948) und »Das sexuelle Verhalten der Frau« (1953) waren ein Skandal und gleichzeitig der Beginn der sexuellen Befreiung.

Im Amerika des George W. Bush werden heute noch Stimmen laut, die in Kinseys Arbeit die Ursache für Aids, Pornographie, Inzest und sämtliche Geschlechtskrankheiten sehen. »Das interessiert mich nicht«, sagt Boyle. Die Kritik richte sich sowieso in erster Linie gegen den Film Kinsey (mit Liam Neeson in der Hauptrolle), der zufällig parallel zum Erscheinen seines Buches in die Kinos kommt. »Keines meiner Bücher war je politisch motiviert. Außerdem haben diese Leute meinen Roman nicht gelesen. Oder glauben Sie, Chomeini hätte ›Die satanischen Verse‹ gelesen, bevor er Rushdie zum Tode verurteilt hat?« Dennoch hat Boyle das Gefühl, dass Amerika unter Bush einen ziemlichen Rückschritt bei der sexuellen Befreiung macht.

Er selbst verspürt den Drang zur Befreiung offenbar nie. Seit 30 Jahren lebt er mit derselben Frau zusammen. »Ausschließlich«, wie er betont. »Ich bin ihr Sex-Sklave. Den Haushalt schmeiße ich auch.«

Derweil serviert er Pasta mit türkischen Würstchen und eine Schüssel kaltes Gemüse. »Ich wusste nicht, wann Sie kommen. Deswegen gibt es das Gemüse als Salat, sonst wäre es völlig verkocht.« Boyle ist ein Meister des Wechsels. Bei uns gibt er den aufmerksamen, ruhigen Gastgeber, schenkt nach, hört zu. Auf der Bühne oder im Hörsaal der Universität von Kalifornien, wo der promovierte Philologe Creative Writing unterrichtet, gibt der den Entertainer, egoman und laut. »Die Studenten finden mich cool.«

Ob Boyle gern von Kinsey persönlich zu seiner sexuellen Biografie befragt worden wäre? »Klar!«, sagt er und liefert so die Vorlage für unser kleines Spiel. Den Fragebogen - das so genannte Kinsey-Kit - haben wir mitgebracht. Boyle guckt verblüfft, macht aber sofort mit:

Frage: Wann haben Sie festgestellt, dass Sie ein Junge und kein Mädchen sind?

T.C. Boyle:
Ich war zwölf, als ich zwei Mädchen in Bikinis sah. Da schafften meine Hormone den Durchbruch, und ich dachte: »Wow!«


Sein Weg führte in eine Hippie-Kommune inklusive freier Liebe und Rauschmitteln jeder Art. Der Ex-Junkie hat nie einen Hehl aus seiner Drogenvergangenheit gemacht. In Boyles Büchern wimmelt es nur so von bewusstseinserweiternden Erfahrungen. Der Hippie-Abenteuerroman Grün ist die Hoffnung ist eine Anleitung zum Marihuana-Anbau, auch wenn der Plan der Kiffer völlig in die Hose geht. »Ich habe mit 16 Jahren angefangen zu trinken. Mit 20 nahm ich Heroin, manchmal LSD, und fühlte mich unsterblich.«

Frage: Haben Ihre Eltern Sie aufgeklärt?

T.C. Boyle: Mit mir hat niemand über Sex gesprochen. Die beste Aufklärung ist, wenn man ein bißchen an sich rumspielt, um sich selbst kennen zu lernen, und dann eine Liebesbeziehung zu einem anderen Menschen eingeht. Dann merkt man schon, dass man okay ist.

Als seine Eltern ihm bewiesen, wie vergänglich der Mensch ist - sein Vater kam 1972 bei einem durch Alkohol verursachten Verkehrsunfall ums Leben, seine Mutter starb kurz darauf an Leberversagen -, war Boyle schon auf einen ganz anderen Trip: Er schrieb. Erst Kurzgeschichten, dann Romane. »Schreiben hat mir das Leben gerettet. Wenn ich nicht schreiben könnte, wäre ich in einem Jahr eine Alkoholleiche. So kontrolliere ich meine Energie. Ich bin ein Kontrollfreak.«

Mit 24 Jahren verlässt Boyle die New Yorker Hippie-Szene und zieht nach Iowa. »Ich hatte keine Lust mehr auf die zugedröhnten Typen. Außerdem hatte ich im Schreiben etwas gefunden, das ich besser konnte als jeder andere.«

Seitdem sei er besessen vom Schreiben, sagt Boyle. Zehn Romane und viele Bände mit Kurzgeschichten hat er veröffentlicht. »Ich war immer diszipliniert. Ich habe nur eine Sucht gegen eine andere eingetauscht. Zum Glück hat Schreiben keine Nebenwirkungen.«

Wenn Boyle in seinem Schreibexil sitzt, ist er nicht ansprechbar. Sieben Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Das Tastentelefon dient als Dekoration. Die Nummer haben nur sein Agent und seine Frau. Aber das heißt nicht, dass er einsam lebt. Boyle chattet. Nicht anonym, sondern unter seinem eigenen Namen auf der eigenen Homepage: tcboyle.com. Es sind Audienzen, die der Meister seinen Bewunderern gewährt. »An manchen Tagen hat die Website 5.000 Besucher. Meine Fans sind völlig wahnsinnig. Genau wie ich.«

In der Hütte stehen ein paar billige Eichenmöbel, die Regale sind leer. Boyles Arbeitszimmer hat die Grundfläche einer Badewanne, darin befinden sich ein Stuhl und zwei Sekretäre. Auf einem liegt sein schwarzer Laptop. »Ich brauche hier nichts. Zum Schreiben reicht der Blick aus dem Fenster.«

Frage: Erregt Sie Bewegung, wie sie beim Reiten oder Autofahren hervorgerufen wird?

T.C. Boyle: Nur wenn ich in einem BMW sitze. Den ersten BMW, den ich mir gekauft habe, Baujahr 1982, besitze ich immer noch. Alle meine Kinder sind ihn gefahren. Der hat 200.000 Meilen auf dem Tacho und läuft super.

So viel zum Bild des armen Poeten, der in die Wildnis flieht, um fernab der Zivilisation den perfekten Roman zu schreiben. Ein Blick in den Kühlschrank indes zerstört das Image. Dort stapeln sich die Champagnerflaschen. Und vor der Tür parkt kein rostiger BMW, sondern ein neuer Chevy Surbuban.

Warum sollte es dem Rockstar der Literatur anders ergehen als Ikonen wie Keith Richards oder Mick Jagger? Auch der alte Hippie Boyle ist längst in der bürgerlichen Welt angekommen, hat sich mit den Annehmlichkeiten des Establishments angefreundet. »Seit 20 Jahren komme ich so oft wie möglich hierher, um zu schreiben. Hier kann ich Mensch sein.«

Frage: Durften Sie als Kind ungestört masturbieren?

T.C. Boyle: Das machen alle Kinder im Geheimen. Aber ich hatte eine freie Jugend. Meine Eltern haben nicht versucht, mich an etwas zu hindern. Sie wussten, dass ich ein Rebell bin und hyperaktiv. Zum Glück sind meine Kinder nicht so - denn sonst hätte ich sie erschießen müssen ...

Eine Kostprobe des schwarzen Humors, der auch seine Romane prägt. Boyle liebt seine fiktiven Figuren, auch wenn er sie, ohne mit der Wimper zu zucken, in einen Sog aus Verbrechen, Schicksalsschlägen und Naturkatastrophen schickt. All seine Geschichten sind pessimistische Utopien, die so schrecklich lustig sind, dass man gar nicht mehr aufhört zu lachen. Sogar wenn sich die Welt in eine Müllkippe verwandelt wie in Ein Freund der Erde oder eine Schimpansenforscherin ein Liebesverhältnis mit einem Primaten beginnt.

Frage: Erinnern Sie sich an Ihre erste Liebe?

T.C. Boyle: Klar, in der 6. Klasse hatte ich diese Freundin. Sie hat mich wahnsinnig fasziniert wie alle Frauen, wenn man bald pubertiert.

Frage: Kam es zu sexuellen Handlungen?


T.C. Boyle: Nein, wir haben nur zusammen gespielt. Ab diesem Alter habe ich einfach lieber mit Mädchen gespielt.

Wenn Boyle nicht als Eremit in der Wildnis hockt, lebt er mit Frau Karen und seinen drei Kindern in einem Haus in Montecito in der Nähe von Santa Barbara. Fünf Autos. Ein eigener Park. Ein Haus von Star-Architekt Frank Lloyd Wright aus dem Jahr 1909. Boyle kann locker mithalten mit Hollywood-Größen wie Oprah Winfrey und Brad Pitt, die gleich um die Ecke wohnen.

Für ihn ist sein Luxusleben kein Widerspruch. Er sieht sich als Gesamtkunstwerk. »Ich wusste schon immer, dass ich ein Star bin - nur lange nicht, worin.«

Plötzlich springt er auf und kommt mit einer Plastikschachtel zurück. »Das hätte ich fast vergessen. Es gibt natürlich Nachtisch.« Boyle reicht uns große amerikanische Schoko-Cookies. »"Zum Backen hatte ich leider keine Zeit mehr.«

Boyle verbindet das Beste aus beiden Welten: die Lässigkeit des Punk mit dem Savoir-vivre des Gentleman. Beides lässt er mit satirischer Schärfe in seine Bücher fließen. Geschichten, die so leicht daher kommen wie ein guter Song, dessen Rhythmus einem nicht mehr aus dem Kopf geht.

Frage: Wo, dachten Sie als Kind, kommen die Babys her?

T.C. Boyle: Es gab natürlich Gerüchte. Irgendwann fragte ich meine Mutter, und sie erklärte es mir. Vorstellen konnte ich es mir natürlich nicht - ich hatte ja noch nie die Geschlechtsorgane einer Frau gesehen. Heute weiß dank Internet jeder Elfjährige mehr über Sex als seine Eltern.

Gegen seine Eltern aufbegehren musste T.C. Boyle nie, sagt er, »Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie. Mein Vater war Busfahrer, meine Mutter Sekretärin. Bis auf ihr Alkoholproblem verlief alles normal. Sie waren sehr liberal.«

Das haben sie ihm mitgegeben. »Man sollte alle Drogen legalisieren und in der Apotheke verkaufen«, sagt Boyle. Mittlerweile ist er beim Herrengedeck angekommen: ein Schnaps und ein Bier. Betrunken ist er nicht. »Ein paar werden Missbrauch damit treiben, aber die Kriminalität rund ums Dealen würde auf einen Schlag verschwinden.«

Kämpfen würde er aber für solche Ideen nie. »Ich hatte immer genug mit mir selbst zu tun. Um nicht in Vietnam verheizt zu werden, wurde ich damals Lehrer an einer Slum-Schule in meiner Heimatstadt Peekskill.«

Die letzte Frage aus unserem Kinsey-Kit:

Frage: Haben Sie lieber Sex im Dunkeln oder bei Licht?

T.C. Boyle: Das können wir gleich ausprobieren.
 
Das Boyle-Portrait von Nike Vlachos erschien in der Playboy-Ausgabe März 2005. Verwendungs des Artikels auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung des Playboy.
 
 
 
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