Richard Swartz: Notlügen

NotlügenDas setzt jedoch voraus, dass die Frau ein Bild von ihm hat, welches einigermaßen mit dem übereinstimmt, das der Mann von sich selbst hat und das ist keineswegs sicher. Wer kann behaupten, einen anderen Menschen zu kennen? Selten gelingt es uns, viel weiter als bis zu seiner Lieblingsfarbe oder seinem Lieblingsgericht vorzudringen.

In sechs Geschichten schildert der schwedische Autor Richard Swartz erotische Begegnungen zwischen Mann und Frau, vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Die Figuren bleiben fast durchgehend namenlos, werden nur als »der Mann« und »die Frau« bezeichnet, was den Eindruck nahelegt, dass sie nur als Fallbeispiele für weit verbreitete Verhältnisse gemeint sind. Und um die steht es in der Welt, die Swartz entwirft, nicht gut, auch nicht in den Geschichten aus dem letzten Jahrhundert. Lieblosigkeit ist hier kein Problem der Moderne. Die Figuren, oder vielmehr die Männer, sind in sich gefangen und unfähig, echte Verbindungen mit anderen einzugehen.

Den Anfang macht ein Mann, der aus familiären Gründen, die nie ganz klar werden, quasi aus Europa in die USA versetzt wird. Er nimmt an, dass ihn seine Frau, die ihm später folgt, in Europa mit dem Freund betrügt, der ihm in den USA seinen neuen Job als Bürovorsteher verschafft hat. Er vermisst seine Frau, aber nicht viel mehr als seine Pferde und andere Privilegien seines gesellschaftlichen Standes. Er wirkt, wie die meisten Männer in diesem Buch, vollkommen entwurzelt und zerrissen, entfremdet von sich selbst, und macht den Eindruck einer seltsamen Mischung zwischen Selbstekel, Arroganz und Egoismus.

Geschickt setzt Swartz in jeder Geschichte zentrale sprachliche Motive, die sich durchziehen. Der Mann in der ersten Geschichte verurteilt fast jeden seiner Gedanken mit der Klausel, dass es sich dabei »um nicht viel mehr als ein Gefühl« handelt.

Was er auch mit allen anderen Figuren in »Notlügen« teilt, ist, dass er seinen sexuellen Kontakt – in seinem Fall mit einer Prostituierten – unschlüssig und halbherzig angeht, ihn, noch während er geschieht, fast schon bereut, aber selbst darüber – ob sie es bereuen oder nicht, wollen oder nicht – sind sich die Männer in Swartzs Geschichten nie ganz sicher.

Ihr Halt in ihrer jeweiligen Realität und Persönlichkeit scheint sehr dürftig. Als der Mann sich plötzlich einbildet, er hätte der Prostituierten zu viel bezahlt und nach ihrer Handtasche greift, spuckt sie ihn an, woraufhin er sie schlägt. Kurze Zeit darauf wird er in seinem eigenen Hausflur brutal niedergeschlagen, wofür aber auch die unzufriedenen Lagerarbeiter, denen er vorsteht, verantwortlich sein könnten.

Swartzs zweiter Protagonist trifft sich auf Vermittlung einer Freundin, die unglücklich in ihn verliebt ist, mit einer Frau, von der er erst, als er in ihrer Wohnung steht, erfährt, dass sie ein kleines Kind hat. Zunächst steht die abwesende Freundin zwischen ihnen, dann versucht das Kind mit allen Mitteln, die erotische Begegnung zwischen dem Mann und seiner Mutter zu verhindern. Der Mann erkennt, dass das Kind der Frau eine Richtung und eine Aufgabe gibt, und bedauert, selbst keine Kinder zu haben – jedoch nur kurz, denn »wenn eine solche Richtung und Aufgabe ausgerechnet ein Kind erforderte, wäre der Mann bereit gewesen, lieber unterzugehen.«

Der Mann der dritten Geschichte trifft in einem exotischen Land eine Musikerin, kann sich mit ihr aber aufgrund von Sprachschwierigkeiten außerhalb des Betts nicht verständigen – und hat auch eigentlich gar keine Lust dazu. Die beiden enden Seite an Seite in einem Museum in einem Wörterbuch blätternd.

In der dritten Geschichte scheitert eine wirkliche Verbindung zwischen Mann und Frau daran, dass der Mann sich nicht wirklich für irgendetwas außer sich selbst interessiert – ebenfalls eine Eigenschaft, die zumindest alle Männer in »Notlügen« teilen: »Die politischen Überzeugungen und Vorhaben dieser Frau sind ihm zwar fremd, eigentlich völlig gleichgültig«, schreibt Swartz, »aber da alles, was damit zu tun hat, mit ihrem Interesse rechnen kann, müssen Brandrodungen in Afrika, die künstliche Bewässerung von Wüsten, die eingebunden Füße chinesischer Frauen und so weiter zu dem werden, wofür auch er sich interessiert, genau wie ein Chamäleon seine Farbe wechselt, um sich seiner Umgebung anzupassen.«

Auch in der darauffolgenden Geschichte spielt die Politik eine Rolle. Hier erfährt die Frau Jahre nach der Scheidung von ihrem Mann, dass er während ihrer Ehe als politischer Spitzel tätig war. Sie lädt ihn zum Essen ein, um ihn darüber zur Rede zu stellen, schafft es aber nicht.

In der letzten Geschichte schließlich richtet der Mann es sich dreist so ein, dass er mit seiner Geliebten in der Opernloge ihres Mannes schläft, während seine Frau mit dem Mann seiner Geliebten dieselbe Oper vom Parkett aus verfolgt. Wie in den anderen Geschichten sind es jedoch nicht der Betrug und die Untreue, die verstören, sondern dass alles ohne Liebe und in absoluter Abgebrühtheit und Skrupellosigkeit geschieht. Und das nicht einmal aus Überzeugung, sondern eher aus vollkommener Ziellosigkeit heraus. Die Figuren irren im Kreis herum. Das spiegelt sich auch auf der sprachlichen Ebene im Satzbau und den Wiederholungen einzelner Motive.

Richard Swartz: Notlügen | Deutsch von Verena Reichel
Hanser 2012 | 224 Seiten | amazon-info


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Nick Hornby: Small Country

Small CountryDass mein Sohn der Star eines Pornofilms ist, fand ich heraus, als Karen Glenister, die zwei Häuser die Straße runter wohnt, mir einen Umschlag durch den Briefschlitz steckte. Im Umschlag steckten ein Video und ein Zettel:

Liebe Lynn, es ist eigentlich nicht meine Art, den Leuten Schmuddelfilme in den Briefkasten zu stecken! Aber ich könnte mir denken, dass der hier Dave und dich interessiert!

In vier hervorragenden Kurzgeschichten tut Hornby das, was er am besten kann: Er bringt sympathische, aber leicht neurotische Menschen in peinliche bis ausweglose Situationen. Lynn und Dave müssen sich in »Not a star« mit dem neuen Job ihres Sohnes und der Belastbarkeit ihrer liberalen Einstellung auseinandersetzen.

Das titelgebende »Small Country« hat die Ausmaße eines kleinen Dorfes und Schwierigkeiten, eine komplette Fußballmannschaft aufzustellen, die gegen andere Nationalmannschaften antreten soll.

In »Otherwise Pandemonium« zeigt ein mysteriöser Videorekorder die Zukunft und die sieht alles andere als rosig aus.

Die Hauptfigur in »Nipplejesus« ist ein ehemaliger Türsteher, der einen ruhigeren Job haben möchte und deshalb Wächter in einer Galerie wird. Leider bekommt er ausgerechnet die Aufgabe, ein Skandalbild zu bewachen, das eine Menge Menschen provoziert.

Die erste und die letzte Geschichte entsprechen am ehesten Hornbys bisherigem Schaffen. In der Titelgeschichte führt er eines seiner Lieblingsthemen, den Fußball, auf das Feld der Groteske. In »Otherwise Pandemonium« wagt er sich sogar in die Gefilde der Science Fiction und legt eine lupenreine Dystropie vor.

Mein Favorit ist allerdings »Nipplejesus«, dessen Story ungeheures Potenzial besitzt: Ungebildeter Schläger trifft auf exzentrische Kunstszene. Man kann sich gut ausmalen, was ein schlechterer Autor daraus gemacht hätte. Bei Hornby liefert die Naivität der Hauptfigur einige gelungene Pointen, ohne den Mann lächerlich zu machen, und sein erwachendes Kunstinteresse wird aufrichtig und berührend beschrieben. Die Künstler sind alles andere als weltfremde Spinner, die ihren Kopf in den Wolken tragen. Wie in allen Geschichten kommt es auch hier zu überraschenden Wendungen.

Fazit: Ein echter Hornby. Und das ist ein Gütesiegel.

Nick Hornby: Small Country | Deutsch von Ulrich Blumenbach und Harald Hellmann
Kiepenheuer & Witsch 2011 | 158 Seiten | amazon-info


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Lars Brandt: Alles Zirkus

Alles ZirkusEhe das Sandkorn nicht aus dem Auge ist, hilft die Feststellung seiner Winzigkeit nicht weiter.

Walter, ehemals Ingenieur und Raketenbauer, ist in einer Werbeagentur tätig, als die Wirtschaftkrise zuschlägt. Seine Frau, Trixi, investiert all ihre Zeit und Energie in den Versuch, einen Dokumentarfilm über einen vergessenen Maler zu machen und ihn bei einer Fernsehredaktion anzubringen. Beide werfen jeweils dem anderen vor, blind gegenüber der Realität zu sein.

Dabei zweifelt Walter an seiner eigenen Wahrnehmungsschärfe und spürt, wie er unter dem zunehmenden Druck in seiner Arbeit den Boden unter den Füßen verliert: Nachts träumt er sich als Clown, den keiner ernst nimmt. Als ihn dann eines Tages durch einen Zufall und ein Missverständnis in seinem wachen Leben E-Mails mit Werbung für Clowns-Bedarf erreichen, fängt er an, allem und jedem zu misstrauen, seiner Frau eingeschlossen. Paranoid sieht er andere Figuren aus Absichten handeln, die gar nicht existieren. Doch damit ist er nicht allein in diesem Roman.

Auch Trixie leidet darunter, dass Walter sich verändert hat und nicht mehr die Person ist, in die sie sich einst verliebt hat. Er jammert ihr zu viel – hauptsächlich über seinen Job – und hat ihrer Einschätzung nach aus den Augen verloren, was im Leben wirklich wichtig ist. Sie hat zumindest damit recht, dass sich an Walters Situation äußerlich nicht viel geändert hat: Zwar verliert die Werbeagentur, für die er tätig ist, einige Kunden, aber sie gewinnt auch neue hinzu und von Kündigung oder ähnlichen Existenzbedrohungen ist nie die Rede – im Gegenteil, Walter hat sich gerade erst ein neues Auto gekauft. Vielleicht redet er die Krise in seinem Beruf und in seiner Beziehung also nur herbei und zeigt damit, wie Sprache Realität schaffen kann.

Als Walter auf den Brief eines Mathematikinstituts reagiert, das ihn bezeichnenderweise als Mitarbeiter für ein Landkartenprojekt gewinnen will, und seiner Frau nicht gleich die Wahrheit darüber sagt, weil es ihm so absurd scheint und er es für eine Verwechslung hält, schleicht sich zusätzlich ein Fremdgeh-Verdacht in die Beziehung der beiden ein. Anstatt miteinander darüber zu reden, lamentieren jedoch beide in Gedanken weiter darüber, wie wenig der Partner sie versteht – und ironischer Weise darüber, wie sprachlos sie geworden sind. Walter fragt sich, wer er in Trixies Augen ist und wer in seinen eigenen. Gleichzeitig nutzt er die Gelegenheit, zu hinterfragen, was in ihrer Beziehung »noch alles« nicht stimmt.

Schließlich stößt zu den beiden ein ehemaliges Mitglied der Fremdenlegion, dem Walter in seiner Zeit als Raketenbauer begegnet ist. Dieser Mann heißt Schach, spricht mit einem sächsischen Akzent und ist leider wenig überzeugend geschildert. Ebenso unglaubwürdig wirkt, dass er sich in Trixie verliebt, aber nicht versucht, an sie heranzukommen.

Trixie und Walter nehmen ihn in ihrer Wohnung auf, haben aber völlig andere Ansichten über seinen Charakter und seine Geschichte – ein weiteres Beispiel von vielen in diesem Roman, dass es nur zu oft Ansichtssache ist, was Realität ist und was nicht. Die gefühlte Beziehungskrise von Trixie und Walter inmitten der gefühlten Wirtschaftskrise erlebt ihren Höhepunkt, als Walter schließlich seine paranoiden Fantasien und seine nächtlichen Träume im Mathematikinstitut in die Tat umsetzt und dadurch die Grenze zwischen seiner Vorstellungswelt und der Wirklichkeit überschreitet.

Alles in allem ein interessantes Buch darüber, wie weit man mit seiner Einschätzung danebenliegen kann, was in den Köpfen der Leute um einen herum tatsächlich vorgeht – egal wie nahe sie einem stehen.

Lars Brandt: Alles Zirkus | Deutsch
Hanser 2012 | 224 Seiten | amazon-info


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Stephen King: Der Anschlag

Der AnschlagIch war nie das, was man eine Heulsuse nennt. Meine Exfrau gab meinen nicht vorhandenen emotionalen Gradienten als Hauptgrund dafür an, dass sie mich verließ (als ob der Kerl, den sie bei den Anonymen Alkoholikern kennengelernt hatte, ganz nebensächlich wäre). Christy sagte, sie könne mir zur Not verzeihen, dass ich auf der Beerdigung ihres Vaters nicht geweint habe; ich hatte ihn nur sechs Jahre gekannt und könne daher nicht sehen, was für ein wundervoller, großartiger Mensch er gewesen sei (was beispielsweise ein Mustang-Cabrio zum Highschool-Abschluss bewies). Aber als ich auch auf den Beerdigungen meiner Eltern nicht weinte – sie starben im Abstand von nur zwei Jahren, Dad an Magenkrebs, Mutter an einem Herzschlag bei einem Strandspaziergang in Florida –, begann sie die Sache mit dem nicht vorhandenen Gradienten zu verstehen.

Der Lehrer Jake Epping wird von Burgerbudenbesitzer Al in dessen größtes Geheimnis eingeweiht: Er hat in seinem Keller ein Portal in die Vergangenheit. Das erklärt auch, weshalb seine Burger die billigsten weit und breit sind. Nicht weil er, wie alle vermuten, streunende Hunde und kleine Nager verarbeitet, sondern weil er sein Fleisch im Jahre 1958 einkauft, in dem die Preise lächerlich niedrig waren.

Al nutzt das Portal aber nicht nur, um billig einzukaufen. Sein Plan ist, das Attentat auf John F. Kennedy zu verhindern. Leider führt das Portal immer ins Jahr 1958 und man müsste fünf Jahre in der Vergangenheit leben, bis man die Gelegenheit hätte, Lee Harvey Oswald an den tödlichen Schüssen auf den Präsidenten zu hindern. Als Al Krebs bekommt, braucht er schnell einen Nachfolger für seine Mission.

In den Achtzigern und Anfang der Neunziger war ich ein großer Fan von Stephen King (und seines exzessiven Einsatzes von Klammern) und ich zähle »Es« und »Das letzte Gefecht« immer noch zu den besten und spannendsten Romanen. Danach ist mein Interesse erlahmt, zu viele zu dicke und zu langatmige Bücher, die Luft war irgendwie raus. Trotzdem habe ich ihn nie aus den Augen verloren (was aufgrund seiner Omnipräsenz auch schlichtweg unmöglich ist, wenn man sich für Bücher interessiert) und immer mal wieder in das jeweils neueste Werk reingelesen (aber meist enttäuscht weggelegt). Doch seit 2009 sein 1280-seitiges Werk »Arena« erschien, ist das Feuer wieder entfacht.

Wer noch kein Buch von Stephen King gelesen hat (soll es ja geben), weil er mit Horrorromanen nichts anfangen kann, darf hier getrost zugreifen (nicht, dass es der erste Nicht-Horror-Roman von King wäre). Kein Horror also, außer dem alltäglichen Grauen, das normale Mitmenschen verbreiten und das bei King schon immer eine große Rolle gespielt hat.

»Der Anschlag« ist ein Thriller und vor allem ein historischer Roman, denn er spielt zum größten Teil in den Jahren 1958 bis 1963. Detailreich lässt King diese Epoche wiederauferstehen und sein Protagonist erlebt anfangs eine Zeit wie im Paradies. Alles ist leuchtender, sauberer, unschuldiger und schmeckt besser. Aber nach und nach offenbaren sich ihm auch die Schattenseiten dieser Zeit: die Rassentrennung, die Kommuninstenhetze und die allgegenwärtige Angst vor einem Atomkrieg.

Nur langsam nähert sich Jake seiner Zielperson Oswald, mehr als einmal befallen ihn Zweifel an seiner Mission und seinen Chancen, die Geschichte zu ändern. Immer wieder gibt es Rückschläge und mehr als einmal droht er zu scheitern. Aber die Frage, die Jake (und den Leser) die ganze Zeit über am meisten beschäftigt ist: Wie wird es sich auf die Geschichte auswirken, wenn er den Anschlag verhindert?

Man könnte King vorwerfen (wenn es sein müsste), dass es nicht nötig gewesen wäre, diese Geschichte auf 1055 Seiten zu erzählen. Aber gerade durch die unzähligen Episoden, Anekdoten und Verstrickungen in den Jahren von Jakes Warten entwickelt das Buch seine Anziehungskraft. Indem es eine eigene Welt schafft, die man als Leser erst allmählich erkundet und die einen immer wieder überraschen kann.

Es sind die kleinen Details und die Gedankenspiele im Zusammenhang mit der Zeitreise, die faszinieren: die Möglichkeiten des Reichtums durch Sportwetten auf bekannte Ereignisse oder die Gefahr des Entdecktwerdens, indem man einen Song singt, den es zu dieser Zeit noch gar nicht gibt. Und zuletzt (aber eigentlich am wichtigsten), weil die Geschichte an keiner Stelle nachlässt oder langweilig wird.

Stephen King: Der Anschlag | Deutsch von Wulf Bergner
Heyne 2012 | 1.056 Seiten | amazon-info


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Frank Westerman: Das Schicksal der weißen Pferde

Das Schicksal der weißen PferdeDoch wenn Menschen so gut in der Lage waren, Tierarten nach Belieben zu manipulieren, warum liefen dann Versuche zur Verbesserung der menschlichen Rasse immer auf Mord und Totschlag hinaus?

In der Geschichtsschreibung hängt fast alles von der Perspektive ab. Frank Westerman, Journalist und Meister der literarischen Reportage, der zudem noch Agrarwissenschaften studiert hat, verfolgt in »Das Schicksal der weißen Pferde« die wechselvolle Geschichte einer Pferderasse: der Lippizaner. Das ist eine der ältesten gezüchteten Pferderassen der Welt, und es sind die Pferde, fast ausschließlich Schimmel, die in der Spanischen Hofreitschule in Wien eingesetzt werden.

Wer jetzt meint, »Das Schicksal der weißen Pferde« sei ein Pferdebuch, der irrt. Während Westerman der Geschichte der Lipizzaner nachgeht, beschäftigt er sich mit fundamentalen Fragen und fördert allerlei höchst interessante und eher unbekannte Fakten zutage, die teilweise kurios, teilweise erschreckend sind – von der Rolle der Nationalsozialisten in der deutschen Pferdezucht bis hin zur Rolle der Lipizzaner in den Balkankriegen.

Die Lippizaner gerieten nämlich immer wieder zwischen die Fronten nationaler Auseinandersetzungen. Im 16. Jahrhundert fingen die Habsburger an, sie aus spanischen Pferden zu züchten (daher der seltsame Name der eigentlich österreichischen Hofreitschule). Italiener, Österreicher, Tschechen, Böhmen, Deutsche, Amerikaner, Russen, Kroaten und Serben – sie alle haben sich im 20. Jahrhundert um die zahlenmäßig eher kleine Pferdezucht gestritten und in meist abenteuerlichen Aktionen versucht, sie in ihren Besitz zu bringen, hauptsächlich aus symbolischen Gründen. Eine Frage, der Westerman nachgeht, ist entsprechend, »was Menschen mit den Tieren zum Ausdruck bringen wollen, mit denen sie sich umgeben.«

Parallel zu den politischen Auseinandersetzungen, in die die Lippizaner verwickelt wurden, stellt Westerman die Geschichte der Wissenschaft der Genetik dar – von Mendel bis heute. Er geht dem Streit um Nature vs. Nurture nach – also der Frage, ob die Gene oder die Umweltbedingungen mehr Einfluss auf die Eigenschaften von Lebewesen haben – und erklärt, warum bestimmte Nationen an bestimmten Punkten in ihrer Geschichte jeweils die eine oder andere Theorie entschieden befürwortet haben. Dabei wirft er immer wieder ein unheimliches Licht auf Parallelen und Unterschiede zwischen der Tierzucht und verschiedenen Bestrebungen, den Menschen zu verbessern:

Die menschliche Rasse hat nicht nur die Funktion der Evolution ergründet, es ist ihr auch gelungen, deren Motor auseinanderzunehmen. Anschließend hat sie die Einzelteile zurechtgefeilt und wieder zusammengebaut, und jetzt düst sie auf diesem frisierten Moped herum – ohne Helm und von sich selbst überzeugt.

Westerman schreckt auch nicht davor zurück, politisch inkorrekte Fragen zu stellen, zum Beispiel über den Unterschied zwischen menschlichen Rassen, aber er tut es immer auf (selbst)kritische Art. Kein Wunder, dass er dabei irgendwann an den Punkt kommt, was den Menschen überhaupt vom Tier unterscheidet, und dass er öfter unangenehme Gefühle bei sich selbst feststellt:

Dies war nicht die erste Untersuchung eines Massengrabs im ehemaligen Jugoslawien, die ich sah, wohl aber die erste, bei der Pferde exhumiert wurden. … Ich bezweifle, dass der Bericht über die Hinrichtung von 264 Kroaten in einem Schweinemastbetrieb in der Nähe von Vucovar mich damals ähnlich hart getroffen hätte. Dieses Verbrechen … war größer und systematischer geplant, und dennoch hatte ich das unangenehme Gefühl, dass der Tod der Pferde mich tiefer berührte. Was steckte dahinter?

Während Westerman einerseits darlegt, wie verschiedene Länder eine Pferderasse für ihre nationalen politischen Interessen instrumentalisiert haben, zeigt er andererseits an einer Handvoll von Einzelschicksalen, wie die Pferdeleidenschaft einzelner sie in völlig verschiedenen Situationen dazu gebracht hat, überhaupt keine Rücksicht auf politische Gegebenheiten oder ihre eigenen politischen Überzeugungen zu nehmen und den Pferden zuliebe zu Mit- oder Überläufern zu werden:

Doch wie, wollte ich wissen, hatte es ihn dann zu den »Freunden der Spanischen Hofreitschule« verschlagen?

»Sie meinen: in diesen Monarchistenverein? «

Ich nickte – vielleicht etwas nachdrücklicher, als ich es gewollt hatte.

»Ich mag Pferde«, sagte er. »Mehr lässt sich dazu, glaube ich, nicht sagen.«

Dieser Aspekt ist mit der faszinierendste und unheimlichste an dem Buch. Am besten auf den Punkt bringt diese Verrücktheit der Pferdeliebhaber und das Unverständnis derer, die nicht davon befallen sind, ein Zitat aus dem Tagebuch des amerikanischen Generals Patton, nachdem er am Ende des Zweiten Weltkrieges einer Vorführung der Hofreitschule beigewohnt hatte:

Es erschien mir ziemlich bizarr, dass in einer Welt, die sich selbst zerfleischt, rund zwanzig Männer mittleren Alters und in guter körperlicher Verfassung all ihre Zeit und Energie darin investiert haben, Pferden ein paar Tricks beizubringen.

Alles in allem ein lesenswertes Buch auch für Leute, die nichts mit Pferden am Hut haben, schon allein wegen der ungewöhnlichen Perspektive auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Da verzeiht man Westerman auch gerne ein paar Irrtümer über Pferde, zum Beispiel seine Behauptung, dass die »Verdauung und der Stoffwechsel der meisten ›modernen‹ Pferde« auf Kraftfutter eingestellt seien, oder auch seine Befürchtung, dass Pferde es im Winter nicht ohne Stall aushalten.

Frank Westerman: Das Schicksal der weißen Pferde. Eine andere Geschichte
des 20. Jahrhunderts
| Deutsch von Gerd Busse und Gregor Seferens
C.H. Beck 2012 | 287 Seiten | amazon-info


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Daniel Depp: Nächte in Babylon

Näechte in BabylonIn einem Restaurant in Beverly Hills dachte Anna Mayhew, Oscar-Preisträgerin und ehemaliger Darling der Paparazzi, über das Verfallsdatum von Titten und Ärschen nach und überlegte, wie viele Tage sie sich noch gönnen sollte, bevor sie sich umbrachte. Sie hielt das Giftröhrchen wie einen Talismann in der Hand. Es war ein gutes Gefühl.

Detektiv Spandau wird engagiert, um die Schauspielerin Anna zu beschützen und muss schnell feststellen, dass seine Klientin ein äußerst wankelmütiges Gemüt hat. Mal ist sie zuckersüß, mal beschimpft sie jeden in ihrer Umgebung und mal entzündet sie die wodkagetränkte Hose eines aufdringlichen russischen Regisseurs. Sie schafft sich viele Feinde. Die größte Gefahr für sie geht allerdings von einem Fan aus.

Der Frisör Perec, der allein mit seiner Mutter lebt, bearbeitet Fotos von Anna bevorzugt mit seinem Rasiermesser. Als sie in die Jury der Filmfestspiele von Cannes berufen wird, muss Spandau sie begleiten. Auch Perec erfährt von der Reise, und zufällig hat er gerade einen größeren Geldbetrag von einem Zuhälter erbeutet. Dieser macht sich natürlich sofort auf die Suche nach dem räuberischen Frisör und dem Geld. Special, der Zuhälter, droht nicht mit Gewalt oder besticht mit Geld, sondern hat eine ganz eigene Methode, die Leute zum Reden zu bringen (und die muss man gelesen haben). Mühelos findet er heraus, wohin Perec verschwunden ist und folgt ihm nach Cannes.

Die Konfrontation amerikanischer und französischer Lebensart amüsiert über die gesamte zweite Hälfte des Buches. Depp, der in Frankreich seinen zweiten Wohnsitz hat, weiß genau, wovon er schreibt. Aber der Kulturclash ist bei weitem nicht der einzige Pluspunkt für diesen Roman. Depp unterstreicht hier noch einmal den außerordentlich positiven Eindruck seines Debüts »Stadt der Verlierer«.

Der Mann kann tatsächlich schreiben und hat seine Story jederzeit im Griff. Sein Detektiv Spandau ist keine zynische Schnodderschnauze und das hebt ihn so wohltuend aus der Massenware hervor. Stattdessen erleben wir einen Mann mit Charakter und Prinzipien, der weder durch eine weinerliche Nabelschau langweilt noch durch diverse Süchte oder ein desolates Familienleben belastet ist.

Klischeefrei, spannend, wendungsreich, mit interessanten Charakteren bis hinein in die kleinste Nebenfigur und von einer luftigen Leichtigkeit, die man viel zu selten erlebt. Vor allem bei Krimis. Hier hält man während der Lektüre manchmal inne, nur um sich zu bestätigen, wie viel Spaß man gerade beim Lesen hat. Das ist perfekte Unterhaltung. Ich freue mich bereits auf den nächsten Spandau-Roman.

Daniel Depp: Nächte in Babylon | Deutsch von Regina Rawlinson
Carl’s Books 2011 | 352 Seiten | amazon-info


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Christoph Bartmann: Leben im Büro

Leben im BüroEin Dienstleister kann seine Arbeit nicht so gesund hassen, wie es einmal ein Fabrik- und Fließbandarbeiter tun konnte.

In »Leben im Büro« wirft Christoph Bartmann, »Angestellter aus Leidenschaft«, wie es im Klappentext heißt, einen originellen, kritischen und teilweise auch amüsanten Blick auf die moderne Arbeitswelt all jener, die als Festangestellte in Büros arbeiten. Er zeichnet die Geschichte des Büros, der Verwaltung und des Managements nach und erklärt, welche Entwicklungen dazu geführt haben, dass die Büroangestellten heute mehr Zeit damit verbringen, über ihre Arbeit zu reden anstatt sie zu erledigen.

Der moderne Angestellte ist, wie Bartmann zeigt, ständig damit beschäftigt, seine Arbeit darzustellen, sie anderen zu präsentieren und zu evaluieren. Die Stelle von Vorgesetzten, die ihm sagen, was zu tun ist, und ihn unter Druck setzen, haben moderne Managementtechniken eingenommen, die der Angestellte verinnerlicht hat. Anstatt Anweisungen auszuführen, erreicht er Ziele, die er scheinbar freiwillig mit seinen Vorgesetzten vereinbart hat. So setzt er sich selbst unter Druck. Das alles hat aber nicht zum erhofften Bürokratieabbau oder einer gesteigerten Effektivität geführt, sondern eher zu einem Vertrauensverlust.

Früher, so Bartmann, konnte der Angestellte eine gesunde Distanz zu seiner Arbeit haben und in der Freizeit seine eigentliche Persönlichkeit ausleben. Heute muss er so motiviert in der Arbeit sein und sich so sehr mit ihr identifizieren, dass das nicht mehr möglich ist. Die ständige Erreichbarkeit und die Ausweitung der Arbeitszeiten und -orte durch Internet und Handys leisten ihr übriges zu dieser Entwicklung, die im Burnout gipfelt, der unpeinlichsten aller Krankheiten, wie Bartmann das Phänomen nennt:

Ist nicht der Burnout die Krankheit, die zugleich eine übermäßige – pathologische – Gesundheit darstellt? (…) Der Börsenwert der erkrankten Person wird durch ihre Krankheit nicht geschmälert.

Weiter schreibt Bartmann:

Wenn aber die Burnout-Symptome selbst auf ein Übermaß an positivem Denken zurückzuführen sind, dann ist der Burnout insgesamt die Krankheit des positiven Denkens. Erst hat uns das positive Denken glauben gemacht, es gäbe für uns kein Limit, nun begegnen wir uns wieder als Performance-Junkies in der Kurklinik.

Und selbst die Maßnahmen, die den an Burnout Erkrankten helfen sollen, entlarvt Bartmann als »Berufsdoping«, das lediglich dazu beitrage, dass die Angestellten weiter funktionieren. Er spricht von »Auszeiten und Sabbaticals, die aber nichts an den Verhältnissen ändern, sondern sie, ganz und gar konformistisch, nur besser lebbar machen.«

Bartmann macht vor allem die Techniken des modernen Managements für diese Entwicklung verantwortlich. Er zeigt, wie Managementtheorien mit dem amerikanischen Machbarkeitsglauben und dem Glauben an Heilung durch den Geist und durch die Kraft der eigenen Gedanken zusammenhängen. Und wie das Management aus der Privatwirtschaft auf den Staat übergeschwappt ist und Institutionen, die nicht dafür geeignet sind – Schulen, Universitäten oder Krankenhäuser – seine Anforderungen übergestülpt hat:

Es geht um den Kampf zwischen den Verfahrensspezialisten auf der einen und den Fachleuten, Praktikern und Gelehrten auf der anderen Seite. (…) Die alte Idee der berufsständischen Professionalität ist unter dem Einfluss der Manager der Vorstellung gewichen, dass professionell ist, wer Prozesse erfolgreich managt.

Bartmann hinterfragt dabei ständig auf originelle Weise die Schlagworte, Gegebenheiten und Arbeitsmittel des modernen Büros – auch das Microsoft Office Paket. Über den Begriff Netzwerk schreibt er zum Beispiel:

Netzwerk heißt dann wohl: selbst nichts fertigen, statt dessen überall andere billiger fertigen lassen, aber selbst daran verdienen. Der rasend populäre Netzwerkgedanke ist nie ganz frei von der Vorstellung, an der Arbeit, der geistigen wie der körperlichen, anderer kostengünstig und parasitär teilzuhaben.

Als Lösung schlägt Bartmann eine Rückkehr zu einer besseren Bürokratie vor, zweifelt aber gleichzeitig stark daran, ob eine Systemkritik aus überhaupt noch möglich ist.

Christoph Bartmann: Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten | Deutsch
Hanser 2012 | 320 Seiten | amazon-info


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Daniel Suarez: Daemon

DaemonUnd in diesem kühlen, distanzierten Zustand begriff er es plötzlich. Matthew Sobol war gestorben. Das war in den Nachrichten gekommen. Und da fügte sich plötzlich alles zusammen. Sobols Spiel ergab jetzt endlich einen Sinn. Es war wirklich phantastisch.

Das Computergenie Matthew Sobol, einer der reichsten Männer der Welt, liegt im Sterben. Im Augenblick seines Todes werden alle Computersysteme weltweit von einem Virus infiziert. Allem Anschein nach hat Sobol diese Machtübernahme auf Jahre hinaus geplant und auch nach seinem Tod ist er allen Gegnern und Verfolgern immer einen Schritt voraus. Polizisten, Spezialeinheiten und Computerspezialisten versuchen an verschiedenen Fronten, ein schier übermächtiges System zu überlisten.

Thematisch ähnelt das Buch »Robocalypse« von Daniel H. Wilson, wechselt aber nicht in ein postapokalyptisches Endzeitszenario, sondern spielt durchgehend in unserer heutigen Gesellschaft. Die Gefahren weltweiter Vernetzung und von Datenmissbrauch im Netz werden auf erschreckende Weise verdeutlicht:

Bisher hatte Gragg fast zweitausend Identitäten von sehr reichen Leuten, die er auf dem globalen Markt verkaufen konnte, und die Brasilianer und Filipinos schnappten sich alles, was er anbot. Gragg wusste, er hatte in dieser neuen Welt einen Überlebensvorteil. Hochschulbildung war nicht mehr das Tor zum Erfolg. Offenbar dachten sich die Leute nichts dabei, ihr finanzielles Wohl einer Technologie anzuvertrauen, die sie nicht durchschauten. Das würde ihr Verderben sein.

»Daemon« ist ein wahrer Vollblut-Thriller. Neben der originellen Grundidee, den überraschenden Wendungen und der permanent ansteigenden Spannungskurve, enthält er zahlreiche unvergessliche Actionszenen, die alles in den Schatten stellen, was ich bisher gelesen habe. Es passiert mir nicht oft, dass ich beim Lesen unruhig im Sessel herumrutsche. In vielen Büchern ist die Action beliebig und austauschbar, aber hier wird man wirklich gepackt.

Die Fortsetzung »Darknet« fand ich nicht so überzeugend. Offenbar ist die gesamte Geschichte als Trilogie geplant, aber »Daemon« lässt sich auch wunderbar als Einzelroman lesen.

Daniel Suarez: Daemon | Deutsch von Cornelia Holfelder-von der Tann
Rowohlt 2011 (3. Auflage) | 640 Seiten | amazon-info


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John Niven: Gott bewahre

Gott bewahre»Die Welt ist doch krank in der Birne.«

Wer hat sich das nicht schon mal gedacht? Dass dieses Zitat aber von Gott stammen soll, ist weniger nachvollziehbar. Hat er uns und die Welt doch angeblich erschaffen. Doch Gott ist nicht das, was die Kirche uns erzählt, es gibt viel zu viele Geschichten über Gott, die versuchen, Menschen Regeln aufzuerlegen. »Gott Bewahre« von John Niven ist ein erfrischender Roman für solche, die nicht an Gott glauben, dies aber doch gern tun würden. Denn Gott ist in »Gott Bewahre« ein cooler Typ mit einem kiffenden Sohn und sympathischen Ansichten und Hobbys.

Die Selbstzerstörung der Menschheit greift schnell um sich – vor allem ist das im Himmel so zu sehen, denn ein Tag im Himmel entspricht etwa 57 Erdenjahren. Gott war nur eine Woche Angeln, und schon steht alles Kopf. Seit der Renaissance hat Gott nicht mehr auf die Erde geschaut und ist umso schockierter, als er die Ereignisse auf der Erde Revue passieren lässt. Rassismus, Umweltzerstörung, Kommerz und die Christen, die in seinem Namen Schwachsinn verbreiten. Gott bleibt nichts anderes übrig, als seinen Sohn Jesus – passionierter Rock’n'Roller und beherzter Kiffer – zum zweiten Mal auf die Erde zu schicken, um Gottes einziges Gebot zu verbreiten: Seid lieb!

Das Buch ist lustig und überzeugt durch böse, aber sehr witzige Ideen, ist blasphemisch und entlarvt sehr schön die gängige Doppelmoral. Alle Dinge, die offenbar aus dem Gleichgewicht geraten sind – wie billiger Kommerz und scheinheiliger Kapitalismus – werden mit einer großen Portion schwarzem Humor und ohne Blatt vor dem Mund behandelt und durch den Kakao gezogen.

Die Geschichte liest sich dadurch nicht unbedingt wie eine Gesellschaftskritik, trotzdem muss man ob der Dummheit der Menschheit – bei der man sich selbst ja nicht ausschließen kann – oft den Kopf schütteln. Dies ist aber eine von Nivens Lieblingsbeschäftigungen: versteckte Kritik an der Gesellschaft und ihren Hobbys mit vielen Schimpfwörtern. Doch nie hat Niven den Nagel so auf den Kopf getroffen wie in »Gott Bewahre«.

Als linker Leser reibt man sich fast die Hände ob der kreativen, aber sehr bösen Ideen Nivens: Beispielsweise werden rassistische, rechte Prediger in der Hölle den ganzen Tag von mächtigen »Schwarzen« vergewaltigt; auch Abtreibungsgegner kommen dorthin oder Christen, die verkrampft und ohne andere Meinungen zu akzeptieren, die von Moses erfundenen zehn Gebote verbreiten und anderen aufzudrängen versuchen.

Letztendlich fügt sich Jesus dem Befehl seines Vaters und landet gemeinsam mit einer Gruppe aus dem sozialen Netz gefallener Menschen (wie einer ehemaligen Prostituierten mit zwei Kindern) bei einer Casting-Show, wo er behauptet, Jesus zu sein, und obendrein unverschämt gut singt. »Die Neuzugänge sind gestiegen«, wird daraufhin im Himmel festgestellt.

Jesus hat die Erde gerockt.

John Niven: Gott bewahre | Deutsch von Stephan Glietsch und Jörn Ingwersen
Heyne 2011 | 400 Seiten | amazon-info


 


Anke Wichmann: Gringos Reise zu den Sternen

Gringos Reise zu den SternenIch setze mich für einen Moment in die Küche, weine ein bisschen und rauche eine American Spirit gelb, um meine Nerven zu beruhigen – das sagen Raucher übrigens immer. Seitdem Jörg nur noch ganz leise sprechen kann, horche ich immer auf das Klingeln der Glocke, die ich ihm an den so genannten Bettgalgen gehängt habe.

Es ist schwierig für einen inkomplett gelähmten Menschen, seine Befindlichkeit zu beschreiben. Im Gegensatz zu einem komplett Gelähmten, bei dem es kein konkretes Gefühl, also auch keinen direkten Schmerz in den gelähmten Körperteilen gibt, erlebt der inkomplett Gelähmte die ganze breite Palette körperlicher Empfindungen, vom leichten Wärmegefühl bis zum fiesesten Krampf, vielleicht sogar stärker, weil die Wahrnehmung eine extrem andere Qualität hat. Ich kann das alles nur ahnen und darf trotzdem kein Mitleid zeigen. Oder? Oh, er klingelt.

»Liebling, wie wär’s mit’m Hit?«

Er zwinkert mir verschwörerisch zu, der alte Schlawiner.

Jörg »Jorgedee« Dreisörner war ein guter Freund unserer Website www.tcboyle.de. 2004 hatte ich ihn über das Forum von T.C. Boyles Homepage kennengelernt. Er war danach auch in unserem deutschsprachigen Forum zu Gast, schickte mir interessante E-Mails, später auch prachtvolle Bildbände und Toncollagen. Zudem beteiligte er sich mit stilistisch einzigartigen Short Storys an unseren Schreibwettbewerben.

Dass hinter diesen Kunstwerken und Geschichten eine äußerst faszinierende Persönlichkeit mit einer nicht weniger faszinierenden Vergangenheit steckte, ließ sich schnell erahnen. Doch Genaueres wusste ich nicht. Zum Beispiel, dass er lange Zeit ein Aussteiger-Leben geführt hatte, auf den Spuren Jack Kerouacs unterwegs war, eines Tages sogar Allan Ginsberg traf und ihm die Weihnachtskekse seiner Mutter anbot.

Oder dass er viele Jahre als Bühnenmaler in New York arbeitete, für bekannte Theaterproduktionen und Studios, für das Native American Theatre Ensemble, Aquarius, Rauschenberg, Lichtenstein und viele andere.

Was mir ebenfalls nicht im Detail bekannt war: Jorgedee hatte im Mai 2003 einen schweren Unfall – mit fatalen Folgen. Bei einer kleinen Zechtour in Berlin war er in einem Café ins Stolpern geraten und eine Treppe hinuntergestürzt. Er schlug auf dem Steinfußboden auf, prallte mit dem Kopf gegen eine Kellertür und blieb schließlich blutend und bewusstlos liegen.

Diagnose: Querschnittlähmung, schlimmer noch Tetraplegie. Das bedeutet, alle Extremitäten, Magen-Darmtrakt, Uro-Genitaltrakt und überhaupt alles unterhalb des Kopfes ist eher mehr als weniger gelähmt.

Was sich bei einer solch niederschmetternden Diagnose wie der schlimmste Albtraum vor einem aufbaut, scheint unüberwindbar: Ein Mensch, der vor Lebensfreude und künstlerischer Produktivität nur so strotzt, ist urplötzlich gefangen in einem fast völlig bewegungsunfähigen Körper, bedarf der Pflege und Betreuung, rund um die Uhr, bei Dingen, die alltäglicher, menschlicher, intimer nicht sein können. Von einer Sekunde auf die nächste ist alles anders. Nicht nur für Jorgedee, auch für seine Frau, die Autorin Anke Wichmann, seine große Liebe.

In ihrem Buch »Gringos Reise zu den Sternen« hat sie ihre Eindrücke, Empfindungen und Erfahrungen niedergeschrieben. Sie kannten sich schon lange, Jörg und Anke, doch es dauerte Jahrzehnte, bis sich ihre Liebe erfüllte. In kurzen Rückblenden erzählt sie, wie sie zueinander fanden.

In der Gegenwart, im Hier und Jetzt, beschreibt Anke die Schwierigkeiten, die sie und Jörg nach dem tragischen Treppensturz zu meistern haben, die Odyssee durch Krankenhäuser und Reha-Kliniken, mit mehr oder weniger einfühlsamen Ärzten, Wunderheilern und Pflegekräften, den Alltag mit Kathetern, Medikamenten, immer neuen Einschränkungen und den Versuchen, dem Leben – trotz allem – möglichst viel Positives abzuringen.

Letzteres gelingt Anke, Jörg und ihren vielen Freunden, die sie unterstützen, auf erstaunliche Weise. Man ist als Leser ebenso beeindruckt wie die Autorin über den Humor und die Gelassenheit, mit der Jörg sein Schicksal annimmt. Zudem definiert sich die Liebe zwischen Jörg und Anke angesichts der außergewöhnlichen Lage völlig neu. Beide sehen und behandeln dies wie ein kostbares Geschenk. Am Ende gelingt es Jörg sogar, wenn auch nur mit Hilfe modernster Technik und unter allergrößten körperlichen Anstrengungen, sich erneut künstlerisch zu betätigen.

Bei aller Tragik des Themas vermittelt »Gringos Reise zu den Sternen« daher ein positives Gefühl. Es ist ein positives Buch, ein wundervoller Erfahrungsbericht, der Mut macht, Mut machen sollte. Nicht nur, was die Lebensumstände von Querschnittgelähmten oder anderen schwerkranken Menschen betrifft, sondern auch in Bezug auf den Tod und darüber hinaus. Jörg Dreisörner verstarb im Sommer 2010. Zu seinem Andenken fand in Nordpommern eine große Finissage statt.

… ein wundervoller Abend für Jörg, alle haben Spaß und wir lachen, singen und tanzen bis in den frühen Morgen. Und Jörg ist allgegenwärtig.

Anke Wichmann: Gringos Reise zu den Sternen | Deutsch
Wagner Verlag 2011 | 135 Seiten | amazon-info