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»Ich hab über das nachgedacht, worüber wir gestern gesprochen haben, ich meine, im Hinblick auf meine Bedürfnisse und meine Erfahrungen. Über mein Bedürfnis nach Triebbefriedigung mit einem weiblichen Partner.« (John Milk)
 
Dr. Sex
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
 
Rezensionen
 
Verfasser unbekannt / KWICK! / 16. Juli 2007
T.C. Boyle hat kein Buch für Voyeure geschrieben. Sei es beim Gruppensex oder beim Massen-Onanieren, stets trifft T.C. Boyle den sachlich wissenschaftlichen Ton, der seine Darstellung des John Milk so authentisch macht, ohne dass dabei die Sinnlichkeit völlig verloren geht. T.C. Boyle verwebt meisterhaft Fakten aus dem Leben des Sexualforschers Kinsey mit dem Leben des fiktiven Mitarbeiters John Milk. Heraus gekommen ist ein fesselnder Roman, der nur zum Ende hin etwas schwächelt. Es fällt leicht, das Zögern Milks in manchen Grenzsituationen nachzufühlen. Ein rundum empfehlenswertes Buch, allerdings nicht für den ganz jungen Leser geeignet.
 
 
Joachim Scholl / DeutschlandRadio / 01. Mai 2005
Schon in seinem letzten Roman Drop City hat er [Boyle] die sozialen Utopien von Liebe und Sexualität im Bild einer Hippie-Kommune ad absurdum geführt. Thematisch sind diese Romane [»Drop City« und »Dr. Sex«] miteinander verwandt, doch deutlich verschieden im Stil. Sein unentschlossener Erzähler John Milk legt dem Autor [in »Dr. Sex«] eine Fessel an, die ordentlich hemmt, was einen Boyle-Fan sonst entzückt: die mitreißenden Schilderungen von Charakteren und Begebenheiten, die ausgeklügelte Dramaturgie zwischen Aktion und Gefühl, der beinharte Humor. All das kann der aktuelle Erzähler nicht recht leisten, es ist Johns Mittelmaß, im Denken und Handeln, das den Roman bisweilen enervierend lethargisch macht und seine Stärken schwächt. Man muss sich immer wieder daran erinnern, dass dieser Geist der Erzählung tief in den 50er Jahren verankert ist. Die Erlebnisse gehen John Milk einfach über den Verstand. Dennoch bleibt genug T.C. Boyle übrig, um immer wieder Dramatik und Spannung zu liefern. Dafür sorgt schon der biographische Modus, die Geschichte des Kinsey-Reports ist einfach aufregend, und Boyle nutzt souverän die zahlreichen historischen Details. Doch um wie vieles gewaltiger konnte der Romancier andernorts und zu anderen Zeiten agieren, etwa in den Büchern Riven Rock, Der Freund der Erde oder in América, einem der besten und härtesten amerikanischen Romane des letzten Jahrzehnts. Das sind die hohen Messlatten, die »Dr. Sex« nur in Ansätzen erreicht.
 
 
Sascha Krüger / GALORE Volume 8 / Mai 2005
Im Interview der ersten GALORE-Ausgabe sagte Boyle über seinen nächsten Roman: »Er ist sehr explizit, es geht viel ums Bumsen.« Ganz so arg ist es dann doch nicht. Denn anstatt diese fiktive Geschichte um einen engen Mitarbeiter des Sex-Aufklärers Kinsey als Mittel zu benutzen, uns seitenlang mit erotomanischen Ausschweifungen zu quälen, bricht seine Erzählung geschickt immer dann ab, wenn's intim wird. Vielmehr dient ihm das gewählte Sujet, um die Bigotterie des prüden Amerika der 40er und 50er auf satirische Weise zu konterkarieren - nach dem Motto: Jeder sucht und viele haben Sex, doch keiner will's gewesen sein. Die Geschichte ist gewohnt temporeich, spannend, Bonmot-gespickt und erzählt sich fast von selbst - schließlich ist es ein Boyle. Obwohl nicht sein bester; ob es an dem erstmals seit Ewigkeiten wieder benutzten Ich-Erzähler, dem rein linearen Erzähl-Verlauf oder den aus heutiger Sicht doch sehr überholten Moralvorstellungen der damaligen Gesellschaft liegt, sei dahin gestellt. Und doch wäre viele Autoren froh, wenn ihnen einmal im Leben ein solcher Wurf gelänge.
 
 
Lutz Wendler / Hamburger Abendblatt / 19. März 2005
Eine seiner Erkenntnisse gibt John Milk schon im Prolog preis. Gerade hat T.C. Boyles naiver Erzähler vom vielversprechenden Ruf seiner Kommilitonin Laura berichtet, da folgt schon die kalte Dusche: »Später stellte ich fest, dass die am heißesten wirkenden Frauen oft das am meisten unterdrückte Sexualleben haben ...« Wer von einem Buch mit dem reißerischen Titel »Dr. Sex« (Das amerikanische Original heißt The Inner Circle) mehr als Leselust erwartet, der wird eine ähnliche Erfahrung machen wie Milk bei Laura. Nun, wer T.C. Boyle kennt, hat nichts anderes erwartet: Der fabulierfreudige Autor von Wassermusik, América, Ein Freund der Erde und Drop City schreibt zwar frech, flapsig und freizügig, doch er ist viel zu klug, als dass pornographische Details von ihm zu erwarten wären. Enttäuschend aber ist, dass diesmal auch der Name Boyle nicht hält, was er verspricht. Es scheint, als sei beim Bemühen, der realen Person von Alfred C. Kinsey nahe zu kommen, Boyles anarchischer Witz erlahmt. (...) Boyle hat zu gut recherchiert, als daß er sich dem heiligen Ernst dieses Sexperten ganz entziehen könnte. So erscheint Kinsey als ambivalente Figur: als ein radikaler Befreier, zugleich aber als der Mann, der den Weg zum Sex als Ware wies. So scheint Boyle dicht bei Kinsey, doch dessen mechanistischer Sexbegriff bleibt nicht ohne Folgen für die kreative Potenz des Autors.
 
 
Walter von Rossum / Die Zeit / 17. März 2005
Der einzige nennenswerte Makel dieses Buches prangt auf dem Buchumschlag - der deutsche Titel: »Dr. Sex«. Hemdsärmeligeres hätte dem Verlag kaum einfallen können. Der Titel des Originals lautet: The Inner Circle - »Der engste Kreis«, und das trifft die Sache sehr viel besser. (...) Boyle bringt uns in eine Zeit zurück, in der der voreheliche Geschlechtsverkehr nicht nur skandalös war, sondern auch strafbar. Die Erinnerung daran ist nicht nur komisch, sondern auch verblüffend. (...) T.C. Boyle gelingt es, einen ganzen großartigen Roman lang, einen kostbaren Erregungspegel zu halten und uns gleichzeitig zu erstaunten Zeugen dieser Erregung zu machen. Angesichts einer Literaturkritik, die Romane gerne als Abhandlungen liest, ist es vielleicht nicht ganz unwichtig, daran zu erinnern, dass die Literatur vor allem eine sinnliche Kommunikation darstellt. Und auf der Klaviatur der Sinne gelingen Boyle Botschaften von erstaunlicher Komplexität. (...) T.C. Boyles Roman führt uns keine historische Persönlichkeit zur Moral- oder Sympathie-beurteilung vor. Er zeigt einen Mann, der auf hohem Niveau seine Lebensschlacht verliert. Zweifelsohne verdanken wir Kinsey bemerkenswerte Beobachtungen zur Sexualität. Aber die Sexualität hat sich diesem Wissen nicht gefügt, im Gegenteil: Unter den Mikroskopen und taxonomischen Attacken von Kinseys inner circle erkennen wir hinter der trivialen Mechanik die Unergründlichkeit der Lust. Und so kann man sagen, dass die Karriere der Sexualität als eine der großen mythischen Obsessionen des 20. Jahrhunderts Kinsey viel verdankt. So ist es bis heute: Mitten im Lichte unseres sexuellen Wissens vollziehen wir die Sexualität als eine Art prämoderne Erlösungszeremonie. In seiner Autobiografie fragt sich John Updike, ob die nachfolgenden Generationen dereinst noch verstehen könnten, was er und seine Zeit mit der Sexualität verbunden hätten. Das Problem ist nur, dass Updike - wie wir alle - es nicht verstanden hat. Und der so kluge wie coole Erzähler T.C. Boyle löst mit seinem Buch nicht das Geheimnis, sondern er zeigt es.
 
 
Kolja Mensing / taz - die tageszeitung / 17. März 2005
Bis heute ist Kinsey in den Vereinigten Staaten eine höchst umstrittene Persönlichkeit, und insbesondere in den letzten Jahren gab es eine scharfe Diskussion über die Untersuchungsmethoden des Sexualwissenschaftlers, der unter anderem auch Interviews mit Pädophilen, Vergewaltigern und anderen Straftätern geführt hatte. Bill Condon hat sich in seinem Film Kinsey gerade erst mit diesen moralischen Fragen beschäftigt - T.C. Boyle dagegen interessiert sich weniger für diese Political-Correctness-Diskussion als für die traditionell literarische Frage nach dem Zusammenhang von Sexualität und Liebe. (...) Bei Boyle ist der andauernde Ehestreit [zwischen John Milk und seiner Ehefrau Iris] einfach nur ein literarischer Trick, um eine flott geschriebene Biografie wie einen echten Roman wirken zu lassen. Wenn man es gemäß der von Alfed Charles Kinsey so geschätzten quantitativen Methode formulieren möchte: Auf einer Skala von 0 für »schlechtes Buch« bis 6 für »richtig gutes Buch« bekäme »Dr. Sex« nicht mehr als eine 2.
 
 
Daniel Dubbe / Junge Welt / 12. März 2005
T.C. Boyle hat ein erstaunliches Gespür für historische Figuren, die zu Romanhelden taugen. Sie spazieren durch seine Romane frisch und lebendig und nehmen sich den Autor mit ihren Ideen zu Brust. Mit der gleichen Lockerheit verleibt Boyle sie sich ein, den Afrikaforscher Mungo Park in Wassermusik (ein oft verwursteter Reiseromanheld vom Anfang des 20. Jahrhunderts), Dr. Kellog in Willkommen in Wellville oder Stanley McCormick, der steinreiche verrückte Erbe der McCormick-Dynastie, Erfinder des Mähdreschers in Riven Rock. Die USA zehren von den Legenden solcher überdimensionalen Helden, deren Leben zur Nationalhistorie wird. Howard Hughes wäre auch einer für Boyle gewesen. Martin Scorsese (The Aviator) hat ihn den aber erst mal weggeschnappt. Boyle erzählt Kinseys Geschichte aus der Sicht eines fiktiven Assistenten deutscher Abstammung, ein recht schüchterner und durchschnittlicher Zeitgenosse. Die einzige Schwäche des Romans ist dessen Sexualität. Wer nicht an den erotischen und emotionalen Verwicklungen eines Durchschnittsehepaares interessiert ist, hat einige Seiten zu überblättern. Explodierende Fick-Szenen gibt es im Werk, dessen Protagonisten Sex-Forscher nebst Ehefrauen sind, übrigens nicht. »Es sei immer wichtig«, erklärt T.C. Boyle, »zu wissen, wann abgeblendet wird.«
 
 
Erich Demmer (Spectrum) / Die Presse / 11. März 2005
Der US-Autor T.C. Boyle ist ein transatlantischer Eulenspiegel, der Mythen, Helden und Alpträume des American Dream gern satirisch unterläuft und zur Kenntlichkeit entstellt. (...) Im neuen Roman, »Dr. Sex«, lässt Boyle seinen Ich-Erzähler, den aus einer armen Provinzfamilie stammenden Wissenschaftler John Milk, auf die gemeinsamen Arbeitsjahre mit dem Sexualforscher Alfred Kinsey, dessen Begräbnis bevorsteht, voll Ehrfurcht und nur mit sehr leisen Anflügen von Kritik zurückblicken. (...) Kinsey erscheint im Roman als seltsamer Guru, der unter dem Deckmäntelchen der »Wissenschaftlichkeit« zwar als sexueller Aktivist schier unersättlich ist, dabei aber starke Züge eines konservativen Spießers aufweist. (...) »Dr. Sex« erscheint zu einer Zeit, in der nicht nur in Bushistan wieder eifrig »Alle Menschen werden prüder« gesungen wird, auch ein Film über den Sex-Guru Kinsey läuft bald in den Kinos. T.C. Boyle hat hier weniger einen Roman mit prickelnd-überschäumenden Sexszenen als eine witzige Satire auf den Behaviorismus als wissenschaftliche Methode verfasst, obwohl selbstverständlich eine Inflation an Sexualia herrscht. Das Wort Orgasmus zum Beispiel kommt so gehäuft vor, dass man es dann auch auf Seite 427 automatisch liest, obwohl dort eindeutig Organismus steht.
 
 
Karina Schwann / OE1, ORF / 11. März 2005
T.C. Boyle schleicht sich als fiktiver Mitarbeiter namens John Milk bei Professor Kinsey ein und berichtet gleichsam als Insider von den skandalträchtigen Recherchen. Er schreibt einen Roman, dessen Inhalt sich - wie Kinseys berühmter Report - gegen die Prüderie einer verkorksten Gesellschaft richtet. (...) Boyles unkomplizierte Herangehensweise verschmilzt mit einem lapidar-abgebrühten Erzählton und wirbelt die Figuren, die sich blind in ihre neuen Freiheiten stürzen, wie Jonglierbälle durcheinander. Auf knapp 500 Seiten beschreibt er die subtilen Anomalien einer nach Freiheit strebenden Gesellschaft, erhebt aber gleichzeitig den Zeigefinger gegen ein System, das immer schneller Heuchelei und Bigotterie um sich greifen lässt. (...) In seinem vorletzten Roman Drop City beschreibt der Autor, wie eine Hippie-Kommune in ihrem Streben nach Freiheit scheitert. Im neuen Roman geht T.C. Boyle noch zehn Jahre zurück: zu den Anfängen der sexuellen Revolution. Ein überaus gelungenes, gesellschaftskritisches Werk, dessen Fangarme bis in die hintersten Winkel des menschlichen Denkens und Handeln reichen; und weil der Autor mit keinen vorgefertigten Antworten aufwartet, bleibt genug Raum zum Nachdenken.
 
 
Anne Freifrau von Blomberg / README / 11. März 2005
Eine aufregenden Zeit, die vierziger und fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Privatleben und Öffentlichkeit werden von strikten Sexualtabus beherrscht - bis Dr. Kinsey kommt, die Amerikaner aufklärt und damit die westliche Gesellschaft für immer verändert. T.C. Boyle erzählt das sehr sauber, sehr ausführlich, sehr wissenschaftlich emotionsfrei. Er differenziert sehr fein zwischen (angeblich) rein wissenschaftlicher Neugier der Forscher und ihren privaten Neigungen (von »Liebe« spricht »Dr. Sex« nicht), aber spannend ist das alles nicht. Weil Kinseys Forschungen uns so sehr verändert haben, dass wir die sexuelle Revolution von damals gar nicht mehr würdigen können? Boyle kann es auch nicht. Er geht über den Aufruhr der »Anständigen«, und als das betrachtete sich damals die Mehrheit der Amerikaner, mit ein paar Worten hinweg. Er schildert nicht die dumpfe Sexualmoral, die damals herrschte, voller Verbote, Verdrängung, Lügen, sondern nur die ziemlich durchschnittlichen Privatprobleme und Pirvatwünsche eines jungen Mannes. Schade drum. »Dr. Sex« mag im prüden Amerika vielleicht Aufsehen erregen. Im aufgeklärten Europa ist es nur ein Buch für jene, die T.C. Boyles nüchtern-einschläfernden Stil mögen oder endlich einmal wissen wollen, wie Alfred Kinsey bei seinem Befragungen und der Untersuchung der menschlichen Sexualität vorgegangen ist.
 
 
Sandra Trauner, dpa / Stuttgarter Nachrichten / 07. März 2005
Boyle schildert Kinsey und seinen Kreis aus der Perspektive eines fiktiven Mitarbeiters namens John Milk, der seinen Chef vorbehaltlos verehrt. Selbst seine kritischsten Bemerkungen gleichen einer Liebeserklärung: »Er widmete sich ganz und gar seiner Aufgabe. Vielleicht war er sogar ein wenig verbohrt. Aber das kann man praktisch von jedem großen Mann sagen.« Diese naive Erzählperspektive erweist sich als kluger Schachzug, denn als Durchschlag einer so unkritischen Schilderung erscheint auf der Rückseite des Papiers ganz von selbst eine negative Blaupause. So lernt der Leser den akribischen Wissenschaftler und überzeugenden Redner kennen, den gebildeten Professor und vorurteilslosen Freigeist. Doch daneben steht immer der Heuchler, der seine sado- masochistischen Neigungen geheim hält, der Kauz, der sonntags nur im Lendenschurz gärtnert, und der demagogische Guru, der von seinen Mitarbeitern absolute Hörigkeit erwartet - beruflich und sexuell. Spannung erzeugt der Autor, indem er Geschichten kurz vor dem Höhepunkt abbricht und den Ausgang der Szene erst später wie beiläufig einflicht. Abgesehen von wenigen schönen Bildern (»Die Luft war hart vor Kälte und straff über den Abend gespannt«) und einem unterkühlten Witz bleibt die Sprache bedauerlich banal. Dafür, dass es in dem Roman um Sex geht, kommt erstaunlich wenig Brisantes darin vor. Boyle scheint sich weniger für den Akt selbst zu interessieren als dafür, was er den Menschen bedeutet. Er holt damit nach, was Kinsey versäumt hat und seine Gegner ihm stets vorwarfen: Dass man der Liebe mit Maßband und Stechuhr nicht gerecht werden könne, dass er die emotionale und soziale Seite des Themas außer Acht ließ. Boyle breitet fast schamhaft den Mantel des Schweigens über intime Details und beschränkt sich stattdessen auf einen Satz wie: »An jenem Abend ging ich erst sehr spät nach Hause.« Die Arbeit der Sexforscher beschreibt er trocken als ermüdend: »Ebenso gut hätten wir Lachse zählen können.« Kinseys realitätsferne Utopie der freien Liebe kontrastiert Boyle mit Milks Beschreibung der realen Qualen, als seine Frau ihn mit einem Kollegen betrügt. Milk schildert das Leben seines Chefs als chronologischen Rückblick am Tag von dessen Beerdigung. Boyle rühmt sich, für »Dr. Sex« mehrere Monate lang recherchiert zu haben. Tatsächlich deckt sich die Romanfigur in weiten Teilen mit dem Bild, das die Kinsey-Biografen zeichnen. Der Verlag preist den Roman als »beißende Satire über emotionale Manipulation und wissenschaftliche Überheblichkeit«, doch dafür ist das Buch zu nüchtern und auch zu wohlwollend. Eher trifft zu, wie der Autor selbst seinen Stil charakterisiert: als »mitfühlende Ironie«.
 
 
Julia Encke / Süddeutsche Zeitung / 07. März 2005
Romantik ist Boyles Sache bekanntermaßen nicht. Er begibt sich in das Dickicht der Ambivalenzen, der uneingestandenen Widersprüche. Was ihn interessiert, ist der bittere Beigeschmack der Befreiung. Also hält er sich, wo es um die Person Kinsey geht, detailgenau an die historische Überlieferung, erfindet sich aber einen hübschen, talentierten und ewig stotternden Studenten, den engsten Mitarbeiter Proks, John Milk, den er erzählen lässt, den er vorführt und den er in die Enge treibt. (...) John Milks Geschichte ist die Geschichte eines Meisterschülers, und sie wäre die einer steilen Karriere, wäre da nicht Iris, Milks junge Frau, die gegen den Guru und dessen das Privatleben der Mitarbeiter völlig vereinnahmende Doktrin aufbegehrt. (...) Boyle lässt den zwischen Prok und Iris hin- und hergerissenen John Milk wie einen Hund leiden, ohne sich am Ende für die eine oder die andere Seite zu entscheiden. Mit Kinsey erklärt er Sex zur selbstverständlichsten Sache der Welt und beharrt gleichzeitig auf dessen eigenwilligem Zauber. Es ist diese Zerrissenheit, die sein Roman zu einem aufregend quälenden Porträt Kinseys macht.
 
 
Verfasser unbekannt / Tiroler Tageszeitung / 04. März 2005
In der satirischen Leseart T.C. Boyles ist Dr. Alfred C. Kinsey ein exzentrischer Nachfahre von Dr. John Harvey Kellogg, der Begründer der Wellness- und Müslibewegung, den Boyle in seinem Roman The Road to Wellville (1993) über Puritanismus und Scheinmoral triumphieren lässt. (...) Die Atemlosigkeit des Erzählers Milk, der seine Erinnerungen als Beichte vor der Beerdigung Kinseys - 1956 - diktiert, hat sicher nicht die literarische Wucht der großen Boyle-Romane. Aber was Boyle über die amerikanische Psyche zu sagen hat, ist gerade in einer Zeit, in der der amerikanische Präsident die Keuschheit als Allheilmittel predigt, schon wieder erhellend. Und vor allem versteht man endlich die Bedeutung des Komforts amerikanischer Limousinen als Liebesnest in einer repressiven Gesellschaft.
 
 
Martin Halter / Stuttgarter Zeitung / 04. März 2005
Noch als kürzlich Bill Condons Film Kinsey in die US-Kinos kam (...), liefen Frauenverbände und christliche Fundamentalisten Sturm gegen den »Dr. Mengele« des Sex. T.C. Boyles Kinsey-Roman »Dr. Sex« blieb zur selben Zeit fast ungeschoren, obwohl er bei der Schilderung von »Proks« Versuchsanordnungen durchaus kein Blatt vor den Mund nimmt. Worte erregen offenbar weniger Anstoß als Bilder; außerdem hat Boyle seine Hommage an den komischen Heiligen der sexuellen Befreiung mit einem Kniff gegen doppelmoralische Attacken immunisiert: Er schildert Leben und Werk des Zoologen aus der Perspektive eines (fiktiven) Assistenten, John Milk, der nach anfänglicher Begeisterung und trotz lebenslanger Demut zunehmend auf Distanz geht. (...) Milk verehrt ihn dennoch wie einen Helden und Märtyrer der Wissenschaft, und auch Boyle hat viel zärtliches Wohlwollen für ihn übrig. Anders als in Willkommen in Wellville, als er einen anderen Lebensreformer, den Cornflakes-Erfinder Dr. Kellogg, mit ätzendem Sarkasmus überzog, zügelt er diesmal seine satirische Ader: Sein biografischer Roman ist fast schon eine Hagiografie. In Drop City beschrieb Boyle zuletzt die Erkaltung der Blumenkinderträume von der sexuellen Revolution. In »Dr. Sex« setzt der Althippie nun ihrem Vater ein eindrucksvolles Denkmal seines kritischen Respekts.
 
 
Giannina Wedde / Eulenspiegel / März 2005
T.C. Boyle, Autor solcher Werke wie World's End und América, nimmt sich in seinem neuen Roman »Dr. Sex« den 1956 verstorbenen Sexualforscher [Kinsey] vor und spinnt um ihn eine Geschichte aus den Augen seines (fiktiven) Assistenten John Milk. Geistreich und mit großem Sinn für Ironie dokumentiert Boyle ein Stück Zeitgeschichte. und stellt gleichzeitig die (zeitlose) Frage nach der Verbindung zwischen Liebe und Sexualität.
 
 
Ulrich Steinmetzger / Chemnitzer Freie Presse / März 2005
Der sektenhafte Aufklärer im von Feinden verstellten Gebiet ist genau der Richtige, müsste man denken, für einen wie T.C. Boyle, den Hippie-Autor schlechthin, den Punk der Ziegelsteinromane, den Eskapisten des Absonderlichen, den Einfallskaskadeur des offensiven Schreibens. »Dr. Sex« ist jetzt schon das erfolgreichste seiner allesamt erfolgreichen Bücher. Sein bestes ist es nicht, auch wenn der unbeirrbar starrsinnige Überzeugungstäter ganz vorzüglich ins Panoptikum seiner Sonderlinge zu passen scheint. Aber wo zum Beispiel der Frühstücksflockenhysteriker Dr. Kellogg im Bildergewitter des Sarkasmus zur hingeblitzten Lachnummer wurde, wird Dr. Kinsey als Vater der freien Liebe auf einen Sockel gehoben. (...) Der Stoff hat es in sich, keine Frage. Unter dem Titel Kinsey kommt er in einem parallelen Projekt auch in die deutschen Kinos. Was Boyle im Gewand seines naiven Erzählers daraus macht, bleibt für seine Verhältnisse erstaunlich brav und vorhersehbar. Das ist das eigentlich Überraschende an diesem versiert und mit sehr viel Tempo hingebreiteten Wälzer, der seine Leser finden wird, auch wenn er irgendwie schreibseminaristisch geraten ist. Vielleicht war kritischer, nicht werten wollender Respekt die Bremse fürs befriedigende Vergnügen. Ein wichtiges Buch bleibt es, auch wenn es die Gemeinde enttäuscht. Oder gerade deswegen: Boyle meint es ernst diesmal, da klingt sogar seine Stimme belegt.
 
 
Buchtipp Pressetext / ZDF Morgenmagazin / 28. Februar 2005
Vom Gesundheitswahn bis zur drogenseligen Hippie-Gemeinschaft - vor der spitzen Feder von T.C. Boyle ist kein Bereich der amerikanischen Gesellschaft und Geschichte sicher. Diesmal hat er sich die Biographie einer Skandal-Figur der Vierziger Jahre vorgenommen. Im prüden Amerika schaute Alfred C. Kinsey als erster unter die Bettdecken. Und auch privat ist Dr. Sex erotischen Experimenten gegenüber sehr aufgeschlossen. Der literarische Aufklärungsunterricht von T.C. Boyle ist auch über 50 Jahre nach dem ersten Kinsey-Report noch immer heißer Stoff. Konservative Sittenwächter in den USA haben beim Lesen bereits rote Ohren bekommen.
 
 
Susanne Kunckel / Welt am Sonntag / 27. Februar 2005
An der schillernden Figur des Sexforschers seziert Boyle, der Punk von einst, minziös die Facetten der Macht, den Einfluß eines willensstarken und skrupellosen Mannes auf seine Gefolgsleute. Aus der Perspektive seines ebenso verklemmten wie ergebenen Schülers John Milk - eine fiktive Figur - führt Boyle die Droge Kinsey vor, diesen Quirl von Mann, der wie ein Getriebener mit seiner Crew über Land raste und Cowboys, Studenten, Prostituierte, Päderasten, Sträflinge, Hausfrauen, Homosexuelle nach ihren geheimsten Gelüsten und Praktiken befragte, sie auch gern dabei filmte. Sex war sein Lebenselixier. Seine männlichen Mitarbeiter mußten mithalten und, im Dienst der Wissenschaft, auch mit Kinsey ins Bett. Er war Praktiker. Partys in seinem Clan, mit dem Chef, seinen Mitstreitern samt Ehefrauen, mündeten spontan in Gruppensex, wenn den Meister gerade die empirische Neugier packte. Dann ging's auf seinem Dachboden zur Sache: Jeder mit jedem, ohne Rücksicht auf Emotionen. Präzise und ironisch beschreibt Boyle solche Szenen und die Einbrüche unberechenbarer Gefühle in die Empirie von Kinseys schöner neuer Triebwelt: »Er war ein Autokrat, ein Machtmensch, der seinen Anhängern das gelobte Land versprach und nur seine eigenen Projektionen gelten ließ«, meint T.C. Boyle. Gnadenlos seziert er das Forscherleben. Die Feinmechanik von Charisma und Macht, die Bruchstellen von Körper und Seele, animalischem und spirituellem Wesen, haben ihn schon immer interessiert. Zum Beispiel als er sich in Willkommen in Welville den Cornflakes-Erfinder Dr. Harvey Kellogg vorknöpfte und mit diesem Vitalitätsgötzen herrlich böse die Gesundheitshysterie ad absurdum führte. Boyle scheut sich nicht, Kinseys dunkle Seiten zu erkunden. Er konfrontiert den Kämpfer für angstfreie Körperlichkeit aus Bloomington/Indiana mit dem masochistischen Egozentriker, der mit Gier seine lustfeindliche Erziehung kompensierte und in seinem Protokollierungswahn völlig übersah, daß Menschen keine Gallwespen sind. Von dieser Insektenspezies hatte der Harvard-Absolvent in den Wäldern Amerikas mehr als vier Millionen Exemplare gesammelt, aufgespießt, katalogisiert - bevor er kurz vor dem Zweiten Weltkrieg seine eigentliche Berufung fand. Während T.C. Boyle eine differenzierte und ironische Charakterstudie entwirft, bleibt Bill Condons Kinsey-Film an der Oberfläche.
 
 
Veronika Rall / WOZ - Die Wochenzeitung / 24. Februar 2005
Tom Coraghessan Boyles Versuch, unter dem Titel The Inner Circle das Leben des Sexdoktors Alfred Kinsey aus nächster Nähe unter die Lupe zu nehmen, scheint zunächst mehr als überzeugend: (...) Was sich grandios hätte entwickeln können - der Clash unterschiedlicher Kulturen und sozialer Schichten ist ein klassischer Stoff von Boyles frühen Romanen wie América -, gerät immer mehr zur Farce, unter anderem deshalb, weil Boyle einen Kinsey zeichnet, der nicht nur objektiv forscht, sondern unter anderem auch seine Mitarbeiter dazu nötigt, ihre eigene Sexualität subjektiv unter die Lupe zu nehmen. Am Ende des Romans steht Kinsey als die Figur da, zu der ihn die öffentliche US-amerikanische Meinung schon immer degradiert hatte: Ein sexuell Besessener mit heftigen homoerotischen Neigungen, eine doppelte Gefahr also für die amerikanische Kleinfamilie der vierziger und fünfziger Jahre. »Dr. Sex« ist deshalb nicht das Buch, das Mann oder Frau mit Spass oder gar »einer Hand« (Simone de Beauvoir) lesen wird, sondern eine ziemlich prüde Angelegenheit.
 
 
Verfasser unbekannt / Der Standard / 19./20. Februar 2005
Wie Kinsey es schaffte, im Mittelwesten eine besessene Sexualforschungsaktivität zu entwickeln, zehntausende Leute nach intimen Details zu befragen, seine eigenen Fantasien auszuleben und zugleich eine proper professorale Fassade zu bewahren, das schildert T. Coraghessan Boyle in seiner neuen biographie romancée. (...) Angesichts dieses konfliktreichen Materials ist Boyle erstaunlich zurückhaltend geblieben. Im Gegensatz zu seinen früheren, auch von Sexualität & Pathologie handelnden Romanen erzählt »Dr. Sex« geradezu brav von Feldforschung und Fellatio. Alkohol und Metaphernkaskaden fließen bedeutend seltener als sonst beim irischstämmigen literarischen Popstar. Ob das daran liegt, dass Erzähler Milk vergleichsweise straight und verhuscht ist, ob es also Mimikry ist oder ob Boyle selbst sich stilistisch beruhigt hat, das wird vielleicht sein nächster Roman beantworten können.
 
 
Antje Ravic-Strubel / DeutschlandRadio / 18. Februar 2005
Es geht in »Dr. Sex« weniger um die nackte Geschlechtlichkeit. Vielmehr werden Begriffe wie Treue oder Liebe den biologischen Trieben gegenübergestellt; ein hier so postulierter Zwiespalt, der auf Boyles Faszination am Gegensatz zwischen den spirituellen, geistigen und den tierischen Anteilen im Menschen weist.
 
 
Thomas Hüetlin / Der Spiegel / 14. Februar 2005
Was passiert, wenn sich die alte Ordnung auflöst? Wie sieht die neue Ordnung der Freiheit aus? Welche zukünftige Moral tritt an die Stelle der verrosteten Sitten? An dieser Front der Moderne spielt T.C. Boyles Roman »Dr. Sex«. Der Schriftsteller malt keine weichen Pastellfarben über die Widersprüche Kinseys - er zerrt sie entschlossen und mit voller Kraft auf den Oduktionstisch seiner Literatur. (...) Es ist das Spezialgebiet von Boyle, die groteske Mechanik zu erkunden, mit der utopische Paradiesentwürfe scheitern an der menschlichen Natur. Er hat dieses satirische Spiel in früheren Büchern mit Ökologen und Landkommunen betrieben, aber selten war er so gut in Form wie in »Dr. Sex«. Der Witz und die Kraft des Romans ergeben sich fast von selbst aus den bizarren Glaubensbekenntnissen und bösen Irrtümern einer aufkeimenden Revolution. (...) So wie Boyle es beschreibt waren Kinsey und seine Gruppe eine Art Avantgarde der Gegenkultur (...).
 
 
Jochen Kürten / Deutsche Welle / Februar 2005
Alle Figuren und Situationen des Buches seien frei erfunden, so Boyle in einem kurzen Prolog. Die im Roman beschriebenen Ereignisse dürften allerdings mit der Wirklichkeit in vielen Details übereinstimmen. Doch nur Kinsey heißt im Roman auch Kinsey, alle anderen Figuren hingegen sind literarische Geschöpfe. So fragt sich der Leser ein wenig irritiert, warum sich Boyle auf diesen Spagat eingelassen hat. Abgesehen von diesem Einwand lohnt die Lektüre von Dr. Sex auf jeden Fall. Boyle, ansonsten ein Sprachartist erster Güte, der stets ein burleskes Figurenarsenal aufmarschieren lässt, hat sich in seinem neuen Roman sehr zurückgenommen. Das kommt dem Thema zu gute. Denn so gelingt es, die tiefen Risse, die sich in den Jahren vor der Veröffentlichung der bahnbrechenden Studien auch innerhalb des Forscherteams aufgetan haben müssen, psychologisch auszuloten: (...) Boyles »Dr. Sex« lässt tiefe Einblicke in die amerikanische Psyche und Gesellschaft der 50er Jahre zu. Und die dürfte gar nicht weit entfernt vom Amerika eines George W. Bush sein. Amerika sei heute die zügelloseste Gesellschaft seit dem alten Rom und zugleich eine extrem puritanische Kultur, sagt Bill Condon, Regisseurs des Films Kinsey. T.C. Boyle hat in seinem Roman gezeigt, dass sich dieser Zwiespalt innerhalb der amerikanischen Gesellschaft offenbar hartnäckig gehalten hat.
 
 
Verfasser unbekannt / St. Galler Tagblatt / Februar 2005
T.C. Boyle, inzwischen 56 Jahre alt, veröffentlicht seit 25 Jahren unermüdlich Romane und Erzählbände; für Schreibkrisen oder Ängste vor dem weissen Blatt hat er nur Spott übrig. Historische Figuren, Entdecker, Forscher, »große Männer« hat der Amerikaner schon mehrmals zum Thema gemacht. (...) Der monomanische Sexforscher Alfred Kinsey ist erneut eine solche Figur, begnadet und charismatisch - doch auch egozentrisch, diktatorisch, unersättlich in den Ansprüchen an sich selbst und sein Umfeld. Wieder gelingt es Boyle, Zwiespältigkeiten aufzudecken, ist seine Lust spürbar, das Lächerliche freizulegen, das solche Großmannssucht stets begleitet. Ungleich kritischer als der Film geht der Roman mit der Figur Kinsey um, auch wenn Boyles Spott nicht mehr so gnadenlos ätzend ist wie in früheren Büchern. Anders als der Film rückt Boyle das engste Umfeld Kinseys ins Zentrum seines Interesses. Entsprechend lautet der Originaltitel The Inner Circle; die deutsche Übersetzung »Dr. Sex« wirkt dagegen eher dümmlich. Das Buch ist vor allem die Geschichte des (fiktiven) Assistenten John Milk und seiner Frau Iris. Milk ist das pure Gegenteil von Kinsey, eine jener romantischen, verunsicherten Männerfiguren, denen häufig die Sympathie des Autors gilt. Mit diesem Ich-Erzähler gelingt eine andere Perspektive; Boyle relativiert die rational-biologische Betrachtungsweise der Sexualität - wie sie Kinsey propagierte - und zeigt die Abgründe und Tragödien, die eine völlige Befreiung von sexueller Moral mit sich bringt. (...) Boyle erzählt dies handwerklich routiniert und leicht lesbar. Die Brisanz früherer Romane erreicht er diesmal jedoch nicht.
 
 
Ravi Unger / Testbericht-Archiv.de / Februar 2005
Unter dem etwas unglücklichen, BRAVO-haft verklemmten deutschen Titel, entwirft Boyle einen grandiosen Sittenspiegel sexueller Verklemmungen und Neurosen. Proks These, »den körperlichen Aspekt von Sex vollkommen von seinem emotionalen oder spirituellen Kontext zu trennen«, führt den Jungforscher Milk dabei zusehends ins Dilemma: Während Kommilitonin Iris erste zarte Liebesgefühle in ihm weckt, muss er im Dienste der Forschung nachts in Schränke kriechen, um den Stellungskrieg einer Prostituierten mit ihrer Kundschaft zu dokumentieren, darf beim Statistikfestival »Onanieren der Tausend« selbst mitrubbeln, und soll am Ende sogar seine Iris zum Partnertausch aus der Hand geben. Boyle-Leser wissen, dass alles Messianische und Eifernde bei T.C. Boyle besonders misstrauisch beäugt wird. (...) Allzu begierige Leser seinen gebremst! Was bei einem solchen Thema nahe läge, die exzessive Schilderung sexueller Handlungen, wird von Boyle klug und eher behutsam eingesetzt. Wichtiger ist die eigentliche Botschaft des Romans, Milks Erfahrung, dass jenseits aller Messdaten über konvulsivische Zuckungen, Erektionsdauer und Gleitsekrete, ein viel größeres Reich zu entdecken ist: Das der Emotionen, der Irrationalität und Zärtlichkeit - das der Liebe. Diese Entdeckung blieb dem harmlosen Assistenten John Milk vorbehalten. T.C. Boyle gelang ein atemberaubendes Stück Zeit- und eine noch zartere Liebesgeschichte.
 
 
Tanja Rauch / Bolero / Februar 2005
In seinem neuen Roman beschreibt T.C. Boyle die Lebensgeschichte des Pioniers der Sexualforschung aus der Perspektive eines fiktiven Ich-Erzählers. (...) Der innere Zirkel um Kinsey, diese eingeschworene Gemeinschaft, wird noch einmal lebendig. Dabei gelingt Boyle ein eindrucksvolles Porträt der lähmenden, alles Sexuelle unterdrückenden Atmosphäre des Amerikas der vierziger Jahre - anhand des Kleinstadtlebens von Bloomington, Indiana, jenem Ort, in dem sich Kinseys Institut noch heute befindet. Boyle versteht es, Kinsey einerseits als emotional verkrüppelten Pedanten, als autoritären, bisweilen despotischen Eiferer darzustellen, ohne andererseits seine Fürsorge und sein Charisma, seinen Idealismus und seinen hohen persönlichen Einsatz zu unterschlagen. Kinsey, der von seinen engsten Mitarbeitern schlicht Prok genannt wurde, war beruflich wie privat ausschliesslich auf klinische Details fixiert und klammerte alles Seelisch-Spirituelle der menschlichen Sexualität aus. Und so liest sich Boyles grosses satirisches Porträt vor allem als Plädoyer für das Unvollkommene des Menschen. Und wenn es in dieser Geschichte auch viel um Sex geht, so ist »Dr. Sex« eigentlich ein mit subtilem Humor angereichertes Buch über Loyalität, emotionale Manipulation, Wissenschaft, Liebe, Eifersucht und Gesellschaft - ein echter Boyle eben.
 
 
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