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»Ich? Um drei Uhr früh aufstehen und Baby Bäuerchen machen lassen? Machst du Witze?« (T.C. Boyle)
 
T.C. Boyle - Kahlköpfige, greinende Wesen
Aus dem Amerikanischen von Werner Richter
 
Als meine Frau und ich noch langhaarige Studenten waren und gemeinsam über ein Einkommen von fünftausend Dollar im Jahr verfügten, hatten wir keine Kinder. Sobald dann aber ich einen Job und mein erstes Buch einen Verleger fand, tauchten auf einmal Kinder im Haus auf, kahlköpfige, greinende Wesen, und so konnte ich endlich eines der großen Geheimnisse lüften, das sich um die gesamte Thematik der Säuglingspflege rankt: Ja, sie kacken direkt in die Hosen.

Aber da waren sie nun einmal, und wie für den Grauwolf, den Gänserich und den Guppy sorgte ich für sie, wenn auch immer etwas zerstreut. Da war der farblose Pamp, den es zwischen die unersättlich hungrigen, zahnlosen Kiefer zu stopfen galt, das dröhnende Armageddon Time von den Clash zum Übertönen des allgemeinen Radaus und der energisch piekende Zeigefinger meiner Frau bei den pausenlosen Störungen der Nachtruhe. (Ich? Um drei Uhr früh aufstehen und Baby Bäucherchen machen lassen? Machst du Witze? Ich war ein Genie, und konnte man von Genies etwa erwarten, dass sie mitten in der Nacht Babys auf den Rücken klopfen?)

Wir hatten Glück. Sie wurden größer. (Die Alternativen sind ja auch herb: Zwerge oder Särge.) Doch während sie größer wurden und das allgemeine Greinen einem halbartikulierten Gejammer und Gequengel Platz machte, tauchte gleich eine ganze Reihe von neuen Problemen auf. Zum einen wirkten ihre Köpfe unverhältnismäßig klein im Vergleich zu den riesigen Plattfüßen - derart großen Füßen, dass man meinen konnte, sie kämen direkt von einer Tauchexpedition.

Tja, und dann ihre Essgewohnheiten. Man stelle sich - wenn man will - unsere Familie beim Abendessen vor: Fünf verwandte Seelen versammeln sich am gedeckten Tisch, um gemeinsam die Hauptmahlzeit des Tages zu genießen, das Licht ist gedämpft, die Nase von wohligen Düften umweht. So weit, so gut. Bedenkt man allerdings, dass meine Tochter (die schon im Alter von elf Jahren am Strand von Venice mit einem Typen gesehen wurde, der ein T-Shirt mit dem Slogan »Schnitzel: ein Wort für Mord« trug) sich rein vegetarisch ernährt, ich ein Allesfresser bin, meine Frau auschließlich Stücke von innen blutigem und außen verbranntem Fleisch vertilgt und meine Söhne nach der 23-Schokoriegel-täglich-Diät leben, dann lassen sich einige der Schwierigkeiten, die unser allabendliches Speiseritual umgeben, wohl unschwer ausmalen.

Aber die Sache hat auch ihre positiven Seiten. Irgendwann einmal werden sie erwachsen sein, gewinnbringenden Beschäftigungen nachgehen und mir allmonatlich hübsche kleine Schecks übersenden. Und bis es soweit ist, können wir getrost dem bevorstehenden Zusammenbruch der Welt entgegensehen.
 
Erstveröffentlichung in der Väter-Kolumne Family Life der Zeitschrift BRIGITTE. Verwendung des Textes bei www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung des Übersetzers Werner Richter.
 
 
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