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»Lebendig auspeitschen werde ich ihn lassen, und dann aufhängen, dass die Hunde auf ihn pissen - bei Gott, ich schwör's.« (Sir Joseph Banks)
 
Wassermusik
Aus dem Amerikanischen von Werner Richter
 
Leserkritik
 
Eva aus Wien - 11/2005
Ein weiterer nichtssagender Roman eines unwissenden Amerikaners, welcher meint europäische Geschichte zu kennen. Der Roman ist zeitlich Anfang des 19. Jahrhunderts angesiedelt, leider scheint Herrn Boyle entgangen zu sein, dass 1795 das von ihm auf Seite 327 zitierte »Stille Nacht heilige Nacht« noch gar nicht exisitiert, weil dieses Lied bekanntlich erst 1818 am 24 Dezember in Oberndorf bei Salzburg, Österreich, »uraufgeführt« wurde. Wenn schon historischer Roman dann bitte bitte wenigstens Grundlegendes recherchieren und nicht einfach zusammenfabulieren. Vielleicht sollte Herr Boyle eher Beziehungstragödien oder Futureromane schreiben - jedenfalls hoffe ich, dass er die Finger vom historischen Roman lässt. Schade, dass ein derart intressantes Thema so respektlos behandelt wurde.

Anmerkung www.tcboyle.de: Zu dieser Leserkritik, die sachlich nicht ganz zutreffend ist, gab es im Message Board eine ganze Reihe von interessanten Wortmeldungen:
 
Holger aus Cremlingen - 11/2005
Hallo Eva, danke für den interessanten Hinweis auf die »Heilige Nacht«. Welche Fehler hast du denn noch ausgemacht? Wenn es der einzige ist, finde ich Deine Kritik doch sehr pauschal und streng. Und sie ist auch unzutreffend, denn Du scheinst die Apologie Boyles im Buch nicht gelesen zu haben. Dort steht: »Da der Anstoss zur ›Wassermusik‹ in erster Linie der Ästhetik, nicht der Gelehrsamkeit entsprang, habe ich den historischen Hintergrund aus der Freude und Faszination genutzt, die er mir bereitete, keinesfalls aber in dem Wunsch, die darin festgehaltenen Ereignisse genauestens zu rekonstruieren oder für einen Roman zu bearbeiten. Ich pflege hier absichtlich Anachronismen, erfinde Sprachen und Terminologien, und die Originalquellen dienen mir als Material für Abschweifungen und Ausschmückungen. Wo immer die historischen Tatsachen den Bedürfnissen meiner Phantasie Barrieren bauen, habe ich sie, in vollem Wissen und mit reinem Gewissen, in einer Weise umgestaltet, die meinen Absichten entsprach.« Hinzufügen möchte ich noch, dass »Wassermusik« allen voran der Sprache und der Spannung wegen beliebt ist. Es sieht also so aus, dass du das Buch mit den falschen Erwartungen angegangen bist und mit einem ausgeprägten Vorurteil über amerikanische Autoren.
 
 
Mauzi aus Sangerhausen - 11/2005
Was soll ich dazu sagen? Das Buch ist für mich so genial geschrieben, ich würde ihm sogar noch weitere Fehler nachsehen, wenn sie dann aufträten. Es täte den Unterhaltungswert für mich qualitativ nicht mindern. Leider finde ich die besagte Stelle nicht. Ein paar seiten weiter kann man was über die drei Heiligen Könige lesen, jedenfalls in meinen zwei Wassermusik-Büchern steht auf Seite 326 nur: (...) es war 'ne mächtig stille Nacht ... still, wie auf'm Friedhof. Aber vielleicht ist es ja in der englischen Ausgabe anders geschrieben.
 
 
Werner Richter aus Wien (dt. Übersetzer von Wassermusik) - 11/2005
Liebe Eva, liebe Messagistas -- Ich würde auch sagen, dass hier ein ganzes Schippel Vorurteile (gegenüber »den Amis«) mitspielt, denn gerade TCB ist einer der wenigen Autoren, die ich in meiner Übersetzerkarriere erleben durfte, der eigentlich kaum je irgendwelche faktischen Missgriffe begeht und auch die sonst sehr »beliebten« und im Grunde peinlichen Schreibfehler bei fremdsprachlichen Einsprengseln unterlässt -- gerne probieren Autorenundinen (ob Ami oder Engländer) da zwecks Lokalkolorit ein wenig Französisch, Spanisch oder Deutsch und machen sich kein kleines bisschen Mühe, kurz im Wörterbuch nachzusehen oder wen zu fragen, wie man das denn nun richtig schreibt. Und prompt steht dann in einem Krimi, die »Walter PPK« beziehe ihren Namen aus der Langform »Polizi pistol Kurtz«. Oder selbst die Wahleuropäerin und Mittelmeertouristin Patricia Highsmith kriegte es fertig, einen banalen Satz wie »Sì, signore« mit zwei Klöpsen hinzuhauen (si, signor). Da lob ich mir T.C., bei dem war eigentlich immer alles sauber recherchiert -- außer in Riven Rock, da stimmte irgendwas bei den alten Autos nicht, und dass er sich mit Knarren nicht auskennt, gibt er gerne zu (und spricht von den englischen Lektoratskorrekturen immer als »gun changes«). Was die Stille Nacht angeht, so nehme ich alle etwa vorhandene Schuld auf mich, denn im Original steht nur folgendes, und das hat mit Holy Night Silent Night bis auf die »Nacht« nicht das Geringste zu tun. The explorer's face lights with recognition. »Yes, yes --- I remember. ›It was an unco still night,' he'd say. 'quiet as the grave --- or Peebles.‹« (S. 248 der Penguin-Taschenbuchausgabe, mein HC-Original habense mir geklaut) Und wenn ich daraus nun »es war 'ne mächtich stille Nacht ... still wie auf'm Friedhof -- oder in Peebles« gemacht habe [steht bei dir wirklich »mächtig«, Mauzi!?], dann sehe ich darin eigentlich gar keinen Bezug auf das Weihnachtslied, das klingt doch allenfalls für heutige Leser ganz vage mit an (wer Ohren hat, der höre), aber es handelt sich sicherlich nicht um ein Zitat im engeren Sinne. Allerdings gebe ich dir recht, dass es schlampig recherchiert gewesen wäre, wenn entweder der Originalautor mit dem Volltext (also holy night silent night) oder eben ich als Übersetzer mit »Stille Nacht, heilige Nacht« herumgealbert hätten, obwohl der Roman (an dieser Stelle schon) 1802 spielt und das Lied aber erst 1816(!) getextet worden ist. Da hast du im Grunde recht, und das ist eine berechtigte Kritik, der Tom allerdings in dem von Holger zitierten Vorwort gleich vorauseilend Glasmurmeln vor die Füße streut. Obwohl er es zumindest hier gar nicht nötig hätte, siehe oben. Ob ihm so ein Irrtum unterlaufen könnte, will ich mal dahingestellt sein lassen, aber nicht dass mir so was nicht hätte passieren können. Von Herrn Joseph Mohr aus Mariapfarr erfahre ich eben erst durch eine schnelle Googlesuche, und ob ich damals (1986) deshalb in die Bibliothek gehirscht wäre, möchte ich mal bezweifeln -- wenn ich überhaupt irgendeinen Verdacht gehabt hätte. Als Leserkritik an diesem einmaligen Roman finde ich deinen Vorwurf jedenfalls etwas dünn, und du bist auch einer der ersten Menschen, den ich äh, kennenlerne, denen die Wassermusike nicht gefällt. Trotzdem danke für die Anregung! »Gut, dass wir darüber geredet haben.«
 
 
Tiny aus Hamburg - 11/2005
Hmm, danke WernR, für die Erläuterungen, und Holger, für Toms Erklärung bezüglich Faktizität und künstlerische Freiheit. Aber auch Dank an Eva für ihre Anregung und ihren Standpunkt, den ich allerdings lieber hier im Forum besprochen sehe, als im Gästebuch. In einem einzigen Fall ist es mir auch gelungen, einen klitzkleinen Recherchefehler in Willkommen in Wellville zu entdecken und ich teilte ihn Tom auch mit. Letztlich war es eine Lapalie und sie fiel mir nur auf, weil es Gegenstand eines Quiz' im US-Board war. Wie wichtig eine falsche Darstellung der Realität ist, hängt meines Erachtens vor allem von der Intention des Autors und des Charakters des Buches ab. Wer für sich in Anspruch nimmt die wahre Geschichte des Entdeckers Mungo Parks niederzuschreiben, sollte natürlich darauf bedacht sein ein strenges Maß anzulegen, und das dürfen die Leser dann auch tun. Wer aber vor allem einen »fetzigen« Roman schreiben will und die Protagonisten und die Kulisse aus der Geschichte leiht, kann auch gerne mal fünf gerade sein lassen.
 
 
Olivero aus Köln - 11/2005
Die Aussage von Eva bezüglich »Stille Nacht, heilige Nacht« trifft also nicht zu, wie wir hier aus erster Hand erfahren durften. Und dann auch noch so dämlich zu verallgemeinern, dass amerikanische Autoren nicht recherchieren, ist nun wirklich äußerst peinlich. Sicher gibt's die. Dan Brown z. B. ... In Sachen Bücher sind mir die Amis jedenfalls die liebsten. In Sachen Politik - tja nun, das ist ein ganz anderes Feld, und für Menschen wie Tom ist es wahrscheinlich schon nervig genug, sich mit Schworzenegga etc. auseinandersetzen zu müssen. Von amerikanischen Politikern wurde und wird Geschichte verfälscht. Gerade was deutsche Geschichte betrifft, und wenn man dabei bedenkt, wie sehr die amerikanische Wirtschaft auch vom 2. Weltkrieg profitiert hat... Mir persönlich ist es natürlich wichtiger, dass diese Ratte des Jahrhunderts entfernt wurde. Spontan musste ich jedenfalls bei Evas Worten an einen rechten Historiker denken, der jeglicher Objektivität entbehrt. »Wassermusik« zu lesen war für mich ein großes Vergnügen. Typisch Boyle eben. Außerdem vermittelt es doch durchaus historische Fakten. Insgesamt gesehen. Mit der Schilderung über die Wildheit Afrikas und Mungo, diesen liebenswerten Trottel als Vorbote des Unheils, der in jede Falle tappt, der dort wütet wie ein Elefant im Porzelanladen. Was später folgte, war eine ganze Elefantenhorde, die in Afrika wütete, allerdings nicht mehr so liebenswert. Denn zu der Arroganz kamen auch noch Habgier und Zerstörungswut hinzu. Selbst das sind schon wichtige Themen in »Wassermusik«.
 
 
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