 |
Fleischeslust
Aus dem Amerikanischen von Werner Richter |
| |
| Rezensionen |
| |
 |
 |
| Angela Schader / Neue
Zürcher Zeitung / 06. Oktober 2000 |
 |
| Aufgetischt wird reichlich, aber
nicht immer vom Feinsten: Wer sich T. Coraghessan Boyles Erzählsammlung
»Fleischeslust« zu Gemüte führen will, braucht verlässliche
Magennerven und gelegentlich geduldige Kauwerkzeuge - wird dafür
aber auch immer wieder mit einigermaßen überraschenden Kreationen
bedient, die in Werner Richters deutscher Aufbereitung durchaus
den Biss des Originals bewahren. Die Menuekarte reicht vom Biovita-Haferkleie-Gesundheitsbrot
über ein Frikassee aus plattgefahrenen Truthähnen bis zur hochprozentigen
Flüssignahrung, die Runde der Konsumenten vom Hobbyastronomen
bis zum Mafiaboss; der Umgang mit mehr oder minder scharfen
Zutaten scheint dem einfallsreichen Autor so leicht von der
Hand zu gehen wie das Beladen eines Burgers chez McDonald's.
Boyle schöpft dabei gern aus dem realen Unmaß, das die amerikanische
Umwelt in ihren sozialen wie natürlichen Dimensionen bietet;
(...) Without a hero heißt die 1994 erschienene Erzählsammlung
im Original: und sieht man einmal von der letzten Erzählung
ab, wo sich am Ende zwischen Schnee und Feuer zumindest eine
Ahnung von Leidenschaft entzündet, ziehen Boyles Charaktere
als Polonaise mehr oder minder sympathischer Verlierer durchs
Buch. |
| |
| |
 |
 |
| Elke Heidenreich / WDR2 / 05. November
1999 |
 |
| Könnte sein, dass er zynisch ist,
dieser T.C. Boyle, aber er ist es, weil er sensibel ist und offensichtlich
einige Dinge kaum noch gelassen ertragen kann. Er ist ein Melancholiker,
ein Pessimist, (...) und er ist ein Erzähler, der uns mitten
ins Herz trifft. Und in den Kopf. Er zeigt zerstörte Umwelt,
misshandelte Tiere, unglückliche Menschen mit gebrochenen Seelen,
und er zeigt, dass das alles nicht so sein müsste, sondern selbstgebasteltes
Elend ist. Sein Mitleid versteckt er, aber er hat den Blick,
richtig hinzusehen und die scharf geschliffene, ironische Sprache,
um es zu erzählen. Er spießt geradezu auf, was uns unangenehm
ist. Aber er kann auch ganz sanft und weich sein, er kann sich
in die Seelen seiner Protagonisten hineinversetzen und sehr
leise beschreiben, wie der Kummer hochwächst und jemanden zu
ersticken droht. Boyle ist kein Autor, der mit erhobenem Zeigefinger
erzählt. Er weist uns nicht hin auf Brüche, er beschreibt sie
einfach, aber wie er das tut, ist grandios und fesselnd, und
wenn man diesem Autor einmal verfallen ist, kann man nicht mehr
aufhören damit, alles zu lesen, was er schreibt. (...) Seine
Themen sind nicht angenehm, aber sein Blick ist sanft, seine
Sprache gewaltig und die Welt, in der wir leben, ja schließlich
alles andere als wohlgeordnet. lch zum Beispiel kann Superfrauen,
die alles schaffen, nicht mehr ertragen. Boyles kaputte Figuren
liegen mir mehr und haben mehr mit einer Welt zu tun, die ich
auch kenne. |
| |
| |
 |
 |
| Hubertus Breuer / Frankfurter Allgemeine / 12. Oktober 1999 |
 |
| In der jetzt auf Deutsch vorliegenden
Sammlung »Fleischeslust«, die in den Vereinigten Staaten
bereits 1994 erschien, verblassen apokalyptische Visionen von
einst zu gewitzten Alltagsparodien, von der Realität nur einen
Schritt weit entfernt. Die Welt erscheint weniger grauslich
fantastisch als amüsant erschreckend. Dabei strauchelt Boyle
im holprigen Gelände des richtigen Lebens mindestens ebenso
oft, wie er bezaubernde Luftsprünge vollführt. (...) Boyle geriert
sich nicht als Mahner ökologischen Untergangs, ungeachtet der
Tatsache, dass die Schrecken, von denen er berichtet, anders
als die wilden Kopfgeburten von einst, greifbare Wirklichkeit
sind. Der Autor sieht Mensch und Tier miteinander verkeilt in
einer unfriedlichen Welt. Der eine kämpft blind, der andere
von Hoffnung und Glaube verblendet, ums eigene Überleben. Für
beide leuchtet kein Silberstreif, im Verteilungskampf geht die
Evolution gnadenlos ihren eigenen Weg. Der profunde Schwarzseher
erweist sich als komödiantischer Schopenhauer-Adept. Durch den
pointiert gemusterten Stoff der Erzählungen schimmert die Ahnung
hindurch, dass alles Menschenleiden erst ein Ende findet, wenn
die Spezies Homo Sapiens von der kosmisch-komischen Bühne endgültig
abgetreten ist. |
| |
| |
 |
 |
| Martin Krumbholz / Süddeutsche Zeitung
/ 18./19. September 1999 |
 |
| Die wilde Phantasie hat sich beruhigt.
In seinen Anfängen als Erzähler, in den siebziger Jahren, als
er den Band Tod durch Ertrinken schrieb, hat T.C. Boyle
mächtig dick aufgetragen, ließ Blut vom Himmel tropfen, Menschen
in die Hände von Kannibalen fallen und selbst zu Kannibalen
werden - und rationale Erklärungen fehlten. Der Horror war sich
selbst genug. Offenbar hat die Realität aufgeholt. Inzwischen
erfindet Boyle keinen Schrecken mehr, den er nicht in der Wirklichkeit
vorfinden könnte. (...) Die Symptome des Schreckens, von denen
dieser erstaunliche Erzähler zu künden weiß, sind nicht länger
an den Haaren herbeigezogen. (...) Die Zeit der Satiren ist
vorbei. Boyle erfindet nichts und übertreibt kaum, er studiert
nur sorgfältig die Boulevardpresse und die Vermischten Nachrichten,
um festzustellen: Die Apokalypse ist - und zwar hier und jetzt. |
| |
| |
 |
 |
| Heiko Paulheim / literature.de / Datum
unbekannt |
 |
| T.C. Boyles Kurzgeschichten offenbaren
einen Einblick in den schier unerschöpflichen Ideenfundus des
Bestsellerautors, in welchem seine Romane eher noch die konventionellen
Themen aufgreifen. Die Kurzgeschichten sind sein Experimentierfeld,
auf dem Boyle auch den ungewöhnlichen, abseitigeren Gedanken
freien Lauf lässt, mit derselben akribischen Liebe zum Detail
und der Fähigkeit, auch auf nur wenigen Seiten seinen Charakteren
Leben einzuhauchen. »Fleischeslust« ist eine gelungene
Sammlung, die sich hinter Boyles Bestsellerromanen keinesfalls
verstecken muss. |
| |
| |
|
|