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»Either he's dead or my watch has stopped.« (Groucho Marx)
 
Ist meine Uhr stehengeblieben?
verfasst von Holger Reichard im September 2007
 

Das vierte Jahr von www.tcboyle.de ist vorüber. Eigentlich müssten wir jetzt wieder eine kleine Rückschau starten, doch so erfreulich waren die Ereignisse in den letzten zwölf Monaten nicht. Besonders wehgetan hat uns die Nachricht vom plötzlichen Ableben Sandyes im Januar 2007. Sie fehlt uns, und das wird sich so schnell leider nicht ändern.

 
Sandye Utley
Sandye Utley, www.tcboyle.net
 

Als vor einigen Jahren ein anderer guter Freund aus England, der eine Leidenschaft für Douglas Adams mit mir teilte und den ich ebenfalls übers Internet kennenlernen durfte, ganz plötzlich verstarb, fielen mir als letzten virtuellen Gruß ein paar Worte von Groucho Marx ein: Either he’s dead or my watch has stopped.

Ich zitiere diesen wisecrack auch im Fall von Sandye Utley gern, weil ich denke, Humor ist ein guter Weg, mit dem Tod eines geliebten Menschen umzugehen. Und was auch hilft, ist der Blick nach vorne. Also: In den nächsten zwölf Monaten wollen wir wieder ein bißchen Gas geben.

Die Planung des Hanser Verlages macht es uns nicht ganz einfach: Das Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe von Talk Talk liegt nun schon über ein Jahr zurück, und die nächste deutschsprachige Boyle-Veröffentlichung ist mit dem Kurzgeschichtenband Tooth & Claw wohl erst 2008 fällig.

Deshalb widmen wir uns derzeit mehr den selbst initiierten Projekten. Dazu gehört unter anderem unser Kurzgeschichtenwettbewerb Being Boyle. Als wir diesen im Frühjahr zum dritten Mal durchführten, nahmen daran nicht weniger als 70 Autoren teil. Ein toller Erfolg. Nicht mehr lange, dann wollen wir den Wettbewerb zum vierten Mal starten und können dabei hoffentlich auf die Unterstützung des Augsburger Maro Verlages bauen, der bekanntlich 1995 eine von Henning Wagenbreth illustrierte Ausgabe der Boyle-Kurzgeschichte Der Polarforscher (Orig. The Arctic Explorer) herausgebracht hat.

Des weiteren sind wir seit 1. September 2007 mit einem neuen Bücherblog online, den Boylevard. Wie es dazu kam, wer dahinter steckt und wozu das Ganze gut sein soll, habe ich vor kurzem für die wortmax Website formuliert.

Ich habe den Text hier angehängt, wünsche Euch viel Spaß beim Lesen, bedanke mich bei T.C. Boyle für seine Unterstützung und freue mich auf die nächsten zwölf Monate mit Euch.

 
 
Boylevard - das neue Bücherblog von www.tcboyle.de

Mit welchen Büchern beschäftigen sich die Leser von T.C. Boyle, wenn dieser gerade kein neues Werk anzubieten hat? Der Boylevard, das neue Bücherblog von www.tcboyle.de, gibt Antwort.

Jeder Schriftsteller hat heute seine eigene Website. Wurde diese von dem Verwerter (Verlag) ins Netz gestellt, ist sie kommerziell. Zeichnet der Künstler für seine Website selbst verantwortlich, nutzt er sie zur Imagepflege und/oder um mit seinen Lesern auf direktem Wege kommunizieren zu können. Und schließlich gibt es noch die Möglichkeit, dass ein Leser seinem bevorzugten Schriftsteller eine komplette Internetpräsenz widmet. Dann kann es sich eigentlich nur um eine Fan-Website handeln, oder?

www.tcboyle.de wird von vielen als eine reine Anlaufstelle für Fans gesehen. Doch es steckt noch einiges mehr dahinter. Die Website soll auch Journalisten, Lehrern, Schülern, Studenten und anderen Künstlern als Informations- und Kommunikationsplattform dienen. Und sowohl die täglichen Zugriffe als auch das Feedback zeigen, dass www.tcboyle.de diesem Anspruch gerecht wird. Hinzu kommt, dass die Internetseiten für eigenständige Projekte, wie zum Beispiel einen Kurzgeschichtenwettbewerb, genutzt werden.

Ein anderer Punkt ist, dass die Begriffe »Literatur« und »Fan« nicht so richtig zueinander passen wollen. Fan kommt von fanatisch und weckt die Vorstellung von einem Menschen, der einen bestimmten Künstler idealisiert, unkritisch auf ihn fixiert ist, sich kaum mit anderen und neuen Künstlern beschäftigt und damit seinem Kulturverständnis enge Grenzen setzt. Der typische Boyle-Leser sieht so sicher nicht aus.

Zwar erinnerten die letzten Auftritte von T.C. Boyle in Deutschland (Mai 2005) eher an laute Popkonzerte als an eine Autorenlesung in gediegener Atmosphäre, Teddys und Unterwäsche flogen dort aber nicht durch die Luft, und gekreischt oder geweint hat dort auch niemand.

Es ist wohl weniger die Popularität, sondern vielmehr die Kombination von anspruchsvoller Wortkunst, einer deutlichen Gesellschaftskritik und bestem Entertainment, die die Faszination von Boyles Werken und seiner Persönlichkeit ausmacht. Und sicher ebenso die Tatsache, dass es im Umfeld von T.C. Boyle außergewöhnlich viel zu entdecken gibt: Sekundärliteratur, Kurzfilme, Theateraufführungen, musikalische Widmungen etc. -, Exkursionen sind daher an der Tagesordnung.

Der Vorschlag eines Buchexperten, die Bekanntheit von www.tcboyle.de (mit derzeit etwa 1.000 Besuchern pro Tag) zu nutzen, um auf andere interessante, bekannte und weniger bekannte Schriftsteller aufmerksam zu machen, fiel zwangsläufig auf einen fruchtbaren Boden. Das Ergebnis: der Boylevard, ein neues Bücherblog mit Rezensionen von Boyle-Lesern.

Boyles Romane und Kurzgeschichten werden dort nicht besprochen. Wenn sich von einem bestimmten Buch aber auf Boyles Werk verweisen lässt, so wird dies von den Autoren des Bücherblogs natürlich gern wahrgenommen. Zum Beispiel bei dem Roman Anonymus Rex von Eric Garcia, den Boyle für den innovativsten hält, den er je gelesen hat. Oder bei der Erzählung Die Vermessung der Welt (engl. Measuring the World) von Daniel Kehlmann, die in vielerlei Hinsicht an Boyles Wassermusik erinnert.

Für Boyle-Leser sollte der Boylevard aber vor allem deshalb interessant sein, weil die dort verfassten Rezensionen von Boyle-Lesern stammen. Geschmäcker sind zwar verschieden, jedoch weniger, wenn sich der Geschmack mit Boyle schon mal auf einen Nenner bringen lässt.

Zum Start des Bücherblogs am 01. September 2007 wurden insgesamt 16 Besprechungen angeboten. Das ist noch nicht viel, soll sich allerdings ändern. Geplant ist, dass jeden Monat zwischen zwei und vier Besprechungen hinzukommen. Wenn die Besucherzahlen steigen und sich der Autorenkreis erweitert, können es auch mehr werden.

Es hängt eben viel davon ab, wie sich der Boylevard entwickeln wird - im Idealfall zu einer wertvollen Fundgrube für Literaturinteressierte und zu einem weiteren Beleg, dass es sich bei www.tcboyle.de um mehr als nur eine Fan-Website handelt.

Ein besonderer Dank geht an das Boylevard-Team: Sabine, JohnDoe, Frank, Mauzi, Moni, Olivero, KoWananga und Zephyr.

 
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