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»Ich bin Schriftsteller, ich geh' raus auf die Bühne und besorg's den Leuten.« (T.C. Boyle)
 
T.C. Boyle Lesereise 2003
Im Oktober 2003 gastierte T.C. Boyle in Deutschland und in der Schweiz, um seinen Roman Drop City vorzustellen. Hier eine kleine Tour-Nachlese in Form von Zeitungsberichten und persönlichen Eindrücken.
 
 
T.C. Boyle Lesereise 2003
 
Sonntag, 12. Oktober 2003
GÖTTINGEN - DEUTSCHES THEATER
Die Veranstaltung fand im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes statt.
 
 
Montag, 13. Oktober 2003
KÖLN - MAYERSCHE BUCHHANDLUNG NEUMARKT
Moderation und Übersetzung: David Eisermann
 
 
Dienstag, 14. Oktober 2003
HANNOVER - BUCHHANDLUNG WEILAND
Moderation und Übersetzung: Margarete von Schwarzkopf (NDR)
 
Boyles Stimme im Kopf
Rückblick von Sven Steinert, www.tcboyle.de
Ich hatte die freudige Erfahrung, eine doppelte Premiere zu feiern. Zuerst die, meinen Lieblingsschriftsteller treffen zu können. Zweitens, einer Lesung beizuwohnen. Besagte Lesung hielt T.C. Boyle am 14. Oktober im Buchhaus Weiland in Hannover. Ich war gespannt. Was passiert bei so einer Lesung? Bis dato hatte ich noch nie das Vergnügen einer beizuwohnen. Erzählt Tom noch irgendetwas vorweg? (Ja, hat er.) Wie ist die Stimmung bei so einer Lesung? Hier bin ich gespalten. Ich empfand sie eher gespannt. Tom hat eine hervorragende Einleitung gegeben und seine Kapitel betont und entspannt vorgelesen. Ein Negativpunkt war für mich die Dame vom NDR. Ich weiß ja nicht, vielleicht war sie nur nervös. Ihren Teil der Lesung fand ich ein bißchen lax. Zumindest harmonierte sie nicht mit Tom. Egal, wenn es nach mir gegangen wäre, hätte Tom das ganze Buch lesen müssen. Die Zeit schien zu rasen, nach gefühlten zehn Minuten war es vorbei, aber mein Blutdruck sank erst, als klar war, dass die letzte Zeile gelesen war und es keine weitere geben würde. Wir wussten ja, dass Tom ziemlich geschafft war. Vielleicht war dies auch der Grund dafür, dass die Frage-Antwort-Stunde nach fünf Fragen beendet zu sein schien. Vielleicht lag es aber auch an den Fragen selber. Ich weiß es nicht. Zumindest schien ihn die letztgestellte Frage »Warst du damals auch in Woodstock dabei?« zu nerven. Nach einer lapidaren Antwort wurde nahtlos zum Signieren übergegangen. Mir persönlich hat es viel gegeben, Tom zuzusehen, wie er aus seinem Werk liest. Und ich habe nun, beim Lesen seiner Bücher, immer seine modulare Stimme im Kopf. Ehrlich, habe ich ausprobiert. Und die werde ich mir bewahren, bis wir hoffentlich in zwei Jahren wieder die Gelegenheit haben, ihn erleben zu dürfen.
 
 
 
Mittwoch, 15. Oktober 2003
STUTTGART - ALTES SCHÜTZENHAUS
Moderation: Manfred Heinfeldner
 
Ich lache, also schreibe ich
T.C. Boyle liest im Alten Schützenhaus aus Drop City
Stuttgarter Zeitung, 17. Oktober 2003

»Es ist gut, das Publikum zum Lachen zu bringen. Denn wenn das Publikum lacht, ist das das sicherste Anzeichen dafür, dass es nicht schläft.« So spricht Tom Coraghessan Boyle. Der kalifornische Schriftsteller ist einer, der praktiziert, was er predigt, und so wird ihm am Ende dieses Abends auch niemand vorwerfen können, er hätte einen Lacher ausgelassen. Von Beginn an erinnert T.C. Boyles Auftritt an Stand-up-Comedy. Sobald er die Bühne betreten hat, plaudert er munter drauflos. Zuerst von seinem grellbunten Jackett, das aussieht, als wäre es aus dem Fell eines Tieres aus einem psychedelischen Zeichentrickfilm genäht. Dann erzählt er Rechercheanekdötchen zur Entstehung seines jüngsten Romans Drop City, der von einer Hippiekommune handelt, die aus Gründen der Naturnähe nach Alaska auswandert. Und schließlich liest Boyle ein Kapitel aus diesem Roman vor, das sechste, welches - natürlich - ein besonders lustiges Kapitel ist. Einer der Helden erlegt darin ein Reh, um mit dem Fleisch ein großes Grillfest zu veranstalten, was erstens zu Kopfschütteln bei den Vegetariern der Kommune und zweitens zu heftigem (und ausgiebig beschriebenem) Durchfall führt. Boyle hat eine Art des ganzheitlichen Erzählens kultiviert, in dem es keinen erkennbaren Unterschied zwischen dem Vorlesen und dem Reden gibt. Ein Phänomen, auf das man auch bei anderen amerikanischen Autoren trifft, Tad Williams etwa. Auf der einen Seite kann das sehr unterhaltsam sein, auf der anderen Seite ist es mitunter so lustig, dass schon wieder Langeweile droht. Gut, dass da noch Hede Beck ist, die, in fortlaufendem Wechsel mit Boyle, Passagen aus der deutschen Übersetzung von Drop City vorliest. Am Ende verspricht Boyle, in anderthalb Jahren wiederzukommen. Dann mit dem nächsten Roman The Inner Circle, der von dem Sexualforscher Kinsey handelt und in dem es - ach ja? - »viel zu lachen gibt«. tlr
 
 
Donnerstag, 16. Oktober 2003
MÜNCHEN - MUFFATHALLE
Moderation: Harry Lachner
 
Der Metaphoriker rockt
T.C. Boyle in der Muffathalle München
Süddeutsche Zeitung, 17. Oktober 2003

Der Meister der durchgeknallt gewagten Metaphern liest aus Drop City: Es ist immer wieder ein Spaß, seine Prosa in seiner eigenen Sprache aus seinem Mund zu hören. Hunderte Leute sind unterwegs auf den Gehwegen wie Blutgerinnsel, die sich langsam den Weg durch die Adern der Muffathallen-Nachbarschaft bahnen. Sie wollen zum Meister der durchgeknallt gewagten Metaphern, wie eben dieser von den Blutgerinseln – zu T.C. Boyle, der schreibt, wie andere Popstars eine E-Gitarre und ein Schlagzeug rocken: Melodie und Rhythmus passen perfekt, die Silben kommen wie Synkopen, und ab und zu haut er aufs Becken mit einem überraschenden Bild, genau und hart an der Grenze zum Absurden. T.C. Boyle: mit spitzigem Gesicht, die rötlichen Haare wie Zuckerwatte, die ein wütendes Kind zerzaust hat, die Augen in Momenten der Abwesenheit scheinbar auf die Spitze der langen Nasen gerichtet, und wenn er sich konzentriert sein Gegenüber mit dem Blick packend wie mit einer Pinzette - ein Meister auch der skurrilen Personenbeschreibung. Es ist immer wieder ein Spaß, seine Prosa in seiner eigenen Sprache aus seinem Mund zu hören. Seine Fans bilden Thrombosen am Eingang. In der Aufregung vergessen sogar ältere Verlagsdamen, was sich gehört. Sie drängeln sich schnippisch an den wartenden Selbstzahlern vorbei, als müssten sie zum ersten Date ihres Lebens und seien zehn Minuten zu spät. Auf den Stehplätzen steigen sich die wahren Fans gegenseitig auf die Füße – in der ersten Reihe bleiben Plätze frei. Boyle steht schlaksig auf der Bühne, das Jackett sieht an ihm aus wie an einem Kleiderbügel. Aus seinem Hippie-Roman Drop City liest er abwechselnd mit Harry Lachner. Boyle plaudert routiniert nett über seine Arbeit. Zum Beispiel über Grizzly-Kot, den er bei seinen Recherchen gefunden habe - die Story hat er genau so einem SZ-Reporter schon vor zwei Jahren erzählt. Hinterher signiert er. Jeden begrüßt er strahlend wie einen alten Bekannten, den er lange nicht gesehen hat. Es gibt eine letzte Thrombose vor der Bühne. Für den dort oben schlägt jedes Herz. Jochen Temsch
 
 
 
Freitag, 17. Oktober 2003
ZÜRICH - KAUFLEUTEN, GROSSER SAAL
Den deutschen Text las der Schauspieler Alexander Seibt.
Moderation: Peer Teuwsen (stellvertr. Chefredakteur DAS MAGAZIN.)
 
 
Verwendung der Artikel mit freundlicher Genehmigung der Stuttgarter Zeitung und der Süddeutschen Zeitung.
 
 
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