Wie die Madonna auf den Mond kamDass die Visionen des Ilja Botev nicht der lichten Gabe des prophetischen Sehens entsprangen, sondern dem Wahn des irrlichternden Verstandes, daran zweifelte in Baia Luna niemand. Am wenigsten ich, sein Enkel Pavel. In früher Jugend hatte ich die Einbildungen meines Großvaters noch als närrische Hirngespinste abgetan, eine Folge des Einflusses, den der Zigeuner Dimitru Gabor auf ihn ausübte, der sich um die Gesetze von Vernunft und Logik nicht sonderlich scherte.

Rumänien im Jahr 1957. Sputnik kreist um die Erde und verbreitet die Kunde vom Sieg des Sozialismus über den Westen. Die Geschichte beginnt ganz gemächlich mit der liebevollen Schilderung eines kleinen Dorfes und seiner meist exzentrischen Bewohner. Erzählt wird alles aus der Sicht des fünfzehnjährigen Pavel, der sich mit den üblichen Nöten eines Heranwachsenden herumschlagen muss. Er lebt mit seinem Großvater, seiner Mutter und seiner Tante über einem Gemischtwarenladen, der abends zur Kneipe umfunktioniert wird und das eigentliche Herz des Ortes darstellt.

Die Dorflehrerin vertraut sich Pavel an und erzählt von einer verlorenen Liebe in der Vergangenheit. Bald darauf ist sie spurlos verschwunden, und da sie eine starke Trinkerin war, vermutet man, im Frühjahr bei der Schneeschmelze ihre Leiche zu finden. Doch dann entdeckt man die Haushälterin des Dorfpfarrers tot in dessen Wohnung und unmittelbar danach den Geistlichen selbst. Nackt, mit durchschnittener Kehle. Neben der Leiche ein handgeschriebener Zettel mit dem Namen der Lehrerin. Bei der Überführung verschwindet die Leiche des Pfarrers, dafür tauchen Sexfotos auf, die unter anderem den neuen Parteifunktionär und die Lehrerin in jungen Jahren zeigen. Mit vielen offenen Fragen beginnt für Baia Luna der Winter und damit die Zeit, in der das Dorf durch den Schnee von der Außenwelt abgeschnitten ist.

Der Erzählbogen spannt sich vom Oktober 1957 bis zur Rumänischen Revolution im Dezember 1989 und dem Ende des Ceausescu-Regimes. Die anfangs folkloristische Dorfposse wird zum Kriminalroman und endet schließlich als zeitgeschichtliche Erzählung. Das erste Drittel erinnerte mich sehr an die Bücher von Gabriel Garcia Marquez und Louis de Bernières oder die Filme von Emir Kusturica, wenn auch nicht ganz so überdreht und farbenprächtig.

Die schlitzohrigen Dorfbewohner, die sich den Plänen von Bezirksverwaltung und Regierung widersetzen, entsprachen genau den Erwartungen, die das sehr gelungene Cover in mir geweckt haben. Die hereinbrechende Gewalt und die zahlreichen Toten kamen überraschend, doch dem Autor gelingt es sehr gut, die Spannung aufzubauen und man folgt ihm bereitwillig und nägelkauend durch diese düsteren Kapitel.

Doch dann folgen einige größere Zeitsprünge bis zur oben erwähnten Revolution und sie sind für mich das einzige Manko an diesem Buch, kommen sie doch sehr holprig daher und passen so gar nicht in das ansonsten sehr geschmeidige Gefüge des Romans. Während der Unruhen im Jahr 1989 laufen alle Handlungsfäden zusammen und alle Geheimnisse werden aufgeklärt. Sogar solche, von denen man bisher nicht wusste. Auch dieser Teil des Buches ist sehr gelungen, mit einigen wirklich bemerkenswerten Szenen.

Insgesamt ist »Wie die Madonna auf den Mond kam« eine ausgezeichnet geschriebene, kurzweilige und sehr unterhaltsame Lektüre. Vielleicht am besten vergleichbar mit den Montesecco-Romanen von Bernhard Jaumann. Also auf jeden Fall eine Empfehlung.

Rolf Bauerdick: Wie die Madonna auf den Mond kam | Deutsch
Deutsche Verlags-Anstalt 2009 | 528 Seiten | amazon-info




Bernhard Jaumann: Die Augen der Medusa

Die Augen der MedusaMontesecco ist ein kleines, sterbendes Dorf in Italien. Von ursprünglich achthundert Bewohnern sind nur fünfundzwanzig geblieben. Meist starrköpfige Alte, die sich weigern, den Ort aufzugeben.

Wenn jemand sie fragte, was sie in diesem toten Kaff halte, zuckten sie nur die Achseln und dachten, dass alles und jeder irgendwann sterben müsse. Umso besser, wenn Montesecco es schon hinter sich hatte. Aber vielleicht stimmte das gar nicht. Vielleicht hatte Montesecco das Schlimmste noch vor sich, und vielleicht würde der Weltuntergang doch mit einem großen Knall eingeleitet werden. Genauer gesagt mit drei gewaltigen Detonationen, die an diesem Vormittag im Januar die Fensterscheiben des ganzen Ortes erklirren ließen.

Ein Staatsanwalt stirbt bei einem Attentat mit einem Raketenwerfer in der Nähe von Montesecco. Der kleine Ort rückt in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Als im Anschluss daran ein siebzehnjähriger Bewohner vier Polizisten als Geiseln nimmt und die Freilassung von einem Dutzend Mitglieder der Roten Brigaden fordert, kann sich niemand seine Beweggründe erklären. Während sich der Geiselnehmer bedeckt hält und nur seine Drohung bekräftigt, nach Ablauf der Frist die Geiseln zu ermorden, spekulieren Polizei und Medien über die Hintergründe und entwickeln immer abstrusere Theorien. Den Bewohnern wird klar, dass sie selbst die Sache in die Hand nehmen müssen, wenn das Ganze nicht in einer Katastrophe enden soll.

Was wie ein dumpfer Action-Thriller klingt, ist in Wahrheit eine unterhaltsame Mischung aus warmherziger Kleinstadtkomödie, vergnüglicher Polit-Satire und spannendem Krimi. Egal an welchem Ort, zu welcher Jahreszeit und zu welcher Tageszeit man das Buch liest, man fühlt sich sofort von der Atmosphäre eines kleinen italienischen Dörfchens gefangen genommen, selbst wenn man das Land nur aus dem Fernsehen kennt.

Die skurillen Figuren tun ihr Übriges dazu. Wie Donato, dessen neuer Fiat ebenfalls von dem Raketenwerfer zerstört wurde und der sein Schlafzimmer an ein Fernsehteam vermietet, weil man von dort aus einen guten Blick auf das Geiselhaus hat. Oder die alte Constanza, die in Gedanken immer noch den Zweiten Weltkrieg durchlebt und in den schwarzen Uniformen des italienischen Sondereinsatzkommandos die ehemaligen deutschen Besatzer sieht. Alle Landsleute, die sich ihr in den Weg stellen, sind in ihren Augen Kollaborateure. Sie widmet sich mit Hingabe dem Widerstand gegen die vermeintlichen feindlichen Soldaten.

Das Allerwichtigste bei einer Minestrone, das, worauf es wirklich ankam, was den Unterschied ausmachte und den Genuss zu einem unvergesslichen Erlebnis werden ließ, war jedoch die Brühe. (…) Constanza warf ein Lorbeerblatt und ein wenig Petersilie in die sanft brodelnde Flüssigkeit. Dann kippte sie aus dem kleinen braunen Fläschchen einen Spritzer Jod dazu. (…) Auf das destilierte Wasser verzichtete Constanza und nahm dafür etwas mehr Fleckenentferner. (…) Die Flüssigkeit in der Flasche mit dem verblassten Totenkopf auf dem Etikett schien ziemlich würzig zu sein. Also lieber nur ein paar Tropfen zugeben. Hoppla! Na ja, es war ja auch eine Riesenportion Suppe. Am Schluss kam die Hauptsache, das Rizinusöl. Eine halbe Flasche davon musste Constanza schon nehmen. Sie wollte nicht am falschen Fleck sparen.

Nach »Die Vipern von Montesecco« (2005) und »Die Drachen von Montesecco« (2007) der dritte Montesecco-Roman. Die Geschichten sind in sich geschlossen, können also in beliebiger Reihenfolge gelesen werden, und sind alle gleichermaßen zu empfehlen.

Bernhard Jaumann: Die Augen der Medusa | Deutsch
Aufbau Verlag 2008 | 296 Seiten | amazon-info

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