Portraits | Interviews | Auszeichnungen | Lesereisen | Bilder | Übersetzer | Dies und Das
 
»Und dann muss jeder Satz sich mit dem vorigen und dem nächsten verzahnen, also irgendwie stimmig sein. Das ist wie ineinandergehakte Finger von Verliebten, ganz selbstverständlich eben.« (Werner Richter)
 
12 Fragen an Werner Richter
Als im September 2002 die Idee zu www.tcboyle.de geboren wurde, stellten wir uns zuerst die Frage, an wem wir uns mit unserem Vorhaben wenden sollten. In Werner Richter fanden wir schnell die kompetente Unterstützung, die wir suchten. Der gebürtige Berliner und Wahlwiener hat fast alle Werke T.C. Boyles ins Deutsche übersetzt. Seine Arbeit wurde in zahlreichen Buchkritiken lobend erwähnt (eine Ehre, die Literaturübersetzern eher selten zuteil wird), und, was viele nicht wissen, er gilt als Entdecker T.C. Boyles für den deutschen Sprachraum. Ein Interview mit Werner Richter zählte deshalb zu den ersten Aufgaben, die wir uns nach dem offiziellen Start unserer Website, am 1. August 2003, setzten. Im September 2003 schickten wir ihm unseren Fragebogen zu. Einige Monate später erfuhren wir, dass der Hanser Verlag die Zusammenarbeit mit Werner Richter aufgelöst hatte. Unseren Fragebogen bekamen wir dennoch ausgefüllt aus Wien zurück: mit viermonatiger Verspätung und einer kurzen Stellungnahme zum völlig überraschenden Ende seiner Übersetzungsarbeit für T.C. Boyle.
 
 
 
www.tcboyle.de: Vorweg: Kannst Du uns ein paar biographische Eckdaten verraten und welche Autoren Du außer T.C. Boyle übersetzt?

Werner Richter: Geboren am 22.12.1954 in Berlin-Schöneberg, 1975/76 ein Jahr Studium in Kanada, danach Umzug nach Wien (zu Studium & Leben), 1984 Diplom-Übersetzer für Französisch, Russisch und Englisch, seit 1981 Literaturübersetzer (für Zsolnay, Rogner & Bernhardt, Rowohlt, Hanser, List, Diogenes, Goldmann, Fischer, Luchterhand u.a. - bekanntere Autoren/undinen außer T.C. Boyle: Graham Greene, D.H. Lawrence, Patricia Highsmith, Allan Gurganus, Michael Bond (aber nicht Paddington Bear, sondern Gourmet-Krimis), Gerald Seymour u. a. Außerdem zwischendurch gelegentlich Fachübersetzungen (Pharma, Medizin, PR) sowie Essays und Artikel für Museumskataloge und Zeitschriften (Weltwoche, du, Spiegel u.a.) - Letzteres wird übrigens dreimal besser bezahlt als die Arbeit für Buchverlage ... Vorweg auch eine Bemerkung von mir: Anfang Dezember setzte mich Hanser-Verlagschef Michael Krüger in einem kurzen Brief davon in Kenntnis, dass sich »unsere Wege bei Boyle trennen müssen.« Der Hintergrund war u. a., dass die Chemie zwischen mir und der zuständigen Hanser-Lektorin nicht gestimmt hat. Ich spreche daher hier bezüglich meiner Boyle-Übersetzerei im Präsens.

www.tcboyle.de: Wie bist Du zum Übersetzerberuf gekommen? War es von jeher Dein Ziel, Übersetzer von literarischen Werken zu werden?

Werner Richter: Nö, ich hatte ursprünglich den abgehobenen Linguisten angepeilt, der ausgestorbene Indianersprachen im Hinblick auf völlig neue Einsichten in die Wirklichkeitsinterpretation durchleuchtet (zuviel Sapir und Whorf gelesen wahrscheinlich). Dann war ich ein Jahr auf Halfbright-Stipendjumm in Kanada, wo ich tatsächlich auch N.A. Indian Languages studiert habe, und dort wird ja sehr viel En<>Fr übersetzt, sodass ich auf die Idee kam, all die feinen Bücher, die ich tagein, tagaus gelesen habe, auch gleich zu übersetzen - das müsste noch mehr Spaß machen, dachte ich. Und so ist es auch. Ich hab damals gleich recht hoch angesetzt und die Agenten von J.D. Salinger gefragt, was dieser davon halten würde, wenn ich den Raubdruck mit seinen Early Stories ins Deutsche bringen würde, den ich irgendwo auf dem Flohmarkt gefunden hatte. Die haben mich achtkantig abgeschmettert (Salinger hat sich ja aus dem Literaturbetrieb und überhaupt aus dem öffentlichen Leben seit ca. 1970 zurückgezogen und würde wohl eher die Raubdrucker mit der Schrotflinte verfolgen). Vor ein paar Jahren hab ich's übrigens nochmal versucht, 25 Jahre später und mit etwas mehr Erfahrung auf dem Buckel, aber da kam fast derselbe Absagebrief von derselben Frau zurück, that's life. Statt dessen bin ich hier in Wien immer am Paul Zsolnay Verlag vorbeigeradelt und hab irgendwann mal da angerufen, ob sie nicht was zu übersetzen hätten. Und siehe: sie hatten! Der Hintergrund war, dass Zsolnay seine Übersetzerundinen so schlecht behandelt und noch viel mieser als der ohnehin erbärmliche Durchschnittssatz gezahlt hat, dass ihnen dauernd jemand abgesprungen ist. So bekam ich mein erstes Buch: Aritha van Herk, The Tent Peg (dt.: »Mackenzies Koch«, und später auch als »Unter Männern«, ist heute noch lieferbar). Ein prima Buch, und wenn ich auch in den nächsten zwei Jahren kaum Geld damit verdiente, hatte ich am Ende wenigstens ein paar Titel auf der Liste, darunter eben auch einen (zugegeben minderen) Graham Greene: »Mein Freund, der General«. Woanders nennt man das wohl »Lehrgeld zahlen«. Danach stand ich auf der Buchmesse und in Bewerbungsbriefen jedenfalls nicht mehr als blutiger Anfänger da, sondern hatte offensichtlich schon ein paarmal gezeigt, dass ich übersetzen und auch z. B. Termine einhalten kann (was ja im Buchgeschäft auch ganz wichtig ist).

www.tcboyle.de: Kannst Du uns kurz erzählen, wie Du auf die Werke von T.C. Boyle gestoßen bist? Du wirst ja als Entdecker Boyles für den deutschen Sprachraum genannt. Und wie viele sicherlich wissen, fing es mit Wassermusik an. Wie bist Du auf dieses Buch aufmerksam geworden und wie kam es zur deutschen Übersetzung?

Werner Richter: Witzige Geschichte: Ein Bekannter flog damals nach Boston, der war Jurist und ein staubtrockener Typ. Aber ich hatte einen Auftrag für ihn: Geh in eine Buchhandlung und zeig dem Verkäufer da einen Zettel (auf dem meine damaligen Lieblingsautoren standen: Tom Robbins, Ken Kesey, William Kotzwinkle, weiß ich noch), und wenn der Typ dann sagt: Wow, great stuff, man, oder so ähnlich, dann lass ihn dir vier, fünf Taschenbücher aussuchen, die bringst du mir dann bitte mit. Er kam unter anderem wieder mit Anne Rice: Interview with the Vampire, Padgett Powell: Edisto (inzwischen von Harry Rowohlt übersetzt), J. Batchelor: The Birth of the People's Republic of Antarctica, noch zwei Taschenbüchern und einem reichlich teuren Hardcover mit einem tollen Umschlagbild: T. Coraghessan Boyle: Water Music. Das war zwar gegen die Abmachung, aber was soll man machen. Ich hab die Schwarte dann noch in derselben Nacht angefangen und war sofort schwer beeindruckt, von der Story selbst und auch von der Erzähltechnik. Als ich die Geschichte aus hatte, war mir klar: Das musst du übersetzen, Mann. Kurz davor hatte Christoph Buchwald, damals Lektor bei Hanser, mal bei einem unserer Übersetzerseminare gemeint, für gute Vorschläge seien die Lektorate immer zu haben, also er jedenfalls, also hab ich mein Boyle-Kuvert (mit 3 - 4 Seiten vom Original, 1 S. vom Anfang in meiner Übersetzung und einem kurzen Brief, warum das so ein tolles Buch ist) gleich zu ihm nach München geschickt. Es stellte sich dann heraus, dass es so leicht auch nicht ist - vor allem im Englischen meinen die Verlage, die Neuerscheinungen zu überblicken, deshalb lassen sie sich doch nicht so leicht etwas vorschlagen. Von Hanser jedenfalls kam ein freundlicher Absagebrief. Und so dauerte es dann rund ein halbes Dutzend weiterer Versuche und geschlagene zwei Jahre, bis sich endlich mal jemand dazu bequemte, das Buch wenigstens zu lesen. Der saß bei Rogner & Bernhard und war - logisch - sofort genauso begeistert wie ich von Water Music. Natürlich wollten sie es dann auch gleich zur Buchmesse rausbringen, und dass ich eigentlich gerade für sechs Wochen mit meiner Freundin durch Mexico trampen wollte, spielte da keine Rolle. Und ehrlich gesagt, für mich auch nicht. (Inzwischen waren wir trotzdem schon mehrmals in Mexico, außerdem ...) Und noch einmal etliche Jahre später schnappte sich Hanser diesen vielversprechenden Autor, mit World's End - wovon ich zum Glück rechtzeitig erfuhr -, und es gelang mir, mich erfolgreich als T.C. Boyles Hausübersetzer zu verkaufen.

www.tcboyle.de: Welches Buch von T.C. Boyle gefällt Dir am besten und warum?

Werner Richter: Schon die Wassermusik, weil es einfach so eine irrwitzige Geschichte ist. Da ist viel Liebe zur Literatur eingeflossen, die ganzen historischen Verweise zu Wissenschaft und Literatur jener Zeit, oder auch das eingearbeitete Original-Tagebuch von Mungo Park (dessen Übersetzung in »alterthümelndes Deutsch« großen Spaß gemacht hat). Mein zweiter Liebling ist World's End, ein grandioser Streifzug durch die Geschichte der USA (auch eher stiefmütterlicher Aspekte) mit geradezu genialen Verschränkungen der Motive. Und gleich danach kommt die Kurzgeschichte Mein Abend mit Jane Austen, wo er einen schönen postmodernen Humor an den Tag legt. Speaking of Short Stories - das ist ja seine eigentliche Stärke (und da zeigt sich, was für ein toller Schriftsteller Tom ist, wenn er trotzdem mit seinen Romanen noch viel besser bekannt ist). Aber ich finde einige seiner Kurzgeschichten unübertrefflich: etwa The Miracle of Ballinspittle, The Human Fly und auch sehr viele aus Schluss mit cool, auch wenn die fast alle dermaßen traurig sind: Rust, My Widow und das einzige antidepressive: After the Plague.

www.tcboyle.de: Worin unterscheiden sich die deutschen Ausgaben der Boyle-Romane im Vergleich zu den Originalen? Ich denke, es gibt niemanden, der diese Frage besser beantworten könnte als Du.

Werner Richter: Hoffentlich unterscheiden sie sich sehr wenig! Aber es gibt im Englischen mehr als im Deutschen das Phänomen von »seltenen Wörtern«, weil man sehr häufig zwei Möglichkeiten hat, mehr oder minder dasselbe zu sagen, entweder mit dem lateinischen und oder dem angelsächsischen Wort (vituperate/scold s.o., unidirectional/one-way usw.) - und Boyle greift gerne tief in die Kiste, um interessante, »schöne« Wörter hervorzuholen, und so entdeckt der Durchschnittsleser im Original häufig Dinge, die er oder sie noch nie gesehen hat. Leser des Originals erzählen öfter, sie müssten öfter mal im Dictionary nachsehen, was bestimmte Sachen überhaupt heißen - und nennen diese Sprachgewalt als einen der Gründe, warum Boyle sie fasziniert. Im Deutschen ist das nicht so einfach, da gehören »seltene« Wörter fast ausnahmslos zu irgendeiner Fachsprache, einem Jargon, und das ist etwas anderes. Obwohl es mir immer auch großen Spaß gemacht hat, selten gebrauchte (aber dabei nicht unbedingt veraltete) deutsche Wörter aus dem Fundus zu kramen: unverwandt, Schwermut, Halsbräune, Vettel oder Kate ... Diese Beispiele stammen größtenteils aus der Wassermusik, aber bei seiner Prosa hat man öfter mal einen derartigen Bedarf.

www.tcboyle.de: Wie ist Dein persönliches Verhältnis zu T.C. Boyle? Ist aus den vielen Jahren der Zusammenarbeit schon eine Freundschaft erwachsen? Oder ist es nach wie vor ein reines Arbeitsverhältnis?

Werner Richter: Ich habe mit Tom schon seit den ersten Romanen korrespondiert, weil es beim Übersetzen einfach immer alles mögliche zu fragen gibt. Viele Autoren fühlen sich von solchen Fragen (die ja oft auf fragliche Formulierungen, mehrdeutige Ausdrucksweisen usw. abzielen) von vornherein auf den Schlips getreten, da ist Tom ganz anders. Er bemüht sich immer redlich, Fragen zu beantworten - es kann höchstens vorkommen, dass er im Geiste schon zwei Bücher weiter ist und sich an das, was er damals geschrieben hat, nicht mehr genau erinnert. Verständlich. Seit er E-Mail hat, ist das alles natürlich viel leichter - vorher kamen immer diese flimsigen Aerogramme von ihm (und seine Handschrift ist nicht viel besser als meine, nur benutze ich seit 20 Jahren für fast alles einen Drucker …) Vor rund acht Jahren (so um die Kurzgeschichten von Fleischeslust herum) kam er mal für eine Lesung nach Wien, und da hatte er mehr Zeit als erwartet, so dass wir die ganze Nacht miteinander durch diverse Restaurationsbetriebe gezogen sind und uns einiges erzählt haben. Da gibt es dann diese nette Anekdote, dass meine Frau - die irgendwann am Abend mit meiner Heimkehr gerechnet hatte - gegen zwei Uhr früh leise besorgt in seinem Hotel anrief, um zu fragen, wo ich denn bliebe, und da stolperte er zufällig gerade durch die Rezeption und sagte ihr ins Telefon: »Werner? Whaddayamean? I left him at his girlfriend's at about half past nine.« Inzwischen hab ich ihn (und auch seine äußerst gescheite Tochter) dann noch mal in Wien getroffen, da blieb allerdings schon weit weniger Zeit zwischen Hotel-Lesung-Signieren-Abendessen-Hotel-Weiterflug nach Berlin. Er ist jedenfalls ein wirklich angenehmer Zeitgenosse, der ganz gegen das etwas aufmüpfige Image sehr umgänglich ist und noch den allerletzten Fan in der Signierstunde nach anderthalb Stunden nett und freundlich nach seinen Vorlieben fragt. Und die Leute bringen die Bücher rucksäckeweise zum Signieren mit!

www.tcboyle.de: Der Roman Willkommen in Wellville und der Kurzgeschichtenband Tod durch Ertrinken wurden von Annette Grube übersetzt, Greasy Lake von Ditte König und Giovanni Bandini. Hat es besondere Gründe, warum diese Bücher nicht auch von Dir übersetzt worden sind?

Werner Richter: Nein, das war einfach beide Male ein Zeitproblem. Tom schreibt einfach so schnell, das war schon immer so, und ich übersetze relativ langsam - aber nicht so langsam, dass ich nicht between Boyles auch mal andere Bücher auf dem Tisch habe.

www.tcboyle.de: Wie muss man sich das vorstellen, wenn Du ein Buch von T.C. Boyle übersetzt? Wie ist Deine Arbeitsweise?

Werner Richter: Ich gehe inzwischen so an meine Übersetzungsprojekte heran, dass ich die Bücher vorher allenfalls überfliege, aber nicht gründlich lese. Das halte ich deshalb für angemessen, weil ich so noch mehr als sowieso der »erste Leser« des Buches bin. Wenn ich als allwissender Übersetzer schon weiß, wo alles hinführt, entgehen mir eventuell kleine Irreführungen der Handlung am Anfang. Früher war das anders, da habe ich mir schon im Vorhinein die möglichen Schwierigkeiten anzustreichen versucht und bin vielleicht schon in der Bibliothek gewesen, ehe ich die erste Seite übersetzt hatte. Aber heute helfen einem Computer und Internetrecherche ja auch wesentlich mehr: wenn ich früher auf S. 400 gemerkt habe, dass ein bestimmter Begriff vielleicht doch besser anders übersetzt gehörte, wären deshalb womöglich zig Stellen zu korrigieren gewesen, wo das vorkam - und die hätte man erst mal alle finden müssen! Da hilft Search-and-replace natürlich eine Menge, und deshalb ist es auch leichter, quasi unvorbereitet in die Übersetzung hineinzuspringen. Ansonsten hangelt man sich beim Übersetzen einfach von Satz zu Satz. Jeder Satz muss in sich stimmen, das ist mal das Wichtigste an unserer Arbeit. Und dann muss jeder Satz sich mit dem vorigen und dem nächsten verzahnen, also irgendwie stimmig sein. Das ist wie ineinandergehakte Finger von Verliebten, ganz selbstverständlich eben. Wenn beim Lesen die Sätze nicht zusammenpassen (diese Bezüge laufen vor allem über Pronomen und Verweise), dann gibt's ein gröberes Problem.

www.tcboyle.de: Bereitet es Dir eine besondere Freude, die Bücher von T.C. Boyle zu übersetzen - auch und gerade im Vergleich zu anderen Übersetzungsarbeiten? Oder ist es grundsätzlich »harte Knochenarbeit«?

Werner Richter: Nein, Übersetzen ist eigentlich nie wirklich Knochenarbeit, sondern es macht im Idealfall großen Spaß, so einen Text Satz für Satz hinter sich zu bringen und ins Deutsche einzugemeinden (siehe oben). Allerdings, es stimmt schon, dass die Arbeit nicht immer ganz so ideal vonstatten geht wie bei T.C. Boyle. Denn beim Übersetzen kommt man den Autoren/undinen ja einigermaßen auf die Schliche: weil wir in die Tiefenstruktur des Texts hineingehen (müssen), kennen wir recht bald alle ihre Tricks und Kunstgriffe. Und dann merken wir auch, dass manche Schriftsteller gar nicht so viele Tricks auf Lager haben, und dass diese Tricks außerdem auch gar nicht immer so richtig gut funktionieren. Und wenn so was dann noch 400 Seiten so weitergeht … Bei Toms Texten war das eigentlich nie so. Er kennt und liebt seine Sprache, so wie ich die meine. Wenn er eine Geschichte erzählt, dann funktioniert dabei alles, bis hinein in die einzelnen Figuren, Sätze, Bilder und Begriffe. Manchmal bin ich vielleicht allenfalls versucht, eines von drei Adjektiven rauszustreichen, aber ich gehe diesem Impuls nur im Ernstfall nach :-) Denn im Grunde sind das Bücher, die Hand und Fuß haben. Ich hätte übrigens gerne noch ein paar mehr davon übersetzt.

www.tcboyle.de: Deine Arbeit als Übersetzer setzt, denke ich mal, gewisse literarische Fähigkeiten voraus. Reizt es da nicht, selbst schriftstellerisch tätig zu werden? Zumal es kaum eine Besprechung von Boyles Büchern gibt, in der Deine Arbeit als Übersetzer nicht positiv hervorgehoben wird. Und dann hast du die guten Kontakte zu den großen Verlagen, die die Qualität Deiner Zeilen hervorragend einschätzen können. Wäre das nicht ein prima Ausgangspunkt für eine eigene schriftstellerische Karriere?

Werner Richter: Übersetzer, so ein Bonmot unserer Branche, sind ja Schriftsteller, denen nichts einfällt - und deshalb passen wir auch so gut zu unserem Job. Im übrigen schreibe ich seit Jahr und Tag kleine journalistische Texte für diverse Medien, übers Übersetzen, über Software für unsere Branche, über berufspolitische Aspekte unserer Arbeit … Aber so richtig eigene Texte habe ich bisher nur im privaten Rahmen versucht, haben mir allerdings durchaus gefallen. Mal sehen, ob der Short-Story-Wettbewerb von www.tcboyle.de etwas hergibt :-) Und wenn das klappt, dann komm ich vielleicht auch mit meinen fertig durchdachten Drehbüchern für ein-zwei Fernsehserien und dem endgültigen Roman des Zwanzigsten Jahrhunderts raus, wird ja auch Zeit (für den Roman, meine ich). Einstweilen schreibe ich Interviews für Fan-Websites und solcherlei Kleinkram …

www.tcboyle.de: Was gibt es für die Literaturübersetzer im deutschen Sprachraum noch zu tun, damit sie besser gestellt sind. Du bist auf diesem Gebiet ja sehr aktiv. Hat es in den letzten Jahren befriedigende Fortschritte gegeben? Oder ist das Bemühen, den Literaturübersetzern eine größere Anerkennung zuteil werden zu lassen, eher ein Kampf gegen Windmühlen?

Werner Richter: Anerkennung hat hier vielerlei Seiten. Eines ist mal die Namensnennung, das wäre in vielen Fällen schon ein gewaltiger Fortschritt. In den Büchern selbst finden sich unsere Namen mittlerweile, normalerweise auf der »Titelseite« (das ist meist die fünfte, die mit den wichtigsten Informationen drauf: Titel, Autor, Übersetzer, Verlag), aber es ist nicht einzusehen, wieso wir nicht genausogut auf dem Umschlag stehen sollten - das machen die Verlage aber immer nur dann, wenn es sich »auszahlt«, also wenn man auf eine Neuübersetzung hinweisen will oder wenn der Übersetzer einen klingenden Namen wie Peter Handke hat oder aus der »Lindenstraße« bekannt ist. Wichtiger wären mir allerdings Verbesserungen, die die Verleger Geld kosten werden: Seit Jahr und Tag rechne ich jedem vor, der es hören möchte, dass ich erstens mit Übersetzungen von Büchern nur rund ein Drittel so viel verdiene wie mit praktisch allen anderen Übersetzungen (einmal habe ich für exakt denselben Text, »Die schwarz-weißen Schwestern« in Schluss mit cool war das, 100 DM pro Seite von einer Zeitschrift bekommen, während Hanser mir damals für diese Storys 33 DM zahlte) und andererseits jeder Installateursgehilfe mehr für seine Arbeit kriegt als ich - von vergleichbaren Berufen wie Redakteur, Lektor oder Lehrer gar nicht zu reden. Unter der ersten Schröder-Regierung ist zwar das so genannte Urhebervertragsrecht verabschiedet worden, das die Stellung der Kreativen (und hier ausdrücklich der Literaturübersetzerundinen) stärken soll, es wurde aber leider im letzten Moment einigermaßen verwässert - da hat wohl Herr Bertelsmann bei Herrn Clement angerufen -, sodass jetzt zwar die Verleger vom Börsenverein mit uns verhandeln müssen, aber zu einigen brauchen wir uns nicht. So werden diese Verhandlungen seit zwei Jahren verschleppt und ziehen sich wohl noch jahrelang durch die Gerichte … und während all dieser Zeit subventionieren wir mit unserer Arbeit (und diversen lukrativeren Nebenjobs bzw. dem Einkommen unserer Partner) die Übersetzung der Weltliteratur ins Deutsche.

www.tcboyle.de: Welche Literatur bevorzugst Du, wenn Du Dich einmal nicht beruflich damit beschäftigen musst? Hast Du einen aktuellen Buchtipp für uns?

Werner Richter: Zu Joseph Conrad greife ich immer wieder mal, außerdem finde ich fast jedes Buch von Salman Rushdie großartig (hab sogar mal eine kleine Kurzgeschichte von ihm übersetzt). Außerdem muss ich mich als Harry-Potter-Fan outen, ich finde Rowlings Schreibe ziemlich unterhaltsam (im Original), vor allem fällt mir auf, dass sie bei aller konkreter Beschreibung der Leserphantasie sehr viel überlässt - das merke ich immer daran, wenn ich wegen irgendeines Namens oder eines Details zurückblättere, und regelmäßig viel zu weit nach vorn komme: scheinbar ist zwischendurch mehr passiert als nur das, was im Buch steht. Aktueller Buchtipp: Meine Frau (die Psychiaterin und Psychotherapeutin ist) hat mir zu Weihnachten einen ziemlich genialen Krimi geschenkt, in dem sowohl Übersetzer als auch Therapeuten vorkommen: Håkan Nesser: »Barins Dreieck« - da entdeckt der Übersetzer in seinem neuen Roman einen verklausulierten Kriminalfall, und der Therapeut teilt sich Praxis und Identität mit einem Doppelgänger, der aus einem ganz anderen Beruf kommt, aber so haben beide die halbe Woche frei und verdienen massenhaft Kohle. Noch dazu beginnt das Buch damit, dass einer seine Frau, die er vor über einem Jahr ermordet hat (glaubt er), in einer Radioübertragung aus dem Amsterdamer Concertgebouw plötzlich husten hört. Das lässt sich nicht übel an, sind recht starke Einfälle jedenfalls.

www.tcboyle.de: Noch ein Schlusswort ...

Werner Richter: Ich wünsche allen hier viel Spaß beim Lesen, auch wenn's nicht mehr meine Übersetzungen sein werden.
 
 
© 2004 www.tcboyle.de
 
 
Übersicht