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»Es gibt eine deutsche Webpage, es gibt eine chinesische Webpage, und sie alle analysieren mich und alle meine Atemzüge ...« (T.C. Boyle)
 
alert Interview-Magazin, Januar/Februar 2004
 
alert Interview-Magazin
Ausgabe Januar/Februar 2004
Herausgeber: Maximilian Bauer, Sibylle Trenck, Jens Christinai, Boyle-Interview von Max Dax,
Fotos von T.C. Boyle: Tibor Bozi
 
 
Boyle Inside
 
Das alert Interview-Magazin, Ausgabe Januar/Februar 2004, enthält ein achtseitiges Boyle-Interview von Max Dax (mit Fotos von Tibor Bozi). Es wurde im Oktober 2003 im Grand Hotel Mussmann in Hannover geführt. Der folgende Auszug aus dem Gespräch, in dem sich der Schriftsteller über seine Beziehung zum Internet äußert, wurde uns freundlicherweise für www.tcboyle.de zur Verfügung gestellt:

alert: Sie führen auf Ihrer Homepage eine Art öffentliches Tagebuch, das in unregelmäßigen Abständen aktualisiert wird. Würden Sie sagen, dass das Internet ein ideales Medium für literarische Experimente ist?

T.C. Boyle: Ja, auf jeden Fall. Als meine Familie tcboyle.com zu programmieren anfing und ins Netz stellte, da dachte ich nur: Das ist eine gute Sache, damit kann ich die Stationen meiner Lesereisen kommunizieren. Ich ahnte noch nichts von den Möglichkeiten. Heute gerät das alles ja auf eine sehr sympathische Weise außer Kontrolle: Es gibt eine deutsche Webpage, es gibt eine chinesiche Webpage, und sie analysieren mich und alle meine Atemzüge, und im Zweifelsfall kann ich auf die Fanpages gucken, wo mich meine Lesereisen hinführen werden - ich selber bekomme von meinem Verlag meist erst viel später die Informationen. Und dieses offene Tagebuch ist ja witzigerweise gar nicht geplant gewesen. Ich hatte nur eine Rubrik, die nannte sich What's New?, und ihr fühlte ich mich gewissermaßen verpflichtet. Immer, wenn es Neuigkeiten gab, stellte ich sie ins Netz. Und nach und nach, schleichend änderte sich der Tenor dieser Neuigkeitenrubrik. Ich begann, meinen Lesern auf diese Weise mitzuteilen, wie ich über bestimmte Dinge denke, was mich bewegt. Und im Laufe der Jahre wurde aus dieser Rubrik mehr und mehr ein Ort der Selbstreflexion.

alert: Geht es Ihnen dabei so, dass Sie Ihre Tagebucheintragungen zum Beispiel schönen, um sozusagen ein idealisiertes Bild von sich selbst zu zeichnen?

T.C. Boyle: Das kann schon sein, aber glücklicherweise bin ich ja ein Autor. Ich schreibe erfundene Geschichten. Ich habe eine Spielwiese, auf der ich idealisieren kann. Dazu muss ich nicht meine Mitteilungen an die Leser missbrauchen. Mir geht es in meinem öffentlichen Tagebuch weniger darum, mich neu zu erfinden, sondern vielmehr darum, Gedanken und Gefühle festzuhalten. Ich schreibe dann so Sachen wie: »Nachdem die Interviews vorüber waren, nahm ich mir ein Buch und begann, durch Amsterdam zu spazieren. Ich genoss es, weil es einer der seltenen Tage war, an denen in Amsterdam die Sonne schien. Ich empfand meinen Spaziergang im wahrsten Sinne des Wortes entspannend.« Ich beschreibe also eher, was ich sehe und halte damit für mich und die anderen fest, was ich so tue und lasse. Manchmal denke ich: Ich würde gerne mehr und persönlicher schreiben. Das Problem dabei ist: Es wird dann zu einem richtigen, umfangreichen Job. Ich habe aber schon viel zu viele Jobs, die ich zu erledigen habe. Und Zeit ist nun einmal strikt limitiert im Leben.
 
 
Inhalt
 
Die Interviews in dieser Ausgabe:
01. Hape Kerkeling
Natürlich ist das erschreckend. Es bleibt aber witzig.
02. Gloria Estefan
No children, no pets, no cubans.
03. T.C. Boyle
Sie liegt auf der Couch, ich muss kochen.
04. René Weller
Ich bin immer oben. Bin ich einmal unten, dann ist unten oben.
05. Helge Schneider
Er ist äußerst brutal, ja, aber er vergisst das auch immer sofort wieder.
06. Juliette Gréco
Ich schaue auf das Meer, und mit einem Mal sehe ich Diamanten.
07. Esther Bejarano
Wahrscheinlich haben Sie gedacht: Wo Musik spielt, kann's ja nicht so schlimm sein.
08. Taraf de Haïdouks
Aber dann kam Johhny Depp - und alles war wieder gut.
09. Peter Greenaway
Wir sind auf uns allein gestellt. Gott ist tot. Der Teufel ist diskreditiert. Freud ist auch tot.
10. Blixa Bargeld
Und trotzdem ist da ein Sinn. Ein neuer Sinn. Der Sinn ist einfach nicht totzukriegen.
 
 
Weblinks
 
T.C. Boyle über die TC Boyle Websites
Obiger Auszug aus dem Interview von Max Dax in der Feedback-Rubrick von www.tcboyle.de - mit ergänzenden Anmerkungen.
 
 
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