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Ein Freund der Erde
Aus dem Amerikanischen von Werner Richter |
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| Lutz Hagestedt / Literaturkritik
/ 06. Juni 2001 |
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| Boyles Roman ist wieder hochtourig
erzählt, mit manchmal bis zum Abwinken grellen Bildern und Vergleichen.
Doch dass sich beim Rezensenten allmählich ein gewisser Überdruss
gegen diese Erzählmasche bemerkbar macht, muss nicht gegen die
Qualität des Romans sprechen. »Ein Freund der Erde« ist
wieder vorzüglich übersetzt von Werner Richter, dem Entdecker
T.C. Boyles für den deutschen Sprachraum: »Der Wald - dieser Wald,
unser Wald - kehrt zurück, die Schößlinge neuer Bäume erheben
sich aus dem Friedhof der alten, Espen schütteln ihre Blätter
mit einem Geräusch, das wie Applaus klingt.« |
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| Heinrich Detering / Frankfurter Allgemeine
Zeitung / 19. Mai 2001 |
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| Boyles wilde Erzählung ist ein kalkulierter
Horrortrip, und dass das Kalkül so präzise aufgeht, verdankt
sich einem weltliterarischen Modell, das im text versteckt ist
wie ein Bilderrätsel. »Um ein Freund der Erde zu sein«, lautet
das titelgebende Credo des Einzelkämpfers, »muss man ein Feind
der Menschen werden.« Da er im Laufe des Romans nicht nur Kafka
und Bob Dylan zitiert, sondern auch Ibsens Autonomiedrama »Nora«
und Molières »Menschenfeind«, ergibt sich im Schnittpunkt der
Anspielungen das Lösungswort beinahe von selbst. Es ist Henrik
Ibsens »Volksfeind«. (...) T.C. Boyle hat Ibsens ambivalentes
Lehrstück aus der norwegischen Provinz ins Planetarische übertragen,
und er hat mit den Schauplätzen auch die Konflikte ins Globale
vergrößert. Sein Roman ist monströs und böse, ein grelles, grausiges
Spektakel. Doch wie im Theater der norwegischen Sphinx, so waltet
auch hier unter dem Zynismus eine verteufelte Humanität. |
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| Martian Klug / SWR Kultur / 04. Mai
2001 |
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| Boyle wäre nicht Boyle, wenn er
- bei aller Sympathie für die Umweltbewegung - nicht auch deren
Schwachstellen schonungslos entlarven würde. Immer wenn sich
esoterischer Firlefanz, fanatische Selbstherrlichkeit oder schlichter
Schlendrian breit machen und der gesunde Menschenverstand im
Biomüsli zu versinken droht, kommt Boyles garstig-spitze Feder
zum Einsatz. Er schreibt lustvoll schnodderig und intelligent
witzig auf den Punkt. Ein großes Lesevergnügen - nicht nur für
Fans des amerikanischen Kultautors. |
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| Winfried Kretschmer / ChangeX / 30.
April 2001 |
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| Boyles Blick bleibt ironisch-distanziert
und legt die offensichtliche Aussichtlosigkeit der Aktionen
schonungslos bloß - etwa wenn um die in der Forststrasse einbetonierten
Umweltaktivisten herum eine Planierraupe eine neue Trasse in
den Wald schlägt. Das gerät zwar nicht ganz so drastisch wie
in der Erzählung Fleischeslust, in der militante Tierschützer
des Nachts die Puten einer Geflügelfarm »befreien« - und nach
gelungener Aktion feststellen müssen, dass die in die vermeintliche
Freiheit strömende Putenherde sich unter den Zwillingsreifen
der Trucks auf dem nahe gelegenen Highway in Putenmatsch verwandelt
hat. Nicht umsonst erinnert der amerikanische Originaltitel
A Friend of the Earth an die fast namensgleiche Umweltorganisation.
Alles aussichtslos, also? Nicht ganz. In einer Welt, der nicht
mehr geholfen werden kann, bevölkert von Menschen, denen nicht
zu helfen ist, keimt am Ende doch noch ein Funken Hoffnung. |
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| Joachim Scholl / Die Welt / 24. März
2001 |
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| »Ein Freund der Erde ist ein Feind
der Menschen« - dieser Ibsen-Satz durchzieht den Text als Paradox,
in seiner Umkehrung formuliert es den ganzen Widersinn unserer
Zeit. Einst musste die Natur unterworfen werden, um sie dem
Menschen freundlich zu machen. Doch diese notgedrungene Feindschaft
zerstört ihn am Ende selbst. Aus dieser Aporie entwickelt T.C.
Boyle sein erzählerisches Programm, das in vielem an sein bitter-fulminantes
Sozial-Epos América erinnert. Kann man es den Reichen
verdenken, wenn sie vor der Armut in Deckung gehen, hieß es
damals. Jetzt gestaltet Boyle in fast würdevoller Komik das
Drama des Planeten, den wir mit unseren Ansprüchen an Komfort
und Luxus ruinieren. Eine Rückkehr zu wahrer Naturhaftigkeit
ist ausgeschlossen. |
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| Daniel Dubbe / Rheinischer Merkur
/ 23. März 2001 |
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| Boyle kann als einfallsreicher Autor
über jedes Thema schreiben, aber vielleicht doch nicht über
jedes Thema gleich gut. So gab es im »New York Times Book Review«
denn auch einen Verriss: »Ein Freund der Erde« stelle einen
Tiefpunkt (marks a low point) in Boyles Karriere dar.
Seine satirischen Impulse sprengten immer wieder die Grenzen
des Wahrscheinlichen. Seine Charaktere seien so flach wie das
Papier, auf dem sie gedruckt sind. Boyles Prosa sei overboiled,
das ist stark überhitzt, doch sowohl die globale Katastrophe
wie auch der leidvolle Kampf der Tierwater-Familie dagegen ließe
den Leser kalt. Alles richtig. Eine Woche vorher allerdings
hatte in derselben »New York Times« ein anderer Kritiker behauptet,
Boyles Stärke bestehe gerade darin, dass man sich in die Figuren
einfühlen könne. Satire und Mitleiden seien bei ihm bestens
vereinbar. Womit wieder einmal gezeigt wird, wie schwer es ist,
Bücher richtig zu bewerten, und wie subjektiv alle Urteile sind.
Eines ließe sich allerdings behaupten: Boyle auf seinem Tiefpunkt
ist immer noch interessanter als viele andere Autoren auf ihrem
Höhepunkt. |
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Markus Götting / Süddeutsche
Zeitung / 11. September 2000 /
zur amerikanischen Ausgabe |
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| Das Ende aller Tage, so muss man
sich das jedenfalls vorstellen, wird sich mit Windstärke acht
ankündigen, mit Flutwellen und einem Himmel, der gar nicht mehr
hell werden will. Wir werden Gummistiefel tragen müssen und
in miese Sushi-Lokale gehen, wo sie den schlechtesten Sake seit
Menschengedenken ausschenken und keine Klimaanlage haben, weil
der Strom zu teuer geworden ist. Wir werden Männer in Cowboyboots
sehen, die sich mit 75 noch für jung halten und ihre Ex-Gattin
mal wieder ins Bett kriegen wollen. (...) Die Geschichte spielt
im Jahr 2025, zu einer Zeit da global warming längst Realität
ist und so ziemlich alle Säugetiere ausgestorben sind. Nur der
Mensch natürlich nicht, der Urheber allen Übels. Ein ökologischer
Albtraum. Man fragt sich, warum aber ausgerechnet T.C. Boyle so
was schreibt. Vielleicht, weil man es nie hat wahrhaben wollen,
dass Boyles Romane, selbst die urkomischsten, immer auch eine
Anti-Utopie sind. In Grün ist die Hoffnung beschreibt
er ein paar Kiffer, deren American Dream zwischen verdorbenen
Marihuana-Pflanzen endet. Erbärmlich ist das, und hinreißend
lustig. Und genauso funktioniert A Friend of the Earth:
Man kann sich das Lachen nicht verkneifen, obwohl der Grundgedanke
so erschütternd ist. |
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