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»Ich will das Fernsehen hier haben, Tricia Toyota, die ›Action News‹, das volle Programm. (...) Oder ich bleibe hier, bis ihr meine Knochen weiß glänzen seht.« (Zoltan Mindszenty, La Mosca Humana)
 
Wenn der Fluss voll Whisky wär
Aus dem Amerikanischen von Werner Richter
 
Rezensionen
 
Klaus Modick / Frankfurter Rundschau / 18. Mai 1991
Zum Glück hat sich Boyles Biss bislang nicht abgenutzt, auch wenn einige der vierzehn Erzählungen unter allzu glatter Routiniertheit leiden. Ein Kritiker hat eingewandt, diese Geschichten blieben nach Lektüre nicht haften; das mag für einige, allzusehr auf ihre - vorhersehbare - Pointe hin gearbeitete Stories zutreffen. Sie erinnern an gute Rocksongs: man hört gern zu, aber wenn die Musik vorbei ist, fehlt einem eigentlich nichts. In jedem Fall haben diese Erzählungen der Ästhetik der U-Comix oder den Cartoons eines Gary Larson ebensoviel zu verdanken wie dem Film. Boyle macht mit Literatur etwas durchaus Ähnliches wie sein Generationsgenosse Steven Spielberg mit dem Film: Beide verschmelzen gegenkulturelle Ambitionen und Affekte ohne Angst vor Schmelz und trivialen Motiven im Medium überaus süffiger Geschichten zu einer ästhetischen Opulenz, die beim großen Publikum ankommt und die der Kenner zu schätzen weiß. (...) Neurotische Schriftsteller spielen in diesen Geschichten keine Rolle, und die postmoderne Hochpotenzierung von Schreibproblemen als kümmerlicher Ersatz für erlebtes Leben ist Boyles Sache nicht. Hier unterscheiden sich seine Geschichten wohltuend von den oft anämischen Produkten einer intellektualisierten Campus-Literatur. In seinen schwächeren Geschichten ist Boyle ein Karikaturist, der mit groben, dick aufgetragenen Zügen Charaktere beziehungsweise Witzfiguren schafft. In den guten Geschichten überwiegt der bis zur Verzerrung scharfe Blick; dieser Blick ist ein Echo des psychedelischen Klarblicks auf den Schein der Normalität. Das Monströse, Schrille, Gewalttätige, aber auch das Tieftraurige ewiger Underdogs wird hier in aberwitzigen Momentaufnahmen festgehalten. Dass Boyle auch anders erzählen kann, leise, verhalten, sehr einfühlsam und mit einem zarten Gefühl seinen Figuren gegenüber, zeigt er mit der schönen Titelgeschichte. Ich würde gern einen Roman von Boyle in diesem Tonfall lesen; vielleicht kommt dieser Roman bald. Und ich sähe es gern, wenn dieser Roman wiederum von Werner Richter übersetzt würde, der, wie schon die Romane, auch diese Erzählungen inspiriert und genau übertragen hat.
 
 
Rüdiger Sturm / Süddeutsche Zeitung / 13./14. April 1991
Boyle ist zwar vornehmlich als Romancier bekannt, aber in unregelmäßigen Abständen publiziert er auch short stories. (...) Begibt er sich hier der Möglichkeiten epischen Erzählens? Verzichtet er auf skurrile Gags und dramatische Twists? Er tut es nicht, und genau darin liegt das Problem. Er stopft seine Geschichten mit dem Stoff der größten Mären aus. Sie werden aufgeplustert mit Teufeln und Menschenaffen, Showagenten und Marienvisionen, Alarmanlagen und Ganzkörperkondomen. Aber eine derartige Ladung an Einfällen kommt erst zur Wirkung, wird sie in den weiten Raum gefeuert. Im Gefüge einer kurzen Erzählung verpuffen diese Einfälle, da sie nur skizziert, aber nicht ausgeführt werden können.(...) Vielleicht wird man den meisten Erzählungen eher gerecht, bezeichnet man sie als groteske Anekdoten, als nette Spökenkiekereien. - Nett. Wie aber können Geschichten "nett" sein, die sich solch bewegenden Zeitproblemen widmen wie: Aidsgefahr, Verbrechensparanoia, Frauenunterdrückung, Unternehmerunmoral, Alkoholismus? Und trotzdem besitzen sie eine nette Belanglosigkeit, gerade weil sie sich ihrer Themen in demonstrativer Absicht widmen und sie mit satirischem Feuilletonstil illustrieren. Und weil sie über keine anderen Mittel verfügen als über epischen Slapstick und stilistischen Witz. (...) Der Philadelphia Enquirer spricht bei der Anthologie (in der Übersetzung des Klappentexts) von »Hochgenuss«. Anscheinend geht es hier wirklich nur um Gaumengenüsse und leichte Verdaulichkeit. (...) T.C. Boyle bietet offenbar - geht man vom Titel aus - Getränke für den kleinen Durst. Den kann man aber auf verschiedene Weise stillen. Mit amerikanischem Wasserbier oder Diet Coke - oder mit hochprozentigem, süchtigmachendem, schwerem Whisky. Wenn der Fluss voll Whisky wär ... Ja wenn wenigstens das Buch es wäre!
 
 
Georg Hoffmann-Ostenhof / Wiener Abendzeitung / 13. April 1991
Man lese die Erzählungen von T. Coraghessan Boyle schnell und in einem Zug. Und man wird begeistert sein. Dieser Reichtum an Einfällen, dieser feine schwarze Humor, diese Kunst, in wenigen Strichen eine Person, eine Landschaft oder eine Situation zu zeichnen, diese stilistische Artistik: atemberaubend. Nach der Lektüre des bei Hanser erschienenen Bandes »Wenn der Fluss voll Whisky wär« muss man annehmen, dass der Autor seinem Ehrgeiz nachkommen wird, »höhere Auflagenzahlen als Michael Jackson« zu erreichen. Ja, das ist der Stoff, aus dem Bestseller gemacht werden. (...) Eigenartig nur, dass der Rezensent, drei Wochen nach der Lektüre, das Buch vor seiner Besprechungs-Tätigkeit noch einmal lesen musste: Er hatte nämlich fast alle Geschichten vergessen. So spannend und zuweilen auch berührend diese Short Storys sein mögen, sie prägen sich nicht ein. (...) Da hat ein Autor, so scheint es, zu sehr auf die Auflage geschielt und sein zweifellos großes Talent verschleudert. Wie dem auch sei: Wer Feuerwerke liebt, der greife zu Boyles Erzählungen. Sie sprühen, und zwar in allen Farben. Der Leser kommt auf seine Kosten. Einen bleibenden Eindruck hinterlassen Feuerwerke aber nicht. Sie leuchten auf und verglühen dann auch sehr schnell wieder.
 
 
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