Beiläufig wie ein fluchender Seemann griff der Afrikaner hinter sich nach seiner Wikingeraxt (deren mit Runen in den Eschenholzstiel geschnitzter Name sich in etwa mit »Schänder deiner Mutter« übersetzen ließ), doch dann waren es drei kleine Worte, die die innige Verbindung zwischen Kopf und Hals des Eindringlings bewahrten, eines drahtigen, mit einem kurzen Schwert bewaffneten alten Kerls, dem Aussehen nach ein Perser mit neugierig höhnischem Grinsen und einem dicken Narbengeflecht an der Stelle, an der einmal sein rechtes Auge war.
Im Kaukasus um das Jahr 950 reisen ein riesenhafter Afrikaner mit seiner Streitaxt und ein jüdischer Schwertkämpfer aus Regensburg umher, auf der Suche nach dem großen Geld. Amram und Zelikman inszenieren in einer Kneipe einen Schaukampf, um über die Wetten an das Geld der Zuschauer zu kommen. Ein Elefantentreiber durchschaut ihre List, doch er will sie nicht bloßstellen, sondern wegen ihres Kampfgeschicks anwerben. Sie sollen als Leibwächter von Prinz Filaq helfen, ihn nach Aserbaidschan zu bringen und seinen Anspruch auf den Thron durchzusetzen. Darüber hinaus trägt der Prinz aber auch noch ein weitaus pikanteres Geheimnis mit sich herum.
Ein erster Anschlag erfolgt bereits, bevor sie einwilligen können, und bei der Jagd auf dem heimtückischen Bogenschützen laufen sie natürlich den geprellten Kneipenbesuchern in die Arme. Mit knapper Not entkommen sie und machen sich auf ihre gefährliche Reise.
»Ein Straßenräuber, der diese Bezeichnung verdient, würde ihn zum nächsten Sklavenmarkt schleppen und sehen, welchen Preis er für ihn erzielt.«
»Ich fürchte, das erklärt unseren gemeinhin ausbleibenden Erfolg in diesem Geschäft, Zelikman«, sagte Amram. »Denn das werde ich nicht tun.«
Die Grenze zwischen historischem Roman und Fantasy a la »Conan der Barbar« ist hier fließend. Zwar gibt es einen belegbaren geschichtlichen Hintergrund in Form der längst vergessenen Chasaren, die im 10. Jahrhundert mehrheitlich zum Judentum übertraten, aber das Hauptanliegen des Autors für das Schreiben dieses Buches schien zu sein, dass es kaum jüdische Abenteuergeschichten gibt. Im Nachwort bekennt er freimütig, dass der Arbeitstitel des Buches deshalb Juden mit Schwertern lautete. Nach eigener Aussage war Chabon überdrüssig, weiter über die Midlife-Crisis amerikanischer Mittelschichtler zu schreiben, suchte sich neue Betätigungsfelder. Er bewies sehr eindrücklich, dass anspruchsvolle Literatur und Genreliteratur kein Widerspruch sein müssen. Wie auch bei dem letzten Roman von Christian Kracht bereitet es ungeheures Vergnügen, wenn sprachgewaltige Autoren knackige Abenteuergeschichten verfassen.
Michael Chabon hat sich bereits in vielen Genres betätigt. Er wurde mit seinem Debüt, dem coming-of-age-Roman »Die Geheimnisse von Pittsburgh«, zum Shootingstar der amerikanischen Literatur. Die Verfilmung seines zweiten Romans »WonderBoys« mit Michael Douglas wurde zum Kultfilm. Für »Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay« erhielt er den Pulitzerpreis. Seine Alternativweltgeschichte »Die Vereinigung jiddischer Polizisten« räumte alle namhaften SF-Preise ab und soll von Joel und Ethan Coen verfilmt werden. Darin ist das jüdische Volk nicht nach Israel gezogen, sondern nach Alaska. Außerdem hat Chabon einige Comics verfasst und am Drehbuch von »Spider-Man 2« mitgewirkt. Ein sehr vielseitiger Autor, der sich mit diesem Buch ein weiteres Genre erobert hat.
Michael Chabon: Schurken der Landstraße | Deutsch von Andrea Fischer
Kiepenheuer & Witsch 2010 | 183 Seiten | amazon-info

George Jacobs war 13 Jahre lang Frank Sinatras Mädchen für alles. In diesen Jahren hat der junge Farbige die Großen dieser Welt aus nächster Nähe erleben dürfen. Nur eben aus einem ganz anderen Blickwinkel.
Maddie und Dylan versuchen zu sparen. Sie wollen an einem sichereren und sauberen Ort wohnen. Der größte Teil ihres Geldes geht für Miete und Essen drauf, doch sie achten auf jeden Cent, die meisten Mahlzeiten kaufen sie im 99-Cent-Laden, neue Kleider sind nicht drin. Nach zwei Monaten haben sie hundertsechzig Dollar gespart, nach vier Monaten zweihundertvierzig. Maddie zieht sich in einem Fast-Food-Restaurant eine Lebensmittelvergiftung zu, und nachdem sie die Krankenhausrechnung beglichen haben, sind sie wieder pleite.
Wer Murakami kennt, weiß, auf was er sich einstellen kann: postmoderne Erzählszenarien, reale Fiktionen, fiktionale Realitäten. Murakamis bewusst nüchtern gehaltene Sprache zieht den Leser kunstvoll in die surrealen Tiefen seiner beunruhigenden Welt.
»Was für ein Mumpitz! Erst behaupten Sie, ich sei eine Mörderin, eine Agentin, die sich gegen Sie verschworen hat, und jetzt bin ich bloß ein verirrtes Mädchen mit Liebeskummer? Was von beidem wollen Sie denn nun glauben? Sagen Sie es mir, damit ich Sie umso zielsicherer verspotten kann!«
Nicht weniger als 149 Bücher und Hörbücher haben wir auf dem Boylevard inzwischen vorgestellt, die Werke berühmter Schriftsteller ebenso wie kleine, unentdeckte Perlen, verfasst von kaum bekannten Autoren. Das Buch, das ich heute vorstellen möchte, gehört zur zweiten Kategorie: »Der Weltenmampfer« von Daniel Terek.
… jemand, der vor den Flammen um sein Leben rennt, kann nicht innehalten und über seine Handlungen nachdenken.
Kein besonders ausgefeilter Plan, dachte er gerade, als Wolli aufhörte zu reden und sie gemeinsam schweigend in das sehr dunkle Dunkel der Transitstrecke durch die DDR starrten, hat ein paar Schönheitsfehler, der Plan, dachte er, aber dann fiel ihm auf, dass Wolli nicht mehr redete, und die Stille hatte, zusammen mit der sie umgebenden Finsternis, eine beruhigende, einlullende Wirkung, der er sich gerne hingab. Scheiß drauf, ob der Plan Schönheitsfehler hat, dachte er, Hauptsache, es ist mal Ruhe im Schiff, und dann sah er nur noch der Straße dabei zu, wie sie sich in das funzlige Licht seiner Scheinwerfer schob wie ein alter, harter Teppich.
Le Clézio erzählt in diesem autobiographischen Buch eine Geschichte seiner Herkunft. Er setzt sich mit seinen Wurzeln, der Abstammung seiner Familie aus Mauritius auseinander, erzählt von seinen Eltern, und er erzählt die Geschichte seines Aufwachsens in Nigeria, wohin er in seinem achten Lebensjahr mit seiner Mutter und seinem Bruder reist. Er setzt sich in diesem Buch mit seinem Vater auseinander, einem ihm fremden Mann, den er im Alter von acht Jahren erstmals trifft und dem er niemals nahe kam. Gleichsam findet er durch seine Literatur die Mittel, sich ihm posthum zu nähern, es kommt zu einer Art spiritueller Berührung zwischen Vater und Sohn auf der literarischen Ebene.
Sie schlief mit ihm wie eine betrunkene Nonne, und das gefiel ihm, aber die Unterhaltung danach war kein bisschen ziellos und entspannt.
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