Ingvar Ambjørnsen: Den Oridongo hinauf

Vorgestellt von Hardy Crueger in Moderne Literatur am 9. Juli 2012

Den Oridongo hinaufIst es überhaupt möglich, sich vorzustellen, dass Frauen es auch so treiben? Ich weiß nicht. Ich werde es nie erfahren. Eine Frau, die von einem starken und liebevollen Mann auf den Felsen gezogen wird, so wie ich als Mann von einer starken und wunderbaren Frau an Land gerettet worden bin, und dann fantasiert man einfach von einer anderen? Ich glaube, das kommt vom Testosteron. Das Alphatier, das dazu verurteilt ist, seinen Samen in jedes Loch und jeden Spalt zu spritzen. Denn Ellen Svendsen ist nicht die einzige, der ich in meinen Träumen den Overall vom Leib reiße, es gibt auch noch andere.

Vaksøy, eine norwegische Insel mit etwas über 1000 Bewohnern. Die Gemeinde freut sich über jeden Zuwachs. Auch über Ulf Vågsvik? Den mysteriösen, unbekannten Mann in den 50ern? Das kann man nicht so genau sagen. Vor einigen Jahren hat er Oslo verlassen und kam nur mit kleinem Gepäck auf die Insel, um zu bleiben. Sehr zur Überraschung seiner Brieffreundin Berit. Die hatte zwar versprochen, er können sie jederzeit besuchen. Aber als er dann wirklich am Strand von Vaksøy steht, ist sie doch etwas verwirrt. Damit beginnt die Geschichte, die Ingvar Ambjørnsen so fein und perfekt webt wie den feinsten Seidenstoff.

Ulf ist zwar irgendwie »komisch«, aber auf der abgelegenen Insel in Nordwestnorwegen ist das nichts Besonderes. Er hat sein Päckchen zu tragen, so wie Berit ihres zu tragen hat, und all die anderen die ihren. Was genau in Ulfs Päckchen enthalten ist, das wird nur hin und wieder angedeutet und lässt viel Raum für kreative Spekulationen. Ulf scheint hilflos dem Schicksal ausgeliefert zu sein – aber warum? Was in den kurzen Passagen, die seine Reise den Oridongo hinauf geschildert wird, ist schrecklich genug. Der Oridongo, der Fluss in Afrika, der ihm das Haar gekostet hat, aber das Leben geschenkt.

Ulf lebt seit ein paar Jahren bei Berit auf der Insel, als die Inselgemeinschaft weiteren Zuwachs bekommen soll: Eine junge Familie aus Holland (Vater, Mutter, Tochter, Sohn) hat das alte Schulhaus gekauft. Die Neubürger sollen mit einer schönen Feier Willkommen geheißen werden. Aber dann schlägt das Schicksal so unbarmherzig und grausam zu, wie es nur kann.

Man kann vermuten, dass Ulfs Päckchen durch den Schlag ein wenig geöffnet wird, denn der Sohn der Familie verschwindet auf mysteriöse Weise. Erst nach ein paar Tagen findet Ulf ihn – stumm, apathisch, gebrochen. Ulf versucht zu helfen, aber kann der Lahme einen Lahmen stützen?

Es geht Ihm gut. Wir geben ihm etwas Warmes zu trinken. Tee. Kakao. Es geht ihm gut. Er sagt nichts, aber er scheint unversehrt zu sein.

Auf alles Plakative und jegliches Actiongehabe verzichtend erzählt Ambjørnsen eine spannende Geschichte, die sich auf die Assoziationsgabe des Lesers verlässt. Ein literarischer, äußerst sensibler und poetischer Roman, meisterhaft aufgeschrieben, und im Bücherschrank gut aufgehoben zwischen Cormac McCarthy und Håkan Nesser.

Ingvar Ambjørnsen: Den Oridongo hinauf | Deutsch von Gabriele Haefs
Edition Nautilus 2012 | 256 Seiten | amazon-info

Åsa Larsson: Bis dein Zorn sich legt

Vorgestellt von Hardy Crueger in Genreliteratur am 27. März 2011

Bis dein Zorn sich legtDer Geist der Ermordeten schwebt über den Dingen.

Hjalmar Krekula ist wach. Er steht auf seinem Hofplatz wie ein sommerfetter Bär. Gekleidet nur in lange Unterhose und T-Shirt. Zwei Raben sitzen auf seinem Dach. Sie stoßen ihre schnarrenden Laute aus. Hjalmar versucht, sie zu verjagen. Er holt Holzscheite aus dem Schuppen und bewirft die Raben damit. Er wagt nicht, zu schreien und zu brüllen, das Dorf schläft doch noch. Er kann nicht schlafen und klagt in Gedanken die schwarzen Vögel und das Licht und vielleicht etwas Unpassendes an, das er gegessen hat.

Die Raben heben mit einigen Flügelschlägen ab und ziehen auf eine hohe Kiefer um. Die wird er nicht mehr los. Und in dieser Nacht ist mein Leichnam gefunden worden. Vielleicht wird jetzt im Dorf geredet werden. Endlich.

In einem zugefrorenen See in Nordschweden macht ein junges Paar einen Tauchgang unter dem Eis. Plötzlich wird die Sicherungsleine zerschnitten. Die Frau findet glücklicher Weise das Einstiegloch im Eis wieder. Sie hat nur noch für ein paar Minuten Sauerstoff. Aber das Loch ist mit dem Türblatt eines Schuppens bedeckt. Darauf steht ein Mann …

So beginnt der Krimi von Åsa Larsson um die Staatsanwältin Rebecka Martinsson im nordschwedischen Kiruna. Grausam, wie es sich für einen Krimi gehört. Erst als das Eis taut, findet man die Leiche der Frau – allerdings in einem Fluss. Das Seewasser in der Lunge weist darauf hin, dass der Fundort nicht der Tatort sein kann. Die Ermittlungen führen die Staatsanwältin in ein winziges Dorf, in dem nur ein paar Familien wohnen, die so kaputt sind, wie man es in dem betulichen Schweden nicht vermutet hätte.

Da ist der alte aggressive Vater, der allerdings schon bettlägerig ist. Die Aggressionen tragen jetzt seine Söhne in die Welt. Und da ist die Mutter, die einstige Schönheit und immer noch hochnäsig – aber mit miesem Charakter und ordentlich Dreck am Stecken. Nebenan wohnt deren Schwester, bei der wiederum die ermordete Frau wohnte. Eine gepiercte Stadtflüchtige, die bei der Großmutter auf dem Land Ruhe fand. Die Ruhe des Todes.

Bei ihren Recherchen trifft die Staatsanwältin auf alte Leute, die lieber schweigen als reden. Wenn sie herausfindet warum, dann ist der Fall gelöst. Natürlich steckt das Geheimnis in der Vergangenheit. Denn die beiden Taucher haben ein altes Flugzeugwrack gesucht, das seit dem zweiten Weltkrieg da unten im See liegen soll. Wenn das der Grund war, warum das Pärchen hatte sterben müssen: Was sind denn da für Beweise drin, die nach all den Jahren noch jemanden verraten könnten? Und da liegt die Schwäche des ansonsten fein gesponnenen, gut geschriebenen Krimis. Was kann da schon drin liegen, nach sechzig Jahren?

Die für die weibliche Leserschaft mit viel Herzschmerz und Tagestragik vermengte Geschichte ist spannend. Durch den Part der Ermordeten, die als Geist das Geschehen beobachtet und Einfluss auf die Intuition der Protagonistin nimmt, bekommt der Roman eine innovative Note. Dieser Kunstgriff zielt vor allen Dingen auf esoterische Kunden ab, aber er ist wirklich gut gelungen.

Ein Krimi, hervorragend übersetzt von der gewieften Gabriele Haefs, der mich ein wenig an Håkan Nessers »Kim Novak badete nie im See von Genezareth« erinnert hat und den man auf jeden Fall weiter empfehlen kann.

Åsa Larsson: Bis dein Zorn sich legt | Deutsch von Gabriele Haefs
btb 2010 | 352 Seiten | amazon-info

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