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»Wie eine gewisse Alice im Wunderland mochte ich das Geheimnis, als ob die Worte in seiner Geschichte aus einem Hut oder von irgendwo außerhalb dieser Welt hervorgezaubert würden. «
(Mimi Carmen)
 
Ein Abend mit T.C. Boyle
im Paramount Center in Peekskill, New York
von Mimi Carmen

Irgendwie konnte ich mich nie richtig dazu entscheiden, dem großen Autor in Wirklichkeit zu begegnen. Wie eine gewisse Alice im Wunderland mochte ich das Geheimnis, als ob die Worte in seiner Geschichte aus einem Hut oder von irgendwo außerhalb dieser Welt hervorgezaubert würden. Ja, so war es. Er war eine Art Gott, und ich wollte nicht so richtig glauben, dass es ihn wirklich gibt. Und übrigens, was sollte ich einer so weit hoch oben im Himmel schwebenden Persönlichkeit erzählen, wenn ich ihr gegenüberstehe? Ich war nicht der coole Typ und wunderte mich selbst über mein Vorhaben, einer Veranstaltung zu Ehren von T.C. Boyle beizuwohnen.

Ich glaube, Euch interessiert viel mehr, was gestern Abend los war in Peekskill, New York, im Paramount Center, wohin die Field Library von Peekskill eingeladen hatte: »Ein Abend mit T.C. Boyle« im Rahmen des 2009 Quadricentennial One Book One River, ein ganzes Jahr lang Feierlichkeiten rund um T.C. Boyle, der sich geehrt fühlt, als ein Sohn von Peekskill angesehen zu werden.

Okay! Wenn Ihr jemals die Aufregung eines Abends mit einer Ikone der Literatur gespürt habt, wenn Ihr jemals beobachtet habt, wie ein Kinosaal sich mit tausenden von seinen Fans füllt, wenn Ihr jemals die Fans gesehen habt, wie sie ihre Tüten - prall gefüllt mit seinen Büchern - heranschleppen und dabei zu den Pointen seiner Geschichten lachen, wenn Ihr jemals diese Spannung gespürt habt, auf den großen Moment zu warten, wenn die Vorhänge sich öffnen, um die Persönlichkeit in Fleisch und Blut zu sehen, wenn Ihr das alles erlebt habt, dann wart Ihr bei einem Auftritt von T.C. Boyle dabei.

Unter den etwa fünzehnhundert Zuhörern waren viele, wenn nicht sogar die meisten, frühere Studenten oder Freunde und Lehrer. Wir saßen in der ersten Reihe und hatten die wunderbare Gelegenheit, mit einigen von ihnen Bekanntschaft zu schließen. Was sie miteinander verbindet, ist, dass sie T.C. Boyle lieben, seine Bücher lesen und sich zu ihm aufmachen, wo immer er auftritt, sogar bis nach Kalifornien.

Die Hauptperson in World’s End hat zwei Füße verloren. Ich habe mit einem Freund von Boyle geplaudert, der neben mir saß und erzählte ihm, dass ich nie so richtig verstanden hatte, warum der arme Kerl zwei Füße verlieren musste. »Well«, sagte er, »der Mann dort drüben gleich vor Ihnen ist jener Kerl, der Boyle als Vorlage für seinen Helden diente, er hat seine beiden Beine verloren, und es geht ihm ganz gut.«

Wow! Der Mann saß einige Sitze von mir entfernt, und ich hätte ihn am liebsten angefasst, nur um zu sehen, ob er wirklich existiert. Ein anderer Freund von Tom wollte mich Mrs. (Frau) Boyle vorstellen, die für einen kurzen Moment auftauchte. Doch ich wollte sie nicht stören, weil sie sehr beschäftigt aussah. (Sehr nett, sehr schön und glücklich und sehr beschäftigt, würde ich sagen.)

Genau um halb acht ging der Vorhang auf, der Mann von der Field Library machte eine Ankündigung und dann endlich: T.C. Boyle, piekfein gekleidet, in dunklem Anzug, schwarzem Hemd, orange-roter Krawatte und roten Turnschuhen. Es gab endlose Ehrungen und Anerkennungen für ihn, vom New York State, vom Westchester County, und eine herausragende Ehrung war der fünfzehnte, jährlich vergebene Chester A. Smith Award. Mr. Boyle nahm all dies mit einem Lächeln entgegen und verbeugte sich wie ein Gentleman.

Da ja viele von Euch schon einmal bei einer Boyle-Lesung waren, kennt Ihr die Anmut, den Charme und den Humor, mit dem T.C. Boyle Euch in sein Vertrauen zieht, während er redet, und wie seine Geschichte lebendig wird, wenn er sie vorliest. In unserem Fall The Lie.

Die Fragen und Antworten waren wohl überlegt und humorvoll. Boyle schein seine Coolness nie zu verlieren. Eine Frau meinte: »Mr. Boyle, ihre Protagonisten sind ziemlich böse, und trotzdem, wenn ich Ihnen begegne, dann sind Sie so nett und ganz anders als diese schrecklichen Hauptfiguren, über die Sie schreiben.« Boyle antwortete, er schreibe über schlechte Menschen, weil er selbst keiner von ihnen sein will.

Eine andere Frau merkte auf ähnliche Weise an, sie habe sich, weil manche seiner Figuren so böse seien, darauf eingestellt, Boyle nicht zu mögen. Aber nun, da sie den Schriftsteller auf der Bühne sehe, sei sie ganz verrückt nach ihm. Wir konnten von unseren Sitzen aus Boyle beinahe erröten sehen, aber er bedankte sich herzlich, weil er eben so nett ist.

Es gab Freiexemplare von World’s End, hunderte davon, wie es schien, als Geschenk an die Bibliothek und die Zuhörer, es gab eine Cocktail Party in der Lobby (Sekt, nachgeschenkt so viel man wollte, und so mancher wollte viel), und es gab die Signierstunde mit Mr. Boyle. Die dauerte lange, sehr lange. Zuerst signierte er die Bücher neben der Bühne, später dann in der Lobby, weil man Vorbereitungen für eine Filmvorführung traf. The Road to Wellville, geschrieben von T.C. Boyle [verfilmt von Alan Parker].

Die Leute, die für signierte Bücher anstanden, waren sehr lustig. Es war eine große Party - mit Menschen, die man kennen und mögen lernt. Der Mann neben mir hatte ein Buch geschrieben über Facebook und fragte mich, ob ich sein Facebook-Freund werden will. Die Schlange vor T.C. Boyle war hunderte Leser lang und schlängelte sich von der Lobby bis zurück zur Bühne. Jemand sorgte dafür, dass für [meinen Mann] Jack der Nachschub an Drinks nicht nachließ. Ich war nervös. Diese Menschen aus Peekskill sind wundervoll, witzig und gar kein bisschen hochnäsig. Kein Wunder, dass aus ihrer Mitte jemand kommt wie T.C. Boyle.

Weil wir uns am Ende der Warteschlange befanden, kam ich ziemlich spät an die Reihe. Ich ergriff mein Buch, biss die Zähne zusammen, schaute ihn mit einem gewaltigen Knoten in der Kehle an und sagte schließlich irgendwas. Immerhin war er T.C. Boyle.

 
 
Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de im Oktober 2009 mit freundlicher Genehmigung von Mimi Carmen. Deutsche Übersetzung: Alphonse Heck.
 
 
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