Daniel Depp: Stadt der Verlierer

Stadt der Verlierer»Wir arbeiten jetzt für Bobby Dye. Das wollte ich dir bloß gesagt haben.«

»Super. Und was genau machen wir für ihn?«

»Er wird erpresst.«

»Ich dachte, sein Leben wird bedroht.«

»Das war gestern«, sagte Spandau. »Heute wird er erpresst. So schnell kann’s gehen im Showbusiness.«

Das erste Kapitel des Buches macht keinen besonderen Eindruck. Zwei kleine Gauner sollen eine minderjährige Drogentote aus einer Hollywood-Villa entsorgen, poltern tollpatschig und labernd durch die Szene. Von Dialogen erwartet man, dass sie geschliffen, witzig oder zumindest interessant sind. An dieser Stelle sucht man vergebens. Streitereien zwischen zwei grenzdebilen Kleingangstern in epischer Breite darzustellen, mag zwar seit Tarantino als hip gelten oder ein Versuch von Authenzität sein, aber hier wirkt es nur ermüdend.

Dieser erste Eindruck wird im zweiten Kapitel sofort weggewischt: Auftritt David Spandau, ehemaliger Stuntman, Gelegenheits-Rodeoreiter und Privatdetektiv mit Fachgebiet Hollywood, in Armanianzug und Cowboystiefel. Eine prägnante Figur, die zwar das Genre nicht neu erfindet, aber einen soliden guten Eindruck macht. Mit einer guten Hauptfigur steht man bereitwillig einiges durch, sogar einer mittelmäßigen Story.

Seien wir ehrlich, keiner mag »Big Lebowski« so sehr wegen seiner Krimihandlung. Die ist auch hier schnell erzählt: Berühmter Hollywoodstar wird wegen des toten Mädchens vom Anfang erpresst, in dem grottigen Filmdebüt eines Nachtclubbesitzers mitzuspielen. Spandau soll es richten.

Er ruft seinen Freund Terry McGuinn zur Hilfe, einen kleinen, trinkfesten Iren mit Kampfsporterfahrung. Zunächst muss man ihn für den klassischen Sidekick halten, doch schnell zeigt sich, dass er weit mehr ist, als der Handlanger und Stichwortgeber des Helden. Am Ende wird er sogar zur tragischen Figur des Romans.

In der zweiten Hälfte tritt Spandau immer mehr in den Hintergrund und überlässt verschiedenen Nebenfiguren die Bühne, unter anderen einem Nachtclubbesitzer mit Mafiaverbindungen, seinen beiden Schlägern und der begehrten Geschäftsführerin des Clubs. Depp zeigt sehr viel Sympathie für seine Figuren und scheint sogar einigen üblen Figuren ein Happy End zu gönnen. Doch er ist ein gewitzter Autor und lässt seine kleinen Loser nur deshalb ihr Kinn heben, um es in eine bessere Position für den endgültigen Niederschlag zu bringen. Das ist mal mehr, mal weniger überraschend, aber immer packend und oftmals ergreifend.

Das Buch erinnert sehr an die Romane von Elmore Leonard, nur etwas gefälliger in der Handlungsführung. Hollywood eben. Dass dort jeder jeden betrügt und die Stadt L.A. ein Haifischbecken ist, sind nicht unbedingt neue oder überraschende Erkenntnisse. Man muss auch kein Insider sein, um sich das Schicksal alternder Schauspieler vorzustellen, die keine Rollenangebote mehr bekommen und in der Versenkung verschwinden. Was mir jedoch sehr gefallen hat, sind die positiven Aspekte, die der Autor seiner Stadt abgewinnt.

Spandau war nie klargewesen, warum er hier wohnen blieb und was ihn immer wieder nach L.A. zurückkehren ließ, bis er eines Nachts in Nevada mit einem betrunkenen Cowboy ins Gespräch gekommen war, der sich in eine abgetakelte Nutte verliebt hatte. Schon wahr, sagte der Cowboy, sie sei alt, geldgeil und komplett verlottert. Aber wenn sie schlief, hatte sie manchmal das Gesicht eines jungen Mädchens, und in dieses junge Mädchen verliebte sich der Cowboy immer wieder neu. Außerdem fügte er noch hinzu, habe sie, wenn sie in der richtigen Stimmung sei, Tricks auf Lager, mit denen sie einen Mann unendlich glücklich machen könne.

Daniel Depp ist der Halbbruder des Schauspielers Johnny Depp und war für das Drehbuch zu dessen Regiedebüt »The Brave« in Cannes für die Goldene Palme nominiert. Sein Romandebüt »Stadt der Verlierer« ist eine angenehme und sehr unterhaltsame Lektüre mit einem Helden, der tatsächlich Profil besitzt und nicht nur aus einer Ansammlung von Eigenschaften besteht. Laut Klappentext schreibt der Autor bereits an einem zweiten Spandau-Krimi. Ich werde ihn lesen.

Daniel Depp: Stadt der Verlierer | Deutsch von Regina Rawlinson
C. Bertelsmann 2009 | 318 Seiten | amazon-info

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Das Evangelium nach JimmySein Vorgänger hat ihm den nuklearen Code, das Übernahmeprotokoll und ein paar direkt vom Weißen Haus verwaltete Verteidigungsgeheimnisse übergeben, die nun allesamt auf dem Mahagonitisch liegen: Jetzt kann er gehen und in der Versenkung verschwinden. Mit einer spöttischen Miene, die George W. Bush augenblicklich als deplaziert empfindet, klappt der ehemalige Bewohner des Weißen Hauses seine lederne Aktenmappe zu. Bill Clinton lässt ein letztes Mal seinen Blick durch den Raum schweifen und wendet sich dann zur Tür. Er macht drei Schritte, dreht sich nochmals um, und während er seine Aktenmappe wieder öffnet, sagt er in bewusst neutralem Ton: »Ach ja, übrigens, wir haben Jesus geklont.«

Einige Jahre in der Zukunft: Der republikanische Präsident will seinen homosexuellen Partner mit dem Segen der Kirche heiraten, obwohl dieser bereits einmal geschieden wurde. Was wäre eine passendere Bestechung, um sich das Wohlwollen des Vatikans zu sichern, als ein neuer Messias. Der 32jährige Jimmy Wood ist Poolreiniger und ahnt nichts von seiner Herkunft. Drei Abgesandte aus dem Weißen Haus eröffnen ihm, dass er aus dem Blut auf dem Turiner Grabtuch geklont wurde. Jimmy ist allerdings mehr mit seinen Beziehungsproblemen beschäftigt und leider kein bisschen religiös. Die Marketingabteilung legt sofort los, um sein Leben und sein Handeln mediengerecht aufzubereiten.

»Für mich fällt das in die gleiche Kategorie wie das von Johnson befohlene Attentat auf Kennedy, das außerirdische Implantat im Gehirn von Gerald Ford, der Drehbuchautor von Ronald Reagan, der den Kalten Krieg dirigierte, das Kommando übersinnlich begabter Menschen, die die koreanischen Raketen zerstörten, das Vogelgrippevirus, das von der CIA nach China gebracht wurde, oder die Sado-Maso-Partys im Weißen Haus.«

»Doch Doktor Sandersen ist leider Gottes eine unumstrittene Autorität auf seinem Gebiet, und wenn er behauptet, er habe Beweise für die Herkunft, die Existenz und den guten Gesundheitszustand eines über dreißigjährigen Klons, der aus zweitausend Jahre altem Blut gezeugt wurde, dann sollten wir der Sache vielleicht mal nachgehen…«

Das Ringen um Jimmy beginnt als gutgelaunten Farce und eine Satire, nicht nur auf die amerikanische Gesellschaft. Da geht es um die Patent- und Lizenzrechte an der Klonmethode, deren Erfinder droht, den Jesus-Klon notfalls an eine Sekte zu verkaufen, den Verfielfältigungsrechten an allem, was Jimmy öffentlicht sagt, sowie die prozentuale Beteiligung an der finanziellen Nutzung eventueller Wunder. Jimmy reist nach Lourdes, trifft den Papst und tritt in den Sendungen amerikanischer Fernsehevangelisten auf. Und dann beginnt Jimmy seine ersten Wunder zu vollbringen.

Das Buch ist keine grelle Gagparade, die nur auf Lacher spekuliert. Obwohl das Medienspektakel und die Expertenmannschaft um Jimmy, unter anderem ein Drehbuchautor, sehr an den Film »Wag the dog« erinnern. Der Ton wird im Verlauf des Buches immer ernster und bitterer, wenn der Autor beginnt, den existenziellen Fragen nachzugehen und die Folgen eines geklonten Jesus unbarmherzig weiterspinnt, mit allen moralischen, ethischen und religiösen Konsequenzen. Dieses Schwanken zwischen Drama und Komödie hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Beide Anteile sind interessant und höchst lesenswert, nur die Mischung will nicht so recht gelingen. Gerade im Mittelteil führt dies zu einigen Längen und zähen Passagen. Trotzdem ein sehr empfehlenswertes Buch. Der Verdienst Didier van Cauwelaerts besteht vor allem darin, dass man jederzeit denkt, wenn es tatsächlich passiert, könnte es genau so ablaufen.

Didier van Cauwelaert: Das Evangelium nach Jimmy | Deutsch von Olaf Matthias Roth
Aufbau Taschenbuch 2008 | 408 Seiten | amazon-info

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Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott

Der Brenner und der liebe GottAber dann hat er die Tabletten nicht genommen, weil nicht nur Arzt- sondern auch Tablettenmuffel. Und erst wie die Freundin dann endgültig weg war, und wie dann der Kühlschrank eines Tages vollkommen leer war, und auch die anderen Schubladen, also Dosen und so weiter, Nudeln, Reis, alles leer, also wie dann nur mehr die Tabletten da waren, da hat er die Tabletten gegessen. Und seither wie ausgewechselt! Mehr das Positive!

Wenn ein Autor seiner Serie überdrüssig ist, lässt er nicht selten seinen Helden sterben, um damit einen Schlussstrich zu setzen. So erging es wohl auch Wolf Haas. Aber interessant, denn er ließ im Vorgängerband »Das ewige Leben« nicht seine Hauptfigur Brenner sterben, sondern den namenlosen Erzähler, der die Geschehnisse recht eigenwillig aus dem Off kommentierte. Nun sind sie beide wieder da. Jetzt wie macht der das? Pass auf. Der Haas rechtfertigt alles lapidar durch den ersten Satz des Romans: Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen.

Der Brenner hat jetzt einen Job als Chauffeur für die zweijährige Tochter eines Baulöwen und einer Abtreibungsärztin. Bei einem vermeidbaren Zwischenhalt an einer Tankstelle verschwindet das Kind spurlos. Der Hauch von Story, der bei Filmen wie »Man on fire« oder »Transporter 2« als Ausgangslage für ein wildes Actionfeuerwerk diente, führt bei Haas zu einem eher gemächlichen Glimmen:

»Und das Auto war zugesperrt?«, hat der Peinhaupt seelenruhig gesagt und ihn blöd angeschaut, so wie man als Mann eine Frau anschaut, zu der man zum dritten Mal sagt: Und du bist dir ganz sicher, dass wir lieber zu mir als zu dir gehen sollen, obwohl sie schon zweimal gesagt hat, lass mich in Ruhe du Arsch.

Der Herr Simon war sich ehrlich gesagt nicht sicher, ob das Auto, bevor er es tausendmal auf- und zugesperrt hat, ganz am Anfang zu war. Aber Auto offen oder zu, das macht für einen Kriminellen ungefähr so einen Unterschied wie für eine Pistolenkugel die Frage, welchen Schutzfaktor die Sonnencreme hat, an der sie auf dem Weg in deine Stirn vorbeikommt.

Hauptverdächtige sind die Abtreibungsgegner, die vor der Klinik der Mutter demonstrieren. Doch deren Anführer Knoll beauftragt Brenner seinerseits mit der Suche nach einem zwölfjährigen Mädchen. Und schon bald stolpert er über die ersten Leichen.

Die Brenner-Romane von Wolf Haas sind ein eigenwilliges Erlebnis, garantiert nicht jedermanns Geschmack und auf ihre Art einzigartig. Die Handlung wird gnadenlos dem Stil untergeordnet, so auch im vorliegenden Band: »Der Brenner und der liebe Gott« strotzt vor hanebüchenen Wendungen und absurden Verwicklungen, wer einen klassischen Krimi erwartet, ist hier falsch. Das Geschehen widerspricht allen Gesetzen der Logik und wird häufig vom Zufall diktiert, doch es schert einen keine Sekunde, zu köstlich ist doch die Weltsicht des Erzählers und die stoische Geduld des Brenners.

Wenn Letzterer auf dem Boden einer Senkgrube den lieben Gott trifft, wird die Krimihandlung vollends zur Nebensächlichkeit. Trotzdem klagt der Erzähler persönlich, wenn er das Gefühl hat, dass der Brenner von den offiziellen Stellen zu wenig Anerkennung für seine Arbeit erhalten hat: Ich muss sagen, großartig, wie der Brenner die Suche nach dem Jugomädchen eingeleitet hat. Nach der Sunny. Da ist er zu einer detektivischen Hochform aufgelaufen, wo man nur sagen kann, Hut ab.

Drei Brenner-Romane wurden bereits erfolgreich mit dem herausragenden Josef Hader verfilmt: »Komm, süßer Tod«, »Silentium« und »Der Knochenmann«. An dieser Stelle sei auch die CD »Brenner live« gleich mit empfohlen.

Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott | Deutsch
Hoffmann und Campe 2009 | 224 Seiten | amazon-info

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Ich werde hier sein ...Es reihte sich Sieg an Sieg für die Schweizer Truppen. Im Süden und in Mozambique standen sie im Grabenkrieg den Buren gegenüber, im Norden reichte ihr Einfluss bis an die Grenze zum äthiopischen Kaiserreich. Und dort, wo kein Krieg herrschte, bauten sie Schulen, Universitäten und Krankenhäuser. Strassen wurden Tausende von Werst durch Ostafrika gezogen und Eisenbahnstrecken verlegt, es kamen Arbeiter und Ingenieure, Wissenschaftler und Soldaten, immer mehr Soldaten. Ihr Kommen war wie eine Plage für einige, wie ein Segen für andere.

Die Schweiz hat durch ein Söldnerheer expandiert, eroberte und besiedelte Ostafrika. Alle modernen Errungenschaften wurden dort eingeführt und man gründete Militärakademien, um den Nachwuchs für den Krieg gegen Deutschland und England auszubilden. Der Ich-Erzähler war einer dieser afrikanischen Soldaten, inzwischen ist er Parteikommissär der Stadt Neu-Bern in der Schweizerischen Sowjetrepublik SSR und jagt den abtrünnigen Oberst Bazhinsky bis zu der tief in den Alpen gelegene Bergfestung Réduits.

»Wir halten hier die Stellung, ein paar Mwanas und ich. Wenn sie nicht betrunken sind, machen sie sich aus Angst vor den Deutschen in die Hose. Und du, du hast dich auch angepisst?« Er wies mit der Rasierklinge auf das gefrorene Urin vorne an meinen Hosenbeinen.

»Ja. Ich hatte Angst, auf einer Mine zu sterben.«

»Ich habe keine Angst mehr. Ich habe verlernt zu lesen, wie ich es früher konnte. Der Krieg macht uns zu Geisteskrüppeln. Weißt du, dass ich niemals den Frieden erlebt habe, nicht einmal als Säugling? Sechsundsiebzig Jahre diesen Sommer. Es kommt nichts mehr nach uns. Oder aber es geht immer so weiter.«

»Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« ist eine Alternativweltgeschichte, in der deutsche Selbstmordattentäter mit Gasgranaten herumrennen, Lenin in der Schweiz an Leukämie starb, nachdem ihm die Revolution gelungen war, die Schriftsprache ebenso verpönt ist wie die Religion und alle Bibeln verbrannt wurden. Jeder durchschnittliche SF-Autor hätte daraus einen siebenbändigen Zyklus gezimmert. Kracht dagegen schreibt in einem knappem Stil, ohne große Ausschmückungen, aber umso treffender in der Wortwahl. Seine Sätze sind so präzise auf dem Punkt, dass sie kein überflüssiges Wort benötigen. Es ist immer wieder faszinierend, wie das Buch die Fantasie des Lesers fordert, indem es ihm nur die Eckpunkte vorgibt. Vieles muss man zwischen den Zeilen lesen und einiges wird schlicht der Fantasie überlassen. Gerade weil man nicht jeden Schauplatz bis ins letzte Detail beschrieben bekommt und der geschichtliche Überbau nur sehr sporadisch skizziert wird, wirkt alles noch viel intensiver.

Herausgekommen ist bei Kracht eine reinrassige Abenteuergeschichte von Verfolgung, Mord und Untergang. Mitreißend und absolut fesselnd. So erinnert der Roman sehr an Cormac McCarthys »Die Straße«. Sowohl in seinem knappen, harten Stil als auch in der desillusionierenden Schilderung einer verlorenen Zukunft.

Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten | Deutsch
Kiepenheuer & Witsch 2008 | 192 Seiten | amazon-info

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Scarlett Thomas: PopCo

PopCoDie Cäsar-Verschiebung ist die simpelste aller Verschiebechiffren und beruht auf zwei identischen Alphabeten, von denen eines schlicht in die eine oder andere Richtung verschoben wird. (…) Bei einem System mit einer Verschiebung von -1 wüsste man rasch, dass ein C im chiffrierten Text eigentlich ein D ist und immer so weiter. Nach Ansicht der Science-Fiction-Fans ist das berühmteste zeitgenössische Beispiel einer solchen Verschiebung der Name des Computers HAL aus 2001: Odyssee im Weltraum: Man setzt eine Verschiebung von -1 voraus, liest sich HAL nämlich als IBM.

Alice ist eine leicht exzentrische Entwicklerin bei einem riesigen und geheimnisvollen Spielzeugkonzern. Zuvor hatte sie die Kreuzworträtsel für eine große Sonntagszeitung entwickelt, jetzt entwirft sie Geheimagenten-Spielzeug für Kinder, ähnlich den Gimmicks aus den Yps-Heften, nur qualitativ hochwertiger. Zusammen mit einigen Kollegen nimmt sie an einem Workshop in einer abgelegenen Gegend teil. Ihr Kumpel Dan und sie wollen das Treffen möglichst schnell hinter sich bringen, doch der Aufenthalt zieht sich in die Länge. Ihre Aufgabe ist es, eine Zielgruppe zu erreichen, die bisher weder mit Computerspielen, Sammelkarten oder anderen PopCo-Produkten zu ködern war: weibliche Teenager. Gerade weil sie statistisch gesehen über mehr Geld verfügen als ihre männlichen Altersgenossen – ein unhaltbarer Zustand.

Alice wird ein geheimnisvoller Code zugespielt, den sie anfangs für einen Streich ihrer Kollegen hält, dann für eine Nachricht ihres verschwunden Vaters. Der war ein berühmter Kryptologe und verschwand, als Alice neun Jahre alt war. Sie lebte danach bei ihren Großeltern, einer angesehenen Mathematikerin und einem genialen Querdenker, der kniffelige Rätselaufgaben entwickelt und seit 35 Jahren an einem bahnbrechenden Buch schreibt. Seit ihrer Kindheit versucht sie den Code auf einem Medaillon zu entschlüsseln, das ihr Vater ihr hinterlassen hat und hinter dem sie den Grund für sein Verschwinden vermutet.

Das ganze Buch dreht sich um Spiele und Rätsel, alles wird in die Handlung verwoben. Spielkonzepte und Hintergrundgeschichten werden entwickelt und diskutiert, man erhält einen Crashkurs über gängige Verschlüsselungsmethoden, kann sich an ein paar Knobelaufgaben die Zähne ausbeißen, bevor im nächsten Kapitel die Lösung verraten wird, und erfährt die historischen Ereignisse, die hinter einen verlorenen Schatz stecken. Darüber hinaus darf sich der Leser über die gruppendynamischen Übungen amüsieren, mit denen man versucht das Kennenlernen der Workshop-Teilnehmer zu fördern und ihr Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Doch das ist gar nichts, verglichen mit den Kapriolen, die das Management schlägt, um die Kreativität seiner Mitarbeiter anzuregen.

In einer Rezension wurde PopCo als »Thomas Pynchon für Mädchen« bezeichnet, das ist nicht völlig von der Hand zu weisen, in Inhalt und Stil ist der Roman allerdings dichter an den letzten Büchern von William Gibson. Sehr unterhaltsam, sehr informativ, aber wenig spannend. Die Geschichte, die der Klappentext verspricht, kommt nur sehr langsam in Gang und hat leider einige unnötige Längen, was vor allem an den oben aufgezählten Einschüben und Abschweifungen liegt. Was dagegen gefällt, sind der charmante Plauderton der Erzählerin und die interessanten Einblicke in moderne Gesellschaftstrends, Marketingstrategien und Unternehmensphilosophien.

Scarlett Thomas: PopCo | Deutsch von Tanja Handels
Rowohlt 2010 | 702 Seiten | amazon-info



Thor Kunkel: Kuhls Kosmos

Kuhls KosmosDie erste Zeit nach seinem Rausschmiss aus der Berufsschule fühlte sich Kuhl wie ein glücklich entlaufener Sklave. Die Freiheit kam ihm fast unheimlich vor. Er stand um die Mittagszeit auf, frühstückte am Bahnhofs-Stehimbiss in Gegenwart junger, übernächtigter Nutten und schlenderte dann von Kino zu Kino, gelegentlich auch wieder zurück. Manche Filme musste man zweimal sehen, um zu begreifen, wie low das Leben einem mitspielen konnte, »Li Feng – Die einarmige Schwertkämpferin« zum Beispiel. Es wurmte ihn, dass es Frauen wie Ching Ching Chang nicht in Wirklichkeit gab.

Der Roman beginnt mit einer Beerdigung und erzählt die Geschichte in Rückblenden, die hauptsächlich in den Jahren 1979 und 1980 spielt. Anton »Kuhl« Kuhlmann ist im Frankfurter Gallusviertel aufgewachsen. Drogendealer, Waffenhändler, Einbrecher und schließlich Raubmörder. Eine beeindruckende kriminelle Karriere für einen gerade mal Neunzehnjährigen. Mit grimmigem Humor wird hier der Ausbruch aus der Kleinbürgerlichkeit geschildert. Kuhl flieht vor der Polizei nach Nassau, legt sich ein teures Auto und eine Luxusvilla zu und residiert in teuren Golfclubs. Auf den Bahamas auf dicke Hose machen, dieser Wunschtraum wirkt schon fast wieder spießig. Und natürlich ist das Geld schnell aufgebraucht.

»Kuhls Kosmos« ist eine typische Verlierergeschichte mit absehbarem Ausgang und doch ohne die bekannten Klischees. Spannende und amüsante Episoden schildern Kuhls Werdegang. Wilde Schelmenstücke mit Rentnern, mörderische Nachtwächter, scheinbar schlaue Coups und Waffengeschäfte mit amerikanischen GI. Amüsante Diskussionen auf dem Arbeitsamt, die eines Felix Krull würdig wären, und Filmpläne mit einem alten Pornoproduzenten, der einer Vorliebe für sehr junge Mädchen mit leuchtenden Hautunreinheiten fröhnt.

Die Belegschaft aus Thor Kunkels hochgelobten Erstling »Das Schwarzlicht-Terrarium« tritt hier wieder auf. Liebgewonnene Loser aus fast vergessener Zeit, als Disco, Schlaghosen und John Travolta noch das Nonplusultra waren. Aber der Ton ist härter und bitterer geworden. Keine aufgesetzte Coolness, sondern berührend brutal. Die Sprüche wirken allerdings manchmal etwas albern, wie wenn man heute Udo Lindenberg zuhört, doch geben sie einen guten Eindruck von Hippness anno 1979.

Nach dem Skandal wegen Kunkels Roman »Endstufe« war es lange still um den Autor. Jetzt ist er mit einem neuen Buch zurückgekehrt, das bei Pulp Master erschienen ist. Der Name des Verlages ist Programm. Aber hier wird nicht einfach ein amerikanisches Genre in deutsche Kulissen verlegt, sondern eine überzeugende Geschichte erzählt, die gleichzeitig ein deutsches Gesellschaftsbild vom Ende der Siebziger ist. Es müssen eben nicht immer die Amerikaner sein, wenn man einen echten Hardboiled-Krimi lesen will. Eine lohnende Lektüre, der man unbedingt Kunkels »Schwarzlicht-Terrarium« folgen lassen sollte.

Thor Kunkel: Kuhls Kosmos | Deutsch
Pulp Master 2008 | 333 Seiten | amazon-info

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Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro

Der Tod des Bunny Munro»Ich bin verdammt«, denkt Bunny Munro in jenem plötzlichen klaren Moment, der denen vorbehalten ist, die bald sterben werden. Er merkt, dass er irgendwann irgendwo einen schlimmen Fehler gemacht haben muss, aber diese Erkenntnis verklingt so schnell, wie sie gekommen ist. Jetzt steht er da, in einem Zimmer des Grenville Hotels und in Unterhose, allein mit sich und seinen Trieben.

Bunny Munro umgarnt einsame Hausfrauen mit Komplimenten und Kosmetikproben. Als Handelsvertreter ist er immer unterwegs und hat Frau und Sohn jahrelang vernachlässigt. Die Frau des notorischen Schürzenjägers erliegt ihren Depressionen und nimmt sich das Leben. Bunny hat plötzlich ein Kind am Hals, mit dem er nichts anfangen kann und das ihm bei seinen amourösen Abenteuern im Weg ist. Deshalb muss der neunjährige Bunny Junior meist im Auto oder im Hotelzimmer warten. Zum Zeitvertreib liest er sich durch eine Enzyklopädie und gibt sein Wissen in passenden wie unpassenden Momenten preis.

Bunny Munro ist kein sympathischer Mensch, sondern ein triebgesteuerter Egoist. Er sieht auf eine schmierige Art gut aus und kommt bei einem bestimmten Typ Frau gut an. Seine beste Zeit ist aber vorbei, bald wird er weniger Sex haben und nicht mehr wählerisch sein können, obwohl man ihm letzteres schon jetzt nicht vorwerfen kann. Er sinniert in einsamen Stunden viel über die anatomische Beschaffenheit von Kylie Minogue und Avril Lavigne (bei denen sich der Autor in den Danksagungen dafür entschuldigt). Bunny gehört zu einer aussterbenden Rasse. Es fällt schwer, dies als Verlust zu empfinden.

Irgendwann erlahmt das Leserinteresse an der Dauergeilheit des Protagonisten. Aber gerade deshalb funktioniert der Roman so gut. Eine Hauptfigur, bei der man ständig zwischen Mitleid und Verachtung schwankt, unterwegs in einem düsteren England aus Sozialbauten, Trinkern, einsamen Hausfrauen, verkrachten Existenzen und Jugendlichen ohne Zukunft. Die Sprache ist derb, ebenso das Verhalten der Personen. Manche Episoden unglaublich komisch, andere bedrückend oder schlicht deprimierend und bei den meisten möchte man einfach wegsehen bzw. weghören. Man fragt sich während der Lektüre des öfteren, warum soll ich mir eine so trostlose Geschichte antun? Die Antwort ist erschreckend simpel: Weil man nicht aufhören kann.

Der Musiker Nick Cave hat nach »Die Eselin sah den Engel« (1989) nun seinen zweiten Roman vorgelegt. Gelesen wird das Hörbuch von Blixa Bargeld, einem früheren Mitglied der »Einstürzenden Neubauten« und Gitarrist von Caves Band »The Bad Seeds«. Eine gute Wahl.

Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro | Hörbuch | Gelesen von Blixa Bargeld
Der Hörverlag 2009 | 6 CDs | amazon-info

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Mark Costello: Paranoia

ParanoiaMit der Zeit entdeckte er Löcher, die die Planer nicht stopfen konnten. Die Chefs gerieten in Panik und stellten ihn kalt. Notizen, Tabellen und Diagramme – alles verbrannten sie auf der Erde vor dem Bunker. Weil sie ein wenig zu viel flüssigen Kohleanzünder verwendeten, griff das Feuer auf einige Maispflanzen über, die brannten, wie aufrecht stehende Fackeln. Sie löschten seine Disketten und die Festplatten auf seinem PC, doch Felker wollte behilflich sein und verriet ihnen, man könne eine Festplatte nicht löschen, man müsse sie sozusagen überschreiben. Als er erläuterte, was er mit »Überschreiben« meinte, verloren die Trottel die Geduld. Sie brachten seinen PC auf den Übungsparkplatz und schlugen so lange auf das Ding ein, bis es völlig zerstückelt war, dann schlugen sie auf die Stücke ein, bis sie nur noch Brocken waren, dann hopsten sie auf den Brocken herum, so dass sie aussahen wie Sizilianer bei der Weinherstellung. Felker hielt ihre Jacketts, sah ungerührt zu, und aß einen gerösteten Maiskolben, den er aus dem Dreck gerettet hatte.

Ich las das Buch vor Jahren zum ersten Mal bei seinem Erscheinen und es gefiel mir trotz vieler guter Passagen nicht so richtig, weil ich es der Werbung folgend als Thriller las und dementsprechend enttäuscht war. »Paranoia« ist ein Sittengemälde der US-Gesellschaft und die Tatsache, dass viele der Figuren zum Secret Service gehören und den Vize-Präsidenten schützen müssen, macht noch keinen Thriller. Das Buch lässt sich treffender als eine Mischung aus Robert Altmans »Short Cuts« und »In the line of fire« mit Clint Eastwood beschreiben.

Es handelt von Vi Asplund, einer jungen Agentin des Secret Service, und ihrem Bruder Jens, einem Computergenie, das an einem Internetrollenspiel namens »BigIf« mitarbeitet. Nach der Lektüre des Klappentextes könnte man annehmen, dass es sich bei Vi um die Hauptfigur handelt, aber sie ist nur Mitglied eines großen Ensembles, das aus ihren Arbeitskollegen und ihrer Familie besteht. In jedem Kapitel nimmt sich das Buch eines anderen Charakters an. So wird zwar ein breites Gesellschaftsspektrum abgedeckt, doch gelegentlich vermisst man eine durchgängige Identifikationsfigur oder würde gerne von grandiosen Figuren wie Lloyd Felker mehr erfahren.

Das Privatleben der Agenten wird dem aufreibenden Berufsleben gegenübergestellt. Die ständige Anspannung, die sich nie richtig löst, die Frustration, all das wird auf beklemmende Weise gezeigt. Manche trösten sich mit Affären, andere mit ausgefallenen Hobbys. Amouröse Abenteuer untereinander bzw. mit den Ehepartnern der Kollegen wirken sich als zusätzliche Belastungen aus. Der Humor, der immer wieder fast unauffällig auftaucht, ist einfach köstlich, und die todernste und sachliche Szenerie macht ihn nur umso komischer. Zum Beispiel die Szene, in der eine verzweifelte Immobilienmaklerin ihre wählerische Klientin unter Hypnose setzt, damit diese in Trance ihr Traumhaus beschreibt:

»Betreten Sie jetzt Ihr Haus. Sagen Sie mir, was Sie sehen.«

»Ein Musikzimmer im ersten Stock, einen verglasten Wintergarten. Etwas Geschwungenes, Schmiedeeisernes, einen Käfig für einen Singvogel. Ich sehe Jerzy mit unserer Tochter in der Auffahrt. Wir sind zwanzig Jahre in der Zukunft. Sie umarmen einander. Der Wagen ist beladen. Unsere Tochter ist wunderschön und hat goldenes Haar, und Jerzy ist so zufrieden. Sie fährt zum Studium, nach Yale. Nein, Moment … Sie studiert in Wheaton. In Yale hat man sie nicht genommen, und in Wellesley steht sie auf der Warteliste.«

»Tief durchatmen, Laura. Gut. Erzählen Sie mir nur, was Sie sehen.«

»Jerzy umarmt sie zum Abschied, und … Moment mal, das ist ja gar nicht unsere Tochter. Warum küsst er sie?«

»Das Haus, Lauren, befassen Sie sich wieder mit dem Haus.«

Auf dem Umschlag kann man Lobeshymnen von David Foster Wallace und Jonathan Franzen lesen. Beides gute Freunde des Autors, aber trotzdem handelt es sich nicht um Gefälligkeiten. Costello hat mit den beiden viel gemein: Sein Blick für die Details, das genaue Hinsehen bei zwischenmenschlichen Beziehungen, die intelligente Analyse gesellschaftlicher Zustände und nicht zuletzt deren satirische Überhöhung.

Mark Costello: Paranoia | Deutsch von Hans M. Herzog
Goldmann 2004 | 350 Seiten | amazon-info



Daniel Kehlmann: Ruhm

RuhmNoch bevor Ebling zu Hause war, läutete sein Mobiltelefon. Jahrelang hatte er sich geweigert, eines zu kaufen, denn er war Techniker und vertraute der Sache nicht. Wieso fand niemand etwas dabei, sich eine Quelle aggressiver Strahlung an den Kopf zu halten? Aber Ebling hatte eine Frau, zwei Kinder und eine Handvoll Arbeitskollegen, und ständig hatte sich jemand über seine Unerreichbarkeit beschwert. So hatte er endlich nachgegeben, ein Gerät erworben und gleich vom Verkäufer aktivieren lassen. Wider Willen war er beeindruckt: Schlechthin perfekt war es, wohlgeformt, glatt und elegant. Und jetzt, unversehens, läutete es.

Man kann sich leicht vorstellen, unter welchem Erwartungsdruck dieses Buch entstanden ist, nachdem vom Vorgängerroman allein im deutschsprachigen Raum über 1,5 Millionen Exemplare verkauft wurden. Das Buch muss sich an seinem Vorgänger messen lassen und hält diesem Vergleich stand. »Ruhm« ist zwar völlig anders als »Die Vermessung der Welt«, weil es nicht dessen Leichtigkeit und Geschlossenheit besitzt, aber es übt eine ähnlich große Faszination auf den Leser aus. Besonders in der Hörbuchfassung.

»Ruhm« besteht aus neun Kurzgeschichten, die auf unnahahmliche Weise ineinander verzahnt sind: Rosalie, die in eine Sterbeklinik in die Schweiz reist und dort in Zwiesprache mit ihrem Schöpfer tritt. Gemeint ist damit der Autor der Geschichte. Sie beginnt ihn nach den Gründen für ihr Leid zu fragen und um ihr Schicksal zu feilschen. Eine völlig überraschende Wendung und ein zu Herzen gehendes Ende. Eine Autorin, die den Platz eines Kollegen auf einer Lesetour einnimmt, unterwegs vergessen, und die völlig mittellos und auf sich allein gestellt in einem fremden Land zurückbleibt. Ein passionierter Blogger, ein Nerd aus dem Bilderbuch, fett, überheblich und wohnt bei der Mutter. Er hat eine eigene Sprache aus Abkürzungen, Fremd-, Slang- und Fachwörtern und nach der ersten Minute des Hörens wollte ich sie weiterklicken, weil ich ahnte, dass das Zuhören anstrengend werden würde. Ich habe es nicht getan und bin sehr froh darüber, denn die Geschichte ist unglaublich fesselnd, die tragische Wucht dieses egomanischen Kolosses schlägt einen dermaßen in den Bann, dass man ständig zwischen Fremdschämen, Mitleid und Verachtung wechselt.

Man bedauert es, wenn eine Geschichte endet und man einer anderen Figur folgen muss, doch schon nach kurzer Zeit hat einen die nächste Geschichte bereits wieder genauso gefesselt. Die Geschichten sind virtuos miteinander verbunden, Ereignisse in einer Geschichte haben Auswirkungen auf andere Geschichten. Spätestens nach der zweiten Geschichte beginnt man, auf jedes noch so scheinbar belanglose Detail zu achten und sich zu überlegen, wie es später wieder aufgegriffen werden könnte. Das macht einen ungeheuren Spaß. Genauso wie das das Erkennen von Zusammenhängen und die Anspielungen auf vorherige Szenen.

Die Geschichten sind auch einzeln zu genießen, doch erst im Zusammenspiel entfalten sie ihren ganzen Reiz. Einen nicht geringen Anteil hat auch die ausgezeichnete Arbeit von Nina Hoss und Ulrich Matthes, die jeder Geschichte ihren eigenen Klang geben: Hätte man mich nach dem Hören gefragt, wie viele Sprecher dieses Hörbuch hat, dann hätte ich auf neun getippt.

Daniel Kehlmann: Ruhm | Hörbuch | Gelesen von Nina Hoss und Ulrich Matthes
Universal Music 2009 | 4 CDs | amazon-info

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Norbert Zähringer: Einer von vielen

Einer von vielenDass beide – Frimm und Heinze – am selben Tag geboren wurden, hätte Tippi Lancaster, die gelegentlich behauptete, in die Zukunft blicken zu können, wohl in der Annahme bestärkt, dass auch der Große Geist manchmal einen schlechten Tag oder zumindest merkwürdige Ideen habe. Tatsächlich werden jeden Tag, in jeder Stunde mehrere Menschen gleichzeitig geboren. Es sterben auch einige. An jenem 1. September 1923 war das nicht anders. Nur starben da besonders viele. Gleichzeitig.

Zwei Männer werden am selben Tag geboren, einer in Amerika, der andere in Deutschland. Die Handlung springt fortan hin und her über den Atlantik. Folgt mal Frimm, nach dessen Geburt in der Mojawe-Wüste nach Hollywood, mal Siggi, dessen Vater als glühender Anhänger der Nazis von einem geheimnisvollen Serienmörder ermordet wird. Ein Berliner Polizist bleibt dem Killer jahrzehntelang auf der Spur.

Ein Piratenfilm, der in einem Swimming-Pool in Hollywood gedreht wurde, taucht immer wieder auf. Frimm reinigt diesen Pool, Siggi sieht den Film im Kino. Während des Zweiten Weltkrieges wird Frimm mit dem Hauptdarsteller des Films, einem abgewrackten Stummfilmhelden, nach Deutschland reisen, um Spielszenen für die Wochenschauen zu drehen. Sie werden abgeschossen und müssen sich in den letzten Kriegstagen durch Berlin schlagen. Bei ihnen der Armenier Bebo, der an Bord eines Flüchtlingsschiff aus Deutschland entkam, in Los Angeles zufällig auf Frimm traf und mit ihm nach Berlin zurückkehrte. Spätestens bei der Ankunft in Berlin schlägt der Ton des Buches um und wird schärfer, wenn Zähringer in drastischen Szenen die Absurdität des Krieges beschreibt.

Zähringer spinnt ein feines Netz aus Haupt- und Nebenfiguren, die auf vielfältigste Art miteinander verbunden sind und durch eine schier unglaubliche Abfolge von Zufällen. Über Wahrscheinlichkeit sollte man besser nicht spekulieren und stattdessen die ironischen Wendungen genießen. Der Roman hat keine stringente Handlung und der Verlauf wirkt völlig willkürlich. Er ist unvorhersehbar und könnte sich jeder Zeit in jede Richtung entwickeln. Gerade dieser Umstand macht das Buch so unglaublich fesselnd und am Ende angelangt, hätte man diesen Geschichten und diesem Autor gerne noch länger zugehört.

»Einer von vielen« ist ein postmoderner Roman auf hohem sprachlichem Niveau und mit einer hochkonzentrierten Handlung, die einen ebensolchen Leser erfordert. Humorvoll, verspielt, abenteuerlich und fernab der gängigen Konventionen und Lesegewohnheiten. Zähringers erste Romane »So« und »Als ich schlief« haben mir schon sehr gut gefallen, aber sein drittes Buch ist sein bisheriges Meisterwerk. Eine perfekte Mischung aus Thomas Pynchon und dem frühen T.C. Boyle. Für mich schon jetzt einer der besten Romane des Jahres.

Norbert Zähringer: Einer von vielen | Deutsch
Rowohlt 2009 | 486 Seiten | amazon-info