|
www.tcboyle.de: Hat bei den Zusagen der Sprecher vielleicht
der Roman »Wassermusik« eine besondere Rolle gespielt
oder der Name Boyle?
Leonhard Koppelmann: Also T.C. Boyle sicher. Ich weiß
gar nicht mehr, ob wir im Detail darüber gesprochen haben,
wer den Roman gelesen hat oder kannte. Das kann ich gar nicht
mehr genau sagen. Aber spätestens beim Lesen der Bearbeitung
war die Lust für viele da. Es ist zwar ein sehr stark verkürzter
T.C. Boyle, aber es bildet seine Sprache und seine Situation
ab, und das spricht dann schon für sich selbst.
Margit Kreß: Thomas Fritsch war davon so angetan, dass
er ausdrücklich darum gebeten hat, dass wir ihm den Roman
besorgen. Wir haben ihn dann zum Abschied das Buch geschenkt.
www.tcboyle.de: Ein Boyle-Fan mehr ...
Leonhard Koppelmann: Ein anderer Boyle-Fan wäre beinahe
Bestandteil der Besetzung geworden. Das hat sich aber durch
die Koinzidenz von Lesereise und Hörspiel nicht realisiert.
So konnte man sich natürlich auch gut Jan Josef Liefers in
der Besetzung vorstellen. Wir haben im Vorfeld darüber gesprochen
und auch die Sympathie bekundet, das Hörspiel zusammen zu
machen, aber dann begann gleichzeitig zu unseren Aufnahmen
der Lesezyklus »Dr. Sex«. Das hat die Zusammenarbeit
verhindert.
www.tcboyle.de: Wie in Ihrer Kurzbiographie zu lesen
ist, haben Sie bereits eine Vielzahl von bekannten Romanen
vertont. Ken Follett, Michel Houellebecq, Umberto Eco. Worin
unterscheidet sich die Arbeit an »Wassermusik« zu den
Arbeiten an anderen Hörspielen, bei denen es eine erfolgreiche
literarische Vorlage gab?
Leonhard Koppelmann: Jedes Werk ist so eigentypisch,
dass man nicht von konkreten Unterschieden sprechen kann.
Ich glaube eher, dass man als Bearbeiter und Regisseur generell
die Bereitschaft mitbringen muss, sich auf die eigene Tonalität
der jeweiligen Romane einzulassen. Ich würde immer dazu neigen,
mich als Regisseur weniger kenntlich zu machen, also keinen
Regie-Manierismus aufzupflanzen, indem eine bestimmte Schnitttechnik
oder Geräuschästhetik über die Erzählung gegossen wird, sondern
fragen: Was ist besonders spannend an dem Roman? Was hat mich
besonders angefasst? Und wie finde ich eine mediale Ergänzung
dazu? Bei »Wassermusik« ist es sicher Fabulierlust und
das Überbordende der Geschichte. Das Welthaltige in gewisser
Weise auch, weil Boyle ja zeitweise die Kontinente überspringt,
zwischen Afrika und Europa in kurzen Schnittfolgen hin und
her wandelt. All das, was in der Romanarchitektur angelegt
ist, dafür ein Adäquat zu finden und das wiederum in der Ästhetisierung
widerzuspiegeln, darum geht es. Das hat bei »Wassermusik« zu der Entscheidung geführt, auf den alles bestimmenden Erzähler
zu verzichten und die Geschichten noch deutlicher nebeneinander
zu stellen. Wir betonen noch ein bißchen stärker die filmischen
Konsequenzen, die »Wassermusik« hat, dass es Parallelmontagen
sind, dass ein Roman durch die Auflösung der Einheit des Ortes
eine filmische Struktur der Parallelmontage herstellt, dass
man diese drei Filme in einem oder die drei Filme zum Preis
von einem ein bißchen mitbedient, und dass man sagt, wir machen
drei Ästhetiken auf. Nicht drei getrennte Ästhetiken, aber
drei Fäden, die erst einmal autark für sich funktionieren
und wodurch man als Zuhörer die Möglichkeit hat, ganz deutlich
zu unterscheiden, wir sind hier in dem Film »London« und hier
in dem Film »Afrika« und hier in den schottischen Highlands,
und dann warten wir mal, wie die drei Filme zusammenkommen.
www.tcboyle.de: Der Roman »Wassermusik« bezieht
seinen Reiz besonders aus den zahlreichen Handlungssträngen,
Randfiguren und Nebengeschichten. Inwieweit musste der Stoff
für das Hörspiel gekürzt oder aus dramaturgischen Gründen
umgeschrieben werden?
Leonhard Koppelmann: Egal, ob wir es mit Ken Follett
und »Die Säulen der Erde« oder Umberto Eco und »Baudolino«
oder mit T.C. Boyle und »Wassermusik« zu tun haben: Summasumarum
bleiben von einem Roman in der Bearbeitungsfassung 20 Prozent
übrig. Der wünschenswerteste Fall ist für mich immer, dass
ich mit diesen 20 Prozent die fehlenden 80 Prozent vergessen
mache. Das heißt, dass aus der dramatisierten Konstellation
plus der Elemente, die das Buch nicht hat, also Geräusche
und Musik, eine Situation geschaffen wird, die die Komplexität
der 100 Prozent wieder erreicht, also durch die Verbindung,
die Montage von Geräusch und Musik und Geschichte das Hörspiel
wieder so vollständig ist wie der Roman.
www.tcboyle.de: Wobei ich mir vorstellen kann, dass
dies gerade bei »Wassermusik« besonders schwierig ist.
Der Roman ist ja unter anderem deshalb so beliebt, weil er
die vielen Handlungsstränge hat, die vielen Figuren und Nebengeschichten.
Leonhard Koppelmann: Wir haben natürlich versucht,
diese Komplexität zu erhalten, so sie rezipierbar bleibt,
also die drei Parallelhandlungen so weit es geht gleichgewichtig
zu behandeln. Im Roman ist die Ailie-Schiene die kleinste
im Vergleich zu den beiden großen Erzählblöcken, »Aufstieg
und Fall des Ned Rise« und Mungo Parks Reisen. Diese Dreiteiligkeit
ist auf jeden Fall erhalten geblieben. Was das Fabulieren
und die Nebenfiguren angeht, haben wir eingegrenzt. Doch es
gibt durchaus den Dr. Delp-Exkurs und die immer wieder besonders
bunten und schön erfundenen Figuren wie z. B. Georgie Gleg.
Natürlich nicht in dem Umfang, wie es im Roman möglich ist.
Aber das ist, glaube ich, auch der gattungsspezifische Unterschied:
zu sagen, dass der Roman in der epischen Breite sein Fundament
findet und die Nebenhandlungen ein starkes Element sind, während
in der Natur des Hörspiels oder aller dramatisierten Formen,
sei es Theaterstück oder Film, die Zuspitzung und die Pointierung
eine Rolle spielen. Das bedeutet zwangsläufig weniger Nebenhandlungen
und eine stärkere Fixierung auf die Haupthandlungsstränge,
aber mit einer atmosphärischen Ausmalung, die den Schmerz
lindert, dass bestimmte Lieblingssituationen nicht mehr darin
vorkommen.
www.tcboyle.de: In einem Punkt kommt Ihnen »Wassermusik« als großes »Hörkino« sicher entgegen, und zwar in Bezug auf
den Spannungsaufbau. Boyle schafft es in »Wassermusik« meines Erachtens wie in keinem seiner anderen Werke die Spannung
hochzuhalten, indem er in den entscheidenden Momenten ausblendet
und zu einem anderen Schauplatz wechselt.
Leonhard Koppelmann: (lacht) Genau.
www.tcboyle.de: Wurde dieses Stilmittel auch im Hörspiel
angewendet?
Leonhard Koppelmann: Sicher. Das ist natürlich neben
den vielen Binnenverweisen der Witz, den wir gerade [in der
letzten Phase der Produktion] mit einer Szene erleben, in
der Mungo und Ned mit den Eseln aufbrechen, die zweite Afrika-Expedition
beginnen, und sich das Ih-Ah eines Esels mit dem Babygeschrei
von Mungos jüngstem Filius in Schottland mischt. Es zeigt,
dass es in diesem Binnenabnahmen viele sinnstiftende Elemente
gibt, die einem beim Lesen vielleicht verlorengehen, die aber
im Aufeinandertreffen von Akustik, Musik und Text deutlicher
werden und für ein Aha-Erlebnis sorgen, wie eng und weit die
Geschichte doch gespannt ist, wie viel Binnenwitz sie besitzt.
Gerade diese Montageform »Schnitt im Höhepunkt der Szene und
Wechsel« haben wir erhalten, weil es eine sehr mediale, uns
entgegen kommende Technik ist.
www.tcboyle.de: Was ist das Hörspiel denn eher geworden,
soweit man das zum jetzigen Zeitpunkt schon beurteilen kann?
Fesselndes Forscher-Epos oder historische Komödie? Oder beides
zu gleichen Teilen?
Leonhard Koppelmann: Tja, wenn ich das genau beantworten
könnte. Es ist sehr viel ernsthafte Satire, kann man sagen.
Wir haben sehr stark versucht, viele Spiegelungen von uns
in die Vergangenheit darin vorzunehmen, also dass die Figuren
nicht im klassischen Sinne historisch funktionieren, sondern
immer wieder auch eine Angel in die Gegenwart auslegen, in
bestimmten Formulierungen, in bestimmten Beschreibungsmomenten
einfach eine extrem eigenwillige Modernität beweisen und viel
Wiedererkennbares von uns selbst in dieses historische Gewand
hineintransportieren. Deswegen ist vielleicht der komödiantische
Aspekt innerhalb des Ganzen ein großer. Als warnendes Beispiel
hatte ich noch Willkommen in Wellville vor Augen, das
sehr stark auf die Überspitzung Wert legt, wobei der Roman
ja doch weitaus vielschichtiger ist, als das, was der Film
übrig gelassen hat. Wir haben versucht, »Wassermusik« in unterschiedlichen Farben zu behalten. Da, wo es ein Schauerroman
ist, ist es ein Schauerroman. Da, wo es eine Komödie ist,
ist es eine Komödie. Und da, wo es ein Wissenschaftsroman
ist, ist es ein Wissenschaftsroman. Wir haben versucht, das
Ganze mit ein bißchen Augenzwinkern zu verbinden.
www.tcboyle.de: Der Roman »Wassermusik« gilt nach
Meinung vieler Leser als gar nicht oder nur sehr schwer verfilmbar.
Sie müssten es nach der Arbeit an dem Hörspiel doch jetzt
sehr gut beurteilen können, ob das wirklich so ist, oder?
Leonhard Koppelmann: Ich glaube, dass es keine einfache
Antwort darauf gibt. Was die Dramaturgie angeht, ist der Roman
verfilmbar, aber nicht in dem Konzept eines geschlossenen
Kinofilms. Dazu ist der Roman zu reich und vielfältig. Er
braucht das, was wir früher hatten: den Weihnachts-Fünfteiler
oder so etwas. Er braucht eine Erzählfläche von acht, neun
Stunden, die durchaus mit dem Material zu füllen sind. Und
dann kommen wir auch gleich zum »Nein« des Ganzen. Für ein
Fernsehprojekt wird kaum einer soviel Geld zur Verfügung stellen,
wie für eine so handlungsortsreiche und auch wegen der historischen
Komponenten teure Produktion benötigt wird. Deshalb glaube
ich, realistisch ist es nicht, dass »Wassermusik« verfilmt
wird, machbar schon.
www.tcboyle.de: Vom Stoff her wäre es doch eigentlich
großes Hollywoodkino.
Leonhard Koppelmann: Natürlich. Es muss Hollywoodkino
sein, aber auf Basis einer Fernsehverwertung, weil kaum einer
sich zumuten wird, einen ganzen Tag lang ins Kino zu gehen,
um die Geschichte adäquat erzählt zu bekommen. Ich brauche
einen Rahmen, wie er bei »Herr der Ringe« gegeben war.
Bei »Wassermusik« böte sich eine Zweiteilung an, also
erste und zweite Afrika-Expedition. Aber es wäre immer noch
zu lang, um den Roman im klassischen Sinne ins Kino zu bringen.
Ich glaube auch, dass sich bis jetzt jedes Ansinnen dieser
Art zerschlagen hat, weil der Roman einfach zu umfangreich
ist, um ihn klein zu hauen, und zu teuer, um ihn in ein anderes
Medium zu transportieren. Wer weiß? Zur Zeit verändern sich
ja sehr viele Sachen. Wir sehen HBO, ein amerikanischer Pay-TV-Kanal,
der in große, schöne Erzählungen investiert. Gerade in Amerika
angelaufen ist »Rome«, ein historischer Stoff. Das ist
keine Kleinserie mehr, sondern mit zwölf Stunden schon ein
sehr umfangreiches Werk, mit einer abgeschlossenen Handlung
und im historischen Gewande. Das könnte eine Aussicht sein.
Die haben durchaus ein Produktionsbudget von 40, 50 Millionen,
und in dieser Größenordnung könnte man auch darüber nachdenken,
ob man nicht mit »Wassermusik« arbeitet. Ich wollte mich
selbst anstrengen, das umzusetzen, glaube aber, im Moment
ist die Zeit noch nicht reif dafür. Wir müssen also noch ein
bißchen auf die filmische Verwertung warten und uns so lange
mit dem Hörspiel trösten.
www.tcboyle.de: Highlights im Roman sind bekanntlich
die ausweglosen und prekären Situationen, in die Ned Rise
und Mungo Park immer wieder geraten, wie zum Beispiel Mungo
Parks intime Begegnung mit der schwergewichtigen Fatima oder
Neds Bekanntschaft mit dem Galgen. Ohne zuviel zu verraten:
Sind dies auch die Höhepunkte im Hörspiel?
Leonhard Koppelmann: (lacht) Jaja. Beide Szenen
sind sehr prominent in der Erzählung vorhanden. Es ist eine
sehr vollständige und ausgeschmückte Fatima-Begegnung, die
wir da haben, mit allen Konsequenzen, mit dem Austausch von
Ohrringen, Schmuckstücken und Körpersäften. Und beim Galgen
haben wir auch nicht gezögert, das volle Bild zu malen.
Margit Kreß: Für die Szene mit Fatima hatten wir sogar
einen arabischen Sprachberater, der versucht hat, unserem
Mungo die arabische Sprache so beizubringen, wie der historische
Mungo sie wohl vor Fatima gesprochen hätte.
www.tcboyle.de: Dieser Hinweis passt sehr gut zu meiner
nächsten Frage. Eine sprachliche Besonderheit des Romans sind
ja die Dialoge in London, in denen Boyle teilweise einen altertümlichen
Gossendialekt verwendet und der von Werner Richter kongenial
ins Deutsche übertragen wurde. Kann man sich darauf auch beim
Hörspiel freuen?
Leonhard Koppelmann: Ja. Wortwörtlich. Da ist das Hörspiel
immer dankbarer als der Film, weil der transportierte Text
und die Gestalt des Autors einfach deutlicher hervorkommen
als bei filmischen Adaptionen. Das heißt, bei allem, was uns
Boyles Sprache bietet, habe ich mich bemüht, mich an den Duktus
zu halten und darin weiterzuspinnen. Ob Dirk Crump oder Billy
Boyles, die ganz massiv mit ihrer Sprachverstellung wuchern,
oder das Delektieren des Erzählers an einer besonders wortreichen,
ja silbrigen Sprache mit möglichst vielen interessanten Umstellungen
- das hat auch allen Erzählern bei uns große Freude gemacht.
Thomas Fritsch wollte sich kaum darum einkriegen, wie schön
dieser Erzähltext funktioniert und wie schön man sich auch
darauf setzen kann, weil er so eine feine Sprachmelodik hat
und so eine schöne verschrobene Ästhetik.
www.tcboyle.de: Wird es denn eine Altersbeschränkung
für das Hörspiel geben? Ich denke da an Szenen wie die Pornoshow
in der »Wühlmaus«. Ist die auch im Hörspiel enthalten?
Leonhard Koppelmann: (lacht) Ja, natürlich!
Alle Untiefen ausgelotet.
www.tcboyle.de: Und dann denke ich noch an die Szene,
in der Smirke an die Kannibalen verfüttert wird.
Leonhard Koppelmann: Das ist die einzige, die gefallen
ist. Das ist eine ganz spät gestrichene Szene, traurigerweise.
Aber ich habe Smirke komplett rausgenommen aus dem zweiten
Teil. Ursprünglich hätte ich vier Stunden gehabt für die ganze
Geschichte. Ich konnte nach zähem Ringen noch fünf Stunden
daraus machen. Gebraucht hätte ich sechs. Und hätte ich sechs
Stunden gehabt, hätte ich sieben gewollt. Es gibt immer etwas,
was man noch gern zusätzlich erzählen möchte und gern dabei
hätte. Irgendwann heißt es dann aber für uns immer: Kill
your darlings! Das, was man am liebsten hat, muss dann
irgendwann sterben, weil es nicht zur entscheidenden Eskalation
beiträgt. Diesen Nebenkriegsschauplatz, den Ned noch einmal
aufmachen muss, weil ein alter Schuldner und Schuldiger dazwischen
ist, den habe ich ausgelassen und die Eskalation schnell auf
Ned und Mungo konzentriert. Um nochmal auf epische Breite
und dramatisches Pointieren zu kommen: Wegen dieser Punkte
ist das zum Opfer gefallen. Aber die ganzen anderen Positionen,
die wir gerade aufgezählt haben, sind dabei.
www.tcboyle.de: Die Sprecher müssen sich mit ihren
Figuren, denen sie ihre Stimme leihen, identifizieren. Welchen
Bezug haben Sie als Regisseur zu den Protagonisten des Hörspiels?
Haben Sie selbst eine Lieblingsfigur in »Wassermusik« bzw. hat sich eine solche während der Arbeit an dem Hörspiel
herauskristallisiert?
Leonhard Koppelmann: Ich identifiziere mich am ehesten
mit dem Autor. Ich liebe die Vielfalt in »Wassermusik« und kann keiner Figur die echte Präferenz geben. Es gibt durchaus
Momente, in denen man Mungo an die Wand schlagen möchte, ebenso
gibt es wegen der Trotteligkeit von Ned Rise Momente, in denen
man sich auch von dieser Figur distanziert, von dieser Naivität,
wenn er denkt, es läuft einigermaßen, also muss das jetzt
immer so sein. Aber das spielt eigentlich keine Rolle. Denn
wenn es einem Autor gelingt, und das ist ja faktisch für T.C.
Boyle, so viel unterschiedliches und extremes Temperament
in die verschiedensten Richtungen in einem Roman zu integrieren,
dann ist meine vollständige Identifikation die Identifikation
mit dem Autor, dem ich versuchen muss gerecht zu werden.
www.tcboyle.de: Boyle ist auch in seiner Heimat USA
äußerst populär, ebenso wie sein Erstlingsroman »Wassermusik«.
Können Sie sich vorstellen, dass Ihre Hörspieladaption auch
für den englischen Sprachraum verwendbar ist. Gibt es derartige
Überlegungen? Oder geht dies schon allein aus rein rechtlichen
Gründen nicht?
Leonhard Koppelmann: Sicher wäre dies nochmal Gegenstand
einer neuen vertraglichen Situation, aber durchaus denkbar.
Nur sind das bis jetzt zwei völlig inkompatible Märkte. Das
Hörspiel in Deutschland funktioniert unter ganz anderen ästhetischen
Gesichtspunkten als es im amerikanischen oder gesamten englischsprachigen
Markt funktioniert. Die haben dort eine sehr viel größere
Nähe zur Bühne, zur Sprechbühne, behalten und sind dementsprechend
auch sehr viel theatralischer in ihrer Auflösung. Noch ist
kein Versuch unternommen worden, interlingual das Gleiche
zweimal zu machen. Es wäre sicher ein Versuch wert. Wenn unsere
innere Situation im Moment nicht so angespannt wäre, wir also
nicht um den Fortbestand des Hörspiels in Deutschland bangen
müssten, dann wäre das sicherlich eine Idee, die man weiterspinnen
könnte. Wie ließe sich so ein großer belletristischer, erfolgreicher,
mit einer Riesen-Fangemeinschaft ausgestatteter Roman einmal
in deutscher und einmal in englischer Sprache umsetzen? Hätte
das eine Perspektive? Im Moment gibt es einfach keine Ressourcen
dafür. Die Frage ist auch, wie nehmen die anderen unsere Ästhetik
an? Da wären wir ja ausnahmsweise mal in der umgekehrten Situation,
dass wir sozusagen das Technical Leadership beanspruchen
dürfen, während sich auf dem englischsprachigen Markt ein
Hörspiel allenthalben wie eine abgelauschte Theateraufführung
anhört. Das hat bis jetzt den Engländern und den Amerikanern
genügt. Für sie spielt das Hörspiel im Audiobereich überhaupt
keine Rolle, bei ihnen bilden Lesungen das Hauptgeschäft:
gekürzte, ungekürzte Excerpts. Die Hörspieladaption
für den englischen Sprachraum wäre also noch ein kultureller
Auftrag, den man angehen könnte. Bevor wir jedoch in der Lage
sind, neue Märkte zu erobern, müssen wir uns erst einmal um
den eigenen Fortbestand kümmern.
www.tcboyle.de: Vielleicht abschließend in ein, zwei
Sätzen erklärt: Warum sollte man auf keinen Fall die Ausstrahlung
des Hörspiels verpassen?
Leonhard Koppelmann: Wegen des tollen Gefühls, in das
ein Hörspiel entführen kann. Es ist noch ein bißchen zu früh,
um darüber zu sprechen. Aber wenn alles so funktioniert, wie
wir uns das vorstellen, dann entführt uns »Wassermusik« für fünf Stunden in eine andere Zeit und in eine andere Welt.
|