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Miriams Traum
von Ruth Kornberger
(Siegerstory www.tcboyle.com Contest Nr.7) |
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| Die anderen lebten ihre Reihenhausleben, Eigenheimexistenzen, geduckt ins Tal, versteckt hinter Bäumen, doch Bescheidenheit war nie ihr Fehler gewesen, sie war ein Schloss der Neuschwansteinsorte, mittelalterliche Steinmauern, Märchentürme, stolz gebaut auf dem höchsten Bergrücken, umweht von Himmelsluft, sie besaß tausende von Räumen, kannte sie selbst nicht alle, es gab für jeden Tag des Jahres einen anderen Speisesaal, Schlafgemächer mit Kissen so groß wie Seen, Ankleidezimmer in denen schnurrbärtige Schneider de Paris Matterhörner von Kleidung auftürmten, Vorratskammern vollgestopft mit Delikatessen, labyrinthische Weinkeller, mexikanische Apotheken und Kerker, die jeden Schrei erstickten, na gut, man durfte nicht zu tief hinabsteigen, aber das war auch nicht nötig, die Diener brachten alles, wonach man verlangte, arrangierten Spaliere von Blumen, die aufblühten, wenn man sie durchschritt, Tulpen, Lilien und Rosen, denn waren Rosen nicht seine Liebsten, also warum wollte er dann fortgehen, Frank, warum eilte er durch die Flure, die sie vor ihm schließen, über die Treppen, die sie schmerzvoll verdrehen musste, warum floh er zu einem Schimmer von Sonne hinter den Samtvorhängen, »Licht! Luft!« schreiend, oh, der Kleingeist, der Naturbursche, würde im Gras schlafen und den Morgentau schlürfen, als sei es Champagner, doch sie liebte ihn trotz allem, wovor fürchtete er sich, sie entzündete die Kerzen um sein Gesicht zu sehen, ah, er hatte eine Karte von ihr gezeichnet, glaubte, dass er auf diese Weise hinausfinden könnte, wie dumm, und nun spähte er aus dem Fenster, schätzte die Höhe, kalkulierte das Risiko, die Vernunft bemühend, sich immer an Logik klammernd, jede Leidenschaft tötend mit seinem Rationalismus, aber schön, dann musste sie eben für sie beide brennen, ächzend weitete sie die Schornsteine, da kam seine Luft, die Scheite im Kamin knisterten, bayerische Eiche, das beste Holz, das man bekommen konnte, längste Brenndauer, die Flammen züngelten höher, erreichten die stuckverzierte Decke, und war ihm immer noch kalt, immer noch, ihrem liebsten Frank, kein Grund zur Sorge, sie würde für ihn sorgen, er zitterte, doch sie würde ihn wärmen, die geschnitzten Deckenbalken schon in Brand, die goldbeschichteten Tapeten hinreißende Funken sprühend, brennen, das konnte sie und brennen, das tat sie. |
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| Was mir am ersten von Miriams Träumen gefällt, ist das atemlos rennende Tempo, als ob die Traumzeit selbst beschleunigt würde; und die wundervoll erweiterte Metapher von Miriam als architektonischem Monument verleiht dem Ganzen eine erfreuliche - und sehr lustige - Stimmigkeit. TCB |
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| Mehr Informationen über die Autorin Ruth Kornberger findet Ihr unter www.ruthkornberger.de |
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