Carlos Ruiz Zafón: Das Spiel des Engels

Das Spiel des EngelsEr sprach mit einem leichten Akzent, den ich nicht einordnen konnte, Mein Instinkt befahl mir, aufzustehen und so schnell wie möglich zu verschwinden, bevor dieser Fremde noch ein Wort sagte, aber etwas in seiner Stimme, in seinem Blick wirkte beruhigend und weckte Vertrauen. Ich mochte nicht fragen, wie er mich hier hatte ausfindig machen können, wenn nicht einmal ich selbst wusste, wie ich hierhergelangt war. Der Klang seiner Worte und das Licht in seinen Augen gaben mir neuen Mut. Er streckte mir die Hand entgegen, und ich ergriff sie. Sein Lächeln verhieß ein verlorenes Paradies.

Barcelona in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Als Kind muss David Martín den Mord an seinem Vater mit ansehen. Die Trauer hält sich in Grenzen, denn der Vater, selber des Lesens und Schreibens unkundig, verbot seinem Sohn das Lesen und war auch ansonst eher wortkarg. Deshalb hatte sich die Mutter schon lange davon gemacht.

Einen Freund und vaterähnlichen Ersatz findet David in einem Buchhändler, der ihm Bücher leiht. Einen weiteren Freund hat er in dem Bohemien Vidal, der aus Zeitvertreib in der Redaktion eines Käseblattes arbeitet. Vidal nimmt den Jungen unter seine Fittiche und verschafft ihm einen Job bei der Zeitung. Der düstere Chefredakteur gibt David eine Chance und veröffentlicht einen Kurzkrimi aus dessen Feder. Damit ist der Grundstein zu weitreichenden Verwicklungen und für die Entdeckung tödlicher Geheimnisse gelegt. Denn David wird von den Lesern geliebt und schreibt bald darauf sehr erfolgreiche Gruselkrimis, die in eben dem Barcelona spielen, das er von seinem Vater her kennt: In den kalten, ruinösen Gemäuern einer grauen Stadt, die ihren Charme aus Gift spuckenden Schloten, verwinkelten Gassen und undurchschaubaren Zeitgenossen bezieht. »Das Spiel des Engels« beginnt mit dem Lob eines mysteriösen Verlegers, der David wegen seiner magischen Schreibe ein unschlagbares Angebot macht.

Mit seinem flüssigen Erzählstil zieht Zafón mit jeder Seite den Leser immer tiefer in die Geschichte hinein. Mal in kurzen, abgehackten Sätzen, wenn die Spannung es erfordert. Mal romantisch, wenn zarte Liebesbande anfangen sich zu verknüpfen. Mal spannend wie ein Krimi, mit rasanten Verfolgungsjagden. Mal magisch wie ein Vampirroman, in dem sich Realität und Fiktion vermischen.

Lage für Lage entblättert der Autor die Figur des rätselhaften Verlegers, der den kleinen Finger gibt und dafür den Kopf des Schriftstellers fordert. Je mehr David sich in den Annalen weit zurückliegender Ereignisse verwickelt, die nicht nur anfangen sein ganzes Leben zu bestimmen, sondern auch mit dem seinen verwoben sind, desto mehr bangt man um ihn und hofft, dass ihm das unvermeidbare Ende erspart bleibt.

Zafón bedient kein besonderes Genre. Sein Roman lebt von der gekonnten Mischung, und deshalb wird »Das Spiel des Engels« auch nie langweilig. Allerdings entlässt er seine Leser etwas verwirrt aus der Erzählung, denn alle Handlungsstränge löst er nicht plausibel auf. Einiges bleibt unverständlich, aber das ist wohl so, wenn in einem Roman die Magie den Realismus überflügelt.

Carlos Ruiz Zafón: Das Spiel des Engels | Deutsch von Peter Schwaar
S. Fischer 2008 | 720 Seiten | amazon-info

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John le Carré: Marionetten

MarionettenDieser Lift hält unterwegs nicht an. Er hat keine Knöpfe, keinen Spiegel, kein Sichtfenster. Er riecht nach Diesel und nach Äckern. Es ist ein Viehlift. Er riecht wie der Sportplatz deiner Schule im Herbst. Erörtern sie.

Wer in diesem Lift fährt, tut das nicht aus freien Stücken. Du stehst zwischen zwei Frauen, die dich entführt haben, in dem sie so taten, als wärt ihr Freundinnen. Zu ihnen stieß etwas später eine dritte Frau, die sich nicht als deine Freundin geriert hat. Keine von ihnen hat sich dir vorgestellt. Keine hat in deiner Hörweite irgendeinen Namen benutzt außer deinem eigenen.

Niemand, nicht einmal Issa, kann dir schildern, was für ein Gefühl das ist, der Freiheit beraubt zu werden, aber allmählich geht es dir auf.
Du bist eine Juristin, der allmählich ein Licht aufgeht.

Eigentlich lese ich keine Agenten-Thriller, aber »Marionetten« ist ein tolles Buch! Von einem Profi geschrieben, der genau weiß, worauf es ankommt.

Kurz die Story: Issa, ein gefolterter, geflohener tschetschenischer Moslem reist illegal nach Deutschland ein, wird von einer jungen Anwältin ohne Erfahrung gegenüber einem Privatbankier vertreten, der das Erbe des Flüchtlings, schmutziges Geld aus Russland, verwaltet. Gleich nach der Einreise gerät der Mann in das Fadenkreuz verschiedener Geheimdienste, die sich in ihn verbeißen wie eine Meute Terrier in einen angeschossenen Hasen. Allerdings soll der kleine Hase nicht als schnöde Beute dienen – er selber soll als Luder benutzt werden. Ein Katz und Maus Spiel aus Lügen, Intrigen, Erpressung und Gewalt beginnt, ein Spiel, das keine Macht der Welt mehr zu stoppen vermag. Denn letztendlich geht es um Glaube und Wahrheit – und in diesen Punkten ist die Menschheit bekanntermaßen intolerant bis aufs Blut.

John le Carré hat das Dahinschwinden der Menschlichkeit als Grundlage für seinen neuen Thriller gewählt. Und auf dieser Grundlage lassen sich heutzutage allemal spannende, aber in der Sache eben leider auch deprimierende, Geschichten erzählen. Die Story überzeugt neben dem Thema auch durch ihre Glaubwürdigkeit. Keine der vielen Figuren ist überzeichnet oder zu statisch dargestellt. Jeder Satz ist präzise und ohne überflüssige Floskeln. Ein gutes Buch. Im Vergleich mit den eher kläglichen Geschichten seiner jüngeren Kollegen wie zum Beispiel Jean-Christophe Grangé oder Sebastian Fitzek ist der Roman von John le Carré hervorragende Literatur.

Der Autor ist fast 80 Jahre alt, aber er schreibt keineswegs altbacken. Seine Sprache ist exakt, und er beschreibt, fast schon wie ein Lyriker, Situationen und Gefühle in wenigen treffenden Worten. Er erzählt am Puls der Zeit und modern. Er lässt die Akteure modernste Technik benutzen – weil sie da ist, nicht weil er sie erwähnt haben möchte. Weil le Carré als ehemaliger Spion das Metier kennt, über das er schreibt, und weil er ein hervorragender Rechercheur ist, kann man sich gut vorstellen, dass die Geheimdienste erschreckenderweise genau so arbeiten, wie er es schildert.

Ob so etwas unter dem neuen US-Präsidenten Barack Obama nicht mehr passieren wird? Warten wir es ab und lesen wir derweil »Marionetten«.

John le Carré: Marionetten | Deutsch von Sabine Roth und Regina Rawlinson
Ullstein 2008 | 366 Seiten | amazon-info



Ilija Trojanow: Der Weltensammler

Der WeltensammlerDen Horizont, dem er viele Stunden entgegenritt, wähnte er voller Verheißung, seine Sinne von Luft und Bewegung angeregt, geschärft wie ein Messer. Die Wüste war versehrtes Terrain, eine rauhe Ruine, die Erhebungen zerfurcht wie Walnussschalen, doch sie beflügelte Sheikh Abdulah, der sich am nächtlichen Lager lebendiger fühlte als in der Früh, im Innenhof der Karawanserei noch, neben einigen anderen Pilgern, die ihre Dromedare in die Gasse des Aufbruchs trieben.

Grundlage des Romans »Der Weltensammler« ist das abenteuerliche Leben des britischen Offiziers Sir Richard Francis Burton (1821 – 1890), der im 19. Jahrhundert Nordindien, Arabien und Ostafrika intensiv bereiste. Um die Bräuche der verschiedenen Völker zu studieren, lernte er deren Sprachen, um nach Mekka reisen zu können, wurde er Mohammedaner. Er spionierte die fremden Völker aus, während er versuchte, sie zu verstehen, und gab sein pedantisch gesammeltes Wissen an die »Ostindische Kompanie« weiter, dem Handelsriesen jener Zeit.

Ilija Trojanow beschreibt die verschiedenen Regionen und ihre Menschen im 19. Jahrhundert sehr intensiv und farbenfroh. Er weiß, wovon er spricht, denn sein Lebenslauf ist ähnlich facettenreich wie der seines Protagonisten. Bis weit über die Mitte des Romans hinaus ist seine Prosa durch die schön gemalten Bilder und die ungewöhnlichen Metaphern sehr reizvoll. Sie ist den exotischen Schauplätzen durchaus angemessen. Das Buch macht Spaß allein schon wegen dieser Sprache.

Im Klappentext lobt die »taz« den raffinierten Aufbau des Romans. Dem kann ich mich nur bedingt anschließen. Der auktoriale Erzählstrang wird immer wieder von Ich-Erzählern durchbrochen: In Indien von einem Diener, in Arabien von einem türkischen Geheimpolizisten und auf der Afrikareise wieder von einem Diener.

Ich habe nicht immer verstanden, warum plötzlich der afrikanische Diener die Geschichte weitererzählt, es machte mir den dritten Teil des Buches mühsam zu lesen. Dass die Beschreibung der Afrika-Reise mich stark an »Kehlmanns Vermessung der Welt« erinnert hat, lag vielleicht an der Ähnlichkeit der Tropenkrankheiten. Insgesamt ist »Der Weltensammler« ein interessantes, ästhetisches und lesenswertes Buch.

Ilija Trojanow: Der Weltensammler | Deutsch
Hanser 2006 (27. Auflage) | 472 Seiten | amazon-info

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José Saramago: Die Stadt der Blinden

Die Stadt der BlindenDie Blinden auf den Pritschen warteten darauf, dass der Schlaf Mitleid hatte mit ihrer Trostlosigkeit. Unauffällig, als könnten die anderen dem elenden Schauspiel zusehen, hatte die Frau ihrem Mann geholfen, sich so gut wie möglich zu säubern. Jetzt herrschte ein schmerzerfülltes Schweigen im Raum, wie in einem Krankenhaus, wenn die Kranken schlafen und im Schlaf leiden.

In einer Stadt steht ein Auto an der Ampel, neben vielen anderen Autos, und der Fahrer wartet auf Grün. Dann erblindet er plötzlich …

Eine detaillierte und weiterführende Inhaltsangabe möchte der Vor-Leser an dieser Stelle nicht bringen, weil ansonsten die Spannung des Buches flöten geht. Nur soviel: Es handelt sich um eine Epidemie, der fast alle namenlosen Bewohner einer namenlosen Stadt zum Opfer fallen.

Und was passiert, wenn den Menschen ein Sinn geraubt wird? Laut einiger Rezensenten werden sie zu Tieren. Ein dummer Vergleich, den der Autor selber in seinem Buch nur an zwei Stellen äußert, denn auch er weiß, dass das nicht stimmt.

Was José Saramago im übertragenen Sinne sehr eindringlich beschreibt, ist die Zerbrechlichkeit des Sozialverhaltens, und die Folge eines solchen Zusammenbruches für unsere Art. Dass der Leser damit zunächst Bilder totalitärer Regierungssysteme assoziiert, liegt auf der Hand, erst der zweite Blick lässt die Tiefe von Saramagos Parabel erkennen.

Ein spannendes, lesenswertes Buch ohne Pathos, Heldentum und Abenteuer, also nichts für den Hollywood verehrenden Effektjunkie.

José Saramago: Die Stadt der Blinden | Deutsch von Ray-Güde Merten
Rowohlt Taschenbuch 1999 (16. Auflage) | 398 Seiten | amazon-info

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