Zeruyah Shalev: Mann und Frau

Mann und Frau… so also lebt ihr alle, das ist das große Geheimnis des Lebens … ungerührt lauft ihr alle auf der Überholspur, und nur ich war so stur, alles empfinden zu wollen, mit meinen Plattfüßen den nackten Königsweg zu nehmen, keine Nuance zu mißachten, mich an der infizierten Wurzel des Gefühls aufzureiben …

Die Geschichte an sich ist banal, die Zeruyah Shalev in »Mann und Frau« erzählt, dem zweiten Teil ihrer Trilogie über Liebe in der heutigen Zeit. Eine Ehe, die langsam aber sicher an gegenseitigen, halb unausgesprochenen Vorwürfen zugrunde geht, untergraben von dem Resultat nie verarbeiteter, latenter Schuldzuweisungen, zerrüttet durch eine sich im Lauf der Jahre fast unbemerkt eingeschlichenen Feindseligkeit.

Na’ama und Udi sind an einem Punkt in ihrem Zusammenleben angelangt, an dem sie selbst ihre Liebe, die doch noch ab und zu aufflackert und sich in stürmischen Ausbrüchen äußert, nicht mehr retten kann. Trotzdem fällt Na’am aus allen Wolken, als ihr Mann Udi sie verlässt. Denn schließlich, denkt sie, war ihre Liebe und ihr Zusammensein immer da, so unhinterfragt und lebensnotwendig wie die Umdrehungen der Erde, von denen man ja auch nichts spürt.

Streit und Trennung der Eltern wirken sich auch auf Noga aus, die knapp zehnjährige Tochter der beiden, die in der Schule zu einer Außenseiterin wird. Ob zwischen Na’ama und Udi von Anfang etwas nicht stimmte, wie Na’amas Mutter meint, oder ob erst Na’amas nie ganz vollzogene Untreue und ein Versehen von Udi, das Noga fast das Leben kostet, zu dem Zerwürfnis geführt haben, bleibt unklar und ist letztlich auch nicht von Belang, genauso wie die Frage, ob Udi und Na’ama wieder zusammenfinden.

Wodurch dieser Roman besticht ist die Sprachgewalt der Autorin, die uns an Na’amas Innenwelt in der Ich-Perspektive teilhaben lässt. Die originellen und beeindruckenden Bilder, mit denen sie Na’amas Gefühle in Worte kleidet, lassen einen innehalten. Auf fast jeder Seite trifft man auf Sätze, die man einfach zweimal lesen muss, so schön sind sie.

Zeruyah Shalev: Mann und Frau | Deutsch von Mirjam Pressler
BvT Berliner Taschenbuch 2002 | 399 Seiten | amazon-info

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William Gibson: Quellcode

QuellcodeWilliam Gibson. Dem an Gegenwartsliteratur interessierten Leser sicher kein Unbekannter. William Gibson. Der Schriftsteller, der im Jahre 1984 der Science Fiction eine Grabrede halten wollte und damit nichts Geringeres vollbrachte, als dem Genre völlig neue Perspektiven zu eröffnen.

Mit seinem »Neuromancer« hat er nicht nur der phantastischen Literatur neue Horizonte eröffnet, er hat auch eine ganze Reihe Begriffe geprägt, derer wir uns heute alltäglich zu bedienen wissen. Cyberspace wäre das Wort der Moderne, das in »Neuromancer« erstmals konzeptuell ausformuliert wurde. Wobei – Ehre wem Ehre gebührt – eine erste Konzeption unter anderer Bezeichnung findet sich schon 20 Jahre früher in »Summa Technologiae« des großartigen Stanislaw Lem.

William Gibson. Schreibt er eigentlich noch SF? Nein, nicht wirklich. Er ist mit seinem neunten Buch mitten in der Gegenwartskritik angekommen. Schon der Vorläufer »Mustererkennung« spielte nicht mehr in der irritierenden Gibson’schen Zukunftsvision, sondern auf der Übergangslinie von Gegenwart zu Zukunft, dem frühen 21. Jahrhundert. Heute. Und ebenso wie in »Mustererkennung« sind auch in »Quellcode« internationaler Terrorismus, die Anschläge vom elften September 2001 und das daraus resultierende amerikanische Trauma sowie die Kriege, die in der Folge geführt wurden, die Hintergrundmotive für das Geschehen. Wobei Gibson seinem technologischen Schreibstil durchaus treu bleibt, seine Charakterentwicklung nach wie vor superb ist.

Streckenweise hat man in seinem neuen Buch das Gefühl, er arbeitet einige Schlagworte ab, die er einfach in seinem Buch haben musste. Wer sich im aktuellen Internet nicht heimisch fühlt, wird es unter Umständen als eine Aufgabe empfinden, nachzurecherchieren, was sich hinter dem einen oder anderen Schlagwort verbirgt. Wer im aktuellen Cyberspace zuhause ist, wird sich allerdings an vielen Stellen fragen, warum das jetzt eigentlich sein musste oder ob da nicht besser eine etwas aktuellere Technologie hätte erwähnt werden müssen. Nicht von ungefähr hört man immer wieder, dass Gibson mittlerweile über die Vergangenheit schreibt, weil sich daraus mehr lernen lässt.

Im Buch treffen wir einen alten Bekannten aus »Mustererkennung« wieder, Hubertus Bigend, den Gründer der Agentur Blue Ant für virales Marketing. Er ist der Auftraggeber für die Protagonistin des Romans, die ehemalige Sängerin der Kultband »The Curfew«, Hollis Henry. Sie soll für ein Magazin, das Bigend bald herausgeben möchte, über eine moderne Kunstform schreiben, Locative Art. Diese Kunstform ist tatsächlich auch das einzig Visionäre an Gibsons Buch: Kunst im virtuellen Raum, in lokalen Netzwerken verortet, die vom Betrachter nur mittels eines Virtual-Reality-Helmes mit GPS-Funktion betrachtet werden kann. Die Idee dazu entwickelt Gibson aus Locative Media, ein banales Beispiel hierfür wäre ein Navigationssystem, das immer aktuell über Staus und Baustellen bescheid weiß, und noch dazu Touristeninformation zu Hotels oder ähnlichem wiedergeben kann. Der Punkt, den Gibson hier findet, ist Tenor in seinem neuen Buch: Cyberspace ist überall.

Aber Locative Art ist nur der Einstieg in Gibsons Buch, für den Leser ebenso wie für Hollis Henry. Gibson baut neben dem Erzählstrang um die Sängerin noch zwei weitere Stränge auf: Einer dreht sich um den Junkie Milgrim, der von dem dubiosen Geheimdienstmann Brown festgehalten wird, und in dem immer ein wenig unklar bleibt, ob die Arbeit des Herrn Brown so legal ist, wie er tut. Und ein weiterer um den jungen Tito, Mitglied einer Mafia-Familienorganisation kubanisch-chinesischer Einwanderer, ebenfalls mit Geheimdiensthintergrund.

Diese Erzählstränge verweben sich mehr und mehr während des Romans, wobei wirklich lange nicht klar ist, um was es denn nun eigentlich geht. Klar ist, hinter der für Locative Art genutzten Technologie steckt deutlich mehr. Unklar ist, was und wer dahinter steckt. Klar ist: Man kann einen iPod für deutlich mehr benutzen als zum Musik hören. Motive bleiben ebenso unklar und diffus wie Hintermänner – und das ist Gibsons zweiter Punkt: Die Moderne ist eine bedrohliche, unklare und überwachte Welt.

Um was die ganze Geschichte sich dreht, soll auch hier nicht verraten werden, und für alle, die dieses Buch mit Spannung lesen möchten, noch ein wichtiger Tipp: Lesen sie auf keinen Fall den Klappentext.

Gibsons Quellcode ist kein bahnbrechendes Buch. Aber es ist ein ausgezeichnetes Buch, das mit den Motiven unserer vernetzen Gegenwart spielt wie kein anderes, wie es wohl auch kein anderer Autor kann. Wenn Sie jetzt neugierig geworden sind, dann tun sie doch etwas, was auch Gibsons Akteure dauernd tun: Googeln sie es, vielleicht bestellen Sie es sich in einem Online-Shop, Sie können sich auch ein langes Interview mit William Gibson, geführt von Gerd Scobel, auf den Webseiten von 3sat anschauen.

Unter Umständen benutzen Sie dazu ein ungesichertes WLAN aus der Nachbarschaft. Dann sind sie schon fast da: in Gibsons »Quellcode«.

William Gibson: Quellcode | Deutsch von Stefanie Schaeffler
Klett-Cotta 2008 | 450 Seiten | amazon-info

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Das Evangelium nach JimmySein Vorgänger hat ihm den nuklearen Code, das Übernahmeprotokoll und ein paar direkt vom Weißen Haus verwaltete Verteidigungsgeheimnisse übergeben, die nun allesamt auf dem Mahagonitisch liegen: Jetzt kann er gehen und in der Versenkung verschwinden. Mit einer spöttischen Miene, die George W. Bush augenblicklich als deplaziert empfindet, klappt der ehemalige Bewohner des Weißen Hauses seine lederne Aktenmappe zu. Bill Clinton lässt ein letztes Mal seinen Blick durch den Raum schweifen und wendet sich dann zur Tür. Er macht drei Schritte, dreht sich nochmals um, und während er seine Aktenmappe wieder öffnet, sagt er in bewusst neutralem Ton: »Ach ja, übrigens, wir haben Jesus geklont.«

Einige Jahre in der Zukunft: Der republikanische Präsident will seinen homosexuellen Partner mit dem Segen der Kirche heiraten, obwohl dieser bereits einmal geschieden wurde. Was wäre eine passendere Bestechung, um sich das Wohlwollen des Vatikans zu sichern, als ein neuer Messias. Der 32jährige Jimmy Wood ist Poolreiniger und ahnt nichts von seiner Herkunft. Drei Abgesandte aus dem Weißen Haus eröffnen ihm, dass er aus dem Blut auf dem Turiner Grabtuch geklont wurde. Jimmy ist allerdings mehr mit seinen Beziehungsproblemen beschäftigt und leider kein bisschen religiös. Die Marketingabteilung legt sofort los, um sein Leben und sein Handeln mediengerecht aufzubereiten.

»Für mich fällt das in die gleiche Kategorie wie das von Johnson befohlene Attentat auf Kennedy, das außerirdische Implantat im Gehirn von Gerald Ford, der Drehbuchautor von Ronald Reagan, der den Kalten Krieg dirigierte, das Kommando übersinnlich begabter Menschen, die die koreanischen Raketen zerstörten, das Vogelgrippevirus, das von der CIA nach China gebracht wurde, oder die Sado-Maso-Partys im Weißen Haus.«

»Doch Doktor Sandersen ist leider Gottes eine unumstrittene Autorität auf seinem Gebiet, und wenn er behauptet, er habe Beweise für die Herkunft, die Existenz und den guten Gesundheitszustand eines über dreißigjährigen Klons, der aus zweitausend Jahre altem Blut gezeugt wurde, dann sollten wir der Sache vielleicht mal nachgehen…«

Das Ringen um Jimmy beginnt als gutgelaunten Farce und eine Satire, nicht nur auf die amerikanische Gesellschaft. Da geht es um die Patent- und Lizenzrechte an der Klonmethode, deren Erfinder droht, den Jesus-Klon notfalls an eine Sekte zu verkaufen, den Verfielfältigungsrechten an allem, was Jimmy öffentlicht sagt, sowie die prozentuale Beteiligung an der finanziellen Nutzung eventueller Wunder. Jimmy reist nach Lourdes, trifft den Papst und tritt in den Sendungen amerikanischer Fernsehevangelisten auf. Und dann beginnt Jimmy seine ersten Wunder zu vollbringen.

Das Buch ist keine grelle Gagparade, die nur auf Lacher spekuliert. Obwohl das Medienspektakel und die Expertenmannschaft um Jimmy, unter anderem ein Drehbuchautor, sehr an den Film »Wag the dog« erinnern. Der Ton wird im Verlauf des Buches immer ernster und bitterer, wenn der Autor beginnt, den existenziellen Fragen nachzugehen und die Folgen eines geklonten Jesus unbarmherzig weiterspinnt, mit allen moralischen, ethischen und religiösen Konsequenzen. Dieses Schwanken zwischen Drama und Komödie hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Beide Anteile sind interessant und höchst lesenswert, nur die Mischung will nicht so recht gelingen. Gerade im Mittelteil führt dies zu einigen Längen und zähen Passagen. Trotzdem ein sehr empfehlenswertes Buch. Der Verdienst Didier van Cauwelaerts besteht vor allem darin, dass man jederzeit denkt, wenn es tatsächlich passiert, könnte es genau so ablaufen.

Didier van Cauwelaert: Das Evangelium nach Jimmy | Deutsch von Olaf Matthias Roth
Aufbau Taschenbuch 2008 | 408 Seiten | amazon-info

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Martha Grimes: Karneval der Toten

Karneval der TotenEin kleines fünfjähriges Mädchen liegt tot im Rinnstein, erschossen, die Kugel heimtückisch eingedrungen in den Rücken dieses unschuldigen Kindskörpers. Eine unfassbare Tragödie, mit deren Aufklärung einmal mehr Inspektor Richard Jury beauftragt wird. Ist es das stetig fortschreitende Alter oder die besondere Heimtücke dieser hinterhältigen Tat, die den Ermittler von Scotland Yard nahezu paralysiert, kaum fähig die Untersuchungen zügig in die Gänge zu bringen? Oder sind es die persönlichen Schicksalsschläge, die ihm mehr und mehr den Atem rauben? So auch diesmal, als er vom Tod seiner Cousine erfährt, zu der er zu Lebzeiten ein eher reserviertes Verhältnis hatte.

Ein weiterer Mord hält den misanthropischen Hüter des Rechts in Atem: auf dem einst so mondänen Herrensitz Angel’s Gate wurde eine Unbekannte brutal aus dem Leben gerissen. Jurys Mitgefühlt gilt voll und ganz Declan Scott, dem Hausherrn von Angel’s Gate, ein Mann, der sich trotz schrecklicher Schicksalsschläge (seine Frau gestorben, seine Stieftochter spurlos verschwunden) seine Würde bewahrt hat. Und so begibt sich Jury auf den Weg zu ebendiesem Anwesen, im Schlepptau das bewährte Team mit Higgins, seinem hypochondrischen Assistenten und Melrose Plant, dem adligen Bonvivant, der diesmal inkognito als Fachmann für Rasenplaggen und Cloisonnégärtchen auftritt, was bei aller Tragik des Falles für einige sehr vergnügliche Szenen sorgt.

»Ich kann mir nicht denken, dass einen die Beschäftigung mit Rasenplaggen zeitlich sehr in Anspruch nimmt?«

»Nein, im Grunde erst, wenn man tot ist.« antwortete Melrose.

Aber es sind nicht nur die Morde, denen Richard Jury auf die Spur kommen muss. Zu allem Übel scheinen sich auch noch Verbindungen zu einem Pädophilenring aufzutun und bis zur Lösung des vertrackten Falles hat Jury nicht nur seine Karriere aufs Spiel gesetzt, sondern auch der Hölle auf Erden ins Auge geblickt.

Martha Grimes gelingt es vortrefflich bei allem Schrecken, denen sich Jury und der Leser aussetzen, doch auch immer wieder vergnügliche, entspannende Szenen einzuflechten, seien es die unterkühlt erotischen Begegnungen mit seiner Nachbarin Carol-Anne oder die Treffen im Pub mit seinen Freunden, bei denen der Leser dann unter anderem Zeuge eines literarisch zumindest fragwürdigen Henry James-Wettstreites wird.

Im Original ist der Roman mit dem Namen eines Pubs betitelt, wie übrigens alle Bücher der Inspektor Jury-Reihe. Hier handelt es sich um »The Winds Of Change«. Der deutsche Titel »Karneval der Toten« ist auch nach der Lektüre des Buches nicht nachvollziehbar. Wer jedoch ein Faible für intelligente, handwerklich überzeugende britische Kriminalromane hat, wird die Lektüre genießen. Fans von Inspektor Jury, zu denen ich mich ab sofort zähle, tun dies sowieso.

Martha Grimes: Karneval der Toten | Deutsch von Cornelia C. Walter
Goldmann 2008 | 448 Seiten | amazon-info

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Werner Herzog: Eroberung des Nutzlosen

Eroberung des NutzlosenIn früheren Zeiten wäre Werner Herzog vielleicht der spanischen Inquisition beigetreten. Er hat etwas von der Aura eines Fanatikers an sich, der in seinem Eifer sämtliche Grenzen überschreitet. Fast all seine Filme basieren auf grandiosen Visionen, die jedoch letztendlich enttäuschen.

Nehmen wir zum Beispiel seinen bekanntesten Streifen »Fitzcarraldo« (1981): Ein Exzentriker, der im Urwald ein Opernhaus bauen will, lässt in Südamerika auf einer Expedition ein riesiges Schiff von Eingeborenen über einen Berg ziehen. Das Bild des Dampfers, wie er vor einer grandiosen Naturkulisse den Abhang hinaufgezogen wird, fasziniert. Die Menschen aber, die den Film bevölkern, bleiben uns seltsam fremd. Sympathieträger sucht man in Herzogs Filmen vergebens. Die chaotischen Dreharbeiten des Films und Herzogs dramatische Zusammenstöße mit Hauptdarsteller Klaus Kinski sind inzwischen Legende. 2004 hat der Filmemacher unter dem Titel »Eroberung des Nutzlosen« seine Tagebuchaufzeichnungen veröffentlicht.

Herzog verzichtet fast völlig auf den üblichen Filmklatsch, sondern erzählt von der unglaublichen Armut der Eingeborenen und dem beschwerlichen Leben im Urwald. Einmal ist er so abgebrannt, dass er zwei Flaschen Shampoo gegen einen Sack Reis tauscht, von dem er sich drei Wochen lang ernährt. Banales steht neben Tiefschürfenden. Gerade das macht den Reiz aus.

Zum Scheißen kam mir weit in den Wald hinein ein Schwein nach, schnuppernd und bis zur absoluten Schamlosigkeit auf meinen Schiss wartend. Selbst mit Holzprügeln, die ich nach ihm warf, ließ es sich nur ein paar symbolische Schritte weit vertreiben.

»Zu viel Information«, denkt man sich da. Jeder andere hätte diesen Film ganz gemütlich in einem Studio gedreht. Man fragt sich, was ein Regisseur wie John Huston mit diesen Stoff angefangen hätte. Bei Herzog jedoch ist der beschwerliche Weg gegen alle Wiederstände das eigentliche Ziel. Deshalb ist sein Buch über die Dreharbeiten weitaus packender, als der eigentliche Film. Die Geschichte eines besessenen Opernliebhabers, der das Schiff über den Berg transportiert, ist weniger faszinierend als die eines besessenen Regisseurs, der diese Fantasie in der Realität nachspielt. Doch ist die Kunst jedes Opfer wert?

Auch wenn er diesmal nicht im Mittelpunkt des Geschehens steht, findet natürlich auch Klaus Kinski Erwähnung. So schildert Herzog, wie er nachts im Hotel das Blut von den Wänden wischt, gegen die der cholerische Schauspieler seine zierliche Ehefrau geschmissen hat. Was ging wohl in ihm vor, während er dies tat? An manchen Stellen hat man das Gefühl die Ausführungen eines Kriegsberichtserstatters zu lesen. Am Ende bleibt Herzog selbst in seinen eigenen Tagebuchaufzeichnungen ein distanzierter Beobachter, dem Extremsituationen mehr interessieren, als Menschen.

Werner Herzog: Eroberung des Nutzlosen | Deutsch
Fischer Taschenbuch 2009 | 334 Seiten | amazon-info

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Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott

Der Brenner und der liebe GottAber dann hat er die Tabletten nicht genommen, weil nicht nur Arzt- sondern auch Tablettenmuffel. Und erst wie die Freundin dann endgültig weg war, und wie dann der Kühlschrank eines Tages vollkommen leer war, und auch die anderen Schubladen, also Dosen und so weiter, Nudeln, Reis, alles leer, also wie dann nur mehr die Tabletten da waren, da hat er die Tabletten gegessen. Und seither wie ausgewechselt! Mehr das Positive!

Wenn ein Autor seiner Serie überdrüssig ist, lässt er nicht selten seinen Helden sterben, um damit einen Schlussstrich zu setzen. So erging es wohl auch Wolf Haas. Aber interessant, denn er ließ im Vorgängerband »Das ewige Leben« nicht seine Hauptfigur Brenner sterben, sondern den namenlosen Erzähler, der die Geschehnisse recht eigenwillig aus dem Off kommentierte. Nun sind sie beide wieder da. Jetzt wie macht der das? Pass auf. Der Haas rechtfertigt alles lapidar durch den ersten Satz des Romans: Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen.

Der Brenner hat jetzt einen Job als Chauffeur für die zweijährige Tochter eines Baulöwen und einer Abtreibungsärztin. Bei einem vermeidbaren Zwischenhalt an einer Tankstelle verschwindet das Kind spurlos. Der Hauch von Story, der bei Filmen wie »Man on fire« oder »Transporter 2« als Ausgangslage für ein wildes Actionfeuerwerk diente, führt bei Haas zu einem eher gemächlichen Glimmen:

»Und das Auto war zugesperrt?«, hat der Peinhaupt seelenruhig gesagt und ihn blöd angeschaut, so wie man als Mann eine Frau anschaut, zu der man zum dritten Mal sagt: Und du bist dir ganz sicher, dass wir lieber zu mir als zu dir gehen sollen, obwohl sie schon zweimal gesagt hat, lass mich in Ruhe du Arsch.

Der Herr Simon war sich ehrlich gesagt nicht sicher, ob das Auto, bevor er es tausendmal auf- und zugesperrt hat, ganz am Anfang zu war. Aber Auto offen oder zu, das macht für einen Kriminellen ungefähr so einen Unterschied wie für eine Pistolenkugel die Frage, welchen Schutzfaktor die Sonnencreme hat, an der sie auf dem Weg in deine Stirn vorbeikommt.

Hauptverdächtige sind die Abtreibungsgegner, die vor der Klinik der Mutter demonstrieren. Doch deren Anführer Knoll beauftragt Brenner seinerseits mit der Suche nach einem zwölfjährigen Mädchen. Und schon bald stolpert er über die ersten Leichen.

Die Brenner-Romane von Wolf Haas sind ein eigenwilliges Erlebnis, garantiert nicht jedermanns Geschmack und auf ihre Art einzigartig. Die Handlung wird gnadenlos dem Stil untergeordnet, so auch im vorliegenden Band: »Der Brenner und der liebe Gott« strotzt vor hanebüchenen Wendungen und absurden Verwicklungen, wer einen klassischen Krimi erwartet, ist hier falsch. Das Geschehen widerspricht allen Gesetzen der Logik und wird häufig vom Zufall diktiert, doch es schert einen keine Sekunde, zu köstlich ist doch die Weltsicht des Erzählers und die stoische Geduld des Brenners.

Wenn Letzterer auf dem Boden einer Senkgrube den lieben Gott trifft, wird die Krimihandlung vollends zur Nebensächlichkeit. Trotzdem klagt der Erzähler persönlich, wenn er das Gefühl hat, dass der Brenner von den offiziellen Stellen zu wenig Anerkennung für seine Arbeit erhalten hat: Ich muss sagen, großartig, wie der Brenner die Suche nach dem Jugomädchen eingeleitet hat. Nach der Sunny. Da ist er zu einer detektivischen Hochform aufgelaufen, wo man nur sagen kann, Hut ab.

Drei Brenner-Romane wurden bereits erfolgreich mit dem herausragenden Josef Hader verfilmt: »Komm, süßer Tod«, »Silentium« und »Der Knochenmann«. An dieser Stelle sei auch die CD »Brenner live« gleich mit empfohlen.

Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott | Deutsch
Hoffmann und Campe 2009 | 224 Seiten | amazon-info

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Michel Houellebecq: Elementarteilchen

ElementarteilchenDie körperliche Gewalt, die ausgeprägteste Erscheinungsform der Individualisierung, sollte in den westlichen Ländern die sinnliche Begierde ablösen. (Michel Houellebecq, »Elementarteilchen«)

In seinem kurz vor der Jahrtausendwende erschienenen Roman »Elementarteilchen« wollte Michel Houellebecq ein Porträt der westeuropäischen Gesellschaft zeichnen, wie sie damals war und in welche Richtung sie sich weiter entwickeln würde. Ausgehend von den einschneidenden Veränderungen der 60er und 70er Jahre, vor allem in Bezug auf den Umgang mit Sex und dem beginnenden Schönheitskult und Jugendwahn, beschreibt Houellebecq anhand von zwei exemplarischen Charakteren, wie die Menschen zunehmend unfähiger werden, selbstlos zu lieben oder einen Sinn in ihrer Existenz zu finden, und wie Nächstenliebe und Mitgefühl allmählich einem brutalen Egoismus Platz machen.

Von ihrer lieblosen Hippie-Mutter im Stich gelassen wachsen die Halbbrüder Brüder Bruno und Michel getrennt voneinander auf. Brunos Kindheit ist vor allem davon geprägt, dass er von seinen Mitschülern im Internat misshandelt wird. Als Erwachsener besteht sein einziger Lebensinhalt in der Suche nach aufregendem Sex und Sex mit jungen Frauen. Michel wird von seiner Großmutter liebevoll behandelt, schafft es jedoch nie, mit anderen Menschen Beziehungen einzugehen. Er lebt praktisch in sozialer Isolation und gibt sich ganz der wissenschaftlichen Forschung hin. Am Ende sind seine Erkenntnisse wegbereitend dafür, dass es den Menschen gelingt, eine Art »Brave New World« zu schaffen, in der die Fortpflanzung ohne Sex stattfindet und mit dem Sex auch Brutalität und Egoismus aus der Gesellschaft verschwinden.

Die Romanhandlung wird immer wieder von kurzen wissenschaftlichen Betrachtungen aus der Biologie, Geschichte und Philosophie unterbrochen und kommentiert. Nicht nur daran wird deutlich, dass es Houellebecq vor allem um seine These zur gesellschaftlichen Entwicklung geht; auch seine Charaktere dienen lediglich dazu, seine Theorien zu veranschaulichen. Man hat nicht den Eindruck, dass dem Autor irgendetwas an ihnen liegt oder er sich sonderlich für sie interessiert, was beim Lesen einen ähnlichen Eindruck der völligen Lieblosigkeit erweckt, die auch Houellebecqs Zukunftsszenario kennzeichnet.

Das Buch lässt einen trotz schockierender Elemente kalt. Da hilft es wenig, dass ab und zu angedeutet wird, dass es doch Ausnahmen gibt, also Menschen, die zu selbstloser Liebe fähig sind, vor allem Frauen – und hier fragt man sich angesichts Houellebecqs Überzeugung von dem Bösen im Menschen, ob es ernst gemeint ist, dass Frauen in einer Welt ohne Männer eine gewaltfreie, liebevolle, fast paradiesische Gesellschaftsordnung geschaffen hätten. Vielleicht wirken die Geschichte und ihre Charaktere auch so wenig überzeugend, weil sich Houellebecqs Prophezeiungen (zum Glück) nicht wirklich erfüllt haben.

Michel Houellebecq: Elementarteilchen | Deutsch von Uli Wittmann
Rowohlt Taschenbuch 2006 (5. Auflage) | 384 Seiten | amazon-info

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Ich werde hier sein ...Es reihte sich Sieg an Sieg für die Schweizer Truppen. Im Süden und in Mozambique standen sie im Grabenkrieg den Buren gegenüber, im Norden reichte ihr Einfluss bis an die Grenze zum äthiopischen Kaiserreich. Und dort, wo kein Krieg herrschte, bauten sie Schulen, Universitäten und Krankenhäuser. Strassen wurden Tausende von Werst durch Ostafrika gezogen und Eisenbahnstrecken verlegt, es kamen Arbeiter und Ingenieure, Wissenschaftler und Soldaten, immer mehr Soldaten. Ihr Kommen war wie eine Plage für einige, wie ein Segen für andere.

Die Schweiz hat durch ein Söldnerheer expandiert, eroberte und besiedelte Ostafrika. Alle modernen Errungenschaften wurden dort eingeführt und man gründete Militärakademien, um den Nachwuchs für den Krieg gegen Deutschland und England auszubilden. Der Ich-Erzähler war einer dieser afrikanischen Soldaten, inzwischen ist er Parteikommissär der Stadt Neu-Bern in der Schweizerischen Sowjetrepublik SSR und jagt den abtrünnigen Oberst Bazhinsky bis zu der tief in den Alpen gelegene Bergfestung Réduits.

»Wir halten hier die Stellung, ein paar Mwanas und ich. Wenn sie nicht betrunken sind, machen sie sich aus Angst vor den Deutschen in die Hose. Und du, du hast dich auch angepisst?« Er wies mit der Rasierklinge auf das gefrorene Urin vorne an meinen Hosenbeinen.

»Ja. Ich hatte Angst, auf einer Mine zu sterben.«

»Ich habe keine Angst mehr. Ich habe verlernt zu lesen, wie ich es früher konnte. Der Krieg macht uns zu Geisteskrüppeln. Weißt du, dass ich niemals den Frieden erlebt habe, nicht einmal als Säugling? Sechsundsiebzig Jahre diesen Sommer. Es kommt nichts mehr nach uns. Oder aber es geht immer so weiter.«

»Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« ist eine Alternativweltgeschichte, in der deutsche Selbstmordattentäter mit Gasgranaten herumrennen, Lenin in der Schweiz an Leukämie starb, nachdem ihm die Revolution gelungen war, die Schriftsprache ebenso verpönt ist wie die Religion und alle Bibeln verbrannt wurden. Jeder durchschnittliche SF-Autor hätte daraus einen siebenbändigen Zyklus gezimmert. Kracht dagegen schreibt in einem knappem Stil, ohne große Ausschmückungen, aber umso treffender in der Wortwahl. Seine Sätze sind so präzise auf dem Punkt, dass sie kein überflüssiges Wort benötigen. Es ist immer wieder faszinierend, wie das Buch die Fantasie des Lesers fordert, indem es ihm nur die Eckpunkte vorgibt. Vieles muss man zwischen den Zeilen lesen und einiges wird schlicht der Fantasie überlassen. Gerade weil man nicht jeden Schauplatz bis ins letzte Detail beschrieben bekommt und der geschichtliche Überbau nur sehr sporadisch skizziert wird, wirkt alles noch viel intensiver.

Herausgekommen ist bei Kracht eine reinrassige Abenteuergeschichte von Verfolgung, Mord und Untergang. Mitreißend und absolut fesselnd. So erinnert der Roman sehr an Cormac McCarthys »Die Straße«. Sowohl in seinem knappen, harten Stil als auch in der desillusionierenden Schilderung einer verlorenen Zukunft.

Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten | Deutsch
Kiepenheuer & Witsch 2008 | 192 Seiten | amazon-info

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Haruki Murakami: Kafka am Strand

Kafka am StrandKafka Tamura ist der Protagonist, dessen wirklicher Name uns aber verborgen bleibt – ein Junge, der sich an seinem 15. Geburtstag dazu entschließt, sein Zuhause zu verlassen und sich einfach auf den Weg zu machen, auf seine persönliche Odyssee.

Die Parallelität des Romans zur griechischen Tragödie liegt nahe, gibt ihm doch sein eigener Vater einen Fluch mit auf den Weg: Der Junge werde eines Tages seinen eigenen Vater töten und mit seiner verschollenen Mutter schlafen. Tatsächlich kommt der Vater zu Tode, Kafka hat damit aber nichts zu tun. Und er begegnet auf seiner Reise Frauen, die möglicherweise seine Mutter und Schwester sein könnten. Der ödipale Fluch wird allerdings in einer Szene kindlicher Vereinigung in Unschuld aufgelöst.

Der zweite Protagonist des Romas ist ein heiliger Narr namens Nakata. Er ist Analphabet, sein Leben änderte sich drastisch in einer mysteriösen Szene während des Zweiten Weltkriegs. Dieser Mensch vermag es, die Sprache der Katzen zu sprechen und nach Bedarf kleine Fische oder Blutegel regnen zu lassen. Er folgt einer Art innerem Auftrag und wandelt, ohne es zu wissen, auf den Spuren Kafka Tamuras. Die Geschichten dieser beiden Outlaws bewegen sich aufeinander zu. Der einsame, wortkarge und Liebe suchende Tamura und der »Idiot Savant« des Romans steuern eine mystische Bibliothek an.

An dieser Stelle endet dieser Bericht über den Inhalt des Buches. Genauso wie Murakami ein Schriftsteller mit einer Neigung zum offenen Ende ist, ist diese Rezension offen, was den Fortgang der Geschichte angeht. Dem interessierten Leser sei gesagt: Es geschieht noch so einiges.

Haruki Murakami erzählt seine Geschichte voller surrealer Bilder auf über 600 Seiten, vielfach erscheint es nicht möglich, Traum und Realität zu unterscheiden. Er erzählt auf eine so gar nicht aufgeladene Art und Weise, dass man ihm bereitwillig jede Absurdität glauben möchte. Murakami ist ein besonderer Poet, er komponiert Betrachtungen des Alltäglichen auf eine Art und Weise, die den Betrachter fesselt und ihm die Schönheit des Banalen vorführt. Man findet einiges in seinem Roman, was an Kafka erinnert, mehr als nur den Vornamen des Protagonisten.

Murakami schreibt, als wüsste er genauso wenig wie der Leser, was auf der nächsten Seite kommt. Den Bedeutungsgehalt seiner Werke liefert er selber nicht, Realismus ist ihm gleich. Und auch wenn sich sicherlich viel Papier beschreiben lässt, auf dem sein Buch analysiert wird, der Bezug zu Kafka und auch anderen Denkern der westlichen Welt interpretiert wird – dem Leser sei ans Herz gelegt: Deuten soll man dieses Buch besser nicht. Das zerstört den Genuss.

Haruki Murakami: Kafka am Strand | Deutsch von Ursula Gräfe
btb 2006 | 640 Seiten | amazon-info

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Scarlett Thomas: PopCo

PopCoDie Cäsar-Verschiebung ist die simpelste aller Verschiebechiffren und beruht auf zwei identischen Alphabeten, von denen eines schlicht in die eine oder andere Richtung verschoben wird. (…) Bei einem System mit einer Verschiebung von -1 wüsste man rasch, dass ein C im chiffrierten Text eigentlich ein D ist und immer so weiter. Nach Ansicht der Science-Fiction-Fans ist das berühmteste zeitgenössische Beispiel einer solchen Verschiebung der Name des Computers HAL aus 2001: Odyssee im Weltraum: Man setzt eine Verschiebung von -1 voraus, liest sich HAL nämlich als IBM.

Alice ist eine leicht exzentrische Entwicklerin bei einem riesigen und geheimnisvollen Spielzeugkonzern. Zuvor hatte sie die Kreuzworträtsel für eine große Sonntagszeitung entwickelt, jetzt entwirft sie Geheimagenten-Spielzeug für Kinder, ähnlich den Gimmicks aus den Yps-Heften, nur qualitativ hochwertiger. Zusammen mit einigen Kollegen nimmt sie an einem Workshop in einer abgelegenen Gegend teil. Ihr Kumpel Dan und sie wollen das Treffen möglichst schnell hinter sich bringen, doch der Aufenthalt zieht sich in die Länge. Ihre Aufgabe ist es, eine Zielgruppe zu erreichen, die bisher weder mit Computerspielen, Sammelkarten oder anderen PopCo-Produkten zu ködern war: weibliche Teenager. Gerade weil sie statistisch gesehen über mehr Geld verfügen als ihre männlichen Altersgenossen – ein unhaltbarer Zustand.

Alice wird ein geheimnisvoller Code zugespielt, den sie anfangs für einen Streich ihrer Kollegen hält, dann für eine Nachricht ihres verschwunden Vaters. Der war ein berühmter Kryptologe und verschwand, als Alice neun Jahre alt war. Sie lebte danach bei ihren Großeltern, einer angesehenen Mathematikerin und einem genialen Querdenker, der kniffelige Rätselaufgaben entwickelt und seit 35 Jahren an einem bahnbrechenden Buch schreibt. Seit ihrer Kindheit versucht sie den Code auf einem Medaillon zu entschlüsseln, das ihr Vater ihr hinterlassen hat und hinter dem sie den Grund für sein Verschwinden vermutet.

Das ganze Buch dreht sich um Spiele und Rätsel, alles wird in die Handlung verwoben. Spielkonzepte und Hintergrundgeschichten werden entwickelt und diskutiert, man erhält einen Crashkurs über gängige Verschlüsselungsmethoden, kann sich an ein paar Knobelaufgaben die Zähne ausbeißen, bevor im nächsten Kapitel die Lösung verraten wird, und erfährt die historischen Ereignisse, die hinter einen verlorenen Schatz stecken. Darüber hinaus darf sich der Leser über die gruppendynamischen Übungen amüsieren, mit denen man versucht das Kennenlernen der Workshop-Teilnehmer zu fördern und ihr Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Doch das ist gar nichts, verglichen mit den Kapriolen, die das Management schlägt, um die Kreativität seiner Mitarbeiter anzuregen.

In einer Rezension wurde PopCo als »Thomas Pynchon für Mädchen« bezeichnet, das ist nicht völlig von der Hand zu weisen, in Inhalt und Stil ist der Roman allerdings dichter an den letzten Büchern von William Gibson. Sehr unterhaltsam, sehr informativ, aber wenig spannend. Die Geschichte, die der Klappentext verspricht, kommt nur sehr langsam in Gang und hat leider einige unnötige Längen, was vor allem an den oben aufgezählten Einschüben und Abschweifungen liegt. Was dagegen gefällt, sind der charmante Plauderton der Erzählerin und die interessanten Einblicke in moderne Gesellschaftstrends, Marketingstrategien und Unternehmensphilosophien.

Scarlett Thomas: PopCo | Deutsch von Tanja Handels
Rowohlt 2010 | 702 Seiten | amazon-info