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»... das sagst du, wenn du wieder in deinem Hippiereservat in Malibu hockst, wo deine einzige Sorge ist, ob die Braut da unbedingt so viel anhaben muss, aber wenn du hier oben leben musst, dann redest du sehr bald anders.« (Joe Bosky)
 
Drop City
Aus dem Amerikanischen von Werner Richter
 
Rezensionen
 
lik / Kölner Stadtanzeiger / 15. November 2007
T.C. Boyle baut gekonnt eine Brücke zwischen Utopie und Realität. Er vollzieht die Euphorie für ein freies und selbstgestaltetes Leben nach, wirft aber auch Fragen auf. Ist es überhaupt möglich, bedingungslos zu lieben, zu leben und leben zu lassen? Die Bewohner der fiktiven Drop City jedenfalls stoßen an ihre Grenzen. Das Latrinenproblem und der Arbeitsunwille einiger Freaks sind nur zwei der Faktoren, die schließlich die Katastrophe heraufbeschwören und Drop City zum Umzug nach Alaska zwingen.
 
Daniel Dubbe / Rheinischer Merkur / 08. Januar 2004
Es gibt Themen, die aufs Beste zu einem Autor passen, seinen Kenntnissen und Erfahrungen, seinen Stärken und seinem Stil. Das ist bei T.C. Boyles neuem Roman aus den Tagen der Hippies »Drop City« der Fall. Bevor er Schriftsteller wurde, war Boyle Hippie: »Zwei oder drei Jahre lang ging ich spätnachts in dunkle Bars und drückte Leute gegen die Wand, um ihnen zu erzählen, dass ich schreiben würde. Eines Tages sagte ich mir: Himmel, vielleicht sollte ich es wirklich tun!« (...) Eines der Vorbilder Boyles ist David Henry Thoreau, der größte amerikanische Naturschriftsteller. Aber Thoreau beschrieb eine zahme Natur. Seine Einsiedelei lag nur zwei Meilen vom Hause seiner Mutter entfernt. Er konnte immer mal nach Hause gehen und entspannt eine Tasse Tee mit ihr trinken. Boyle versteht es, über Trapper in Alaska zu schreiben, als habe er sich jahrelang unter ihnen aufgehalten. (...) »Ich schreibe gern Bücher mit einer ungewöhnlichen und spannenden Action, die den Leser in ihren Bann zieht«, erklärt T.C. Boyle im Interview. »Alles andere, was große Literatur noch zu leisten vermag: zu provozieren, zum Nachdenken über das eigene Leben anzuregen und Genuss an der Schönheit der Sprache zu bieten, all das ist entscheidend für eine gute Arbeit. Das Wichtigste aber ist meiner Meinung nach die Geschichte selbst. Ich glaube, einige Schriftsteller haben das aus den Augen verloren.« Nicht so T.C. Boyle. Sein Epos über Blumenkinder, deren Freiheitstraum im Eis erfriert, ist ihm überzeugend gelungen. Nur die Stärksten überleben: Diese Botschaft T.C. Boyles wirkt äußerst amerikanisch. Gut und böse sind für unser skeptisches europäisches Verständnis bei ihm vielleicht etwas zu sauber unterschieden. Aber vielleicht kann es im hohen Norden nicht anders sein, denn die unerbittliche Natur ist kein Spielplatz. Von diesem kleinen Vorbehalt einmal abgesehen, weiß Boyle auf ganzer Linie zu überzeugen. Unzählige skurrile Nebenfiguren, Schauplätze, die einem lebhaft vor Augen geführt werden: Boyle wird seinem Ruf als literarischer Entertainer von hohem Rang gerecht. »Drop City« ist ein witziger und subtiler Roman über den Niedergang der Hippie-Bewegung, ein grellbunter Bilderbogen, filmreif inszeniert und mit sarkastischem Humor erzählt.
 
 
Ulrich Sonnenschein / Frankfurter Rundschau / 26. November 2003
Die Zeiten, da T.C. Boyle ein literarischer Popstar werden wollte, sind vorbei. Schon lange kümmert er sich nicht mehr darum, ob er dem Publikum eine gute Show liefert oder ob es ihm, wie er es einst prophezeite, inzwischen tatsächlich Bierdosen an den Kopf wirft. Es geht nicht mehr um Unterhaltung im Sinne des Rock'n'Roll, sondern um die zynisch in Gold gerahmte Utopie, die zwar noch an der Wand hängt, aber nur noch als selbstironisches Zitat aus einer anderen Zeit. T.C. Boyle ist hart geworden, unerbittlich hart. Glücklicherweise aber sind es eher seine Figuren, die das zu spüren bekommen. Der Leser kann sich retten auf die Insel der wohltuenden Distanz. (...) »Drop City« ist der Roman einer gescheiterten Bewegung.(...) Indem T.C. Boyle die beiden Handlungsstränge der Trapper und Hippies nebeneinander führt, gelingt ihm ein wirklich treffender Roman über die so genannte Gegenkultur der sechziger Jahre. Man merkt, dass er immer mehr zwischen seinen Figuren steht als über ihnen und kann die manchmal zynische Sichtweise auch deshalb verstehen und schätzen, weil sie nie denunziatorisch wird. Das Scheitern der Utopie ist kein Ergebnis moralischer gesellschaftlicher Verantwortung, sondern ein nahezu natürlicher Prozess. Die Drop Outs hatten sich aus der Gesellschaft zurückgezogen, blieben aber in vielem von ihr abhängig. Und mit dem halbherzigen Inseldasein kam notwendigerweise der Untergang. Erst an den wahren Rändern der Gesellschaft, dort, wo die Bedingungen über kurz oder lang ohnehin jeden Unterschied verschwinden lassen, ist diese Form von Freiheit lebbar. Allerdings zu einem sehr hohen Preis. »Drop City« ist natürlich auch ein Roman eines enttäuschten Hippies. Doch nicht nur. Es fehlt ihm dazu vor allem an Naivität, an festen Glauben an die utopische Glückseligkeit und schließlich an Humor. Die Ernsthaftigkeit aber, mit der Boyle diese Gegenkultur schildert, die er in- und auswendig kennt, rettet das Niveau. Nicht Pop, sondern Kunst, schneidend scharf, aber voll feinem Hintersinn, der sich auftut, wenn man die oberflächliche Spannung erstmal überwunden hat. T.C. Boyle kann beides - analysieren und unterhalten. Er kann kraftvoll fabulieren, in Metaphern und Vergleichen schwelgen, den Leser zum Lachen und zum Weinen bringen und dabei mühelos zu den verborgenen Schichten vordringen. Nicht immer war der Erkenntnismehrwert so deutlich wie bei diesem Roman. »Wer sich an die Sechziger erinnert«, sagte Paul Kantner von Jefferson Airplane einmal, »der war nicht wirklich dabei.« »Drop City« ist der Gegenbeweis.
 
 
Konrad Heidkamp / Die Zeit / 30. Oktober 2003
Es gebe zwei Sorten von Geschichten, meint T.C. Boyle, »entweder kommt ein Fremder in die Stadt, oder jemand geht auf Reisen.« Keine Frage, welchen Typus er bevorzugt, die mitteleuropäische Nabelschau ist ihm fremd. Seit Grün ist die Hoffnung von 1984 ist er in Amerika unterwegs, vom Schicksal holländischer Siedler in World’s End über den japanischen Samurai von Savannah bis zu Riven Rock in Kalifornien. Was ihm lange Zeit aber Anlass zu aberwitzigen Konstrukten voller skurriler Überzeichnung und sich überschlagender Metaphorik war, ist hier - mit América, 1995 begann es - einem ernsteren Tonfall gewichen. Er klingt wie ein Pessimist, der ans Gute glauben will und es ständig in Abrede stellt, um nicht enttäuscht zu werden, wie ein Moralist, dessen schwarzer Humor ihn davor bewahrt, als Weltverbesserer entlarvt zu werden. Reichlich ungeschützt lässt er diesmal all diesen seltsamen Typen ihre Würde, zeichnet sie schräg, aber nicht lächerlich. (...) Hardcore-Fans von Tom Coraghessan Boyle mögen diesen, seinen neunten Roman möglicherweise zu abgeklärt finden, das sich andeutende Happy End in der Winterweihnacht gar als Verrat an der gewohnten Apokalypse. »Drop City« ist uncool und damit menschlich. Das eine Auge hat Boyle auf die Utopie gerichtet, das andere auf die Realität. Er könnte dabei ins Schielen geraten und vorbeischießen. Große amerikanische Kunst, beides zu treffen.
 
 
The New York Times / ÜB: Marco Flammang / 29. September 2003
Es findet sich nicht viel weiße Magie in T.C. Boyles außerordentlich unterhaltsamen neuen Roman »Drop City«, zumindest nicht auf den ersten Blick. (...) Wer Boyles Werk über die letzten beiden Jahrzehnte verfolgt hat, wird kaum überrascht sein von der Freak-Parade, die er in »Drop City« loslässt. Überraschend ist dagegen, wie Boyle die Beschreibung komplexer menschlicher Beziehungen in diese nervöse, rastlose Prosa schmuggelt. Boyle wird immer wieder vorgehalten, dass er ein verbissener Spinner ist, der Verachtung, Sarkasmus und bitteren Humor auf die Männer und Frauen in seinen Büchern regnen lässt und nur selten Charaktere erschafft, für die der Leser etwas zu empfinden in der Lage ist. In »Drop City« bietet Boyle jedenfalls mehr als nur eine Reihe von eingerauchten Ahnungslosen, die zur Schlachtbank geführt werden. Auf seine eigene durchtriebene Art ist dies vielleicht sein rührendster und emotional vielschichtigster Roman seit World’s End von 1987. (...) Boyle unterlaufen ein paar Fehler. Einen in Alaska lebenden Ex-Marine namens Joe Bosky zeichnet er so eindimensional, dass er ihn gleich Sergeant Evil hätte nennen können. Das Ende des Romans wirkt überhastet, »Drop City« ist rund 100 Seiten zu kurz. Dennoch hat Boyle einen der witzigsten und subtilsten Romane über das langsame Schwinden der Hippie- Ära geliefert.
 
 
Andreas Platthaus / Frankfurter Allgemeine / 06. September 2003
(...) Norman T. Sender, Gründer der Kommune [Drop City], verkündet seinen Gesinnungsgenossen: »Wir werden die Natur essen, weil das ein riesiger Selbstbedienungsladen ist.« Wie soll man sich aber einer Natur anvertrauen, die nur noch in Termini des technischen Fortschritts beschreibbar ist? Solche geradezu hinterhältigen Formulierungen machen die besondere Stärke des neuen Romans von T. Coraghessan Boyle aus, der lediglich ein halbes Jahr nach seiner amerikanischen Publikation bereits auf deutsch vorliegt. Eine weitere Stärke dieses Buches besteht darin, dass die dazu erforderliche Eile Boyles langjährigen Übersetzer Werner Richter nicht verleitet hat, weniger Sorgfalt walten zu lassen. Der Text stellt hohe Anforderungen an die Übertragung, denn er lebt nicht unerheblich vom Jargon des Jahrs 1970, in dem die Handlung angesiedelt ist, von den Parolen Timothy Learys vor allem, dessen turn on, tune in, drop out zum Leitmotiv einer ganzen Generation wurde, die vom Engagement ihres Landes im Vietnam-Krieg und dessen bedingungslosem Bewegungs- und Konsumrausch so enttäuscht wurde, dass sie ihre Zuflucht zu Drogen, Rockmusik und freier Liebe nahm. Diese Rauschmittel versprachen Alternativen, die das bürgerliche Leben, die »Plastikwelt«, nicht mehr bereitzuhalten schien. Die entsprechenden Passagen hat Richter mit großer Einfühlsamkeit ins Deutsche gebracht; auf die Originalslogans hat er bemerkenswerterweise verzichtet, obwohl fast jeder sie kennen dürfte. (...) Boyles erzählerische Meisterschaft besteht darin, keinen Schwerpunkt auf einzelne Blickwinkel zu legen. Wie ein geschickter Puppenspieler vermag er es, alle seine Figuren zugleich zu bewegen. (...) Boyle konstruiert den ganzen Roman auf der Grundlage von Gegenentwürfen: Hedonismus versus Philanthropie, Aussteiger gegen Insider, Naturfreunde gegen Naturburschen (ein entscheidender Unterschied). Seit seinem großen Roman América von 1995 hat er nicht mehr so radikal Lebensentwürfe miteinander konfrontiert. (...) In den Ensembleszenen aus »Drop City«, die Boyle so virtuos choreographiert, dass wir jeden einzelnen der Gruppe einmal als Solisten vortreten sehen und einzuschätzen vermögen, entfaltet sich auch wieder der unbändige Humor des Autors. Und seine Begabung für Naturschilderungen, die er schon vor sechzehn Jahren im Roman World's End an Alaska geschult hatte, erreicht im neuen Buch ein Niveau, das seinesgleichen sucht. Ein Schriftsteller, der uns wie Boyle alle acht Jahre ein solches Buch schenkt, muss zu den Großen gezählt werden.
 
 
Lutz Wendler / Hamburger Abendblatt / 30. August 2003
T.C. Boyle führt nach bewährtem Muster zwei unterschiedliche Handlungsstränge - diesmal das Leben von Hippies und Trappern - zur Katastrophe zusammen. Doch was in Romanen wie Wassermusik (1982), América (1995) und Ein Freund der Erde (2000) funktionierte, wirkt in »Drop City« zu konstruiert. Boyle braucht das Schema, um, wie er sagt, in Ekstase schreiben zu können. Seine zügellose Fantasie tobt sich in einer Folge überraschender sprachlicher Bilder aus (kongenial von Werner Richter übersetzt). Das ist im Detail begeisternd, gerade wenn er mit bitterem Humor vom selbstzerstörerischen Wesen der Menschen erzählt. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass kein Weg zurückführt ins Paradies. Boyles Humor macht diesen sauren Apfel vom Baum der Erkenntnis genießbar.
 
 
Martin Halter / Saarbrücker Zeitung / 28. August 2003
T.C. Boyle hat auch einmal an Love and Peace geglaubt, Grateful Dead und Jefferson Airplane gehört und Drogen genascht. Er hält den Idealen der alternativen Gegenkultur - schon im Erzählstil - bis heute die Treue, aber er hat ihre Widersprüche und Neurosen nie unterschlagen oder verklärt. Boyle ist ein »Freund der Erde«, ein grüner Alt-68er, aber er weiß, dass nicht nur Staat und Establishment, sondern auch Mutter Natur ungemütlich werden kann. Das Paradies ist voller Stechmücken und Disteln, und der Rückweg dorthin ist versperrt. Das müssen auch die Hippies von »Drop City« erfahren. (...) Boyle erzählt gern in parallel laufenden Erzählsträngen, die unterschiedliche Lebensformen miteinander konfrontieren (manchmal ein wenig zu plakativ) und am Ende behutsam zusammenführen. (...) Er nennt »Drop City« seinen »ersten unkomischen Roman«, aber er schreibt so süffig, ironisch und irrwitzig wie immer - und überdies so sachkundig, dass man nach seiner Anleitung Blockhütten bauen und Gemüsebeete anlegen könnte. Franz-Josef Strauß wollte seine linken Gegner einst zum Ananaszüchten nach Alaska schicken. Boyles Hippies sind am Unmöglichen heiter und ehrenvoll gescheitert.
 
 
Andreas Hartmann / taz - die tageszeitung / 22. August 2003
Freaks, Aussteiger und seltsame Typen sind schon immer die liebsten Figuren von T.C. Boyle gewesen. Richtig viel Vergnügen macht es Boyle, diese in seinen Romanen und Kurzgeschichten scheitern zu lassen - im Stich aber lässt er sie nie. In seinem neuen Roman »Drop City« gibt es gleich eine ganze Busladung an fusseligen Hippies, die das komplette Kommunenprogramm durchziehen - samt LSD im Orangensaft, Dauerfrust über die ewige Reispampe zum Abendessen, Kommunenkoller und Ähnlichem mehr. Nur scheint Boyle dieses Mal nicht einfach nur Spaß an seinen Figuren haben und sie irgendwann abstürzen lassen zu wollen, er will mehr: »Drop City« ist nicht einfach nur die Schilderung eines längst ausgefochtenen Kampfes für das etwas andere Leben, sondern die eines Kampfes ums Überleben. So liest sich der Roman zuerst wie das Porträt einer Generation, mutiert dann aber zu einem waschechten Abenteuerroman über das Leben in der Wildnis, geschrieben im Geiste Jack Londons und mit zahlreichen Referenzen an H. D. Thoreaus Aussteiger- und Zurück-zur-Natur-Manifest »Walden«. (...) T.C. Boyle lässt den Exodus seiner Kommune ganz bewusst im Jahr 1970 stattfinden - ein Jahr nachdem mit den Morden der Manson-Family die Flower-Power-Ära der Hippies zu Ende gegangen war. Der Hippietraum ist ausgeträumt, vor dem endgültigen Aufwachen sträuben sich die letzten der Blumenkinder dennoch.
 
 
Michael Freund / Der Standard / 17. August 2003
In seinem neuen Buch »Drop City« hat der amerikanische Autor ein neues Betätigungsfeld für sein Lieblingsthema gefunden: wie Menschen unter widrigsten Umständen überleben, wie die Umwelt sie fast fertig macht - und umgekehrt. Das war schon in Ein Freund der Erde und in Grün ist die Hoffnung sein Anliegen - der eine Roman ein Zukunftshorrorszenario, der andere eine Marihuanaposse und beide ebenfalls in Kalifornien angesiedelt. Boyle, ein Meister der Bilder und Metaphern, weidet die sprachlichen Möglichkeiten, die die Hippiedämmerung an der Westküste bietet, genüsslich aus. Er lässt seine Figuren in sexuellen und Rassenspannungen, Vegetarianismus, geodätischen Domen, LSD-Trips, VW- und Schulbussen herumirren. (Assoziationen zu Tom Wolfes Reportage Electric Kool-Aid Acid Test, zu Ken Kesey und seinen Merry Pranksters sind unvermeidlich und werden aktiv nahe gelegt: Da heißt eine Kommune, dort ein Bus »Further«, Day-Glo-Orange strahlt in beiden Büchern usw.) Auch in den Alaska-Kapiteln machen Boyles Figuren unbeirrt weiter, wenn auch unter anderem Vorzeichen: Chaplin kommt in den Sinn (und im Buch vor), der in der Not seinen Schuh verspeist.(...) Boyle ist ruhiger geworden, vielleicht auch bescheidener. Statt aufwändiger Erzählmontagen bietet er eine relativ geradlinige Geschichte. Und er verzichtet auf eine längere - und tiefere - Entwicklung der Charaktere zugunsten von Tableaus. Die allerdings schillern wie eh und je. Und auch das versöhnliche Ende will man dem Autor nicht abnehmen, als ob er uns schon zu lange mit seiner Skepsis gewarnt hätte: Die Ruhe trügt, es gibt keinen Frieden, auch und schon gar nicht jenseits des Polarkreises, der nächste Winter kommt bestimmt, die Probleme in Drop City North sind keineswegs gelöst. Auf zum nächsten Buch.
 
 
Erich Demmer / Die Presse / 16. August 2003
T.C. Boyle hat in seinen früheren Werken lebenspralle Geschichten erzählt, bei denen er Personen und Entwicklungen ins Groteske übersteigerte und so der wohlverdienten Lächerlichkeit preisgab. In »Drop City« scheint er aber eine satirische Beißhemmung zu haben - vielleicht auch, weil er zu beiden zivilisationskritischen Gruppen eine gewisse Basissympathie empfindet. Von der Lebensgeschichte der einzelnen Figuren erfährt man trotz des beträchtlichen Buchumfanges recht wenig, und obwohl sie hart am Rande des Klischees gezeichnet sind, wirken sie doch so blass, als hätten sie gerade eine Nacht mit Graf Dracula verbracht. Die Konfliktlinien sind zu verwaschen, denn die beiden Gruppen sind in ihrer Ablehnung des American Way of Life, in ihrer gegenkulturellen Staats- und Konsumverachtung zu ähnlich. Von der Ferne grüßt Altvater Thoreau Hippies wie Trapper. Und wo die einen sich mit Drogen im Labyrinth der freien Liebe verirren, saufen die anderen mit Alkohol ihren Sexhunger nieder. Selbstverständlich gibt es auch in »Drop City« manches zu lachen, auch wenn sich hin und wieder fußkranke Metaphern und Formulierungen in den Text verirren wie »während sich der Vormittag zum Nachmittag berichtigte« oder wenn eine Frauenhaut »glänzte wie gebutterter Toast« - da muss wohl auch der sonst stilsichere Übersetzer Werner Richter etwas passen. Und manchmal ist die Humorschwelle nicht gerade unerreichbar hoch angesetzt, etwa wenn eine kämpferische Vegetarierin eine Tirade auf das Recht jedes Tieres auf Leben hält und dabei achtlos eine Gelse erschlägt. Der Erzähler Boyle hat sich zu tief in das beschränkte Denken seines Personals begeben - fast kein Wort fällt über das politische Umfeld: das konservative Rollback der Nixon-Regierung, der Krieg in Vietnam, die auflodernden Rassenkonflikte, die von vielen als ungerecht empfundene Güterverteilung. So erscheinen die Hippies als seltsame Spinner - wie die Hinterwäldler in Alaska. (...) Hoffentlich ist dieses Buch eine kurze satirische Konditionsschwäche des Autors und nicht ein Symbol für den Zustand der amerikanischen Literatur in den schwer patriotismusbesoffenen Zeiten von Dschordsch Dabbeljuh.
 
 
Ulf Lippitz / Der Spiegel / 14. August 2003
Alles ist hip, groovy und locker. Hier ein Peace-Sign, dort ein Joint - für die Bewohner der kalifornischen Hippie-Kommune Drop City steht das Jahr 1970 ganz im Zeichen von freier Liebe und Dauerbenebelung. Probleme lösen sich in zunehmendem Haschrauch auf - wenigstens in der Wahrnehmung: Aber wehe, wenn man runter kommt: Dann streckt einen der Alltag im harmlosen Fall mit Abwasch und Toilettenhygiene, im schlimmsten Fall mit Vergewaltigung und Lebensmittelvergiftung nieder. Tom Coraghessan Boyle - besser bekannt als T.C. Boyle - kann ein Buch darüber schreiben. Erstens weil er selbst lange Zeit als Hippie gelebt hat. Zweitens weil er zu den profiliertesten Schriftstellern der USA zählt. (...) In dem ausufernden, aber herrlich lebendigem Buch, wimmelt es von Figuren, die genauso sympathisch wie zwiespältig wirken: Star, das verträumte Blumenmädchen mit Hang zu LSD und zum Ziegenmelken; Ronnie, der jugendliche Draufgänger, der am Hippie-Dasein das unbeschwerte Vögeln und Kiffen schätzt - und Marco, der patente Naturbursche, der im Buddeln der neuen Kanalisation größte Erfüllung findet. Star war früher mit Ronnie zusammen. Jetzt schläft sie mit Marco im Baumhaus. Ronnie findet das »hip« - was ihn nicht davon abhält, das monogame Pärchen misstrauisch zu beäugen.
 
 
Jens-Uwe Sommerschuh / Sächsische Zeitung / 11. August 2003
Nach einem Jahrzehnt, in dem Boyle zuletzt mit América, Riven Rock und weiteren Dreipfündern gehobene Unterhaltung fast am Fließband produziert, aber die Wucht und Tiefe seiner Frühwerke nicht mehr erreicht hatte, vollendete er voriges Jahr »Drop City«, ein großartiges Aussteiger-Epos, das nun auf Deutsch vorliegt (Übersetzung: Werner Richter). Boyle, der zur Zeit dieser Handlung 22 Jahre alt war, hat nun, mit 55, seinen Hang zum Karikieren im Zaum gehalten und äußerst präzise Porträts der widersprüchlichen Hauptakteure gezeichnet. Wir erleben die Ereignisse abwechselnd aus der Sicht von Star, Ronnie, Marco, Sess oder Pamela, der Autor stellt uns frei, mit ihnen mitzufühlen oder auf Distanz zu gehen. Getreu seinem Credo, dass interessante Charaktere immer exzentrisch sind, gibt Boyle dem Gut-und-Böse-Schema keine Chance, zeigt aber auch, wie schlicht und bieder im Detail auch die schrägsten Typen gestrickt sind. Und er macht unmissverständlich klar, dass Menschen zwar die Städte verlassen können, die Stätten hektischen Konsums, nicht aber die Gesellschaft an sich. Ein aufregendes Plädoyer für die Würde eines jeden Einzelnen und gegen egozentrische Gier.
 
 
Barbara Munker / Magdeburger Volksstimme / 11. August 2003
Der 1948 geborene Schriftsteller beschreibt das Hippie-Nirvana, die skurrilen Typen und den Rausch von freier Liebe und Drogen so treffend, als wäre er selbst mit 22 Jahren dabei gewesen. (...) Boyle verspricht seinen Lesern »Sex, Drugs and Rock'n' Roll« und liefert weitaus mehr. Nach seinem futuristischen Umweltroman Ein Freund der Erde schaut der Autor jetzt in die Vergangenheit um die »Zurück zur Natur«-Bewegung und die Absage an die Konsumgesellschaft zu ergründen. (...) Vieles mag der Leser vorhersehen, aber Boyle sorgt immer wieder für Überraschungen. Der Buchkritiker der New York Times begeistert sich, dass der Autor »sehr viel mehr gibt als eine Reihe bekiffter Naiver, die ihrem Untergang entgegengeführt werden.« Boyle nennt »Drop City« seinen ersten »unkomischen« Roman. Dabei muss man an vielen Stellen schmunzeln, aber ebenso häufig bleibt einem das Lachen auch im Halse stecken.
 
 
Ulrike Sárkány / NDR Kultur / 10. August 2003
Wenn Tom Coraghessan Boyle in seinem neunten Roman von den Fallstricken der amerikanischen Aussteiger-Bewegung zu Präsident Nixons Zeiten erzählt, dann ist das zum Teil sicher eigene Jugenderfahrung, aber die Geschichte hat auch Parabelcharakter mit Anklängen an Orwells »Farm der Tiere« oder Goldings »Herr der Fliegen«. Erzählt wird sie allerdings wie eine Soap Opera. (...) Indem er Ereignisse schildert und Verhaltensweisen und Reaktionen der verschiedenen Akteure abbildet, löst er Beurteilungen im Kopf des Lesers aus, ohne selbst explizite moralische Wertungen vorzunehmen. Er lässt die auch heute noch bestechenden Flower-Power-Düfte aus den frühen Siebzigerjahren ebenso herüberwehen wie den schalen Nachgeschmack, den das Scheitern jener Utopie hinterlassen hat. (...) T.C. Boyles Roman »Drop City« bietet 500 Seiten Spannung, die durch das Zusammenspiel differenziert dargestellter Charaktere erzeugt wird, deren Suche nach dem irdischen Glück keineswegs immer nur auf Love and Peace gegründet ist.
 
 
Jörg Magenau / Deutschlandradio / 08. August 2003
T.C. Boyle ist sicher nicht das, was man einen Optimisten nennt. Den Glauben daran, dass die Erde noch zu retten wäre, hat er längst abgeschrieben. Und doch schreibt er weiter, ausgestattet mit der nötigen Dosis Sarkasmus. Gleichermaßen finster und witzig sind seine Bücher. Nach dem in der Zukunft angesiedelten Umweltroman Ein Freund der Erde begibt er sich nun in »Drop City« zurück ins Jahr 1970, doch einmal mehr geht es um das problematische Verhältnis der Menschen zur Natur. Da ist auf der einen Seite eine Hippie-Kommune in Kalifornien, die den Traum von freier Liebe, Drogen und Rock'n'Roll zu verwirklichen sucht: praktizierte Kapitalismuskritik, die aber doch nur Müll und Dreck und Unfrieden produziert. Auf der anderen Seite steht ein frisch vermähltes Paar im abgeschiedenen Alaska, das sich in die harte Blockhauswildnis zurückgezogen hat und dort von der Jagd und vom Fischfang lebt. Die beiden unterschiedlichen Lebensweisen geraten in unmittelbare Nachbarschaft, als die Hippies beschließen, nach Alaska umzuziehen. Dort aber, im der Finsternis des arktischen Winters, geht es bald ums bloße Überleben. Das Kalifornische Motto der Kommune, LADJEAH (Land, Auf das Jeder ein Anrecht Hat) wandelt sich in das sozialdarwinistische PAOZL (Pack An Oder Zieh Leine). Freiheit ist eben doch ein bisschen mehr als freie Liebe und endlose Partys. Und der naive Schlachtruf »Zurück zur Natur« zerschellt in der amerikanischen Wildnis.
 
 
Martin Hostert / Lippische Landes-Zeitung / 08. August 2003
Boyle erzählt wundervoll, entwickelt bis ins Detail differenzierte Charaktere. Er erweist sich erneut als Meister der Metaphern, wertet jedoch nicht, sondern stellt dar. So muss es gewesen sein.
 
 
Silke Arning / SWR1 / 08. August 2003
T.C. Boyle, der sonst oft sehr zynisch daher kommt, gibt sich betont realistisch. Seine Haltung: Es war halt gut gemeint, aber es hat nicht funktioniert. Er mag seine Figuren, auch wenn sie scheitern. (...) »Drop City« - todernst ist dieses Buch und trotzdem wunderbar schräg. Eben einfach »hip«.
 
 
Angela Wittmann / Brigitte Nr. 17 / 06. August 2003
(...) Es sei sein erster unkomischer Roman, hat T.C. Boyle gesagt. Aberwitzig ist seine Geschichte vom Niedergang der Hippie-Bewegung trotzdem. Dafür sorgen schon die vielen Fanatiker, die den Alt-Hippie-Boyle schon immer zu »mobydickoiden« Höchstleistungen angespornt haben: »Fanatiker sind blind für alles, was außerhalb ihres Horizonts liegt. Das bringt sie sofort in absurde Situationen, etwa auf die Jagd nach einem weißen Wal quer über alle sieben Weltmeere.« Oder zurück zur Natur, der sie absolut nicht gewachsen sind.
 
 
Hansjörg Schertenleib / Weltwoche, Ausgabe 33/03 / August 2003
Bereits in seinem Roman The Tortilla Curtain (deutsch América) ließ Boyle zwei Welten aufeinander prallen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Führte er damals die Geschichten des mexikanischen Immigranten Candido und des gut situierten liberalen Weißen Delaney parallel nebeneinanderher, um sie nur an dramatischen Höhepunkten zu verschränken, verknüpft er die zwei Stränge in »Drop City« konsequent zu einer Geschichte. Aber kann man das bizarre Drogenuniversum eines Richard Brautigan mit der Trapperrealität eines Jack London zusammenführen? Man kann - wenn man es kann, so wie T.C. Boyle. Er erzählt ausschweifend und in weiten narrativen Bögen. Was Dramaturgie und Bauart eines umfangreichen Textes mit vielen Figuren betrifft, ist er ein Meister. Leider aber hat er seinen Hang zu überspitzten und oft genug an den Haaren herbeigezogenen Vergleichen nicht verloren. Boyle liebt das Fortissimo des Ausdrucks, ohne zu berücksichtigen, dass Sprache auch Nonexistentes konstituieren kann. Zwischen den Zeilen spielt sich in seiner Prosa gar nichts ab, und er dreht nahezu jeden Satz seines 525 Seiten starken Romans durch den Metaphern-Fleischwolf. Es ist, als deute Boyles Sprache fortwährend mit stolzgeschwellter Brust auf sich selbst: Schaut her, wie toll ich bin! Sein Erzählmotor läuft permanent auf Hochtouren und macht einen gehörigen Krach. Wer aber will jemandem zuhören, der immer einen Tick zu laut redet und wie ein quengelndes Kind fortwährend nach Aufmerksamkeit verlangt? Nein, Präzision oder Klarheit sind T.C. Boyles Stärken nicht. Er schreibt sozusagen mit dem Doppelhänder. Er ist weder am Aquarell noch an der Bleistiftzeichnung interessiert, er ist zuständig für den schwarzweissen Holzschnitt. Und so sind seine Figuren denn eher Karikaturen als Menschen, für deren Schicksal man sich wirklich erwärmt. Trotzdem habe ich »Drop City« gerne gelesen. Warum? Weil Boyle keinen jener in der gegenwärtigen Literatur üblichen Großstädter ins Zentrum rückt, deren Leben längst in zahllosen Romanen beschrieben worden ist. Und weil Boyle eine Geschichte erzählt, die mich interessiert. Dass diese Geschichte mehr mit meiner eigenen Vergangenheit zu tun hat, als mir eigentlich lieb sein kann, wurde mir spätestens dann bewusst, als ich anfing, meine Plattensammlung nach Country Joe & the Fish, Buffalo Springfield und Hot Tuna zu durchsuchen, um für die richtige Musik bei der Lektüre zu sorgen. Was aber fängt jemand mit »Drop City« an, dem die Hippiebewegung nichts bedeutet? Meine Frau zum Beispiel, die sich für Hippies etwa so sehr interessiert wie ich für die Pfingstbewegung, hat den Roman nach sechzig Seiten weggelegt. Dass T.C. Boyle die Gegenkultur kennt, bewies er bereits mit seinem Roman Budding Prospects (deutsch: Grün ist die Hoffnung). Zeigte er damals die witzige Seite einer Bewegung, die allen Ernstes an Friede und Einigkeit glaubte, führt er uns in »Drop City« nun die finstere Seite des Hippietraumes vor. Die Botschaft, die er uns mit auf den Weg gibt, ist so rührend wie konservativ: Der Gegenentwurf der Hippies taugt nicht, besinnt euch lieber auf sichere Werte wie die Kleinfamilie oder das Leben in trauter Zweisamkeit. Und so wird aus dem Punk Boyle, sieh an, sieh an, unversehens ein Oberlehrer.
 
 
Verfasser unbekannt / Schweizer Illustrierte / August 2003
Diese apokalyptische Vision vom Traum eines besseren Lebens hat etwas Tröstliches. Bei T.C. Boyle, der nie die göttliche, sondern immer die menschliche Komödie schreiben wollte, ist sie zudem überaus unterhaltsam zu lesen. Ihm ist nichts heilig, und gerade das schätzt seine große Lesergemeinde. Doch sollte Boyles Mangel an Respekt und politischer Korrektheit nicht darüber hinwegtäuschen, dass er die Themen, mit denen er sich beschäftigt, ganz und gar ernst nimmt.
 
 
Karsten Herrmann / titel - Magazin f. Literatur und Film / 31. Juli 2003
In »Drop City« erweist sich T.C. Boyle wieder einmal als ein schlichtweg atemberaubender Erzähler. Unwiderstehlich wird der Leser in den Strom seiner sinnlich-sämigen und mit funkelnden Metaphern aufgeladenen Prosa hineingezogen. Die Welt gewinnt an ungeahnten Dimensionen und Facetten, wenn Boyle sie in den Blick nimmt. Da ist der Morgen »ein Fisch im Kescher, glitzernd und zappelnd am pechschwarzen Rand ihres Bewusstseins« und die »Blätter raschelten als hätte jemand ein neues Dia in den Projektor geworfen, der die Welt war.« Statt mit dem bisher bei ihm gewohnten Spott und zynischen Humor nähert Boyle sich seinen Protagonisten mit viel Empathie und entwirft komplexe Charaktere. Er führt uns dabei die ungeheure Naivität und Blauäugigkeit der Hippie-Generation vor Augen und zeigt, wie ihre Utopien eben daran zu scheitern drohen. Und jedesmal wenn Boyle in seinem überschäumenden Erzählen an Naturkitsch und Aussteigerromantik vorbeizuschrammen droht, dann bricht unweigerlich eine vom Menschen gemachte Katastrophe herein und zerstört die Idylle.
 
 
Heiko Paulheim / literature.de - Das Literaturportal / Datum unbekannt
T.C. Boyle fügt mit »Drop City« dem Bild vom lustigen, unbeschwerten Hippie-Leben einige schwere Kratzer zu. Die meisten Probleme, mit denen sich die Kommunenbewohner herumschlagen müssen, sind vielmehr irdisch als kosmisch: Rangeleien um die Meinungsführerschaft, Konflikte zwischen Fleischessern und Vegetariern, Streit um Gewinner und Verlierer bei der Arbeitsteilung. Es zeigt sich, daß die freie Liebe nicht nur Vorteile mit sich bringt: Filzläuse etwa breiten sich in Lichtgeschwindigkeit in der Kommune aus, und das, wo die nächste Apotheke viele hundert Kilometer entfernt ist. Und unter dem Himmel von Alaskas sind sie sowieso alle gleich, ob Hippies oder nicht: Kälte und Raubtiere machen da keine Unterschiede. »Drop City« ist ein typischer Boyle-Roman: so packend geschrieben, dass man sich selbst in der Kommune glaubt, mit Suchtpotenzial ab der ersten Seite, mit Aussage, aber ohne Moralkeule.
 
 
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