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»Ihr seid so schlau, ihr Japaner, mit euren Autofabriken und eurer Suzuki-Technik und diesem prachtvollen Satsuma-Porzellan - immer fleißig wie die Bienen, was?« (Ambly Wooster)
 
Der Samurai von Savannah
Aus dem Amerikanischen von Werner Richter
 
Rezensionen
 
Thomas Hermann / Neue Zürcher Zeitung / 19. Februar 1993
Vieles deutet darauf hin, dass in Amerika seit dem Ende des kalten Krieges die Modefarbe für Feindbilder fünfzig Jahre nach Pearl Harbor wieder von Rot auf Gelb gewechselt hat. Ein ständig wachsendes Handelsbilanzdefizit mit Japan sowie zunehmende japanische Investitionen in Amerika geben Anlass zu immer schrilleren Warnsignalen. (...) Kein Wunder, dass diese »Japanik« auch Schriftstellern idealen Stoff anbietet. Wie unterschiedlich dieses kontroverse Thema literarisch verarbeitet wird, soll an den Romanen »Nippon Connection« des Bestsellerautors Michael Crichton und T. Coraghessan Boyles »Der Samurai von Savannah« gezeigt werden. (...) Während Crichtons Buch Klischees und Feindbilder kolportiert, ist genau die Unfähigkeit der Menschen, Fremdes vorurteilslos zu akzeptieren und daraus zu lernen, die zentrale Thematik in T.C. Boyles viertem Roman »Der Samurai von Savannah«. (...) Boyles Buch lebt von der - auch in Werner Richters Übertragung spürbaren - erzählerischen und sprachlichen Fulminanz, mit der der Autor seiner überbordenden Phantasie Luft verschafft. Locker, bissig und witzig kommen die Geschichten daher und bringen uns oft, bis kurz vor dem unweigerlich bitteren Ende, zum Lachen. Die lustvoll geschilderte Handlung ist unterlegt von einem Geflecht literarischer Motive, die Boyles eigentliche, sprich traurige Botschaft konsequent unterstützen. (...) Wie Boyle an einer Lesung in Zürich erklärte, will er seinen Roman auch als Appell zu gegenseitiger Toleranz verstanden haben, und er distanziert sich von Büchern wie »Nippon Connection«. Tatsächlich, in Boyles Verzerrung erscheinen uns die Klischees aus Ost und West als absurd, und lachend können wir uns ein wenig von ihnen befreien. Eines mag man Boyle besonders gönnen: »Der Samurai von Savannah« ist in Amerika bereits 1990 erschienen und hat damit »Nippon Connection« schon bei dessen Veröffentlichung um zwei Jahre überlebt. Als Parabel für das Zusammentreffen zweier Kulturen wird sein Buch ungeachtet der Tagesaktualitäten immer das zeitgemäßere sein.
 
 
Barbara Sichtermann / Die Zeit, Messebeilage / 02. Oktober 1992
Ob T. Coraghessan Boyle sein East is East in einem einzigen Schwung und Schwall in die Schatzkammer der Literatur seines reingeschüttet oder ob zuvor eine Konstruktion ersonnen, durchprobiert und ausgefeilt hat, muss uns nicht kümmern. Wenn Skrupel, Kämpfe und Stockungen seine Arbeit begleitet haben sollten, sind sie jedenfalls dem Werk nicht mehr anzumerken. »Der Samurai von Savannah« ist auf der Welt, als sei er völlig mühelos hineingerauscht, ja als sei er immer schon dagewesen. (...) Unbekümmert um die Botschaft, die schließlich von selbst aus den Zeilen tropft, und ganz konzentriert auf den Effekt, reißt Boyle seine opulente Show herunter, redet, gestikuliert, spottet, brüllt und jault, dass man seufzen muss ... Jedes Kapitel eröffnet Boyle mit einer filmisch dargebotenen Action- oder Stimmungsszene, versäumt dabei aber nie, die Vielfalt der Episoden und Schauplätze überraschend mit der Odyssee seines unglücklichen Helden zu verbinden. Da gibt es nichts zu kritteln, das ist formal glänzend gelöst, es ist inhaltlich akut und von morgen und obendrein so krimispannend, dass man die Lektüre ungern unterbricht. Dennoch scheint, spätestens im zweiten Teil, die Kalkulation kalt und dürr durch den Zirkus-Trubel hindurch; die Kunstlosigkeit und Rotzigkeit der Sprache kokettieren so frech mit dem Klischee, dass diese ihm schließlich erliegt, das innere Auge des Lesers wird müde vor zu vielen dramaturgisch-äquilibristischen Kunststücken. Man sehnt die Katastrophe herbei, weil man weiß, dass sie kommen muss, dass man hingehalten wird durch die letzten Fermaten. Miteins erscheinen der Plot abstrus, die Gestalten, vor allem die des Helden, zombiehaft untot wie Computerzeichnungen, und die unzweifelhaft enorme Erzählwut des Autors kriegt einen Stich ins Manische. Was einen zu Anfang hinriss und neidisch machte, schürt plötzlich ein schreckliches Misstrauen: Ist das wirklich ein lebendiger Zirkus, diese Vorführung des »Der Samurai von Savannah«, oder bloß das Produkt eines subtil programmierten menschlichen Erzählcomputers, der seine Software im Schriftstellerbedarfsladen abonniert hat? (...) Ist »Der Samurai von Savannah« eine dichterische Fiktion im vollen Ornat eines Charakters und eines Schicksals, oder ist er bloß eine Werbegrafik, die für junge amerikanische Literatur auf Tournee geschickt wird? Hat die Schatzkammer der Literatur Amerikas an diesem Roman ein Juwel gewonnen oder nur ein Hinweisschild? Vielleicht ist der Unterschied in Amerika längst irrelevant.
 
 
Klaus Modick / Frankfurter Rundschau / 12. September 1992
... es ist genau der Stoff, aus dem T.C. Boyles Romane sind: drastisch, lebensprall, spannend, an der Oberfläche vom Wind, abenteuerlustiger Kolportage gekräuselt, in seinen Tiefendimensionen aber höchst relevante Probleme der amerikanischen Gesellschaft diskutierend und von einer wunderbaren, erzählerischen Präzision vorangetrieben, die den Stoff in einer unnachahmlichen Mischung aus knalligem Hollywood-Breitwandepos und der tragischen Unausweichlichkeit einer griechischen Tragödie entfaltet. (...) Boyle ist ein Romancier, der dick aufträgt, wenn es darum geht, eine spannende Geschichte zu konstruieren; dennoch beherrscht er auch meisterhaft die leiseren Töne, wenn es um Landschaftsbeschreibungen und um die Psychologie seiner Figuren geht. Und was die Dramaturgie des Romanaufbaus und die Fähigkeit betrifft, trotz aller kalkulierter Kolportage nie trivial zu werden, wüsste ich keinen zeitgenössischen Autor, der Boyle das Wasser reichen kann. Über die Songs der Beatles heißt es einmal: »Die Melodien waren perfekte Rekonstruktionen von Tausenden von Erinnerungen« - über die Bücher Boyles ließe sich Ähnliches sagen. Dennoch scheint unter der Perfektion dieses Erzählers gelegentlich eine etwas zu glatte Routine durch - manchmal ist er zu brillant, zu witzig, zu kraftvoll in seinen Bildern und Metaphern. Er selbst hat sein Schreiben, nicht zu Unrecht, mit Rockmusik verglichen; vielleicht liegt hier der Haken. Man könnte »Der Samurai von Savannah« zum Beispiel mit der letzten Platte der Dire Straits vergleichen: Es ist ein absolut perfekt gemachtes und produziertes Album, dem irgendetwas fehlt, verlorengegangen ist, etwas, was man mit »Ecken und Kanten« umschreiben könnte. Dennoch, Boyle erzählt hinreißend plastisch eine wunderbare Geschichte, und deshalb ist »Der Samurai von Savannah« ein in jeder Hinsicht fabelhafter Roman.
 
 
Matthias Wegner / Frankfurter Allgemeine / 02. September 1992
Thomas Coraghessan Boyle ist auch diesmal wieder der wortgewandte Autor, als der er sich schon in früheren Büchern erwiesen hat. An tragikomischer Phantasie und treffsicheren Hieben auf die amerikanische Engstirnigkeit und die Hartnäckigkeit menschlicher Vorurteile überhaupt lässt er es nicht fehlen. Jedem Ernst abhold und dennoch keineswegs ein literarisches Leichtgewicht, liefert er eine Kette von frechen, spottlustigen Ideen. Die hochfahrenden Pläne der Menschen scheitern bei Boyle entweder an deren Realitätsverlust oder an dummen Zufällen. Allzu viele Flausen im Kopf schaden den Poeten ebenso wie den gewöhnlichen Sterblichen - für schadenfrohe Zustimmung ist gesorgt. Wenn die bissige Parabel über die Borniertheit zweier aneinander verständnislos gegenüber stehender Kulturen bei aller Kurzweiligkeit auch Unbehagen hinterlässt, so deswegen, weil sich Boyles Entertainment-Qualitäten gelegentlich in den Pointen erschöpfen. Schon in seinem manchmal meisterlichen, oft aber auch den Kalauer streifenden Kurzgeschichten hatte sich diese Gefahr abgezeichnet. Boyle hat dafür möglicherweise dieselbe Entschuldigung parat wie die Heldin seines Romans: »Sie war schließlich Künstlerin und Intellektuelle, und sie macht sich ihre eigenen Regeln.« Auch die jedoch müssen überzeugen, sobald sie jemand zwischen Buchdeckel steckt.
 
 
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