Stephen King: Die Arena

Die Arena»We all support the team.«

Castle Rock, Derry, Haven. Drei fiktive amerikanische Kleinstädte in Neuengland, entsprungen der schier unermesslichen Phantasie des Stephen King und Schauplatz in einem oder mehreren Romanen des Großmeisters des Schreckens.

Und nun: Chester’s Mill. Urplötzlich stülpt sich eine unsichtbare Kuppel über die Stadt und verändert das Leben der Einwohner schlagartig. Woher kommt diese seltsame Barriere und welcher Zweck wird durch sie verfolgt? Handelt es sich um ein perfides militärisches Experiment, bei dem die ahnungslosen Einwohner zu menschlichen Versuchskaninchen degradiert werden oder liegt hier gar ein nie dagewesener Fall von Massenhypnose vor (und falls ja – wer ist der Urheber?)?

Nach einer unrühmlichen Parkplatzprügelei hat der Aushilfskoch und hochdekorierte Irakveteran Dale »Barbie« Barbara die Nase gestrichen voll von diesem miefigen Provinznest, doch bevor er seine Abwanderungspläne in die Realität umsetzen kann, macht ihm die unheimliche Kuppel einen Strich durch die Rechnung. Schnell wird Barbie zur Kontaktperson für die Menschen außerhalb der Kuppel, vor allem für Colonel Cox, seinen ehemaligen Mitstreiter im Irak, der als Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte mit allen Befugnissen ausgestattet ist, die Kuppel zu zerstören. Als aber das Militär auf die Idee verfällt, einen Marschflugkörper auf die Barriere abzufeuern, kommen nicht nur Barbie Bedenken.

Die Interessen der Stadt werden durch den Stadtverordneten Andy Sanders gewahrt, dem seine beiden Vertreter »Big Jim« Rennie, hauptberuflich seines Zeichens schmierigster Gebrauchtwagenverkäufer von ganz Neuengland, und Andrea Grinnell, tablettensüchtige dritte Stadtverordnete, mehr oder wenig tatkräftig zur Seite stehen. Ohnehin ist es Jim Rennie, der im Hintergrund seine Fäden zieht und als mächtigster Mann von Chester’s Mill gelten muss, wobei er keinerlei Skrupel hat, seine unredlichen Interessen auch mithilfe von unlauteren Mitteln durchzusetzen. Da kommt ihm der tumbe Andy Sanders als Prellbock gerade recht, denn wenn es mal hart auf hart kommt, ist »Big Jim« ja offiziell nur der Vertreter des ersten Abgeordneten.

Und so lenkt Rennie zunächst eher im Hintergrund die Geschicke der kleinen Stadt. Als dann aber das Erscheinen der Kuppel alles verändert und die verstörten und panischen Einwohner nach Sicherheit und Führung suchen, schwingt sich der Kleinstadtgangster plötzlich zum Diktator auf.

Der Roman von Stephen King lebt zum einen von den zahlreich auftretenden schillernden Figuren, sei es z. B. Junior, der psychotische (und an einem zunächst nicht diagnostizierten Gehirntumor leidende) Sohn von Big Jim, oder Chef Bushey, der im Sendezentrum des geistlichen Musiksenders sehr zweifelhaften Geschäften nachgeht. Zum anderen hat der »King of Horror« das Kunststück geschafft, einen fast 1300seitigen Roman zu schreiben, der tatsächlich ohne Längen auskommt. Sobald der Leser die »Arena« betreten hat, bleibt ihm keine andere Wahl als wie im Fieberwahn der rasanten Erzählung zu folgen.

Stephen King gilt gemeinhin als Horror-Schriftsteller, obwohl viele seiner Romane nicht wirklich diesem Genre zuzurechnen sind. Auch »Under the dome«, so der Originaltitel, enthält nur wenige wirkliche Horrorelemente. Es fließt zwar einiges an Blut und so manche Szene dürfte allzu zart besaiteten Gemütern arg im Magen liegen, aber in erster Linie ist der Roman eine faszinierende Sezierung eines sozialen Netzwerkes sowie dessen Mutation in einer absoluten Extremsituation.

Stephen King: Die Arena | Deutsch von Wulf Bergner
Heyne 2009 | 1.280 Seiten | amazon-info


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Andreas Zwengel: Die Welt am Abgrund

wDie Welt am AbgrundWenn heißblütige Helden sich mit dem rasenden Herz des chinesischen Boxeraufstandes mörderische Schlachten liefern und anderenorts bei Ausgrabungen überdimensionale Raupenbohrer sich zu Zeiten des Kaiserreiches mit schier unfassbarem Getöse durch dunkle, widerspenstige Gesteinsschichten quälen und seltsame Symbole undefinierbaren Ursprungs an voneinander unabhängigen Plätzen in Europa auftauchen, wenn bleiche Gestalten in dunklen unterirdischen Gängen wandeln und Buffalo Bills WildWestShow die letzte Rettung für die Welt oberhalb des Erdmittelpunktes ist – dann kann es sich nur um das phantastische Panoptikum des Andreas Zwengel handeln.

Einem Husarenritt gleich jagt er uns durch Raum und Zeit, verwurschtelt aufs Gekonnteste Jules Vernes »Reise zum Mittelpunkt der Erde« mit Stephen Kings »Feuerkind« und der fiktiven Jungfernfahrt der ersten Berliner Untergrundbahn. So wild sich das zunächst auch anhören mag: Beim Lesen des Buches nimmt man ihm jeden noch so kleinen (oder großen) Hakenschlag ab. »Die Welt am Abgrund« ist ein wilder Genremix, ein reines Feuerwerk an Sujets.

»Sie meinen, ganz Europa ist unterhöhlt?«

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert häufen sich mysteriöse Zeichen. Grubenunglücke und Sabotageakte behindern in auffälliger Weise das Fortschreiten der industriellen Revolution. Während sich im chinesischen Raum der Widerstand offen zeigt, scheint andernorts im Geheimen interveniert zu werden. Wie sonst ließe sich diese Häufung merkwürdiger Ereignisse erklären? Als dann auch noch über ganz Europa verteilt seltsam anmutende Zeichen entdeckt werden, sieht sich das Auswärtige Amt genötigt, den unheimlichen Vorkommnissen nachzugehen, in aller Heimlichkeit versteht sich. Ein desillusionierter Ex-Polizist und ein misanthropischer Gelehrter werden beauftragt, das Geheimnis zu lösen.

»Sie haben Angst, dass jemand von meiner Existenz erfährt.«

Was hat es mit dem seltsamen Mädchen auf sich, das unvorstellbare Kräfte in sich birgt? Und woher kommt dieser ungewöhnliche Mann, der sich in einer fremden Sprache als ihr Vater zu erkennen gibt?

»Was für ein Mensch bist Du nur?«

Wer ist diese ungewöhnlich schöne und gleichzeitig eiskalte Frau namens Marie Frost (Nomen est Omen!)? Und welche Ziele verfolgt sie?

»Versprechen Sie mir, kein Aufsehen zu erregen?«

Das Undercoverduo Seyferd und Piscator muss mehr als einmal Kopf und Kragen riskieren (incl. eines unfreiwilligen Sanatoriumaufenthaltes), nur um schließlich unter Tage dem finalen Showdown beizuwohnen. Nur gut, wenn man da auf die Hilfe gestandener Cowboys zählen kann…

»Die Welt am Abgrund« ist ein Paradeexemplar der Steampunkbewegung. Schade nur, dass der Spaß nach nur 243 Seiten schon zu Ende ist.

Andreas Zwengel: Die Welt am Abgrund | Deutsch
Persimplex 2009 | 243 Seiten | amazon-info

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Joe R. Lansdale: Die Wälder am Fluss

Die Wälder am FlussDamals, in den dreißiger Jahren, konnte es passieren, dass ein paar Bezirke weiter ein Mord geschah, von dem man nie etwas erfuhr, wenn man nicht zufällig mit dem Opfer oder dem Täter verwandt war. Wie gesagt: Nachrichten brauchten ziemlich lange, und jeder im Bezirk sprach und vollstreckte seine eigenen Urteile. Es gab Zeiten, wo es besser gewesen wäre, wenn Nachrichten sich schneller verbreitet hätten, oder wenn sie sich überhaupt verbreitet hätten…

Der elfjährige Harry Crane lebt während der großen Depression in den dichten Wäldern am Ufer des Sabine River in Texas. Sein Vater ist Friseur und Constable des kleinen Dorfes und wird mit einem besonders brutalen Mord an einer schwarzen Frau konfrontiert. Als kurz darauf auch weiße Frauen ermodet werden, breitet sich Panik in der kleinen Südstaatengemeinde aus, die schnell in Lynchjustiz ausartet. Es beginnt die Hetzjagd auf einen mysteriösen Serienmörder. Zusammen mit seiner kleinen Schwester »Tom« kommt Harry auf die Spur des unheimlichen Ziegenmannes.

Ich fühlte mich seltsam, als ich sie ansah. Es war derselbe Körper, den ich gefunden hatte, aber in besagter Nacht hatte er riesig und schrecklich ausgesehen. Jetzt sah er klein, geschwollen und traurig aus – und plötzlich wie ein Mensch. Jemandes Geist hatte diesen Körper bewohnt, er war lebendig gewesen; er hatte gegessen, gelacht und Pläne geschmiedet. Jetzt war es nur noch die mitleiderregende Schale verwüsteten Fleisches…

Das Buch beschreibt eine archaische Welt aus Gewalt und Rassismus, in der die Familie des jungen Helden täglich um ihr Überleben kämpfen muss, aber trotzdem nie ihre Herzlichkeit, ihre Humanität und ihren Optimismus verliert. Es beschreibt das Aufwachsen in schweren Zeiten und das Ende einer fast unbeschwerten Kindheit. Wunderschöne Szenen vom Heranwachsen in unberührter Natur wechseln mit drastischem Realismus der Rassentrennung in den Südstaaten.

Harry erlebt am eigenen Leib, wie viel Mut und Opferbereitschaft es verlangt, in einer erzkonservativen Gesellschaft eine liberale Haltung zu vertreten. Dies allein hätte für ein spannendes Buch gereicht, aber da es gibt noch die immer häufiger werdenden Auftritte des geheimnisvollen Ziegenmannes, die so unerwartet hereinbrechen, dass man erschrocken vor dem Buch zurückzuckt.

Joe Lansdale ist einer der bekanntesten Genreschreiber Amerikas, hat unzählige Krimi- und Horrorgeschichten verfasst, von denen einige verfilmt wurden. »Die Wälder am Fluss« ist sein Meisterwerk. Eine Mischung aus »Huckleberry Finn« und »Stand by me« von Stephen King. Es wurde mit dem Edgar Award ausgezeichnet und ist sowohl als Buch als auch in der Hörbuchfassung unbedingt zu empfehlen.

Joe R. Lansdale: Die Wälder am Fluss | Deutsch von Mariana Leky
DuMont 2004 | 366 Seiten | amazon-info

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