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Gut zu Vögeln
von Werner Richter
Siegerstory des 2. Being Boyle
Kurzgeschichtenwettbewerbs [01/2005] |
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Es sah schlecht aus für Robert Schumann.
Der ehemalige stellvertretende Leiter des Chuck-Yerkes-Instituts
für vergleichende Verhaltensforschung versuchte in einer allerletzten
Anstrengung, mit der Schuhspitze seines vorgestreckten Fußes
eine lose Diele zu erwischen, um damit die Käfigtür der neuseeländischen
Keas zu verkeilen, aber da half nichts - es fehlten einfach
exakt die zweieinhalb Zentimeter, um die er einen langen Lulatsch
wie Vito Arslonga schon in der Fünften beneidet hatte. Außerdem
war ohnehin schon fast die gesamte Truppe ausgebüchst, nur der
alte Elvis hielt noch die Stellung auf seinem Lieblingsplatz.
Wie ein Schiedsrichter bei den French Open hockte er auf dem
rostigen Texaco-Ölfass aus der Frühzeit der Motorisierung des
Landes, das Neeltje Rombouts, die holländische Praktikantin
mit den auffallend grünen Augen und den buschigen schwarzen
Haaren, die sie aussehen ließen wie Jeronimos kleine Schwester,
als Spielrequisite für die Voliere beigesteuert hatte. Jetzt
allerdings tat Elvis einen behenden Satz in die Spreu und hielt
mit drei, vier wuchtigen weiten Schlägen der grünen, auf den
Unterseiten aber grellroten Flügeln direkt auf die lockende
Freiheit zu. Sein Raubtierschnabel schob die halb angelehnte
Klapptür lässig beiseite, und das Keckern, das er beim Abfliegen
ausstieß, erinnerte Robert Schumann an die falsch angesetzte
Kreide auf den Schultafeln seiner Kindheit. Immerhin war er
nun allein mit seinem Problem.
Elvis war sein Prestigeprojekt, sein Renommiervogel, mit dem
er seit Jahrzehnten die akademischen Felder pflügte und die
allmählich versiegenden Brunnen der Drittmittelquellen immer
noch erfolgreich anzapfte. Robert hatte ihn vor über dreißig
Jahren zusammen mit dem beinahe ebenso intelligenten Weibchen
Jayla in einem Kaltregenwald nahe der Südspitze der Nordinsel
… tja, was? eingefangen? In Wirklichkeit hatte sich das Kea-Pärchen
dem jungen Zoologen geradezu aufgedrängt wie eines dieser Mormonenpärchen,
die zwanzig Seelen den Fuß in die Tür klemmen müssen, bevor
sie im grauen Geschäftsanzug in Josephs Smiths Version des Himmels
auffahren dürfen. Es war beinahe so als wüssten sie, was für
eine grandiose Karriere ihnen auf den Antipoden im Gegensatz
zu der öden Friss-oder-Stirb-Existenz innerhalb der neuseeländischen
Fauna bevorstand.
Keas sind quasi die Primaten der Ornithologie: diese gut krähengroßen
Nestorpapageien mit dem ausgeprägten Oberschnabel, der fast
an Adler oder wenigstens Habichte denken lässt - was Nestor
notabilis schon in der Frühzeit der britischen Kolonie den
Ruf eines gefürchteten Schafräubers eintrug, obwohl sich der
Kea in Wahrheit hauptsächlich von Grünzeug und Obst ernährt,
allenfalls mal einem toten Lamm an den ohnehin von anderen Predatoren
ausgeweideten Därmen herumpickt -, sind erstens fähig zur intelligenten
Zusammenarbeit, und zweitens können sie sogar Werkzeuge handhaben.
Die verspielten Vögel sind in Neuseeland der Schrecken aller
Camper, denn nur allzu oft sammelt sich ein Trupp Keas wie auf
Verabredung vor dem schlecht gesicherten Steilwandzelt einer
Wanderergruppe, löst in geschickter Kooperation von Kralle,
Schnabel und Schädelkuppe jeden beliebigen Haken oder Klettverschluss
und dringt solcherart ins Sanktuarium der Sonntagsausflügler
ein. Erstaunlicherweise plündern die Papageien nicht wahllos
den Proviant, sondern suchen sich nur die Filetstücke der menschlichen
Eindringlinge in ihre Welt aus. So tragen sie ausgerechnet Papiere
und kleine Gerätschaften davon - heutzutage fallen ihnen meist
Organizer oder Mobiltelefone zum Opfer. Robert Schumann hatte
ihnen damals - das waren noch Zeiten - sein fettes Notizbuch
preisgeben müssen, in dem handschriftlich praktisch die Gesamtheit
seines noch recht kurzen Forscherlebens verzeichnet war.
Nachdem er den kreischenden Vögeln eine halbe Nacht lang durch
den Regenwald hinterhergejagt war, hatte er seine Arbeit letztlich
doch gerettet und zugleich offenbar eine geradezu innige Beziehung
zu dem Papageienpärchen aufgebaut, das ihm fortan scheinbar
willenlos überallhin folgte. Er nahm Elvis und Jayla mit in
das Basislager der Exkursion, von dort ließen sie sich bereitwillig
in das Institut für vergleichende Verhaltensforschung transportieren,
an dem er sich soeben habilitierte, und sie begleiteten ihn
auch auf seinem beispiellosen Erfolgszug als »Nestor der Nestorpapageien«,
den er mit ihnen fortan durch die Universitäten der entwickelten
Welt halten sollte.
Als Gastdozent mit ornithologischen Mitarbeitern war es ihm
am leichtesten möglich, dem nunmehr gefundenen Lebensthema seines
akademischen Daseins nachzuhängen wie Marco Polo seinem Traum
von Seide und Gewürzen. Er wollte das soziale Denken der Keas
offenlegen, das zu den erwähnten kooperativen Aktionen führte
und der gesamten Spezies sichtlich schon ins Nest aus strubbligen
Steppengräsern gelegt zu sein schien. Was Robert dabei en passant,
wie der Bauer sagt, auch noch entdeckte, das war das Liebesleben
der Keas - in das er sich zu seiner Überraschung fast von Anfang
an einbezogen fand, denn Elvis und vor allem die geschickte
Jayla ließen ihn noch in der ersten Nacht im Dschungel an ihrem
lebhaften Geschnäbel teilnehmen, wie das auch andere Papageien
ansatzweise den Menschen gestatten, und das Weibchen schenkte
ihm - wobei sie ein gellendes, an ein ziemlich zotiges Gelächter
erinnerndes Keckern ausstieß - so manch zielgerichteten, wie
hingetupften Schlag ihrer weichen Flügelspitzen, als Robert
sich irgendwann dazu hatte hinreißen lassen, erst alle Hemmungen
und dann die Hose fallenzulassen.
Es war eine schöne Zeit gewesen, und sie schien lange nie enden
zu wollen. Robert war Frühwaise - seine Eltern hatten auf dem
Highway 61 in ihrem Kompaktwagen dem ausbrechenden Auflieger
eines vollbremsenden Sattelschleppers nicht recht Paroli bieten
können und waren immerhin nur sehr kurz Zeuge ihres eigenen
Untergangs gewesen -, und umso mehr empfing er Elvis und Jayla
wie zwei lange verloren geglaubte Familienangehörige. Die klugen
Vögel erfassten auf Anhieb seine taktilen Defizite und liebkosten
ihn während der ausgedehnten Reisen von Vortragsort zu Vortragsort
geschickt schnäbelnd, sodass er beim Ankommen oft das Gefühl
einer soeben absolvierten Ganzkörpermassage hatte und sich behaglich
in das Kingsizebett des Motels zurücklehnen konnte, während
seine gefiederten Freunde es sich in den vorsorglich organisierten
Zimmerpflanzen bequem machten.
Das geradezu intime Zusammensein mit den Vögeln füllte bei ihm
alle möglichen verschüttet geglaubten emotionalen Lücken, und
mehrere Jahre hindurch genoss er diese private Koexistenz der
Arten, während er öffentlich als Kea-Kenner durch die Lande
tingelte wie einst Buffalo Bill Cody. Seine wissenschaftlichen
Studien betrieb er zwar weiter, doch baute er das gastprofessorale
Wanderleben im Laufe der Zeit zu einer Art Vogelschau aus, um
auch dem nichtakademischen Publikum interessante Einblicke in
die Welt dieser klugen Papageien zu bereiten. Über seine glänzenden
Kontakte zur Universität von Wellington besorgte er sich noch
mehrere Artgenossen seiner gefiederten Freunde, sodass er am
Ende regelmäßig mit acht bis zehn hochbegabten Keas auf den
Bühnen des Landes stand, die alle möglichen Tricks zum Besten
gaben, von der Harry-Houdini-Entfesselungsnummer bis zu genialen
Kunststückchen, für die diverse leicht entflammbare Stoffe als
Requisiten besorgt werden mussten.
Die Probleme hatten bei einer Vorführung in den Südstaaten angefangen,
als Jayla während der Präsentation einer Kerosinstaffette -
dabei hüpften drei Vögel in Parallelformation an treibstoffgefüllten
Behältern entlang und entzündeten diese zu einem geschickt orchestrierten
Feuerlabyrinth, eine Art Domino Day für Pyromanen - versehentlich
in Brand und dann vor lauter Panik auch noch in den nur nachlässig
geschützten Ventilator der behördlich vorgeschriebenen Abluftanlage
geraten war. Es war wahrhaftig kein schöner Anblick gewesen,
ihr Tod durch Zerstückelung in dem schnell rotierenden Ventilator
ruinierte die gesamte Dekoration und ließ das Publikum schreiend
zu den Notausgängen hasten.
Auch Robert hatte es schwer getroffen, aber Elvis war seit jenem
Tag wie ausgewechselt. Nie wieder sollte er seine liebevoll
hingetupften Schnabelküsse austeilen oder Robert mit dem grellrötlichen
Untergefieder seiner mächtigen Schwingen das runzlige Hautgewebe
der Perinealmuskulatur kitzeln - statt dessen hackte er bisweilen
beim Füttern ebenso unvermittelt wie schmerzhaft nach einem
Finger oder trieb seinem Meister im Vorbeifliegen wie aus Versehen
die scharfe Spornkralle in die Kopfhaut.
Zunächst versuchte Robert, das veränderte Verhalten seines Paradepapageis
in die Show einzubauen und strukturierte die Vorführungen dergestalt
um, dass er sich auf offener Bühne mit den klugen Vögeln eine
Art Verfolgungsjagd lieferte - denn die anderen Keas folgten
dem Beispiel ihres Anführers auf dem Fuße und entwickelten ebenfalls
heftige Aggressionen gegen ihn. Von einem saudischen Falkner
beschaffte er sich die entsprechende Schutzkleidung aus praktisch
unzerreißbarem Känguruhleder und rüstete sich so gegen die Sturzflugangriffe
und Krallenattacken seiner Widersacher aus. Üblicherweise versteckte
er sich irgendwo in der zum Publikum offenen Dekoration, dann
ließ Neeltje die Vögel aus der Voliere, die sofort damit begannen,
ihn mit vereinten Kräften aufzuspüren, indem sie die Gegenstände
auf der Bühne Stück für Stück zerlegten und sich dabei wie immer
geschickt einander halfen. Mehr und mehr wurden die Zuschauer
zu Zeugen des erbarmungslosen Kampfes eines Menschen mit einem
Trupp kreischender Großvögel, die ihn für gewöhnlich nach nicht
allzulanger Zeit gestellt hatten und dann unter der Führung
des gnadenlosen Elvis auf Lederkleidung und Gesichtsschutz einhackten,
bis Neeltje die Vorstellung beendete und Robert rettete, indem
sie die Angreifer mit zwei, drei gezielten Stößen aus der Druckluftpistole
von ihrem Opfer vertrieb und in den Käfig zurückscheuchte.
Mit dem Wechsel der Attraktion hatte sich allerdings auch das
Publikum allmählich gewandelt, und neuerdings verströmten die
Auftritte von Roberts KUNNING KEA ACT FROM DOWN UNDER die Atmosphäre
von Schaukämpfen der World Wrestling Federation, bei denen die
Zuschauer wie in den Gladiatorenarenen der Antike unter heiserem
Gejohle mit Bierbüchsen nach dem Protagonisten warfen und jeden
zielgenauen Schnabelhieb der Keas juchzend als Punktegewinn
feierten.
Heute war es besonders schlimm. Die gerade mal halb besetzte
Halle in der Vorstadt, die Robert von einem schmierigen Bordellbesitzer
(»Nur gegen Vorkasse, Alter«) für drei Abende gemietet hatte,
war praktisch nur von drei Vierzig-Watt-Funzeln an den Seitenwänden
erhellt, aber das schien der Meute wenig auszumachen, die schon
bei seinem Eintreten ins Zwielicht der Bühne voller Vorfreude
losgrölte. Robert war wie immer angetan in seine Schutzkleidung,
die gewiss so manchen der Zuschauer an die sartorialen Künste
des Häuteschneiders Bill aus Jonathon Demmes Schweigen der Lämmer
denken ließ, obwohl er das Kostüm tatsächlich einmal wieder
zum Nähen geben sollte, wie er sah: die eine oder andere Naht
war aufgegangen, und aus dem Kragen hing ein langes Lederband
heraus, das sich irgendwie dem Innenfutter entwunden haben dürfte.
Aber das würde bis nach der Vorstellung warten müssen. Jetzt
sollte er besser so schnell wie möglich sein Versteck im Verhau
der Requisiten aufsuchen und die Keas ihre Treibjagd veranstalten
lassen, das war eben Showbusiness. Eilig blickte er sich um,
und sein Blick fiel auf das große Kanonenrohr, das offenbar
dereinst einem Kollegen aus der Artistenzunft gedient hatte:
ZSOLTAN LA BOMBA HUMANA war entlang des silbernen Stahlzylinders
in knallroten Lettern auflackiert, die nun langsam abblätterten.
Wie ein Fassadenkletterer erklomm Robert ein paar Kisten und
Truhen, in denen er sonst immer untergeschlüpft war - diesmal
sollten sie ruhig die Dekoration zerlegen, gegen kaltgehärtetes,
alulegiertes Stahlblech würden sie nicht so leicht ankommen
-, zog sich an einem Deckenbalken hoch und glitt mit den Füßen
voran in die Öffnung hinein.
Dann zog Neeltje die Klappe der Voliere auf. Neeltje wirkte
heute etwas abwesend, sie hatte sich am Vorabend mit dem Vermieter
der Halle in dessen klapprigem Toyota aus dem Staub gemacht
- wer weiß, wie ihr Abend geendet hatte. Unzuverlässiges Personal,
das fehlte Robert noch. Die Keas keckerten markerschütternd,
hüpften und machten sich auf die Suche nach ihrem Opfer. Seltsam,
anders als sonst verließen sie ihren Käfig nicht unter Führung
von Elvis, sondern der alte Haudegen blieb diesmal allein zurück
und flatterte nur einen Stock höher, auf das alte Ölfass, wo
er thronte wie Marschall Schukow auf den Seelower Höhen, als
er die Rote Armee Richtung Reichstag schickte. Seine Kea-Genossen
teilten sich auf wie ein eingespieltes Team von Antiterrorspezialisten
für den Häuserkampf in gesetzlosen Städten der Dritten Welt
und begannen, die Dekoration Stück für Stück zu untersuchen,
indem sie sie mit den hakenförmigen Schnäbeln auseinanderzerrten
oder durch gezielte Tritte ihrer Sichelklauen zerfetzten.
Von rechts unten näherte sich das schmerzhaft laute Geräusch
von reißender Leinwand bereits bedrohlich, und auf der linken
Seite sah Robert, der behutsam den Kopf aus der Röhre geschoben
hatte, einen Vierertrupp jüngerer Männchen sich nähern - Dozy,
Beaky, Mick und Titch, wenn er sich nicht sehr täuschte. Sie
blieben direkt unter der Abschussvorrichtung für Zsoltan, die
menschliche Kanonenkugel, als kämen sie für einen Plausch an
der Straßenecke zusammen, und Robert könnte schwören, dass zwei
von ihnen den Kopf leicht nach oben reckten und nach ihm witterten.
Konnten Keas Gerüche wittern? Darauf war ihm in seiner ganzen
Forschung, ja in der gesamten einschlägigen Literatur noch kein
Hinweis untergekommen, doch das war momentan nicht die Frage.
Die Frage hieß vielmehr: konnten sie ihn wittern?
Sie konnten, denn nun warf Titch den Kopf nach oben wie eine
indignierte Dame im Pelz beim Abgang aus einer Vivienne-Westwood-Schau.
Er keckerte kurz und relativ leise, als wäre es ein vereinbarter
Code, ein Losungsruf. Wie aufs Stichwort hoben die vier Keas
die Flügel und schwangen sich federleicht empor, so dass sie
unvermittelt allesamt mit ihren schuppigen Krallen den Rand
der Kanonenmündung umklammerten, an keiner Stelle mehr als fünf
Zentimeter von Roberts Gesicht entfernt.
Einen Moment lang blieben sie reglos hocken, und in die plötzliche
Stille hinein ertönte ein dezentes Gurren aus der Voliere weiter
hinten, das einen anfeuernden Beiklang zu haben schien. Elvis
hatte die Szene genau beobachtet und erteilte seinen Kea-Kumpanen
ganz offensichtlich Anweisungen. Und zwar recht detaillierte,
denn sie gingen sofort ans Werk. Dozy und Beaky stießen Robert
die spitzen Schnäbel in seine Halsgegend, und er sah schon sein
Herzblut in pulsierenden Stößen in das Kanonenrohr spritzen
wie Milch in einen Melkeimer - doch sie hatten es wohl weder
auf seine Aorta noch die Halsmuskulatur abgesehen: nein, Dozy
schnappte sich mit einem gewandten Schlenker das Band aus Känguruhleder,
das immer noch aus Roberts Kostüm hing und flatterte damit in
Richtung Hallendecke davon, während ihm Beaky assistierte und
das Band weiter aus dem Inneren der Falknerkluft herausfädelte,
bis es sich irgendwann straffte und nun einen leisen Zug auf
die Brustgegend ausübte.
Roberts Blick hangelte sich an dem Lederband senkrecht nach
oben, und er begriff im Bruchteil einer Sekunde, was hier im
Busch war. Zu den Aspekten der Kea-Intelligenz gehörte offenbar
auch eine zutiefst menschliche Regung, denn Elvis musste diesen
Auftritt richtiggehend inszeniert haben, um sich an Robert für
den Tod seiner Gefährtin Jayla zu rächen. Und er würde seine
Rache auskosten wie süßes Mousse au chocolat, das war Robert
klar, als er jetzt nicht weit über sich den runden Grill der
Ventilatorabdeckung entdeckte, hinter der sich mittelschnell
der Lüfter drehte wie der Maelstrom des Arthur Gordon Pym. Und
jetzt lüftete Elvis in der Voliere ruckartig ein paarmal die
olivgrünen Schwingen, als wollte er sich langsam in Stimmung
für seine Satisfaktion bringen.
Fieberhaft sah Robert sich um. Unter sich entdeckte er ein langes
Bodenbrett, eine Holzdiele, die Neeltje beim Aufschichten des
Verhaus zum seitlichen Stabilisieren von ein paar wackligen
Gipskartonplatten benutzt hatte. Die vordere Spitze der Diele
endete knapp vor der offenen Käfigtür, das andere Ende bog sich
wie von ungefähr direkt unter dem Metallzylinder des Kanonenrohrs
auf, das unten eine Öffnung hatte, in das Zsoltan wohl irgendeine
Abschussvorrichtung praktiziert haben musste, eine Sprungfeder
- oder gar wirklich einen Detonationszünder? Artisten konnten
etwas äußerst Obsessives an sich haben, das wusste Robert. Vorsichtig
schob er den rechten Fuß durch das Loch und versuchte, damit
an die Diele zu kommen. Vielleicht gelang es ihm, sie mit einem
festen Stoß nach vorn zu bugsieren und so die Käfigtür zu blockieren.
Er wusste nicht, warum, aber er hegte keinen Zweifel, dass es
seine Rettung bedeuten würde, wenn er nur Elvis daran hindern
konnte, den Käfig zu verlassen und sich seinen jüngeren Kumpanen
hinzuzugesellen.
Elvis beobachtete seine Bemühungen mit unbewegter Miene aus
leicht schläfrig verhangenen Vogelaugen, als wüsste er genau,
was Robert plante - und ebenso genau, dass er dieses Stück Holz
mit dem Fuß nie erreichen konnte. Er wartete ab, bis Robert
in seinem hektischen Gezappel nachließ wie ein Hecht am Haken
nach stundenlangem Kampf. Elvis musste nicht so lange warten.
Mit einem befriedigten Nicken des struppigen Kopfs hüpfte er
von dem Texaco-Fass hinunter, passierte die Käfigtür und schwang
sich elegant zur Hallendecke empor, wo er seine Klauen mit dem
präzisen Zonk eines starken Magneten in die Grillverkleidung
des Ventilators einklinkte. Im nächsten Moment hatte er das
Ende der Lederschlinge von Dozy übernommen, sein Schnabel näherte
sich dem scheinbar ruhenden Mittelpunkt der rotierenden Lüfterblätter,
er wartete kurz, wandte noch einmal kurz den Kopf nach unten,
wie um sich zu vergewissern, dass Robert auch Zeuge des eigenen
Endes war, und beförderte dann mit einem Schlenker der rosa
Zunge - o ja, Keas haben Zungen, dessen war sich der Nestor
der Nestorpapageien noch aus besseren Zeiten nur allzu bewusst
- das wulstige Ende des Känguruhlederbands ins Zentrum des Ventilators,
der sich sogleich zur Seilwinde umfunktionieren ließ und damit
begann, den Abstand zu Roberts Kopf rasant zu verkürzen. |
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Über den Autor:
Werner Richter, geboren 1954 in Berlin-Schöneberg, 1975/76 ein
Jahr Studium in Kanada, danach Umzug nach Wien (zu Studium &
Leben), 1984 Diplom-Übersetzer für Französisch, Russisch und
Englisch, seit 1981 Literaturübersetzer (für Zsolnay, Rogner
& Bernhardt, Rowohlt, Hanser, List, Diogenes, Goldmann, Fischer,
Luchterhand u.a. - bekanntere Autoren/undinen: T.C. Boyle, Graham
Greene, D.H. Lawrence, Patricia Highsmith, Allan Gurganus, Michael
Bond, Gerald Seymour u.a. Außerdem zwischendurch gelegentlich
Fachübersetzungen (Pharma, Medizin, PR) sowie Essays und Artikel
für Museumskataloge und Zeitschriften (Weltwoche, du, Spiegel
u.a.) |
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