My Life with Frank SinatraGeorge Jacobs war 13 Jahre lang Frank Sinatras Mädchen für alles. In diesen Jahren hat der junge Farbige die Großen dieser Welt aus nächster Nähe erleben dürfen. Nur eben aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Jacobs war überall dabei, reiste um die Welt, lernte Stars wie Marilyn Monroe, Dean Martin, Billie Holliday, Cole Porter, Judy Garland und Humphrey Bogart kennen – und natürlich auch deren dunkle Seiten. Die widersprüchlichste Person in diesem Buch ist jedoch Sinatra selbst. Die Stimmungen und Ansichten des Sängers konnten blitzartig umschlagen. Wer dann in seiner Schusslinie stand, musste mit allem rechnen. Jacobs dachte fälschlicherweise, dass seine bedingungslose Loyalität ihn schützen würde. Doch auch er sollte den Zorn von »Old Blue Eyes« zu spüren bekommen.

Besonders interessant ist die Schilderung des Kennedy-Clans. Joseph Kennedy, ehemaliger Schnapsschmuggler und Patriarch der Politikerdynastie, war laut Jacobs ein Kotzbrocken und Rassist reinsten Wassers, der Jacobs spüren ließ, dass er für ihn ein Mensch zweiter Klasse war. Sein Sohn John war hingegen aus anderem Holz geschnitzt. Der spätere Präsident bestand darauf, dass Sinatras Diener ihn Jack nannte und wollte von ihm wissen, was die schwarzen Wähler wollen. Als Jacobs wiederum fragte was denn Kennedy will, antwortete der nur grinsend: »I want to fuck every woman in Hollywood«. Als Wahlkampfhelfer wurde Sinatra von den Kennedy-Brüdern toleriert. Als sie jedoch im weißen Haus saßen, wurde der Entertainer sang- und klanglos fallengelassen. Auch hier war Jacobs immer dabei.

Natürlich verrät er auch saftige Details aus dem Liebesleben des Weltstars. So überraschte der junge Mann eines Tages die nackte Marlene Dietrich mit Greta Garbo knutschenderweise in Sinatras Pool. Für seinen Boss arrangierte er die Abtreibungen seiner zahlreichen Geliebten und war stets zur Stelle, wenn Sinatra einen Aufpasser für die aktuelle Frau an seiner Seite brauchte. Sinatra war damals einer der Götter des Showbusiness. Und manchmal war er ein zorniger Gott. Für jeden Wutausbruch gab es jedoch auch großzügige Gesten und Geschenke. »Mr. S« ist neben allem Klatsch eine Zeitreise in eine längst vergangene Welt, in die Schwarze normalerweise keinen Zutritt hatten.

Selbst in seinen Memoiren steht Jacobs noch hundertprozentig hinter seinem einstigen Brötchengeber. Der feuerte ihn, nachdem in der Zeitung Fotos erschienen, auf denen Jacobs und Sinatras damalige Frau Mia Farrow eng umschlungen in einem Nachtclub tanzten. Dabei spielte er an jenem Abend für die gelangweilte Kindfrau lediglich das Kindermädchen.

Unmittelbar nach dem Erscheinen der Fotos bekam Jacobs vom Anwalt des Entertainers seine Kündigung zugestellt, verbunden mit der Auflage, nie wieder Kontakt mit ihm aufzunehmen. Selbst bei der Beerdigung des Sängers durfte er nicht erscheinen. Diesen Bruch hat Jacobs bis heute nicht verkraftet. Noch immer trauert er seinen Jahren im Schatten eines großen Mannes nach. Wie viele seiner Landsleute ist auch er dem Charme Sinatras erlegen. Gerade das macht das Buch so anrührend.

George Jacobs, William Stadiem: Mr. S: My Life with Frank Sinatra | Englisch
It Books 2004 (Reprint) | 288 Seiten | amazon-info



Peter Bogdanovich: Who the Hell’s in it?

Who the Hell's in it?Vor mehr als zehn Jahren erschien Peter Bogdanovichs hochgelobter Interviewband »Wer hat denn den gedreht?«, der Gespräche mit Regisseuren wie Josef von Sternberg, Alfred Hitchcock, Howard Hawks und Fritz Lang enthielt. Der Nachfolgeband »Who the Hell’s in it« enthält Portraits und Interviews bekannter Schauspieler und erschien leider nie auf Deutsch.

Wie schon im Erstling sind es vor allem die einfühlsamen Personenbeschreibungen, die das Buch lesenswert machen. Der einstige Regie-Wunderknabe Bogdanovich wurde von den Stars als einer der ihren behandelt. James Cagney, Audrey Hepburn, Jack Lemmon, Boris Karloff – sie alle kreuzten irgendwann seinen Weg.

Zuvor war Bogdanovich einer der besten Filmjournalisten Amerikas. Das merkt man dem Buch auch an. Neben einem sehr langen Interview mit Jerry Lewis findet man auch ein Gespräch mit John Wayne, in der sich der Hollywood-Haudegen entgegen seines Images als heller Kopf und charmanter Erzähler zeigt. Unfreiwillig komisch wird es, als Bogdanovich dem jungen Brando nach ihrer ersten Begegnung nachruft: »He! Du bist gerade in Hundescheiße getreten!«

Besonders die alte Garde der Stars hatte es ihm angetan. Liebevoll erzählt er von Cary Grant, der ihm ein väterlicher Freund war; von Marlene Dietrich, die ihm am Telefon anvertraute, sich in ihn verliebt zu haben; von James Stewart, der entgegen seines Images privat alles andere als prüde war. Berührend auch seine Erlebnisse mit Horror-Ikone Boris Karloff, dem er zu einem würdevollen Abschied aus dem Filmgeschäft verhalf.

Bogdanovich schafft das seltene Kunststück, die Menschen mit all ihren Schwächen und Stärken zu schildern, ohne dabei die Grenze zum Voyeurismus zu überschreiten. Selbst für Charlie Chaplin, der im wirklichen Leben wohl alles andere als liebenswert gewesen sein muss, findet er Gründe ihn zumindest zu begreifen.

Auch Bogdanovichs eigene Biografie blitzt immer wieder durch. Nach Filmerfolgen wie »Die letzte Vorstellung« und »Paper Moon« war er ganz oben – bis sein Leben plötzlich zusammenbrach: 1980 wurde seine junge, bildschöne Freundin von ihrem eifersüchtigen Ex-Mann vergewaltigt und ermordet. Dieses Ereignis warf ihn vollends aus der Bahn. Gerade sein eigenes Unglück scheint ihn sensibel gemacht zu haben, für das Unglück anderer. In einigen Momenten trifft man auf eine Tiefe und ein menschliches Verständnis, die man in anderen Büchern dieser Art vergebens sucht.

Hübsch auch, wie Bogdanovich versucht, die Sprechweise von Cary Grant und James Stewart phonetisch wiederzugeben. Gehässiges und Skandale sucht man hier vergebens. Trotzdem ist das Buch eine Mogelpackung. Wer einen reinen Interviewband erwartet, wird enttäuscht sein. Bei einem Artikel über Humphrey Bogart zum Beispiel handelt es sich lediglich um ein Portrait, das bereits vor Jahrzehnten erschien und für dieses Buch lediglich ergänzt wurde.

Trotzdem ertappe ich mich – Wochen nach der Lektüre – immer wieder dabei, dass ich das Buch zur Hand nehme, um darin herumzublättern. Und dies ist das beste Kompliment, das ich einem Autor nur machen kann.

Peter Bogdanovich: Who the Hell’s in it? Conversations with Legendary Film Stars
Englisch | Faber & Faber 2004 | 592 Seiten | amazon-info



Jonathan Franzen: The Corrections

The CorrectionsWhat you discovered about yourself in rasing children wasn’t always agreeable or attractive.

»The Corrections« ist wohl nicht nur einer der bekanntesten, sondern auch einer der besten Romane darüber, wie es innerhalb einer amerikanischen Durchschnittsfamilie in den 50er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts tatsächlich aussah. Oder vielleicht darüber, wie es innerhalb von jeder Familie abseits von der öffentlichen Fassade aussieht – nicht nur den amerikanischen Familien und nicht nur in den 50er Jahren.

Der Familienvater Alfred arbeitet im mittleren Westen für eine Eisenbahngesellschaft. Er geht vollkommen in seiner Arbeit auf, empfindet eine starke Loyalität zum Arbeitgeber, die er nicht bricht, auch als ihm klar wird, dass die Eisenbahngesellschaft sich nicht einmal ansatzweise ähnlich loyal zu ihm verhält. Er ist also der typische Vertreter der protestantischen Arbeitsethik Amerikas und will seine Kinder so erziehen, dass sie gute Arbeit leisten und auch als ihr oberstes Ziel verfolgen, zum Beispiel als er seiner Tochter Denise einen Ferienjob bei der Eisenbahngesellschaft verschafft.

Alfred heiratet Enid, die vollkommen darin aufgeht, mit ihrer Familie durch Wohlstand und Erfolg eine Position in der Gesellschaft zu erreichen, bei der sie sich nicht vor den Nachbarn schämen muss. Sie leidet ihr ganzes Leben darunter, weniger Geld als ihre Nachbarn zu haben. Ihre Geldknappheit ist vor allem dadurch bedingt ist, dass Alfred sich weigert, Geld durch etwas anderes als harte Arbeit zu verdienen, zum Beispiel durch Aktiengeschäfte. Außerdem leidet sie darunter, dass Alfred die typisch amerikanisch-puritanische Abneigung gegen Sex, Berührung und Zärtlichkeiten in etwas übertriebener Form pflegt.

Die Kinder, die aus dieser Ehe entstehen, sind Gary, Chip und Denise. Gary richtet sein Leben darauf aus, möglichst in allen Aspekten nicht so zu werden wie sein Vater, gerät dabei aber in Konflikt mit seiner Frau und den Werten, nach denen er erzogen worden ist. Denn als seine Frau seine eigenen Kinder in computerspielsüchtige, konsumorientierte Amerikaner verwandelt, fühlt er sich nicht ganz wohl dabei – was dazu führt, dass seine Frau ihm einredet, er hätte eine Depression.

Chip studiert, ruiniert dann allerdings seine Professoren-Karriere, indem er ein Verhältnis mit einer Studentin anfängt. Durch die Affäre verliert er den Glauben an seine Amerika-Kapitalismus-Kritik, die ihm an der Uni eingetrichtert wurde, und bemerkt gleichzeitig, dass seine Verhaltensweisen und seine unbewusste Gedankenwelt eigentlich nicht mit den ebenfalls von der Uni übernommenen feministischen Gesellschaftstheorien übereinstimmen. Denise bricht ihre Ausbildung an einem teuren College ab, heiratet einen Koch, trennt sich von ihm und geht dann eine Affäre sowohl mit der Frau ihres neuen Chefs als auch mit dem Chef selbst ein.

Während sich die Entwicklungen zuspitzen und das scheinbar geordnete Leben der Kinder und Eltern immer mehr auseinander bricht, versucht Enid krampfhaft, alle Familienmitglieder zu einem letzten gemeinsamen Weihnachtsessen in ihrem Elternhaus im mittleren Westen zusammenzubringen. Franzen erzählt wechselweise aus den Perspektiven der fünf Familienmitglieder und macht jede Sichtweise und Einstellung durch eine faire Neutralität verständlich und nachvollziehbar. Er versteht es, mit Komik und Ironie zu erzählen, sich dabei aber nie über die Figuren auf eine abwertende Weise lustig zu machen. Der Leser wird berührt und gleichzeitig zum Lachen gebracht.

Jonathan Franzen: The Corrections | Englisch
Picador 2002 | 576 Seiten | amazon-info

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Haruki Murakami: Norwegian Wood

Norwegian WoodI just don’t want to be violated like that again – by anybody.

Toru liebt Naoko, und Naoko liebt Toru. Trotzdem kommen sie nicht zusammen. Der Leser erfährt erst gegen Ende des Romans, warum eigentlich. Ein Grund ist sicherlich, dass Naoko von Selbstmorden traumatisiert ist: Ihr erster Freund, der gleichzeitig Torus bester Freund ist, bringt sich um, als sie alle drei noch ziemlich jung sind.

Irgendwann zieht sich Naoko in eine Art Sanatorium zurück, um zu heilen. Toru besucht sie dort regelmäßig und hat Briefkontakt zu ihr. Er ist fest entschlossen, auf sie zu warten, damit sie zusammen leben können, sobald Naoko gesund ist. Doch mehr und mehr fühlt er sich hin- und hergerissen zwischen ihr und den Leuten, denen er im täglichen Leben am College begegnet und zu denen er eigentlich mehr, und vor allem realeren, Kontakt hat.

Was »Norwegian Wood« lesenswert macht, ist vor allem Torus Beobachtungsgabe als Erzähler. Mit Empathie und Geschick beschreibt er seine Mitmenschen und erklärt, was sie antreibt. Das Buch ist deshalb voll von schillernden Persönlichkeiten und den verschiedensten Formen von zwischenmenschlichen Beziehungen.

Da ist zum Beispiel Torus hochbegabte College-Bekanntschaft, der ohne zu wissen, warum, mit so vielen Frauen schläft wie möglich, obwohl er mit seiner Freundin eigentlich glücklich sein könnte, und Torus Zimmergenosse, der alle durch seine seltsamen Lebensgewohnheiten zum Lachen bringt, und Midori, eine lebenshungrige und äußerst unkonventionelle Mitstudentin sowie haufenweise lebendige Nebenfiguren. Toru besitzt genügend Mitgefühl, dass seine Beobachtungen über die Welt nie langweilig werden.

Haruki Murakami: Norwegian Wood | Englisch
Vintage Books 2000 | 298 Seiten | amazon-info

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Larry McMurtry: Lonesome Dove

Lonesome DoveI think we spent our best years fighting on the wrong side.

Larry McMurtrys Roman »Lonesome Dove« ist die Perfektion des sogenannten Trail-Drive-Westerns. Das bedeutet, die Handlung, zumindest die äußere, besteht darin, dass eine Herde Kühe von A nach B gebracht wird – in diesem Fall von Texas nach Montana.

Der historische Grund dafür, dass Millionen von Kühen gegen Ende des 19. Jahrhunderts quer über den amerikanischen Kontinent getrieben wurden, war ganz einfach, die Menschen überall mit Fleisch zu versorgen. Den meisten Western dient dieses Treiben einer Kuhherde dabei natürlich lediglich als Aufhänger oder Grundlage für andere, aufregendere Geschichten. In »Lonesome Dove« lässt McMurtry jedoch keinen Zweifel daran, dass die Wanderung mit der Kuhherde nur Selbstzweck oder Mittel zum Zweck ist: Seine Charaktere veranlassen sie allein aus dem Grund, weil sie etwas zu tun brauchen, etwas, das ihnen ein Ziel und eine Richtung vorgibt.

Augustus McCrae, Ex-Texas-Ranger, erkennt von Anfang an, dass sein Partner, Woodrow Call, die Kühe nur nach Montana bringen will, weil er eine neue Herausforderung sucht, die seinem Leben einen Sinn gibt, und nicht, weil in Montana viel Gras wächst. Er und Call fühlen sich beide arbeitslos, seit die größten Kriege mit den Indianern vorbei sind, doch im Gegensatz zu Augustus ist Call nicht in der Lage, sein Leben einfach nur zu genießen – er braucht Arbeit und eine Aufgabe. Und er hinterfragt die Notwendigkeit oder Legitimation seiner selbstgesuchten Arbeiten nie.

Ganz anders Augustus, der sogar seine Arbeit bei den Texas Rangern – das Zurückdrängen der Indianer – als eine Art Beschäftigungstherapie sieht und versucht, Call zu erklären, dass es kontraproduktiv von ihnen war, bei der Besiedelung des Westens zu helfen, weil sie dem Westen dadurch genau das nahmen, was ihn attraktiv machte: Ein Leben in ständiger Herausforderung.

Trotzdem schließt sich Augustus dem Zug der Kuhherde an, genauso wie zahlreiche andere Charaktere – zum Teil von Call angeheuerte Cowboys, zum Teil Figuren, die sich aus ganz eigenen Gründen an der Reise beteiligen und die jeweils ihre ganz eigene Geschichte in den Roman einbringen und dafür sorgen, dass der Roman trotz eines Umfangs von knapp 1.000 Seiten nie langweilig wird. Kurz gesagt ist »Lonesome Dove« eine gelungene Mischung aus einem selbstkritischen und einem nostalgischen Western, in dem sich Heldentum und Menschlichkeit, Verklärung und Realismus exakt die Waage halten.

Larry McMurtry: Lonesome Dove | Englisch
Pocket Books 1988 | 960 Seiten | amazon-info

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Wallace Stegner: Angle of Repose

Angle of ReposeHow do I know what you should do? You’ll do what you think you want to do, or what you think you ought to do. If you’re very lucky, luckier than anybody I know, the two will coincide.

»Angle of Repose« ist ein Western der besonderen Art. Aus der Perspektive von Lyman Ward, einem älteren, invaliden Geschichtsprofessor, erzählt der Roman das Leben seiner Großmutter, Susan Burling, die durch ihre Heirat mit Oliver Ward im Alter von knapp 30 Jahren aus ihrer gewohnten Welt herausgerissen und mit der noch rohen Zivilisation des Wilden Westens konfrontiert wird.

Susan wächst im Osten auf, sie ist mit ganzem Herzen in das hoch kultivierte Leben der Bildungs-High-Society New Yorks am Ende des 19. Jahrhunderts integriert und strebt eine Karriere als Zeichnerin an. Doch dann verliebt sie sich in denselben Mann wie ihre beste Freundin Augusta, in Thomas Hudson, den perfekten Gentleman, der außerdem erfolgreicher Literat und Herausgeber wird. Als er sich für Augusta entscheidet, heiratet Susan in einer Art Trotzreaktion Oliver Ward, den Bergbau-Ingenieur aus dem Westen – ein Schritt, den Augusta niemals billigen wird.

Obwohl sie ihn sehr liebt und in manchen Dingen auch bewundert, ist Susan ihr Ehemann stets ein bisschen peinlich, besonders gegenüber ihren New Yorker Freunden. Oliver Ward ist in vielerlei Hinsicht ein typischer Westerner: Er redet nicht viel, sondern handelt lieber, er ist Praktiker, er behält in plötzlichen Gefahrensituationen einen klaren Kopf, und vor allem ist er zu aufrichtig und ehrlich, um in der Zeit der westlichen Expansion die Art von Geschäften zu machen, die ihm schnellen Reichtum bringen würden.

Susan, für die ein eigenes, dauerhaftes Zuhause für ihre Familie oberste Priorität hat, leidet unter Olivers ständigen Jobwechseln, die all seine gescheiterten Projekte mit sich bringen, während ihre Obsession mit Kultiviertheit nicht nur verhindert, dass sie sich im noch unfertigen Westen je zu Hause fühlt, sondern auch, dass sie die Qualitäten ihres Mannes je wirklich ganz schätzen lernt. Beide geraten in Situationen, die schwierige, fast unmögliche Entscheidungen von ihnen fordern, deren Konsequenzen sie ein Leben lang mit sich herumtragen.

Die Geschichte dieser viktorianischen Ehe, die trotz aller Widerstände mehr als sechzig Jahre hält, fasziniert Lyman Ward, den Enkel. Einerseits bietet ihm die Beschäftigung mit dem aufregenden Leben seiner Großeltern als Pioniere im Westen des 19. Jahrhunderts eine Flucht aus seinem eigenen unbeweglichen und verletzten Leben, aber andererseits sucht er bei seinen Großeltern nach einer Antwort auf die Frage, warum seine Ehefrau ihn verließ, als sein Bein amputiert wurde, und ob er ihr – im Gegensatz zu seinem Großvater, der seiner Großmutter nie verzeiht – vergeben kann oder nicht.

Eine dritte, anders geartete Perspektive ergibt sich durch Lymans Assistentin Shelly, eine Anhängerin der Hippie-Generation, die gerade mit ihrer eigenen Beziehung zu ihrem Freund kämpft und bei Lyman Antworten auf dieselben Fragen sucht, welche Werte wichtig sind und eine bessere menschliche Gemeinschaft möglich machen.

»Angle of Repose« ist von der ersten bis zur letzten Seite dramatisch, informativ und mitreißend in seiner Suche danach, wie man sich in welchen Umständen am besten verhält.

Wallace Stegner: Angle of Repose | Englisch
Penguin Classics 2000 | 592 Seiten | amazon-info

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Anna Cypra Oliver: Assembling My Father

Assembling My Father»I think you knew my father?«
A pause. »What was his name?«
»Lewis Weinberger.«
Another brief pause, an intake of breath. »I did,« Lee Driver says.
»I understand that you saw him the day before he died?« I ask.
»I was living in the same house,« Lee says. »I had to clean up the mess.«
The intake of breath, this time, is mine.

Ein Mann erschießt sich, er ist 35 Jahre alt, das Jahr 1974, der Ort Taos in New Mexico, ein ehemaliges Zentrum der Hippie-Kultur. In diesem Buch versucht seine Tochter, die zum Zeitpunkt seines Todes erst fünf Jahre alt ist, herauszufinden, wer ihr Vater war. Sie befragt alle Leute, die sie finden kann, die jemals mit ihm in irgendeiner Form Kontakt hatten; das Ergebnis ist sowohl eine Biographie ihres Vaters, ihrer Mutter und ihres eigenen Lebens, eine Art Memoir, wie der eine Untertitel sagt, A Daughter’s Detective Story, wie der zweite Untertitel lautet, und eine Collage der amerikanischen Kultur der späten 60er und 70er Jahre.

Die Familien von Annas Vater und Mutter stammen aus jüdisch-liberalen Intellektuellen Kreisen New Yorks. Dort wachsen ihre Eltern auf und lernen sich kennen, ihr Vater studiert Architektur. Doch nach der Heirat zieht es Annas Mutter in die Counter-Culture, ihr Mann folgt ihr, sie ziehen nach New Mexico und leben dort in einer Lehmhütte in einer Hippie-Kommune, bis Annas Mutter ihren Mann verlässt. Anna, und ihren älteren Bruder Peter, der adoptiert ist, nimmt sie mit. Vier Jahre später erschießt ihr Vater sich, ihre Mutter wird zu einer fundamentalistischen Christin und lebt nacheinander mit einer Reihe von gewalttätigen Männern zusammen.

Erst nach ihrem 20. Lebensjahr, inzwischen selbst verheiratet, fängt Anna an, Nachforschungen über ihren Vater anzustellen. Im Laufe der Auseinandersetzung mit dem Leben ihres Vaters entdeckt sie die jüdisch-intellektuelle Seite ihrer Identität und legt den christlichen Fundamentalismus ihrer Mutter, in dem sie erzogen wurde, immer mehr ab.

Als erstes befragt sie die beiden engsten Schulfreunde ihres Vaters und natürlich den Kreis der engsten Verwandten, sie besucht die Schauplätze, an denen sich das Leben ihres Vaters abspielte, und kontaktiert später eben auch den Mann, der das Haus von den Überresten ihres Vaters säubern musste.

Annas Suche zieht sich über mehrere Jahre hin, am Anfang hat sie gar nichts von ihrem Vater und weiß so gut wie nichts über ihn, am Ende hält sie eine Geschichte in der Hand, oder besser gesagt, mehrere, unterschiedliche Versionen dieser Geschichte, die stark von der Sichtweise der jeweiligen Erinnerungsträger geprägt sind, außerdem haufenweise Fotos, Schmuckstücke, die ihr Vater angefertigt und verschenkt hat, ein Tonband mit seiner Stimme und eines seiner Tagebücher.

Der vielleicht psychologisch interessanteste Teil der Geschichte, nämlich wie Anna sich in den besten Freund ihres Vaters verliebt, und er sich in sie, sie sich beide von ihren jeweiligen Ehepartnern scheiden lassen und heiraten, wird allerdings nur mit so vielen Auslassungen und Andeutungen erzählt, dass man das Gefühl nicht los wird, es wäre der Autorin irgendwie unangenehm, dass dieser Mann eben auch der engste Freund ihres Vaters war.

Anna Cypra Oliver: Assembling My Father | Englisch
Houghton Mifflin 2004 | 368 Seiten | amazon-info

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Don DeLillo: Underworld

UnderworldI’ll tell you what I long for, the days of disarray, when I didn’t give a damn or a fuck or a farthing. … I long for the days of disorder. I want them back, the days when I was alive on the earth, rippling in the quick of my skin, heedless and real. I was dumb-muscled and angry and real. This is what I long for, the breach of peace, the days of disarray when I walked real streets and did things slap-bang and felt angry and ready all the time, a danger to others and a distant mystery to myself.

Nick Shay, Protagonist und Ich-Erzähler in Don DeLillos Roman »Underworld«, führt ein gewöhnliches Leben: Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und eine Enkeltochter, wohnt in der sauberen, wohlgeordneten Stadt Phoenix, Arizona, in einem durchschnittlichen, geschmackvoll eingerichteten Haus und geht als erfolgreicher und gefragter Experte für Müllentsorgung einem geregelten, gut bezahlten Beruf nach. Das ist Ende des 20. Jahrhunderts.

Ein halbes Jahrhundert zuvor jedoch ist Nick inmitten von italienischen Einwanderern und ihren Nachfahren der Bronx aufgewachsen, wo sein Vater eines Tages einfach verschwand und seine Mutter mit ihm und seinem kleinen Bruder Matty zurückließ. Lange Zeit hält Nick an dem Glauben fest, dass sein Vater, der ein kleines Geschäft als Buchmacher beim Pferderennen unterhielt, von der lokalen Mafia aus dem Weg geräumt wurde, und weigert sich zu glauben, dass er seine Familie einfach so verlassen haben könnte.

Als halbstarker Jugendlicher bricht Nick die Schule ab und führt ein wildes, von Gewalt und Sex geprägtes Leben, das schließlich abrupt damit endet, dass er einen Mann erschießt und in einer von Jesuiten geleiteten Besserungsanstalt landet, wo man sein Sprachtalent erkennt und ihm die Ausbildung ermöglicht, auf der seine spätere erfolgreiche Karriere aufbaut. Als er Jahrzehnte später einem alten Bekannten aus der Bronx wieder begegnet, stellt Nick fest, dass ihm der unabsichtliche Mord zu einem Lebenslauf verholfen hat, den er ohne ein Verbrechen zu begehen nie erreicht hätte:

Jerry knew I’d been in correction and then more or less lost to news and rumor and now here I was turned out in a tweed jacket and doing a job I liked and looking okay, stopped smoking, didn’t overdo the drinking, knew a woman with a sexy cello voice and was probably, regularly banging her, and then look at him, nice Catholic boy gone baggy and stale, hates going home … and he’s lighting one cigarette with the butt of another, and drinks so much he blacks out … and all because he’s never killed a man.

Es dauert Jahre, bis Nick sich dem verdrängten Trauma seiner Jugend zuwendet, obwohl er sich schon länger in dem Leben, das er jetzt führt, und der künstlich geschaffenen Persönlichkeit als Durchschnittsbürger, die damit einhergeht, fehl am Platz und inauthentisch fühlt. Und obwohl Nick einen roten Faden des Romans darstellt, ist seine Geschichte doch nur eine von vielen, die DeLillo erzählt.

Auslöser für Nicks Beschäftigung mit der Vergangenheit ist zum Beispiel seine Begegnung mit der viel älteren Klara Sax, einer Künstlerin, mit der er als 17jähriger eine kurze Affäre hatte und die in den 90er Jahren mit einem Team von Helfern ausgemusterte Bomber aus dem Kalten Krieg in der Wüste Texas’ mit bunten Farben bemalt. Wie Nick ist sie so in gewisser Weise damit beschäftigt, »Müll« zu »beseitigen«; Abfall und seine Rolle in der Zivilisation ist eines der wichtigsten Themen in »Underworld«.

Parallel zu Nicks Geschichte und anhand eines Baseballs, der von Hand zu Hand wandert, bewegt sich der Roman immer tiefer in die Vergangenheit und umfasst schließlich die gesamte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, vom Kalten Krieg mit seinen Feindbildern, seiner Aufrüstungsproblematik und Verschwörungsparanoia bis hin zu der vom Internet und den Massenmedien beherrschten Gegenwart, in der alles mit allem verbunden und verlinkt ist und keiner mehr den Überblick hat oder weiß, was virtual reality ist und was echte Wirklichkeit.

Eine bunte Mischung von Figuren tritt auf, die nur scheinbar nichts miteinander zu tun haben, aber durch zahlreiche, unscheinbare Querverweise miteinander verbunden sind und dadurch ein wichtiges Prinzip des Romans und der heutigen Welt illustrieren: Die Nonne Schwester Edgar, die sich um die Armen der Bronx kümmert, einen Sauberkeitswahn hat und Nicks Bruder Matty in der Schule unterrichtete, ihr Namensvetter und Verwandter im Geiste, J. Edgar Hoover, der Chef des FBI, Klaras Exmann Alfred, der Matty im Schachspielen unterrichtete, Matty selbst, der zur Zeit des Vietnamkriegs an der Entwicklung eben jener Waffen mitarbeitete, die sein Bruder in den 90ern entsorgt, Cotter Martin, der schwarze Jugendliche, der direkt nach dem Spiel als erster den berühmten Baseball ergatterte, den Nick später für viel Geld kauft – um nur die wichtigsten zu nennen.

Alles in allem dürfte »Underworld« einer der Romane sein, die die amerikanische Geschichte und Kultur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts am detailliertesten und eindrücklichsten beleuchten, ohne jemals langweilig oder unlesbar zu werden, und die zugleich die Problematik alles menschlichen Lebens an sich erfassen.

Ein Nick, der mit seiner Vergangenheit fertig geworden ist – I … feel a quiet kind of power because I’ve done it and come out okay, done it and won, gone in weak and come out strong – lässt den Leser mit dem hoffnungsvollen peace als letztem Wort zurück, sehnt sich aber anscheinend immer noch nach dem breach of peace seiner Jugend, versteht sich nun selbst, wäre sich aber lieber weiterhin a distant mystery geblieben, während er im Internet Schwester Edgars Geschichte verfolgt, die gegen Ende ihres Lebens einer Art des Glaubens verfällt, der the things we fear in the night entspringt und ihren Frieden durch ein Waisenkind in der Bronx findet, das brutal vergewaltigt und ermordet wurde, dessen Gesicht aber nach seinem Tod für kurze Zeit auf einer Werbetafel für Orangensaft erscheint (die von einem der zeitweiligen Besitzer des Baseballs entworfen wurde).

Don DeLillo: Underworld | Englisch
Scribner 1998 | 832 Seiten | amazon-info

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Cormac McCarthy: Blood Meridian

Blood MeridianLoose strands of ambercolored kelp lay in a rubbery wrack at the tideline. A dead seal. Beyond the inner bay part of a reef in a thin line like something foundered there on which the sea was teething. He squatted in the sand and watched the sun on the hammered face of the water. Out there island clouds emplaned upon a salmoncolored othersea. Seafowl in silhouette. Downshore the dull surf boomed. There was a horse standing there staring out upon the darkening waters and a young colt that cavorted and trotted off and came back. … Passing through the salt grass he looked back. The horse had not moved. A ship’s light winked in the swells. The colt stood against the horse with its head down and the horse was watching, out there past men’s knowing, where the stars are drowning and whales ferry their vast souls through the black and seamless sea.

McCarthys Roman »Blood Meridian or the Evening Redness in the West« ist hauptsächlich für eine Sache berühmt: Es kommt sehr viel Mord und Totschlag darin vor. Das Buch spielt zur Zeit der Grenzkriege zwischen den USA und Mexiko um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein namenloser Protagonist, im Text nur »the kid« genannt, schließt sich zunächst einer halb-legalen Armee-Einheit an, doch diese wird von den Comanche bis auf wenige Überlebende ausgelöscht. Daraufhin gerät er unter eine Bande von sogenannten Skalpjägern: Mexikanische Stadtstaaten wie Chihuahua zahlten in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts überaus rentable Belohnungen für die Skalpe von Indianern, um die Zahl indianischer Überfälle auf ihre Zivilbevölkerung einzudämmen. Natürlich unterschieden sich die Haare und Kopfhäute der überfallenden Indianer nicht von denen friedlicher Indianer, oder von denen der mexikanischen, spanischen oder gemischten Restbevölkerung. Die Leute, denen »the kid« sich anschließt, nutzen dies zu ihrem Vorteil und morden alles, was ihnen Geld bringt. (Eigentlich morden sie alles, auch wenn es ihnen kein Geld bringt.)

Was den Roman trotzdem mehr als lesbar macht, sind vor allem vier Dinge: Erstens macht das Gemetzel einen viel kleineren Teil des Textes aus, als es auf den ersten, flüchtigen Eindruck scheinen mag. Weitaus mehr Zeit verbringen die Charaktere damit, einfach nur durch die Wüsten- und Gebirgslandschaft der Grenzgebiete zu reiten. Und die Art, in der McCarthy diese Fortbewegung über das Land beschreibt, hat es in sich; sie ist nicht nur so poetisch-schön, dass man die meisten Sätze einfach zweimal lesen will, sondern mystifiziert die sichtbare Welt auf eine Weise, dass man das eigentlich Bekannte als vollkommen fremd wahrnimmt. Hier ein beliebiges Beispiel:

They rode past trapdykes of brown rock running down the narrow chines of the ridges and onto the plain like the ruins of old walls, such auguries everywhere of the hand of man before man was or any living thing.

Der zweite Aspekt, der die Unmenschlichkeit des Geschehens erträglich macht, ist, dass die Gewalt mit eben jener lyrisch-geheimnisvollen Sprachkunst geschildert wird, die auch den Landschaftsbeschreibungen zuteil wird und das Ganze irgendwie verschlüsselt.

Drittens kann man »Blood Meridian« als Weisheitsliteratur bezeichnen; neben der Landschaft werden nämlich auch die Mörder selbst in ihren Dialogen manchmal unglaublich philosophisch und beschäftigen sich mit den zeitlosen Fragen der menschlichen Existenz. Und viertens fehlt, so seltsam es klingen mag, selbst in diesem düsteren Werk nicht der Humor, zum Beispiel wenn einer der Charaktere, der an der fehlenden medizinischen Versorgung in der Wüste kläglich zugrunde geht, während sich bereits Würmer in seinem Arm einnisten, noch kurz zuvor mit felsenfester Überzeugung behaupten kann, dass er wegen seiner Gesundheit nach Westen gekommen sei.

Und wenigstens »the kid« wendet sich irgendwann mit verspäteter Einsicht von all der Grausamkeit ab und versucht ein guter Mensch zu werden.

Cormac McCarthy: Blood Meridian | Englisch
Modern Library 2001 | 368 Seiten | amazon-info

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William Faulkner: As I Lay Dying

As I Lay DyingBut I ain’t so sho that ere a man has the right to say what is crazy and what ain’t. It’s like there was a fellow in every man that’s done a-past the sanity or the insanity, that watches the sane and the insane doings of that man with the same horror and the same astonishment.

Es ist eine Geschichte, bei der man aus dem Kopfschütteln nicht mehr herauskommt – »horror« und »astonishment« sind in der Tat sehr zutreffende Beschreibungen der Gefühle, die man beim Lesen so hat, nur dass es Faulkner auf seine unnachahmliche Art gelingt, zusätzlich einen grotesken Humor mit hineinzubringen, ohne den der Roman nur schwer erträglich wäre.

»As I Lay Dying«, das ursprünglich in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts erschien, erzählt die Geschichte der Familie Bundren, einer chronisch armen Farmersfamilie, die sich in Faulkners Standardsetting im Süden Amerikas gerade noch so am Leben erhält. Die Mutter, Addie, nimmt ihrem Ehemann Anse das Versprechen ab, sie nach ihrem Tod nicht auf einem ländlichen Friedhof in der Nähe zu begraben, sondern ihren Leichnam in die Stadt zurückzubringen, nach Jefferson, und sie dort neben ihren bereits verstorbenen Familienangehörigen beizusetzen.

Die Probleme fangen damit an, dass die beiden mittleren Söhne, Darl und Jewel, zum Zeitpunkt von Addies Tod mit dem Maultiergespann der Bundrens unterwegs sind, so dass erstens Jewel, der von Addie am meisten geliebte Sohn, Resultat eines Seitensprungs mit dem Priester und der Einzige, auf dessen Anwesenheit an ihrem Sterbebett sie Wert legte, nicht zugegen ist, und zweitens Addies Leiche in der Sommerhitze bereits beginnt, leicht zu verwesen und entsprechend zu riechen. Dazu kommen Vorfälle, wie der Versuch des jüngsten Sohnes, der das Phänomen des Todes an sich nicht begreift, Luftlöcher in Addies Sarg zu bohren, wobei er leider ihr Gesicht mit anbohrt, so dass sie bei der Beerdigung einen Schleier tragen muss. Bei einer abenteuerlichen Flussüberquerung fällt der Sarg beinahe den Fluten zum Opfer und das Maultiergespann ertrinkt, woraufhin der Vater, schamlos wie er ist, seinem ältesten Sohn Cash sein Erspartes stiehlt und Jewels hart erarbeitetes Pferd gegen ein neues Paar Maultiere eintauscht.

Darl, zugleich das verrückteste und das einzig vernüfnftige Mitglied der Familie, dem die Opfer für den Leichentransport langsam übermäßig erscheinen, versucht, den Sarg zu verbrennen, indem er den Stall des Farmers in Brand setzt, der die Familie unterwegs über Nacht beherbergt, doch Jewel rettet seine tote Mutter unter Einsatz seines Lebens. Der Vorfall führt später dazu, dass die Bundrens Darl ohne mit der Wimper zu zucken, in eine Irrenanstalt einliefern lassen, um einen Gerichtsprozess wegen Brandstiftung zu umgehen – und wir wissen alle, wie Irrenanstalten zur damaligen Zeit aussahen.

Das Hintersinnige an der Geschichte ist auch, dass alle außer Darl einen Grund haben, in die Stadt zu wollen, der nichts mit der Respektierung von Addies letztem Wunsch zu tun hat: Anse will neue Zähne und eine neue Frau, Cash will auf dem Rückweg das Dach eines Nachbarn reparieren, Jewel will sein Pferd reiten, Dewey Dell will eine Abtreibung und der jüngste Sohn will eine Spielzeugeisenbahn. Bis auf Anse erreicht keiner sein Ziel – Cash bricht sich bei der Flussüberquerung ein Bein, Dewey Dell fällt auf einen Apothekenverkäufer herein, der sie zwingt, mit ihm zu schlafen, außerdem nimmt Anse ihr die zehn Dollar ab, die der Vater ihres Kindes ihr für die Abtreibung gegeben hatte, Darl landet in der Irrenanstalt. Ein weiterer Punkt, der für kopfschüttelndes Lachen sorgt, ist das Kapitel, in dem der Priester, erfüllt von innerer Rechschaffenheit, sich vornimmt, Anse seinen Ehebruch zu gestehen und es dann sein lässt, nachdem er erfährt, dass Addie selbst an ihrem Totenbett Schweigen bewahrt hat.

Erwähnenswert ist noch, dass man die Geschehnisse in kurzen Kapiteln aus der Innensicht der verschiedensten Figuren, einschließlich der Nachbarn und des Apothekenverkäufers, erfährt, eine Erzählweise, die viele nachfolgende Autoren zu einer ähnlichen Perspektivtechnik inspiriert hat.

William Faulkner: As I Lay Dying | Englisch
Random House 1990 | 288 Seiten | amazon-info

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