Denis Johnson: Keine Bewegung!

Keine Bewegung!Sie schlief mit ihm wie eine betrunkene Nonne, und das gefiel ihm, aber die Unterhaltung danach war kein bisschen ziellos und entspannt.

»Im Grunde«, sagte er, »willst du doch Rache.«

»Ja. Ich habe manchmal Rachephantasien. Willst du wissen, wie krank die sind?«

»Nein.«

Harte Jungs und noch viel härtere Damen bevölkern diesen hard-boiled-Krimi. Jimmy Luntz ist Friseur, Chorsänger und Spieler. Als sich der Geldeintreiber Gambol seine Kniescheiben vornehmen möchte, wehrt er sich und lässt den Mann angeschossen liegen. In einer Karaoke-Bar trifft er auf die glamouröse Anita, die mehrere Klassen über ihm steht. Doch reichlich Alkohol und eine günstige Laune des Schicksals führen dazu, dass Jimmy Luntz über seinen Verhältnissen verkehren darf. Anita ist nicht nur unglaublich abgebrüht, sondern auch in einen Betrug verwickelt, in dem es um einige Millionen geht.

Gambol wird unterdessen von der ehemaligen Krankenschwester Mary gepflegt und nimmt dann mit ihr zusammen die Verfolgung auf. Dieser Teil der Handlung erinnert sehr an »The Getaway«. Thompson und Peckinpah würden sicher wohlwollend zustimmen.

»Das sieht gut aus. Ich meine, die Nähte und so weiter, sehr professionell. Warst du mal im Krieg?«

»Ich war damals auf einem Lazarettschiff vor Panama und später, im ersten Golfkrieg, in einem Militärkrankenhaus in Frankfurt. Und 2003 sechs Monate im Irak.«

»Alle Achtung. Und wo ist die Ausrüstung her?«

»Geklaut. Ich arbeite manchmal als Aushilfe in verschiedenen Arztpraxen. Und im Krankenhaus.«

»Und dann verkaufst du das Zeug von deiner Garage aus, oder was?«

»Nein. Ich klaue es einfach nur gern.«

»Keine Bewegung!« erschien zuerst als Fortsetzungsgeschichte im amerikanischen Playboy. Es handelt sich um klassische Pulp Fiction: Gangster und Verlierer, die sich gegenseitig austricksen oder umbringen wollen. Es gibt keine coolen Schießereien oder Posen, sondern nur brutale Gewalt. Luntz’ Gegner erzählen gerne, wie sie gemeinsam die Hoden eines Gegners verspeisten. Dasselbe Schicksal haben sie auch ihm zugedacht.

Johnson spielt mit den Konventionen des Genre und fügt ihm thematisch nichts Neues hinzu. Inhaltlich eine Geschichte, wie man sie hundertfach lesen kann. Doch sprachlich einfach herausragend, mit Beschreibungen, die sich einprägen: Während ein Auto schleudert, wird »die Landschaft über die Windschutzscheibe geschmiert«.

Großartige Bilder, bitterer Humor und Spannung bis zum Ende. Ebenso unerbittlich und kraftvoll wie Cormac McCarthys »No country for old men«. Eine Mischung aus Elmore Leonard und Charles Willeford, mit bestens funktionierenden lakonischen Dialogen, die sich über das Papier erheben und dem Leser ein ums andere Mal ein Lächeln aufs Gesicht zaubern:

»Hast du mal jemanden gekannt, der dann umgebracht wurde?«

Sie war weiß und fahl neben ihm. »Die Toten kommen wieder. Der Tod ist nicht das Ende.«

»Seien wir optimistisch“, sagte er, »und nehmen wir an, dass das Schwachsinn ist.«

»Nachts kannst du sie am anderen Ufer stehen sehen.«

»Das klingt wie Delirium tremens.«

Denis Johnson: Keine Bewegung! | Deutsch von Bettina Abarbanell
Rowohlt 2010 | 208 Seiten | amazon-info



Daniel Depp: Stadt der Verlierer

Stadt der Verlierer»Wir arbeiten jetzt für Bobby Dye. Das wollte ich dir bloß gesagt haben.«

»Super. Und was genau machen wir für ihn?«

»Er wird erpresst.«

»Ich dachte, sein Leben wird bedroht.«

»Das war gestern«, sagte Spandau. »Heute wird er erpresst. So schnell kann’s gehen im Showbusiness.«

Das erste Kapitel des Buches macht keinen besonderen Eindruck. Zwei kleine Gauner sollen eine minderjährige Drogentote aus einer Hollywood-Villa entsorgen, poltern tollpatschig und labernd durch die Szene. Von Dialogen erwartet man, dass sie geschliffen, witzig oder zumindest interessant sind. An dieser Stelle sucht man vergebens. Streitereien zwischen zwei grenzdebilen Kleingangstern in epischer Breite darzustellen, mag zwar seit Tarantino als hip gelten oder ein Versuch von Authenzität sein, aber hier wirkt es nur ermüdend.

Dieser erste Eindruck wird im zweiten Kapitel sofort weggewischt: Auftritt David Spandau, ehemaliger Stuntman, Gelegenheits-Rodeoreiter und Privatdetektiv mit Fachgebiet Hollywood, in Armanianzug und Cowboystiefel. Eine prägnante Figur, die zwar das Genre nicht neu erfindet, aber einen soliden guten Eindruck macht. Mit einer guten Hauptfigur steht man bereitwillig einiges durch, sogar einer mittelmäßigen Story.

Seien wir ehrlich, keiner mag »Big Lebowski« so sehr wegen seiner Krimihandlung. Die ist auch hier schnell erzählt: Berühmter Hollywoodstar wird wegen des toten Mädchens vom Anfang erpresst, in dem grottigen Filmdebüt eines Nachtclubbesitzers mitzuspielen. Spandau soll es richten.

Er ruft seinen Freund Terry McGuinn zur Hilfe, einen kleinen, trinkfesten Iren mit Kampfsporterfahrung. Zunächst muss man ihn für den klassischen Sidekick halten, doch schnell zeigt sich, dass er weit mehr ist, als der Handlanger und Stichwortgeber des Helden. Am Ende wird er sogar zur tragischen Figur des Romans.

In der zweiten Hälfte tritt Spandau immer mehr in den Hintergrund und überlässt verschiedenen Nebenfiguren die Bühne, unter anderen einem Nachtclubbesitzer mit Mafiaverbindungen, seinen beiden Schlägern und der begehrten Geschäftsführerin des Clubs. Depp zeigt sehr viel Sympathie für seine Figuren und scheint sogar einigen üblen Figuren ein Happy End zu gönnen. Doch er ist ein gewitzter Autor und lässt seine kleinen Loser nur deshalb ihr Kinn heben, um es in eine bessere Position für den endgültigen Niederschlag zu bringen. Das ist mal mehr, mal weniger überraschend, aber immer packend und oftmals ergreifend.

Das Buch erinnert sehr an die Romane von Elmore Leonard, nur etwas gefälliger in der Handlungsführung. Hollywood eben. Dass dort jeder jeden betrügt und die Stadt L.A. ein Haifischbecken ist, sind nicht unbedingt neue oder überraschende Erkenntnisse. Man muss auch kein Insider sein, um sich das Schicksal alternder Schauspieler vorzustellen, die keine Rollenangebote mehr bekommen und in der Versenkung verschwinden. Was mir jedoch sehr gefallen hat, sind die positiven Aspekte, die der Autor seiner Stadt abgewinnt.

Spandau war nie klargewesen, warum er hier wohnen blieb und was ihn immer wieder nach L.A. zurückkehren ließ, bis er eines Nachts in Nevada mit einem betrunkenen Cowboy ins Gespräch gekommen war, der sich in eine abgetakelte Nutte verliebt hatte. Schon wahr, sagte der Cowboy, sie sei alt, geldgeil und komplett verlottert. Aber wenn sie schlief, hatte sie manchmal das Gesicht eines jungen Mädchens, und in dieses junge Mädchen verliebte sich der Cowboy immer wieder neu. Außerdem fügte er noch hinzu, habe sie, wenn sie in der richtigen Stimmung sei, Tricks auf Lager, mit denen sie einen Mann unendlich glücklich machen könne.

Daniel Depp ist der Halbbruder des Schauspielers Johnny Depp und war für das Drehbuch zu dessen Regiedebüt »The Brave« in Cannes für die Goldene Palme nominiert. Sein Romandebüt »Stadt der Verlierer« ist eine angenehme und sehr unterhaltsame Lektüre mit einem Helden, der tatsächlich Profil besitzt und nicht nur aus einer Ansammlung von Eigenschaften besteht. Laut Klappentext schreibt der Autor bereits an einem zweiten Spandau-Krimi. Ich werde ihn lesen.

Daniel Depp: Stadt der Verlierer | Deutsch von Regina Rawlinson
C. Bertelsmann 2009 | 318 Seiten | amazon-info

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