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»Ja, ja, wir haben ihn vor einer Viertelstunde hineingetragen, und im Moment ist Nick bei ihm im abgeschlossenen Abteil, aber er ist immer noch blockiert und sich seiner Umgebung nicht so recht bewusst ...« (Edward O' Kane)
 
Riven Rock
Aus dem Amerikanischen von Werner Richter
 
Rezensionen
 
Brigitte Helbling / Berliner Zeitung / 13. Februar 1999
»Riven Rock« ist Boyle pur - eine spritzige Fahrt durch die Freuden- und Tränentäler der Begierde. Im Original gilt Boyle als sprachgewaltiger Autor einer, der auch native speakers alle paar Seiten zum Wörterbuch treibt. Notgedrungen zeigt sich dieser Aspekt seines Schreibens in der Übersetzung (von Werner Richter) etwas gedämpft: Der deutsche Boyle ist verträglicher, weniger aufgeblasen, beinahe seriös. Und ein guter Demokrat, der den Meinungen und Forderungen der Geldadligen Dexter und McCormick im Zweifelsfall immer die handfesten Ansichten der irischen Unterschicht, verkörpert durch Eddie O' Kane, vorziehen wird.
 
 
Daniel Dubbe / Deutschlandradio / 16. September 1998
Bei der amerikanischen Kritik hat T.C. Boyle einiges an Schelte einstecken müssen - vor allem von der vornehmen »New York Times«: er beschreibe keine Charaktere, sondern Karikaturen; es fehle ihm an einfühlender Sympathie für seine Figuren. Das mag wohl stimmen - wir werden beim Lesen nicht zu Tränen gerührt oder von Mitleid ergriffen. Dazu ist Boyle ein zu gnadenloser Beobachter mit Hang zur Satire. Ein weiterer Vorwurf aus New York: »Der Wahnsinn seiner Hauptfigur ist unzureichend erklärt.« Ich muß der angesehenen »New York Times« allerdings eines entgegenhalten: Wahnsinn läßt sich - bei allem guten Willen - leider nicht zureichend erklären! Dieser Stanley McCormick, der von einer von Etiquetten und Standesdünkeln besessenen Mutter erzogen oder besser gesagt dressiert worden ist - in dem körper- und natürlich auch sexfeindlichen Korsett dieser Zeit - wird geisteskrank - aber er wird es nicht aufgrund dieser Umwelt zwangsläufig. Auch mir als Leser stellte sich anfangs immer wieder die neugierige Frage: wie will dieser Boyle es schaffen, den Wahnsinn »zu erklären«? Diese völlige Unfähigkeit, sich zu beherrschen und dem zu entsprechen, was die Gesellschaft nicht zu unrecht als normales Verhalten erwarten darf? Denn krank ist dieser Millionärssohn tatsächlich: ein hoffnungsloser Zwangsneurotiker, der zwischen Phasen völliger Katatonie und Erstarrung, wilder Aufgeregtheit oder Aggressivität und ruhigem, friedfertigem Benehmen auf völlig unberechenbare und unvorhersehbare Weise hin- und herschwankt. »Riven Rock« bedeutet soviel wie der »Zerrissene Felsen«. Symbolisch ist damit die zerrissene Persönlichkeit des hünenhaften Millionenerben Stanley McCormick gemeint. Und auf dem Anwesen in Montecido existiert tatsächlich ein Sandsteinfelsen, in dessen Spalte eine Eichel gefallen war, die dort Erde fand, um zu wachsen und als Baum den Felsen auseinanderzusprengen; ein hoffnungsfrohes Symbol also.
 
 
Lutz Hagestedt / Süddeutsche Zeitung / 5./6. September 1998
In »Riven Rock« wird die Frage aufgeworfen, was die Psychologie als Geisteskrankheit erfasst und was die Erziehung als abnormes Verhalten induziert. Boyle, selbst ein psychologisch versierter Autor (einfach, weil er seine Figuren von innen heraus entwickelt und für jede wichtige Figur eine eigene Perspektive gestaltet), beschreibt die stürmische Psychologisierung Amerikas als Fehlschlag und ihre Pathologisierung menschlicher Bedürfnisse als Absurdität. »Riven Rock« ist, wie alle Romane Boyles, handlungsintensiv, spannend, abwechslungsreich, dynamisch, burlesk und sinnlich. Boyle nimmt seine Leser an die Hand - lässt sich beim Arbeiten zuschauen: Er zeigt uns quasi »performativ«, wie er seine Romane konstruiert, wie er Spannungsbögen baut, wie er die Handlung zuspitzt und in Vordergrund und Hintergrund zerlegt, wie er Überraschungsmomente platziert und die Tempi wechselt. Er führt uns seine Mittel und Methoden und bisweilen auch seine Quellen vor. So wird man von T.C. Boyles Roman bestens unterhalten und hat zugleich das Gefühl, etwas zu lernen: Die Auswirkungen des Weltkrieges, die Spanische Grippe, die nicht nur in Europa 20 Millionen dahinrafft, sondern auch in Amerika grassiert; die Prohibition, der Börsensturz vom 25. Oktober 1929 und vieles mehr wird hier zu einem schillernden Zeitmosaik entfaltet. Seit vielen Jahren schon ist Werner Richter der kongeniale Übersetzer des amerikanischen Erfolgsautors. Er trifft den Ton der tragikomischen Romane genau und überträgt sie ohne Substanzverlust ins Deutsche. Ganz selten tappt er daneben, etwa wenn er new potatoes mit »frischen Kartoffeln« übersetzt, gelegentlich auch fällt ihm nichts Gescheites ein (»urtümliche Ebenen« für ancestral plains etwa), aber dann wieder ist er noch besser als das Original: Brush »gab sich jovial und schmerbäuchig (bigbellied) und lautstark wie immer«. Der Erfolg T.C. Boyles bei seinen deutschen Lesern geht auf diese Übertragungen zurück - eine über die Jahre konstante und respektable Leistung des Übersetzers. Richters Wortschatz ist reich und muss es auch sein: Denn T.C. Boyle ist ständig auf kräftige Bilder und Vergleiche aus, je greller, je besser, und das ist etwas, was dem Leser auch auf die Nerven gehen kann, besonders dann, wenn der Übersetzer mit dem Original nicht schritthält und sich sprachlich wiederholen muss. Das ist hier nicht der Fall: Dank Richters Begabung sind die Figuren nicht immer nur »betrunken«, sondern auch mal »angetütert« oder »beschikkert«, dürfen die Affen nicht nur »vögeln«, sondern auch »interagieren« - und natürlich stinken»wie eine Bootsladung voller Wasserleichen«.
 
 
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