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»Vanille-Cola, darauf steh ich total, Mann, ich sterbe für Vanille-Cola, besonders wenn
ich auf Acid bin ...«(Norm Sender)
 
»Das Scheitern zieht uns an«
Interview mit Karl-Heinz Ahlers und Thomas Esser von Theater Plan B
 
 
Das Interview
 
www.tcboyle.de: Wer oder was ist »Theater Plan B«?

Karl-Heinz Ahlers: Wir sind ein Kollektiv, dessen Kern aus Thomas Esser, Hartmut Fiegen und mir besteht. Auf der Bühne arbeiten wir mit Gästen zusammen, die oft bereits auch in früheren Stücken mitgewirkt haben.

www.tcboyle.de: Was hat Sie dazu bewegt, Drop City von T.C. Boyle zu inszenieren?

Karl-Heinz Ahlers: Es gab die Idee, eine Trilogie entstehen zu lassen, angelegt für einen Zeitraum von drei Jahren. Das Konzept heißt Alternative Spirits und dreht sich hauptsächlich um die Frage: Was gibt es an alternativen Lebensformen abseits dessen, was wir jeden Tag um uns herum sehen? Dabei wollen wir Werke verschiedener Autoren umsetzen. Drop City war zunächst ein Vorschlag von Thomas; wir haben dann alle das Buch gelesen und waren begeistert. Schließlich war das eine gemeinsame Entscheidung, Drop City zum Anfang dieser Trilogie zu machen.

www. tcboyle.de: Gibt es dabei Bezüge zu Ihren vorherigen Stücken, so etwas wie einen roten Faden, der Ihr Gesamtwerk durchzieht?

Karl-Heinz Ahlers: Auf jeden Fall. Was uns interessiert, ist das Scheitern.Wir beschäftigen uns immer mit Niederlagen. Dieses Thema zieht uns an.

www.tcboyle.de: Welche Autoren werden Sie sich als Nächstes vornehmen?

Thomas Esser: Zunächst Haruki Murakami, wobei wir uns da bisher noch nicht auf ein bestimmtes Buch festgelegt haben. Möglicherweise werden wir bei Murakami auf verschiedene Werke zurückgreifen. Als dritte und letzte Autorin ist Sybille Berg vorgesehen.

www.tcboyle.de: Der Name sagt mir leider überhaupt nichts.

Karl-Heinz Ahlers: Sie schreibt sehr düster und pessimistisch. In ihren Geschichten geht es mit den Figuren meist steil bergab.

www.tcboyle.de: Und gibt es da am Ende noch so etwas wie einen Hoffnungsschimmer?

Thomas Esser: (lacht) Nein. Aber vielleicht bauen wir so etwas noch ein.

www.tcboyle.de: Wie gehen Sie an einen Stoff heran, wenn Sie ihn für eine Aufführung bearbeiten wollen?

Thomas Esser: Meist zerlegen wir ein Buchthema in seine einzelnen Bestandteile, um es dann für eine Bühnenfassung wieder neu zusammenzusetzen. Bei The Big Aloha, in dem es um das Thema »Freizeit versus Arbeit« ging, sind wir etwas anders vorgegangen: Da haben wir völlig verschiedene Texte miteinander kombiniert, also in allen möglichen Bereichen gefischt. Grundsätzlich sind unsere Stücke dann sehr musikalisch geprägt, also insgesamt vom Rhythmus gestützt.

www.tcboyle.de: Und wie war das bei Drop City?

Karl-Heinz Ahlers: Da haben Thomas und Oliver Dressel erst einmal eine Kurzfassung erstellt, die dann als Grundlage für die Proben diente. So haben wir schließlich den Text erarbeitet, was ein hartes Stück Arbeit war. Es spielen ja sehr viele Figuren in diesem Roman, die wir dann auf fünf reduziert haben. So haben wir beispielsweise auf Reba, Norms Gefährtin, verzichtet, und auch auf Alfredo, der zwar im Buch recht häufig zu Wort kommt, uns insgesamt aber nicht wichtig genug erschien.

www.tcboyle.de: Was waren denn die größten Schwierigkeiten bei der Umsetzung?

Karl-Heinz Ahlers: Den Stoff eines Romans von über 500 Seiten so zu verdichten, dass man ihn in einer Stunde und 40 Minuten aufführen kann. Boyle verschachtelt sehr stark und erzählt viele Geschichten in diesem Buch, und es stellte sich immer die Frage: Was nehmen wir mit rein und was nicht? Wir mussten also die Highlights herausfiltern und hin und wieder mutig sagen: Hier lassen wir jetzt einfach einmal etwas Zeit verstreichen. Schließlich haben wir uns darauf konzentriert, diese beiden verschiedenen Pärchen zu zeigen: Marco und Star auf der einen und Sess und Pamela auf der anderen Seite. Sie wollen ja im Grunde dasselbe, nämlich ein Leben fernab der Zivilisation führen, wenn auch unter verschiedenen Vorzeichen. Dennoch freunden sie sich schließlich an.

www.tcboyle.de: Wie lange hat es insgesamt gedauert, dieses Projekt zu verwirklichen?

Karl-Heinz Ahlers: Das Drehbuch haben wir alle zusammen geschrieben, was etwa vier Wochen in Anspruch genommen hat. Reine Probezeit waren dann etwa sieben oder acht Wochen. Doch alles in allem hat es etwa ein Jahr gebraucht, bis wir dann zum ersten Mal mit diesem Stück auf der Bühne standen.

www.tcboyle.de: Kommen wir also zur Aufführung selbst. Es hat mir sehr gefallen, dass Live-Musik auf der Bühne zu hören war.

Thomas Esser: Danke schön.

Karl-Heinz Ahlers: Die eingespielte Musik ist übrigens auch von Thomas komponiert und live eingespielt. Dabei hat er sich natürlich von der Musik der damaligen Zeit beeinflussen lassen.

www.tcboyle.de: Warum haben Sie nicht zusätzlich noch die eine oder andere von den alten Scheiben aufgelegt?

Karl-Heinz Ahlers: Aus zwei Gründen. Zum einen kennen wir die alten Hits eh schon zur Genüge. Zum anderen: Hätten wir Jefferson Airplane oder so aus der Konserve abgespielt, hätten sich beim Publikum möglicherweise unmittelbar bestimmte althergebrachte Bilder eingestellt, von denen wir uns bewusst abheben wollten. Es ging uns darum, etwas Neues zu machen.

www.tcboyle.de: Die Videoprojektionen habe ich als sehr dezent und beruhigend empfunden.

Karl-Heinz Ahlers: Das war auch wichtig für uns. Boyle ist ein Epiker, er lässt sich viel Raum für Landschafts- und Zustandsbeschreibungen. Dem wollten wir atmosphärisch gerecht werden, da war Video extrem hilfreich. Die Projektionen sollten nicht vom Geschehen auf der Bühne ablenken, sondern lediglich unterstützend als Assoziationshilfe wirken, nicht als zusätzliche Bebilderung. Da hat Steffen Dost einen tollen Job gemacht.

www.tcboyle.de: Welche sind eigentlich Ihre Bezüge zu den Hippies und deren Idealen? Glauben Sie, dass es da Einflüsse gibt, die bis in die Gegenwart reichen?

Karl-Heinz Ahlers: Die gibt es. Es gibt noch aktive Hippies, oder Neo-Hippies, oder wie man sie nennen mag. Auch die Goa-Szene zähle ich dazu.

www.tcboyle.de: Wobei die wenig politisch ist.

Thomas Esser: Dennoch, vieles von dem Gedankengut lebt ja weiter, in verschiedenen Variationen, auch bei Menschen, denen man das gar nicht so ansieht. Heute treiben sich viele Alt-Hippies, auch solche aus dem Dunstkreis der Grateful Dead, im Silicon Valley herum. Die Computertechnologien, allen voran das Internet, wurden als neue Freiheit begriffen, als neue Ausdrucksform für alternative Lebensentwürfe.

www.tcboyle.de: Könnte es denn zu einer Wiederholung von 1967 kommen?

Karl-Heinz Ahlers: Nein, in der Form sicherlich nicht. Damals musste es ja zu dieser Explosion kommen. Die USA waren ihrer Zeit voraus und hatten sich schon Jahre zuvor ihre Beat-Generation geleistet, während die Deutschen beispielsweise noch damit beschäftigt waren, ihre Kriegswunden zu lecken. Aber jetzt blicken wir 30 Jahre zurück, das alles ist längst Historie. Wer heute eine Kommune gründet, kann die alten Erfahrungen mitnehmen und wird vielleicht manche Fehler nicht wiederholen. Aber grundsätzlich sehe ich in dieser entpolitisierten Gesellschaft keine Ansätze für ein ähnliches Massenphänomen.

Thomas Esser: Da müsste sich schon wirklich einiges ändern.

Karl-Heinz Ahlers: Aber es gibt 16-Jährige, die die Doors und all die alten Sachen hören. Bei denen kommt Britney Spears nicht auf den Plattenteller. Da gibt es eine große Bewegung. Allerdings muss man da differenzieren: So etwas kann auch schnell zur bloßen Attitüde verkommen, so wie in der Neo-Punk-Szene, das ist einfach eine Mode, da fehlt der gedankliche Unterbau. Wir hatten auch überhaupt keine Probleme, passende Kostüme zu finden, die gibt's in allen Geschäften, selbst bei H&M. Aber wir wollten eben auch kein Hair machen.

www.tcboyle.de: Na, Gott sei dank. Aber nun nimmt Boyle ja - wortgewaltig und sarkastisch, wie das seine Art ist - diese Vision vom Hippie-Hedonismus nach allen Regeln der Kunst auseinander. Ist die zwangsläufige Konsequenz, dass jede alternative Lebensform zum Scheitern verurteilt ist, weil man schließlich »ohne Supermarkt« nicht auskommt?

Karl-Heinz Ahlers: Nein. Alternatives Leben wird es, in der einen oder anderen Form, wohl immer geben.

www.tcboyle.de: Nicht zuletzt sind die Hippies in VW-Bullis und Mercedes-Bussen umhergetourt …

Karl-Heinz Ahlers: Man kann in den Supermarkt gehen und trotzdem gedanklich wie inhaltlich auf einer anderen Ebene sein. Man muss es ja auch nicht gleich übertreiben und sich den Amish People anschließen. Aber die Bewegung von 1967 war vielleicht insofern zum Scheitern verurteilt, als dass sie im Ansatz zu naiv war. Man kann nicht einfach sagen: 2000 Jahre lang hat es Eifersucht gegeben, und jetzt schaffen wir die von heute auf morgen ab. Das funktioniert nicht.

Thomas Esser: Trotzdem, man findet noch Aussteiger, man muss nur die Augen aufmachen.

Karl-Heinz Ahlers: Natürlich gibt es auch solche Altfreaks mit dem Problem, dass sie den Schuss nicht gehört haben. Die sind dann 40 oder 50 Jahre alt, hängen irgendwo auf dem Land herum und reden nur noch von der guten alten Zeit. Das ist dann schon schlimm und nervig. Denen möchte man zurufen: Hey, die Zeiten ändern sich!

www.tcboyle.de: Drop City ist ja ein international erfolgreiches Buch. Könnten Sie sich vorstellen, mit einer englischsprachigen Fassung ins Ausland zu gehen?

Thomas Esser: Unbedingt.

Karl-Heinz Ahlers: Ich fände es interessant, dieses Stück einmal auf der Buchmesse aufzuführen, sich gewissermaßen vor Fachpublikum herumzuschlagen.

www.tcboyle.de: Könnten Sie sich vorstellen, noch andere Boyle-Werke in Szene zu setzen?

Thomas Esser: Mich würde eventuell Grün ist die Hoffnung reizen. Das wäre auch nicht so opulent wie Drop City.

Karl-Heinz Ahlers: Boyles Kurzgeschichten sind auch sehr spannend. Eigentlich ist Drop City fürs Theater zu umfangreich, eher ein Filmstoff. Momentan beschäftigen wir uns mit Murakami, der hat eine andere Schreibweise, die nicht so ausladend und verschachtelt ist. Boyle ist ein echter Erzähler, darum haben wir Erzähltheater gemacht, also viel ins Wort umgesetzt. Damit haben wir einen »fetten« Roman hinter uns und jetzt wieder Lust, mehr mit Bildern als mit Worten zu arbeiten.

www.tcboyle.de: Damit wäre ich mit meinen Fragen am Ende. Fällt Ihnen noch ein Schlusswort ein?

Karl-Heinz Ahlers: Wir finden es toll, dass das Publikum so positiv reagiert. Für freies Theater ist dieses Stück vielleicht ein wenig konventionell, aber das war auch unser Wunsch, das so zu machen. Wir wollten das erzählende Moment umsetzen und freuen uns, dass das Publikum das auch so akzeptiert.
 
 
Das Gespräch führte Philip Köster am 26. August 2004 im Lichthof Hamburg.
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