|
Am Donnerstag, den 10. Oktober 1996 war T.C. Boyle zu Gast
beim
5. Göttinger Literaturherbst. Wir hatten uns rechtzeitig
Karten gesichert, wussten allerdings nicht wirklich, was uns
beim erstmaligen Besuch einer Lesung dieses amerikanischen
Schriftstellers erwartet. Wir hatten Wassermusik und
World's End gelesen sowie den Roman América,
der in jenem Herbst 1996 das Licht der deutschen Öffentlichkeit
erblickte und zu dessen Vorstellung Boyle nach Deutschland
gekommen war.
Wir waren spät dran an diesem kühlen Oktoberabend
in Göttingen. Die Veranstaltung sollte im Alten Rathaus
stattfinden. Doch dort war alles dunkel und vernagelt. Nur
ein Plakat hing an der Tür, darauf der Hinweis, dass
die Lesung in den Hörsaal der Uni verlegt werden musste.
Also hasteten wir gleich weiter, immer noch in Vorfreude auf
einen Abend mit T.C. Boyle. Er hätte ja auch ganz plötzlich
absagen können, und als Ersatz wäre uns dann Ida
Friesicke geboten worden, die aus ihrem Gedichtzyklus »Wilde
Blüten« liest. Dieses Horrorszenario malten wir uns
in Gedanken aus, während wir verzweifelt den Hörsaal
der Uni suchten.
Die Umleitung war miserabel ausgeschildert. Wir verpassten
deshalb zwar nicht den Anfang von Boyles Auftritt, mussten
uns aber mit zwei Plätzen in einer hinteren, höher
gelegenen Reihe begnügen. Es waren nicht wenige, die
Boyle an diesem Abend live sehen wollten. 300 oder 400 Besucher
vielleicht? An einen freien Platz können wir uns jedenfalls
nicht mehr erinnern, und das ist schon bemerkenswert. Denn
1996 war T.C. Boyle noch lange nicht so bekannt wie heute.
Auf seiner Lesereise zum Erscheinen seines Romans Dr. Sex
im Mai 2005 gelang es ihm problemlos, Hallen in einer Größenordnung
von 800 bis 1.000 Plätzen zu füllen und dabei immer
noch viele Enttäuschte zurückzulassen, Fans und
interessierte Leser, die sich nicht rechtzeitig um ein Ticket
gekümmert hatten. Aber 1996 war Boyle von einer solchen
Dimension noch ein gutes Stück entfernt. Erwartet hatten
wir damals eine beschauliche Veranstaltung, eine Lesung mit
maximal 100 Zuhörern, wie wir sie aus Buchhandlungen
kannten. Umso größer war unsere Überraschung
beim Betreten des vollbesetzten Hörsaals.
Schließlich war es soweit: T.C. Boyle kam auf die Bühne,
dürre Gestalt, schwarzes Jacket, schwarze Hose, rote
Turnschuhe, Totenkopfringe an den Fingern. Er stand gelassen
hinter einem kleinen Pult, redete und las aus seinem Roman
América in einem lockeren, unverkrampften Ton,
als hätte er nie etwas anderes getan.
Inhaltlich bekamen wir von der Lesung leider nicht viel mit.
Dies lag zum einen an unseren mangelhaften Englischkenntnissen,
zum anderen an der Akustik des Hörsaals oder einem zu
leise eingestellten Mikrofon. Boyle trat damals noch ohne
deutschen Übersetzer oder Moderator auf. Daher erschlossen
sich uns lediglich einige Passagen aus dem Roman América,
und das wohl auch nur, weil wir das Buch erst ein paar Tage
zuvor gelesen hatten.
Dennoch war uns zu keinem Zeitpunkt der Lesung langweilig.
Allein mit seiner Präsenz schaffte Boyle es, uns etwa
einanderthalb Stunden zu fesseln. Er machte mit seiner coolen
Vortragskunst Lust auf mehr, auf weitere Bücher von ihm,
und er schürte das Verlangen, die eigenen Englischkenntnisse
aufzubessern, um ihn vielleicht bei seinem nächsten Besuch
in Deutschland besser verstehen zu können.
Der syrische Schriftsteller Ali Ahmad Said (Adonis) sagte
kürzlich in einem Interview etwas Interessantes über
Lesungen, das sich gut auf die Eindrücke von unserer
ersten Begegnung mit T.C. Boyle übertragen lässt.
Adonis meinte: »Ich weiß, dass viele Leser nicht
verstehen, was ich sage, die einzelnen Gedichte intellektuell
nicht genau nachvollziehen können, aber dass sie diese
körperliche und stimmliche Präsenz und die Atmosphäre
der Dichtung sehr wohl empfinden können. Und wenn es
mir gelingt, diese Atmosphäre herzustellen, spüre
ich das auch und bekomme diese Energie zurück.«
Nachtrag: Im Januar 2007 konnten wir in unserem Message Board mit JohnDoe ein neues Mitglied begrüßen. Zum Einstieg teilte er uns mit, dass er ebenfalls bei der Boyle-Lesung 1996 in Göttingen dabei war. Seine Erinnerungen an diesen Abend:
Zum ersten Mal habe ich T.C. Bolye »Live« beim Göttinger Literaturherbst 1996 erlebt und war begeistert. Als er den Hörsaal betrat (schwarzes Jacket, schwarzes Hemd, schwarze Hose, knallrote Turnschuhe) und zu plaudern begann, wurde der Begriff Nonchalance für mich endlich mit Inhalt gefüllt. Obwohl sich meine Englischkenntnisse etwa auf dem Stand eines Siebtklässlers befanden (und befinden) und mir der Inhalt von »Ende der Nahrungskette« erst im Anschluss erläutert wurde, hatte ich an diesem Abend ungeheuren Spaß. Dort vorne stand ein weltberühmter Autor und sprach mit einem prallgefüllten Hörsaal, als würde er mit engen Freunden im eigenen Wohnzimmer sitzen. Und nicht nur das, er beantwortete auch die Frage, wie man ein gutes Buch schreibt: (Tierfreunde bitte wegklicken!)
Man nimmt zwei Kaninchen unter den Schreibtisch, schneidet sie auf, schlüpft mit den Füßen hinein und sobald sie kalt werden, beginnt man zu tippen.
Jedenfalls hab ich es so verstanden, aber persönlich noch nie ausprobiert.
|