 |
Schluss mit cool
Aus dem Amerikanischen von Werner Richter |
| |
| Leserkritik |
| |
| Mauzi aus Sangerhausen - 01/2004 |
 |
| Eine alte Dame lebt alleine inmitten
ihrer fast unübersichtlich großen Katzenschar. Ihr verstorbener
Gatte blickt vom Himmel wohlwollend auf sie herab und erzählt
die Geschichte von seiner Witwe, und wenn er liebevoll meint,
sie strecke ihre Prinzessinnenhände nach einem neuen Kätzchen
aus, dann schau ich unwillkürlich auf meine. Ihren einzigen
Sohn hat sie schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, denn er
hat genug damit zu tun, Maisbrei und saubere Verbände an Bettler
in Kalkutta zu verteilen. Aber ist sie mit ihrem Leben, wie
es jetzt ist, zufrieden? Den aufregenden Dingen des Lebens schenkt
sie kaum noch Beachtung. Selbstvergessen schlurft sie jeden
Tag in ihrem ausgebleichten, leicht speckigem Flanellnachthemd
durchs Haus, versorgt ihre Katzen, häkelt quadratische Großmutterflicken
und kocht sich ein Hühnersüppchen. Ab und zu trifft sie sich
mit ihrer jüngeren Schwester, um einkaufen zu fahren. Nach dem
Einkaufbummel ist sie dann aber wieder froh, wenn sie nach Hause
fahren kann zu ihren Katzen und zu ihrer Alltagsroutine. Und
ihre Schwester, von der sie wieder zu Hause abgesetzt wird,
bliebe ja liebend gerne noch auf ein Schwätzchen bei ihr, nur
hat auch diese nichts Eiligeres im Sinn, als wieder ihrem Heim
zuzustreben, denn da erwartet sie auch ihr Hühnersüppchen und
eine große Katzenschar. Doch da ist noch dieser üble Halunke,
der sich geschickt in das Vertrauen der alten Dame einschmeichelt
und gar nichts Gutes im Schilde führt. Zum Glück gibt es aber
dank dem verstorbenen Gatten ein gutes und stimmiges Universum,
und so funktioniert die alte Sprayflasche mit dem Reizgas noch
hervorragend, obwohl die Haltbarkeitsdauer doch längst abgelaufen
ist. Diese Story ist für mich die schönste der sechzehn Erzählungen.
Einfühlsam und liebevoll beobachtet, und herrlich auch wieder
eins von vielen Wortspielen. Beispiel: der erste Winterregen
verwandelte das trockene Bachbett in ein Geplätscher zopfartiger,
sepia-farbener Kräuselwellen. Empfehlenswert auch die Geschichte
der unterirdischen Gärten, diese fabelhafte Idee, in einem heißen
und dürren Land in einer kühlen Kellerwohnung zu leben. Das
man allerdings damit keinen Eindruck auf die Dame seines Herzens
macht, ist dann schon wieder tragisch komisch. Oder die Story
vom selbstgefälligen Künstlervater, herrlich, wie T.C. Boyle sich
mit einem ironischen Augenzwinkern selber auf die Schippe nimmt.
Und wer am Ende des Buches immer noch keine Story vom weißen
Hund in pinkfarbiger Federboa und dem herzförmigen Krönchen
auf dem Kopf findet, der weiß nun, hier ist wirklich »Schluss mit cool«! |
| |
| |
|
|