Michael Chabon: Schurken der Landstraße

Schurken der LandstraßeBeiläufig wie ein fluchender Seemann griff der Afrikaner hinter sich nach seiner Wikingeraxt (deren mit Runen in den Eschenholzstiel geschnitzter Name sich in etwa mit »Schänder deiner Mutter« übersetzen ließ), doch dann waren es drei kleine Worte, die die innige Verbindung zwischen Kopf und Hals des Eindringlings bewahrten, eines drahtigen, mit einem kurzen Schwert bewaffneten alten Kerls, dem Aussehen nach ein Perser mit neugierig höhnischem Grinsen und einem dicken Narbengeflecht an der Stelle, an der einmal sein rechtes Auge war.

Im Kaukasus um das Jahr 950 reisen ein riesenhafter Afrikaner mit seiner Streitaxt und ein jüdischer Schwertkämpfer aus Regensburg umher, auf der Suche nach dem großen Geld. Amram und Zelikman inszenieren in einer Kneipe einen Schaukampf, um über die Wetten an das Geld der Zuschauer zu kommen. Ein Elefantentreiber durchschaut ihre List, doch er will sie nicht bloßstellen, sondern wegen ihres Kampfgeschicks anwerben. Sie sollen als Leibwächter von Prinz Filaq helfen, ihn nach Aserbaidschan zu bringen und seinen Anspruch auf den Thron durchzusetzen. Darüber hinaus trägt der Prinz aber auch noch ein weitaus pikanteres Geheimnis mit sich herum.

Ein erster Anschlag erfolgt bereits, bevor sie einwilligen können, und bei der Jagd auf dem heimtückischen Bogenschützen laufen sie natürlich den geprellten Kneipenbesuchern in die Arme. Mit knapper Not entkommen sie und machen sich auf ihre gefährliche Reise.

»Ein Straßenräuber, der diese Bezeichnung verdient, würde ihn zum nächsten Sklavenmarkt schleppen und sehen, welchen Preis er für ihn erzielt.«

»Ich fürchte, das erklärt unseren gemeinhin ausbleibenden Erfolg in diesem Geschäft, Zelikman«, sagte Amram. »Denn das werde ich nicht tun.«

Die Grenze zwischen historischem Roman und Fantasy a la »Conan der Barbar« ist hier fließend. Zwar gibt es einen belegbaren geschichtlichen Hintergrund in Form der längst vergessenen Chasaren, die im 10. Jahrhundert mehrheitlich zum Judentum übertraten, aber das Hauptanliegen des Autors für das Schreiben dieses Buches schien zu sein, dass es kaum jüdische Abenteuergeschichten gibt. Im Nachwort bekennt er freimütig, dass der Arbeitstitel des Buches deshalb Juden mit Schwertern lautete. Nach eigener Aussage war Chabon überdrüssig, weiter über die Midlife-Crisis amerikanischer Mittelschichtler zu schreiben, suchte sich neue Betätigungsfelder. Er bewies sehr eindrücklich, dass anspruchsvolle Literatur und Genreliteratur kein Widerspruch sein müssen. Wie auch bei dem letzten Roman von Christian Kracht bereitet es ungeheures Vergnügen, wenn sprachgewaltige Autoren knackige Abenteuergeschichten verfassen.

Michael Chabon hat sich bereits in vielen Genres betätigt. Er wurde mit seinem Debüt, dem coming-of-age-Roman »Die Geheimnisse von Pittsburgh«, zum Shootingstar der amerikanischen Literatur. Die Verfilmung seines zweiten Romans »WonderBoys« mit Michael Douglas wurde zum Kultfilm. Für »Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay« erhielt er den Pulitzerpreis. Seine Alternativweltgeschichte »Die Vereinigung jiddischer Polizisten« räumte alle namhaften SF-Preise ab und soll von Joel und Ethan Coen verfilmt werden. Darin ist das jüdische Volk nicht nach Israel gezogen, sondern nach Alaska. Außerdem hat Chabon einige Comics verfasst und am Drehbuch von »Spider-Man 2« mitgewirkt. Ein sehr vielseitiger Autor, der sich mit diesem Buch ein weiteres Genre erobert hat.

Michael Chabon: Schurken der Landstraße | Deutsch von Andrea Fischer
Kiepenheuer & Witsch 2010 | 183 Seiten | amazon-info



My Life with Frank SinatraGeorge Jacobs war 13 Jahre lang Frank Sinatras Mädchen für alles. In diesen Jahren hat der junge Farbige die Großen dieser Welt aus nächster Nähe erleben dürfen. Nur eben aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Jacobs war überall dabei, reiste um die Welt, lernte Stars wie Marilyn Monroe, Dean Martin, Billie Holliday, Cole Porter, Judy Garland und Humphrey Bogart kennen – und natürlich auch deren dunkle Seiten. Die widersprüchlichste Person in diesem Buch ist jedoch Sinatra selbst. Die Stimmungen und Ansichten des Sängers konnten blitzartig umschlagen. Wer dann in seiner Schusslinie stand, musste mit allem rechnen. Jacobs dachte fälschlicherweise, dass seine bedingungslose Loyalität ihn schützen würde. Doch auch er sollte den Zorn von »Old Blue Eyes« zu spüren bekommen.

Besonders interessant ist die Schilderung des Kennedy-Clans. Joseph Kennedy, ehemaliger Schnapsschmuggler und Patriarch der Politikerdynastie, war laut Jacobs ein Kotzbrocken und Rassist reinsten Wassers, der Jacobs spüren ließ, dass er für ihn ein Mensch zweiter Klasse war. Sein Sohn John war hingegen aus anderem Holz geschnitzt. Der spätere Präsident bestand darauf, dass Sinatras Diener ihn Jack nannte und wollte von ihm wissen, was die schwarzen Wähler wollen. Als Jacobs wiederum fragte was denn Kennedy will, antwortete der nur grinsend: »I want to fuck every woman in Hollywood«. Als Wahlkampfhelfer wurde Sinatra von den Kennedy-Brüdern toleriert. Als sie jedoch im weißen Haus saßen, wurde der Entertainer sang- und klanglos fallengelassen. Auch hier war Jacobs immer dabei.

Natürlich verrät er auch saftige Details aus dem Liebesleben des Weltstars. So überraschte der junge Mann eines Tages die nackte Marlene Dietrich mit Greta Garbo knutschenderweise in Sinatras Pool. Für seinen Boss arrangierte er die Abtreibungen seiner zahlreichen Geliebten und war stets zur Stelle, wenn Sinatra einen Aufpasser für die aktuelle Frau an seiner Seite brauchte. Sinatra war damals einer der Götter des Showbusiness. Und manchmal war er ein zorniger Gott. Für jeden Wutausbruch gab es jedoch auch großzügige Gesten und Geschenke. »Mr. S« ist neben allem Klatsch eine Zeitreise in eine längst vergangene Welt, in die Schwarze normalerweise keinen Zutritt hatten.

Selbst in seinen Memoiren steht Jacobs noch hundertprozentig hinter seinem einstigen Brötchengeber. Der feuerte ihn, nachdem in der Zeitung Fotos erschienen, auf denen Jacobs und Sinatras damalige Frau Mia Farrow eng umschlungen in einem Nachtclub tanzten. Dabei spielte er an jenem Abend für die gelangweilte Kindfrau lediglich das Kindermädchen.

Unmittelbar nach dem Erscheinen der Fotos bekam Jacobs vom Anwalt des Entertainers seine Kündigung zugestellt, verbunden mit der Auflage, nie wieder Kontakt mit ihm aufzunehmen. Selbst bei der Beerdigung des Sängers durfte er nicht erscheinen. Diesen Bruch hat Jacobs bis heute nicht verkraftet. Noch immer trauert er seinen Jahren im Schatten eines großen Mannes nach. Wie viele seiner Landsleute ist auch er dem Charme Sinatras erlegen. Gerade das macht das Buch so anrührend.

George Jacobs, William Stadiem: Mr. S: My Life with Frank Sinatra | Englisch
It Books 2004 (Reprint) | 288 Seiten | amazon-info



James Frey: Strahlend schöner Morgen

Strahlend schöner MorgenMaddie und Dylan versuchen zu sparen. Sie wollen an einem sichereren und sauberen Ort wohnen. Der größte Teil ihres Geldes geht für Miete und Essen drauf, doch sie achten auf jeden Cent, die meisten Mahlzeiten kaufen sie im 99-Cent-Laden, neue Kleider sind nicht drin. Nach zwei Monaten haben sie hundertsechzig Dollar gespart, nach vier Monaten zweihundertvierzig. Maddie zieht sich in einem Fast-Food-Restaurant eine Lebensmittelvergiftung zu, und nachdem sie die Krankenhausrechnung beglichen haben, sind sie wieder pleite.

Ein schwuler Filmstar, der zu Alibizwecken eine Frau und drei Kinder hat und sich in einen Assistenten seiner Agentur verliebt. Zwei jugendliche Ausreißer, Maddie und Dylan, die versuchen in der Stadt Fuß zu fassen. Eine Familie illegaler Einwanderer, deren hochbegabte Tochter Esperanza sich von ganz unten hocharbeitet. Ein 38-Jähriger Obdachloser, der aussieht wie 70 und sich selbst Old Man Joe nennt. Und noch viele andere mehr.

Alle haben einen Traum von Erfolg und einem guten Leben und trotz aller Schicksalsschläge gibt es seltene Momente voller Glück, so dass die Figuren nicht verzweifeln. Obwohl sie Grund genug hätten. Esperanza muss sich als Dienstmädchen von ihrer herrischen Chefin demütigen lassen, Dylans Werkstatt ist Drogenumschlagplatz einer Motorradgang, Maddie wird ständig von ihrem Chef belästigt und Old Man Joe findet eine verletzte Ausreißerin hinter den Mülltonnen eines Eiscremeladens und versucht ihr gegen eine Gruppe gefährlicher Obdachloser zu helfen. Die Liebe des Filmstars Amberton wird nicht erwidert und er fühlt sich in seinem (Luxus-) Alltagstrott gefangen.

Ihr Yogalehrer kommt, sie gehen ins Studio, machen ihre Yogaübungen ausnahmsweise mit Zehensandalen. Hinterher duschen sie, ziehen sich an und treffen sich in der Küche, wo sie mit ihren Kindern und dem Kindermädchen zu Mittag essen. Danach sind sie bei ihren jeweiligen Therapeuten (sie hat Probleme mit ihrem Vater, er mit seiner Mutter) und wiederum danach bei ihrem gemeinsamen Therapeuten (beide haben Probleme mit Berühmtheit und Lobhudelei). Nach diesen Sitzungen (meist zwei pro Woche, in schlechten Wochen auch drei) ziehen sie sich in ihren Zimmern wieder aus und treffed sich erneut am Pool. Jeder muss einen Stapel Skripts lesen. Weil die Skripts selbst an ihren Maßstäben gemessen, so grauenhaft schlecht sind, schaffen sie selten mehr als die ersten zehn Seiten.

Von schwerreichen Filmstars bis zu Gangmitgliedern in den Ghettos bietet der Roman ein Panoptikum der unterschiedlichsten Figuren und einen Querschnitt der Bevölkerung von Los Angeles. Doch die Stadt ist die Hauptfigur, deshalb gibt es keine durchgehende Handlung, sondern nur einzelne Blitzlichter auf den Lebensweg einzelner.

»Strahlend schöner Morgen« ist eine Mischung aus »Short Cuts« und »L.A. Crash«. Frey bildet das pralle Leben ab, wobei das Buch hauptsächlich bei den Gescheiterten verweilt: Diejenigen, die in ihren Kleinstädten mit herausragenden Fähigkeiten und strahlendem Aussehen hervorstachen, in L.A. aber nur einige unter Hunderttausenden sind, die jedes Jahr in die Stadt strömen, und sich mit schlechtbezahlten Jobs über Wasser halten müssen. Diejenigen, die in den Ghettos der Stadt bereits ohne Hoffnung geboren werden, sich als Kinder den unzähligen Straßengangs anschließen und durch Drogen und Gewalt versuchen sich einen Platz in der Hackordnung zu sichern. Diejenigen, die von der Stadt ausgesogen und vergessen wurden, die nach kleinen Erfolgen in die Bedeutungslosigkeit absinken, es aber nicht schaffen, der Stadt den Rücken zu kehren, um es woanders noch einmal zu versuchen.

Diese Schicksale werden mitreißend und fesselnd beschrieben. Dazwischen immer wieder Kapitel im dokumentarischen Stil, in denen Fakten und Statistiken über L.A. aufgelistet werden. Nüchtern, oft erschütternd, immer interessant. Kaum ein Aspekt, der dabei nicht angeschnitten wird. In Zwischenkapiteln wird in knappen Sätzen die Geschichte der Stadt erzählt. Dazu Dutzende von Kurzbiografien. Trotzdem wirkt das Buch an keiner Stelle trocken oder zu sachlich, alles fügt sich zu einem grandiosen Stadtportrait. Und zu einem unglaublich gutem Buch, das man an jeder beliebigen Stelle aufschlagen kann und sich sofort festliest.

James Frey ist in den USA berüchtigt für seinen Millionenbestseller »A million little pieces« (dt.: »Tausend kleine Scherben«), den er als authentische Dokumentation seines Junkiedaseins ausgab. Als der Schwindel schließlich aufflog, waren Millionen begeisterter Fans empört, darunter auch Oprah Winfrey, die ihn in ihrer Sendung öffentlich an den Pranger stellte. Dadurch erklärt sich wohl auch der erste Satz dieses Buches: Vorsicht: Dies ist keine wahre Geschichte.

James Frey: Strahlend schöner Morgen | Deutsch von Henning Ahrens
Ullstein 2009 | 590 Seiten | amazon-info

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Haruki Murakami: Afterdark

AfterdarkWer Murakami kennt, weiß, auf was er sich einstellen kann: postmoderne Erzählszenarien, reale Fiktionen, fiktionale Realitäten. Murakamis bewusst nüchtern gehaltene Sprache zieht den Leser kunstvoll in die surrealen Tiefen seiner beunruhigenden Welt.

»Afterdark« enthält eigentlich alles, was man von einem echten Murakami erwarten kann: Es gibt diese eigentlich vollkommen normalen jungen Menschen, die so desillusioniert und verloren durch den Großstadtdschungel irren, die faszinierenden und geheimnisvollen Figuren, das Abdriften in Phantasiewelten, einige Katzen.

So manch einem Rezensenten war dieser Murakami schon fast zuviel Murakami, zu stereotypisch, vielleicht nicht innovativ genug. Aber es ist doch nicht alles gleich, der Erzähler dieses Buches behält die Deutungshoheit über die Szenen, der geneigte Leser steht nicht so alleine der szenischen Interpretation gegenüber. Szene ist hier ein gutes Stichwort, »Afterdark« ist ein Roman aus Filmsequenzen, Kamerafahrten und Bildern. Eine Art »Pulp Fiction«, in die Prosa rücküberführt. Stimmungsvoll melancholisch und vielseitig. Der Jazzliebhaber Murakami bietet visuellen Jazz zum lesen, schon der Titel »Afterdark« zitiert einen Song, »Five Spots After Dark« mit Curtis Fuller an der Posaune, ein Song der sich im Buch auch wiederfindet.

»Afterdark« ist die Erzählung einer Nacht, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Um die Analogie zum Kino zu behalten, Literatur im Stile von Jarmuschs »Night on Earth«. Der Roman zieht den Leser mit einem Kameraflug – den Leser befällt recht schnell das Gefühl, quasi voyeuristisch in dieser Kamera zu sitzen – über die leuchtende Skyline eines großstädtischen Vergnügungsviertels hinein in eines dieser anonymen Restaurants, dorthin wo ein junger Posaunist gerade ein Mädchen anspricht.

Mari heißt sie, die Protagonistin dieses Romans, ihre ältere Schwester Eri war eine Klassenkameradin des jungen Mannes, mit dem sie ins Gespräch kommt, mit dem sie während dieser Nacht immer wieder ins Gespräch kommt. Dazwischen erlebt sie Episoden in dieser seltsamen Welt des Rotlichtviertels, es geht um misshandelte Prostituierte, Büroangestellte in rund um die Uhr offenen Supermärkten und so fort. Und es geht um Maris Schwester, die so wunderschön ist, dass Mari unter Komplexen leidet. Und sie leidet gleichzeitig unter der deswegen stattfindenden Entfremdung von ihrer Schwester.

Eri hingegen schläft bereits seit Monaten, um vor dieser oberflächlichen Welt, vor ihrer Existenz als Model zu flüchten. Hier verliert sich der objektive Blick des Erzählers in einen Dämmerzustand zwischen Traum und Realität. Zwischen den Schwestern, diesen Frauen auf der Flucht, spinnt sich der Roman seinen Weg durch die Nacht, nur um seine Protagonisten am nächsten Morgen ohne Klärung, aber mit neuer Hoffnung in ihr ab jetzt wieder unbeobachtetes Leben zu entlassen.

Haruki Murakami: Afterdark | Deutsch von Ursula Gräfe
btb Verlag 2007 | 240 Seiten | amazon-info

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Die Glasbücher der Traumfresser»Was für ein Mumpitz! Erst behaupten Sie, ich sei eine Mörderin, eine Agentin, die sich gegen Sie verschworen hat, und jetzt bin ich bloß ein verirrtes Mädchen mit Liebeskummer? Was von beidem wollen Sie denn nun glauben? Sagen Sie es mir, damit ich Sie umso zielsicherer verspotten kann!«

Im viktorianischen England verfolgt die vermögende Miss Temple ihren ehemaligen Verlobten, der kurz zuvor ihre Verbindung gelöst hatte. Sie reist ihm im Zug hinterher und folgt ihm in ein geheimnisvolles Haus, in dem gerade ein Maskenball stattfindet. Dort halten sich auch die beiden anderen Helden dieses Abenteuers auf: Ein mysteriöser Killer namens Chang, den man wegen seines roten Mantels auch den Kardinal nennt, und Dr. Svenson, den Leibarzt eines deutschen Adeligen.

Sie kommen auf die Spur einer großangelegten Verschwörung um eine verhängnisvolle Erfindung. Alles dreht sich um geheimnisvolle Gläser, die Erinnerungen samt den verbundenen Empfindungen speichern können. Zurück bleiben die willenlosen, leicht manipulierbaren Hüllen der Betroffenen. Jeder, der die Gläser ansieht, erlebt das Gespeicherte nach. Die gesamten Erinnerungen eines Menschen werden zu Glasbüchern zusammengefasst.

Er stand im Dämmerlicht, füllte mit seiner mächtigen Gestalt den ganzen Türrahmen aus, wirkte irgendwie sogar noch größer durch die dicke Lederschürze über seinem weißen Hemd, die riesigen ledernen Stulpenhandschuhe, die ihm bis zu den Ellenbogen reichten, und den Furcht einflößenden Messinghelm, den er sich unter einen Arm geklemmt hatte und der in Lederriemen gefasst und mit großen Glaslinsen versehen war, wie Insektenaugen, sowie seltsamen Metallkästen, die über Mund und Ohren angeschweißt waren. Sie wich vor ihm zurück ins Zimmer.

»Ich komme persönlich, um Sie abzuholen«, sagte er. »Es ist wirklich Zeit für Ihre Erlösung.«

In Form und Inhalt lehnt sich der Roman an viktorianische Groschenromane an. Die deutsche Erstausgabe war besonders liebevoll gestaltet und bestand aus einem Schuber, mit zehn einzelnen Bänden. Die Geschichte klingt nach einem abenteuerlichen Steampunk-Garn mit vielversprechenden Zutaten: Schwarze Messen, verrückte Wissenschaftler, teuflische Experimente, ein entführter Prinz, abtrünnige Militärs, geheimnisvolle Experimente, Schießereien, Luftschiffe, wilde Säbelduelle, Verfolgungsjagden per Droschke, Attentate und sexuelle Ausschweifungen.

Und trotzdem wird es auf Dauer langweilig. Immer wieder dringen die Helden in Gebäude ein und müssen daraus entkommen. Dies ist wohl dem Seriencharakter geschuldet, nachdem sich die Handlung von Folge zu Folge entwickelt. Das Buch hätte einige Straffungen vertragen. Da jeder Band mit einer Verfolgungsjagd, Flucht oder sonstigen Actionszene endet, ermüdet das Konzept recht bald. Im Mittelteil beginnt sich die Handlung im Kreis zu drehen. Einige Episoden hätten ruhigen Gewissens gestrichen werden können.

Wenn am Ende die Intrigen und Verschwörungen entwirrt und alle Zusammenhänge aufgedeckt werden, dann interessiert es leider nicht mehr. Zu langatmig und ermüdend das Hin und Her, zu unübersichtlich das Personal. Ärgerlich ist auch, dass die Idee der Glasbücher nicht ausgeschöpft wird, sondern nur ständig als Aufhänger für weitere Actionszenen herhalten muss. Hier wäre weniger eindeutig mehr gewesen.

Inzwischen ist mit »Das Dunkelbuch« eine Fortsetzung erschienen, die direkt an die Handlung der »Glasbücher« anknüpft.

Gordon Dahlquist: Die Glasbücher der Traumfresser | Deutsch von Bernhard Kempen
Blanvalet 2009 | 928 Seiten | amazon-info

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Daniel Terek: Der Weltenmampfer

Der WeltenmampferNicht weniger als 149 Bücher und Hörbücher haben wir auf dem Boylevard inzwischen vorgestellt, die Werke berühmter Schriftsteller ebenso wie kleine, unentdeckte Perlen, verfasst von kaum bekannten Autoren. Das Buch, das ich heute vorstellen möchte, gehört zur zweiten Kategorie: »Der Weltenmampfer« von Daniel Terek.

Es ist die 150. Buchbesprechung auf dem Boylevard. Dass Daniel Terek diese Ehre zuteil wird, ist purer Zufall, aber ich gönne es ihm. Schon dreimal stand ich mit ihm zusammen auf einer kleinen Braunschweiger Lesebühne namens Bumsdorfer Auslese. Ich freue mich immer auf diese Veranstaltung, weil man dort nicht nur mich auf die Bühne lässt, sondern eben auch Daniel Terek. Seine Auftritte gehören stets zu den Höhepunkten des Abends.

Mit dem »Weltenmampfer« hat Daniel Terek jetzt sein erstes Buch veröffentlicht. Ich möchte es allen ans Herz legen, die Spaß an Lesebühnentexten haben, wie zum Beispiel die von Horst Evers (»Die Welt ist nicht immer Freitag«), an Texten, die man nie zu ernst nehmen darf, deren Ernsthaftigkeit man aber auch nicht unterschätzen sollte.

Und dann kommt der Moment, in dem der Spross, der ähnlich einem schwarzem Loch alles absorbiert, seinen Zeigefinger aus der schützenden Umhausung seiner Nase holt und mit den Worten: »Da. Gesicht!« auf mich deutet. Das ist mein Schicksal. Ich bin die Max & Moritz-Mortadella aus der SB-Theke im Supermarkt. Manchmal will ich am liebsten das verzogene Gör anschreien, doch die Folie, in der ich liege, erstickt meine Schreie. Manchmal will ich weinen, doch Tränendrüsen landen meistens in Currywurst. Ich stelle meine Existenz in Frage. Ist dieses Paar Augen alles, was mich ausmacht? Ist dieser breit grinsende Mund alles, was ich zu sagen habe? Dabei frage ich mich überhaupt, warum ich grinse. Als ob ich ein bissiges Frettchen in der Hose hätte. Ich habe ja noch nicht mal Hosen. Die einzige gravierende Veränderung meines Daseins wird mein Verzehr werden.

Der Versuch, das Leben aus der Perspektive einer Kindermortadella zu schildern, mag einem blödsinnig erscheinen, fördert aber grandios Kalauerndes zu Tage und manchmal auch Gedanken, über die man sich Gedanken macht, zum Beispiel, wenn er (Daniel Terek als Kindermortadella) feststellt: Mein bester Freund hier drin ist die Cervelat-Wurst. Sie ist die einzige mit ein wenig Hirn.

Daniel Terek gibt Belanglosem einen Sinn, degradiert vermeintlich Wichtiges zum Unsinn. Die 10 Euro für seinen Debütband sind gut investiert, zumal wenn man sie mit einem Besuch einer seiner Lesungen kombinieren kann. Denn er ist nicht nur ein guter Autor, sondern mit seiner Slam-Erfahrung auch ein guter Vortragskünstler. Und das, obwohl er einen Bart trägt, den ich modisch erst nicht akzeptieren konnte. Doch schon bei unserem zweiten Aufeinandertreffen hatte Daniel Terek mich aufgeklärt: MUSTACHE MEANS RESPECT!, schrie er mehrere Male ins Mikrofon und wies zugleich auf den praktischen Nutzen einer üppigen Gesichtsbehaarung hin:

Nicht missen möchte ich es, wenn milde Sommerwinde durchs Haarkleid wehen und verträumt die Borsten tanzen lassen. Im Herbst verhindert der Schnurrbart, dass sich herabfallendes Blattwerk vor Mund und Nase setzt und so einen Erstickungstod herbeiführt. Wenn man im Winter keine Hand frei hat, fängt er flüssigen Nasenschleim auf, den kristallinen Rotz kann man später mit einem handwarmen Kamm ausbürsten. Und im Frühling, wenn das Leben wieder erwacht, es überall raschelt und knistert, wenn es darum geht, Nester für die Aufzucht der Jungen zu bauen, dann ist man als Schnurrbartträger hautnah am Geschehen.

Das ist Daniel Terek. Kauft alle sein Buch, aber bitte jeweils nur einmal. Denn sonst wird er vielleicht größenwahnsinnig, und das könnte bedeuten, schon bald nicht mehr gemeinsam mit ihm auf einer kleinen Lesebühne zu stehen. Soweit darf es natürlich nicht kommen.

Daniel Terek: Der Weltenmampfer | Deutsch
Verlag Andreas Reiffer 2010 | 116 Seiten | amazon-info

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Zeruya Shalev: Späte Familie

Späte Familie… jemand, der vor den Flammen um sein Leben rennt, kann nicht innehalten und über seine Handlungen nachdenken.

Im dritten Teil ihrer Trilogie über Liebe und Beziehungen in der heutigen Zeit schreibt Zeruya Shalev aus der Sicht von Ella, 36, die sich zu Beginn des Romans von ihrem Ehemann Amnon trennt. Als sie den Schritt tut, ist sie sicher, dass es die richtige Entscheidung ist, doch bald kommen ihr Zweifel. Anstatt sich über ihre neu gewonnene und lang ersehnte Freiheit zu freuen, fällt sie in eine Depression.

Sie stolpert von einer unüberlegten und überstürzten Tat in die nächste und lässt dabei fast keinen Fehler aus. Sie bittet ihren Mann, zu ihr zurückzukommen, was er ablehnt, lässt sich von seinem besten Freund vergewaltigen und zieht schließlich mit einem anderen Mann zusammen, an dem sie, wie Shalev formuliert, ihr neues Leben festgemacht hat wie ein Fahrrad an einem rostigen Geländer im Treppenhaus. Schon bald geht es nicht mehr darum, ob Ellas Entscheidungen richtig sind, sondern wie man unabhängig von richtig und falsch mit den Konsequenzen fertig wird.

Ellas neuer Mann, Oded, ist der Vater eines Schulfreundes, mit dem ihr Sohn gemeinsam die erste Klasse besucht, und hat gerade seine eigene Frau verlassen. Ähnlich wie Ella selbst kämpft er mit den Wunden, die schon die Beziehung seiner Eltern ihm zugefügt hat. Aus den Scherben ihrer beiden Familien versuchen sie, eine neue aufzubauen, was ihnen allerdings nicht so gelingt, wie Ella (oder der Leser) es sich vorgestellt hat.

Die Geschichte bleibt spannend und überrascht bis zur letzten Seite mit ihren unerwarteten Entwicklungen und sprachlichen Bildern. Ella ist, wie ihr Mann, Archäologin, und beschäftigt sich vielsagend mit dem Auszug Israels aus Ägypten, den man als Geschichte einer Befreiung oder Zerstörung lesen kann. Oded, ihr neuer Mann, steuert als Psychiater, Archäologe der Seele, ganz andere Ansichten bei. Er fragt zum Beispiel, ob das Ganze nicht nur ein Drama ist, das die Seele inszeniert, um sich lebendig zu fühlen.

Zeruyah Shalev: Späte Familie | Deutsch von Mirjam Pressler
BvT Berliner Taschenbuch 2007 | 590 Seiten | amazon-info

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Sven Regener: Der kleine Bruder

Der kleine BruderKein besonders ausgefeilter Plan, dachte er gerade, als Wolli aufhörte zu reden und sie gemeinsam schweigend in das sehr dunkle Dunkel der Transitstrecke durch die DDR starrten, hat ein paar Schönheitsfehler, der Plan, dachte er, aber dann fiel ihm auf, dass Wolli nicht mehr redete, und die Stille hatte, zusammen mit der sie umgebenden Finsternis, eine beruhigende, einlullende Wirkung, der er sich gerne hingab. Scheiß drauf, ob der Plan Schönheitsfehler hat, dachte er, Hauptsache, es ist mal Ruhe im Schiff, und dann sah er nur noch der Straße dabei zu, wie sie sich in das funzlige Licht seiner Scheinwerfer schob wie ein alter, harter Teppich.

Frank Lehmann, nach einem scheinbaren Selbstmordversuch aus der Bundeswehr entlassen, reist nach Berlin-West zu seinem Bruder. Der ist leider nicht zu Hause. Seine Mitbewohner kennen seinen Aufenthaltsort nicht. Der Hauptmieter der Wohnung möchte seine schwangere Freundin einziehen lassen, und so zieht Frank an Stelle seines Bruders mit dessen Habe und dessen Freund Karl in eine neue Wohnung über ihrer Stammkneipe.

Nach »Herr Lehmann« und »Neue Vahr Süd« ist nun mit »Der kleine Bruder« der Mittelteil der Trilogie erschienen. Das Buch beschreibt zwei Tage und zwei Nächte in Franks Leben. Für ihn rückt die Suche nach seinem Bruder Mannie immer weiter in den Hintergrund. Er richtet sich in der Kreuzberger Szene ein, lernt die Bekannten seines Bruders kennen, mit so prägnanten Namen wie P. Immel, trinkt eine Menge Bier und redet und redet und redet. Erst durch die Anrufe seiner Mutter fühlt er sich gedrängt, die Suche nach Mannie wieder aufzunehmen, und kommt der Lösung durch Zufall auf die Spur.

Bei manchen Büchern wünscht man sich, sie würden ewig weitergehen, weil man die Figuren mag, die Handlung ohne Längen zügig voranschreitet und man ständig glänzend unterhalten wird. »Der kleine Bruder« ist so ein Buch. Zu schnurrig ist die Geschichte des Frank Lehmann. Da das Buch hauptsächlich aus Dialogen besteht, empfiehlt sich das Hörbuch, um diesen besonderen Sound zu fühlen.

Die Verfilmung von »Herr Lehmann« hat die Vorstellung von den Hauptfiguren nachhaltig geprägt. Beim Hören hat man Christian Ulmen als Frank und Detlev Buck als Karl ständig vor Augen. Und Autor Sven Regener liest so unglaublich schnell, dass jeder andere Autor für das ungekürzte Hörbuch zwei CDs mehr gebraucht hätte. Bei jeder Sprechpause sinkt man erschöpft zurück, aber sofort geht es weiter, und nach kurzer Zeit hat diese hektische Erzählweise einen Sog entwickelt, dem man sich nicht mehr entziehen kann. Selten habe ich ein Hörbuch so rasch zu Ende gehört.

Sven Regener: Der kleine Bruder | Hörbuch | Gesprochen von Sven Regener
Roof Music 2008 | 5 CDs | amazon-info

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Jean-Marie Gustave Le Clézio: Der Afrikaner

Der AfrikanerLe Clézio erzählt in diesem autobiographischen Buch eine Geschichte seiner Herkunft. Er setzt sich mit seinen Wurzeln, der Abstammung seiner Familie aus Mauritius auseinander, erzählt von seinen Eltern, und er erzählt die Geschichte seines Aufwachsens in Nigeria, wohin er in seinem achten Lebensjahr mit seiner Mutter und seinem Bruder reist. Er setzt sich in diesem Buch mit seinem Vater auseinander, einem ihm fremden Mann, den er im Alter von acht Jahren erstmals trifft und dem er niemals nahe kam. Gleichsam findet er durch seine Literatur die Mittel, sich ihm posthum zu nähern, es kommt zu einer Art spiritueller Berührung zwischen Vater und Sohn auf der literarischen Ebene.

Le Clézio erzählt auch von der Liebesgeschichte seiner Eltern, ebenfalls auf dem afrikanischen Kontinent, in Kamerun. Wie sie sich in einer eigenartigen Aufbruchstimmung im Afrika zwischen den beiden Weltkriegen liebten, Afrika hoch zu Ross erkundeten und glücklich waren. Er beschreibt die Stimmung dieser Zeit als die scheinbar greifbare Möglichkeit für ein von Krankheiten befreites und selbstbestimmtes Afrika. Natürlich war der Autor selbst zu dieser Zeit noch nicht geboren, er phantasiert sich durch die Erinnerungen und Hinterlassenschaften seines Vaters in seine Erzählung.

Dann allerdings beendet der Zweite Weltkrieg den afrikanischen Traum. Der Vater des Autors arbeitet als Kolonialarzt im Auftrag der Briten in einem nigerianischen Landkrankenhaus. Dort sitzt er während des Zweiten Weltkriegs, gefangen in den Routinen des Hospitals, seine Frau und seine Kinder sitzen im besetzen Frankreich fest.

1940 kommt Le Clézio in Nizza zur Welt, alle Versuche der Ausreise nach Afrika scheitern. 1948 endlich kann sich die Familie wiedervereinen, zu spät wie sich herausstellt.

Der Vater, der den Kolonialismus hasst, hat resigniert, hat sich selbst als ohnmächtigen Fronknecht der Kolonialmacht erkannt. Abgestumpft von der Gewalt, deren Auswirkungen er alltäglich als Arzt zu behandeln hat, ist der Zauber Afrikas für ihn erloschen. Für de Clézio selbst eröffnet sich zu dieser Zeit der Zauber des schwarzen Kontinents erst. Er spürt die Freiheit seiner Kindheit, geniest die Faszination, das Abenteuer Afrika, denn er wächst nicht in einem feudalen Kolonialistenhaushalt auf, sondern im Afrika seines Vaters. Ohne Annehmlichkeiten und europäischen Schnickschnack. Aber während der Autor seine lebenslange Liebe zu Afrika entdeckt, hat der Vater sich schon zu einem verbitterten und enttäuschten Sonderling gewandelt.

Doch der Vater hat, trotz seiner Ablehnung kolonialistischer Gepflogenheiten, fotografiert. Und so finden sich viele authentische Aufnahmen in diesem Buch, anhand derer sich de Clézio durch die Geschichte schreibt. Eine Geschichte, die unprätentiös und klar – ohne naive Verklärung oder Elendsrethorik – nicht nur eine Liebeserklärung an, eine Verbeugung vor einem faszinierenden Kontinent ist, sondern auch ein intelligentes Nachdenken über das alte und das neue Afrika.

Jean-Marie Gustave Le Clézio: Der Afrikaner | Deutsch von Uli Wittmann
Hanser 2007 | 133 Seiten | amazon-info



Denis Johnson: Keine Bewegung!

Keine Bewegung!Sie schlief mit ihm wie eine betrunkene Nonne, und das gefiel ihm, aber die Unterhaltung danach war kein bisschen ziellos und entspannt.

»Im Grunde«, sagte er, »willst du doch Rache.«

»Ja. Ich habe manchmal Rachephantasien. Willst du wissen, wie krank die sind?«

»Nein.«

Harte Jungs und noch viel härtere Damen bevölkern diesen hard-boiled-Krimi. Jimmy Luntz ist Friseur, Chorsänger und Spieler. Als sich der Geldeintreiber Gambol seine Kniescheiben vornehmen möchte, wehrt er sich und lässt den Mann angeschossen liegen. In einer Karaoke-Bar trifft er auf die glamouröse Anita, die mehrere Klassen über ihm steht. Doch reichlich Alkohol und eine günstige Laune des Schicksals führen dazu, dass Jimmy Luntz über seinen Verhältnissen verkehren darf. Anita ist nicht nur unglaublich abgebrüht, sondern auch in einen Betrug verwickelt, in dem es um einige Millionen geht.

Gambol wird unterdessen von der ehemaligen Krankenschwester Mary gepflegt und nimmt dann mit ihr zusammen die Verfolgung auf. Dieser Teil der Handlung erinnert sehr an »The Getaway«. Thompson und Peckinpah würden sicher wohlwollend zustimmen.

»Das sieht gut aus. Ich meine, die Nähte und so weiter, sehr professionell. Warst du mal im Krieg?«

»Ich war damals auf einem Lazarettschiff vor Panama und später, im ersten Golfkrieg, in einem Militärkrankenhaus in Frankfurt. Und 2003 sechs Monate im Irak.«

»Alle Achtung. Und wo ist die Ausrüstung her?«

»Geklaut. Ich arbeite manchmal als Aushilfe in verschiedenen Arztpraxen. Und im Krankenhaus.«

»Und dann verkaufst du das Zeug von deiner Garage aus, oder was?«

»Nein. Ich klaue es einfach nur gern.«

»Keine Bewegung!« erschien zuerst als Fortsetzungsgeschichte im amerikanischen Playboy. Es handelt sich um klassische Pulp Fiction: Gangster und Verlierer, die sich gegenseitig austricksen oder umbringen wollen. Es gibt keine coolen Schießereien oder Posen, sondern nur brutale Gewalt. Luntz’ Gegner erzählen gerne, wie sie gemeinsam die Hoden eines Gegners verspeisten. Dasselbe Schicksal haben sie auch ihm zugedacht.

Johnson spielt mit den Konventionen des Genre und fügt ihm thematisch nichts Neues hinzu. Inhaltlich eine Geschichte, wie man sie hundertfach lesen kann. Doch sprachlich einfach herausragend, mit Beschreibungen, die sich einprägen: Während ein Auto schleudert, wird »die Landschaft über die Windschutzscheibe geschmiert«.

Großartige Bilder, bitterer Humor und Spannung bis zum Ende. Ebenso unerbittlich und kraftvoll wie Cormac McCarthys »No country for old men«. Eine Mischung aus Elmore Leonard und Charles Willeford, mit bestens funktionierenden lakonischen Dialogen, die sich über das Papier erheben und dem Leser ein ums andere Mal ein Lächeln aufs Gesicht zaubern:

»Hast du mal jemanden gekannt, der dann umgebracht wurde?«

Sie war weiß und fahl neben ihm. »Die Toten kommen wieder. Der Tod ist nicht das Ende.«

»Seien wir optimistisch“, sagte er, »und nehmen wir an, dass das Schwachsinn ist.«

»Nachts kannst du sie am anderen Ufer stehen sehen.«

»Das klingt wie Delirium tremens.«

Denis Johnson: Keine Bewegung! | Deutsch von Bettina Abarbanell
Rowohlt 2010 | 208 Seiten | amazon-info