Schrecklich amüsant ...6:45 Uhr: Ein dreifacher Gong aus dem Lautsprecher und eine unaufgeregte Frauenstimme wünscht einen guten Morgen, sagt Datum und Wetterbericht an usw. Sie spricht ein weichgespültes Englisch, wiederholt das Ganze auf Französisch mit Elsässer Akzent und dann auch auf Deutsch. Selbst auf Deutsch gelingt ihr ein geradezu postkoitales Timbre. Das ist nicht mehr die Durchsagestimme von Pier 21, aber sie verfügt über genau die gleiche edle Präsenz wie ein teures Parfum.

Im Bekannten- und Verwandtenkreis kommen Kreuzfahrten immer mehr in Mode. Nachvollziehen kann ich das nicht. Denn man hat ja so seine Vorurteile. Eine fundierte Meinung ist natürlich besser. Deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als mich einmal näher mit dieser Art von Urlaubsreisen zu befassen. Wie schön, dass ein Autor wie David Foster Wallace, den ich immer schon mal lesen wollte, ein Buch darüber geschrieben hat.

Vom 11. bis 18. März 1995 unternahm der damals 33-jährige Wallace freiwillig und gegen Bezahlung eine siebentägige Karibik-Kreuzfahrt an Bord der »Zenith«, einem 47.255-Tonnen-Schiff der Celebrity Cruises Inc. mit Heimathafen in Südflorida. Die Eindrücke dieser Fahrt – vom Boarding am Pier 21 bis kurz vor »Wiedereintritt in das normale, selbstverantwortliche Landrattenleben« – hat er in dem Reise-Tagebuch »Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich« festgehalten.

Wallace beschäftigt sich nicht mit den Orten, die er mit dem Luxusdampfer bereist, sondern mit den Orten an Bord und dem dortigen Treiben. Er beleuchtet das gedrillte Service-Personal, die Dekadenz mancher Mitreisenden, den Nepp der kurzen Landgänge und das Gefühl der Nutzlosigkeit, das einem befällt, wenn persönliche Stewards von morgens bis abends um einen herumscharwenzeln, sofern man sie überhaupt bemerkt.

Verliebtheit in die rehäugige Petra hin oder her, Tatsache ist, dass ich meinen liebreizenden Kabinensteward kaum zu Gesicht bekomme. Dass sie hingegen mich sieht, dafür gibt es starke Anhaltspunkte. Denn immer, wenn ich Kabine 1009 für mehr als eine halbe Stunde verlasse, ist nachher klar Schiff gemacht, sind die Handtücher ausgewechselt, die Flächen gewischt, glänzt das Bad wie neu. (…) Das mysteröse, unsichtbare Aufräum-Kommando an Bord ist definitiv eine tolle Sache – der Traum jedes schlunzigen Menschen, dass jemand kommt, das Zimmer entschlunzt und sich danach in Luft auflöst.

Auch wenn dieses Zitat vielleicht einen anderen Eindruck erweckt: Richtig glücklich ist Wallace über diese Begebenheiten nicht. Im Gegenteil. Er spricht an einer Stelle von »Verwöhn-Paranoia« und im Sinne des Buchtitels stellt er schließlich unmissverständlich klar:

… ihr ganzes Gedöns zeigt nur, dass ihr Gast stört. An Bord herrscht zwar nicht unbedingt die Teppichschaum-und-Schonbezug-Philosophie des analen Gastgebertyps, doch die psychische Aura der permanenten Raumpflege ist dieselbe: Der Gast soll keine Spuren hinterlassen, sondern möglichst bald verschwinden.

Menschen, die solchen Urlaubsreisen etwas abgewinnen können, werden »Schrecklich amüsant« sicher schon nach wenigen Seiten verständnislos beiseite legen oder es gar nicht erst in die Hand nehmen.

Menschen wie ich, die Exkursionen unter der Dunstglocke von Reisegruppen grundsätzlich ablehnen, werden sich in ihren Vorurteilen bestätigt fühlen. Ihnen bietet das Buch nicht viel Neues. Es macht aber Spaß, sich die touristische Massenverschiffung von einem sympathischen, aufmerksam beobachtenden und klug urteilenden Schriftsteller wie David Foster Wallace erklären zu lassen. Sein finales Werk »Unendlicher Spaß – Infinite Jest« steht deshalb schon auf der Liste der Bücher, die ich unbedingt noch lesen will. Da ich nicht auf Kreuzfahrt gehe, werde ich sicher noch die Zeit finden, mich den 1.648 Seiten dieses Buches zu stellen.

David Foster Wallace: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich
Deutsch von Marcus Ingendaay | Goldmann 2006 | 184 Seiten | amazon-info


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Mark Costello: Paranoia

ParanoiaMit der Zeit entdeckte er Löcher, die die Planer nicht stopfen konnten. Die Chefs gerieten in Panik und stellten ihn kalt. Notizen, Tabellen und Diagramme – alles verbrannten sie auf der Erde vor dem Bunker. Weil sie ein wenig zu viel flüssigen Kohleanzünder verwendeten, griff das Feuer auf einige Maispflanzen über, die brannten, wie aufrecht stehende Fackeln. Sie löschten seine Disketten und die Festplatten auf seinem PC, doch Felker wollte behilflich sein und verriet ihnen, man könne eine Festplatte nicht löschen, man müsse sie sozusagen überschreiben. Als er erläuterte, was er mit »Überschreiben« meinte, verloren die Trottel die Geduld. Sie brachten seinen PC auf den Übungsparkplatz und schlugen so lange auf das Ding ein, bis es völlig zerstückelt war, dann schlugen sie auf die Stücke ein, bis sie nur noch Brocken waren, dann hopsten sie auf den Brocken herum, so dass sie aussahen wie Sizilianer bei der Weinherstellung. Felker hielt ihre Jacketts, sah ungerührt zu, und aß einen gerösteten Maiskolben, den er aus dem Dreck gerettet hatte.

Ich las das Buch vor Jahren zum ersten Mal bei seinem Erscheinen und es gefiel mir trotz vieler guter Passagen nicht so richtig, weil ich es der Werbung folgend als Thriller las und dementsprechend enttäuscht war. »Paranoia« ist ein Sittengemälde der US-Gesellschaft und die Tatsache, dass viele der Figuren zum Secret Service gehören und den Vize-Präsidenten schützen müssen, macht noch keinen Thriller. Das Buch lässt sich treffender als eine Mischung aus Robert Altmans »Short Cuts« und »In the line of fire« mit Clint Eastwood beschreiben.

Es handelt von Vi Asplund, einer jungen Agentin des Secret Service, und ihrem Bruder Jens, einem Computergenie, das an einem Internetrollenspiel namens »BigIf« mitarbeitet. Nach der Lektüre des Klappentextes könnte man annehmen, dass es sich bei Vi um die Hauptfigur handelt, aber sie ist nur Mitglied eines großen Ensembles, das aus ihren Arbeitskollegen und ihrer Familie besteht. In jedem Kapitel nimmt sich das Buch eines anderen Charakters an. So wird zwar ein breites Gesellschaftsspektrum abgedeckt, doch gelegentlich vermisst man eine durchgängige Identifikationsfigur oder würde gerne von grandiosen Figuren wie Lloyd Felker mehr erfahren.

Das Privatleben der Agenten wird dem aufreibenden Berufsleben gegenübergestellt. Die ständige Anspannung, die sich nie richtig löst, die Frustration, all das wird auf beklemmende Weise gezeigt. Manche trösten sich mit Affären, andere mit ausgefallenen Hobbys. Amouröse Abenteuer untereinander bzw. mit den Ehepartnern der Kollegen wirken sich als zusätzliche Belastungen aus. Der Humor, der immer wieder fast unauffällig auftaucht, ist einfach köstlich, und die todernste und sachliche Szenerie macht ihn nur umso komischer. Zum Beispiel die Szene, in der eine verzweifelte Immobilienmaklerin ihre wählerische Klientin unter Hypnose setzt, damit diese in Trance ihr Traumhaus beschreibt:

»Betreten Sie jetzt Ihr Haus. Sagen Sie mir, was Sie sehen.«

»Ein Musikzimmer im ersten Stock, einen verglasten Wintergarten. Etwas Geschwungenes, Schmiedeeisernes, einen Käfig für einen Singvogel. Ich sehe Jerzy mit unserer Tochter in der Auffahrt. Wir sind zwanzig Jahre in der Zukunft. Sie umarmen einander. Der Wagen ist beladen. Unsere Tochter ist wunderschön und hat goldenes Haar, und Jerzy ist so zufrieden. Sie fährt zum Studium, nach Yale. Nein, Moment … Sie studiert in Wheaton. In Yale hat man sie nicht genommen, und in Wellesley steht sie auf der Warteliste.«

»Tief durchatmen, Laura. Gut. Erzählen Sie mir nur, was Sie sehen.«

»Jerzy umarmt sie zum Abschied, und … Moment mal, das ist ja gar nicht unsere Tochter. Warum küsst er sie?«

»Das Haus, Lauren, befassen Sie sich wieder mit dem Haus.«

Auf dem Umschlag kann man Lobeshymnen von David Foster Wallace und Jonathan Franzen lesen. Beides gute Freunde des Autors, aber trotzdem handelt es sich nicht um Gefälligkeiten. Costello hat mit den beiden viel gemein: Sein Blick für die Details, das genaue Hinsehen bei zwischenmenschlichen Beziehungen, die intelligente Analyse gesellschaftlicher Zustände und nicht zuletzt deren satirische Überhöhung.

Mark Costello: Paranoia | Deutsch von Hans M. Herzog
Goldmann 2004 | 350 Seiten | amazon-info