»Sehen Sie, Monsieur«, beginnt Triboulet – »es ist ein wenig … kompliziert. Manchmal scheinen die Dinge sehr einfach, aber dann … wenn man näher geht und sie neuerlich betrachtet, dann sehen die Dinge völlig anders aus. Nun, Monsieur Winterhalter hat nur seine ihm auferlegten Aufgaben erfüllt. Vielleicht war Monsieur Winterhalter das ein oder andere Mal zu hart … zu wenig gnädig, wenn es darum ging, die fälligen Abgaben bei den Bauern einzufordern.«
Frankreich im März 1789. Der Marquis d’Angélique erfährt von ungewöhnlichen Vorgängen im Schloss des Vicomte de Moucel. Der Gutsverwalter Winterhalter wurde ermordet, doch niemand hat großes Interesse an der Suche nach dem Mörder. Alle Bauern der Umgebung hassten ihn. Sein Tod scheint mit einer Quelle zu tun zu haben, deren Wasser man heilende Wirkung zuspricht, und die angeblich verkauft werden soll. Gemeinsam mit dem Gelehrten Mickiewicz und dem amerikanischen Draufgänger Duport begibt der Marquis sich zum Schloss. Die Adoptivtochter des Schlossherrn wird entführt und als Lösegeld eine Schenkungsurkunde für das Landstück mit der Quelle gefordert. Aber dies ist nur der Auftakt zu einer ganzen Reihe folgenschwerer Verwicklungen.
»Brouillé« ist der zweite Band einer vierteiligen Reihe über die Französische Revolution. Er ist aber in sich abgeschlossen und schildert eine Etappe auf der Reise der drei Hauptfiguren nach Paris. Der erste Band ist nicht unbedingt notwendig, um der Handlung zu folgen, die Lektüre empfiehlt sich trotzdem, schon allein, um die drei Hauptfiguren besser kennenzulernen, die im ersten Band ausführlich vorgestellt werden.
Jeder der drei Helden versucht den Mordfall nach seinem Spezialgebiet zu lösen: Mickiewicz von der Bibliothek aus, der Marquis auf diplomatischem Parkett und der tollkühne Duport auf seine zupackende Weise direkt vor Ort. In bester Agatha-Christie-Manier müssen sie den Täter finden. Die klassischen Zutaten sind vorhanden: Ein abgelegenes Schloss, ein gutes Dutzend Verdächtiger und ein erst allmählich erkennbares Motiv für die Tat.
Die Geschichte ist spannend, auch wenn es im Mittelteil einige Längen gibt, weil historische Ereignisse den Kriminalfall zu sehr in den Hintergrund drängen. Doch auch (oder besser gerade) in diesen Szenen kommen die Qualitäten des Romans zu Geltung. Da wäre zum einen der gut recherchierte Hintergrund: Fiktive treffen auf historische Figuren. Letztere bekommen dabei authentische eigene Aussprüche (mit Quellenangabe) in den Mund gelegt. Außerdem die sorgfältig gearbeiteten Dialoge, für die man sich eine Hörbuchfassung wünscht. Und nicht zuletzt der Humor:
»Als der Vikar ihrer ansichtig wurde, soll er sich mit den Worten, dass ihn der doppelgesichtige Teufel hole, laut schreiend aus dem Fenster gestürzt haben.«
»In welchem Stock lag das Zimmer des Vikars?«
»Zu ebener Erde.«
Der Marquis kniff ein Auge zusammen. »Dann wird ihm der Sturz schwerlich das Leben gekostet haben, oder?«
»Es war nicht der Sturz, der ihn das Leben kostete, sondern das Pferdegespann, welches gerade Bier und Wein in die königliche Krankenanstalt brachte.«
Sehr drollig fand ich auch, dass Mickiewicz zur Tarnung als der Genfer Bankier Brouillé auftreten soll, womit er überhaupt nicht einverstanden ist. Dies führt zu dem Effekt, dass der Titelheld des Romans seinen Namen bei jeder Gelegenheit verleugnet.
Wenn Brouillé … pardon, Mickiewicz am Ende alle Verdächtigen in der Bibliothek versammelt und den gesamten Fall noch einmal Detail für Detail resümiert, dann fühlt man sich an die großen Detektive der Kriminalliteratur erinnert. Schließlich war Hercule Poirot ja auch Franzose. Nein? War er nicht? Belgier, ach so. Nun, auch hier ist am Ende nicht alles so, wie es anfangs scheint.
Für den dritten Band »Madeleine« hat der Autor eine recht interessante Vermarktungsstrategie gewählt: Er sucht 99 Förderer, die sein Projekt unterstützen, bevor das Buch in den Druck geht. Nähere Informationen dazu findet man unter http://1668cc.wordpress.com/99-2/. Ich bin bereits dabei, denn ich will auf jeden Fall wissen, wie die Geschichte weitergeht.
Richard K. Breuer: Brouillé | Deutsch
Selbstverlag 2010 | 340 Seiten | amazon-info

Wie alle Kapitalisten behandle ich den freien Markt wie eine reiche alte Großmutter; ich betone, wie sehr ich die alte Schlampe verehre, bezeichne sie als rüstig, nutze aber ihre Lethargie und Demenz mutwillig aus, um Profit daraus zu schlagen. Im Hauptberuf bin ich auf die Alliierten des Zweiten Weltkriegs spezialisiert, aber ich mach auch den Krimkrieg, den Ersten Weltkrieg und Vietnam und das ein oder andere japanische Samurai-Schwert.
Nicht alle Tode sind gleich, und selbst für Mord gilt das Kastenwesen. Wird ein armer Rikschafahrer abgestochen, ist das nur etwas für die Statistik, eine Meldung, die irgendwo im hinteren Teil der Zeitung verschwindet. Der Mord an einem Prominenten aber macht sofort Schlagzeilen, denn die Reichen und Berühmten werden selten umgebracht. Sie führen ein Fünf-Sterne-Leben und sterben, wenn nicht an einer Überdosis Kokain oder durch irgendeinen verrückten Unfall, meist auch einen Fünf-Sterne-Tod, glücklich ergraut in hohem Alter, allerdings nicht ohne zuvor die eigene Sippe samt dazugehörigen Vermögen kräftig vermehrt zu haben.
Beiläufig wie ein fluchender Seemann griff der Afrikaner hinter sich nach seiner Wikingeraxt (deren mit Runen in den Eschenholzstiel geschnitzter Name sich in etwa mit »Schänder deiner Mutter« übersetzen ließ), doch dann waren es drei kleine Worte, die die innige Verbindung zwischen Kopf und Hals des Eindringlings bewahrten, eines drahtigen, mit einem kurzen Schwert bewaffneten alten Kerls, dem Aussehen nach ein Perser mit neugierig höhnischem Grinsen und einem dicken Narbengeflecht an der Stelle, an der einmal sein rechtes Auge war.
Maddie und Dylan versuchen zu sparen. Sie wollen an einem sichereren und sauberen Ort wohnen. Der größte Teil ihres Geldes geht für Miete und Essen drauf, doch sie achten auf jeden Cent, die meisten Mahlzeiten kaufen sie im 99-Cent-Laden, neue Kleider sind nicht drin. Nach zwei Monaten haben sie hundertsechzig Dollar gespart, nach vier Monaten zweihundertvierzig. Maddie zieht sich in einem Fast-Food-Restaurant eine Lebensmittelvergiftung zu, und nachdem sie die Krankenhausrechnung beglichen haben, sind sie wieder pleite.
»Was für ein Mumpitz! Erst behaupten Sie, ich sei eine Mörderin, eine Agentin, die sich gegen Sie verschworen hat, und jetzt bin ich bloß ein verirrtes Mädchen mit Liebeskummer? Was von beidem wollen Sie denn nun glauben? Sagen Sie es mir, damit ich Sie umso zielsicherer verspotten kann!«
Kein besonders ausgefeilter Plan, dachte er gerade, als Wolli aufhörte zu reden und sie gemeinsam schweigend in das sehr dunkle Dunkel der Transitstrecke durch die DDR starrten, hat ein paar Schönheitsfehler, der Plan, dachte er, aber dann fiel ihm auf, dass Wolli nicht mehr redete, und die Stille hatte, zusammen mit der sie umgebenden Finsternis, eine beruhigende, einlullende Wirkung, der er sich gerne hingab. Scheiß drauf, ob der Plan Schönheitsfehler hat, dachte er, Hauptsache, es ist mal Ruhe im Schiff, und dann sah er nur noch der Straße dabei zu, wie sie sich in das funzlige Licht seiner Scheinwerfer schob wie ein alter, harter Teppich.
Sie schlief mit ihm wie eine betrunkene Nonne, und das gefiel ihm, aber die Unterhaltung danach war kein bisschen ziellos und entspannt.
»Wir arbeiten jetzt für Bobby Dye. Das wollte ich dir bloß gesagt haben.«
Sein Vorgänger hat ihm den nuklearen Code, das Übernahmeprotokoll und ein paar direkt vom Weißen Haus verwaltete Verteidigungsgeheimnisse übergeben, die nun allesamt auf dem Mahagonitisch liegen: Jetzt kann er gehen und in der Versenkung verschwinden. Mit einer spöttischen Miene, die George W. Bush augenblicklich als deplaziert empfindet, klappt der ehemalige Bewohner des Weißen Hauses seine lederne Aktenmappe zu. Bill Clinton lässt ein letztes Mal seinen Blick durch den Raum schweifen und wendet sich dann zur Tür. Er macht drei Schritte, dreht sich nochmals um, und während er seine Aktenmappe wieder öffnet, sagt er in bewusst neutralem Ton: »Ach ja, übrigens, wir haben Jesus geklont.«
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