Das setzt jedoch voraus, dass die Frau ein Bild von ihm hat, welches einigermaßen mit dem übereinstimmt, das der Mann von sich selbst hat und das ist keineswegs sicher. Wer kann behaupten, einen anderen Menschen zu kennen? Selten gelingt es uns, viel weiter als bis zu seiner Lieblingsfarbe oder seinem Lieblingsgericht vorzudringen.
In sechs Geschichten schildert der schwedische Autor Richard Swartz erotische Begegnungen zwischen Mann und Frau, vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Die Figuren bleiben fast durchgehend namenlos, werden nur als »der Mann« und »die Frau« bezeichnet, was den Eindruck nahelegt, dass sie nur als Fallbeispiele für weit verbreitete Verhältnisse gemeint sind. Und um die steht es in der Welt, die Swartz entwirft, nicht gut, auch nicht in den Geschichten aus dem letzten Jahrhundert. Lieblosigkeit ist hier kein Problem der Moderne. Die Figuren, oder vielmehr die Männer, sind in sich gefangen und unfähig, echte Verbindungen mit anderen einzugehen.
Den Anfang macht ein Mann, der aus familiären Gründen, die nie ganz klar werden, quasi aus Europa in die USA versetzt wird. Er nimmt an, dass ihn seine Frau, die ihm später folgt, in Europa mit dem Freund betrügt, der ihm in den USA seinen neuen Job als Bürovorsteher verschafft hat. Er vermisst seine Frau, aber nicht viel mehr als seine Pferde und andere Privilegien seines gesellschaftlichen Standes. Er wirkt, wie die meisten Männer in diesem Buch, vollkommen entwurzelt und zerrissen, entfremdet von sich selbst, und macht den Eindruck einer seltsamen Mischung zwischen Selbstekel, Arroganz und Egoismus.
Geschickt setzt Swartz in jeder Geschichte zentrale sprachliche Motive, die sich durchziehen. Der Mann in der ersten Geschichte verurteilt fast jeden seiner Gedanken mit der Klausel, dass es sich dabei »um nicht viel mehr als ein Gefühl« handelt.
Was er auch mit allen anderen Figuren in »Notlügen« teilt, ist, dass er seinen sexuellen Kontakt – in seinem Fall mit einer Prostituierten – unschlüssig und halbherzig angeht, ihn, noch während er geschieht, fast schon bereut, aber selbst darüber – ob sie es bereuen oder nicht, wollen oder nicht – sind sich die Männer in Swartzs Geschichten nie ganz sicher.
Ihr Halt in ihrer jeweiligen Realität und Persönlichkeit scheint sehr dürftig. Als der Mann sich plötzlich einbildet, er hätte der Prostituierten zu viel bezahlt und nach ihrer Handtasche greift, spuckt sie ihn an, woraufhin er sie schlägt. Kurze Zeit darauf wird er in seinem eigenen Hausflur brutal niedergeschlagen, wofür aber auch die unzufriedenen Lagerarbeiter, denen er vorsteht, verantwortlich sein könnten.
Swartzs zweiter Protagonist trifft sich auf Vermittlung einer Freundin, die unglücklich in ihn verliebt ist, mit einer Frau, von der er erst, als er in ihrer Wohnung steht, erfährt, dass sie ein kleines Kind hat. Zunächst steht die abwesende Freundin zwischen ihnen, dann versucht das Kind mit allen Mitteln, die erotische Begegnung zwischen dem Mann und seiner Mutter zu verhindern. Der Mann erkennt, dass das Kind der Frau eine Richtung und eine Aufgabe gibt, und bedauert, selbst keine Kinder zu haben – jedoch nur kurz, denn »wenn eine solche Richtung und Aufgabe ausgerechnet ein Kind erforderte, wäre der Mann bereit gewesen, lieber unterzugehen.«
Der Mann der dritten Geschichte trifft in einem exotischen Land eine Musikerin, kann sich mit ihr aber aufgrund von Sprachschwierigkeiten außerhalb des Betts nicht verständigen – und hat auch eigentlich gar keine Lust dazu. Die beiden enden Seite an Seite in einem Museum in einem Wörterbuch blätternd.
In der dritten Geschichte scheitert eine wirkliche Verbindung zwischen Mann und Frau daran, dass der Mann sich nicht wirklich für irgendetwas außer sich selbst interessiert – ebenfalls eine Eigenschaft, die zumindest alle Männer in »Notlügen« teilen: »Die politischen Überzeugungen und Vorhaben dieser Frau sind ihm zwar fremd, eigentlich völlig gleichgültig«, schreibt Swartz, »aber da alles, was damit zu tun hat, mit ihrem Interesse rechnen kann, müssen Brandrodungen in Afrika, die künstliche Bewässerung von Wüsten, die eingebunden Füße chinesischer Frauen und so weiter zu dem werden, wofür auch er sich interessiert, genau wie ein Chamäleon seine Farbe wechselt, um sich seiner Umgebung anzupassen.«
Auch in der darauffolgenden Geschichte spielt die Politik eine Rolle. Hier erfährt die Frau Jahre nach der Scheidung von ihrem Mann, dass er während ihrer Ehe als politischer Spitzel tätig war. Sie lädt ihn zum Essen ein, um ihn darüber zur Rede zu stellen, schafft es aber nicht.
In der letzten Geschichte schließlich richtet der Mann es sich dreist so ein, dass er mit seiner Geliebten in der Opernloge ihres Mannes schläft, während seine Frau mit dem Mann seiner Geliebten dieselbe Oper vom Parkett aus verfolgt. Wie in den anderen Geschichten sind es jedoch nicht der Betrug und die Untreue, die verstören, sondern dass alles ohne Liebe und in absoluter Abgebrühtheit und Skrupellosigkeit geschieht. Und das nicht einmal aus Überzeugung, sondern eher aus vollkommener Ziellosigkeit heraus. Die Figuren irren im Kreis herum. Das spiegelt sich auch auf der sprachlichen Ebene im Satzbau und den Wiederholungen einzelner Motive.
Richard Swartz: Notlügen | Deutsch von Verena Reichel
Hanser 2012 | 224 Seiten | amazon-info

Dass mein Sohn der Star eines Pornofilms ist, fand ich heraus, als Karen Glenister, die zwei Häuser die Straße runter wohnt, mir einen Umschlag durch den Briefschlitz steckte. Im Umschlag steckten ein Video und ein Zettel:
Ehe das Sandkorn nicht aus dem Auge ist, hilft die Feststellung seiner Winzigkeit nicht weiter.
Ich war nie das, was man eine Heulsuse nennt. Meine Exfrau gab meinen nicht vorhandenen emotionalen Gradienten als Hauptgrund dafür an, dass sie mich verließ (als ob der Kerl, den sie bei den Anonymen Alkoholikern kennengelernt hatte, ganz nebensächlich wäre). Christy sagte, sie könne mir zur Not verzeihen, dass ich auf der Beerdigung ihres Vaters nicht geweint habe; ich hatte ihn nur sechs Jahre gekannt und könne daher nicht sehen, was für ein wundervoller, großartiger Mensch er gewesen sei (was beispielsweise ein Mustang-Cabrio zum Highschool-Abschluss bewies). Aber als ich auch auf den Beerdigungen meiner Eltern nicht weinte – sie starben im Abstand von nur zwei Jahren, Dad an Magenkrebs, Mutter an einem Herzschlag bei einem Strandspaziergang in Florida –, begann sie die Sache mit dem nicht vorhandenen Gradienten zu verstehen.
Doch wenn Menschen so gut in der Lage waren, Tierarten nach Belieben zu manipulieren, warum liefen dann Versuche zur Verbesserung der menschlichen Rasse immer auf Mord und Totschlag hinaus?
In einem Restaurant in Beverly Hills dachte Anna Mayhew, Oscar-Preisträgerin und ehemaliger Darling der Paparazzi, über das Verfallsdatum von Titten und Ärschen nach und überlegte, wie viele Tage sie sich noch gönnen sollte, bevor sie sich umbrachte. Sie hielt das Giftröhrchen wie einen Talismann in der Hand. Es war ein gutes Gefühl.
Ein Dienstleister kann seine Arbeit nicht so gesund hassen, wie es einmal ein Fabrik- und Fließbandarbeiter tun konnte.
Und in diesem kühlen, distanzierten Zustand begriff er es plötzlich. Matthew Sobol war gestorben. Das war in den Nachrichten gekommen. Und da fügte sich plötzlich alles zusammen. Sobols Spiel ergab jetzt endlich einen Sinn. Es war wirklich phantastisch.
»Die Welt ist doch krank in der Birne.«
Ich setze mich für einen Moment in die Küche, weine ein bisschen und rauche eine American Spirit gelb, um meine Nerven zu beruhigen – das sagen Raucher übrigens immer. Seitdem Jörg nur noch ganz leise sprechen kann, horche ich immer auf das Klingeln der Glocke, die ich ihm an den so genannten Bettgalgen gehängt habe.
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