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| 12 Fragen an
Werner Richter |
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| Als im September 2002
die Idee zu www.tcboyle.de geboren wurde, stellten wir uns zuerst
die Frage, an wem wir uns mit unserem Vorhaben wenden sollten.
In Werner Richter fanden wir schnell die kompetente Unterstützung,
die wir suchten. Der gebürtige Berliner und Wahlwiener hat fast
alle Werke T.C. Boyles ins Deutsche übersetzt. Seine Arbeit wurde
in zahlreichen Buchkritiken lobend erwähnt (eine Ehre, die Literaturübersetzern
eher selten zuteil wird), und, was viele nicht wissen, er gilt
als Entdecker T.C. Boyles für den deutschen Sprachraum. Ein Interview
mit Werner Richter zählte deshalb zu den ersten Aufgaben, die
wir uns nach dem offiziellen Start unserer Website, am 1. August
2003, setzten. Im September 2003 schickten wir ihm unseren Fragebogen
zu. Einige Monate später erfuhren wir, dass der Hanser Verlag
die Zusammenarbeit mit Werner Richter aufgelöst hatte. Unseren
Fragebogen bekamen wir dennoch ausgefüllt aus Wien zurück: mit
viermonatiger Verspätung und einer kurzen Stellungnahme zum
völlig überraschenden Ende seiner Übersetzungsarbeit für T.C.
Boyle. |
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www.tcboyle.de: Vorweg:
Kannst Du uns ein paar biographische Eckdaten verraten und welche
Autoren Du außer T.C. Boyle übersetzt?
Werner Richter: Geboren am 22.12.1954 in Berlin-Schöneberg,
1975/76 ein Jahr Studium in Kanada, danach Umzug nach Wien (zu
Studium & Leben), 1984 Diplom-Übersetzer für Französisch, Russisch
und Englisch, seit 1981 Literaturübersetzer (für Zsolnay, Rogner
& Bernhardt, Rowohlt, Hanser, List, Diogenes, Goldmann, Fischer,
Luchterhand u.a. - bekanntere Autoren/undinen außer T.C. Boyle:
Graham Greene, D.H. Lawrence, Patricia Highsmith, Allan Gurganus,
Michael Bond (aber nicht Paddington Bear, sondern Gourmet-Krimis),
Gerald Seymour u. a. Außerdem zwischendurch gelegentlich Fachübersetzungen
(Pharma, Medizin, PR) sowie Essays und Artikel für Museumskataloge
und Zeitschriften (Weltwoche, du, Spiegel u.a.) - Letzteres
wird übrigens dreimal besser bezahlt als die Arbeit für Buchverlage
... Vorweg auch eine Bemerkung von mir: Anfang Dezember setzte
mich Hanser-Verlagschef Michael Krüger in einem kurzen Brief
davon in Kenntnis, dass sich »unsere Wege bei Boyle trennen
müssen.« Der Hintergrund war u. a., dass die Chemie zwischen
mir und der zuständigen Hanser-Lektorin nicht gestimmt hat.
Ich spreche daher hier bezüglich meiner Boyle-Übersetzerei im
Präsens.
www.tcboyle.de: Wie bist Du zum Übersetzerberuf gekommen?
War es von jeher Dein Ziel, Übersetzer von literarischen Werken
zu werden?
Werner Richter: Nö, ich hatte ursprünglich den abgehobenen
Linguisten angepeilt, der ausgestorbene Indianersprachen im
Hinblick auf völlig neue Einsichten in die Wirklichkeitsinterpretation
durchleuchtet (zuviel Sapir und Whorf gelesen wahrscheinlich).
Dann war ich ein Jahr auf Halfbright-Stipendjumm in Kanada,
wo ich tatsächlich auch N.A. Indian Languages studiert habe,
und dort wird ja sehr viel En<>Fr übersetzt, sodass ich auf
die Idee kam, all die feinen Bücher, die ich tagein, tagaus
gelesen habe, auch gleich zu übersetzen - das müsste noch mehr
Spaß machen, dachte ich. Und so ist es auch. Ich hab damals
gleich recht hoch angesetzt und die Agenten von J.D. Salinger
gefragt, was dieser davon halten würde, wenn ich den Raubdruck
mit seinen Early Stories ins Deutsche bringen würde,
den ich irgendwo auf dem Flohmarkt gefunden hatte. Die haben
mich achtkantig abgeschmettert (Salinger hat sich ja aus dem
Literaturbetrieb und überhaupt aus dem öffentlichen Leben seit
ca. 1970 zurückgezogen und würde wohl eher die Raubdrucker mit
der Schrotflinte verfolgen). Vor ein paar Jahren hab ich's übrigens
nochmal versucht, 25 Jahre später und mit etwas mehr Erfahrung
auf dem Buckel, aber da kam fast derselbe Absagebrief von derselben
Frau zurück, that's life. Statt dessen bin ich hier in
Wien immer am Paul Zsolnay Verlag vorbeigeradelt und hab irgendwann
mal da angerufen, ob sie nicht was zu übersetzen hätten. Und
siehe: sie hatten! Der Hintergrund war, dass Zsolnay seine Übersetzerundinen
so schlecht behandelt und noch viel mieser als der ohnehin erbärmliche
Durchschnittssatz gezahlt hat, dass ihnen dauernd jemand abgesprungen
ist. So bekam ich mein erstes Buch: Aritha van Herk, The
Tent Peg (dt.: »Mackenzies Koch«, und später auch als
»Unter Männern«, ist heute noch lieferbar). Ein prima Buch,
und wenn ich auch in den nächsten zwei Jahren kaum Geld damit
verdiente, hatte ich am Ende wenigstens ein paar Titel auf der
Liste, darunter eben auch einen (zugegeben minderen) Graham
Greene: »Mein Freund, der General«. Woanders nennt man
das wohl »Lehrgeld zahlen«. Danach stand ich auf der Buchmesse
und in Bewerbungsbriefen jedenfalls nicht mehr als blutiger
Anfänger da, sondern hatte offensichtlich schon ein paarmal
gezeigt, dass ich übersetzen und auch z. B. Termine einhalten
kann (was ja im Buchgeschäft auch ganz wichtig ist).
www.tcboyle.de: Kannst Du uns kurz erzählen, wie Du auf
die Werke von T.C. Boyle gestoßen bist? Du wirst ja als Entdecker
Boyles für den deutschen Sprachraum genannt. Und wie viele sicherlich
wissen, fing es mit Wassermusik an. Wie bist Du auf dieses
Buch aufmerksam geworden und wie kam es zur deutschen Übersetzung?
Werner Richter: Witzige Geschichte: Ein Bekannter flog
damals nach Boston, der war Jurist und ein staubtrockener Typ.
Aber ich hatte einen Auftrag für ihn: Geh in eine Buchhandlung
und zeig dem Verkäufer da einen Zettel (auf dem meine damaligen
Lieblingsautoren standen: Tom Robbins, Ken Kesey, William Kotzwinkle,
weiß ich noch), und wenn der Typ dann sagt: Wow, great stuff,
man, oder so ähnlich, dann lass ihn dir vier, fünf Taschenbücher
aussuchen, die bringst du mir dann bitte mit. Er kam unter anderem
wieder mit Anne Rice: Interview with the Vampire, Padgett
Powell: Edisto (inzwischen von Harry Rowohlt übersetzt),
J. Batchelor: The Birth of the People's Republic of Antarctica,
noch zwei Taschenbüchern und einem reichlich teuren Hardcover
mit einem tollen Umschlagbild: T. Coraghessan Boyle: Water
Music. Das war zwar gegen die Abmachung, aber was soll man
machen. Ich hab die Schwarte dann noch in derselben Nacht angefangen
und war sofort schwer beeindruckt, von der Story selbst und
auch von der Erzähltechnik. Als ich die Geschichte aus hatte,
war mir klar: Das musst du übersetzen, Mann. Kurz davor hatte
Christoph Buchwald, damals Lektor bei Hanser, mal bei einem
unserer Übersetzerseminare gemeint, für gute Vorschläge seien
die Lektorate immer zu haben, also er jedenfalls, also hab ich
mein Boyle-Kuvert (mit 3 - 4 Seiten vom Original, 1 S. vom Anfang
in meiner Übersetzung und einem kurzen Brief, warum das so ein
tolles Buch ist) gleich zu ihm nach München geschickt. Es stellte
sich dann heraus, dass es so leicht auch nicht ist - vor allem
im Englischen meinen die Verlage, die Neuerscheinungen zu überblicken,
deshalb lassen sie sich doch nicht so leicht etwas vorschlagen.
Von Hanser jedenfalls kam ein freundlicher Absagebrief. Und
so dauerte es dann rund ein halbes Dutzend weiterer Versuche
und geschlagene zwei Jahre, bis sich endlich mal jemand dazu
bequemte, das Buch wenigstens zu lesen. Der saß bei Rogner &
Bernhard und war - logisch - sofort genauso begeistert wie ich
von Water Music. Natürlich wollten sie es dann auch gleich
zur Buchmesse rausbringen, und dass ich eigentlich gerade für
sechs Wochen mit meiner Freundin durch Mexico trampen wollte,
spielte da keine Rolle. Und ehrlich gesagt, für mich auch nicht.
(Inzwischen waren wir trotzdem schon mehrmals in Mexico, außerdem
...) Und noch einmal etliche Jahre später schnappte sich Hanser
diesen vielversprechenden Autor, mit World's End - wovon
ich zum Glück rechtzeitig erfuhr -, und es gelang mir, mich
erfolgreich als T.C. Boyles Hausübersetzer zu verkaufen.
www.tcboyle.de: Welches Buch von T.C. Boyle gefällt Dir
am besten und warum?
Werner Richter: Schon die Wassermusik, weil es
einfach so eine irrwitzige Geschichte ist. Da ist viel Liebe
zur Literatur eingeflossen, die ganzen historischen Verweise
zu Wissenschaft und Literatur jener Zeit, oder auch das eingearbeitete
Original-Tagebuch von Mungo Park (dessen Übersetzung in »alterthümelndes
Deutsch« großen Spaß gemacht hat). Mein zweiter Liebling ist World's End, ein grandioser Streifzug durch die Geschichte
der USA (auch eher stiefmütterlicher Aspekte) mit geradezu genialen
Verschränkungen der Motive. Und gleich danach kommt die Kurzgeschichte
Mein Abend mit Jane Austen, wo er einen schönen postmodernen
Humor an den Tag legt. Speaking of Short Stories - das
ist ja seine eigentliche Stärke (und da zeigt sich, was für
ein toller Schriftsteller Tom ist, wenn er trotzdem mit seinen
Romanen noch viel besser bekannt ist). Aber ich finde einige
seiner Kurzgeschichten unübertrefflich: etwa The Miracle
of Ballinspittle, The Human Fly und auch sehr viele
aus Schluss mit cool, auch wenn die fast alle dermaßen
traurig sind: Rust, My Widow und das einzige antidepressive:
After the Plague.
www.tcboyle.de: Worin unterscheiden sich die deutschen
Ausgaben der Boyle-Romane im Vergleich zu den Originalen? Ich
denke, es gibt niemanden, der diese Frage besser beantworten
könnte als Du.
Werner Richter: Hoffentlich unterscheiden sie sich sehr
wenig! Aber es gibt im Englischen mehr als im Deutschen das
Phänomen von »seltenen Wörtern«, weil man sehr häufig zwei Möglichkeiten
hat, mehr oder minder dasselbe zu sagen, entweder mit dem lateinischen
und oder dem angelsächsischen Wort (vituperate/scold
s.o., unidirectional/one-way usw.) - und Boyle greift
gerne tief in die Kiste, um interessante, »schöne« Wörter hervorzuholen,
und so entdeckt der Durchschnittsleser im Original häufig Dinge,
die er oder sie noch nie gesehen hat. Leser des Originals erzählen
öfter, sie müssten öfter mal im Dictionary nachsehen,
was bestimmte Sachen überhaupt heißen - und nennen diese Sprachgewalt
als einen der Gründe, warum Boyle sie fasziniert. Im Deutschen
ist das nicht so einfach, da gehören »seltene« Wörter fast ausnahmslos
zu irgendeiner Fachsprache, einem Jargon, und das ist etwas
anderes. Obwohl es mir immer auch großen Spaß gemacht hat, selten
gebrauchte (aber dabei nicht unbedingt veraltete) deutsche Wörter
aus dem Fundus zu kramen: unverwandt, Schwermut, Halsbräune,
Vettel oder Kate ... Diese Beispiele stammen größtenteils aus
der Wassermusik, aber bei seiner Prosa hat man öfter
mal einen derartigen Bedarf.
www.tcboyle.de: Wie ist Dein persönliches Verhältnis
zu T.C. Boyle? Ist aus den vielen Jahren der Zusammenarbeit schon
eine Freundschaft erwachsen? Oder ist es nach wie vor ein reines
Arbeitsverhältnis?
Werner Richter: Ich habe mit Tom schon seit den ersten
Romanen korrespondiert, weil es beim Übersetzen einfach immer
alles mögliche zu fragen gibt. Viele Autoren fühlen sich von
solchen Fragen (die ja oft auf fragliche Formulierungen, mehrdeutige
Ausdrucksweisen usw. abzielen) von vornherein auf den Schlips
getreten, da ist Tom ganz anders. Er bemüht sich immer redlich,
Fragen zu beantworten - es kann höchstens vorkommen, dass er
im Geiste schon zwei Bücher weiter ist und sich an das, was
er damals geschrieben hat, nicht mehr genau erinnert. Verständlich.
Seit er E-Mail hat, ist das alles natürlich viel leichter - vorher
kamen immer diese flimsigen Aerogramme von ihm (und seine Handschrift
ist nicht viel besser als meine, nur benutze ich seit 20 Jahren
für fast alles einen Drucker …) Vor rund acht Jahren (so um
die Kurzgeschichten von Fleischeslust herum) kam er mal
für eine Lesung nach Wien, und da hatte er mehr Zeit als erwartet,
so dass wir die ganze Nacht miteinander durch diverse Restaurationsbetriebe
gezogen sind und uns einiges erzählt haben. Da gibt es dann
diese nette Anekdote, dass meine Frau - die irgendwann am Abend
mit meiner Heimkehr gerechnet hatte - gegen zwei Uhr früh leise
besorgt in seinem Hotel anrief, um zu fragen, wo ich denn bliebe,
und da stolperte er zufällig gerade durch die Rezeption und
sagte ihr ins Telefon: »Werner? Whaddayamean? I left him
at his girlfriend's at about half past nine.« Inzwischen
hab ich ihn (und auch seine äußerst gescheite Tochter) dann
noch mal in Wien getroffen, da blieb allerdings schon weit weniger
Zeit zwischen Hotel-Lesung-Signieren-Abendessen-Hotel-Weiterflug
nach Berlin. Er ist jedenfalls ein wirklich angenehmer Zeitgenosse,
der ganz gegen das etwas aufmüpfige Image sehr umgänglich ist
und noch den allerletzten Fan in der Signierstunde nach anderthalb
Stunden nett und freundlich nach seinen Vorlieben fragt. Und
die Leute bringen die Bücher rucksäckeweise zum Signieren mit!
www.tcboyle.de: Der Roman Willkommen in Wellville und der Kurzgeschichtenband
Tod durch Ertrinken wurden von Annette Grube übersetzt,
Greasy Lake von Ditte König und Giovanni Bandini. Hat
es besondere Gründe, warum diese Bücher nicht auch von Dir übersetzt
worden sind?
Werner Richter: Nein, das war einfach beide Male ein
Zeitproblem. Tom schreibt einfach so schnell, das war schon
immer so, und ich übersetze relativ langsam - aber nicht so
langsam, dass ich nicht between Boyles auch mal andere
Bücher auf dem Tisch habe.
www.tcboyle.de: Wie muss man sich das vorstellen, wenn
Du ein Buch von T.C. Boyle übersetzt? Wie ist Deine Arbeitsweise?
Werner Richter: Ich gehe inzwischen so an meine Übersetzungsprojekte
heran, dass ich die Bücher vorher allenfalls überfliege, aber
nicht gründlich lese. Das halte ich deshalb für angemessen,
weil ich so noch mehr als sowieso der »erste Leser« des Buches
bin. Wenn ich als allwissender Übersetzer schon weiß, wo alles
hinführt, entgehen mir eventuell kleine Irreführungen der Handlung
am Anfang. Früher war das anders, da habe ich mir schon im Vorhinein
die möglichen Schwierigkeiten anzustreichen versucht und bin
vielleicht schon in der Bibliothek gewesen, ehe ich die erste
Seite übersetzt hatte. Aber heute helfen einem Computer und
Internetrecherche ja auch wesentlich mehr: wenn ich früher auf
S. 400 gemerkt habe, dass ein bestimmter Begriff vielleicht
doch besser anders übersetzt gehörte, wären deshalb womöglich
zig Stellen zu korrigieren gewesen, wo das vorkam - und die
hätte man erst mal alle finden müssen! Da hilft Search-and-replace natürlich eine Menge, und deshalb ist es auch leichter, quasi
unvorbereitet in die Übersetzung hineinzuspringen. Ansonsten
hangelt man sich beim Übersetzen einfach von Satz zu Satz. Jeder
Satz muss in sich stimmen, das ist mal das Wichtigste an unserer
Arbeit. Und dann muss jeder Satz sich mit dem vorigen und dem
nächsten verzahnen, also irgendwie stimmig sein. Das ist wie
ineinandergehakte Finger von Verliebten, ganz selbstverständlich
eben. Wenn beim Lesen die Sätze nicht zusammenpassen (diese
Bezüge laufen vor allem über Pronomen und Verweise), dann gibt's
ein gröberes Problem.
www.tcboyle.de: Bereitet es Dir eine besondere Freude,
die Bücher von T.C. Boyle zu übersetzen - auch und gerade im Vergleich
zu anderen Übersetzungsarbeiten? Oder ist es grundsätzlich »harte
Knochenarbeit«?
Werner Richter: Nein, Übersetzen ist eigentlich nie wirklich
Knochenarbeit, sondern es macht im Idealfall großen Spaß, so
einen Text Satz für Satz hinter sich zu bringen und ins Deutsche
einzugemeinden (siehe oben). Allerdings, es stimmt schon, dass
die Arbeit nicht immer ganz so ideal vonstatten geht wie bei
T.C. Boyle. Denn beim Übersetzen kommt man den Autoren/undinen
ja einigermaßen auf die Schliche: weil wir in die Tiefenstruktur
des Texts hineingehen (müssen), kennen wir recht bald alle ihre
Tricks und Kunstgriffe. Und dann merken wir auch, dass manche
Schriftsteller gar nicht so viele Tricks auf Lager haben, und
dass diese Tricks außerdem auch gar nicht immer so richtig gut
funktionieren. Und wenn so was dann noch 400 Seiten so weitergeht
… Bei Toms Texten war das eigentlich nie so. Er kennt und liebt
seine Sprache, so wie ich die meine. Wenn er eine Geschichte
erzählt, dann funktioniert dabei alles, bis hinein in die einzelnen
Figuren, Sätze, Bilder und Begriffe. Manchmal bin ich vielleicht
allenfalls versucht, eines von drei Adjektiven rauszustreichen,
aber ich gehe diesem Impuls nur im Ernstfall nach :-) Denn im
Grunde sind das Bücher, die Hand und Fuß haben. Ich hätte übrigens
gerne noch ein paar mehr davon übersetzt.
www.tcboyle.de: Deine Arbeit als Übersetzer setzt, denke
ich mal, gewisse literarische Fähigkeiten voraus. Reizt es da
nicht, selbst schriftstellerisch tätig zu werden? Zumal es kaum
eine Besprechung von Boyles Büchern gibt, in der Deine Arbeit
als Übersetzer nicht positiv hervorgehoben wird. Und dann hast
du die guten Kontakte zu den großen Verlagen, die die Qualität
Deiner Zeilen hervorragend einschätzen können. Wäre das nicht
ein prima Ausgangspunkt für eine eigene schriftstellerische
Karriere?
Werner Richter: Übersetzer, so ein Bonmot unserer Branche,
sind ja Schriftsteller, denen nichts einfällt - und deshalb
passen wir auch so gut zu unserem Job. Im übrigen schreibe ich
seit Jahr und Tag kleine journalistische Texte für diverse Medien,
übers Übersetzen, über Software für unsere Branche, über berufspolitische
Aspekte unserer Arbeit … Aber so richtig eigene Texte habe ich
bisher nur im privaten Rahmen versucht, haben mir allerdings
durchaus gefallen. Mal sehen, ob der Short-Story-Wettbewerb
von www.tcboyle.de etwas hergibt :-) Und wenn das klappt, dann
komm ich vielleicht auch mit meinen fertig durchdachten Drehbüchern
für ein-zwei Fernsehserien und dem endgültigen Roman des Zwanzigsten
Jahrhunderts raus, wird ja auch Zeit (für den Roman, meine ich).
Einstweilen schreibe ich Interviews für Fan-Websites und solcherlei
Kleinkram …
www.tcboyle.de: Was gibt es für die Literaturübersetzer
im deutschen Sprachraum noch zu tun, damit sie besser gestellt
sind. Du bist auf diesem Gebiet ja sehr aktiv. Hat es in den
letzten Jahren befriedigende Fortschritte gegeben? Oder ist
das Bemühen, den Literaturübersetzern eine größere Anerkennung
zuteil werden zu lassen, eher ein Kampf gegen Windmühlen?
Werner Richter: Anerkennung hat hier vielerlei Seiten.
Eines ist mal die Namensnennung, das wäre in vielen Fällen schon
ein gewaltiger Fortschritt. In den Büchern selbst finden sich
unsere Namen mittlerweile, normalerweise auf der »Titelseite«
(das ist meist die fünfte, die mit den wichtigsten Informationen
drauf: Titel, Autor, Übersetzer, Verlag), aber es ist nicht
einzusehen, wieso wir nicht genausogut auf dem Umschlag stehen
sollten - das machen die Verlage aber immer nur dann, wenn es
sich »auszahlt«, also wenn man auf eine Neuübersetzung hinweisen
will oder wenn der Übersetzer einen klingenden Namen wie Peter
Handke hat oder aus der »Lindenstraße« bekannt ist. Wichtiger
wären mir allerdings Verbesserungen, die die Verleger Geld kosten
werden: Seit Jahr und Tag rechne ich jedem vor, der es hören
möchte, dass ich erstens mit Übersetzungen von Büchern nur rund
ein Drittel so viel verdiene wie mit praktisch allen anderen
Übersetzungen (einmal habe ich für exakt denselben Text, »Die
schwarz-weißen Schwestern« in Schluss mit cool war
das, 100 DM pro Seite von einer Zeitschrift bekommen, während
Hanser mir damals für diese Storys 33 DM zahlte) und andererseits
jeder Installateursgehilfe mehr für seine Arbeit kriegt als
ich - von vergleichbaren Berufen wie Redakteur, Lektor oder
Lehrer gar nicht zu reden. Unter der ersten Schröder-Regierung
ist zwar das so genannte Urhebervertragsrecht verabschiedet
worden, das die Stellung der Kreativen (und hier ausdrücklich
der Literaturübersetzerundinen) stärken soll, es wurde aber
leider im letzten Moment einigermaßen verwässert - da hat wohl
Herr Bertelsmann bei Herrn Clement angerufen -, sodass jetzt
zwar die Verleger vom Börsenverein mit uns verhandeln müssen,
aber zu einigen brauchen wir uns nicht. So werden diese Verhandlungen
seit zwei Jahren verschleppt und ziehen sich wohl noch jahrelang
durch die Gerichte … und während all dieser Zeit subventionieren
wir mit unserer Arbeit (und diversen lukrativeren Nebenjobs
bzw. dem Einkommen unserer Partner) die Übersetzung der Weltliteratur
ins Deutsche.
www.tcboyle.de: Welche Literatur bevorzugst Du, wenn
Du Dich einmal nicht beruflich damit beschäftigen musst? Hast
Du einen aktuellen Buchtipp für uns?
Werner Richter: Zu Joseph Conrad greife ich immer wieder
mal, außerdem finde ich fast jedes Buch von Salman Rushdie großartig
(hab sogar mal eine kleine Kurzgeschichte von ihm übersetzt).
Außerdem muss ich mich als Harry-Potter-Fan outen, ich finde
Rowlings Schreibe ziemlich unterhaltsam (im Original), vor allem
fällt mir auf, dass sie bei aller konkreter Beschreibung der
Leserphantasie sehr viel überlässt - das merke ich immer daran,
wenn ich wegen irgendeines Namens oder eines Details zurückblättere,
und regelmäßig viel zu weit nach vorn komme: scheinbar ist zwischendurch
mehr passiert als nur das, was im Buch steht. Aktueller Buchtipp:
Meine Frau (die Psychiaterin und Psychotherapeutin ist) hat
mir zu Weihnachten einen ziemlich genialen Krimi geschenkt,
in dem sowohl Übersetzer als auch Therapeuten vorkommen: Håkan
Nesser: »Barins Dreieck« - da entdeckt der Übersetzer in
seinem neuen Roman einen verklausulierten Kriminalfall, und
der Therapeut teilt sich Praxis und Identität mit einem Doppelgänger,
der aus einem ganz anderen Beruf kommt, aber so haben beide
die halbe Woche frei und verdienen massenhaft Kohle. Noch dazu
beginnt das Buch damit, dass einer seine Frau, die er vor über
einem Jahr ermordet hat (glaubt er), in einer Radioübertragung
aus dem Amsterdamer Concertgebouw plötzlich husten hört. Das
lässt sich nicht übel an, sind recht starke Einfälle jedenfalls.
www.tcboyle.de: Noch ein Schlusswort ...
Werner Richter: Ich wünsche allen hier viel Spaß beim
Lesen, auch wenn's nicht mehr meine Übersetzungen sein werden. |
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