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Dr. Sex
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren |
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| Leserkritik |
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| Oliver aus Köln - 06/2005 |
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| »Dr.Sex«! Viele mögen sich über
den deutschen Titel von The Inner Circle empört haben.
Wichtiger ist die Frage: In welchem Maße ist es dem Amerikaner
T.C. Boyle mit seinem neuesten Roman gelungen, die Gemüter seiner
Leser zu bewegen? Kann so ein Stoff wie der Sex-Report Alfred
Kinseys überhaupt noch Grundlage für den Roman eines Autoren
sein, der als gefeierter POP-Star der Literaturszene gilt? Die
Antwort muss lauten: Ja! Nicht nur im prüden Amerika der 50er
Jahre, sondern auch zu Beginn des dritten Jahrtausend, einer
Zeit, in der die Welt nach rechts rückt, bleibt das Leben und
Werk Professor Kinseys für viele ein Stein des Anstoßes. In
Amerika geschieht dies - aus bekannten Günden - sicher mit größerer
Heftigkeit als in Europa. Aber kann sich ein Land wie Deutschland
beispielsweise wirklich aufgeklärt nennen und sich damit rühmen,
eine freie Gesellschaft zu sein, wenn auch hierzulande »schwul«
für viele immer noch ein Schimpfwort ist? Wo Menschen lieber
noch unter Neurosen leiden oder einen Herzinfarkt einer frei
ausgelebten Sexualität vorziehen, kann und sollte ein Stoff
wie »Dr.Sex« sicher noch einiges bewirken. Die Reaktionen
auf Boyles Roman beweisen das. Boyles Erzählung über das Leben
Dr. Kinseys ist so vielschichtig und spannend wie alle seine
Romane. Der Ich-Erzähler John Milk, ein junger Student Kinseys,
findet in dem Professor einen inspirierten Wissenschaftler der
Sexualforschung, eine Vaterfigur und einen unkonventionellen
Menschen, der ihm das Tor zu einer freien Sexualität nicht nur
theoretisch öffnet. Milk wächst mit Kinsey als Wissenschaftler,
Liebhaber und als Ehemann. Er muss lernen, dass ein großer Mann
wie Kinsey einer kompromisslosen Gesellschaft ebenso kompromisslos
entgegentritt, auch in bezug auf seinen engsten Familien- und
Freundeskreis. Milk wird ein Teil der verschworenen Gemeinschaft
um Kinsey, der wie ein Guru, wie Jesus, seine Jünger um sich
schart. Die Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinde werden
selber zu Pionieren und betreten Neuland, wo die »Eingeborenen«
und sie selbst zu Forschungsobjekten werden, und wo sie feststellen
müssen, dass Pioniergeist eine hohe Schmerztoleranz erfordert.
Wissenschaft zeigt sich in Boyles Roman einmal mehr als eine
Form der Auseinandersetzung mit dem Leben und der Gesellschaft,
die verführt und zur Religion werden kann. Dabei steht die Identitätssuche
des Menschen immer im Vordergrund. Sei es nun Galilei, Einstein
oder Kant. Der Mensch, das bewusste Tier, bleibt auf der Suche
nach sich selbst. Der Umweltaktivist Boyle fühlt sich wohl in
seiner Rolle als amerika-krtitischer Autor. Zum Schreiben zieht
er sich gerne in die Einsamkeit der kalifornischen Natur zurück.
Boyle weiß, was es heißt, gegen den Strom zu schwimmen, und
deshalb ist er auch in der Lage, einen Mann wie Kinsey zu erfassen.
Auch Boyle lehrt an einer Universität. Wie Kinsey ist er ein
unabhängiger Geist und hat auf seinem Weg die Krallen der Gesellschaft
zu spüren bekommen. Dass »Dr.Sex« so viel Anklang in der
Öffentlichkeit findet, liegt aber einfach auch daran, dass Boyle
ein großer Künstler ist. Er ist ein Meister seines Faches,
der in »Dr.Sex« alle Facetten seines Könnens ausspielt. |
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| Tiny aus Hamburg - 03/2005 - zur
Originalausgabe |
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| In seinem neuesten Roman widmet sich
Boyle den letzten siebzehn Lebensjahren von Dr. Kinsey. Der
gänzlich unbekannte, in Harvard ausgebildete Zoologe, verlagerte
seine bis dahin harmlosen Studien Ende der dreissiger Jahre
des vergangenen Jahrhunderts von Gallwespen auf eine andere,
höhere Spezies, den Homo Sapiens, genauer gesagt, auf dessen
Sexualität. Nie zuvor hatte ein Wissenschaftler dieses fruchtbare
Feld vor ihm beackert. Seit der britische Mediziner und Naturforscher
Charles Darwin seine Evolutionstherorie veröffentlichte und
damit die althergebrachte Anschauung vom Menschen als Geschöpf
Gottes mit einer wissenschaftlichen Erklärung von der Entstehung
der Arten durch Selektion und Anpassung ersetzte, waren erst
rund achtzig Jahre vergangen. Darwin wurde deswegen anfangs
nicht nur in der mehr oder weniger gebildeten Öffentlichkeit
verspottet. Auch in den wissenschaftlichen Kreisen waren nicht
wenige Berufsdenker erbost, dass er es wagte die jüdisch-christliche
Schöpfungsmythologie in Frage zu stellen. Ein paar hundert Jahre
früher und Darwin wäre wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen
gelandet. Glücklicherweise jedoch begann man sich in Europa
schon im 16. Jahrhundert wieder den Anschauungen der Antike
zu öffnen und damit traten die religiösen Vorstellungen der
katholischen Kirche mehr und mehr in den Hintergrund. Auch wenn
wir die Epoche der Aufklärung im 16. Jahrhundert beginnen und
im 18. Jahrhundert enden lassen, heisst das noch lange nicht,
dass die Welt fortan vom religiösen Muff gänzlich befreit war.
Gerade in der Gegenwart können wir das Wiedererstarken religiös
geprägter Ideen und Anschauungen, besonders in den USA, allerorts
beobachten. Dort werden heutzutage in manchen Gegenden tatsächlich
Biologiebücher, die die Evolutionstherorie darstellen, aus den
Schulen und dem Unterricht verbannt und mit Lehrbüchern ersetzt,
die den Kreationismus favorisieren. In dieser Zeit des Wiederauflebens
der religiös motivierten Prüderie, wo jungen Menschen zur Empfängnisverhütung
und Vorbeugung gegen Geschlechtskrankheiten Abstinenz gepredigt
wird, schreibt T.C. Boyle eine Romanbiographie über den größten
Sexualforscher aller Zeiten: Dr. Alfred Kinsey. Der Roman beginnt
im Jahr 1939 an einer kleinen und unbedeutenden Universität
im Provinzstädtchen Bloomington, Indiana. Dort hält Professor
Kinsey, von seinen zukünftigen Mitarbeitern nur Prok genannt,
erstmals »Ehekurse« für die Studenten ab, während er sich hauptsächlich
der Katalogisierung und Bestimmung von Gallwespen widmet. Sachlich
werden die jungen Menschen dort über Sexualität und Verhütung
aufgeklärt und die Kurse erfreuen sich zunehmender Beliebtheit.
Natürlich gibt es ersten Widerstand gegen seine Offenheit, denn
Prok kennt keine Tabus, aber es gelingt dem intelligenten Kinsey
zunächst davon unbeeindruckt mit seiner Aufklärung fortzufahren.
Schließlich gewinnt das Thema Sexualität für Prok immer mehr
an Stellenwert und er verlagert seine Forschungen. Sein erster
Mitarbeiter wird John Milk, eine von Boyle frei erfundene Figur,
aus dessen Sicht das Leben Kinseys in diesem Roman geschildert
wird. Boyle beteuert sehr genau recherchiert zu haben und Kinsey
nichts anzudichten oder Informationen über ihn zu unterdrücken.
Lediglich der Protagonist ist eine Erfindung, eine gelungene,
wie ich meine. Typisch boylesk geht John Milk durch verschiedene
Stadien, von der Verklemmtheit zur Promiskuität und wieder zurück,
und es ist dem Autor gelungen seinen Protagonisten mit Leben
und Gefühlen auszustatten. Der Roman endet im Jahr 1956 mit
dem Tod von Dr. Kinsey. Bis dahin hat der unermüdliche Forscher
einen inneren Zirkel von verschworenen Mitarbeitern aufgebaut
(der englische Titel des Romans lautet The Inner Circle)
und mit ihnen zusammen zwei sehr gut verkaufte wissenschaftliche
Bücher veröffentlicht. Einen über die Sexualität des Mannes,
der andere über die der Frau. Grundlage dafür bildeten tausende
von Interviews die das Team um Prok mit allen möglichen Leuten
durchführte. Prostituierte, Lehrer, Gefängnisinsassen, Studenten,
Hausfrauen, Menschen aus allen Bevölkerungsschichten gaben,
unter Zusicherung absoluter Anonymität und im Dienste der Wissenschaft,
ihr Sexualleben, ihre Gewohnheiten und Erfahrungen preis. Neben
diesen statistischen Erhebungen jedoch war Prok nicht nur nüchterner
Forscher am fremden Objekt, sondern auch selbst sexuell höchst
aktiv. Im inneren Zirkel schuf Kinsey den Raum für unterschiedlichste
Begegnungen und Eifersucht oder Besitzdenken schienen ihm irrational
und unwissenschaftlich. Kinsey erscheint als ein Vorreiter der
sexuellen Befreiung, die nach seinem Tod in den 60er und 70er
Jahren allgemein um sich griff. Mit seiner unermüdlichen Kraft
und seinem unbeugsamen Willen, dem nichts und niemand wirklich
widerstehen konnte, hebelte er die geheime Gruft auf, in der
die Sexualität bis dahin eingesperrt war. T.C. Boyles Roman
»Dr.Sex« setzt diesem Menschen ein würdiges Denkmal. Die Kritiker
von Kinsey hingegen lässt Boyle fast völlig unerwähnt und gibt
ihnen den Platz in der Geschichte der ihnen zusteht: die Namenlosigkeit
und das Vergessen. |
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| Beate aus Raum Hannover - 12/2004
- zur Originalausgabe |
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Sally flüsterte hinter vorgehaltener
Hand: »Sie nennen ihn ›Dr. Sex‹, wusstet ihr das?« »Wer sagt
das?« Ich [John Milk] fühlte mich, als ob ich über dem Tisch
schweben würde, alle Halteleinen gekappt und der Boden unter
mir entfernte sich geschwind. (...) Sally hob ihre Augenbrauen
bis sie an die Krempe ihres Hutes stießen. »Die Leute. Auf dem
Campus.« »Und nicht zu vergessen auch in der Stadt,« warf Bill
ein und senkte die Stimme: »Er bringt dich dazu, dich befragen
zu lassen, weißt du. Über dein Sexualleben« - er lachte - »falls
du eines hast.« [p.13 T.C. Boyle, The Inner Circle,
Viking; Studenten in einer Kneipe nach der ersten Vorlesung
in Proks Biologie-Kurs mit einer sehr detailgetreuen Dia-Show.]
Wo wären wir in der westlichen Welt, wenn es nicht diese Pioniere
der Aufklärung gegeben hätte, allen voran Dr. Alfred Kinsey.
Man wird von Tom Boyle in diese Zeit versetzt, als es über den
sexuellen Akt des »Tieres Mensch« wenig wissenschaftliches
Material gab, einer Zeit, da »man« nicht einmal über
»so etwas« redete. Der junge Mann, der als Ich-Erzähler
durch das Buch führt, ist ein Alter-Ego für die damalige Jugend
- er onaniert wann immer er kann, ist aber zu schüchtern und
unwissend, auch nur ein Mädchen anzusprechen. Bis er Professor
Kinsey, dem Dr.Sex, von seinen Freunden »Prok« genannt,
begegnet und aufgeklärt wird. Sozusagen von seinem väterlichen
Freund und Gönner sanktioniert frönt John bei jeder sich bietenden
Gelegenheit seinem neuen Hobby - und erwartet von seiner Verlobten,
und späteren Frau, vollstes Verständnis, da dieses alles dem
höheren Ziel der Forschung dient, schließlich ist er der erste
Mitarbeiter eines Sexualforschers. Und so steht dann auch die
weitere Handlung des Romans als Spiegelbild der bigotten westlichen
Welt, die damals wie heute gesellschaftlichen Zwänge festlegt,
in der die Frau sich eben NICHT in den Arbeitskollegen des Mannes
verlieben darf, wiewohl sich ein Mann jedes Recht herausnehmen
kann, jederzeit seinen Sextrieb auszuleben, solange nichts davon
in die Öffentlichkeit dringt. Jeder tut es, aber niemand redet
darüber. Und als Kinsey dieses Tabu mit seinen beiden Werken
brach (»Das Sexuelle Verhalten des Mannes«, »... der Frau«),
machte er sich viele Gegner im konservativen Lager (diese Fakten
von Boyle wunderbar in die halbfiktive Handlung eingebaut),
weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wiewohl Kinseys Werke
bis heute Grundlage jeder Veröffentlichung auf dem Gebiet der
Sexualforschung sind. Dr. Sex selber ist in der Öffentlichkeit
und für die Befragten immer der charmante, charismatische Biologe.
Die Interviews werden mit äußerster Diskretion und Einfühlungsvermögen
geführt. Nur der innere Zirkel (die engeren Mitarbeiter und
deren Ehefrauen), beschäftigt sich eingehender und empirisch
mit der Mechanik und Statistik des menschlichen Sexaktes. Kinsey
für sich praktizierte die Freie Liebe, heutzutage für uns bis
zu einem gewissen Grade eine Selbstverständlichkeit, aber für
die Menschen der damaligen Zeit undenkbar. Sex sells,
so sagt der Buchhandel und ich darf anmerken, dieses Thema kommt
im Buch wahrlich nicht zu kurz. Dabei sind Mr. Boyles Beschreibungen
nie vulgär oder primitiv. Eher empfand ich die Beschreibungen
(bis auf einmal) beim Lesen als angenehm anregend. Eine winzige
negative Kritik sei mir gestattet. Ich denke, der Autor hat
mal wieder tief in die Klischee-Kiste gegriffen, wenn er die
Hauptpersonen beschreibt. Da ist dieser unbedarfte Protagonist
wie wir ihm schon in Grün ist die Hoffnung begegnet sind,
oder die junge Ehefrau, die einen Flunsch zieht, als »hätte
jemand Gift auf ihre Unterlippe geträufelt«, die sich erst
nach einem Eheversprechen entjungfern lässt, die nach einem
Streit zu ihrer Mutter zieht ..., und der übereifrige Polizist,
und die Uneingeweihten mit ihren Vorurteilen usw. Aber dieses
Wiedererkennen von Boyles Schwäche hat mir in keiner Weise den
Spaß beim Lesen geraubt, eher die Tatsache, dass ich aus lauter
Ungeduld die amerikanische Originalausgabe mit mangelhaften
Englischkenntnissen las und jedes fünfte Wort nachschlagen musste.
Natürlich kommt der Humor auch nicht zu kurz, zumindest im ersten
Drittel habe ich mehr als einmal Tränen gelacht. Nur als Beispiel:
John Milk soll seinen eigenen Fragebogen vervollständigen und
seine »Maße« eintragen, Umfang und Länge seines besten
Stückes. Nur hat er grad kein Lineal zu Hand. Soll er eines
bei einem Mitbewohner leihen ? (Wie würde die Frage klingen:
Hey, kriege ich mal dein Lineal, ich muss wissen, wie groß mein
Penis ist?) Soll er seine Wirtin fragen, die als strickwütige
Handarbeiterin auf jeden Fall ein Maßband parat hat? Alleine
der literarische Übergang ist zum Herniederbrechen, wenn Milk,
schon von der Idee, das kalte Instrument eines Architekturstudenten
an seinen Penis zu pressen, erigiert ist, und er dann an seine
65-jährige Zimmerwirtin denken muss, wobei er den Leser bittet,
dieses nicht misszuverstehen, da er nur an ihren Nähkorb gedacht
hatte. Er leiht sich also das Maßband von seiner Zimmerwirtin,
die natürlich nachfragt, was er denn messen will, hoffentlich
nicht die Vorhänge und er hat die doch wohl nicht zerrissen.
Und dem unvorbereiteten John Milk fällt nichts besseres ein,
als stotternd zu antworten, das Messen sei wichtig für seinen
Literaturkurs. Mein Fazit: The Inner Circle/»Dr. Sex«
ist für mich eine meisterliche Umsetzung von historischen Ereignissen
und wortgewandter Erzählkunst. Gesteigerte Liebes- und Leselust
bei Gebrauch des Buches. Sehr empfehlenswert. |
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