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| Ich bin ein Ned Rise |
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| verfasst im März 2003 von
Holger Reichard |
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Warum eine Website über T.C. Boyle?
Diese Frage ist durchaus berechtigt. Immerhin gibt es im Internet
mit www.tcboyle.com und www.tcboyle.net schon zwei Boyle-Tankstellen,
die sowohl inhaltlich als auch in punkto Kompetenz schwer zu
übertreffen sind. Überhaupt wird jede halbwegs prominente Person
und beinahe jedes Thema auf unzähligen Internetseiten mehr oder
weniger anspruchsvoll in der Online-Welt zelebriert. Warum also
eine weitere Website über T.C. Boyle?
Zum einen geht es mir mit dieser Website darum, deutschsprachige
Informationen zu Boyle und seinen Werken zu bieten, Informationen,
die speziell für seine deutschsprachige Leserschaft von besonderem
Interesse sind. Und diese ist nicht gerade klein. T.C. Boyle ist
inzwischen in den deutschen Schulen angekommen. Außerdem, so
denke ich mir, wird es seine Gründe haben, warum es den Autor
zu Lesungen oder Messebesuchen immer wieder nach Deutschland
zieht. Boyle hat hierzulande ein großes und dankbares Publikum,
und ständig kommen neue Leserinnen und Leser hinzu. Damit wächst
natürlich auch das Bedürfnis an Informationen und das Interesse
an Gedankenaustausch. Die Folge? Richtig! Eine neue Website.
Der andere Grund, der mich zu der Erstellung dieser Website
treibt, ist - neben meiner Affinität für das Internet
- meine persönliche Leidenschaft für die Werke von T.C. Boyle.
Ich wage hier einmal zu behaupten, belesen zu sein. Aber ein
großer Romanleser bin ich sicherlich nicht. Mit einer Ausnahme.
Wenn ein neues Werk von Boyle angekündigt wird, gehöre ich zu
den ersten, die beim Hanser Verlag um ein Rezensionsexemplar
betteln, bei amazon.de oder im hiesigen Buchhandel vorbestellen. |
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Angefangen hatte es im Dezember
1991, als mir eine damalige Arbeitskollegin und gute Freundin
die Taschenbuchausgabe von Wassermusik zum Geburtstag
schenkte. Zunächst lag das Buch ein paar Wochen in der
Ecke. Dann fesselte mich jedoch eine Grippe ans Bett. Ich griff
mehr aus Langeweile denn aus Vorfreude nach der Lektüre und
durchblätterte die ersten vierzig Seiten recht widerwillig.
Danach legte ich das Buch kaum noch aus der Hand.
Als ich das Bett wieder verließ, war Wassermusik zu Ende
gelesen, die Grippe auskuriert und ich ein Romanleser. Zumindest
in Bezug auf die Werke von Boyle. Ich latschte gleich in die
Buchhandlung, kaufte World's End und den Kurzgeschichtenband
Greasy Lake. In den folgenden Monaten und Jahren folgten
dann Grün ist die Hoffnung, Willkommen in Wellville und
Der Samurai von Savannah. América, Fleischeslust,
Riven Rock, Ein Freund der Erde und Schluss mit cool erwarb ich sofort, als diese Bücher in Deutschland erschienen.
Und als mir schließlich die Idee zu dieser Website kam, komplettierte
ich die Sammlung mit den übrigen Kurzgeschichtenbänden Wenn
der Fluss voll Whisky wär, Tod durch Ertrinken und Der
Fliegenmensch. Nicht zu vergessen: die tollen Hefte Mein
Abend mit Jane Austen, Der Polarforscher und Der Hardrock-Himmel sowie die Audio-CD Hinter meiner Schulter geht die Welt
unter.
Zeit für ein erstes Fazit: Was mich an den Geschichten von T.C.
Boyle am meisten fasziniert, das sind Figuren wie Ned Rise (Wassermusik),
der Mexikaner Candido (América), Hiro Tanaka (Der
Samurai von Savannah), Ty Tierwater (Ein Freund der Erde)
oder Charlie Ossining (Willkommen in Wellville). Auf
den ersten Blick handelt es sich bei ihnen um ausgesprochen
unsympathische Typen, Verlierer, Trottel, teilweise kriminell.
Doch T.C. Boyle gelingt es ein ums andere Mal, dass ich mich beim
Lesen seiner Geschichten nach und nach mit diesen schrägen Charakteren
identifiziere, bis ich schließlich ganz mit ihnen fühle, leide
und ... untergehe.
Dies mag einerseits daran liegen, dass die Lebenswege und Handlungsweisen
von Boyles Protagonisten im Laufe der Romane verständlich und
nachvollziehbar werden. Andererseits ist es wohl darauf zurückzuführen,
dass in mir ebenfalls so ein fragwürdiger Kerl steckt, so ein
Ned Rise oder Charlie Ossining. Vermutlich identifiziert sich
auch Boyle am ehesten mit diesen Typen. Das wird meines Erachtens deutlich,
wenn man seine Biographie, die Boyle-Portraits und -Interviews
studiert, die einem kleine fragmentarische Einblicke in das
Innenleben des Schriftstellers gestatten. |
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Wie ich aus eigener Erfahrung weiß,
macht es einem Autor bedeutend mehr Spaß eine Geschichte zu
schreiben (und sie wird auch authentischer), wenn er dabei mindestens
eine Figur kreiert, mit der er sich besonders gut identifizieren
kann. Natürlich steckt in jeder Romanfigur etwas aus dem Leben
ihres Schöpfers. Doch bei mehreren Personen ist stets eine darunter,
die mehr als die anderen etwas aus dem Seelenleben des Autors
verrät. In diesem Sinne bin ich mir ziemlich sicher, dass in
T.C. Boyle eher ein Ned Rise oder Candido steckt als ein Stanley
McCormick, Will Lightbody oder Delaney Mossbacher.
Gerade in diesen Tagen, in denen ich intensiv Material von und
über Boyle sichte und studiere, mache ich immer mehr Entdeckungen,
die auf eine Art Seelenverwandtschaft schließen lassen und meine
Begeisterung erklären: T.C. Boyle, Ned Rise und ich haben vieles
gemeinsam. Vor allem eint uns wohl der Wunsch, entsprechend
unseren Möglichkeiten das Beste aus unserem Leben herauszuschlagen.
Okay, dann holen wir mal das Beste für uns heraus ...
T.C. Boyle hat dies, so vermute ich, schon längst geschafft. Was
mich betrifft, und Ned Rise und Charlie Ossining und wie sie
alle heißen, wir arbeiten noch daran. Bis wir es geschafft haben,
durchleben wir weiterhin die Romane, den eigenen und natürlich
die von T.C. Boyle. |
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| © 2003 www.tcboyle.de |
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