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»Und was ist mit der Polizei? Sollten wir nicht einfach zur Polizei gehen?« (Dana Halter)
 
Talk Talk
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
 
Rezensionen
 
Nino Ketschagmadse / Kulturküche Nürnberg / 25. Mai 2007
Der sprachgewaltige Boyle scheitert an seinem Anspruch, die Innenwelt einer Gehörlosen für »Hörende« begreifbar zu machen. Er beschreibt, was ohnedies bekannt ist: wie peinlich ist es, von allen angestarrt zu werden, wie schwer es fällt, manchmal Lippen zu lesen, wie sensibel Anderer Sinne gegenüber Tauben sind und ähnliches. Verglichen mit ihrem Widersacher bleibt [die Protagonistin] Dana recht farblos, ähnlich wie ihr »hörender« Freund, der per Bankauskunft die Telefonnummer des Täters herausbekommt und an ihm anschließend seine Identität verliert. (...) Der Autor erzählt seine Geschichte abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven und gibt dem Leser so Stück für Stück Einblicke in das Leben der Protagonisten. Er beschreibt ihre Vergangenheiten, Motivationen, Verhaltens- und Denkweisen. Er verhöhnt die Gesellschaft, für die nur das Materielle zählt, zeichnet atemberaubend das Ausgeliefertsein gegenüber Machtstrukturen nach. Allerdings glänzt »Talk Talk« mit solchen starken, sprachlich wie inhaltlich spannenden Passagen nicht bis zum Schluss. Der Spannungsbogen verliert mit der Zeit deutlich an Kraft.
 
 
Irene Binal / Neue Zürcher Zeitung / 10. Januar 2007
T.C. Boyle begibt sich in seinem Roman auf ein ganz neues Terrain. Nicht um Hippie-Kommunen und LSD geht es diesmal, und auch nicht um sexuelle Revolutionen - dieses Buch ist vielschichtiger und abgründiger als frühere Werke. Boyle, der selbst lange Zeit das Leben eines gesellschaftlichen Außenseiters führte, beschäftigt sich mit einem etwas anderen Außenseitertum: mit Danas ständigem Kampf um ihren Platz in einer Gesellschaft, die sie als »behindert« abqualifiziert; mit ihrer Suche nach der eigenen Identität und der Tatsache, dass diese in der modernen Zeit zunehmend brüchiger und angreifbarer zu werden scheint. (...) Dass sich ausgerechnet der für seine geschwätzige Prosa bekannte T.C. Boyle nun die Welt der Lautlosigkeit vorgenommen hat, mutet auf den ersten Blick fast ironisch an, so wie sich der Autor schon mit dem Titel ein wenig auch über sich selbst lustig zu machen scheint. »Talk Talk«, der amerikanische Ausdruck für ein Gespräch unter Gehörlosen mittels Gebärden, erhält vor diesem Hintergrund eine bestrickende Vielschichtigkeit. Noch überraschender aber ist es, dass Boyle, ohne seinen zappeligen Stil zu verleugnen, tatsächlich ein glaubwürdiges Bild von Danas lautloser Welt zu transportieren vermag. Aus dem Aufeinanderprallen dieser beiden Extreme - eine flatterige Prosa, die ein permanentes Moment der Stille zum Thema hat - bezieht das Buch einen ganz eigenen Reiz, zeigt eine Doppelbödigkeit, die man bei Boyle bisher kaum in dieser Ausformung gefunden hat: Er präsentiert sich nachdenklicher und ernsthafter als zuvor, geht tiefer in die menschliche Psyche und beweist, dass er auch das Spiel mit den Zwischentönen und Grauschattierungen in den Lebenswelten seiner Protagonisten beherrscht.
 
 
Walter von Rossum / Deutschlandfunk / 10. Dezember 2006
T.C. Boyle hat keinen Kriminalroman über eine relativ neue Sorte von Verbrechen, den Identitätsdiebstahl, geschrieben. Er nutzt in»Talk Talk« das relativ neue Phänomen, um in ein sehr viel komplizierteres und obendrein schwer vermintes Gebiet vorzudringen: die Identität einer Person. Und das ist eine zentrale existenzielle Paradoxie der Moderne. (...) Die Jagd quer durch die Vereinigten Staaten ist so unglaublich spannend, steckt derart voller dramatischer Finten und Finessen, dass man fast geneigt ist, diesen Spannungsbogen dem Autor zum Vorwurf zu machen. Nicht allein als Anwalt des eigenen Nervenkostüms, sondern der Leser gerät in Gefahr wegen des Krimiplots die großartigen erzählerischen Nuancen des Romans aus den Augen zu verlieren. Übrigens hätte es keinen Sinn, mal schnell einen Blick auf die letzte, auf die 395. Seite zu werfen, um sich des glücklichen Endes zu versichern. Es gehört zu den Qualitäten dieses Buches, dass sein Ende jenseits von glücklich und unglücklich verläuft. Und man kann es erst verstehen, nachdem man 395 Seiten lang auf dieses Ende hin erzählerisch trainiert wurde. (...) Zeile für Zeile beschreibt T.C. Boyle eine Welt, in der Identitätsdiebstahl gewissermaßen eine Lebensform ist. Alles sieht aus wie etwas, alles schwitzt vor präparierter, inszenierter Bedeutung. Das Label als Heimat. In den Villenviertels Neuenglands stehen mehr englische Villen als in England je gestanden haben - und englischer als in England. An gewissen Straßen Kaliforniens steht ein verkleinertes Loire-Schloss neben einer maurischen Kashba, gefolgt von einem toskanischen Landhaus. Der größte Schutz gegen den flüchtigen Hauch des Scheins bietet die Aura der Tradition. Als kämen die Dinge und die Menschen von weither aus angestammten Gebieten. Würde des Seins. Alles gerät zur Requisite eines Stils. Man könnte das als Geschmacksfrage abtun, womöglich sogar als »typisch amerikanisch«. Doch in Wahrheit geht es um die existenzielle Verfassung der Moderne. Und diese Verfassung hat in T.C. Boyle einen glänzenden Chronisten gefunden.
 
 
Verfasser unbekannt / nachrichten.at / 22. November 2006
Zu den spannenden Elementen von T.C. Boyles Roman gehört, dass er uns parallel zur Perspektive von Dana und Bridger auch die Perspektive des Betrügers plausibel macht. So bleibt Peck Wilson nicht der anonyme Böse, sondern er erscheint uns erschreckend normal, möchte der schönen Russin, die er sich zugezogen hat, ein bisschen Luxus bieten und versteht nie so ganz, warum man ihm dieses kleine Glück nicht gönnen will. Ob dem Identitätsdiebstahl in den USA wirklich die »beängstigende Aktualität« zukommt, die vom Klappentext beschworen wird, können wahrscheinlich nur Kenner des kriminellen Milieus einschätzen. Und ob Danas Perspektive in Boyles Version einigermaßen authentisch das Erleben eines gehörlosen Menschen wiedergibt, können vermutlich auch nur Leserinnen beurteilen, die selbst von Gehörlosigkeit betroffen sind. Zweifel erscheinen mir angebracht.
 
 

Frank Dietschreit / Märkische Allgemeine / 11. November 2006

In »Talk Talk« nimmt der amerikanische Romancier T.C. Boyle ein aktuelles Thema aufs Korn: Denn in der modernen Informationsgesellschaft, wo sich jeder über das Internet Zugang zu den Daten anderer Personen verschaffen kann, wo Daten manipuliert und Einkäufe genauso wie Krankenhausaufenthalte nur noch mit Plastikkarten bezahlt werden, ist es ein Leichtes, das Leben eines anderen zu führen. (...) »Talk Talk« ist wie ein Roadmovie, manchmal braust Boyle mit [der Hauptfigur] Dana über die amerikanischen Highways, manchmal lässt Boyle seine Heldin müde ins Bett eines billigen Motels fallen, damit sie ihre Eindrücke verarbeiten und neue Kräfte sammeln kann. Es ist ein Roman über die Schwierigkeit, nicht nur im Recht zu sein, sondern auch Recht zu bekommen. Vor allem, wenn man solch einem gerissenen und skrupellosen Gegner gegenüber steht wie Peck Wilson. Das nämlich ist der Name des Identitätsdiebes, und je näher Dana und [ihr Freund] Bridger ihm auf den Fersen sind, desto besser lernen wir diesen Unhold kennen. Boyle erzählt aus wechselnden Perspektiven. Gelegentlich erzählt er sogar ein und dieselbe Episode gleich mehrfach. Jeder, Dana, Bridger, Peck, hat ein anderes, subjektives Verständnis dessen, was passiert, jeder sieht die Realität mit anderen Augen. Jeder bastelt sich seine eigene Welt. In Danas Welt gibt es keine Geräusche, und wie sehr sie das bedrückt, kommt vielleicht am besten darin zum Ausdruck, dass sie nebenbei an einem Roman über Victor von Aveyron schreibt, also über jenen mysteriösen Jungen, der Ende des 18. Jahrhunderts in einem südfranzösischen Wald gefunden wurde und in einer Taubstummenanstalt endete. Wundert es da, dass Boyles hintersinnig erzählter Roman sowohl gut wie böse ausgeht? Es kommt eben darauf an, wer das Ende erzählt und wie er es erlebt. Der trickreiche, mit einem offenen Ausgang spielende Roman hat nur einen Nachteil: Er ist ein bisschen zu lang geraten, verliert zwischendurch an Tempo und Spannung. Dass Boyle einige Nebenhandlungen hätte verknappen oder ganz streichen können, beweist die auf vier CDs komprimierte Hörbuch-Fassung: Jan Josef Liefers liest Boyle, als wäre er ein Seelenverwandter des Autors. Großartig.
 
 
Andrea Kroll / rhein-main.net / 12. Oktober 2006
Talk Talk - reden, reden, reden, heißt es an einer Stelle. Doch Reden allein ist nicht alles, man muss auch ein Thema haben. Identitätsdiebstahl ist nur ein Aufhänger, Gehörlosigkeit bloß eine Zugabe. Hier zeigt sich die große Schwachstelle in Boyles Roman, auch wenn er ein gewiefter Erzähler ist. Über große Strecken plappert er einfach nur, sei es über die Zubereitung von diversen Gerichten, gewagte Wagenmanöver, Speisekarten von Schnellrestaurants, aufkommende Körpergerüche und dergleichen mehr. Im ersten Drittel des Romans ist der Leser noch gefangen in einer gewissen Spannung, die jedoch von Boyles Geschwätzigkeit nach und nach absorbiert wird. Das eigentliche Thema geht darüber verloren. Oder sollte tatsächlich Kurosawas grandioser Film »Rashomon«, auf den Boyle in einer Passage anspielt, den Fokus bilden? Dieser Bezug wäre wahrhaft überstiegen: Weder die subtile Auslotung der verschiedenen Perspektiven, noch die atmosphärische Dichte erreicht der Roman. Leider, muss man sagen, ist aus dem so gut gewählten Stoff nicht mehr als die Vorlage für ein Road-Movie entstanden, dass sich in filmreifen Verfolgungsjagden, Lifestyle-Inszenierungen oder attraktiven Frauen erschöpft. (...) Die Filmrechte sollen schon verkauft sein.
 
 
Uta Beiküfner / Berliner Zeitung / 09. Oktober 2006
T.C. Boyle war einmal der coolste Schriftsteller Amerikas. Keiner konnte seine Helden so abgebrüht über Sex reden lassen wie er, keiner konnte sie so lässig durch das Innere Afrikas spazieren lassen. Sein neues Buch ist eine Enttäuschung, es besitzt nur den Charme der abgelatschten Schuhe, mit denen diese Entfernungen einst zurückgelegt wurden.(...) irgendwann wird das, was als Roman über Sprache und Identität begonnen hat, zum Jungsspiel, das einer Mode folgt, die noch keiner trägt. Identität ist ein vielschichtiges Thema, sie manifestiert sich in gesellschaftlichen Beziehungen und Verhaltensweisen. Bei Boyle entscheidet nur die Kreditkarte darüber: Ich kaufe, also bin ich. Seitenlang gehen die Figuren Einkaufen, stopfen Steaks in sich hinein, genießen mit einem Drink in der Hand die unmäßigen Sonnenuntergänge an der Westküste Amerikas. Apartments werden gemietet, Strandhäuser verkauft und Herrenhäuser gekauft. Frauen werden mit dem ausgestattet, was den Reiz eines wilden Tieres auf einer Safari ausmacht: Geschmeidigkeit und Schönheit. Wenn doch mal eine klug ist, stellt es den Gipfel an Verlottertheit dar, wenn sie ungeschminkt aus dem Haus geht. Das alles ist sehr amerikanisch und der Leser kann darin eine Kritik der Welt des Konsums sehen, er kann darin aber auch die schnellgeschriebene Variante eines trendigen Romans vermuten, der den Geschmack von vielen treffen will. Beides überzeugt nicht, denn Boyles neues Buch ist so leicht wie ein kalifornischer Morgen und so unmäßig wie ein doppelter Hamburger. Anstelle von Psychologie kleidet der Autor seitenlang seine Figuren ein und stattet sie mit einem bestimmte Geschmack aus: Was sie trinken, wo sie einkaufen, wie sie ihre Parties feiern, ist wichtiger als Psychologie. Oberflächenreize treiben die Story voran und die Figuren auf. Abenteuer wird durch Action ersetzt, die nichts anderes ist als Bewegung: Menschen brechen nur auf, um in der nächsten Shoppingmall anzukommen. Mit dieser Handlung misst Boyle nicht das Innenleben seiner Figuren aus, er vermisst lediglich den amerikanischen Highway. Der aber ist lang, so lang wie noch keine 395 Seiten von T.C. Boyle waren.
 
 
Wieland Freund / Die Welt / 07. Oktober 2006
T.C. Boyle hat es eilig; seine Romane jedenfalls werden immer schneller. (...) Mit flinken Fingern fühlt Boyle dem Informationszeitalter den Puls. Und doch ist Boyle Traditionalist. Mustergültig entfaltet er einen Thrillerplot (...) Quer durch die USA schickt Boyle seine Helden, immer auf der Jagd nach dem falschen Dana Halter. Und je weiter das Land, desto existentieller die Einsamkeit. Auch in der Roadnovel kennt Boyle sich aus: staubige Straßen, quietschende Reifen, dazu das Aroma von Motelrooms und ungewaschener Freiheit. Dabei hält Boyle das Tempo so hoch, dass die kleinen Unwahrscheinlichkeiten des Plots am Straßenrand vorbeifliegen. Aber Boyle wäre auch dann nicht Boyle, beließe er es beim entschlossen inszenierten Spektakel. Je billiger er seine Romane verpackt, desto teurer ist ihm ihr wahrer Kern: In T.C. Boyle schlummert eben ein Didaktiker. Nie war Boyle so offen angeekelt vom großen Fressen und Raffen der Konsumgesellschaft, die er beschreibt, wie hier, nie hat er eine im positiven Sinn weltfremdere, strahlendere Heldin ersonnen, an der sich seine Leser, deprimiert vom blanken Materialismus, moralisch aufrichten sollen. Dana Halter nämlich ist gehörlos, sie lebt in einer, so scheint es zuweilen, paradiesischen Stille. Zwar ist ihre Behinderung sehr wohl auch eine Belastung, was Boyle zu nutzen weiß, will er die Spannung steigern, vor allem aber scheint ihre Gehörlosigkeit Dana gegen so manche Anfechtung der modernen Welt zu imprägnieren. Tatsächlich gibt es Momente, da kommt sie einem wie eine Jeanne d'Arc des Wesentlichen vor, wie ein im Drachenblut der Stille gebadeter weiblicher Siegfried. Boyle ist ein Erbe Thoureaus, und selten ist das deutlicher geworden als hier. Kein Wunder, dass Boyle Dana zur Schriftstellerin macht; kein Zufall, dass Dana an einem Roman über Victor von Aveyron schreibt, den »wilden« Jungen, der Ende des 18. Jahrhunderts in einem südfranzösischen Wald aufgefunden wurde und in einer Taubstummenanstalt endete. Und keine Frage: die Liebesgeschichte in »Talk Talk« muss traurig enden. Dana ist überirdisch und soll es bleiben: Bridger, ihr treuer, doch irdischer Freund, kann gehen. Am Ende ist »Talk Talk« ein Dreipersonenstück und Bridger seine interessanteste Figur. Er ist der einzige Mensch im Tempodrom eines Romans, der seinen Bösewicht von vornherein zum Ork erklärt und seine Heldin zur Elfe. Boyle weiß das: »Talk Talk« geht mit Bridgers Sündenfall erst richtig los - vor dem Computer bearbeitet er einen Film und tauscht Gesichter aus - und endet mit Bridgers Vertreibung aus dem Paradies seiner Beziehung. Zum bösen Schluss muss Bridger an den Computer zurück und wieder und wieder die Realität fälschen - »überwölbt«, heißt es höhnisch und traurig zugleich, »vom blausten Himmel des Universums.«
 
 
Johanna Grillmayer / ORF.at / Oktober 2006
Das Spiel mit den Identitäten, das Spiegeln der Hauptfiguren im jeweils anderen macht den Hauptreiz von »Talk Talk« aus. Passagenweise schreitet die Handlung allzu träge voran, zu häufig dominieren Reflexionen der Hauptfiguren über ihre jeweilige Situation. Das skurrile Element, eines der liebsten Stilmittel T.C. Boyles, bleibt in seinem neuen Werk fast völlig auf der Strecke. Auch der abgründige Humor, der das Werk des Literaturprofessors sonst auszeichnet, blitzt hier selten auf. Die einfühlsame Zeichnung der Personen überzeugt jedoch, und wer Boyles ruhigere Werke schätzt, wird auch dieses Buch gern lesen.
 
 
Martin Wolf / Der Spiegel / Oktober 2006
T.C. Boyle, der begnadete Vielschreiber, erkundet in seinem elften Roman die Welt der Gehörlosen: »Talk Talk« bezeichnet eine entspante Unterhaltung in Gebärdensprache. Nur dass [die Hauptfigur] Dana niemals entspannt ist, geht es doch um ihre Existenz und ihre Ehre. Boyle gönnt seiner Heldin keinen Behindertenbonus - und keine Pause. In rasanten Satzkaskaden treibt er die Geschichte voran, bis zum Showdown. »Talk Talk« sei »Naturalismus des 21. Jahrhunderts«, schwärmt die New York Times Book Review, doch Boyles brillante Prosa bietet mehr als das: ein zeitloses Vergnügen.
 
 
Sascha Krüger / public - GALORE Kulturjournal / Oktober 2006
... der Boyle-typische Parforceritt durch eine spannend geknüpfte, dicht und bildgewaltig formulierte Geschichte. Waren es bisher meist die Tücken der Natur, die das Leben von Boyles Figuren zur Hölle machten, ist es nun die moderne Welt. Systemkritik, verpackt in einem Krimi: So was kann nur diese geniale Wildsau unter den zeitgenössischen Autoren. Umwerfend.
 
 
Christian Seiler / Die Zeit / 28. September 2006
... atemlos, atemberaubend, ein Roadmovie, die etwas ungeschickten Guten auf der Fährte der etwas zu geschickten Bösen, quer durch Amerika, und einem ersten, kleinen Showdown im Westen folgt der zweite, endgültige Showdown im Osten, und dann befinden wir uns bereits jenseits von Seite 300 und müssen kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen, dass T.C. Boyle diesmal einen für seine Begriffe ungemein kurzen Roman abgeliefert hat. Schade. Wir kennen Boyle als den Epiker von World’s End und Wassermusik, von virtuos geschriebenen, nicht enden wollenden Erzählungslabyrinthen, in denen Tote auferstehen und Wölfe zu Vegetariern werden. Wir kennen Boyle als Märchen erzähler für die Popgeneration, wofür wir ihn lieben, verehren und ganz zu Recht in einem Atemzug mit William Burroughs, Hunter S. Thompson oder Irvine Welsh nennen. Wir schätzen seinen Witz; sein pfauenfederhaftes Assoziationsvermögen. Er hat so viel Humor, dass er notfalls mit Pointen geizen kann, und obwohl - oder weil - T. Coraghessan Boyle nie den wirklich mainstreamigen Mainstream touchierte, wurde er berühmt, ein Star, ein Nutznießer der verschwimmenden Grenzen von Hoch- und Gegenkultur. (...) Wenn Boyle für »Talk Talk« nun die Form des Krimis wählt, hält er sich sklavisch an die Regeln des Genres. Er treibt die Handlung mit der nötigen Tankfüllung Spannung voran – die Beklauten jagen auf eigene Faust den Dieb - und macht bloß wie zufällig links und rechts der Handlung Station, um die Geschichten auszuladen, die er eigentlich loswerden will: die Satire auf das Geschmacksdiktat der gehobenen Milieus an der Westküste; die Karikatur der schreiend komischen Kaste der Computer programmierender Nerds; die schnurgerade Analyse des kommunikationstechnischen Spezialfalls Gehörlosigkeit. »Das passierte, wenn Gehörlose zusammenkamen: Sie redeten, sie redeten unentwegt, sie redeten, wie Bridger jetzt redete, nur mit den Händen. Der Zeigefinger tippte an den Mund, um die Worte zu zeigen, die herauskamen. (…) Kommunikation, das universale Bedürfnis. Information. Zugang. Ein Ausgang aus dem Gefängnis der Stille. Talk Talk - reden, reden, reden.« Kein Mitleid für niemand, kein Voyeurismus, bloß ein spannungsgetriebener, moderner Gesellschaftsroman: Das Roadmovie mündet in ein Furioso menschlicher Verstrickungen. Das von der Jagd, aber auch von einander erschöpfte Verfolgerpaar stellt den Identitätsräuber am Gartenzaun seiner Mutter, der er, auf deren Wunsch, seine altmodische Geliebte vorstellen möchte. Sie geraten aneinander, Fäuste fliegen, Blut rinnt, die Geschichte löst sich … fast, aber Boyle holt noch einmal Atem, für das allerletzte Furioso. Fein gezeichnete Figuren begeben sich in Stellung: Die komplexe, taube Dana, voller trotziger Energie; ihr loyaler, etwas tapsiger Boyfriend Bridger, der bei allem Einsatz nichts zu gewinnen hat; der smarte, trittsichere Berufsverbrecher Peck, Ex-Dana-Halter, der den drohenden Abschied von seiner gesellschaftlichen Reiseflughöhe um jeden Preis verhindern will. Drei, zwo, eins, null: Das Ende ist jedenfalls anders. Boyle tut, was wir von ihm erwarten: Er schlägt uns ein Schnippchen, sein Ruf ist gerettet.
 
 
Regula Fuchs / Der Bund / 20. September 2006
T.C. Boyle vergibt in »Talk Talk« die Chance, aus einer faszinierenden Thematik einen bedrängenden Roman zu machen. Mit seinem neuen Roman offenbart der Vielschreiber ein Formtief. (...) Boyle vermag keinen doppelten Boden unter den nur leidlich spannenden Plot zu ziehen, schafft es nicht, etwa der Thematik von Sprache und Identität mehr Dringlichkeit zu verleihen als mit ein paar nachlässig eingeflochtenen Motiven. Bei der Schilderung der gehörlosen Dana gibt sich der amerikanische Vielschreiber gar mit Klischees zufrieden. (...) Die gewohnte Skurrilität Boyle’scher Figuren, die Schärfe seiner Analyse, das Überraschende seiner Metaphern sucht man im neuen Roman vergebens - es scheint, als fehle Boyle der gesellschaftliche Mikrokosmos, die Nährlösung aus allerlei menschlichen Makeln, auf der sonst sein Spott, seine Imagination, sein schriftstellerisches Talent zum Blühen kommt.
 
 
cs / Kultunrnews / 11. September 2006
Starautor T.C. Boyle versucht sich im Thrillergenre und wählt ein hochaktuelles Thema: Identitätsdiebstahl. Opfer ist die junge, schöne, gehörlose Dana Halter. (...) Fantastisch, mit welcher Sensibilität Boyle die Gefühlswelt seiner gehörlosen Heldin veranschaulicht. Auch Spannungselemente gehen ihm von der Hand, als wäre er ein alter Thrillerhase. Fraglich nur, warum T.C. Boyle sich überstrapazierten Krimikonventionen unterordnet. Warum braucht er als Opfer die personifizierte Unschuld und macht einen abgrundtief bösen Schurken ohne Sympathiepunkte zum Täter? Von einem Autoren seines Ranges hätte man mehr Grautöne erwarten dürfen.
 
 
Verfasser unbekannt / rbb online / 10. September 2006
Wenn man nach 394 Seiten den Roman zuklappt, weiß man auch nach längerem Nachdenken nicht wirklich, was uns T.C. Boyle hier erzählen wollte. (...) in diesem seltsam indifferenten Roman, der am ehesten noch irgendeine Art von Krimi sein könnte, etwa in der Art wie sie Michael Crichton schreibt - irgendwas, was grad in der Luft liegt, wird in eine spannende Handlung gepackt - und dies soll jetzt also der Identitätsdiebstahl sein - nun gut, nur, dass das sich offenbar bis Europa noch nicht so richtig durchgesetzt zu haben scheint.
 
 
Susanne Rössler / Österreich - OE24 / 09. September 2006
T.C. Boyles Romane spielen immer in abseitigen Welten. In seinem neuen Buch »Talk Talk« lernen wir die Welt der absoluten Stille kennen: Im Alltag der gehörlosen Lehrerin Dana Halter existiert Musik nur als Vibration, sind Gerüche lebenswichtige Informationsquellen und Menschen nur zu verstehen, wenn sie ihnen auf den Mund schaut. Aber die junge Frau ist alles andere als hilflos oder unselbständig, sie hat es gelernt, sich durchzusetzen und strotzt vor Selbstbewusstsein. Bis sie plötzlich in die Maschinerie des Polizeiapparats gerät. »Und immer, wenn man mit der Bürokratie zu tun bekommt, führt das zum Desaster«, sagt T.C. Boyle im ÖSTEREICH-Gespräch über seinen kafkaesken Thriller. Der, so der US-Autor, von einer existenzielle Frage handelt: »Wer bin ich? Was macht die Identität eines Menschen aus?« Stellt man diese Frage T.C. Boyle selbst, antwortet er lieber ausweichend: »Ich weiß auch nicht mehr über mich, als dass ich ein zu cleveres, zu abergläubisches Tier bin, das auf seinem Weg ins Grab ist.« Weniger kryptisch erzählt Boyle von Danas Desaster (...) Von der Polizei bei der Aufklärung im Stich gelassen, setzt Dana zu einem furiosen Rachefeldzug gegen ihren Doppelgänger an. »Peck«, dessen Geschichte Boyle kapitelweise abwechselnd mit der Danas weiterführt, ist ein typischer Boyle-Held: Ein extremer Fanatiker, ein Außenseiter, ein Loser, der mehr sein will, als er sein kann. (...) Dass T.C. Boyle durchgeknallte Fanatiker sympathischer sind als herzensgute, hochanständige, brave Bürger, bestätigt sich auch im Laufe von »Talk Talk«: »Peck« ist zwar ein Schurke, aber viel mehr als das ist er ein Getriebener, der den Anforderungen der kapitalistischen, erfolgsorientierten Gesellschaft um jeden Preis genügen möchte. Was fasziniert Boyle so daran, dass er immer wieder über Fanatiker schreibt? »Wie Ihnen jeder sagen kann, bin ich selbst ein Fanatiker erster Güte. Zum Glück kanalisere ich das in meinen Romanen.«
 
 
Ulrich Steinmetzger / HNA / 06. September 2006
Immer ist die Welt, in der gerade gelebt wird, die modernste. Und immer ist es eine Aufgabe der Schriftsteller, die Fortschrittseuphorie ein wenig zu dämpfen. Wie eine gigantische Erzählmanufaktur hat T.C. Boyle das in zehn dicken Romanen getan. Die Leser folgten ihm bis ans Ende der Welt, ins ernährungsdiktatorische Sanatorium des John Harvey Kellogg, auf Hanffelder, in Hippiekommunen und durch enthemmte Versuchsanordnungen des Sex-Doktors Alfred Kinsey. Die Leser folgten ihm gern, weil sie heftig unterhalten wurden und auch noch etwas Finsteres lernen durften. Nun gibt sich der Autor eine Steilvorlage, die er nicht erlaufen kann. Wie in einem Kafka-Roman sollte es zugehen im neuen Buch »Talk Talk«, das sein schwächstes geworden ist, weil fast nichts von dem zu finden ist, was Boyle so unnachahmlich machte. Nicht das reifenquietschende Tempo, nicht die schreiend komisch ins Absurde gesteigerte Normalität, keine Figuren, die man ihm glaubt, keine Eskapaden des Absonderlichen, kaum diese wie aus dem Stand kommenden aberwitzigen Beschreibungen kleiner Dinge und schon gar kein großes Ganzes, das normal beginnt, um sich ins finale Desaster zu steigern.
 
 
Thomas Ludwig / Handelsblatt / 04. September 2006
Bestsellerautor T.C. Boyle weiß, was er seinen Fans schuldig ist. Zuverlässig liefert er Buch um Buch im Zwei-Jahres-Takt, zuletzt sogar schneller. Das gibt Anlass zu zwei Bemerkungen. Erstens: Der suchtgefährdete Fan konsumiert die Droge und ist unabhängig von der Qualität des Stoffs high. Zweitens: Der nicht ganz so eingefleischte Fan ist enttäuscht oder ärgert sich. Tatsächlich ist der Anspruch an Bestsellerautoren, sie könnten von Story zu Story zulegen, zweifelhaft. Und dennoch: Boyle dürfte die Erwartungshaltungen selten so enttäuscht haben wie mit seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch »Talk Talk«. (...) Boyle schildert die Geschehnisse abwechselnd aus Sicht des Opfers und des Täters. Doch außer einer Roadnovel, einer Verfolgungsfahrt durch die USA, an deren Ende Dana und Peck aufeinander treffen, macht Boyle wenig daraus. Die Welt der Gehörlosen wird nachvollziehbar, aber nicht nachhaltig fühlbar. Und Flachbrettbohrer Peck weckt alles andere als Interesse, geht gerade mal als Abziehbild der Konsumgesellschaft durch. Dabei weist Boyle im Zeitalter von Kreditkarten und virtueller Identitäten mit seinem Plot um den Persönlichkeitsdiebstahl treffend auf die Verletzlichkeit von Persönlichkeit und Identität hin. »Es ist unmöglich, dieses Buch zur Seite zu legen«, schreibt Boyle in einem Grußwort an seine Leser. Sicherlich weiß er es besser. Ein pageturner ist »Talk Talk« nicht. Vor allem im Mittelteil plätschert die Story vor sich hin. Was an zündenden Ideen fehlt, kompensiert Boyle mit Klein-Klein. Wie der Fiesling seine Gourmet-Speisefolgen zubereitet, interessiert nun wirklich nicht - zudem bemüht Hobby-Koch Boyle hiermit Szenen, die man zur Genüge kennt. Auch der skurrile Humor vergangener Bücher befeuert »Talk Talk« kaum. Metaphern, die wirklich überzeugen, sind selten. Fazit: Der Darling des Literaturbetriebs kann mit seinem jüngsten Buch nicht an Meisterwerke wie Wassermusik (1987), Willkommen in Wellville (1993) und América (1996) anknüpfen. Nur der Fan, der die Distanz zum Herrn und Meister verloren hat, wird »Talk Talk« für unwiderstehlich halten. Leser, die Boyle einfach lieben, werden ihm eine Schaffenspause gönnen - und sich auf das nächste Buch in drei, vier Jahren freuen.
 
 
C. S. Reissman, dpa / Magdeburger Volksstimme / 04. September 2006
T.C. Boyles Prosa ist brillant, böse und witzig, absurde Situationen und schwarzer Humor sind seine Spezialitäten. (...) Sein neuer, elfter Roman »Talk Talk« spielt mit ganz konkreten Ängsten im modernen Amerika: Es geht um perfiden Identitätsdiebstahl. Davor wird täglich in TV-Spots gewarnt, reale Horror-Geschichten gibt es dazu immer wieder in der Presse. Als Thriller, Road-Movie und Gesellschaftskritik in einem ist »Talk Talk« weniger absurd als unterhaltsam. (...) »Schriftsteller sind die ursprünglichen Identitätsdiebe«, hat der 57-jährige T. Coraghessan Boyle vor kurzem in einem Interview mit der »Welt« gesagt. Und so gelingt es ihm auch dieses Mal wieder, die Kontrahenten und Beziehungsgeflechte, die Eitelkeiten und Ängste wunderbar darzustellen. Die Perspektiven springen zwischen beiden hin und her. Sympathien für Opfer und Täter, Jäger und Gejagten verteilt Boyle dabei nicht. Gut und böse sind so relativ wie die Namen auf einer Kreditkarte. Am Ende gibt es wie bei jedem potenziellen Hollywood-Film einen Showdown, in dem sich die Rollen wiederum umkehren. Auch wenn seine Figuren selbst nicht sehen, wo der Ausgang ist, dem Leser lässt Boyle immer den Überblick. Das macht das Lesen sehr vergnüglich.
 
 
Michael Freund / Der Standard / 02. September 2006
T.C. Boyle lässt in »Talk Talk« seiner erzählerischen Meisterschaft wieder freien Lauf. (...) »Talk Talk« ist, anders als kolportiert, kein Roman über Internetkriminalität. Das Netz spielt nur am Rande eine Rolle bei der Zerstörung intakter Biografien, zentraler ist, wie persönliche Kontakte ausgenutzt werden und was triebhafter Ehrgeiz und Knasterfahrung anrichten. »Talk Talk« ist auch keine Vorlage für ein Roadmovie. Die Jagd quer durch die Staaten skizziert Boyle nur auf wenigen Seiten. Vielmehr beschäftigt sich sein Roman damit, was passiert, wenn etwas zerschnitten wird, in allen Variationen: auf physisch-schmerzliche Weise, wenn Dana als kleines Kind die Hörfähigkeit verliert und sie, und der Leser mit ihr, die Welt aus einer radikal anderen Perspektive wahrnimmt. Boyle schildert den Zustand meisterhaft und ohne falsches Pathos. (...) Boyle findet auch die Zwischentöne. Er ist in seinem Element. Anders als in seinem letzten Buch, Dr. Sex, in dem er sich sehr eng an die Biografie Alfred Kinseys gehalten hat, lässt er seiner erzählerischen Fantasie freien Lauf und bleibt zugleich auf erfrischende Art erdverbunden. So hat er, ohne im Mindesten belehrend zu wirken, ein großes Buch über Sprache und Wirklichkeit geschrieben. Und ohne agitieren zu wollen, auch ein hochpolitisches Buch über Klassen und den gnadenlosen Kampf aller gegen alle.
 
 
Verfasser unbekannt / Brigitte / Sepember 2006
T.C. Boyles neuer Roman ist nicht die Krönung seines eifrigen Schaffens, aber er bereichert seinen Erzählschatz doch mit neuen Facetten: mit einer Heldin, die nicht hören kann und trotzdem den Kampf mit einem Kriminellen wagt, der ihr die Identität gestohlen hat. Quer durch die USA führt die Jagd nach dem Kerl, der mit falschen Papieren auf ihre Kosten lebt und immer weiter betrügt. Einen richtigen Thriller hat Boyle da hingelegt, ein rasantes Roadmovie und eine Lovestory, die vor lauter Gasgeben aber gar nicht richtig in die Gänge kommt.
 
 
Verfasser unbekannt / Webwecker Bielefeld / September 2006
Schon mehrfach hat der amerikanische Erfolgsschriftsteller seine Vorliebe für an sich kaum glaubhafte Storys gezeigt. Sie erlauben es ihm, ernsthafte Sachverhalte grotesk zu überhöhen und sie damit für uns les- und genießbar zu machen. So auch in der in »Talk Talk« erzählten Geschichte des Identitätsdiebstahls ... (...) Wer die Romane T.C. Boyles kennt, weiß, dass er zunächst einmal spannend schreiben und uns mitnehmen will auf seine literarische Reise. Wenn er etwas anprangert, das ihm moralisch verwerflich scheint, dann tut er dies durchaus in einer sich anarchisch entwickelnden Geschichte, mitunter mit dem Blick des Satirikers. Etwas, das ihm immer wieder gelingt und das der moralischen Belehrungskraft wohltuend widersteht.
 
 
Berthold Voitl / on Leben (t-online) / Sepember 2006
Vielschreiber T.C. Boyle hat wieder zugeschlagen. Seine zahlreichen Fans wird es freuen. Wer sich etwas kritischer an die Lektüre macht, wird »Talk Talk« allerdings mit einem zwiespältigen Gefühl zur Seite legen. (...) Über etliche Seiten bietet Boyle ein mittelprächtiges Roadmovie auf Papier. Spannung kommt nur bedingt auf, wenn Dana und Bridger Burger essen und über die Schlechtigkeit der Welt reden. Am stärksten ist Boyle, wenn er die Vorgeschichte von Peck Wilson in mehreren langen Rückblenden erzählt. Man empfindet Sympathie für den gescheiterten Restaurant-Inhaber, der erst nach einem Knastaufenthalt - sozusagen auf dem zweiten Bildungsweg - zum Identitätsräuber wurde. Andere Figuren wie Danas Freund Bridger, der als Grafik-Designer in einer New-Economy-Firma ausgebeutet wird oder Danas Mutter, die ihrer Tochter stets die gleichen Vorwürfe macht, bleiben nur als Abziehbilder in Erinnerung. Fazit: »Talk Talk« ist eine nette Lektüre für zwischendurch, die über weiten Strecken unterhaltsam ist. Dem gewichtigen Thema Verlust und Bedrohung der Identität wird Boyle aber nur in den Ansätzen gerecht.
 
 
Patrik Revilo / Neue Osnabrücker Zeitung / 30. August 2006
Was tun, wenn jemand die Kreditkarte, den Führerschein, die Ausweispapiere stiehlt? Und damit die Identität seines Opfers annimmt? Diese Horror-Vision beschreibt T.C. Boyle in seinem neuen Roman »Talk Talk«. (...) Boyle beschreibt sie aus Sicht beider, der des Opfers ebenso wie aus der des Täters. Leicht und flüssig geschrieben wie ein Thriller, fast wie ein Drehbuch liest sich der Roman. Schleichend dringt die Story ein in das Gehirn der Leser. Was sie dabei auslöst, ist zwar Mitgefühl für die Geschädigte, doch wünscht man sich auch ein bisschen, dass der Bösewicht trotz seiner Gaunereien entkommen mag. Also ein Buch, das keine Antworten gibt auf die Frage nach Gut und Böse? Vielleicht. Aber wer Boyle kennt, weiß, dass er zunächst einmal spannend schreiben und den Leser mitnehmen will auf seine literarische Reise. Wenn er dann etwas anprangert, was ihm moralisch verwerflich erscheint, tut er dies durchaus anarchistisch, mitunter durch die Brille des Ironikers. Etwas, was ihm immer wieder gelingt, und etwas, was der moralischen Belehrungsschwerkraft wohltuend widersteht.
 
 
Stefan Sprang / hr online / 28. August 2006
Boyle erzählt seine Story aus zwei Perspektiven. Er beschreibt, wie Dana und ihr Freund dem Betrüger immer näher kommen. Wenn es dann besonders dramatisch wird, wechselt Boyle die Sicht und schreibt aus der Täterperspektive. Der genießt das Leben in vollen Zügen zusammen mit seiner ahnungslosen Freundin und deren Tochter, bis er darum kämpfen muss, nicht entlarvt zu werden. Dieser Perspektivwechsel sorgt für extreme Spannung. Außerdem kann Boyle zwei Seiten zeigen: Dana hat als Gehörlose ihre Persönlichkeit mühevoll aufgebaut und sinnt um so mehr auf Rache, als ihre Identität missbraucht wird. Der Dieb aber lebt gerade dadurch ausgezeichnet, dass er sein wahres Ich längst aufgegeben hat. Boyle hat aus dem hochaktuellen Thema Identitätsdiebstahl einen unterhaltsamen und zugleich klugen Krimi gemacht.
 
 
Erich Demmer / Die Presse (Spectrum) / 26. August 2006
T.C. Boyle hat mit satirischer Pranke mehrere Romane verfasst, die zum Teil in der näheren oder ferneren Vergangenheit angesiedelt sind. Nun wendet er sich einem Thema der zukunftsoffenen Gegenwart zu: der Computerkriminalität. In die Fänge anonymer Mächte kann ein Mensch unversehens geraten wie Josef K. im »Prozess«. So verwundert es nicht, dass auf den Prager im Text zweimal Bezug genommen wird (»es war wie in einem Roman von Kafka«). Doch nicht Bürokratien sind hier die Bedrohung, sondern eine nach den Interessen von Technologie und Kapital geformte Gesellschaft, die sozialen Aufstieg mit allen Mitteln predigt. Boyles gewohnt bissiger Witz fällt im neuen Roman nicht so ins Gewicht. Einerseits, weil er vielleicht mit dem Buch zeigen wollte, dass er auch eine mit dem Thriller-Genre liebäugelnde Roadnovel schreiben kann, die quer durch die USA führt. Andererseits, weil er sein Personal sehr ernst nimmt. Und zwar nicht nur das gehörlose Opfer, dessen Welt zusammenbricht, samt dessen bis über beide Ohren verliebtem Freund, sondern auch den schlauen Täter William Wilson, der sich seiner sozialen Herkunft ebenso schämt wie seines Dutzendnamens und sich daher gerne »Peck« nannte, bevor er in andere Identitäten schlüpfte. (...) Dass in »Talk Talk« der Gerechtigkeit just nicht Genüge getan wird, könnte man als Boyles Dekonstruktion des Thriller-Genres werten. In Zeiten einer rasant expandierenden Technologie, wo nach feindlichen Firmenübernahmen auch bereits ein Identity-Takeover möglich ist, könnte ein zur Versöhnung mit der Realität führendes Highnoon doch platt wirken. Mit der Wahl einer tauben Frau als Heldin ist Boyle zwar dem Verdacht ausgesetzt, Maschineur des Mitleid zu sein - aber zu Unrecht. Denn er zeichnet Dana, die ihr schwierigeres Leben souverän meistert, nicht als Opfer einer Behinderung, sondern von kriminellen Machenschaften. Da ist kein Platz für wohlfeiles Mitleid oder Mietleid. (...) »Es ist kein Thriller«, sagte T.C. Boyle in einem Interview über den Roman, »diesbezügliche Erwartungen wollte ich enttäuschen.« Und rückt so die Frage »Wer, wenn man sogar meine Identität kapern kann, bin ich?« eindrucksvoll ins Zentrum. Da hilft auch kein vorschnelles Schulterzucken mit der Abwandlung eines Rimbaud-Satzes: »Na, dann ist ich halt ein übler Anderer.« Die vom Autor initiierte Nachdenklichkeit über die Gefährdung der Identität, derer sich staatliche Organe und zeitgeistige Kriminelle bemächtigen können, währt über die Lektüre des Romans hinaus.
 
 
Jörg Magenau / Deutschlandradio / 25. August 2006
Dana, die Protagonistin des Romans »Talk Talk«, ist gehörlos, doch es gelingt dem US-Bestsellerautor nicht, etwas erzählerisch davon spürbar zu machen. T.C. Boyles hat stattdessen schlicht einen Thriller geschrieben. Allerdings muss er alles benennen und jedes Detail ausschmücken, da bleibt kein Raum für die Phantasie. Auch die Spannung hält sich in Grenzen. (...) Boyle erzählt in ständigem Wechsel mal aus der Perspektive von Dana und Bridger, dann wieder aus der Perspektive des Betrügers, der eigentlich Peck Wilson heißt. Der möchte seinen zusammengescheffelten Luxus nebst blitzschöner Russin genießen und findet es ziemlich ungerecht, von seinen Opfern aus dem süßen Leben aufgeschreckt zu werden. Der Rest sind inszenierte Begegnungen und Fluchten. Das liest sich wie das Drehbuch für einen ziemlich flachen Film mit Schnitt und Gegenschnitt, Verfolgungsjagd über den Highway und Prügelei im lauschigen Vorgarten. Boyle muss alles benennen und jedes Detail ausschmücken, um die Leere, die dieser Roman in jeder Zeile ausströmt, zu verdecken. Jedes Salatblatt auf dem Teller wird erzählt, jede Strähne im Haar und jeder Schweißtropfen geschildert. Da bleibt kein Raum für die Phantasie, wie in schlechtem Kino. Auch die Spannung hält sich in Grenzen, und Spannung wäre doch das mindeste, was man von einem Thriller erwarten darf. Wie konnte das passieren? Boyle hat stets gesellschaftlich brisante Themen bearbeitet. Zuletzt erschien sein Kinsey-Roman Dr. Sex, der sich mit der Prüderie der amerikanischen Gesellschaft auseinandersetzte. »Talk Talk« ist ein Roman ohne Thema. Der Identitätsdiebstahl, auf dem Cover als »beängstigend aktuell« angepriesen, fungiert allenfalls als Schrittmacher, so wie die Taubheit der Heldin bloße Staffage bleibt. T.C. Boyle ist geschickt genug, einen Roman auch dann schreiben zu können, wenn er eigentlich nichts zu erzählen hat. Gelegentlich ein Buch weniger, anstatt Jahr für Jahr einen neuen Schmöker vorzulegen, könnte da Abhilfe schaffen.
 
 
Shirin Sojitrawalla / Wiesbadener Tagblatt / 23. August 2006
Mit dem Satz »Ich bin nicht Stiller!« beginnt seines der berühmtesten literarischen Spiele rund um Identität und Ich-Verlust. Der amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle dreht das von Max Frisch erdachte Szenario gehörig um. »Ich bin Dana Halter!« könnte seine Protagonistin mit Fug und Recht behaupten und tut dies auch. (...) Boyle erzählt ihre Geschichte aus wechselnden Perspektiven, schaut nicht nur seiner Hauptfigur in den Schädel, sondern begleitet uns auch in das Leben ihres Freundes Bridger wie des Diebes ihrer Identität selbst: Opfer, Täter und Zeuge präsentieren ihre Sicht auf die Dinge, einzelne Szenen werden aus unterschiedlichen Wahrnehmungen heraus erzählt. Dabei ist Boyle nicht weniger gelungen als ein ausgezeichneter Thriller, unterfüttert mit Einblicken in die Welt gehörloser Menschen.Dana Halter und dem Mann, der sich mit ihrem Namen ein schönes Leben macht, entgleiten ihre Leben so unversehens wie ein Stück Seife unter der Dusche. Boyle ergreift aber für keine der Figuren Partei. (...) Ihre Biografien erscheinen als die zwei Seiten der Medaille Leben am Rande der Gesellschaft. Das zu zeigen, bedient sich Boyle der gängigen Dramaturgie eines Thrillers. Das bedeutet nicht nur, jedes Kapitel am spannendsten Punkt zu beenden, sondern die Spannung auch durch stetige Verzögerungen ins Unerträgliche zu steigern sowie den Horror in den ganz normalen Alltag zu überführen. Das Thema ist nämlich leider gar nicht aus der Luft gegriffen: Laut Wikipedia registrierte die US-Handelsaufsicht allein im Jahr 2002 168.000 Anzeigen sowie 380.000 Beschwerden wegen Identitätsdiebstahls. So ergeht es einem wie nach der Lektüre von Frank Schätzings »Der Schwarm« - als zumindest eine Weile lang schon das Stichwort »Meer« Schaudern erzeugte. Nachdem man »Talk Talk« gelesen hat, hütet man seine personenbezogenen Daten wie einen Schatz.
 
 
Kristina Pfoser / Ö1 Inforadio, Morgenjournal / 23. August 2006
Talk Talk - das ist ein Ausdruck aus der amerikanischen Gebärdensprache und meint ein entspanntes Gespräch unter Gehörlosen. Gehörlos ist denn auch Dana Halter, die Protagonistin in T.C. Boyles neuem Roman, doch von Entspanntheit ist weit und breit nichts zu spüren. (...) Auf der Suche nach dem Mann schickt T.C. Boyle Dana mit ihrem Freund in einer wilden und spannenden Verfolgungsjagd quer durch die USA - Stoff genug also für ein Roadmovie, eine Liebesgeschichte und einen Thriller. Aber: »Talk Talk«, das ist - wie Boyle betont - vor allem ein Roman über Identität und Sprache. (...) Psychologisch versiert und einfühlsam führt Boyle seine Charaktere durch diese Handlung, mit Wortwitz und Sarkasmus liefert er Stimmungsbilder aus dem heutigen US-Amerika.
 
 
Holger Reichard / tcboyle.de / 23. August 2006
T.C. Boyle liebt das Wechselspiel. Hat er gerade einen Band mit Short Storys veröffentlicht (Tooth & Claw), so muss es anschließend wieder die Kunst des Romanschreibens sein, der er sich widmet. Hat er einen historischen Roman veröffentlicht wie zuletzt Dr. Sex, so wechselt er mit dem nächsten wieder in die Gegenwart ... oder in die Zukunft. Sein neuestes Werk, »Talk Talk«, betrifft sowohl die Gegenwart als auch die Zukunft. Denn er thematisiert darin den Identitätsdiebstahl, ein ziemlich aktuelles Problem, wenn man bedenkt, dass dieses Vergehen als eines der am stärksten zunehmenden Kriminalitätsformen in hochtechnisierten Ländern gilt. Nicht nur die polizeilichen Ermittler professionalisieren ihre Methoden, auch die Kriminellen. Hierzulande mit Kameras und Scannern manipulierte Geldautomaten markieren da sicher nur den Anfang einer beängstigenden Entwicklung, deren Höhepunkt noch lange nicht in Sicht ist. Boyle ist mit seinem neuen Buch also durchaus auf der Höhe der Zeit, ihr vielleicht sogar eine Idee voraus. Opfer in seiner Geschichte ist die gehörlose Dana Halter, die eines hektischen Morgens ein Stoppschild überfährt. Die Folge: Eine Geldstrafe und vielleicht ein paar Punkte im Verkehrssünderregister? Von wegen! Dana findet sich in Untersuchungshaft wieder. Die Delikte, die ihr vorgeworfen werden, beruhen nicht einzig und allein auf einer Unachtsamkeit im Straßenverkehr, sondern reichen von Autodiebstahl bis zu Drogenmissbrauch und Angriff mit einer tödlichen Waffe. Zu Unrecht. Denn es stellt sich heraus, dass jemand ihre Identität gestohlen hat. Nach mehreren Tagen eines - nicht zuletzt wegen ihrer körperlichen Behinderung - erniedrigenden Gefängnisaufenthalts begibt sich Dana zusammen mit ihrem Freund Bridger Martin auf die Suche nach der Person, die ihr das angetan hat, nach der Person, die auf ihre Kosten in Saus und Braus lebt, auf die Suche nach Wilson Peck. Es ist der Beginn einer turbulenten Verfolgungsjagd. Den Übeltäter stellt uns Boyle in seinem neuen Buch ebenfalls ausführlich vor. Er greift damit auf eine seiner bewährten Schreibtechniken zurück: das Schildern einer Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Beim routinierten Springen zwischen den einzelnen Handlungssträngen zeichnet sich Boyle für gewöhnlich auch durch eine äußerst differenzierte Figurenzeichnung aus, völlig unamerikanisch eigentlich, weil es dem Leser dadurch schwerer fällt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. »Talk Talk« bringt den Leser nicht in diese innere Zerrissenheit. Auch wenn sich Boyle bei der Beschreibung des Identitätsräubers inklusive seines Umfeldes viel Zeit lässt, fällt es einem doch schwer, Sympathien dafür zu entwickeln. Umso größer ist hingegen die Identifikation mit Dana Halter, was angesichts ihrer körperlichen Behinderung schon bemerkenswert ist. Ein Urteil darüber, ob es Boyle gelungen ist, mit allen Sinnen ausgestatteten Menschen die Welt der Taubstummen begreiflich zu machen oder sie zumindest dafür zu sensibilisieren, sollte den Taubstummen vorbehalten sein. Eines lässt sich aber mit allgemeingültiger Gewissheit sagen: Obwohl man nicht alle Handlungen von Dana und ihrem Freund Bridger hundertprozentig nachvollziehen kann, insbesondere Danas letzte Entscheidung in diesem Buch dürfte unter den Lesern heftig diskutiert werden, so fiebert man doch mit ihnen mit. Von Anfang bis zum Ende. Wird es ihnen gelingen, Wilson Peck aufzuspüren und ihn zu stellen? Und was dann? Das sind die Fragen, die diesen Roman vorantreiben. Boyle knüpft in »Talk Talk« einen Spannungsbogen, der von der ersten bis zur letzten Seite reicht. Dementsprechend gehört der neue Roman zweifellos zu seinen besseren Werken, vielleicht ist es sogar eines seiner spannendsten Bücher, ganz sicher aber das temporeichste, das er bisher geschrieben hat.
 
 
Susanne Kapeller / wecarelife.at / 14. August 2006
Der große US-amerikanische Erzähler T.C. Boyle greift in seinem neuesten Roman ein brandaktuelles Thema auf: Einer jungen Frau wird von einem Unbekannten die Identität gestohlen. Der Dieb begeht unter ihrem Namen Verbrechen und finanziert sich mit ihren Kreditkarten ein gutes Leben. (...) Spannend bis zur letzten Seite beweist T.C. Boyle mit diesem Roman einmal mehr, dass er zu den besten Erzählern der zeitgenössischen Literatur gehört.
 
 
S. W. / indigo / August 2006
Na, Sinn für Ironie hat er ja, der Herr Boyle. Einen Roman mit einer taubstummen Heldin mit »Talk Talk« zu überschreiben. Das war's dann aber auch schon an Spektakulärem, gelingt es ihm doch nicht, seiner Geschichte ausreichend Tempo und Wahnwitz zu verpassen. Immerhin wird der jungen Frau die Identität geklaut und der böse, böse Dieb geht erst mal ausgiebig shoppen, bis ihm Dana [die taubstumme Heldin] auf die Schliche und Fährte kommt. Das unterhält zwar, und ab und an schimmert etwas Wortwitz durch, reicht allerdings für 400 Seiten nicht ganz aus.
 
 
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