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Willkommen in Wellville
Aus dem Amerikanischen von Anette Grube |
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Heiko Paulheim / literature.de
/ 04. September 2006
(zur Taschenbuch-Neuauflage) |
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| »Willkommen in Wellville«
ist ein Roman, wie man ihn von T.C. Boyle erwartet: unterhaltsam
geschrieben, gespickt mit böser Satire, spannend und sorgfältig
recherchiert. Starregisseur Alan Parker, der auch Frank McCourts
Bestseller »Die Asche meiner Mutter« auf die Kinoleinwand
gebracht hat, erkannte das Potenzial des Buches: bereits ein
Jahr nach Erscheinung verfilmte er den Roman mit Anthony Hopkins
als Dr. Kellogg. |
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| Klaus Modick / Süddeutsche Zeitung
/ 16. Oktober 1993 |
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| Boyle macht zwar keine
direkten Anspielungen auf den »Zauberberg«, aber die Komposition
des Buches im Ganzen und zahlreiche Motive und Details deuten
doch darauf hin, dass er Thomas Manns Roman mit beträchtlichem
Gewinn für sein eigenes Werk gelesen haben dürfte - falls nicht,
wären die Parallelen umso erstaunlicher. Das feine Zwielicht
der Ironie Thomas Manns ist bei Boyle freilich ausgewechselt
gegen die scharf umrissenen Scheinwerfer eines Satirikers und
Karrikaturisten. Boyle ist jedenfalls ein enorm kraftvoller
Erzähler, der in seinen Charakterisierungen und Beschreibungen
stets eine Sturzflut von (zumeist durchaus treffenden) Vergleichen
zur Hand hat, wodurch er seinen Stil gelegentlich bis ins Angeberhafte
überfrachtet und redundant macht; dabei wirkt er dann bisweilen
wie ein Body-Builder des Worts, dem seine eigenen Muskeln im
Weg sind, wenn er etwas Leichtes heben will. So ist »Willkommen in Wellville« eine Art all-american Zauberberg, gesehen mit
den Augen eines Groucho Marx, gezeichnet mit den Strichen eines
begnadeten Cartoonisten epischen Formats, maßlos übertrieben,
aber bis zur Kenntlichkeit verzerrt, dick aufgetragen wie Erdnussbutter
auf einem amerikanischen Sandwich, unterhaltsam wie ein guter
Hollywood-Film und süffig wie kalifornischer Rotwein. Ein echter,
wie sagt man auf Deutsch?, pageturner. Guten Appetit! |
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| Yvonne Studer / Tages-Anzeiger Zürich
/ 12. Oktober 1993 |
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| Was auf amerikanisch in
einer leichtfüßig-musikalischen, witzigen, oft derben Sprache
präsentiert wird, kommt in der Übersetzung bisweilen schwerfällig
daher. So wird das Auftreten des Doktors mehrmals als »heiligmäßig«
beschrieben, oder aus dem englischen a school of fish,
einem Fischschwarm, wird eine »Fischschule«. Beeilte sich der
Verlag etwa mit der Veröffentlichung, um von der noch nicht
verblassten Erinnerung an Boyles Vorjahreserfolg Der Samurai
von Savannah zu profitieren? Dass man dem Autor mit dieser
Hast einen Gefallen getan hat, möchte man bezweifeln. Glücklicherweise
nehmen einen die Irrungen und Wirrungen der Figuren bald so
sehr in Beschlag, dass der Ärger über ungelenke Formulierungen
allmählich verfliegt; das spricht für den Roman. |
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| Martin Halter / Frankfurter Allgemeine
Zeitung / 19. August 1993 |
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| »Das Leben« bemerkte der Gesundheitsapostel
Sylvester Graham weise, »ist ein zeitweiliger Sieg über die
Ursachen, die zum Tode führen.« Dass Dr. John Harvey Kellogg
im Laufe seines einundneunzigjährigen Kampfes neben Cornflakes,
Erdnussbutter und Malzkaffee ungefähr weitere 75 sellerieimprägnierte
und "gastrisch einwandfreie" Nahrungsmittel auf Pflanzenbasis
erfand, industriell verbreitete und in lebenslänglichen Selbstversuchen
einnahm, hat letztlich nicht verhindern können, dass er am 14.
Dezember 1943 den Weg allen Fleisches ging. Bis dahin aber war
der Autor von Broschüren wie »Was ist los mit dem amerikanischen
Magen?« oder »Nüsse können die Rasse retten« ein Messias, der
den Seinen die Freuden des einfachen Lebens - Sonnenbaden, schwedische
Körperbewegungen, Kleiediät - und namentlich eine beinahe zölibatäre
Enthaltsamkeit von jedweder Fleischeslust predigte. Getrieben
von der Sorge, dass Verdauungsstörungen modische Kleider und
die vereinigten Gifte von Alkohol, Tabak und Geschlechtslust
die rassische Degeneration Amerikas beschleunigen könnten, verabreichte
er Körner und Säfte als Palliativmittel gegen die zivilisatorische
»Autointoxikation«; schweren Sündern wider das Fleisch schnitt
er eigenhändig einen Teil des Dickdarms heraus. Und dennoch
wallfahrteten seinerzeit Upton und Meta Sinclair, »Tarzan« Johnny
Weissmuller, Thomas A. Edison und Henry Ford nach Battle Creek/Michigan,
wo Kellogg seit 1876 seinen »Tempel der Gesundheit« leitete.
Die Hausgäste, die T. Coraghessan Boyle uns in »Willkommen in Wellville«, einem wohlrecherchierten Sittenbild aus Kelloggs
Sanatorium im Jahre 1907, beim Kuren und Huren vorführt, sind
nicht ganz so prominent. (...) Die Figuren sind mit kräftigen
Strichen schraffiert, die Effekte wohlkalkuliert, die Konstruktion
ist nahezu perfekt. Wie gut das Rezept anschlägt, mag man daraus
ersehen, dass die - vorzügliche - deutsche Übersetzung von Boyles
Roman fast zeitgleich mit der Originalausgabe erschien. Allein,
die Dosis macht das Gift. Boyle arbeitet mit kraftstrotzenden
Metaphern, Klimaxleitern und lärmenden Superlativen; es kann
gar nicht derb und drall genug zugehen. (...) So türmt Boyle
Skandal auf Skandal, Pointe auf Pointe, Adjektiv auf Adjektiv,
um eine Lebensweise satirisch zu erledigen, die sich dem Spott
ohnehin anbietet. Mag sein, dass er in Kelloggs wohltätiger
Tyrannei ein amerikanisches Paradigma treffen will: Im Gesundheitswahn
der Jahrhundertwende karikiert er auch den Körperkult der Gegenwart,
so wie das gastrically correct der müslimanischen Fanatiker
die zeitgenössische political correctness vorwegnimmt, den Aberglauben
an die Perfektionierbarkeit des Menschengeschlechts überhaupt.
Aber muss Boyle darum wie ein literarischer Manipulationstherapeut
alle Klistiere aus den Arsenalen der Doktorklamotte hervorkramen? |
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| Peter Henning / Focus / 16. August
1993 |
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| In seiner neuen, bissigen Romansatire
»Willkommen in Wellville« treibt Boyle sein Spiel mit der
Wirklichkeit wieder auf die Spitze. (...) Boyle erzählt süffig
und souverän, spaßig und beißend. Ihm ist eine unaufhörlich
Pirouetten drehende Posse voller Gags und Gemeinheiten geglückt. |
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| I.S., Michael Freund / Der Standard
/ 13. August 1993 |
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| Boyles bös-amerikanisches Opus kann
als amerikanischer »Zauberberg« gelesen werden, auf dem
freilich weniger philosophiert als ein Hohngesang auf den Puritanismus
angestimmt wird. Boyle macht sich mit virtuoser Erzählkunst
über Naivität, missionarische Zwangsbeglückung und Weltverbesserer
im allgemeinen lustig. Die Leute wollen an etwas und jemanden
glauben, das ist eines der Themen des Buches, das ganz ähnlich
heute spielen könnte: Die Seelenbefindlichkeit der Puritaner
- und ihrer Feinde - hat sich nicht verändert. |
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