Stewart O’Nan: Letzte Nacht

Letzte NachtVor zwei Monaten hatte Manny noch vierundvierzig Leute beschäftigt, zwanzig davon Vollzeit. Wenn er heute Abend die Tür abschließt, werden bis auf fünf alle ihren Job verloren haben, und einer von diesen fünfen – ungerechterweise, denn er war ihr Vorgesetzter – wird er selbst sein. Am Montag werden die Verbliebenen im Olive Garden in Bristol anfangen, eine zusätzliche Viertelstunde Fahrzeit, aber besser als das, was Jacquie und die Übrigen erwartet. In den letzten Wochen hat er an den Empfehlungsschreiben gesessen und versucht, sich etwas Nettes einfallen zu lassen – in manchen Fällen nicht schwer, in anderen fast unmöglich.

Vier Tage vor Weihnachten öffnet Manny DeLeon zum letzten Mal vor der endgültigen Schließung die Filiale der Red-Lobster-Restaurantkette. Die melancholische Eröffnungsszene, in der er alle Maschinen und Geräte überprüft, immer im Bewusstsein, dieses Ritual zum letzten Mal durchzuführen, gibt die Grundstimmung des Buches vor.

Manny ist ein guter Filialleiter, er liebt seine Arbeit und befolgt die Anweisungen der Zentrale. Die meisten Mitarbeiter sind an diesem Tag nicht mehr zur Arbeit erschienen und von denen, die gekommen sind, werden noch einige vor Ablauf ihrer Schicht verschwinden. Manny tut alles, um einen geregelten Ablauf zu sichern, so als handele es sich um einen ganz gewöhnlichen Tag.

Vor dem Lokal herrscht ein Schneesturm, dem sich ohnehin niemand freiwillig aussetzen würde, und so sind die letzten Gäste eine Busladung chinesischer Touristen, die sich beim Muschelessen in einem anderen Restaurant den Magen verdorben haben und nur die Toilette benutzen möchten. Trotzdem wird der Abend nicht langweilig. Alte Feindschaften, interne Streitereien und Eifersüchteleien, kleine Racheakte, Liebeskummer und ein Stromausfall halten die Besetzung des Red Lobster auf Trab, ebenso wie diebische Großmütter, zänkische Mütter mit ihren verzogenen Kindern, unzuverlässige Schneeräumdienste, Trinkgeldknauserer und Gutscheinfuchser. Manny bekommt alles unter die Nase gerieben und jahrelang gehütete Dinge werden gesagt. Er begegnet allem gleichmäßig freundlich und stoisch. Doch in dieser Nacht wird er auch ein ums andere Mal über seinen Schatten springen.

Während Manny die Pappe über das Loch in der Windschutzscheibe des Supra klebt, wird ihm klar, dass keiner auf das Lobster aufpasst, und einen Augenblick gerät er in Panik und stellt sich vor, wie ein Dieb in die Kasse greift oder, was wahrscheinlicher ist, ein älteres Paar am Empfangspult wartet. Aber als er sieht, wie alle mit anpacken, denkt er, dass es schon in Ordnung ist. Dass sie alle zusammen hier sind, ist wichtiger.

In den letzten Minuten vor Geschäftsschluss warten sie gemeinsam vor dem Fernseher auf die Ziehung der Lottozahlen, immerhin geht es um einen Jackpot von 325 Millionen Dollar. Die Gelegenheit für einen billigen Knalleffekt bleibt vom Autor glücklicherweise ungenutzt. Es braucht keine Naturkatastrophe oder einen Lottogewinn, um die Dramatik in dieser Nacht deutlich zu machen.

Als Film wäre »Letzte Nacht« einer jener bittersüßen Kleinstadtfilme, die mitten ins Herz treffen. Für die Verfilmung wünsche ich mir dann folgendes Ende: Die Kamera fährt sachte von den erleuchteten Fenstern rückwärts in die Dunkelheit, während die orchestrale Musik langsam verklingt und vom Einsatz eines Dylan-Songs abgelöst wird. Abspann.

Stewart O’Nan: Letzte Nacht | Deutsch von Thomas Gunkel
Marebuchverlag 2007 | 160 Seiten | amazon-info

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Thomas Böhm (Hrsg.): Weltempfang

Weltempfang. Panorama internationaler AutorenlesungenLesungen sind eine einzigartige Möglichkeit, Erfahrung und Bildung miteinander zu verbinden, Horizonte zu erweitern und Autoren anderer Weltregionen kennenzulernen. So beginnt der Pressetext zum Buch »Weltempfang – Panorama internationaler Autorenlesungen«. Herausgegeben wurde es von Thomas Böhm.

Böhm, Jahrgang 1968, ist der jüngste Programmleiter eines deutschsprachigen Literaturhauses. Seit 1999 hat er für das für das Literaturhaus Köln über 700 literarische Lesungen konzipiert und organisiert. Darüber hinaus vermittelt er das Thema »Lesung« in Buchhändlerschulungen, Autoren- und Universitätsseminaren sowie mit der Internet-Wissensbank www.lesungslabor.de.

Für sein Buch »Weltempfang« hat er eine Reihe erfolgreicher Schriftsteller aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturregionen angesprochen.

In Aufsätzen und Interviews erzählen Stewart O’Nan, T.C. Boyle, Kiran Nagarkar, Kenzaburō Ōe, Michal Hvorecky und weitere namhafte Literaten von ihren Erfahrungen mit Lesungen. Dabei berichten sie nicht nur von ihren Auftritten im eigenen Land. Sie schildern auch ihre Eindrücke von internationalen Lesereisen, bei denen sie nicht selten – bewusst oder unbewusst, gewollt oder unbeabsichtigt – in die Rolle eines Kulturbotschafters ihres Landes schlüpfen.

Es ist erstaunlich, wie groß die Unterschiede allein innerhalb Europas und des westlichen Kulturkreises sein können. In der Slowakei und in Tschechien z. B., so berichtet Michal Hvorecky, fristen Autorenlesungen noch immer ein Mauerblümchendasein. Die Auswahl an Auftrittsmöglichkeiten und das Interesse beim lesenden Publikum sind erschreckend gering, offenbar ein Überbleibsel aus der Zeit des Kommunismus, in der Lesungen »definitiv nicht frei ausgeübt werden« durften. Im krassen Gegensatz dazu stehen die öffentlichen Auftritte des amerikanischen Schriftstellers T.C. Boyle, der in Deutschland regelmäßig ganze Konzerthallen füllt und sich gern daran erinnert, wie er gemeinsam mit der Musikerin Patti Smith im New Yorker Central Park auftrat – vor schätzungsweise 7.000 Besuchern.

Seine Stärken offenbart das Buch von Thomas Böhm jedoch vor allem dann, wenn die Autoren ihre Auftritte – insbesondere vor ausländischem Publikum – analysieren. Der libanesische Dichter Adonis konstatiert: »Die Beurteilung des Erfolges [einer Lesung] ist eine reine Gefühlssache, die ich den Reaktionen der Zuschauer entnehme, die ich aus ihren Augen ablese, aus ihren Reaktionen, wenn sie mich danach um eine Buchsignatur bitten, wenn sie mit mir reden. Ich weiß, dass viele Leser nicht verstehen, was ich sage, die einzelnen Gedichte intellektuell nicht genau nachvollziehen können, aber dass sie diese körperliche und stimmliche Präsenz und die Atmosphäre der Dichtung sehr wohl empfinden können. Und wenn es mir gelingt, diese Atmosphäre herzustellen, spüre ich das auch und bekomme diese Energie zurück.«

»Weltempfang« liefert viele solcher Erkenntnisse und ist daher mehr als nur ein anspruchsvoller Ratgeber für Autoren, die sich auf Lesungen vorbereiten wollen. Das Buch zeigt auch Hindernisse und Gefahren auf, die sich in der Auseinandersetzung mit anderen Sprachen und Kulturen verbirgen, und es leistet einen wertvollen Beitrag für das Verständnis des Zuhörenden gegenüber dem Vortragenden.

Thomas Böhm (Hrsg.): Weltempfang. Panorama int. Autorenlesungen | Deutsch
Tropen 2006 | 188 Seiten | amazon-info