Romane | Kurzgeschichten | Illustrierte Ausgaben | Hörbücher | Schule & Studium | Anthologien | Sonstiges
 
»Wie konntest du dich von irgendwem - mit Worten, nur mit Worten - so weit bringen lassen, dass ... dass du deine Freunde verrätst, deine eigene Frau, deinen ... deinen Sohn?« (Walter Truman Van Brunt)
 
World's End
Aus dem Amerikanischen von Werner Richter
 
Rezensionen
 
Heiko Paulheim / literature.de / 19. Februar 2008
zur Taschenbuch-Neuausgabe
T.C. Boyle ist einer der am meisten gefeierten amerikanischen Gegenwartsautoren. Seine Erstlingswerke aus den späten Achtzigern zählen schon jetzt zu Klassikern und werden Jahr für Jahr in astronomischen Zahlen neu aufgelegt. »World’s End« ist so ein Klassiker: berühmt, preisgekrönt - und doch weit unter dem Niveau, das Boyle sonst erreicht. (...) ... bei 600 Seiten und 60 Personen bleiben jeder Person im Mittel gerade einmal zehn Seiten, um sich zu entfalten, Charakter, Eigenarten und Erfahrungen offen zu legen – und da sind Landschafts- und Wetterbeschreibungen noch nicht einmal herausgerechnet. Man kann sich also leicht ausmalen, dass der Roman von oberflächlich-eindimensional gezeichneten Figuren geradewegs durchspukt wird. Das betrifft leider nicht nur die Nebendarsteller, auch die Hauptfiguren bleiben seltsam blass und blutleer. Was für die Figuren gilt, trifft auch auf die Handlung zu: Konflikte zwischen Indianern und europäischen Siedlern, zwischen Gutsherren und Landarbeitern im 17. Jahrhundert, zwischen Hippies und Konservativen in den 60ern, zwischen arm und reich zu allen Zeiten - der Roman ist derart aufgeladen mit Konflikten, dass die individuellen Geschichten der Personen geradezu dazwischen zerrieben werden. Da bleiben oftmals nur zerfaserte Handlungsfetzen übrig, die übertriebene Dichte lässt weder Raum für Identifikation des Lesers noch für einen Spannungsbogen. Wenn man bedenkt, wie konzentriert dagegen Boyles spätere Romane (...) sind und wie Boyle auf dem Gebiet der Kurzgeschichte brilliert, dann erscheint »World’s End« dagegen überambitioniert, aber zu wenig fokussiert.
 
 
Harald Eggebrecht / Süddeutsche Zeitung / 02. Dezember 1989
T. Coraghessan Boyle verfolgt die Stränge und Knoten seines Netzes über Generationen hin, aber nicht chronologisch: Aus Rückblenden, Schlaglichtern, Visionen, Erzählungen, Erinnerungen und Träumen entsteht eine Art Kaleidoskop der Landschaften, Kostüme und gesichter. Am Ende leben die van Warts in Van Wartville mehr wie die Carringtons aus dem »Denver-Clan« im Herrenhaus: reich, reaktionär bis zum Faschismus, und selbstverständlich attraktiv. Besonders die Frauen, deren Sex-Appeal dem soften, sterilen Hochglanz à la Playboy entspricht. (...) Boyle (...) hat mit seinen ersten Buch Wassermusik über den Afrikaforscher Mungo Park Aufsehen erregt. Da schrieb einer vollmundig mit strotzender Erzähllust und beachtlichem Erzähltalent von England, Schottland und Afrika um 1800, ließ feiste, dürre, arme, reiche, edle, verbrecherische Puppen tanzen. Allerdings tendenziell immer zu heftig, zu wild, zu aufgedonnert. Das Ganze wirkte beim Lesen so, als hätte man ein siebengängiges Menü für zwei Personen allein aufzuessen. In »World’s End« stört dieses pralle Vollbluterzählen auf die Dauer noch mehr. Nichts schildert Boyle kühl, nüchtern und damit genau und hart. Der Roman wird keineswegs zu einer Expedition in ein dunkleres Amerika (so die Verlagswerbung). Boyles im Klappentext so hervorgehobene Sprachgewalt verdirbt die Konturen der Geschichte, die Substanz der Story, dass Macht nur durch Betrug und Verrat errungen und gesichert werden kann, dass es in God's own country hartherzig und zynisch undemokratisch zugeht, wenn die reichen Herren zuschlagen, schnurrt im ständigen Dröhnen und Tönen empfindlich ein. Man lese dagegen einmal James Fenimore Coopers »Littlepage«-Trilogie über Pächteraufstände gegen die Patrons im 19. Jahrhundert. Auch er erzählt über mehrere Generationen hin, auch bei ihm tritt ein vielgestaltiges, vielgesichtiges, farbenreiches Personal auf: Indianer, Trapper, große Herren und arme Teufel, Priester, Friedensrichter und Halunken. Doch Cooper vertraut seinem Thema, hängt leidenschaftlich am Detail und gewinnt mit trockner Unbeirrbarkeit die Lust des Lesers. T. Coraghessan Boyle hat für »World’s End« den PEN-/Faulkner-Preis erhalten. Für seine unbezweifelbare Begabung schön und gut. Um aber die Höhe amerikanischer Romankunst wie sie zum Beispiel der Name Faulkner symbolisiert, zu erreichen, genügt die aufgeplusterte, vermeintlich so sinnliche, dabei vielmehr hysterische Sprache Boyles nicht. Weil ihm bisher Präzision und Ökonomie fehlen, bleibt sein Roman ein eher mühsamer Schmöker.
 
 
Wolfgang Steuhl / Frankfurter Allgemeine / 10. Oktober 1989
Boyle (...) entfaltet ein historisches Kolossalgemälde. Aus dem kleinen, heute unbedeutenden Raum Neuenglands wird gleichsam ein hermetisches Gefäß, in welchem sich seit Jahrhunderten Geschichten und Charaktere wiederholen. »World’s End« ist eine amerikanische Generationen-Saga und ähnelt darin zum Beispiel dem Roman »Bellefleur« von Joyce Carol Oates. An Dymanik, sprachlicher Erfindungskraft und gedanklicher Konsequenz übertrifft »World’s End« den Oates-Roman freilich bei weitem; nachhaltiger weist Boyles Werk über sich selbst hinaus auf das, was ihm als Verhängnis der amerikanischen Gegenwartsgesellschaft erscheint: Geistfeindlichkeit, haltloses Konsumdenken und moralische Feigheit. (...) Eines stellt »World’s End« sicherlich nicht dar: ein erzählerisches Experiment. Um so bemerkenswerter, was Boyle mit herkömmlichen Mitteln zustande bringt, vor allem mit einem raffiniert durchdachten und gleichwohl gut überschaubaren Aufbau des Erzählflusses, den der Autor in einer kurzen Vorbemerkung als »historische Fuge« bezeichnet; also als die literarische Form eines Instrumentalwerkes zu mehreren Stimmen, die gleichberechtigt, linear und im Kontrapunkt geführt werden und auf imitatorische Weise aufeinanderfolgen: wie die Protagonisten der unterschiedlichen Generationen. Darstellung wie Beschleunigung der Handlung, reflektierendes Verweilen sowie erneutes Vorantreiben von Dialog und Aktion aus der Reflexion heraus sind oft von meisterhafter Dichte und Qualität. »World’s End«, in Werner Richters tadelloser Übersetzung, wird sich auch im deutschsprachigen Raum als eine der gelungensten Leistungen der neuesten amerikanischen Erzählliteratur durchsetzen.
 
 
Sigrid Löffler / profil Nr. 32 / 07. August 1989
Was den Roman »World’s End« und seinen Autor T. Coraghessan Boyle von den meisten Neuerscheinungen und neuen Autoren unterscheidet, ist dieser geschichtsträchtige Blick. Wo das historische Bewusstsein amerikanischer Romanschreiber sonst äußerstenfalls bis zum Vietnamkrieg zurückreicht, und wo die herrschende Geschichts- und Gedankenlosigkeit nicht einmal sagen könnte, was sich vor dem Bau des großen Supermarktes nebenan an dessen Stelle befand, dort hallt das Gedächtnis des Romanhelden Walter van Brunt und das seines Autors wider von lauter historischen Echos. (...) »World’s End« markierte Boyles literarischen Durchbruch. Denn dieser Roman erhebt aufs neue den längst schon aufgegebenen Anspruch, die Welt sei verfügbar für die Worte des Romanschriftstellers, und immer noch (oder schon wieder) herstellbar sei die Kongruenz von individuellen Erfahrungen und kollektiven Stimmungs- Problemlagen. T. Coraghessan Boyle bestellt aufs neue ein eigentlich schon aufgelassenes literarisches Feld und macht es erstaunlich fruchtbar. Boyles Erzählkonzept sind die gleichbleibenden Muster hinter den historischen Veränderungen, die Kontinuitäten innerhalballen Wandels. Wie James Joyce im »Ulysses« glaubt Boyle an die sogenannten Epiphanien - an historische oder mythische Echowirkungen, um seinen Erzählvorgängen den Anschein ästhetischer Triftigkeit und den Vorschein von Sinnhaftigkeit und Folgerichtigkeit zu verleihen. So leben im Schicksal des Nachfahrs die Muster der Vergangenheit wieder auf und polstern ein beliebiges Geschick aufs überzeugendste aus mit Stringenz und Notwendigkeit. Die Gefahr bei dieser Erzähltechnik liegt auf der Hand: Ohne Klugheit angewandt, könnte dieses Widerhallverfahren zum deterministischen Erzählkorsett werden - zur mechanistischen (und schematischen) Einengung der Bewegungsspielräume autonomer Romangestalten auf die harschen Widerholungszwänge mehrerer Generationen von Roman-Marionetten. Dieser Gefahr entgeht der Erzähler Boyle mit Eleganz: Er handhabt seine Spiegelungstechnik beiläufig und ohne penetranten Nachdruck; er zwingt die Dinge nicht in die Botmäßigkeit eines rigiden Parallelisierungssystems; gleichwohl spürt er nicht ohne Hartnäckigkeit den Verhaltensmustern der beiden holländischen Einwandererfamilien Van Brunt und Van Wart nach - von deren Niederlassung am Hudson River im 17. Jahrhundert, als New York noch Nieuw Amsterdam hieß und Peter Stuyvesant seinen Gouverneur nannte, bis in unsere Tage. (...) Kaum verwunderlich, dass die Mehrfachvariationen des Vater-Sohn-Konflikts im Roman auf ein autobiographisches Grundthema zurückgehen. T. Coraghessan Boyle hat »World’s End« dem »Andenken an meinen eigenen verschwundenen Vater« gewidmet: Das Buch ist auch eine literarische Suchexpedition nach Boyle senior, der sich mit 54 Jahren zu Tode soff, ehe sein halbwüchsiger Sohn verstand, weshalb. Jetzt hat der Sohn einen großen Roman geschrieben, um sich selbst und den Vater zu begreifen. Die amerikanische Literatur ist damit um ein Meisterstück reicher geworden.
 
 
Hardcover
Taschenbuch
 
Buchinfo
Buchausgaben
Weblinks
Übersicht