Die erste Zeit nach seinem Rausschmiss aus der Berufsschule fühlte sich Kuhl wie ein glücklich entlaufener Sklave. Die Freiheit kam ihm fast unheimlich vor. Er stand um die Mittagszeit auf, frühstückte am Bahnhofs-Stehimbiss in Gegenwart junger, übernächtigter Nutten und schlenderte dann von Kino zu Kino, gelegentlich auch wieder zurück. Manche Filme musste man zweimal sehen, um zu begreifen, wie low das Leben einem mitspielen konnte, »Li Feng – Die einarmige Schwertkämpferin« zum Beispiel. Es wurmte ihn, dass es Frauen wie Ching Ching Chang nicht in Wirklichkeit gab.
Der Roman beginnt mit einer Beerdigung und erzählt die Geschichte in Rückblenden, die hauptsächlich in den Jahren 1979 und 1980 spielt. Anton »Kuhl« Kuhlmann ist im Frankfurter Gallusviertel aufgewachsen. Drogendealer, Waffenhändler, Einbrecher und schließlich Raubmörder. Eine beeindruckende kriminelle Karriere für einen gerade mal Neunzehnjährigen. Mit grimmigem Humor wird hier der Ausbruch aus der Kleinbürgerlichkeit geschildert. Kuhl flieht vor der Polizei nach Nassau, legt sich ein teures Auto und eine Luxusvilla zu und residiert in teuren Golfclubs. Auf den Bahamas auf dicke Hose machen, dieser Wunschtraum wirkt schon fast wieder spießig. Und natürlich ist das Geld schnell aufgebraucht.
»Kuhls Kosmos« ist eine typische Verlierergeschichte mit absehbarem Ausgang und doch ohne die bekannten Klischees. Spannende und amüsante Episoden schildern Kuhls Werdegang. Wilde Schelmenstücke mit Rentnern, mörderische Nachtwächter, scheinbar schlaue Coups und Waffengeschäfte mit amerikanischen GI. Amüsante Diskussionen auf dem Arbeitsamt, die eines Felix Krull würdig wären, und Filmpläne mit einem alten Pornoproduzenten, der einer Vorliebe für sehr junge Mädchen mit leuchtenden Hautunreinheiten fröhnt.
Die Belegschaft aus Thor Kunkels hochgelobten Erstling »Das Schwarzlicht-Terrarium« tritt hier wieder auf. Liebgewonnene Loser aus fast vergessener Zeit, als Disco, Schlaghosen und John Travolta noch das Nonplusultra waren. Aber der Ton ist härter und bitterer geworden. Keine aufgesetzte Coolness, sondern berührend brutal. Die Sprüche wirken allerdings manchmal etwas albern, wie wenn man heute Udo Lindenberg zuhört, doch geben sie einen guten Eindruck von Hippness anno 1979.
Nach dem Skandal wegen Kunkels Roman »Endstufe« war es lange still um den Autor. Jetzt ist er mit einem neuen Buch zurückgekehrt, das bei Pulp Master erschienen ist. Der Name des Verlages ist Programm. Aber hier wird nicht einfach ein amerikanisches Genre in deutsche Kulissen verlegt, sondern eine überzeugende Geschichte erzählt, die gleichzeitig ein deutsches Gesellschaftsbild vom Ende der Siebziger ist. Es müssen eben nicht immer die Amerikaner sein, wenn man einen echten Hardboiled-Krimi lesen will. Eine lohnende Lektüre, der man unbedingt Kunkels »Schwarzlicht-Terrarium« folgen lassen sollte.
Thor Kunkel: Kuhls Kosmos | Deutsch
Pulp Master 2008 | 333 Seiten | amazon-info

