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Drop City
Aus dem Amerikanischen von Werner Richter |
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| lik / Kölner Stadtanzeiger / 15. November 2007 |
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| T.C. Boyle baut gekonnt eine Brücke zwischen Utopie und Realität. Er vollzieht die Euphorie für ein freies und selbstgestaltetes Leben nach, wirft aber auch Fragen auf. Ist es überhaupt möglich, bedingungslos zu lieben, zu leben und leben zu lassen? Die Bewohner der fiktiven Drop City jedenfalls stoßen an ihre Grenzen. Das Latrinenproblem und der Arbeitsunwille einiger Freaks sind nur zwei der Faktoren, die schließlich die Katastrophe heraufbeschwören und Drop City zum Umzug nach Alaska zwingen. |
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| Daniel Dubbe / Rheinischer
Merkur / 08. Januar 2004 |
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| Es gibt Themen, die aufs Beste zu
einem Autor passen, seinen Kenntnissen und Erfahrungen, seinen
Stärken und seinem Stil. Das ist bei T.C. Boyles neuem Roman aus
den Tagen der Hippies »Drop City« der Fall. Bevor er Schriftsteller
wurde, war Boyle Hippie: »Zwei oder drei Jahre lang ging ich
spätnachts in dunkle Bars und drückte Leute gegen die Wand,
um ihnen zu erzählen, dass ich schreiben würde. Eines Tages
sagte ich mir: Himmel, vielleicht sollte ich es wirklich tun!«
(...) Eines der Vorbilder Boyles ist David Henry Thoreau, der
größte amerikanische Naturschriftsteller. Aber Thoreau beschrieb
eine zahme Natur. Seine Einsiedelei lag nur zwei Meilen vom
Hause seiner Mutter entfernt. Er konnte immer mal nach Hause
gehen und entspannt eine Tasse Tee mit ihr trinken. Boyle versteht
es, über Trapper in Alaska zu schreiben, als habe er sich jahrelang
unter ihnen aufgehalten. (...) »Ich schreibe gern Bücher mit
einer ungewöhnlichen und spannenden Action, die den Leser in
ihren Bann zieht«, erklärt T.C. Boyle im Interview. »Alles andere,
was große Literatur noch zu leisten vermag: zu provozieren,
zum Nachdenken über das eigene Leben anzuregen und Genuss an
der Schönheit der Sprache zu bieten, all das ist entscheidend
für eine gute Arbeit. Das Wichtigste aber ist meiner Meinung
nach die Geschichte selbst. Ich glaube, einige Schriftsteller
haben das aus den Augen verloren.« Nicht so T.C. Boyle. Sein Epos
über Blumenkinder, deren Freiheitstraum im Eis erfriert, ist
ihm überzeugend gelungen. Nur die Stärksten überleben: Diese
Botschaft T.C. Boyles wirkt äußerst amerikanisch. Gut und böse
sind für unser skeptisches europäisches Verständnis bei ihm
vielleicht etwas zu sauber unterschieden. Aber vielleicht kann
es im hohen Norden nicht anders sein, denn die unerbittliche
Natur ist kein Spielplatz. Von diesem kleinen Vorbehalt einmal
abgesehen, weiß Boyle auf ganzer Linie zu überzeugen. Unzählige
skurrile Nebenfiguren, Schauplätze, die einem lebhaft vor Augen
geführt werden: Boyle wird seinem Ruf als literarischer Entertainer
von hohem Rang gerecht. »Drop City« ist ein witziger und
subtiler Roman über den Niedergang der Hippie-Bewegung, ein
grellbunter Bilderbogen, filmreif inszeniert und mit sarkastischem
Humor erzählt. |
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| Ulrich Sonnenschein / Frankfurter
Rundschau / 26. November 2003 |
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| Die Zeiten, da T.C. Boyle ein literarischer
Popstar werden wollte, sind vorbei. Schon lange kümmert er sich
nicht mehr darum, ob er dem Publikum eine gute Show liefert
oder ob es ihm, wie er es einst prophezeite, inzwischen tatsächlich
Bierdosen an den Kopf wirft. Es geht nicht mehr um Unterhaltung
im Sinne des Rock'n'Roll, sondern um die zynisch in Gold gerahmte
Utopie, die zwar noch an der Wand hängt, aber nur noch als selbstironisches
Zitat aus einer anderen Zeit. T.C. Boyle ist hart geworden, unerbittlich
hart. Glücklicherweise aber sind es eher seine Figuren, die
das zu spüren bekommen. Der Leser kann sich retten auf die Insel
der wohltuenden Distanz. (...) »Drop City« ist der Roman
einer gescheiterten Bewegung.(...) Indem T.C. Boyle die beiden
Handlungsstränge der Trapper und Hippies nebeneinander führt,
gelingt ihm ein wirklich treffender Roman über die so genannte
Gegenkultur der sechziger Jahre. Man merkt, dass er immer mehr
zwischen seinen Figuren steht als über ihnen und kann die manchmal
zynische Sichtweise auch deshalb verstehen und schätzen, weil
sie nie denunziatorisch wird. Das Scheitern der Utopie ist kein
Ergebnis moralischer gesellschaftlicher Verantwortung, sondern
ein nahezu natürlicher Prozess. Die Drop Outs hatten
sich aus der Gesellschaft zurückgezogen, blieben aber in vielem
von ihr abhängig. Und mit dem halbherzigen Inseldasein kam notwendigerweise
der Untergang. Erst an den wahren Rändern der Gesellschaft,
dort, wo die Bedingungen über kurz oder lang ohnehin jeden Unterschied
verschwinden lassen, ist diese Form von Freiheit lebbar. Allerdings
zu einem sehr hohen Preis. »Drop City« ist natürlich auch
ein Roman eines enttäuschten Hippies. Doch nicht nur. Es fehlt
ihm dazu vor allem an Naivität, an festen Glauben an die utopische
Glückseligkeit und schließlich an Humor. Die Ernsthaftigkeit
aber, mit der Boyle diese Gegenkultur schildert, die er in-
und auswendig kennt, rettet das Niveau. Nicht Pop, sondern Kunst,
schneidend scharf, aber voll feinem Hintersinn, der sich auftut,
wenn man die oberflächliche Spannung erstmal überwunden hat.
T.C. Boyle kann beides - analysieren und unterhalten. Er kann
kraftvoll fabulieren, in Metaphern und Vergleichen schwelgen,
den Leser zum Lachen und zum Weinen bringen und dabei mühelos
zu den verborgenen Schichten vordringen. Nicht immer war der
Erkenntnismehrwert so deutlich wie bei diesem Roman. »Wer sich
an die Sechziger erinnert«, sagte Paul Kantner von Jefferson
Airplane einmal, »der war nicht wirklich dabei.« »Drop City«
ist der Gegenbeweis. |
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| Konrad Heidkamp / Die Zeit / 30.
Oktober 2003 |
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| Es gebe zwei Sorten von Geschichten,
meint T.C. Boyle, »entweder kommt ein Fremder in die Stadt, oder
jemand geht auf Reisen.« Keine Frage, welchen Typus er bevorzugt,
die mitteleuropäische Nabelschau ist ihm fremd. Seit Grün
ist die Hoffnung von 1984 ist er in Amerika unterwegs, vom
Schicksal holländischer Siedler in World’s End über den
japanischen Samurai von Savannah bis zu Riven Rock
in Kalifornien. Was ihm lange Zeit aber Anlass zu aberwitzigen
Konstrukten voller skurriler Überzeichnung und sich überschlagender
Metaphorik war, ist hier - mit América, 1995 begann es
- einem ernsteren Tonfall gewichen. Er klingt wie ein Pessimist,
der ans Gute glauben will und es ständig in Abrede stellt, um
nicht enttäuscht zu werden, wie ein Moralist, dessen schwarzer
Humor ihn davor bewahrt, als Weltverbesserer entlarvt zu werden.
Reichlich ungeschützt lässt er diesmal all diesen seltsamen
Typen ihre Würde, zeichnet sie schräg, aber nicht lächerlich.
(...) Hardcore-Fans von Tom Coraghessan Boyle mögen diesen,
seinen neunten Roman möglicherweise zu abgeklärt finden, das
sich andeutende Happy End in der Winterweihnacht gar als Verrat
an der gewohnten Apokalypse. »Drop City« ist uncool und
damit menschlich. Das eine Auge hat Boyle auf die Utopie gerichtet,
das andere auf die Realität. Er könnte dabei ins Schielen geraten
und vorbeischießen. Große amerikanische Kunst, beides zu treffen. |
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| The New York Times / ÜB: Marco Flammang / 29. September 2003 |
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| Es findet sich nicht viel weiße Magie
in T.C. Boyles außerordentlich unterhaltsamen neuen Roman »Drop
City«, zumindest nicht auf den ersten Blick. (...) Wer Boyles
Werk über die letzten beiden Jahrzehnte verfolgt hat, wird kaum
überrascht sein von der Freak-Parade, die er in »Drop City«
loslässt. Überraschend ist dagegen, wie Boyle die Beschreibung
komplexer menschlicher Beziehungen in diese nervöse, rastlose
Prosa schmuggelt. Boyle wird immer wieder vorgehalten, dass
er ein verbissener Spinner ist, der Verachtung, Sarkasmus und
bitteren Humor auf die Männer und Frauen in seinen Büchern regnen
lässt und nur selten Charaktere erschafft, für die der Leser
etwas zu empfinden in der Lage ist. In »Drop City« bietet
Boyle jedenfalls mehr als nur eine Reihe von eingerauchten Ahnungslosen,
die zur Schlachtbank geführt werden. Auf seine eigene durchtriebene
Art ist dies vielleicht sein rührendster und emotional vielschichtigster
Roman seit World’s End von 1987. (...) Boyle unterlaufen
ein paar Fehler. Einen in Alaska lebenden Ex-Marine namens Joe
Bosky zeichnet er so eindimensional, dass er ihn gleich Sergeant
Evil hätte nennen können. Das Ende des Romans wirkt überhastet,
»Drop City« ist rund 100 Seiten zu kurz. Dennoch hat Boyle
einen der witzigsten und subtilsten Romane über das langsame
Schwinden der Hippie- Ära geliefert. |
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| Andreas Platthaus / Frankfurter Allgemeine
/ 06. September 2003 |
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| (...) Norman T. Sender, Gründer
der Kommune [Drop City], verkündet seinen Gesinnungsgenossen:
»Wir werden die Natur essen, weil das ein riesiger Selbstbedienungsladen
ist.« Wie soll man sich aber einer Natur anvertrauen, die nur
noch in Termini des technischen Fortschritts beschreibbar ist?
Solche geradezu hinterhältigen Formulierungen machen die besondere
Stärke des neuen Romans von T. Coraghessan Boyle aus, der lediglich
ein halbes Jahr nach seiner amerikanischen Publikation bereits
auf deutsch vorliegt. Eine weitere Stärke dieses Buches besteht
darin, dass die dazu erforderliche Eile Boyles langjährigen
Übersetzer Werner Richter nicht verleitet hat, weniger Sorgfalt
walten zu lassen. Der Text stellt hohe Anforderungen an die
Übertragung, denn er lebt nicht unerheblich vom Jargon des Jahrs
1970, in dem die Handlung angesiedelt ist, von den Parolen Timothy
Learys vor allem, dessen turn on, tune in, drop out zum
Leitmotiv einer ganzen Generation wurde, die vom Engagement
ihres Landes im Vietnam-Krieg und dessen bedingungslosem Bewegungs-
und Konsumrausch so enttäuscht wurde, dass sie ihre Zuflucht
zu Drogen, Rockmusik und freier Liebe nahm. Diese Rauschmittel
versprachen Alternativen, die das bürgerliche Leben, die »Plastikwelt«,
nicht mehr bereitzuhalten schien. Die entsprechenden Passagen
hat Richter mit großer Einfühlsamkeit ins Deutsche gebracht;
auf die Originalslogans hat er bemerkenswerterweise verzichtet,
obwohl fast jeder sie kennen dürfte. (...) Boyles erzählerische
Meisterschaft besteht darin, keinen Schwerpunkt auf einzelne
Blickwinkel zu legen. Wie ein geschickter Puppenspieler vermag
er es, alle seine Figuren zugleich zu bewegen. (...) Boyle konstruiert
den ganzen Roman auf der Grundlage von Gegenentwürfen: Hedonismus
versus Philanthropie, Aussteiger gegen Insider, Naturfreunde
gegen Naturburschen (ein entscheidender Unterschied). Seit seinem
großen Roman América von 1995 hat er nicht mehr so radikal
Lebensentwürfe miteinander konfrontiert. (...) In den Ensembleszenen
aus »Drop City«, die Boyle so virtuos choreographiert,
dass wir jeden einzelnen der Gruppe einmal als Solisten vortreten
sehen und einzuschätzen vermögen, entfaltet sich auch wieder
der unbändige Humor des Autors. Und seine Begabung für Naturschilderungen,
die er schon vor sechzehn Jahren im Roman World's End
an Alaska geschult hatte, erreicht im neuen Buch ein Niveau,
das seinesgleichen sucht. Ein Schriftsteller, der uns wie Boyle
alle acht Jahre ein solches Buch schenkt, muss zu den Großen
gezählt werden. |
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| Lutz Wendler / Hamburger Abendblatt
/ 30. August 2003 |
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| T.C. Boyle führt nach bewährtem Muster
zwei unterschiedliche Handlungsstränge - diesmal das Leben von
Hippies und Trappern - zur Katastrophe zusammen. Doch was in
Romanen wie Wassermusik (1982), América (1995)
und Ein Freund der Erde (2000) funktionierte, wirkt in
»Drop City« zu konstruiert. Boyle braucht das Schema, um,
wie er sagt, in Ekstase schreiben zu können. Seine zügellose
Fantasie tobt sich in einer Folge überraschender sprachlicher
Bilder aus (kongenial von Werner Richter übersetzt). Das ist
im Detail begeisternd, gerade wenn er mit bitterem Humor vom
selbstzerstörerischen Wesen der Menschen erzählt. Was bleibt,
ist die Erkenntnis, dass kein Weg zurückführt ins Paradies.
Boyles Humor macht diesen sauren Apfel vom Baum der Erkenntnis
genießbar. |
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| Martin Halter / Saarbrücker
Zeitung / 28. August 2003 |
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| T.C. Boyle hat auch einmal an Love
and Peace geglaubt, Grateful Dead und Jefferson Airplane gehört
und Drogen genascht. Er hält den Idealen der alternativen Gegenkultur
- schon im Erzählstil - bis heute die Treue, aber er hat ihre
Widersprüche und Neurosen nie unterschlagen oder verklärt. Boyle
ist ein »Freund der Erde«, ein grüner Alt-68er, aber er
weiß, dass nicht nur Staat und Establishment, sondern auch Mutter
Natur ungemütlich werden kann. Das Paradies ist voller Stechmücken
und Disteln, und der Rückweg dorthin ist versperrt. Das müssen
auch die Hippies von »Drop City« erfahren. (...) Boyle
erzählt gern in parallel laufenden Erzählsträngen, die unterschiedliche
Lebensformen miteinander konfrontieren (manchmal ein wenig zu
plakativ) und am Ende behutsam zusammenführen. (...) Er nennt
»Drop City« seinen »ersten unkomischen Roman«, aber er
schreibt so süffig, ironisch und irrwitzig wie immer - und überdies
so sachkundig, dass man nach seiner Anleitung Blockhütten bauen
und Gemüsebeete anlegen könnte. Franz-Josef Strauß wollte seine
linken Gegner einst zum Ananaszüchten nach Alaska schicken.
Boyles Hippies sind am Unmöglichen heiter und ehrenvoll gescheitert. |
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| Andreas Hartmann / taz - die tageszeitung
/ 22. August 2003 |
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| Freaks, Aussteiger und seltsame Typen
sind schon immer die liebsten Figuren von T.C. Boyle gewesen.
Richtig viel Vergnügen macht es Boyle, diese in seinen Romanen
und Kurzgeschichten scheitern zu lassen - im Stich aber lässt
er sie nie. In seinem neuen Roman »Drop City« gibt es gleich
eine ganze Busladung an fusseligen Hippies, die das komplette
Kommunenprogramm durchziehen - samt LSD im Orangensaft, Dauerfrust
über die ewige Reispampe zum Abendessen, Kommunenkoller und
Ähnlichem mehr. Nur scheint Boyle dieses Mal nicht einfach nur
Spaß an seinen Figuren haben und sie irgendwann abstürzen lassen
zu wollen, er will mehr: »Drop City« ist nicht einfach
nur die Schilderung eines längst ausgefochtenen Kampfes für
das etwas andere Leben, sondern die eines Kampfes ums Überleben.
So liest sich der Roman zuerst wie das Porträt einer Generation,
mutiert dann aber zu einem waschechten Abenteuerroman über das
Leben in der Wildnis, geschrieben im Geiste Jack Londons und
mit zahlreichen Referenzen an H. D. Thoreaus Aussteiger- und
Zurück-zur-Natur-Manifest »Walden«. (...) T.C. Boyle lässt
den Exodus seiner Kommune ganz bewusst im Jahr 1970 stattfinden
- ein Jahr nachdem mit den Morden der Manson-Family die Flower-Power-Ära
der Hippies zu Ende gegangen war. Der Hippietraum ist ausgeträumt,
vor dem endgültigen Aufwachen sträuben sich die letzten der
Blumenkinder dennoch. |
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| Michael Freund / Der Standard / 17.
August 2003 |
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| In seinem neuen Buch »Drop City« hat der amerikanische Autor ein neues Betätigungsfeld für sein
Lieblingsthema gefunden: wie Menschen unter widrigsten Umständen
überleben, wie die Umwelt sie fast fertig macht - und umgekehrt.
Das war schon in Ein Freund der Erde und in Grün ist
die Hoffnung sein Anliegen - der eine Roman ein Zukunftshorrorszenario,
der andere eine Marihuanaposse und beide ebenfalls in Kalifornien
angesiedelt. Boyle, ein Meister der Bilder und Metaphern, weidet
die sprachlichen Möglichkeiten, die die Hippiedämmerung an der
Westküste bietet, genüsslich aus. Er lässt seine Figuren in
sexuellen und Rassenspannungen, Vegetarianismus, geodätischen
Domen, LSD-Trips, VW- und Schulbussen herumirren. (Assoziationen
zu Tom Wolfes Reportage Electric Kool-Aid Acid Test,
zu Ken Kesey und seinen Merry Pranksters sind unvermeidlich
und werden aktiv nahe gelegt: Da heißt eine Kommune, dort ein
Bus »Further«, Day-Glo-Orange strahlt in beiden Büchern usw.)
Auch in den Alaska-Kapiteln machen Boyles Figuren unbeirrt weiter,
wenn auch unter anderem Vorzeichen: Chaplin kommt in den Sinn
(und im Buch vor), der in der Not seinen Schuh verspeist.(...)
Boyle ist ruhiger geworden, vielleicht auch bescheidener. Statt
aufwändiger Erzählmontagen bietet er eine relativ geradlinige
Geschichte. Und er verzichtet auf eine längere - und tiefere
- Entwicklung der Charaktere zugunsten von Tableaus. Die allerdings
schillern wie eh und je. Und auch das versöhnliche Ende will
man dem Autor nicht abnehmen, als ob er uns schon zu lange mit
seiner Skepsis gewarnt hätte: Die Ruhe trügt, es gibt keinen
Frieden, auch und schon gar nicht jenseits des Polarkreises,
der nächste Winter kommt bestimmt, die Probleme in Drop City
North sind keineswegs gelöst. Auf zum nächsten Buch. |
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| Erich Demmer / Die Presse / 16. August
2003 |
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| T.C. Boyle hat in seinen früheren Werken
lebenspralle Geschichten erzählt, bei denen er Personen und
Entwicklungen ins Groteske übersteigerte und so der wohlverdienten
Lächerlichkeit preisgab. In »Drop City« scheint er aber
eine satirische Beißhemmung zu haben - vielleicht auch, weil
er zu beiden zivilisationskritischen Gruppen eine gewisse Basissympathie
empfindet. Von der Lebensgeschichte der einzelnen Figuren erfährt
man trotz des beträchtlichen Buchumfanges recht wenig, und obwohl
sie hart am Rande des Klischees gezeichnet sind, wirken sie
doch so blass, als hätten sie gerade eine Nacht mit Graf Dracula
verbracht. Die Konfliktlinien sind zu verwaschen, denn die beiden
Gruppen sind in ihrer Ablehnung des American Way of Life,
in ihrer gegenkulturellen Staats- und Konsumverachtung zu ähnlich.
Von der Ferne grüßt Altvater Thoreau Hippies wie Trapper. Und
wo die einen sich mit Drogen im Labyrinth der freien Liebe verirren,
saufen die anderen mit Alkohol ihren Sexhunger nieder. Selbstverständlich
gibt es auch in »Drop City« manches zu lachen, auch wenn
sich hin und wieder fußkranke Metaphern und Formulierungen in
den Text verirren wie »während sich der Vormittag zum Nachmittag
berichtigte« oder wenn eine Frauenhaut »glänzte wie gebutterter
Toast« - da muss wohl auch der sonst stilsichere Übersetzer
Werner Richter etwas passen. Und manchmal ist die Humorschwelle
nicht gerade unerreichbar hoch angesetzt, etwa wenn eine kämpferische
Vegetarierin eine Tirade auf das Recht jedes Tieres auf Leben
hält und dabei achtlos eine Gelse erschlägt. Der Erzähler Boyle
hat sich zu tief in das beschränkte Denken seines Personals
begeben - fast kein Wort fällt über das politische Umfeld: das
konservative Rollback der Nixon-Regierung, der Krieg in Vietnam,
die auflodernden Rassenkonflikte, die von vielen als ungerecht
empfundene Güterverteilung. So erscheinen die Hippies als seltsame
Spinner - wie die Hinterwäldler in Alaska. (...) Hoffentlich
ist dieses Buch eine kurze satirische Konditionsschwäche des
Autors und nicht ein Symbol für den Zustand der amerikanischen
Literatur in den schwer patriotismusbesoffenen Zeiten von Dschordsch
Dabbeljuh. |
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| Ulf Lippitz / Der Spiegel / 14. August
2003 |
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| Alles ist hip, groovy und locker.
Hier ein Peace-Sign, dort ein Joint - für die Bewohner der kalifornischen
Hippie-Kommune Drop City steht das Jahr 1970 ganz im Zeichen
von freier Liebe und Dauerbenebelung. Probleme lösen sich in
zunehmendem Haschrauch auf - wenigstens in der Wahrnehmung:
Aber wehe, wenn man runter kommt: Dann streckt einen der Alltag
im harmlosen Fall mit Abwasch und Toilettenhygiene, im schlimmsten
Fall mit Vergewaltigung und Lebensmittelvergiftung nieder. Tom
Coraghessan Boyle - besser bekannt als T.C. Boyle - kann ein Buch
darüber schreiben. Erstens weil er selbst lange Zeit als Hippie
gelebt hat. Zweitens weil er zu den profiliertesten Schriftstellern
der USA zählt. (...) In dem ausufernden, aber herrlich lebendigem
Buch, wimmelt es von Figuren, die genauso sympathisch wie zwiespältig
wirken: Star, das verträumte Blumenmädchen mit Hang zu LSD und
zum Ziegenmelken; Ronnie, der jugendliche Draufgänger, der am
Hippie-Dasein das unbeschwerte Vögeln und Kiffen schätzt - und
Marco, der patente Naturbursche, der im Buddeln der neuen Kanalisation
größte Erfüllung findet. Star war früher mit Ronnie zusammen.
Jetzt schläft sie mit Marco im Baumhaus. Ronnie findet das »hip«
- was ihn nicht davon abhält, das monogame Pärchen misstrauisch
zu beäugen. |
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| Jens-Uwe Sommerschuh / Sächsische
Zeitung / 11. August 2003 |
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| Nach einem Jahrzehnt, in dem Boyle
zuletzt mit América, Riven Rock und weiteren Dreipfündern
gehobene Unterhaltung fast am Fließband produziert, aber die
Wucht und Tiefe seiner Frühwerke nicht mehr erreicht hatte,
vollendete er voriges Jahr »Drop City«, ein großartiges
Aussteiger-Epos, das nun auf Deutsch vorliegt (Übersetzung:
Werner Richter). Boyle, der zur Zeit dieser Handlung 22 Jahre
alt war, hat nun, mit 55, seinen Hang zum Karikieren im Zaum
gehalten und äußerst präzise Porträts der widersprüchlichen
Hauptakteure gezeichnet. Wir erleben die Ereignisse abwechselnd
aus der Sicht von Star, Ronnie, Marco, Sess oder Pamela, der
Autor stellt uns frei, mit ihnen mitzufühlen oder auf Distanz
zu gehen. Getreu seinem Credo, dass interessante Charaktere
immer exzentrisch sind, gibt Boyle dem Gut-und-Böse-Schema keine
Chance, zeigt aber auch, wie schlicht und bieder im Detail auch
die schrägsten Typen gestrickt sind. Und er macht unmissverständlich
klar, dass Menschen zwar die Städte verlassen können, die Stätten
hektischen Konsums, nicht aber die Gesellschaft an sich. Ein
aufregendes Plädoyer für die Würde eines jeden Einzelnen und
gegen egozentrische Gier. |
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| Barbara Munker / Magdeburger Volksstimme
/ 11. August 2003 |
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| Der 1948 geborene Schriftsteller
beschreibt das Hippie-Nirvana, die skurrilen Typen und den Rausch
von freier Liebe und Drogen so treffend, als wäre er selbst
mit 22 Jahren dabei gewesen. (...) Boyle verspricht seinen Lesern
»Sex, Drugs and Rock'n' Roll« und liefert weitaus
mehr. Nach seinem futuristischen Umweltroman Ein Freund der
Erde schaut der Autor jetzt in die Vergangenheit um die
»Zurück zur Natur«-Bewegung und die Absage an die
Konsumgesellschaft zu ergründen. (...) Vieles mag der Leser
vorhersehen, aber Boyle sorgt immer wieder für Überraschungen.
Der Buchkritiker der New York Times begeistert sich, dass der
Autor »sehr viel mehr gibt als eine Reihe bekiffter Naiver,
die ihrem Untergang entgegengeführt werden.« Boyle nennt
»Drop City« seinen ersten »unkomischen« Roman.
Dabei muss man an vielen Stellen schmunzeln, aber ebenso häufig
bleibt einem das Lachen auch im Halse stecken. |
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| Ulrike Sárkány / NDR Kultur / 10.
August 2003 |
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| Wenn Tom Coraghessan Boyle in seinem
neunten Roman von den Fallstricken der amerikanischen Aussteiger-Bewegung
zu Präsident Nixons Zeiten erzählt, dann ist das zum Teil sicher
eigene Jugenderfahrung, aber die Geschichte hat auch Parabelcharakter
mit Anklängen an Orwells »Farm der Tiere« oder Goldings
»Herr der Fliegen«. Erzählt wird sie allerdings wie eine
Soap Opera. (...) Indem er Ereignisse schildert und Verhaltensweisen
und Reaktionen der verschiedenen Akteure abbildet, löst er Beurteilungen
im Kopf des Lesers aus, ohne selbst explizite moralische Wertungen
vorzunehmen. Er lässt die auch heute noch bestechenden Flower-Power-Düfte
aus den frühen Siebzigerjahren ebenso herüberwehen wie den schalen
Nachgeschmack, den das Scheitern jener Utopie hinterlassen hat.
(...) T.C. Boyles Roman »Drop City« bietet 500 Seiten Spannung,
die durch das Zusammenspiel differenziert dargestellter Charaktere
erzeugt wird, deren Suche nach dem irdischen Glück keineswegs
immer nur auf Love and Peace gegründet ist. |
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| Jörg Magenau / Deutschlandradio /
08. August 2003 |
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| T.C. Boyle ist sicher nicht das, was
man einen Optimisten nennt. Den Glauben daran, dass die Erde
noch zu retten wäre, hat er längst abgeschrieben. Und doch schreibt
er weiter, ausgestattet mit der nötigen Dosis Sarkasmus. Gleichermaßen
finster und witzig sind seine Bücher. Nach dem in der Zukunft
angesiedelten Umweltroman Ein Freund der Erde begibt
er sich nun in »Drop City« zurück ins Jahr 1970, doch einmal
mehr geht es um das problematische Verhältnis der Menschen zur
Natur. Da ist auf der einen Seite eine Hippie-Kommune in Kalifornien,
die den Traum von freier Liebe, Drogen und Rock'n'Roll zu verwirklichen
sucht: praktizierte Kapitalismuskritik, die aber doch nur Müll
und Dreck und Unfrieden produziert. Auf der anderen Seite steht
ein frisch vermähltes Paar im abgeschiedenen Alaska, das sich
in die harte Blockhauswildnis zurückgezogen hat und dort von
der Jagd und vom Fischfang lebt. Die beiden unterschiedlichen
Lebensweisen geraten in unmittelbare Nachbarschaft, als die
Hippies beschließen, nach Alaska umzuziehen. Dort aber, im der
Finsternis des arktischen Winters, geht es bald ums bloße Überleben.
Das Kalifornische Motto der Kommune, LADJEAH (Land, Auf das
Jeder ein Anrecht Hat) wandelt sich in das sozialdarwinistische
PAOZL (Pack An Oder Zieh Leine). Freiheit ist eben doch ein
bisschen mehr als freie Liebe und endlose Partys. Und der naive
Schlachtruf »Zurück zur Natur« zerschellt in der amerikanischen
Wildnis. |
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| Martin Hostert / Lippische Landes-Zeitung
/ 08. August 2003 |
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| Boyle erzählt wundervoll, entwickelt
bis ins Detail differenzierte Charaktere. Er erweist sich erneut
als Meister der Metaphern, wertet jedoch nicht, sondern stellt
dar. So muss es gewesen sein. |
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| Silke Arning / SWR1 / 08. August 2003 |
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| T.C. Boyle, der sonst oft sehr zynisch
daher kommt, gibt sich betont realistisch. Seine Haltung: Es
war halt gut gemeint, aber es hat nicht funktioniert. Er mag
seine Figuren, auch wenn sie scheitern. (...) »Drop City« - todernst ist dieses Buch und trotzdem wunderbar schräg. Eben
einfach »hip«. |
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| Angela Wittmann / Brigitte Nr. 17
/ 06. August 2003 |
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| (...) Es sei sein erster unkomischer
Roman, hat T.C. Boyle gesagt. Aberwitzig ist seine Geschichte
vom Niedergang der Hippie-Bewegung trotzdem. Dafür sorgen schon
die vielen Fanatiker, die den Alt-Hippie-Boyle schon immer zu
»mobydickoiden« Höchstleistungen angespornt haben: »Fanatiker
sind blind für alles, was außerhalb ihres Horizonts liegt. Das
bringt sie sofort in absurde Situationen, etwa auf die Jagd
nach einem weißen Wal quer über alle sieben Weltmeere.« Oder
zurück zur Natur, der sie absolut nicht gewachsen sind. |
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| Hansjörg Schertenleib / Weltwoche,
Ausgabe 33/03 / August 2003 |
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| Bereits in seinem Roman The Tortilla
Curtain (deutsch América) ließ Boyle
zwei Welten aufeinander prallen, die unterschiedlicher kaum
sein könnten. Führte er damals die Geschichten des mexikanischen
Immigranten Candido und des gut situierten liberalen Weißen
Delaney parallel nebeneinanderher, um sie nur an dramatischen
Höhepunkten zu verschränken, verknüpft er die zwei Stränge in
»Drop City« konsequent zu einer Geschichte. Aber kann man
das bizarre Drogenuniversum eines Richard Brautigan mit der
Trapperrealität eines Jack London zusammenführen? Man kann -
wenn man es kann, so wie T.C. Boyle. Er erzählt ausschweifend
und in weiten narrativen Bögen. Was Dramaturgie und Bauart eines
umfangreichen Textes mit vielen Figuren betrifft, ist er ein
Meister. Leider aber hat er seinen Hang zu überspitzten und
oft genug an den Haaren herbeigezogenen Vergleichen nicht verloren.
Boyle liebt das Fortissimo des Ausdrucks, ohne zu berücksichtigen,
dass Sprache auch Nonexistentes konstituieren kann. Zwischen
den Zeilen spielt sich in seiner Prosa gar nichts ab, und er
dreht nahezu jeden Satz seines 525 Seiten starken Romans durch
den Metaphern-Fleischwolf. Es ist, als deute Boyles Sprache
fortwährend mit stolzgeschwellter Brust auf sich selbst: Schaut
her, wie toll ich bin! Sein Erzählmotor läuft permanent auf
Hochtouren und macht einen gehörigen Krach. Wer aber will jemandem
zuhören, der immer einen Tick zu laut redet und wie ein quengelndes
Kind fortwährend nach Aufmerksamkeit verlangt? Nein, Präzision
oder Klarheit sind T.C. Boyles Stärken nicht. Er schreibt sozusagen
mit dem Doppelhänder. Er ist weder am Aquarell noch an der Bleistiftzeichnung
interessiert, er ist zuständig für den schwarzweissen Holzschnitt.
Und so sind seine Figuren denn eher Karikaturen als Menschen,
für deren Schicksal man sich wirklich erwärmt. Trotzdem habe
ich »Drop City« gerne gelesen. Warum? Weil Boyle keinen
jener in der gegenwärtigen Literatur üblichen Großstädter
ins Zentrum rückt, deren Leben längst in zahllosen Romanen beschrieben
worden ist. Und weil Boyle eine Geschichte erzählt, die mich
interessiert. Dass diese Geschichte mehr mit meiner eigenen
Vergangenheit zu tun hat, als mir eigentlich lieb sein kann,
wurde mir spätestens dann bewusst, als ich anfing, meine Plattensammlung
nach Country Joe & the Fish, Buffalo Springfield und Hot Tuna
zu durchsuchen, um für die richtige Musik bei der Lektüre zu
sorgen. Was aber fängt jemand mit »Drop City« an, dem die
Hippiebewegung nichts bedeutet? Meine Frau zum Beispiel, die
sich für Hippies etwa so sehr interessiert wie ich für die Pfingstbewegung,
hat den Roman nach sechzig Seiten weggelegt. Dass T.C. Boyle die
Gegenkultur kennt, bewies er bereits mit seinem Roman Budding
Prospects (deutsch: Grün ist die Hoffnung). Zeigte
er damals die witzige Seite einer Bewegung, die allen Ernstes
an Friede und Einigkeit glaubte, führt er uns in »Drop City« nun die finstere Seite des Hippietraumes vor. Die Botschaft,
die er uns mit auf den Weg gibt, ist so rührend wie konservativ:
Der Gegenentwurf der Hippies taugt nicht, besinnt euch lieber
auf sichere Werte wie die Kleinfamilie oder das Leben in trauter
Zweisamkeit. Und so wird aus dem Punk Boyle, sieh an, sieh an,
unversehens ein Oberlehrer. |
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| Verfasser unbekannt / Schweizer Illustrierte
/ August 2003 |
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| Diese apokalyptische Vision vom Traum
eines besseren Lebens hat etwas Tröstliches. Bei T.C. Boyle, der
nie die göttliche, sondern immer die menschliche Komödie schreiben
wollte, ist sie zudem überaus unterhaltsam zu lesen. Ihm ist
nichts heilig, und gerade das schätzt seine große Lesergemeinde.
Doch sollte Boyles Mangel an Respekt und politischer Korrektheit
nicht darüber hinwegtäuschen, dass er die Themen, mit denen
er sich beschäftigt, ganz und gar ernst nimmt. |
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| Karsten Herrmann / titel - Magazin
f. Literatur und Film / 31. Juli 2003 |
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| In »Drop City« erweist sich
T.C. Boyle wieder einmal als ein schlichtweg atemberaubender Erzähler.
Unwiderstehlich wird der Leser in den Strom seiner sinnlich-sämigen
und mit funkelnden Metaphern aufgeladenen Prosa hineingezogen.
Die Welt gewinnt an ungeahnten Dimensionen und Facetten, wenn
Boyle sie in den Blick nimmt. Da ist der Morgen »ein Fisch im
Kescher, glitzernd und zappelnd am pechschwarzen Rand ihres
Bewusstseins« und die »Blätter raschelten als hätte jemand ein
neues Dia in den Projektor geworfen, der die Welt war.« Statt
mit dem bisher bei ihm gewohnten Spott und zynischen Humor nähert
Boyle sich seinen Protagonisten mit viel Empathie und entwirft
komplexe Charaktere. Er führt uns dabei die ungeheure Naivität
und Blauäugigkeit der Hippie-Generation vor Augen und zeigt,
wie ihre Utopien eben daran zu scheitern drohen. Und jedesmal
wenn Boyle in seinem überschäumenden Erzählen an Naturkitsch
und Aussteigerromantik vorbeizuschrammen droht, dann bricht
unweigerlich eine vom Menschen gemachte Katastrophe herein und
zerstört die Idylle. |
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| Heiko Paulheim / literature.de - Das
Literaturportal / Datum unbekannt |
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| T.C. Boyle fügt mit »Drop City« dem Bild vom lustigen, unbeschwerten Hippie-Leben einige schwere
Kratzer zu. Die meisten Probleme, mit denen sich die Kommunenbewohner
herumschlagen müssen, sind vielmehr irdisch als kosmisch: Rangeleien
um die Meinungsführerschaft, Konflikte zwischen Fleischessern
und Vegetariern, Streit um Gewinner und Verlierer bei der Arbeitsteilung.
Es zeigt sich, daß die freie Liebe nicht nur Vorteile mit sich
bringt: Filzläuse etwa breiten sich in Lichtgeschwindigkeit
in der Kommune aus, und das, wo die nächste Apotheke viele hundert
Kilometer entfernt ist. Und unter dem Himmel von Alaskas sind
sie sowieso alle gleich, ob Hippies oder nicht: Kälte und Raubtiere
machen da keine Unterschiede. »Drop City« ist ein typischer
Boyle-Roman: so packend geschrieben, dass man sich selbst in
der Kommune glaubt, mit Suchtpotenzial ab der ersten Seite,
mit Aussage, aber ohne Moralkeule. |
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