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Talk Talk
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren |
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| Nino Ketschagmadse /
Kulturküche Nürnberg / 25. Mai 2007 |
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| Der sprachgewaltige Boyle scheitert an seinem Anspruch, die Innenwelt einer Gehörlosen für »Hörende« begreifbar zu machen. Er beschreibt, was ohnedies bekannt ist: wie peinlich ist es, von allen angestarrt zu werden, wie schwer es fällt, manchmal Lippen zu lesen, wie sensibel Anderer Sinne gegenüber Tauben sind und ähnliches. Verglichen mit ihrem Widersacher bleibt [die Protagonistin] Dana recht farblos, ähnlich wie ihr »hörender« Freund, der per Bankauskunft die Telefonnummer des Täters herausbekommt und an ihm anschließend seine Identität verliert. (...) Der Autor erzählt seine Geschichte abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven und gibt dem Leser so Stück für Stück Einblicke in das Leben der Protagonisten. Er beschreibt ihre Vergangenheiten, Motivationen, Verhaltens- und Denkweisen. Er verhöhnt die Gesellschaft, für die nur das Materielle zählt, zeichnet atemberaubend das Ausgeliefertsein gegenüber Machtstrukturen nach. Allerdings glänzt »Talk Talk« mit solchen starken, sprachlich wie inhaltlich spannenden Passagen nicht bis zum Schluss. Der Spannungsbogen verliert mit der Zeit deutlich an Kraft. |
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| Irene Binal /
Neue Zürcher Zeitung / 10. Januar 2007 |
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| T.C. Boyle begibt sich in seinem Roman auf ein ganz neues Terrain. Nicht um Hippie-Kommunen und LSD geht es diesmal, und auch nicht um sexuelle Revolutionen - dieses Buch ist vielschichtiger und abgründiger als frühere Werke. Boyle, der selbst lange Zeit das Leben eines gesellschaftlichen Außenseiters führte, beschäftigt sich mit einem etwas anderen Außenseitertum: mit Danas ständigem Kampf um ihren Platz in einer Gesellschaft, die sie als »behindert« abqualifiziert; mit ihrer Suche nach der eigenen Identität und der Tatsache, dass diese in der modernen Zeit zunehmend brüchiger und angreifbarer zu werden scheint. (...)
Dass sich ausgerechnet der für seine geschwätzige Prosa bekannte T.C. Boyle nun die Welt der Lautlosigkeit vorgenommen hat, mutet auf den ersten Blick fast ironisch an, so wie sich der Autor schon mit dem Titel ein wenig auch über sich selbst lustig zu machen scheint. »Talk Talk«, der amerikanische Ausdruck für ein Gespräch unter Gehörlosen mittels Gebärden, erhält vor diesem Hintergrund eine bestrickende Vielschichtigkeit.
Noch überraschender aber ist es, dass Boyle, ohne seinen zappeligen Stil zu verleugnen, tatsächlich ein glaubwürdiges Bild von Danas lautloser Welt zu transportieren vermag. Aus dem Aufeinanderprallen dieser beiden Extreme - eine flatterige Prosa, die ein permanentes Moment der Stille zum Thema hat - bezieht das Buch einen ganz eigenen Reiz, zeigt eine Doppelbödigkeit, die man bei Boyle bisher kaum in dieser Ausformung gefunden hat: Er präsentiert sich nachdenklicher und ernsthafter als zuvor, geht tiefer in die menschliche Psyche und beweist, dass er auch das Spiel mit den Zwischentönen und Grauschattierungen in den Lebenswelten seiner Protagonisten beherrscht. |
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| Walter von Rossum /
Deutschlandfunk / 10. Dezember 2006 |
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| T.C. Boyle hat keinen Kriminalroman über eine relativ neue Sorte von Verbrechen, den Identitätsdiebstahl, geschrieben. Er nutzt in»Talk Talk« das relativ neue Phänomen, um in ein sehr viel komplizierteres und obendrein schwer vermintes Gebiet vorzudringen: die Identität einer Person. Und das ist eine zentrale existenzielle Paradoxie der Moderne. (...) Die Jagd quer durch die Vereinigten Staaten ist so unglaublich spannend, steckt derart voller dramatischer Finten und Finessen, dass man fast geneigt ist, diesen Spannungsbogen dem Autor zum Vorwurf zu machen. Nicht allein als Anwalt des eigenen Nervenkostüms, sondern der Leser gerät in Gefahr wegen des Krimiplots die großartigen erzählerischen Nuancen des Romans aus den Augen zu verlieren. Übrigens hätte es keinen Sinn, mal schnell einen Blick auf die letzte, auf die 395. Seite zu werfen, um sich des glücklichen Endes zu versichern. Es gehört zu den Qualitäten dieses Buches, dass sein Ende jenseits von glücklich und unglücklich verläuft. Und man kann es erst verstehen, nachdem man 395 Seiten lang auf dieses Ende hin erzählerisch trainiert wurde. (...) Zeile für Zeile beschreibt T.C. Boyle eine Welt, in der Identitätsdiebstahl gewissermaßen eine Lebensform ist. Alles sieht aus wie etwas, alles schwitzt vor präparierter, inszenierter Bedeutung. Das Label als Heimat. In den Villenviertels Neuenglands stehen mehr englische Villen als in England je gestanden haben - und englischer als in England. An gewissen Straßen Kaliforniens steht ein verkleinertes Loire-Schloss neben einer maurischen Kashba, gefolgt von einem toskanischen Landhaus. Der größte Schutz gegen den flüchtigen Hauch des Scheins bietet die Aura der Tradition. Als kämen die Dinge und die Menschen von weither aus angestammten Gebieten. Würde des Seins. Alles gerät zur Requisite eines Stils. Man könnte das als Geschmacksfrage abtun, womöglich sogar als »typisch amerikanisch«. Doch in Wahrheit geht es um die existenzielle Verfassung der Moderne. Und diese Verfassung hat in T.C. Boyle einen glänzenden Chronisten gefunden. |
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| Verfasser unbekannt /
nachrichten.at / 22. November 2006 |
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| Zu den spannenden Elementen
von T.C. Boyles Roman gehört, dass er uns parallel zur Perspektive
von Dana und Bridger auch die Perspektive des Betrügers plausibel
macht. So bleibt Peck Wilson nicht der anonyme Böse, sondern
er erscheint uns erschreckend normal, möchte der schönen Russin,
die er sich zugezogen hat, ein bisschen Luxus bieten und versteht
nie so ganz, warum man ihm dieses kleine Glück nicht gönnen
will. Ob dem Identitätsdiebstahl in den USA wirklich die »beängstigende
Aktualität« zukommt, die vom Klappentext beschworen wird, können
wahrscheinlich nur Kenner des kriminellen Milieus einschätzen.
Und ob Danas Perspektive in Boyles Version einigermaßen authentisch
das Erleben eines gehörlosen Menschen wiedergibt, können vermutlich
auch nur Leserinnen beurteilen, die selbst von Gehörlosigkeit
betroffen sind. Zweifel erscheinen mir angebracht. |
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Frank Dietschreit / Märkische Allgemeine / 11. November
2006 |
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| In »Talk Talk« nimmt
der amerikanische Romancier T.C. Boyle ein aktuelles Thema aufs
Korn: Denn in der modernen Informationsgesellschaft, wo sich
jeder über das Internet Zugang zu den Daten anderer Personen
verschaffen kann, wo Daten manipuliert und Einkäufe genauso
wie Krankenhausaufenthalte nur noch mit Plastikkarten bezahlt
werden, ist es ein Leichtes, das Leben eines anderen zu führen.
(...) »Talk Talk« ist wie ein Roadmovie, manchmal braust
Boyle mit [der Hauptfigur] Dana über die amerikanischen Highways,
manchmal lässt Boyle seine Heldin müde ins Bett eines billigen
Motels fallen, damit sie ihre Eindrücke verarbeiten und neue
Kräfte sammeln kann. Es ist ein Roman über die Schwierigkeit,
nicht nur im Recht zu sein, sondern auch Recht zu bekommen.
Vor allem, wenn man solch einem gerissenen und skrupellosen
Gegner gegenüber steht wie Peck Wilson. Das nämlich ist der
Name des Identitätsdiebes, und je näher Dana und [ihr Freund]
Bridger ihm auf den Fersen sind, desto besser lernen wir diesen
Unhold kennen. Boyle erzählt aus wechselnden Perspektiven. Gelegentlich
erzählt er sogar ein und dieselbe Episode gleich mehrfach. Jeder,
Dana, Bridger, Peck, hat ein anderes, subjektives Verständnis
dessen, was passiert, jeder sieht die Realität mit anderen Augen.
Jeder bastelt sich seine eigene Welt. In Danas Welt gibt es
keine Geräusche, und wie sehr sie das bedrückt, kommt vielleicht
am besten darin zum Ausdruck, dass sie nebenbei an einem Roman
über Victor von Aveyron schreibt, also über jenen mysteriösen
Jungen, der Ende des 18. Jahrhunderts in einem südfranzösischen
Wald gefunden wurde und in einer Taubstummenanstalt endete.
Wundert es da, dass Boyles hintersinnig erzählter Roman sowohl
gut wie böse ausgeht? Es kommt eben darauf an, wer das Ende
erzählt und wie er es erlebt. Der trickreiche, mit einem offenen
Ausgang spielende Roman hat nur einen Nachteil: Er ist ein bisschen
zu lang geraten, verliert zwischendurch an Tempo und Spannung.
Dass Boyle einige Nebenhandlungen hätte verknappen oder ganz
streichen können, beweist die auf vier CDs komprimierte Hörbuch-Fassung:
Jan Josef Liefers liest Boyle, als wäre er ein Seelenverwandter
des Autors. Großartig. |
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| Andrea Kroll / rhein-main.net
/ 12. Oktober 2006 |
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| Talk Talk - reden,
reden, reden, heißt es an einer Stelle. Doch Reden allein ist
nicht alles, man muss auch ein Thema haben. Identitätsdiebstahl
ist nur ein Aufhänger, Gehörlosigkeit bloß eine Zugabe. Hier
zeigt sich die große Schwachstelle in Boyles Roman, auch wenn
er ein gewiefter Erzähler ist. Über große Strecken plappert
er einfach nur, sei es über die Zubereitung von diversen Gerichten,
gewagte Wagenmanöver, Speisekarten von Schnellrestaurants, aufkommende
Körpergerüche und dergleichen mehr. Im ersten Drittel des Romans
ist der Leser noch gefangen in einer gewissen Spannung, die
jedoch von Boyles Geschwätzigkeit nach und nach absorbiert wird.
Das eigentliche Thema geht darüber verloren. Oder sollte tatsächlich
Kurosawas grandioser Film »Rashomon«, auf den Boyle in
einer Passage anspielt, den Fokus bilden? Dieser Bezug wäre
wahrhaft überstiegen: Weder die subtile Auslotung der verschiedenen
Perspektiven, noch die atmosphärische Dichte erreicht der Roman.
Leider, muss man sagen, ist aus dem so gut gewählten Stoff nicht
mehr als die Vorlage für ein Road-Movie entstanden, dass sich
in filmreifen Verfolgungsjagden, Lifestyle-Inszenierungen oder
attraktiven Frauen erschöpft. (...) Die Filmrechte sollen schon
verkauft sein. |
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| Uta Beiküfner / Berliner
Zeitung / 09. Oktober 2006 |
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| T.C. Boyle war einmal der coolste Schriftsteller
Amerikas. Keiner konnte seine Helden so abgebrüht über Sex reden
lassen wie er, keiner konnte sie so lässig durch das Innere
Afrikas spazieren lassen. Sein neues Buch ist eine Enttäuschung,
es besitzt nur den Charme der abgelatschten Schuhe, mit denen
diese Entfernungen einst zurückgelegt wurden.(...) irgendwann
wird das, was als Roman über Sprache und Identität begonnen
hat, zum Jungsspiel, das einer Mode folgt, die noch keiner trägt.
Identität ist ein vielschichtiges Thema, sie manifestiert sich
in gesellschaftlichen Beziehungen und Verhaltensweisen. Bei
Boyle entscheidet nur die Kreditkarte darüber: Ich kaufe, also
bin ich. Seitenlang gehen die Figuren Einkaufen, stopfen Steaks
in sich hinein, genießen mit einem Drink in der Hand die unmäßigen
Sonnenuntergänge an der Westküste Amerikas. Apartments werden
gemietet, Strandhäuser verkauft und Herrenhäuser gekauft. Frauen
werden mit dem ausgestattet, was den Reiz eines wilden Tieres
auf einer Safari ausmacht: Geschmeidigkeit und Schönheit. Wenn
doch mal eine klug ist, stellt es den Gipfel an Verlottertheit
dar, wenn sie ungeschminkt aus dem Haus geht. Das alles ist
sehr amerikanisch und der Leser kann darin eine Kritik der Welt
des Konsums sehen, er kann darin aber auch die schnellgeschriebene
Variante eines trendigen Romans vermuten, der den Geschmack
von vielen treffen will. Beides überzeugt nicht, denn Boyles
neues Buch ist so leicht wie ein kalifornischer Morgen und so
unmäßig wie ein doppelter Hamburger. Anstelle von Psychologie
kleidet der Autor seitenlang seine Figuren ein und stattet sie
mit einem bestimmte Geschmack aus: Was sie trinken, wo sie einkaufen,
wie sie ihre Parties feiern, ist wichtiger als Psychologie.
Oberflächenreize treiben die Story voran und die Figuren auf.
Abenteuer wird durch Action ersetzt, die nichts anderes ist
als Bewegung: Menschen brechen nur auf, um in der nächsten Shoppingmall
anzukommen. Mit dieser Handlung misst Boyle nicht das Innenleben
seiner Figuren aus, er vermisst lediglich den amerikanischen
Highway. Der aber ist lang, so lang wie noch keine 395 Seiten
von T.C. Boyle waren. |
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| Wieland Freund / Die
Welt / 07. Oktober 2006 |
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| T.C. Boyle hat es eilig; seine Romane
jedenfalls werden immer schneller. (...) Mit flinken Fingern
fühlt Boyle dem Informationszeitalter den Puls. Und doch ist
Boyle Traditionalist. Mustergültig entfaltet er einen Thrillerplot
(...) Quer durch die USA schickt Boyle seine Helden, immer auf
der Jagd nach dem falschen Dana Halter. Und je weiter das Land,
desto existentieller die Einsamkeit. Auch in der Roadnovel kennt
Boyle sich aus: staubige Straßen, quietschende Reifen, dazu
das Aroma von Motelrooms und ungewaschener Freiheit. Dabei hält
Boyle das Tempo so hoch, dass die kleinen Unwahrscheinlichkeiten
des Plots am Straßenrand vorbeifliegen. Aber Boyle wäre auch
dann nicht Boyle, beließe er es beim entschlossen inszenierten
Spektakel. Je billiger er seine Romane verpackt, desto teurer
ist ihm ihr wahrer Kern: In T.C. Boyle schlummert eben ein Didaktiker.
Nie war Boyle so offen angeekelt vom großen Fressen und Raffen
der Konsumgesellschaft, die er beschreibt, wie hier, nie hat
er eine im positiven Sinn weltfremdere, strahlendere Heldin
ersonnen, an der sich seine Leser, deprimiert vom blanken Materialismus,
moralisch aufrichten sollen. Dana Halter nämlich ist gehörlos,
sie lebt in einer, so scheint es zuweilen, paradiesischen Stille.
Zwar ist ihre Behinderung sehr wohl auch eine Belastung, was
Boyle zu nutzen weiß, will er die Spannung steigern, vor allem
aber scheint ihre Gehörlosigkeit Dana gegen so manche Anfechtung
der modernen Welt zu imprägnieren. Tatsächlich gibt es Momente,
da kommt sie einem wie eine Jeanne d'Arc des Wesentlichen vor,
wie ein im Drachenblut der Stille gebadeter weiblicher Siegfried.
Boyle ist ein Erbe Thoureaus, und selten ist das deutlicher
geworden als hier. Kein Wunder, dass Boyle Dana zur Schriftstellerin
macht; kein Zufall, dass Dana an einem Roman über Victor von
Aveyron schreibt, den »wilden« Jungen, der Ende des 18. Jahrhunderts
in einem südfranzösischen Wald aufgefunden wurde und in einer
Taubstummenanstalt endete. Und keine Frage: die Liebesgeschichte
in »Talk Talk« muss traurig enden. Dana ist überirdisch
und soll es bleiben: Bridger, ihr treuer, doch irdischer Freund,
kann gehen. Am Ende ist »Talk Talk« ein Dreipersonenstück
und Bridger seine interessanteste Figur. Er ist der einzige
Mensch im Tempodrom eines Romans, der seinen Bösewicht von vornherein
zum Ork erklärt und seine Heldin zur Elfe. Boyle weiß das: »Talk
Talk« geht mit Bridgers Sündenfall erst richtig los - vor
dem Computer bearbeitet er einen Film und tauscht Gesichter
aus - und endet mit Bridgers Vertreibung aus dem Paradies seiner
Beziehung. Zum bösen Schluss muss Bridger an den Computer zurück
und wieder und wieder die Realität fälschen - »überwölbt«, heißt
es höhnisch und traurig zugleich, »vom blausten Himmel des Universums.« |
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| Johanna Grillmayer /
ORF.at / Oktober 2006 |
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| Das Spiel mit den Identitäten, das
Spiegeln der Hauptfiguren im jeweils anderen macht den Hauptreiz
von »Talk Talk« aus. Passagenweise schreitet die Handlung
allzu träge voran, zu häufig dominieren Reflexionen der Hauptfiguren
über ihre jeweilige Situation. Das skurrile Element, eines der
liebsten Stilmittel T.C. Boyles, bleibt in seinem neuen Werk fast
völlig auf der Strecke. Auch der abgründige Humor, der das Werk
des Literaturprofessors sonst auszeichnet, blitzt hier selten
auf. Die einfühlsame Zeichnung der Personen überzeugt jedoch,
und wer Boyles ruhigere Werke schätzt, wird auch dieses Buch
gern lesen. |
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| Martin Wolf / Der Spiegel
/ Oktober 2006 |
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| T.C. Boyle, der begnadete Vielschreiber,
erkundet in seinem elften Roman die Welt der Gehörlosen: »Talk
Talk« bezeichnet eine entspante Unterhaltung in Gebärdensprache.
Nur dass [die Hauptfigur] Dana niemals entspannt ist, geht es
doch um ihre Existenz und ihre Ehre. Boyle gönnt seiner Heldin
keinen Behindertenbonus - und keine Pause. In rasanten Satzkaskaden
treibt er die Geschichte voran, bis zum Showdown. »Talk Talk«
sei »Naturalismus des 21. Jahrhunderts«, schwärmt die New York
Times Book Review, doch Boyles brillante Prosa bietet mehr als
das: ein zeitloses Vergnügen. |
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| Sascha Krüger / public
- GALORE Kulturjournal / Oktober 2006 |
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| ... der Boyle-typische Parforceritt
durch eine spannend geknüpfte, dicht und bildgewaltig formulierte
Geschichte. Waren es bisher meist die Tücken der Natur, die
das Leben von Boyles Figuren zur Hölle machten, ist es nun die
moderne Welt. Systemkritik, verpackt in einem Krimi: So was
kann nur diese geniale Wildsau unter den zeitgenössischen Autoren.
Umwerfend. |
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| Christian Seiler / Die
Zeit / 28. September 2006 |
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| ... atemlos, atemberaubend, ein Roadmovie,
die etwas ungeschickten Guten auf der Fährte der etwas zu geschickten
Bösen, quer durch Amerika, und einem ersten, kleinen Showdown
im Westen folgt der zweite, endgültige Showdown im Osten, und
dann befinden wir uns bereits jenseits von Seite 300 und müssen
kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen, dass T.C. Boyle diesmal einen
für seine Begriffe ungemein kurzen Roman abgeliefert hat. Schade.
Wir kennen Boyle als den Epiker von World’s End und Wassermusik,
von virtuos geschriebenen, nicht enden wollenden Erzählungslabyrinthen,
in denen Tote auferstehen und Wölfe zu Vegetariern werden. Wir
kennen Boyle als Märchen erzähler für die Popgeneration, wofür
wir ihn lieben, verehren und ganz zu Recht in einem Atemzug
mit William Burroughs, Hunter S. Thompson oder Irvine Welsh
nennen. Wir schätzen seinen Witz; sein pfauenfederhaftes Assoziationsvermögen.
Er hat so viel Humor, dass er notfalls mit Pointen geizen kann,
und obwohl - oder weil - T. Coraghessan Boyle nie den wirklich
mainstreamigen Mainstream touchierte, wurde er berühmt, ein
Star, ein Nutznießer der verschwimmenden Grenzen von Hoch- und
Gegenkultur. (...) Wenn Boyle für »Talk Talk« nun die Form
des Krimis wählt, hält er sich sklavisch an die Regeln des Genres.
Er treibt die Handlung mit der nötigen Tankfüllung Spannung
voran – die Beklauten jagen auf eigene Faust den Dieb - und
macht bloß wie zufällig links und rechts der Handlung Station,
um die Geschichten auszuladen, die er eigentlich loswerden will:
die Satire auf das Geschmacksdiktat der gehobenen Milieus an
der Westküste; die Karikatur der schreiend komischen Kaste der
Computer programmierender Nerds; die schnurgerade Analyse des
kommunikationstechnischen Spezialfalls Gehörlosigkeit. »Das
passierte, wenn Gehörlose zusammenkamen: Sie redeten, sie redeten
unentwegt, sie redeten, wie Bridger jetzt redete, nur mit den
Händen. Der Zeigefinger tippte an den Mund, um die Worte zu
zeigen, die herauskamen. (…) Kommunikation, das universale Bedürfnis.
Information. Zugang. Ein Ausgang aus dem Gefängnis der Stille.
Talk Talk - reden, reden, reden.« Kein Mitleid für
niemand, kein Voyeurismus, bloß ein spannungsgetriebener, moderner
Gesellschaftsroman: Das Roadmovie mündet in ein Furioso menschlicher
Verstrickungen. Das von der Jagd, aber auch von einander erschöpfte
Verfolgerpaar stellt den Identitätsräuber am Gartenzaun seiner
Mutter, der er, auf deren Wunsch, seine altmodische Geliebte
vorstellen möchte. Sie geraten aneinander, Fäuste fliegen, Blut
rinnt, die Geschichte löst sich … fast, aber Boyle holt noch
einmal Atem, für das allerletzte Furioso. Fein gezeichnete Figuren
begeben sich in Stellung: Die komplexe, taube Dana, voller trotziger
Energie; ihr loyaler, etwas tapsiger Boyfriend Bridger, der
bei allem Einsatz nichts zu gewinnen hat; der smarte, trittsichere
Berufsverbrecher Peck, Ex-Dana-Halter, der den drohenden Abschied
von seiner gesellschaftlichen Reiseflughöhe um jeden Preis verhindern
will. Drei, zwo, eins, null: Das Ende ist jedenfalls anders.
Boyle tut, was wir von ihm erwarten: Er schlägt uns ein Schnippchen,
sein Ruf ist gerettet. |
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| Regula Fuchs / Der Bund
/ 20. September 2006 |
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| T.C. Boyle vergibt in »Talk Talk«
die Chance, aus einer faszinierenden Thematik einen bedrängenden
Roman zu machen. Mit seinem neuen Roman offenbart der Vielschreiber
ein Formtief. (...) Boyle vermag keinen doppelten Boden unter
den nur leidlich spannenden Plot zu ziehen, schafft es nicht,
etwa der Thematik von Sprache und Identität mehr Dringlichkeit
zu verleihen als mit ein paar nachlässig eingeflochtenen Motiven.
Bei der Schilderung der gehörlosen Dana gibt sich der amerikanische
Vielschreiber gar mit Klischees zufrieden. (...) Die gewohnte
Skurrilität Boyle’scher Figuren, die Schärfe seiner Analyse,
das Überraschende seiner Metaphern sucht man im neuen Roman
vergebens - es scheint, als fehle Boyle der gesellschaftliche
Mikrokosmos, die Nährlösung aus allerlei menschlichen Makeln,
auf der sonst sein Spott, seine Imagination, sein schriftstellerisches
Talent zum Blühen kommt. |
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| cs / Kultunrnews / 11. September 2006 |
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| Starautor T.C. Boyle versucht sich
im Thrillergenre und wählt ein hochaktuelles Thema: Identitätsdiebstahl.
Opfer ist die junge, schöne, gehörlose Dana Halter. (...) Fantastisch,
mit welcher Sensibilität Boyle die Gefühlswelt seiner gehörlosen
Heldin veranschaulicht. Auch Spannungselemente gehen ihm von
der Hand, als wäre er ein alter Thrillerhase. Fraglich nur,
warum T.C. Boyle sich überstrapazierten Krimikonventionen unterordnet.
Warum braucht er als Opfer die personifizierte Unschuld und
macht einen abgrundtief bösen Schurken ohne Sympathiepunkte
zum Täter? Von einem Autoren seines Ranges hätte man mehr Grautöne
erwarten dürfen. |
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| Verfasser unbekannt /
rbb online / 10. September 2006 |
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| Wenn man nach 394 Seiten den Roman
zuklappt, weiß man auch nach längerem Nachdenken nicht wirklich,
was uns T.C. Boyle hier erzählen wollte. (...) in diesem seltsam
indifferenten Roman, der am ehesten noch irgendeine Art von
Krimi sein könnte, etwa in der Art wie sie Michael Crichton
schreibt - irgendwas, was grad in der Luft liegt, wird in eine
spannende Handlung gepackt - und dies soll jetzt also der Identitätsdiebstahl
sein - nun gut, nur, dass das sich offenbar bis Europa noch
nicht so richtig durchgesetzt zu haben scheint. |
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| Susanne Rössler /
Österreich - OE24 / 09. September 2006 |
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| T.C. Boyles Romane spielen immer in
abseitigen Welten. In seinem neuen Buch »Talk Talk« lernen
wir die Welt der absoluten Stille kennen: Im Alltag der gehörlosen
Lehrerin Dana Halter existiert Musik nur als Vibration, sind
Gerüche lebenswichtige Informationsquellen und Menschen nur
zu verstehen, wenn sie ihnen auf den Mund schaut. Aber die junge
Frau ist alles andere als hilflos oder unselbständig, sie hat
es gelernt, sich durchzusetzen und strotzt vor Selbstbewusstsein.
Bis sie plötzlich in die Maschinerie des Polizeiapparats gerät.
»Und immer, wenn man mit der Bürokratie zu tun bekommt, führt
das zum Desaster«, sagt T.C. Boyle im ÖSTEREICH-Gespräch über
seinen kafkaesken Thriller. Der, so der US-Autor, von einer
existenzielle Frage handelt: »Wer bin ich? Was macht die Identität
eines Menschen aus?« Stellt man diese Frage T.C. Boyle selbst,
antwortet er lieber ausweichend: »Ich weiß auch nicht mehr über
mich, als dass ich ein zu cleveres, zu abergläubisches Tier
bin, das auf seinem Weg ins Grab ist.« Weniger kryptisch erzählt
Boyle von Danas Desaster (...) Von der Polizei bei der Aufklärung
im Stich gelassen, setzt Dana zu einem furiosen Rachefeldzug
gegen ihren Doppelgänger an. »Peck«, dessen Geschichte Boyle
kapitelweise abwechselnd mit der Danas weiterführt, ist ein
typischer Boyle-Held: Ein extremer Fanatiker, ein Außenseiter,
ein Loser, der mehr sein will, als er sein kann. (...) Dass
T.C. Boyle durchgeknallte Fanatiker sympathischer sind als herzensgute,
hochanständige, brave Bürger, bestätigt sich auch im Laufe von
»Talk Talk«: »Peck« ist zwar ein Schurke, aber viel mehr
als das ist er ein Getriebener, der den Anforderungen der kapitalistischen,
erfolgsorientierten Gesellschaft um jeden Preis genügen möchte.
Was fasziniert Boyle so daran, dass er immer wieder über Fanatiker
schreibt? »Wie Ihnen jeder sagen kann, bin ich selbst ein Fanatiker
erster Güte. Zum Glück kanalisere ich das in meinen Romanen.« |
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| Ulrich Steinmetzger /
HNA / 06. September 2006 |
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| Immer ist die Welt, in der gerade
gelebt wird, die modernste. Und immer ist es eine Aufgabe der
Schriftsteller, die Fortschrittseuphorie ein wenig zu dämpfen.
Wie eine gigantische Erzählmanufaktur hat T.C. Boyle das in zehn
dicken Romanen getan. Die Leser folgten ihm bis ans Ende der
Welt, ins ernährungsdiktatorische Sanatorium des John Harvey
Kellogg, auf Hanffelder, in Hippiekommunen und durch enthemmte
Versuchsanordnungen des Sex-Doktors Alfred Kinsey. Die Leser
folgten ihm gern, weil sie heftig unterhalten wurden und auch
noch etwas Finsteres lernen durften. Nun gibt sich der Autor
eine Steilvorlage, die er nicht erlaufen kann. Wie in einem
Kafka-Roman sollte es zugehen im neuen Buch »Talk Talk«,
das sein schwächstes geworden ist, weil fast nichts von dem
zu finden ist, was Boyle so unnachahmlich machte. Nicht das
reifenquietschende Tempo, nicht die schreiend komisch ins Absurde
gesteigerte Normalität, keine Figuren, die man ihm glaubt, keine
Eskapaden des Absonderlichen, kaum diese wie aus dem Stand kommenden
aberwitzigen Beschreibungen kleiner Dinge und schon gar kein
großes Ganzes, das normal beginnt, um sich ins finale Desaster
zu steigern. |
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| Thomas Ludwig / Handelsblatt / 04.
September 2006 |
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| Bestsellerautor T.C. Boyle weiß, was
er seinen Fans schuldig ist. Zuverlässig liefert er Buch um
Buch im Zwei-Jahres-Takt, zuletzt sogar schneller. Das gibt
Anlass zu zwei Bemerkungen. Erstens: Der suchtgefährdete Fan
konsumiert die Droge und ist unabhängig von der Qualität des
Stoffs high. Zweitens: Der nicht ganz so eingefleischte Fan
ist enttäuscht oder ärgert sich. Tatsächlich ist der Anspruch
an Bestsellerautoren, sie könnten von Story zu Story zulegen,
zweifelhaft. Und dennoch: Boyle dürfte die Erwartungshaltungen
selten so enttäuscht haben wie mit seinem soeben auf Deutsch
erschienenen Buch »Talk Talk«. (...) Boyle schildert die
Geschehnisse abwechselnd aus Sicht des Opfers und des Täters.
Doch außer einer Roadnovel, einer Verfolgungsfahrt durch die
USA, an deren Ende Dana und Peck aufeinander treffen, macht
Boyle wenig daraus. Die Welt der Gehörlosen wird nachvollziehbar,
aber nicht nachhaltig fühlbar. Und Flachbrettbohrer Peck weckt
alles andere als Interesse, geht gerade mal als Abziehbild der
Konsumgesellschaft durch. Dabei weist Boyle im Zeitalter von
Kreditkarten und virtueller Identitäten mit seinem Plot um den
Persönlichkeitsdiebstahl treffend auf die Verletzlichkeit von
Persönlichkeit und Identität hin. »Es ist unmöglich, dieses
Buch zur Seite zu legen«, schreibt Boyle in einem Grußwort an
seine Leser. Sicherlich weiß er es besser. Ein pageturner
ist »Talk Talk« nicht. Vor allem im Mittelteil plätschert
die Story vor sich hin. Was an zündenden Ideen fehlt, kompensiert
Boyle mit Klein-Klein. Wie der Fiesling seine Gourmet-Speisefolgen
zubereitet, interessiert nun wirklich nicht - zudem bemüht Hobby-Koch
Boyle hiermit Szenen, die man zur Genüge kennt. Auch der skurrile
Humor vergangener Bücher befeuert »Talk Talk« kaum. Metaphern,
die wirklich überzeugen, sind selten. Fazit: Der Darling des
Literaturbetriebs kann mit seinem jüngsten Buch nicht an Meisterwerke
wie Wassermusik (1987), Willkommen in Wellville
(1993) und América (1996) anknüpfen. Nur der Fan,
der die Distanz zum Herrn und Meister verloren hat, wird »Talk
Talk« für unwiderstehlich halten. Leser, die Boyle einfach
lieben, werden ihm eine Schaffenspause gönnen - und sich auf
das nächste Buch in drei, vier Jahren freuen. |
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| C. S. Reissman, dpa / Magdeburger
Volksstimme / 04. September 2006 |
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| T.C. Boyles Prosa ist brillant, böse
und witzig, absurde Situationen und schwarzer Humor sind seine
Spezialitäten. (...) Sein neuer, elfter Roman »Talk Talk«
spielt mit ganz konkreten Ängsten im modernen Amerika: Es geht
um perfiden Identitätsdiebstahl. Davor wird täglich in TV-Spots
gewarnt, reale Horror-Geschichten gibt es dazu immer wieder
in der Presse. Als Thriller, Road-Movie und Gesellschaftskritik
in einem ist »Talk Talk« weniger absurd als unterhaltsam.
(...) »Schriftsteller sind die ursprünglichen Identitätsdiebe«,
hat der 57-jährige T. Coraghessan Boyle vor kurzem in einem
Interview mit der »Welt« gesagt. Und so gelingt es ihm auch
dieses Mal wieder, die Kontrahenten und Beziehungsgeflechte,
die Eitelkeiten und Ängste wunderbar darzustellen. Die Perspektiven
springen zwischen beiden hin und her. Sympathien für Opfer und
Täter, Jäger und Gejagten verteilt Boyle dabei nicht. Gut und
böse sind so relativ wie die Namen auf einer Kreditkarte. Am
Ende gibt es wie bei jedem potenziellen Hollywood-Film einen
Showdown, in dem sich die Rollen wiederum umkehren. Auch wenn
seine Figuren selbst nicht sehen, wo der Ausgang ist, dem Leser
lässt Boyle immer den Überblick. Das macht das Lesen sehr vergnüglich. |
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| Michael Freund / Der Standard
/ 02. September 2006 |
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| T.C. Boyle lässt in »Talk Talk«
seiner erzählerischen Meisterschaft wieder freien Lauf. (...)
»Talk Talk« ist, anders als kolportiert, kein Roman über
Internetkriminalität. Das Netz spielt nur am Rande eine Rolle
bei der Zerstörung intakter Biografien, zentraler ist, wie persönliche
Kontakte ausgenutzt werden und was triebhafter Ehrgeiz und Knasterfahrung
anrichten. »Talk Talk« ist auch keine Vorlage für ein Roadmovie.
Die Jagd quer durch die Staaten skizziert Boyle nur auf wenigen
Seiten. Vielmehr beschäftigt sich sein Roman damit, was passiert,
wenn etwas zerschnitten wird, in allen Variationen: auf physisch-schmerzliche
Weise, wenn Dana als kleines Kind die Hörfähigkeit verliert
und sie, und der Leser mit ihr, die Welt aus einer radikal anderen
Perspektive wahrnimmt. Boyle schildert den Zustand meisterhaft
und ohne falsches Pathos. (...) Boyle findet auch die Zwischentöne.
Er ist in seinem Element. Anders als in seinem letzten Buch,
Dr. Sex, in dem er sich sehr eng an die Biografie Alfred
Kinseys gehalten hat, lässt er seiner erzählerischen Fantasie
freien Lauf und bleibt zugleich auf erfrischende Art erdverbunden.
So hat er, ohne im Mindesten belehrend zu wirken, ein großes
Buch über Sprache und Wirklichkeit geschrieben. Und ohne agitieren
zu wollen, auch ein hochpolitisches Buch über Klassen und den
gnadenlosen Kampf aller gegen alle. |
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| Verfasser unbekannt / Brigitte /
Sepember 2006 |
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| T.C. Boyles neuer Roman ist nicht
die Krönung seines eifrigen Schaffens, aber er bereichert seinen
Erzählschatz doch mit neuen Facetten: mit einer Heldin, die
nicht hören kann und trotzdem den Kampf mit einem Kriminellen
wagt, der ihr die Identität gestohlen hat. Quer durch die USA
führt die Jagd nach dem Kerl, der mit falschen Papieren auf
ihre Kosten lebt und immer weiter betrügt. Einen richtigen Thriller
hat Boyle da hingelegt, ein rasantes Roadmovie und eine Lovestory,
die vor lauter Gasgeben aber gar nicht richtig in die Gänge
kommt. |
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| Verfasser unbekannt / Webwecker Bielefeld
/ September 2006 |
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| Schon mehrfach hat der amerikanische
Erfolgsschriftsteller seine Vorliebe für an sich kaum glaubhafte
Storys gezeigt. Sie erlauben es ihm, ernsthafte Sachverhalte
grotesk zu überhöhen und sie damit für uns les- und genießbar
zu machen. So auch in der in »Talk Talk« erzählten Geschichte
des Identitätsdiebstahls ... (...) Wer die Romane T.C. Boyles
kennt, weiß, dass er zunächst einmal spannend schreiben und
uns mitnehmen will auf seine literarische Reise. Wenn er etwas
anprangert, das ihm moralisch verwerflich scheint, dann tut
er dies durchaus in einer sich anarchisch entwickelnden Geschichte,
mitunter mit dem Blick des Satirikers. Etwas, das ihm immer
wieder gelingt und das der moralischen Belehrungskraft wohltuend
widersteht. |
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| Berthold Voitl / on Leben (t-online)
/ Sepember 2006 |
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| Vielschreiber T.C. Boyle hat wieder
zugeschlagen. Seine zahlreichen Fans wird es freuen. Wer sich
etwas kritischer an die Lektüre macht, wird »Talk Talk«
allerdings mit einem zwiespältigen Gefühl zur Seite legen. (...)
Über etliche Seiten bietet Boyle ein mittelprächtiges Roadmovie
auf Papier. Spannung kommt nur bedingt auf, wenn Dana und Bridger
Burger essen und über die Schlechtigkeit der Welt reden. Am
stärksten ist Boyle, wenn er die Vorgeschichte von Peck Wilson
in mehreren langen Rückblenden erzählt. Man empfindet Sympathie
für den gescheiterten Restaurant-Inhaber, der erst nach einem
Knastaufenthalt - sozusagen auf dem zweiten Bildungsweg - zum
Identitätsräuber wurde. Andere Figuren wie Danas Freund Bridger,
der als Grafik-Designer in einer New-Economy-Firma ausgebeutet
wird oder Danas Mutter, die ihrer Tochter stets die gleichen
Vorwürfe macht, bleiben nur als Abziehbilder in Erinnerung.
Fazit: »Talk Talk« ist eine nette Lektüre für zwischendurch,
die über weiten Strecken unterhaltsam ist. Dem gewichtigen Thema
Verlust und Bedrohung der Identität wird Boyle aber nur in den
Ansätzen gerecht. |
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| Patrik Revilo / Neue Osnabrücker
Zeitung / 30. August 2006 |
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| Was tun, wenn jemand die Kreditkarte,
den Führerschein, die Ausweispapiere stiehlt? Und damit die
Identität seines Opfers annimmt? Diese Horror-Vision beschreibt
T.C. Boyle in seinem neuen Roman »Talk Talk«. (...) Boyle
beschreibt sie aus Sicht beider, der des Opfers ebenso wie aus
der des Täters. Leicht und flüssig geschrieben wie ein Thriller,
fast wie ein Drehbuch liest sich der Roman. Schleichend dringt
die Story ein in das Gehirn der Leser. Was sie dabei auslöst,
ist zwar Mitgefühl für die Geschädigte, doch wünscht man sich
auch ein bisschen, dass der Bösewicht trotz seiner Gaunereien
entkommen mag. Also ein Buch, das keine Antworten gibt auf die
Frage nach Gut und Böse? Vielleicht. Aber wer Boyle kennt, weiß,
dass er zunächst einmal spannend schreiben und den Leser mitnehmen
will auf seine literarische Reise. Wenn er dann etwas anprangert,
was ihm moralisch verwerflich erscheint, tut er dies durchaus
anarchistisch, mitunter durch die Brille des Ironikers. Etwas,
was ihm immer wieder gelingt, und etwas, was der moralischen
Belehrungsschwerkraft wohltuend widersteht. |
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| Stefan Sprang / hr online / 28. August
2006 |
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| Boyle erzählt seine Story aus zwei
Perspektiven. Er beschreibt, wie Dana und ihr Freund dem Betrüger
immer näher kommen. Wenn es dann besonders dramatisch wird,
wechselt Boyle die Sicht und schreibt aus der Täterperspektive.
Der genießt das Leben in vollen Zügen zusammen mit seiner ahnungslosen
Freundin und deren Tochter, bis er darum kämpfen muss, nicht
entlarvt zu werden. Dieser Perspektivwechsel sorgt für extreme
Spannung. Außerdem kann Boyle zwei Seiten zeigen: Dana hat als
Gehörlose ihre Persönlichkeit mühevoll aufgebaut und sinnt um
so mehr auf Rache, als ihre Identität missbraucht wird. Der
Dieb aber lebt gerade dadurch ausgezeichnet, dass er sein wahres
Ich längst aufgegeben hat. Boyle hat aus dem hochaktuellen Thema
Identitätsdiebstahl einen unterhaltsamen und zugleich klugen
Krimi gemacht. |
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| Erich Demmer / Die Presse (Spectrum)
/ 26. August 2006 |
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| T.C. Boyle hat mit satirischer Pranke
mehrere Romane verfasst, die zum Teil in der näheren oder ferneren
Vergangenheit angesiedelt sind. Nun wendet er sich einem Thema
der zukunftsoffenen Gegenwart zu: der Computerkriminalität.
In die Fänge anonymer Mächte kann ein Mensch unversehens geraten
wie Josef K. im »Prozess«. So verwundert es nicht, dass
auf den Prager im Text zweimal Bezug genommen wird (»es war
wie in einem Roman von Kafka«). Doch nicht Bürokratien sind
hier die Bedrohung, sondern eine nach den Interessen von Technologie
und Kapital geformte Gesellschaft, die sozialen Aufstieg mit
allen Mitteln predigt. Boyles gewohnt bissiger Witz fällt im
neuen Roman nicht so ins Gewicht. Einerseits, weil er vielleicht
mit dem Buch zeigen wollte, dass er auch eine mit dem Thriller-Genre
liebäugelnde Roadnovel schreiben kann, die quer durch die USA
führt. Andererseits, weil er sein Personal sehr ernst nimmt.
Und zwar nicht nur das gehörlose Opfer, dessen Welt zusammenbricht,
samt dessen bis über beide Ohren verliebtem Freund, sondern
auch den schlauen Täter William Wilson, der sich seiner sozialen
Herkunft ebenso schämt wie seines Dutzendnamens und sich daher
gerne »Peck« nannte, bevor er in andere Identitäten schlüpfte.
(...) Dass in »Talk Talk« der Gerechtigkeit just nicht
Genüge getan wird, könnte man als Boyles Dekonstruktion des
Thriller-Genres werten. In Zeiten einer rasant expandierenden
Technologie, wo nach feindlichen Firmenübernahmen auch bereits
ein Identity-Takeover möglich ist, könnte ein zur Versöhnung
mit der Realität führendes Highnoon doch platt wirken. Mit der
Wahl einer tauben Frau als Heldin ist Boyle zwar dem Verdacht
ausgesetzt, Maschineur des Mitleid zu sein - aber zu Unrecht.
Denn er zeichnet Dana, die ihr schwierigeres Leben souverän
meistert, nicht als Opfer einer Behinderung, sondern von kriminellen
Machenschaften. Da ist kein Platz für wohlfeiles Mitleid oder
Mietleid. (...) »Es ist kein Thriller«, sagte T.C. Boyle in einem
Interview über den Roman, »diesbezügliche Erwartungen wollte
ich enttäuschen.« Und rückt so die Frage »Wer, wenn man sogar
meine Identität kapern kann, bin ich?« eindrucksvoll ins Zentrum.
Da hilft auch kein vorschnelles Schulterzucken mit der Abwandlung
eines Rimbaud-Satzes: »Na, dann ist ich halt ein übler Anderer.«
Die vom Autor initiierte Nachdenklichkeit über die Gefährdung
der Identität, derer sich staatliche Organe und zeitgeistige
Kriminelle bemächtigen können, währt über die Lektüre des Romans
hinaus. |
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| Jörg Magenau / Deutschlandradio /
25. August 2006 |
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| Dana, die Protagonistin des Romans
»Talk Talk«, ist gehörlos, doch es gelingt dem US-Bestsellerautor
nicht, etwas erzählerisch davon spürbar zu machen. T.C. Boyles
hat stattdessen schlicht einen Thriller geschrieben. Allerdings
muss er alles benennen und jedes Detail ausschmücken, da bleibt
kein Raum für die Phantasie. Auch die Spannung hält sich in
Grenzen. (...) Boyle erzählt in ständigem Wechsel mal aus der
Perspektive von Dana und Bridger, dann wieder aus der Perspektive
des Betrügers, der eigentlich Peck Wilson heißt. Der möchte
seinen zusammengescheffelten Luxus nebst blitzschöner Russin
genießen und findet es ziemlich ungerecht, von seinen Opfern
aus dem süßen Leben aufgeschreckt zu werden. Der Rest sind inszenierte
Begegnungen und Fluchten. Das liest sich wie das Drehbuch für
einen ziemlich flachen Film mit Schnitt und Gegenschnitt, Verfolgungsjagd
über den Highway und Prügelei im lauschigen Vorgarten. Boyle
muss alles benennen und jedes Detail ausschmücken, um die Leere,
die dieser Roman in jeder Zeile ausströmt, zu verdecken. Jedes
Salatblatt auf dem Teller wird erzählt, jede Strähne im Haar
und jeder Schweißtropfen geschildert. Da bleibt kein Raum für
die Phantasie, wie in schlechtem Kino. Auch die Spannung hält
sich in Grenzen, und Spannung wäre doch das mindeste, was man
von einem Thriller erwarten darf. Wie konnte das passieren?
Boyle hat stets gesellschaftlich brisante Themen bearbeitet.
Zuletzt erschien sein Kinsey-Roman Dr. Sex, der sich
mit der Prüderie der amerikanischen Gesellschaft auseinandersetzte.
»Talk Talk« ist ein Roman ohne Thema. Der Identitätsdiebstahl,
auf dem Cover als »beängstigend aktuell« angepriesen, fungiert
allenfalls als Schrittmacher, so wie die Taubheit der Heldin
bloße Staffage bleibt. T.C. Boyle ist geschickt genug, einen Roman
auch dann schreiben zu können, wenn er eigentlich nichts zu
erzählen hat. Gelegentlich ein Buch weniger, anstatt Jahr für
Jahr einen neuen Schmöker vorzulegen, könnte da Abhilfe schaffen. |
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| Shirin Sojitrawalla / Wiesbadener
Tagblatt / 23. August 2006 |
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| Mit dem Satz »Ich bin nicht Stiller!«
beginnt seines der berühmtesten literarischen Spiele rund um
Identität und Ich-Verlust. Der amerikanische Schriftsteller
T.C. Boyle dreht das von Max Frisch erdachte Szenario gehörig
um. »Ich bin Dana Halter!« könnte seine Protagonistin mit Fug
und Recht behaupten und tut dies auch. (...) Boyle erzählt ihre
Geschichte aus wechselnden Perspektiven, schaut nicht nur seiner
Hauptfigur in den Schädel, sondern begleitet uns auch in das
Leben ihres Freundes Bridger wie des Diebes ihrer Identität
selbst: Opfer, Täter und Zeuge präsentieren ihre Sicht auf die
Dinge, einzelne Szenen werden aus unterschiedlichen Wahrnehmungen
heraus erzählt. Dabei ist Boyle nicht weniger gelungen als ein
ausgezeichneter Thriller, unterfüttert mit Einblicken in die
Welt gehörloser Menschen.Dana Halter und dem Mann, der sich
mit ihrem Namen ein schönes Leben macht, entgleiten ihre Leben
so unversehens wie ein Stück Seife unter der Dusche. Boyle ergreift
aber für keine der Figuren Partei. (...) Ihre Biografien erscheinen
als die zwei Seiten der Medaille Leben am Rande der Gesellschaft.
Das zu zeigen, bedient sich Boyle der gängigen Dramaturgie eines
Thrillers. Das bedeutet nicht nur, jedes Kapitel am spannendsten
Punkt zu beenden, sondern die Spannung auch durch stetige Verzögerungen
ins Unerträgliche zu steigern sowie den Horror in den ganz normalen
Alltag zu überführen. Das Thema ist nämlich leider gar nicht
aus der Luft gegriffen: Laut Wikipedia registrierte die US-Handelsaufsicht
allein im Jahr 2002 168.000 Anzeigen sowie 380.000 Beschwerden
wegen Identitätsdiebstahls. So ergeht es einem wie nach der
Lektüre von Frank Schätzings »Der Schwarm« - als zumindest
eine Weile lang schon das Stichwort »Meer« Schaudern erzeugte.
Nachdem man »Talk Talk« gelesen hat, hütet man seine personenbezogenen
Daten wie einen Schatz. |
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| Kristina Pfoser / Ö1 Inforadio, Morgenjournal
/ 23. August 2006 |
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| Talk Talk - das ist ein Ausdruck
aus der amerikanischen Gebärdensprache und meint ein entspanntes
Gespräch unter Gehörlosen. Gehörlos ist denn auch Dana Halter,
die Protagonistin in T.C. Boyles neuem Roman, doch von Entspanntheit
ist weit und breit nichts zu spüren. (...) Auf der Suche nach
dem Mann schickt T.C. Boyle Dana mit ihrem Freund in einer wilden
und spannenden Verfolgungsjagd quer durch die USA - Stoff genug
also für ein Roadmovie, eine Liebesgeschichte und einen Thriller.
Aber: »Talk Talk«, das ist - wie Boyle betont - vor allem
ein Roman über Identität und Sprache. (...) Psychologisch versiert
und einfühlsam führt Boyle seine Charaktere durch diese Handlung,
mit Wortwitz und Sarkasmus liefert er Stimmungsbilder aus dem
heutigen US-Amerika. |
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| Holger Reichard / tcboyle.de / 23.
August 2006 |
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| T.C. Boyle liebt das Wechselspiel.
Hat er gerade einen Band mit Short Storys veröffentlicht (Tooth
& Claw), so muss es anschließend wieder die Kunst des Romanschreibens
sein, der er sich widmet. Hat er einen historischen Roman veröffentlicht
wie zuletzt Dr. Sex, so wechselt er mit dem nächsten
wieder in die Gegenwart ... oder in die Zukunft. Sein neuestes
Werk, »Talk Talk«, betrifft sowohl die Gegenwart als auch
die Zukunft. Denn er thematisiert darin den Identitätsdiebstahl,
ein ziemlich aktuelles Problem, wenn man bedenkt, dass dieses
Vergehen als eines der am stärksten zunehmenden Kriminalitätsformen
in hochtechnisierten Ländern gilt. Nicht nur die polizeilichen
Ermittler professionalisieren ihre Methoden, auch die Kriminellen.
Hierzulande mit Kameras und Scannern manipulierte Geldautomaten
markieren da sicher nur den Anfang einer beängstigenden Entwicklung,
deren Höhepunkt noch lange nicht in Sicht ist. Boyle ist mit
seinem neuen Buch also durchaus auf der Höhe der Zeit, ihr vielleicht
sogar eine Idee voraus. Opfer in seiner Geschichte ist die gehörlose
Dana Halter, die eines hektischen Morgens ein Stoppschild überfährt.
Die Folge: Eine Geldstrafe und vielleicht ein paar Punkte im
Verkehrssünderregister? Von wegen! Dana findet sich in Untersuchungshaft
wieder. Die Delikte, die ihr vorgeworfen werden, beruhen nicht
einzig und allein auf einer Unachtsamkeit im Straßenverkehr,
sondern reichen von Autodiebstahl bis zu Drogenmissbrauch und
Angriff mit einer tödlichen Waffe. Zu Unrecht. Denn es stellt
sich heraus, dass jemand ihre Identität gestohlen hat. Nach
mehreren Tagen eines - nicht zuletzt wegen ihrer körperlichen
Behinderung - erniedrigenden Gefängnisaufenthalts begibt sich
Dana zusammen mit ihrem Freund Bridger Martin auf die Suche
nach der Person, die ihr das angetan hat, nach der Person, die
auf ihre Kosten in Saus und Braus lebt, auf die Suche nach Wilson
Peck. Es ist der Beginn einer turbulenten Verfolgungsjagd. Den
Übeltäter stellt uns Boyle in seinem neuen Buch ebenfalls ausführlich
vor. Er greift damit auf eine seiner bewährten Schreibtechniken
zurück: das Schildern einer Geschichte aus verschiedenen Perspektiven.
Beim routinierten Springen zwischen den einzelnen Handlungssträngen
zeichnet sich Boyle für gewöhnlich auch durch eine äußerst differenzierte
Figurenzeichnung aus, völlig unamerikanisch eigentlich, weil
es dem Leser dadurch schwerer fällt, zwischen Gut und Böse zu
unterscheiden. »Talk Talk« bringt den Leser nicht in diese
innere Zerrissenheit. Auch wenn sich Boyle bei der Beschreibung
des Identitätsräubers inklusive seines Umfeldes viel Zeit lässt,
fällt es einem doch schwer, Sympathien dafür zu entwickeln.
Umso größer ist hingegen die Identifikation mit Dana Halter,
was angesichts ihrer körperlichen Behinderung schon bemerkenswert
ist. Ein Urteil darüber, ob es Boyle gelungen ist, mit allen
Sinnen ausgestatteten Menschen die Welt der Taubstummen begreiflich
zu machen oder sie zumindest dafür zu sensibilisieren, sollte
den Taubstummen vorbehalten sein. Eines lässt sich aber mit
allgemeingültiger Gewissheit sagen: Obwohl man nicht alle Handlungen
von Dana und ihrem Freund Bridger hundertprozentig nachvollziehen
kann, insbesondere Danas letzte Entscheidung in diesem Buch
dürfte unter den Lesern heftig diskutiert werden, so fiebert
man doch mit ihnen mit. Von Anfang bis zum Ende. Wird es ihnen
gelingen, Wilson Peck aufzuspüren und ihn zu stellen? Und was
dann? Das sind die Fragen, die diesen Roman vorantreiben. Boyle
knüpft in »Talk Talk« einen Spannungsbogen, der von der
ersten bis zur letzten Seite reicht. Dementsprechend gehört
der neue Roman zweifellos zu seinen besseren Werken, vielleicht
ist es sogar eines seiner spannendsten Bücher, ganz sicher aber
das temporeichste, das er bisher geschrieben hat. |
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| Susanne Kapeller / wecarelife.at /
14. August 2006 |
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| Der große US-amerikanische Erzähler
T.C. Boyle greift in seinem neuesten Roman ein brandaktuelles
Thema auf: Einer jungen Frau wird von einem Unbekannten die
Identität gestohlen. Der Dieb begeht unter ihrem Namen Verbrechen
und finanziert sich mit ihren Kreditkarten ein gutes Leben.
(...) Spannend bis zur letzten Seite beweist T.C. Boyle mit diesem
Roman einmal mehr, dass er zu den besten Erzählern der zeitgenössischen
Literatur gehört. |
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| S. W. / indigo /
August 2006 |
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| Na, Sinn für Ironie hat er ja, der Herr Boyle. Einen Roman mit einer taubstummen Heldin mit »Talk Talk« zu überschreiben. Das war's dann aber auch schon an Spektakulärem, gelingt es ihm doch nicht, seiner Geschichte ausreichend Tempo und Wahnwitz zu verpassen. Immerhin wird der jungen Frau die Identität geklaut und der böse, böse Dieb geht erst mal ausgiebig shoppen, bis ihm Dana [die taubstumme Heldin] auf die Schliche und Fährte kommt. Das unterhält zwar, und ab und an schimmert etwas Wortwitz durch, reicht allerdings für 400 Seiten nicht ganz aus. |
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