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	<title>Interview Archive - www.tcboyle.de</title>
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	<description>Die deutschsprachige Website über T.C. Boyle</description>
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	<title>Interview Archive - www.tcboyle.de</title>
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		<title>»Es macht kaum einen Unterschied &#8230;«</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norm Sender]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 28 Sep 2003 21:39:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Scrapbook]]></category>
		<category><![CDATA[GALORE]]></category>
		<category><![CDATA[Santa Barbara]]></category>
		<category><![CDATA[Sascha Krüger]]></category>
		<category><![CDATA[T.C. Boyle]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Interview mit T.C. Boyle. Geführt von Sascha Krüger am 28. September 2003 in Boyles Lieblings-Bar Peabody's in Santa Barbara, Kalifornien. Es erschien in einer gekürzten Fassung in der Erstausgabe des Interview-Magazins GALORE, hier das Gespräch in voller Länge.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.tcboyle.de/es-macht-kaum-einen-unterschied/">»Es macht kaum einen Unterschied &#8230;«</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.tcboyle.de">www.tcboyle.de</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="et_pb_section et_pb_section_0 et_section_regular" >
				
				
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><h5 style="text-align: left;">Ein Interview mit T.C. Boyle. Geführt von Sascha Krüger &#8211; für das Interview-Magazin GALORE, am 28. September 2003 in Santa Barbara.</h5></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_1  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><p><b>GALORE: </b>Es ist schön hier in Santa Barbara. Sehr vornehm, still und entspannt. Hier lässt es sich bestimmt hervorragend neue Romane und Geschichten schreiben. Die Aufgabe, der Sie seit nunmehr drei Jahrzehnten nachgehen.</p>
<p><b>T.C. Boyle: </b>Vollkommen. Es leben gute Menschen hier. Nette Leute. Viele davon haben bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Es gibt immer viel zu erzählen an einem Nachmittag wie diesem. Außerdem sind die Farben so intensiv hier. Schauen Sie sich nur die Pflanzen an: Sie wirken wie angesprayt. Das macht das Klima hier am Meer.</p>
<p><b>GALORE:</b> Das Klima macht noch etwas anderes: Nebel. Vorhin in Los Angeles, eineinhalb Stunden Fahrt von hier, hatte es weit über 30 Grad und brennende Sonne. Hier ist dichter Nebel und rund 15 Grad kühler. Ist das immer so?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Häufig. Am Nachmittag reißt es meistens auf, aber auch dann wird es nicht so heiß. Ich mag den Nebel auch sehr.</p>
<p><b>GALORE:</b> Warum das?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Er deckt alles zu, wie ein Winterschlaf. Alles fährt runter, die Geschwindigkeit des Lebens, das Gefühl, dein eigener Biorhythmus. Die Sonne hingegen macht dich kirre mit der Zeit. Mit ein Grund, warum die Menschen in L. A. alle glauben, sie stünden ständig unter Zeitdruck. <i>(lacht)</i> Gleichzeitig ist es hier deutlich kühler, das hält dich wach. Ruhig, aber wach: ein begrüßenswerter Zustand. Ich bin einfach kein Sonnenmensch.</p>
<p><b>GALORE:</b> Ich muss mich im Übrigen noch für meine Verspätung entschuldigen. Ich habe diese Bar hier nicht auf Anhieb gefunden.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b>: Macht nichts. Ich wäre sowieso hier gewesen. Ich bin oft im Peabody&#8217;s.</p>
<p><b>GALORE:</b> Der Name taucht in anderen Zusammenhängen auch schon mal in Ihren Büchern auf. Sie mögen den Ort?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Sehr. Es ist mein Sonntag-Nachmittags-Platz. Ich esse meine Lieblings-Tortillas, trinke ein paar Gläser Rotwein, treffe Freunde, schaue mit ihnen auf den Boden ihres Bierglases. Oder sehe mir ein Spiel an <i>(im Hintergrund läuft ein Baseball-Spiel).</i> Mit Männern Mannschafts-Sportarten im Fernsehen gucken und die Gespräche führen, die man in solchen Situationen führt: Das ist ein guter Sonntagnachmittag.</p>
<p><b>GALORE:</b> Und es ist sicher ein guter Ausgleich zu Ihren ganzen Lese-Reisen. Allein nächsten Monat reisen Sie drei Wochen durch Europa, treten fast jeden Abend live auf.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Das stimmt. Hier komme ich nach Hause nach einer langen und anstrengenden Tournee.</p>
<p><b>GALORE:</b> Warum tun Sie sich den Stress überhaupt noch an?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Meine Frau hat schon vor ein paar Jahren aufgehört zu fragen, warum ich mir alle paar Monate diese 22-Städte-Lesereisen antun muss. Sie sagt inzwischen nur noch: »Jaja, ich weiß schon. Du musst es tun. Und du hast diese Horden von fantastischen Fans. Die wollen dich sehen.« Und ich sage: »<i>Yeah! But it&#8217;s not enough! It&#8217;s never enough!«</i> In solchen Momenten, auf der Bühne, spürt man die direkte Reaktion auf seine Arbeit, den Austausch. Deshalb mag ich zum Beispiel auch die Lesungen in Deutschland immer sehr, ihr habt ein sehr enthusiastisches Publikum. Und groß!</p>
<p><b>GALORE:</b> Sind Sie ein Performer?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Ja. Ich liebe es, auf der Bühne zu sein. Ich liebe es, raus zu gehen und anderen meine Geschichten vorzulesen. Je mehr, desto besser.</p>
<p><b>GALORE:</b> Diese Bühnenauftritte sind doch nichts anderes als eine Reminiszenz an den Umstand, dass Sie gerne Rockmusiker geworden wären, oder?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Gut erkannt. Ich wäre gern Musiker geworden. Aber dazu fehlt mir etwas. Man kann nur eine Sache im Leben richtig gut machen.</p>
<p><b>GALORE:</b> Spielen Sie heute noch Saxophon oder Schlagzeug? Oder treten als Sänger auf mit Ihrer Band <em>The Ventilators</em>?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Nein. Wobei das Singen mir noch am meisten Spaß gemacht hat. Ich war beschissen als Sänger, aber es hat Spaß gemacht. Es ist inzwischen nur noch ein Hobby, wie man ja auch an den katastrophal schlechten Proberaummitschnitten aus den Achtzigern auf meiner Homepage sehen kann.</p>
<p><b>GALORE:</b> Gibt es die <em>Ventilators</em> noch?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Nein, obwohl wir gerade über eine Reunion nachdenken. Ist ja sehr angesagt derzeit, sich als Band wiederzuvereinigen. <i>(lacht) </i>Aber ich weiß nicht, wie das funktionieren soll. Musik kostet sehr viel Zeit, und das Schreiben lastet mich voll aus. Du musst proben, du musst Songs schreiben, du musst auf Tour gehen. Du musst es so gut machen, wie es eben in deiner Macht steht. Sonst solltest du es gleich lassen. Die Arena, in der ich zum weltweiten Wettbewerb antrete, ist nun mal die Literatur. Wenn du etwas mit Leidenschaft, mit Obsession tun willst, kann es immer nur eine Sache sein.</p>
<p><b>GALORE:</b> Geht es in einem intensiven Leben immer um Obsession?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Für mich selber gesprochen: ja. Natürlich wechseln die Obsessionen. Entweder du bist besessen von Arbeit oder du bist besessen von all den anderen Dingen, die interessant scheinen, und diese sind zumeist die sehr viel gefährlicheren Verlockungen. In meinen frühen Zwanzigern ist mir das sehr schnell klar geworden: Entweder du stirbst, oder du findest eine andere Obsession, die dich befriedigt. Also habe ich alles in die Arbeit gesteckt.</p>
<p><b>GALORE:</b> Irgendeine Form von Extremismus und Abhängigkeit ist also immer da &#8211; man muss nur versuchen, sie in die richtigen Bahnen zu lenken.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> <i>There is always an addiction.</i> Wenn du jung bist, ist es der Selbstzweifel und das Gefühl des Nichtsseins, die Suche, die dich förmlich abhängig macht. Jeder findet seinen eigenen Weg daraus, seine eigene Obsession, die dieses ewige Suchen ersetzt. Drogen sind da ein vielerprobtes Mittel. Aber mir war klar, dass ich ein Riesenproblem bekommen würde, wenn ich nicht zügig die Reißleine ziehe. Also habe ich gearbeitet. Ununterbrochen. Anfangs nur, um die Stunden zu füllen.</p>
<p><b>GALORE:</b> Und inzwischen seit 30 Jahren kontinuierlich durch: Sie schreiben im Schnitt einen Roman und ein Buch mit Kurzgeschichten im Jahr, treten überall auf der Welt live auf und unterrichten seit 25 Jahren an der University of Southern California. Die Obsession lässt nicht nach?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Zumindest nicht spürbar, nein.</p>
<p><b>GALORE:</b> Dabei wäre ein Abschalten, ein Runterkommen von Zeit zu Zeit doch mal ganz schön.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Das ist exakt der Punkt. Aber es geht nicht. Und bislang ist ja auch noch die Energie da. Wie es bis jetzt läuft schätze ich, dass ich das parallele Schreiben und Unterrichten noch durchziehen kann, bis ich vielleicht 95 bin. Danach könnte es enger werden.</p>
<p><b>GALORE:</b> Sie schreiben, so heißt es, bedingungslos sieben Tage die Woche. Woher kommt die Energie?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Schauen Sie mich an, dann haben Sie die Antwort. Ich werde rein physisch immer weniger. Ich brenne mit einer hohen Flamme. Aber es geht eben nicht anders. Ich versuche es ja. Kürzlich erst wieder: Da habe ich mir das Haus in den Bergen gemietet, das ich häufig bewohne, um dort etwas zu vollenden. Dieses Mal war es mein nächster Roman <a href="https://www.tcboyle.de/werke/dr-sex/"><i>Dr. Sex</i></a>, ich hatte das Haus für einen Monat gemietet. Nach weniger als zwei Wochen war ich fertig. Ich traf mich mit Freunden, bin tagelang durch den Wald marschiert, habe ordentlich getrunken. Aber nach nur wenigen Tagen habe ich mich wie automatisch wieder hingesetzt und einfach losgeschrieben. Es sind dann direkt ein paar Kurzgeschichten für meinen nächsten Band entstanden.</p>
<p><b>GALORE:</b> Was ist das Unangenehmste und Schönste daran, vom Schreiben besessen zu sein?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Das zweifellos Traurigste ist, dass die Menschen das Lesen verlernen. Es ist eine antiquierte Kulturform, es ist die Kunst von gestern, in der heutigen Welt vollkommen irrelevant. Menschen lesen zur Informationsbeschaffung, aus rein technischen Gründen. Sie lesen immer seltener etwas wegen seiner Schönheit, für die reine Stimulanz des Geistes. Das Schöne am Schreiben ist hingegen, dass das vollkommen egal ist, weil ich trotzdem weiterschreibe. Ich tue es sowieso, ob sich nun jemand darum schert oder nicht.</p>
<p><b>GALORE:</b> Sie sagten in einem Aufsatz: »Das Schreiben ist in der Top 5 der populärsten Künste auf Platz vier abgerutscht, nur noch knapp vor dem Malen. Gegen die Musik, den Film und inzwischen auch das Kreieren von Spielen hat das Schreiben keine Chance.« Ist es um das geschriebene Wort tatsächlich so schlecht bestellt? Keine junge Generation, die als Gegengewicht zu der ganzen Fast-Food-Kunst wieder Spaß am Lesen hat?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Ich möchte nicht zu zynisch klingen, aber ich beobachte wenige 16-Jährige auf der Straße beim heimlichen Schmökern in Literatur-Klassikern. Das ist ja auch ein Grund, warum ich so verbissen unterrichte, denn dort finde ich eine junge Generation, die vollkommen obsessiv dem Schreiben verfallen ist. Aber das Grundproblem ist doch: Für junge Menschen ist die moderne Gesellschaft eine äußerst stressige Angelegenheit, da ist einfach nicht viel Zeit, um sich mit einem guten Buch in sein Zimmer zurück zu ziehen.</p>
<p><b>GALORE:</b> Das ginge schon: Einfach weniger Computergames zocken. Oder bekifft mit Freunden rumhängen.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Das genau ist ja der Punkt. Lesen ist &#8211; neben dem gemalten Bild vielleicht &#8211; die Kunstform, die am Stärksten an deine Phantasie und Vorstellungskraft appelliert. Du musst bereit sein, ausschließlich kraft deiner Vorstellungsgabe in andere Welten abzutauchen, dich in andere Menschen zu versetzen. Genau das ist für einen Großteil der jüngeren Generation das Problem. Für sie ist das keine Option. Sie kennen das gar nicht. Sie wissen nicht, wie das geht, weil ihre Sinnesreize vom Babyalter an mit allen nur erdenklichen Welten und Szenarien zugemüllt werden. Beobachten Sie doch nur die Leute, die sich am Flughafen mit Unterhaltung für einen langen Flug eindecken: ein Computerspiel, obendrauf einen bekloppten Vampirfilm, zum Lesen höchstens ein Lifestyle-Heftchen. Wenn du sie fragst warum sie kein Buch kaufen, sagen sie dir: »<i>Reading sucks, man.</i> Bücher sind langweilig.« So denkt 90 Prozent der westlichen Weltbevölkerung.</p>
<p><b>GALORE:</b> Sind Sie im Leben genauso manisch wie im Schreiben?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Um das zu beantworten, muss ich Ihnen ein wenig von meiner Frau erzählen. Ihre Eltern sind zu einem Teil ungarisch, zum anderen Teil deutsch, leben aber schon lange in den Staaten. Ihre Eltern und ihre sieben Geschwister sind wie Weinbergschnecken &#8211; du musst sie anstoßen, um rauszufinden, ob sie leben. Sie sind unendlich zufrieden. Sie sitzen auf der Couch, trinken ihr Bier. Keine Ambition. Nur existieren. Sie sind sehr glücklich damit. Das ist schön, das ist wundervoll, aber ich kann das nicht. Es geht nicht. So gesehen bin ich sicher manisch.</p>
<p><b>GALORE:</b> Braucht wirkliche Kunst das Manische, den Wahnsinn? Oder reicht es, ein gewisses Talent zu haben und den Wunsch, einmal etwas wirklich Gutes zu schreiben? Wie ein ambitionierter Handwerker?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Es gibt wahnsinnig viel gutes Talent da draußen &#8211; eine Sache, die mich ja so sehr am Unterrichten begeistert. Eine Menge junger Leute haben eine unglaubliche Gabe. Man schaue sich nur die ganzen jungen Musiker an, darunter sind fantastische Songschreiber, außergewöhnliche Menschen. Genauso ist es mit den jungen Schreibern. Aber es reicht nicht, es einfach zu wollen. Dazu gehört mehr. Du musst Biss haben. Du musst es machen und zu Ende bringen. Viele schreiben ein Buch und driften dann ab Richtung Film oder Musik. Oder sie versinken ein paar Jahre in Belanglosigkeit und schreiben auf einmal das Buch ihres Lebens. Und warum? Weil sie den wahnsinnigen, besonderen Moment in diesem Buch eingefangen haben. Zum besonders Guten gehört eben das Extreme, Manische dazu.</p>
<p><b>GALORE:</b> Sie schreiben: »Ich bin über die Jahre zu einem Schriftsteller mit Weisheit und Reife geworden« &#8230;</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Das habe ich gesagt? <i>(lacht laut heraus) </i>Dass ich über die Jahre zu einem Schriftsteller mit Weisheit und Reife geworden bin? Wow.</p>
<p><b>GALORE:</b> Es steht auf Ihrer Homepage, in dem autobiografischen Essay von Ihnen über das Schreiben.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Ich denke, ich wollte einen Witz machen.</p>
<p><b>GALORE:</b> Es liest sich aber nicht wie einer. Und es ist ja auch ohne jede Arroganz schlicht die Wahrheit.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Tja, das stimmt wohl. Wäre ja auch schlimm, wenn ich nach all den Jahren nicht ein wenig Weisheit und Reife gewonnen hätte. Aber das Gute ist: Es ist nie genug. Man will immer mehr.</p>
<p><b>GALORE:</b> In dem Essay schreiben Sie auch darüber, dass sich eine Geschichte mehr oder weniger von selbst schreibt; der Autor müsse nur einem gewissen Pfad folgen. Das ist ein sehr unromantischer Blick auf den kreativen Prozess.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Finden Sie?</p>
<p><b>GALORE:</b> Ja, es fehlt dabei diese mystische, nicht beschreibbare Komponente, das, was viele mit dem Kuss der Muse beschreiben.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Vertrauen Sie mir, es ist schon viel Mystisches am Schreiben. Die besondere kreative Leistung des Autoren ist: Du begibst dich in einen unbewussten Geisteszustand, wenn du an deiner Kunst arbeitest. Der Leser weiß nicht, was auf der nächsten Seite passiert, aber er will es erfahren. Nicht anders geht es dem Autor. Was mich immer wieder am Schreiben fasziniert, ist, dass jede einzelne Geschichte grundlegend anders ist als alles, was du zuvor geschrieben hast. Du weißt nicht, woher sie kommt, du weißt nicht, wie sie ausgeht. Deshalb fängst du immer wieder von vorne an. Du willst einfach wissen, wie die Geschichte zu Ende geht. Es macht dabei fast keinen Unterschied, ob du eine Geschichte liest oder schreibst.</p>
<p><b>GALORE:</b> Die Geschichten sind immer da.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Das sind sie. In diesem Frühjahr war ich in England, auf einer Lesereise zu meinem aktuellen Roman <a href="https://www.tcboyle.de/werke/drop-city/"><em>Drop City</em></a>. Ich war in London und hatte einen Tag frei. Das Wetter war mies, der Fernseher in meinem Hotelzimmer war kaputt, ich konnte nicht mal einen Film sehen. Also saß ich elf Stunden am Stück auf der Couch und habe gelesen.</p>
<p><b>GALORE:</b> Was haben Sie gelesen?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Die Biographie von Neil Young, <i>Shaky</i>. Es war wunderbar, elf Stunden bei diesem komischen Typen und seinen fabelhaften Songs zu sein. Wissen Sie, was das ganze Buch zu mir gesagt hat?</p>
<p><b>GALORE:</b> Nein.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Es stand in einer einzigen Zeile, ein Auszug aus einem Interview, wo der Interviewer ihn fragt, wie er auf diesen oder jenen Song gekommen sei. Er sagte nur: <i>»It just comes.« (lacht)</i> So ist das auch mit den Geschichten.</p>
<p><b>GALORE:</b> Sie haben also keine Ahnung, wie eine Geschichte ausgeht, an der Sie schreiben?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Nein.</p>
<p><b>GALORE:</b> Und die Personen?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Die kommen mit der Zeit. Ich lerne sie auch erst nach und nach kennen.</p>
<p><b>GALORE:</b> Was wissen Sie, wenn Sie anfangen?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Ich habe gerne einen Titel, und ich möchte vorher wissen, wie viele Teile ein Buch hat, wie lang es ungefähr werden wird. Bei <a href="https://www.tcboyle.de/werke/gruen-ist-die-hoffnung/"><em>Grün ist die Hoffnung </em></a>wusste ich zum Beispiel: Es wird vier Teile geben. Vier Jahreszeiten. Schließlich ging es um Marihuana-Anbau. <i>(lacht) </i>Aber was die Geschichten, ihre Entwicklung anbetrifft: Keine Ahnung. <i>Just free form. </i></p>
<p><b>GALORE:</b> Es gibt viele Autoren, die vor dem Schreiben eines Romans wie wild recherchieren, eintauchen in eine Szene, in ein Milieu &#8211; wenn sie nicht gar ohnehin nur über sich selber und ihr Umfeld erzählen. Würde man sie fragen, warum sie das tun, würden sie sicher antworten: »Weil man sonst nicht fundiert und glaubhaft darüber erzählen kann.« Sie sehen das wohl anders.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Vollkommen. Das ist auch der Punkt, der die wirklichen, buchstäblichen Schreiber und Geschichtenerzähler von den Genre- oder Plauder-Schreibern unterscheidet. Ich hasse diese Genre-Autoren, die sich monatelang minutiös auf das Schreiben eines Romans vorbereiten müssen. Sie trivialisieren und verniedlichen unseren Berufsstand. Und sie töten die wahre Kreativität. Diese Menschen fahren beim Schreiben stur geradeaus auf der Mitte der Straße. Sie wissen schon vorher, auf welcher Seite der große Schockmoment kommt, wann die Vampire aus den Wänden treten. Sie wissen, wie oft die Protagonisten im Verlauf des Buches Sex haben werden. Sie wissen einfach alles vorher. <i>That&#8217;s crap.</i> Was ich an Literatur mag, ist ja gerade die Ungewissheit. Sie können jedes Buch von mir aufschlagen und anfangen zu lesen &#8211; ich wette mit Ihnen, Sie haben keine Idee, was auf Seite zehn passieren wird, bis sie dort angekommen sind. Der Grund ist: Ich weiß es selber nicht. Also kann ich gar nicht vorausschauend oder systematisiert schreiben.</p>
<p><b>GALORE:</b> Nehmen wir Ihren aktuellen Roman <a href="https://www.tcboyle.de/werke/drop-city/"><i>Drop City</i></a>, in dem eine Hippie-Kommune aus den Siebzigern von Kalifornien nach Alaska zieht. Allein die Art und Weise, wie präzise, bild- und metapherreich Sie das autarke, LSD-berauschte Leben dieser Aussteiger am Rande der Zivilisation beschreiben: Das geht vollkommen ohne Recherche?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Die Frage ist, wie man Recherche definiert. Natürlich bin ich vor dem Schreiben des Buches nach Alaska gereist, habe dort ein paar Tage in einem winzigen Kaff verbracht, mich mit den kauzigen Einsiedlern, die dort wohnen, unterhalten, und auf Grundlage dieser Gespräche die Grundzüge einiger Charaktere entwickelt. Wie diese aussehen, was sie tun, welche Rolle sie spielen, was ihnen im Verlauf des Buches widerfährt: All das kommt erst beim Schreiben. Ohne diesen Überraschungsmoment, der für mich mindestens ebenso groß ist wie für Sie als Leser, würde ich die Lust am Schreiben verlieren. Es gäbe für mich sonst keinen Grund mehr, überhaupt noch zu schreiben.</p>
<p><b>GALORE:</b> Etwas anderes, was Ihre Geschichten spannend macht, ist das Eintauchen in immer wieder andere Sujets. Wird es schwerer mit den Jahren, immer wieder einen neuen Ansatz, ein neues Sujet zu finden?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Auch hier: Nichts ist konstruiert oder im Vorhinein ausgedacht.<i> I just go with the flow. </i>Das ist der einzige Weg. Bei Kurzgeschichten, das gebe ich gerne zu, wird es nicht unbedingt einfacher, weil ich so viele davon schreibe. Da passiert es mir schon mal, dass ich eine Geschichte schreibe und nach zwei Dritteln feststellen muss: »Hey, das hast du schon mal geschrieben.« Wenn das passiert, höre ich sofort auf. Aber da es in meinen Geschichten zumeist darum geht, Grenzen einzureißen und Menschen in extremen Situationen zu beobachten, sind die möglichen Blickwinkel auf eine Geschichte auch unendlich.</p>
<p><b>GALORE:</b> Wie ist Ihr Verhältnis zu den Protagonisten, während Sie ihnen beim Schreiben Leben einhauchen? Nehmen wir zum Beispiel Ihren Roman <a href="https://www.tcboyle.de/werke/america/"><em>América</em></a>: Dort erzählen Sie die Geschichte einer jungen Mexikanerin. Einer Illegalen, die in den Canyons von Los Angeles campiert, kein Wort Englisch spricht und vergeblich versucht, sich eine Existenz in diesem Moloch zu schaffen. Wie können Sie so genau wissen, was eine solche Frau fühlt, denkt und tut? Sind Sie in solchen Momenten ein brillanter Chronist oder schizophren?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Das ist ein sehr gutes Beispiel &#8211; ich habe für den Roman damals sehr viel Häme und Gegenwind einstecken müssen, weil man mir sagte: »Du kannst einfach nicht wissen, was in einem solchen Menschen vor sich geht. Das ist politisch nicht korrekt. Wie kann ein weißer, wohlhabender Typ über eine vollkommen mittellose, naive und hoffnungslos überforderte mexikanische Illegale schreiben?« Warum also? Ganz einfach: Weil es mein Job ist! Es ist das einzige, was ich wirklich gut kann! Ich könnte aus der Perspektive eines Hundes schreiben, wenn ich das will. Diese Fähigkeit habe ich mir über viele Jahre antrainiert.</p>
<p><b>GALORE:</b> Wie gut das mit der Perspektive des Hundes funktionieren kann, hat ja schon Paul Auster in seinem Roman <i>Timbuktu</i> vorgemacht. Es ist die bewegte Geschichte eines streunenden Kläffers, der sein vermeintliches Heil in den Armen einer liebenden Familie findet, die ihn aufnimmt, sich am Ende aber doch wieder auf die Straße zurück sehnt.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Sehen Sie? Ich bin nicht der einzige, der das kann. Jeder, der ein guter Geschichtenerzähler ist, kann das. Es ist meine verdammte Aufgabe, mittels Phantasie neue Welten zu kreieren. Es ist so dumm, einen Autoren auf diese Weise zu kritisieren, ihn zu limitieren, denn es entzieht ihm seine grundlegende Arbeitsplattform. Von den Beach Boys konnte auch mal gerade einer surfen &#8211; den Lifestyle der Surfer haben sie trotzdem sehr glaubhaft repräsentiert. Oder Filmemacher: Glauben Sie, dass ein Action-Regisseur jemals in seinem Leben kopfüber an einem Helikopter hing? Und doch kann er uns glaubhaft vermitteln, wie sich das anfühlt. Für einen Schreiber ist dieser Aspekt ungleich elementarer.</p>
<p><b>GALORE:</b> Erfährt man über die Protagonisten Ihrer Bücher auch etwas über Sie selber?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Natürlich tut man das. Aber hoffentlich ist es kunstvoll genug versteckt, dass man es nicht sofort bemerkt.</p>
<p><b>GALORE:</b> Es gibt da einen Protagonisten, der sehr viel näher an Ihnen selbst zu sein scheint als die meisten anderen: Ty Tierwater aus <a href="https://www.tcboyle.de/werke/ein-freund-der-erde/"><em>Ein Freund der Erde</em></a>. Er ist ein verbissener Naturschützer, er ist ein abgeklärter, sinnsuchender, ambionierter Mensch, den man trotz seiner radikalen Aktionen am Ende sehr lieb gewinnt. In ihm steckt eine Menge von T.C. Boyles Sicht auf die Welt, richtig?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Gut beobachtet. Auch wenn ich wohl nicht so weit gehen würde wie er. Ich liebe die Natur, aber ich würde nicht in den Knast wandern wollen, nur um ein paar Holzrodungsmaschinen in die Luft zu sprengen.</p>
<p><b>GALORE:</b> Wenn Ty Tierwater zum Beispiel sagt: »Ich brauche nichts und niemanden. Ich könnte meine Sachen packen, abhauen und in einem Tipi leben.« &#8211; könnte das auch ein T.C. Boyle sein?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> <i>(lacht)</i> Tja: Ty hat schon die gleichen Frustrationen wie ich. Er hat ein Problem mit der industriellen Gesellschaft, mit dem Konsumterror, mit diesen ganzen falschen Werten. Er möchte, wie ich, simpler und mehr im Einklang mit der Natur leben und nicht gegen sie. Doch er realisiert, dass das in Zeiten, in denen diesen Planeten sechs Komma irgendwas Milliarden Menschen bevölkern, eine vollkommen hypothetische, antiquierte Sichtweise ist. <i>The whole world turns to shit.</i> Der Glaube, alles werde sich zum Guten wenden und der Mensch werde vernünftig, ist naiver Idealismus.</p>
<p><b>GALORE:</b> Ein andere Sache, die Ty sagt: »Ich versuche, Perspektiven zu vermeiden, wo es geht. Perspektiven verursachen Schmerzen. Lebe in der Gegenwart, sage ich immer. Vergiss die Geschichte, vergiss Nostalgie. Sie führt zu nichts.«</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Nein, das ist ganz klar Ty. Das kann ich ganz offensichtlich nicht unterschreiben. Natürlich bin ich auch frustriert darüber, wie sich die Dinge auf diesem Planeten entwickelt haben. Aber deshalb bin ich noch lange kein verbohrter Existenzialist, der die Schönheit seines eigenen Lebens nicht zu schätzen wüsste. Ich mag mein Leben bis hierhin sehr.</p>
<p><b>GALORE:</b> Wie wär&#8217;s mit dem hier: »Habe ich erwähnt, dass ich die Vergangenheit hasse, die Gegenwart kaum aushalte und auch jede Form der Befragung über meine Zukunft verabscheue?«</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Vergessen Sie nicht: Ty ist ziemlich schrullig, er ist ein alter Mann, als er das sagt. Will ich also dahin kommen, wenn ich so alt bin wie er? Ich möchte hoffen nein. Aber wenn wir ehrlich sind, ist es nun mal so &#8211; alte Menschen sind so unglaublich selten zufrieden mit dem Weg, den ihr Leben nahm. Wird es also so kommen, dass ich in 25 Jahren das Gleiche sage? Wahrscheinlich. Nicht zuletzt, weil die ganze Welt dann schätzungsweise genauso am Arsch ist wie von mir in dem Buch beschrieben.</p>
<p><b>GALORE:</b> Haben Sie als ein Mensch, der sehr aktiv für die Belange der Natur eintritt, jemals eine Erfahrung wie Ty Tierwater gemacht, der aus Protest gegen die massenhafte Baumrodung einen Monat lang ohne jede Hilfsmittel im Wald lebt?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Nein. Ich bin mir auch absolut sicher, dass ich das nicht wollte.</p>
<p><b>GALORE:</b> Obwohl Sie ein überzeugter Naturbursche sind?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Obwohl ich die Natur liebe, ja. Aber im Gegensatz zu Ty kann ich nicht mal eben für einen Monat im Wald verschwinden. Meine Familie, meine Leser und nicht zuletzt mein Agent würden mir das wohl äußerst übel nehmen. Außerdem würde ich dünnes Kerlchen das schon rein physisch niemals durchstehen.</p>
<p><b>GALORE:</b> Und doch schreiben Sie darüber wie ein Mensch, dem nichts vertrauter scheint. Kann beziehungsweise muss man dieses Gefühl, das Ty dort durchlebt, die Insekten in jeder Körperöffnung, die lebensbedrohlichen Entbehrungen, die Gedanken, die mit diesen Grenzerfahrungen einhergehen, irgendwie substituieren, um glaubhaft darüber zu schreiben?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Es hilft natürlich, sich in eine tendenziell ähnliche Situation zu versetzen, aber grundsätzlich ist jede Geschichte eine Übung deiner Vorstellungskraft. Das Haus in den Bergen, von dem ich vorhin erzählte, ist so ein Ort der vollkommenen Natur. Ihr Deutschen habt zwar die Alpen, ihr kennt Berge, und doch ist es etwas anderes: Dieses Haus ist der pure wilde Westen. Ich komme aus New York &#8211; für mich ist dieses Haus Natur pur. Wenn ich dort oben bin, verbringe ich auch ganze Tage im Wald. Während ich an <a href="https://www.tcboyle.de/werke/drop-city/"><em>Drop City</em></a> geschrieben habe, bin ich auch zum ersten Mal auf verschiedene Berggipfel geklettert, habe mir stundenlang die Outline der Gebirgszüge angesehen. Sicher: Wenn ich dann wieder zurück zum Haus komme, habe ich Elektrizität, einen Ofen, auf dem ich mir Essen machen kann, einen Videoplayer, auf dem ich Filme schauen kann. Gleichzeitig kann ich jederzeit draußen sein in dieser vollkommenen Wildnis. Auf diese Weise habe ich das Beste aus beiden Welten. Der optimale Zustand.</p>
<p><b>GALORE:</b> Wie kann ein Mensch wie Sie, der dermaßen unmittelbar mit der Schönheit wilder Natur verbunden ist, sich für sie einsetzt, so nahe an einer überindustrialisierten, die Natur zerstörenden Megalopolis wie Los Angeles leben, ohne dabei verrückt zu werden? Der Smog. Der Müll. Die Überbesiedelung. Die unästhetisch zugebauten Hollywood Hills: Es gibt nicht viele Orte auf der Welt, die einem deutlicher machen, wie ultimativ der Mensch die Natur zerstören kann.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Seltsam genug, nicht? Ich wuchs auf in New York, der größten Stadt der Vereinigten Staaten, und bin von dort in die zweitgrößte Stadt gezogen. Da sind wir wieder bei den Sachzwängen, den Kompromissen, die du als Individuum eingehen musst. Ich kam nach Los Angeles, weil mir an der USC ein Lehrstuhl angeboten wurde. In North Dakota oder den Wäldern Kanadas könnte ich wohl nur schlecht die besten Nachwuchs-Schriftsteller Amerikas unterrichten. L. A. war auch sehr gut zu mir. Ich habe hier sehr liebe Menschen kennen gelernt, einige der besten Freunde meines Lebens. In den Siebzigern und Achtzigern war es auch etwas anderes, dort zu leben &#8211; es war eine Boom-Stadt, es gab all die großartigen Clubs, es gab eine florierende Subkultur. Als all das nachließ, bin ich hier raus gezogen nach Santa Barbara, eben weil es mir zu viel wurde. Ich habe es dort nicht mehr ausgehalten. Hier bin ich wieder in einem kleinen funktionierenden Mikrokosmos. Ich finde direkt hinter meinem Haus intakte Natur vor, gleichzeitig kann ich zu Fuß zu meinem Arzt, meiner Lieblingsbar und zum Strand laufen. Auch hier finde ich eben das beste aus beiden Welten.</p>
<p><b>GALORE:</b> Gibt es Dinge, die Sie an dem Los Angeles von heute mögen?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Bis auf die Freunde: nicht wirklich. Wie kann man eine Stadt ohne wirkliche Geschichte, ohne echte Struktur gern haben? Eine Stadt, in der man ein Drittel des Tages damit zubringt, auf irgendwelchen Freeways im Stau zu stehen? Dass ich nach L. A. kam, war auch mehr ein Unfall &#8211; es war eben das Angebot der USC. Und ich habe in all diesem urbanen Schlamassel ein Umfeld gefunden, das mir als Individuum gefällt, gut tut. Mein Vorteil ist: Eigentlich passe ich hier überhaupt nicht hin. Ich bin immer ein Außenseiter gewesen, die meisten Menschen kommen mit meiner Art nicht klar. So ist es viel einfacher, jene zu finden, mit denen man auf einer ähnlichen Wellenlänge surft. Außerdem ist es hier abseits der Städte noch wirklich wild, in einer Weise, wie man es an der Ostküste nicht mehr findet. Die Berge sind absolut naturbelassen, dort gibt es noch echte Cowboys auf ihren Pferden, du findest Packesel und handbetriebene Wasserpumpen, du findest Elche und Bären und Klapperschlangen. Bis heute bin ich jedes Mal aufs Neue wieder beeindruckt, wie wild die Natur in Kalifornien noch immer ist, wenn man nur weit genug von der Zivilisation weg fährt.</p>
<p><b>GALORE:</b> Allgemeiner gefragt: Wie fühlen Sie sich als Bewohner eines Landes, das als einziges von weit über hundert teilnehmenden Staaten die Beschlüsse der Klimakonferenz mit Füßen tritt? Erst recht, seitdem Sie Ihren egozentrischen, naturverachtenden Präsidenten haben?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Es ist keine Frage, dass sich die Dinge akut verschlimmern, seit dieser Neofaschist an der Macht ist. Man kann nur hoffen, dass Bush sich mit seiner Inkompetenz selber negiert, dass seine Amtszeit so lang sein wird wie die seines Vaters: exakt eine Legislaturperiode. Zu der Zeit, als er an die Macht kam, saß ich gerade an <a href="https://www.tcboyle.de/werke/ein-freund-der-erde/"><em>Ein Freund der Erde</em></a>, und ich dachte mir schon, dass die dort entwickelten Zukunfts-Utopien von einer tosenden Welt voller Naturkatastrophen mit ihm als Präsident sehr viel wahrscheinlicher werden. Eine Grundfrage, die ich mit diesem Buch behandeln wollte, ist die: Kann man im Einklang mit der Natur leben und gleichzeitig ein zivilisatorisches Leben führen, mit einer guten Ausbildung, mit guten Berufschancen, mit einer Lebensperspektive, die zu gleichen Teilen der Natur und der Konsumgesellschaft Rechnung trägt? Die Antwort ist: nein, nicht in letzter Konsequenz. Wer im Kapitalismus lebt, der lebt immer ein Stück weit gegen die Natur. Wir alle kaufen Produkte, deren Herstellung zu Lasten der Natur geht. Würden wir alle versuchen, autark zu leben, um der Natur keinen Schaden zuzufügen, würde die Wirtschaft den Bach runter gehen und uns im Umkehrschluss die Grundlage für Arbeit, für Geld und damit auch für Ausbildung entziehen. Das ist eine Problemstellung, die ich nicht lösen kann. Ich habe keine Idee, wie man es anders machen könnte. Ich kann mir nur Sorgen machen, und das tue ich, indem ich Bücher darüber schreibe.</p>
<p><b>GALORE:</b> Kann man Phantasie und Vorstellungsgabe trainieren?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Nein, das glaube ich nicht.</p>
<p><b>GALORE:</b> Also haben schlicht manche mehr als andere.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Das einzige, was man tun kann, ist, sich seiner Phantasie hinzugeben. Das kann im Prinzip jeder, nur die meisten tun es nicht. Sie haben entweder Angst davor, oder sie haben es vollkommen verlernt. Die Fähigkeit, sich für Phantasie, für Kunst jedweder Art zu begeistern, ist in dir. Sie ist angeboren. Jeder, der ein Künstler werden will, ist getrieben von diesem Bedürfnis, seine eigene Phantasie zu beflügeln. Dieses Bedürfnis hat nicht jeder, Kunst ist keine demokratische Sache, sie ist nicht fair. Warum kann er etwas, das ich nicht kann? Doch hast du erst mal entdeckt, dass dieses Bedürfnis in dir schlummert, bleibt dir keine andere Wahl mehr, als es bis auf die Spitze zu treiben, um zu sehen, wie weit du mit deiner Phantasie gehen kannst. Du willst dich einfach selber überraschen. Kunst kommt einfach aus dem Nichts. Morgen zum Beispiel: Da werde ich mit einem komplett neuen Roman beginnen. Ich habe letztens <a href="https://www.tcboyle.de/werke/dr-sex/"><em>Dr. Sex</em></a> beendet und elf Kurzgeschichten für meinen nächsten Sammelband geschrieben. Jetzt ist es Zeit für den nächsten Roman. Und ich habe noch absolut keine Idee, was da morgen auf mich zu kommt.</p>
<p><b>GALORE:</b> Sie schreiben ohnehin schneller, als Ihren Verlagsvertretern lieb ist. Immer wieder gibt es von deren Seite die Anmerkung, dass man nicht in so schneller Abfolge Bücher eines Autors veröffentlichen sollte &#8211; es ist schlecht fürs Geschäft.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Das stimmt. Aber das ist auch nicht so dramatisch. Je nach Thema funktionieren meine Bücher ohnehin in gewissen Regionen überhaupt nicht, fallen also auch nicht weiter auf.</p>
<p><b>GALORE:</b> Zum Beispiel?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Mein neues Buch,<a href="https://www.tcboyle.de/werke/dr-sex/"><i> Dr. Sex</i></a>, in dem es um den Kinsey-Sex-Report geht. Es ist sehr explizit, es geht viel ums Bumsen. Ich habe eine lange eMail-Konversation mit meinem französischen Verlag hinter mir, die von meiner Seite mit den Worten endete: »Am besten veröffentlichen wir es in Frankreich überhaupt nicht. Das Buch ist viel zu sexy für die Franzosen. So viel offensives Pimpern verträgt ihr Romantizismus nicht.«<i> (lacht) </i></p>
<p><b>GALORE:</b> Lesen Sie Ihre alten Bücher von Zeit zu Zeit?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Nein, habe ich lange nicht mehr. Eine schöne Sache, viele gute Freunde zu haben, sind die Momente, wenn du auf einer Party ziemlich angetrunken durch ihr Haus taperst auf der Suche nach einem Klo und plötzlich in der Bibliothek landest. Da stehen sie alle, ordentlich nebeneinander aufgereiht: Deine eigenen Bücher! All das, was du über die Jahre geschrieben hast! Ich nehme mir in solchen Momenten schon mal ein älteres Buch von mir zur Hand, lese einen Absatz und denke: <i>»Yeah man, that rocks! It&#8217;s great!«</i> Aber normalerweise nehme ich keine alten Bücher von mir zur Hand. Wie ich schon vorhin sagte: ich möchte die nächste Geschichte kennen lernen und nicht die auffrischen, die ich schon kenne.</p>
<p><b>GALORE:</b> Haben Sie ein persönliches Lieblingsbuch?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> <a href="https://www.tcboyle.de/werke/wassermusik/"><em>Wassermusik</em></a>.</p>
<p><b>GALORE:</b> Das ist Ihr erster Roman. Warum gerade der?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Er ist vollkommen wild. Außerhalb jeglicher Kontrolle. Als mein Agent und mein Lektor halb durch waren, sagten sie damals beide zu mir: »Schmeiß ein paar Nebengeschichten raus, das ist alles viel zu viel«, und ich entgegnete: »Das ist mir egal. So viel Arbeit muss schon sein, wenn man mein Buch lesen will.« So kompromisslos bin ich nie wieder gewesen. Und ich werde es wohl auch nie wieder sein.</p>
<p><b>GALORE:</b> Es gibt wohl keinen populären zeitgenössischen Schriftsteller, der so viel Zeit auf das Schreiben von Kurzgeschichten verwendet &#8211; demnächst erscheint ihr siebtes Buch mit Sammlungen solcher Geschichten. Warum sind sie so wichtig?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Zunächst: Ich habe als Autor von Kurzgeschichten angefangen und sie über viele Jahre geschrieben, lange bevor ich darüber nachdachte, einen Roman zu schreiben. Außerdem haben sie ihren ganz eigenen Reiz: Auch dort erzählst du eine Geschichte, aber nicht auf 300, 400 Seiten, sondern auf fünf, zehn oder 15. Ich liebe Kurzgeschichten. Und es ist auch etwas, das ich kann. Nehmen wir zum Beispiel John Irving, der im übrigen vor rund 30 Jahren einer meiner Mentoren an der Uni in New York war: Er schreibt nie Kurzgeschichten, er denkt einfach nicht in diesen Kategorien. Und er sagte damals auch: »Ich kann es einfach nicht, es liegt mir nicht.« Mir hingegen schon. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch, beides zu können: lange und kurze Geschichten. Aber am Ende sind es immer Geschichten. Ich könnte zum Beispiel auch mal ein Drehbuch oder ein Theaterstück schreiben, aber ich tue es nicht. Weil es mir nicht liegt. Es wäre eine konstruierte kreative Situation. Was hingegen Kurzgeschichten und Romane angeht: Da fühle ich, dass ich beides gleich gut kann, also möchte ich mich auch beiden Literaturformen widmen.</p>
<p><b>GALORE:</b> Warum gelten Kurzgeschichten verglichen mit Romanen gemeinhin als weniger wertig, werden häufig höchstens als nette Übung für zwischendurch, als Hausaufgabe im Kurs »kreatives Schreiben« betrachtet?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> In meiner Klasse habe ich einen jungen Mann, der ganz hervorragende Kurzgeschichten schreiben kann, aber von heute auf morgen damit aufgehört hat. Als ich ihn fragte warum, sagte er: »Damit ist kein Geld zu verdienen!« Nun, da hat er Recht. Zum Glück brauche ich mir darum aber keine Sorgen mehr zu machen. Aber es zeigt, warum die Kurzgeschichte zu einem vom Aussterben bedrohten Phänomen geworden ist.</p>
<p><b>GALORE:</b> So gut Ihre Kurzgeschichten sind, haben Sie dennoch einen sehr traurigen Nebenaspekt: Die Charaktere der Geschichten werden häufig derart präzise und bildreich entwickelt, da möchte man einfach wissen, wie ihr Leben weiter geht. Bei jeder einzelnen Geschichte aus Ihrem letzten Kurzgeschichtenband <a href="https://www.tcboyle.de/werke/schluss-mit-cool/"><em>Schluss mit cool</em></a> dachte ich: Verdammt, was passiert als nächstes? Ich will diesen Menschen nicht schon wieder gehen lassen!</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Dabei dürfen Sie nicht vergessen: Es muss so sein. Ich habe allein, während wir dieses Interview führen, fünfzig neue Ideen für eine Geschichte. Soll ich all diese Ideen sausen lassen, nur um die eine künstlich zu verlängern, die Sie sich gerne ein wenig ausführlicher gewünscht hätten? Ich kann schon so gerade mal jede 500. Idee umsetzen, ihr Leben einhauchen. Das ist bereits schlimm genug. Nicht jede Geschichte kann ein Roman sein. Ich schrieb zum Beispiel neulich eine kleine Geschichte über einen Typen, der sich in eine Frau verliebt, die im gleichen Block wohnt wie er, und der sein ganzes Leben dazu benötigt, ihr diese Liebe zu beichten. Natürlich hätte diese Geschichte einen ganzen Roman füllen können, aber ich habe sie einfach schnell daher erzählt. Nun ist sie die Grundlage für einen Hollywood-Film, der in absehbarer Zeit gedreht wird. Das ist doch toll: Jemand anderes erzählt meine Geschichte in epischer Breite zu Ende, die ich nur sehr skizzenhaft entworfen habe. Und ich kann mich wieder neuen Geschichten widmen. Ich bin fertig mit der Story. Ich möchte nicht zurückblicken und das Gefühl haben: In der Geschichte hätte mehr gesteckt. Mich interessiert nur, was als nächstes kommt.</p>
<p><b>GALORE:</b> Interessanterweise war ihre allererste Arbeit als Student des kreativen Schreibens ein Theaterstück. Davon verstehen Sie doch gar nichts, haben Sie gesagt. Wie kam&#8217;s dazu?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> <i>(lacht)</i> Naja, eben weil ich ein Student war und noch nichts vom Schreiben verstanden habe. Ich mag Theaterstücke, bis heute üben sie auch einen gewissen Einfluss auf meine Arbeit aus. Ich mag den Humor daran, das Unmittelbare des Dialogs, das Surreale.</p>
<p><b>GALORE:</b> Sie haben danach nie wieder ein Theaterstück geschrieben, obwohl Ihre erste Arbeit damals sehr wohlwollend aufgenommen wurde.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Nein, weil ich danach das wunderbare erzählerische Element der Geschichte kennen gelernt habe. Und das hat mich bis heute nicht mehr los gelassen. Das Erzählen hat für mich sehr viel mehr Bedeutung als die konstruierte Situation eines Stücks. Es geht um die Schönheit der Sprache, um Metaphern, um Bilder, die in dieser Form in einem Stück nicht möglich sind. In Stücken sprechen Menschen miteinander, alles andere wird lediglich figurativ dargestellt. In meiner Arbeit spielen Dialoge im Allgemeinen eine sehr untergeordnete Rolle. Nehmen Sie nur James Joyce oder Thomas Pynchon, zwei meiner frühesten Inspirationen: In ihren Werken finden Sie überhaupt keine Dialoge, nur das erzählerische Element. Das Erzählen einer Geschichte ist die älteste und natürlichste Stimme, die wir kennen. Nur das ermöglicht es dir, die unendlichen Möglichkeiten von Sprache zu nutzen. Alles andere, selbst die Lyrik, ist auf eine Weise limitiert.</p>
<p><b>GALORE:</b> Thema Sprache: Jene verwenden Sie häufig in einer wunderbar augenzwinkernden Weise, indem sie konventionelle Begriffe in einen surrealen Kontext stellen und auf diese Weise eine ganz neue Ebene der Bedeutung des Begriffs kreieren.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Genau das ist ja das Schöne an der Sprache: Jedes Wort kann etwas vollkommen anderes bedeuten, wenn man nur gewillt ist, es in einen anderen Kontext zu stellen.</p>
<p><b>GALORE:</b> Unter dieser Prämisse fand ich eine Kritik zu Ihrem aktuellen Buch <a href="https://www.tcboyle.de/werke/drop-city/"><em>Drop City</em></a> sehr eigenartig. Dort heißt es: »Die Figuren sind extrem nachvollziehbar, um nicht zu sagen stereotyp. Die Sätze sind konventionell bis zum Anschlag; kein Satz, den man sich unterstreichen, keine Idee, die sich ein anderer Autor klauen wollte.«</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Was kann ich sagen? Offensichtlich liegt der Mensch falsch. Ich weiß, dass es nicht so ist. Neulich gab ich ein Interview für die Titelseite der <em>New York Times</em>, in dem es ausschließlich um den möglichst kreativen Gebrauch von Sprache ging &#8211; der junge Mann, der mich interviewte, wollte nichts anderes wissen. Warum sollte er sich so verhalten, wenn meine Sätze so konventionell und langweilig sind? Man darf nicht vergessen: Ob und wie sehr Kritik an meiner Arbeit mich beeindrucken oder mitnehmen könnte, es wird nichts daran ändern, was und wie ich es tue. Ich schreibe so, wie ich fühle. Was ich diesem Kritiker also sage? Ganz einfach: »Tut mir leid, dass dir das Buch nicht gefallen hat. Ist hoffentlich beim nächsten anders.« Ich habe ohnehin ein Problem mit Kritikern. Sie sind die schlechteren Künstler.</p>
<p><b>GALORE:</b> Wie meinen Sie das?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Ich bin überzeugt, dass 95 Prozent der Literaturkritiker am liebsten selber Schriftsteller wären; nur fehlt ihnen das Talent. Sie sind so frustriert und verbittert über die Tatsache, dass sie selber keine ordentliche Geschichte zuwege bringen, dass sie lieber die Geschichten anderer in der Luft zerreißen. Grundsätzlich bin ich der Auffassung: Der Künstler ist der Held, der ehrenwerte Ritter, ein Kritiker ist höchstens Hofnarr, schlimmstenfalls Henker. Wir Künstler schauen sehr entspannt von oben auf die Kritiker, ihre abstrusen Theorien und ihren gewollt artifiziellen Jargon herab. Um einen britischen Ausdruck zu verwenden, den ich sehr mag: Wir pissen auf sie von einer großen Höhe. Es ist ein sehr langer Urinstrahl, glauben Sie mir. Was genau zeichnet den Kritiker überhaupt aus? Nichts! Jeder von uns ist ein Kritiker, jeder von uns hat eine Meinung. Wir beide könnten uns heute Abend einen Film zusammen ansehen und morgen eine Rezension darüber für die <em>L. A. Times</em> verfassen &#8211; kein Problem. Warum? Weil das jeder kann, der eine Meinung hat. Außerdem geht es beim Schreiben um vieles, nur nicht darum, jedermann zufrieden zu stellen. Wenn ich das wollte, würde ich für <em>Reader&#8217;s Digest</em> schreiben. Oder Groschenromane.</p>
<p><b>GALORE:</b> Mal ganz abgesehen davon, dass es Ihnen offenbar ein diebisches Vergnügen ist, Kritikern neues Futter zu geben.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Absolut. Es gab schon einige Romane von mir, die im amerikanischen Literaturbetrieb derart verrissen wurden, dass man glauben könnte, sie würden mich am liebsten an einem Stock über dem Lagerfeuer grillen. Das ist großartig, ich mag das! Ich bin gerne ein Provokateur, ich bin glücklich, das tun zu können und trotzdem so viele Bücher zu verkaufen, dass ich davon äußerst komfortabel leben kann.</p>
<p><b>GALORE:</b> Warum gibt es in Ihren Büchern vor lauter Realismus immer so wenig Raum für Hoffnung? Kein Platz für Romantik, Happy Ends, etwas fürs Herz?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Ich frage Sie: Was hätten wir davon?</p>
<p><b>GALORE:</b> Ein gutes Gefühl am Ende eines Buches. Ein wenig Hoffnung, dass die Welt doch nicht so scheiße und abgezockt ist, wie wir immer vermuten.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen: Vor zehn Jahren hielt ich eine Vorlesungsreihe an einer anderen Universität. Ich las eine ganze Reihe von &#8211; meiner Auffassung nach &#8211; extrem lustigen Geschichten aus meinem Fundus, und nach ein paar Sitzungen sagte einer der Studenten: »Können Sie nicht mal was Fröhliches vorlesen? Ihr desillusionierter Blick auf die Welt macht uns ganz depressiv!« Was lernen wir daraus? Ich bin offenbar ein depressiver Typ. Nur merke ich das nicht, denn ich genieße das Leben, ich erfreue mich an jedem einzelnen Tag. Was andere also als depressiv auffassen, ist für mich Normalität.</p>
<p><b>GALORE:</b> Wie gehen Sie damit um?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Zynismus. Wenn du Scheiße schon nicht ändern kannst, dann lache wenigstens drüber. Der Punkt, der meine Feinde wohl am meisten aufregt, ist, dass ich ein verdammt glücklicher Mensch bin. Das macht manche von ihnen geradezu verrückt, sie wollen mich dafür umbringen, dass ich sie mit der schonungslosen Wahrheit über diese Welt konfrontiere und dabei auch noch glücklich bin. Weil sie selber das nicht können. Was schreibe ich denn schon auf? Ich schreibe über die Magie des Lebens, über dieses unbeschreibliche, einzigartige Phänomen des menschlichen Daseins in all seinen Ausprägungsformen. Und ich schreibe darüber so realistisch wie möglich. Dafür soll ich also gehasst werden, nur weil einige wenige Traumtänzer und weltfremde Idealisten die Wahrhaftigkeit des Lebens nicht aushalten? Jeder hat seine eigene Art und Weise, damit umzugehen, dass wir Tiere auf einem relativ großen Stück Stein mit einer eigenartigen Zusammensetzung von Gasen sind, und keiner weiß warum und wie das alles zusammen hängt. Ich schreibe eben darüber, das ist meine Art.</p>
<p><b>GALORE:</b> So gesehen ist Schreiben eine andere Form von Religion.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Exakt beobachtet. Ich schreibe über die Dinge, die uns alle vor dem Einschlafen wach halten, die manche Menschen Priester werden lässt, die so viele Menschen zur Religion treibt: Was bringt uns Morgen? Wie wird sich etwas entwickeln? Was wird sein? Das ist das Thema. Und so weit ich dieses Thema verstehe, hat es einfach etwas deprimierendes an sich. Niemand weiß, was kommt. Und alle ahnen, dass es nicht gerade besser wird. Zwei Milliarden Menschen leben ohne festen Wohnsitz. Es gibt immer mehr Lebewesen einer Sorte auf einem viel zu kleinen Planeten. Das Tempo der Zerstörung anderer Spezies beschleunigt sich immer mehr. Und ich bin überzeugt davon, dass auch für unsere Spezies ein Crash bevorsteht. Es muss einfach, weil die Welt andernfalls implodieren wird. Dabei liebe ich die menschliche Spezies, besonders die Frauen. Aber es ist vorbei, ich kann das sehen. Es wird gar nicht mehr lange dauern. Vielleicht noch nicht in dieser oder der nächsten Generation, aber verglichen mit der gesamten Evolutionsgeschichte ist das Ende sehr nah.</p>
<p><b>GALORE:</b> Mit dieser Lebenssichtweise muss man wohl depressiv werden. Oder eben zynisch.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Das sag ich doch. Wenn du über diese Zusammenhänge schreibst, dich tagtäglich damit auseinander setzt und Szenarien erfindest, die einen Bezug zum wahren Leben haben sollen, dann gibt es einfach keinen Ausweg aus diesem Realismus. Natürlich muss man irgendwie darauf reagieren, aber da gibt es die unterschiedlichsten Wege. Es kann schon sein, dass manche Leser <a href="https://www.tcboyle.de/werke/ein-freund-der-erde/"><em>Ein Freund der Erde</em></a> lesen und sich anschließend am liebsten an der Duschstange aufhängen würden. Das tut mir leid, ehrlich. Aber ich bin nicht dafür verantwortlich. Es ist einfach die Wahrheit. Zumindest meine. Denn bei aller Diskussion um die Welt: Am Ende drücke ich nur das aus, was ich persönlich sehe und fühle.</p>
<p><b>GALORE:</b> Wenn Schreiben eine andere Form von Religion ist: Brauchen Sie dann die kirchliche Religion? Das Thema spielt in Ihren Büchern so gut wie keine Rolle.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Bis zu meinem 13. Lebensjahr wurde ich streng römisch-katholisch erzogen. Mein Vater hatte als Kind in einem römisch-katholischen Waisenhaus in Irland gelebt, das ihn stark geprägt hat. Meine Mutter war ebenfalls sehr katholisch. In New York wuchs ich dann aber in einer jüdischen Gemeinde auf, in der die Religionszugehörigkeit ziemlich egal war &#8211; tatsächlich waren sie alle auf ihre Weise Atheisten. Sie versuchten, smarter zu sein als der Rest, lustiger, individueller &#8211; all das widerspricht der Idee von Religion. Sie alle waren getrieben von einer sehr bizarren Form von Glauben an sich selber, nicht so sehr an eine Kirche oder an einen Gott. Als ich also in die Pubertät kam, sagte ich zu meiner Mom: »Ich habe die Bibel gelesen, bin mit in die Kirche gegangen, ich hab&#8217;s versucht. Aber irgendwie mag ich an all diesen Zinnober nicht glauben.« Und sie sagte: »Okay, es ist dein Leben. Ich möchte nur für dich hoffen, dass du diese Entscheidung niemals bereust.«</p>
<p><b>GALORE:</b> Haben Sie sie bereut?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Nein, wenngleich ich im Verlauf der Jahre meiner Studien der Welt heraus gefunden habe, dass auch die Wissenschaft purer Voodoo-Zauber ist. Die Wissenschaft gibt vor, eine Antwort auf drängende Fragen der Welt zu haben, und ein paar Dinge sind mittlerweile vielleicht auch erklärbar: Wir haben das menschliche Genom getroffen, wir wissen das ein oder andere über Krankheiten, wir können dieses Glas hier vom Tisch schmeißen, es wird runterfallen und kaputt gehen &#8211; das ist Physik. Aber die einzigen wichtigen Dinge, die, die wir wirklich beantwortet wissen möchten, werden wir niemals erklären können. Das macht die Religion ja gerade so attraktiv für manche Menschen, weil sie glauben, dort Antworten zu finden. Doch was mich betrifft: Ich kann einfach nicht dem Kirkegaard&#8217;schen Gedankensprung zustimmen, der besagt: Du kannst ruhig an Gott glauben, gerade weil es so absurd ist an ihn zu glauben, weil alles gegen seine Existenz spricht. Also glaube dran &#8211; das Gegenteil wird ohnehin nie bewiesen. Würde ich gerne akzeptieren, diese Einstellung, geht aber nicht. Ich habe es immer gehofft, aber mittlerweile glaube ich, das wird nichts mehr.</p>
<p><b>GALORE:</b> Wenn alles Voodoo und mystischer Unfug ist, selbst die Wissenschaft: Woran soll man dann noch glauben?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Das ist ja das Deprimierende. Alles, was nach dieser Theorie noch übrig bleibt, ist die Einsicht, dass das alles hier nur ein großer Unfall ist, und dass der Mensch auch nichts weiter ist als ein zufällig entstandenes, wildes Tier. Warum habe ich eine Frau und drei Kinder? Weil ich Sex mag, den animalischen Trieb! Woher kommen denn Gedanken wie: »Heiße Braut! Will ich flachlegen!«, wenn eine schöne Frau zur Tür reinkommt? Weil wir alle dieses Animalische in uns tragen. Es ist der ewige Kampf zwischen Seele und Verstand, der uns zwischen den Extremen pendeln lässt. Schauen Sie sich nur die katholische Kirche an, die ihren Nonnen und Priestern das grundlegende animalische Bedürfnis der Fortpflanzung entzieht: Es funktioniert nicht! Sie landen am Ende bei kleinen Jungen oder Prostituierten! Also muss das falsch sein. Was hingegen richtig ist: Ich habe keine Ahnung.</p>
<p><b>GALORE:</b> Ein wenig schimmert da die Hippie-Ideologie von <em>Drop City</em> durch: Lebe im Einklang mit der Natur, freie Liebe für alle, keine Besitzansprüche, die Welt ist ein magischer Ort. Würden Sie gerne die Zeit zurückdrehen, noch einmal das naiv und positiv verklärende Weltbild der Hippies leben?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> <i>Been there, done that.</i> Hat ja auch nicht funktioniert. Der Grund, warum ich gerade jetzt über diese Ära geschrieben habe, ist: Seit jüngster Zeit, seit Beginn des Informationszeitalters und des gläsernen Menschen, ist diese Lebensidee endgültig jüngere Geschichte. Es wird nicht mehr so nostalgisch verklärt, wie noch in den Büchern von Tom Wolfe, Ken Keesey oder Tom Robbins. Es wird mittlerweile verstanden: Es hat nicht funktioniert. Dieser Lebensentwurf ist vollkommen utopisch. Was ich mit <a href="https://www.tcboyle.de/werke/drop-city/"><em>Drop City</em></a> wollte, ist einen vollkommen unkomischen, ungeschönten Tatsachenbericht über eine Ära schreiben, die an ihren eigenen Ambitionen zu Grunde ging. Alle, auch die Hippies, mussten irgendwann einsehen, dass man unmöglich mit so vielen Menschen auf ein und demselben Planeten leben kann, ohne ihn zu absorbieren, mit Landwirtschaft und Zivilisation zu bedecken und somit am Ende zugrunde zu richten. Menschen sind Alpha-Raubtiere, wie Grizzlybären oder Haie. Und Alpha-Raubtiere können nun mal nicht im Einklang mit der Natur leben, weil sie sich von ihr ernähren. Sie haben zudem einen großen Bedarf an Nahrung &#8211; es muss also jemand anderes darunter leiden. Und sie brauchen Platz, weil sie eigentlich keine Herdentiere sind. Nun: Für den Menschen, das inzwischen am Abstand weit verbreitetste Alpha-Raubtier, wird&#8217;s langsam eng auf diesem Planeten. Deshalb bin ich ja auch so überzeugt davon, dass demnächst der große Knall kommt und uns alle abholt. Es sind nicht mehr genug Ressourcen für alle da.</p>
<p><b>GALORE:</b> Eingangs sprachen wir über Obsessionen, Abhängigkeiten. War es nur die obsessive Arbeit, die Ihnen aus Ihrer Heroin-Sucht geholfen hat?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Die Arbeit und die Liebe meiner Frau. Sie war bereits damals meine Freundin. Ohne sie und das erschreckende Erlebnis, dass ein guter Freund von mir sich den goldenen Schuss gesetzt hat, wäre ich aus dieser Sucht wahrscheinlich nicht herausgekommen. Ich habe sehr bescheuerte Dinge getan, mein Leben riskiert, meine Daseinsberechtigung als Mensch. Sie müssen sich vorstellen: Ich habe schon gedrückt, als ich noch als Lehrer an einer Schule in New York tätig war. Die Liebe meiner Frau, die Arbeit und das glücklicherweise rechtzeitig einsetzende Gefühl, dass es so nicht weiter geht, haben mir aus der Sucht geholfen.</p>
<p><b>GALORE:</b> Sie haben damals, auf dem Höhepunkt Ihrer Abhängigkeit, angefangen, Kurzgeschichten zu schreiben.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Das stimmt.</p>
<p><b>GALORE:</b> War das Schreiben, der kreative Prozess ein anderer?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Nur in der Form, dass diese Aufgabe, das Schreiben als solches, neu für mich war. Mein Lebensinhalt bestand damals daraus, in den richtigen Clubs abzuhängen, einen Haufen Deadheads zu treffen, high zu werden und den Tag zu verplempern. Durch das Schreiben habe ich entdeckt, dass es noch etwas anderes in meinem Leben gibt, was mich zutiefst mit Befriedigung erfüllt. Ich habe dadurch kapiert, dass diese Typen, mit denen ich rumhing, nichts anderes waren als ein Sack voller Junkies, die keine Bücher lesen, keine Inspiration haben und den ganzen Tag über das große Nichts diskutieren. Dank des Schreibens habe ich entdeckt, dass Rebellion auch anders funktionieren kann als Drogen zu nehmen. Beim Schreiben selber hingegen gab es keinen Unterschied. Ich habe an einem bestimmten Punkt meines Lebens einfach die »Reset«-Taste gedrückt und von vorne angefangen.</p>
<p><b>GALORE:</b> Was treibt einen intelligenten jungen Mann mit einem Job, einem festen Wohnsitz und einer liebenden Freundin zu einer Droge, die bereits nach dem ersten Schuss abhängig macht?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Zunächst: Es ist ein nur Mythos, dass du beim ersten Schuss abhängig wirst. Das stimmt einfach nicht. Und zweitens: Es gibt nun mal so etwas wie Selbsthass und Selbstzerstörung, und dieses Phänomen hat mich wohl mehr als andere erwischt. Du musst Junkie sein wollen, um einer zu werden. Es ist eine ganz klare vorsätzliche Entscheidung. Du willst dir Schmerz zufügen und gleichzeitig einen Ausweg aus dem Schmerz deines Lebens finden. Manche Menschen glauben eben, dass Heroin da der beste Ausweg aus diesem Dilemma ist.</p>
<p><b>GALORE:</b> Ist jemals eines Ihrer drei Kinder auf Sie zugekommen mit dem Wunsch, es einmal mit Drogen zu probieren?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> So weit sie mich darüber in Kenntnis gesetzt haben: nein. Das ist ja das Schöne an einer jungen Generation: Sie muss sich immer gegen die Gewohnheiten und Sichtweisen der Eltern auflehnen, das exakte Gegenteil tun. In meinem Fall bedeutet das: Meine Kinder sind extrem straight, weil ihr Vater all diesen Ausstiegsscheiß schon gemacht hat. Sie studieren hart, sie konzentrieren sich auf ihre Ziele. Rebellion heißt heutzutage: Clean bleiben, Ziele haben, das Slackertum der Eltern verachten.</p>
<p><b>GALORE:</b> Haben Ihre Kinder Ambitionen zu schreiben?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Meine Tochter schreibt, ja. Sie hat demnächst ihren ersten großen Auftritt auf einem Schreiber-Festival in New York. Sie scheint bereits auf einem guten Weg zu sein, eine brillante Schriftstellerin zu werden. Was das Schöne ist: Ihre Geschichten sind in jeder vorstellbaren Beziehung vollkommen anders als meine eigenen.</p>
<p><b>GALORE:</b> Das müssen sie auch &#8211; sonst gäbe es da wohl den lebenslangen Wettkampf-Gedanken: Werde ich besser als mein Vater? Wie emanzipiere ich mich? Das Kirk- und Michael-Douglas-Drama auf Schreiberebene.</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Vollkommen richtig! Ich bin auch selber sehr froh, dass es so ist. Ähnlich ist es mit meinen Studenten: Kaum einer hat einen ähnlichen Stil wie ich. Im Gegenteil: Sie versuchen sich bewusst abzusetzen von den Impulsen ihres Mentors.</p>
<p><b>GALORE:</b> Was ist das Schlimmste an unserem Planeten?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Menschen. Ohne sie wäre alles in Ordnung. Oder nein: Männer. Frauen sind toll. Ich liebe sie. Frauen würden den Planeten niemals in einer Weise zerstören, wie es der Mann tut. Unsere Spezies ist außer Kontrolle. Der Mann sollte viel stärker über eine zentrale Frage nachdenken: Sind die Dinge wirklich existent, nur weil wir sie wahrnehmen? Wir glauben so vieles wahrzunehmen, zu realisieren, was lediglich in unserem kranken, fehlgeleiteten Geist existiert. Wenn es uns nicht mehr gibt, wird es auch all die Dinge, die wir als globales Problem ansehen, von heute auf morgen nicht mehr geben. Unsere Wahrnehmung ist doch ein einziger Scheiß. Nehmen Sie nur meinen Hund: Er ist zu Hause, ein paar Minuten Fußweg von hier, und er kann uns riechen. Er weiß, dass wir hier sind. Können Sie ihn riechen? Hören? Spüren? Also: Warum nur kommt der Mensch immer wieder auf die Idee, das Lebewesen mit den optimalen Voraussetzungen zu sein, um diese Welt zu beherrschen?</p>
<p><b>GALORE:</b> Worüber sollten wir alle mal mehr nachdenken?</p>
<p><b>T.C. Boyle:</b> Wir sollten alle mehr darüber nachdenken, mindestens 70 Prozent unseres Einkommens darauf zu verwenden, T.C.-Boyle-Bücher zu kaufen und den verbleibenden Rest an Arme, Bedürftige oder Naturschutz-Organisationen zu spenden. Und wir sollten überall auf der Welt, in jeder einzelnen verdammten Stadt, T.C.-Boyle-Buchshop-Baracken errichten, die so groß sind, dass dort mindestens vier Obdachlose leben können, die sich mit dem Verkauf meiner Bücher ihr Leben finanzieren.<i> (lacht)</i></p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><span class="note">Das Interview mit T.C. Boyle erschien in einer gekürzten Fassung in der Erstausgabe des Interview-Magazins GALORE.  Veröffentlichung des gesamten Interviews auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von Sascha Krüger. Foto: Milo Boyle, Santa Barbara 2003. Verwendung des Fotos auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle.<br /></span></p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_divider et_pb_divider_1 et_pb_divider_position_center et_pb_space"><div class="et_pb_divider_internal"></div></div>
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		<title>»&#8230; bis mein Hirn mich im Stich lässt«</title>
		<link>https://www.tcboyle.de/bis-mein-hirn-mich-im-stich-laesst/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norm Sender]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Oct 1998 16:02:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Scrapbook]]></category>
		<category><![CDATA[Dortmund]]></category>
		<category><![CDATA[Joachim Hiller]]></category>
		<category><![CDATA[Ox]]></category>
		<category><![CDATA[T.C. Boyle]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Interview mit T.C. Boyle. Geführt von Joachim Hiller – für Ox, dem Fanzine für Punk, Hardcore und Rock’n Roll, im Oktober 1998 im Holiday Inn in Dortmund. Boyle erweist sich als äußerst sympathischer und unkomplizierter Gesprächspartner.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="et_pb_section et_pb_section_1 et_section_regular" >
				
				
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><h5 style="text-align: left;">Ein Interview mit T.C. Boyle. Geführt von Joachim Hiller &#8211; für Ox, dem Fanzine für Punk, Hardcore und Rock&#8217;n Roll, im Oktober 1998 in Dortmund.</h5></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Das <em>Ox</em> auf dem Literaturtrip: Durch Zufall war Uschi im Oktober auf eine Lesung des von uns beiden geschätzten US-Schriftstellers Thomas Coraghessan »T.C.« Boyle aufmerksam geworden, hatte spontan Karten gekauft und kam dann auch noch mit der Idee an, den Verfasser solch brillanter Bücher wie <a href="https://www.tcboyle.de/werke/worlds-end/"><em>World&#8217;s End</em></a>, <a href="https://www.tcboyle.de/werke/wassermusik/"><em>Wassermusik</em></a> oder <a href="https://www.tcboyle.de/werke/gruen-ist-die-hoffnung/"><em>Grün ist die Hoffnung</em></a> einfach zu interviewen. Gesagt, getan, und so saßen wir ein paar Telefonate später Mr. Boyle in einer ruhigen Ecke der Hotelbar des Dortmunder Holiday Inn-Hotels gegenüber, immer noch überrascht, wie einfach es war, ein persönliches Gespräch mit einem Mann gewährt zu bekommen, der weltweit hunderttausende Bücher verkauft, in der Presse abgefeiert wird und mit <a href="https://www.tcboyle.de/werke/riven-rock/"><em>Riven Rock</em></a> sein neuestes Werk im Gepäck hatte. Boyle erwies sich als äußerst sympathischer und unkomplizierter Gesprächspartner, in dessen Antworten immer wieder genau jener anarchische Humor aufblitzte, der seine Bücher so lesenswert macht.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Ich muss sagen, du siehst sehr jung aus für einen Sechzigjährigen.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Was?!?</p>
<p><strong>Ox:</strong> Ja, in einem deiner rororo-Taschenbücher steht, dass du 1938 geboren wurdest &#8211; richtig ist aber wohl 1948.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Oh ja, das habe ich auch gesehen! Ja, das ist doch gut! So kann ich die Leute mit meinem jugendlichen Aussehen überraschen. Oder ich krieche bei meiner nächsten Lesung mit einem Krückstock auf die Bühne. Das bringt mich darauf, dass ich seit Jahren die Idee mit mir herumtrage, mal eine Wodkaflasche mit auf die Bühne zu nehmen, bei der ich das Steuersiegel &#8211; in den USA müssen Schnapsflaschen über den Drehverschluss ein Steuersiegel tragen &#8211; wieder angeklebt habe, sodass jeder denkt, das sei eine noch ungeöffnete Flasche. Nur ist meine Flasche natürlich mit Wasser gefüllt. Und so würde ich mich in aller Seelenruhe auf die Bühne stellen, die Flasche leeren, kein Wort darüber verlieren und ganz normal lesen.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Alkohol &#8211; ein gutes Stichwort: in fast allen Artikeln über dich bzw. in fast allen Rezensionen deiner Bücher werden als zentraler Teil deiner Biografie immer wieder Alkohol und Drogen genannt.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Wirklich? Oh, das überrascht mich jetzt aber &#8230;</p>
<p><strong>Ox:</strong> Soso &#8230; stellt dich das nun falsch dar oder stimmt es?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Nun, es gibt mein Image korrekt wieder, allerdings mein altes Image. Heute ist mein Image das eines hart arbeitenden Schriftstellers, der versucht vor seinem Tod soviel zu schreiben wie möglich &#8230;</p>
<p><strong>Ox:</strong> &#8230; anstatt seine Zeit damit zu verschwenden, sich selbst zu zerstören.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Richtig. Ich bin in den letzten Jahren immer schneller geworden. Für <a href="https://www.tcboyle.de/werke/riven-rock/"><em>Riven Rock</em> </a>habe ich vierzehn Monate gebraucht, während ich für <a href="https://www.tcboyle.de/werke/wassermusik/"><em>Wassermusik</em></a> und <a href="https://www.tcboyle.de/werke/worlds-end/"><em>World&#8217;s End</em></a> noch jeweils drei Jahre gebraucht habe. Wenn ich mich also weiterhin so steigere, werde ich mit 70 in der Lage sein, jede Woche ein neues Buch zu schreiben.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Oh mein Gott! Wäre das wünschenswert?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Nein &#8211; weder für mich, noch für dich, noch für sonst irgendwen.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Ich denke, es gehört auch irgendwie dazu, dass man auf das neue Buch seines Lieblingsschriftstellers warten muss.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ja, ich denke auch, und andererseits gibt es ja auch noch meine Kurzgeschichten, was mich in den USA von den meisten meiner Kollegen unterscheidet. Wenn ich also vom Schreiben eines Buches erschöpft bin, fange ich nicht gleich das nächste an, sondern mache erstmal mit einer Kurzgeschichte weiter. 1989 zum Beispiel hatte ich gerade <a href="https://www.tcboyle.de/werke/der-samurai-von-savannah/"><em>Der Samurai von Savannah</em></a> beendet, ganz allein oben in meinem Haus in den Wäldern. Ich war froh fertig zu sein, zufrieden mit mir, aber auch aufgeregt. Und am Tag, nachdem ich das Manuskript an meinen Verleger geschickt hatte, kam ich mir vor wie als Kind &#8211; dieses Gefühl, dass die Tage endlos dauern, weil man nichts zu tun hat: ich stand auf, frühstückte, las ein Buch, ging spazieren, ging in die Bar was trinken, kam nach Hause &#8211; und am nächsten Tag war mir schon wieder so langweilig, dass ich mich hinsetzte und eine Kurzgeschichte schrieb. Tja, dieses Hochgefühl nach dem Schreiben eines Buches hält eben nicht lange an.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Um auf deine Biographie zurückzukommen: Abgesehen davon, dass du als Ex-Kiffer bezeichnet wirst, ist auch ständig die Rede vom Ex-Musiker. Welche Rolle spielt bzw. spielte Musik in deinem Leben?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Zum einen eine ganz grundlegende: Ich habe noch nie etwas geschrieben, ohne dabei Musik zu hören. Du brauchst einfach den Rhythmus für deine Schreibe, denn das, was du schreibst, muss Rhythmus haben. Ich höre klassische Musik und manchmal auch Jazz. Die Musik darf nicht ablenken, sondern soll einen gewissen Grundrhythmus liefern. Zum anderen wollte ich früher Musiker werden. Ich spielte in einer ganzen Reihe von Bands Saxophon oder Schlagzeug, und in der letzten Band, die ich hatte, war ich der Sänger, und ich glaube, darin bin ich auch am besten. Da das Leben für mich in den letzten Jahren aber immer komplizierter geworden ist, finde ich keine Zeit mehr für die Musik. Ich bin nämlich ein Fanatiker, ich mache keine halben Sachen und will das, was ich mache, so perfekt wie möglich machen. Ich musste mich also zwischen der Musik und dem Schreiben entscheiden, schon aus Fairness gegenüber meinen Mitmusikern, die ja ihren ganzen Ehrgeiz in die Band legten. Naja, und so klappte das mit der Band noch ganz gut, so lange mein Leben nicht so kompliziert war wie heute: Ich hatte erst ein oder zwei Bücher geschrieben, musste nicht viel rumreisen, kaum jemand kannte mich oder interessierte sich für meine Bücher. Heute geht neben dem Schreiben der größte Teil meiner Zeit für das Reisen drauf: Dieses Jahr zum Beispiel kam im Februar in den USA <a href="https://www.tcboyle.de/werke/riven-rock/"><em>Riven Rock</em></a> raus, also musste ich auf Lesetour gehen, dann fuhr ich im Juni nach Großbritannien, um dort zu lesen, jetzt bin ich hier, und am 1. November erscheint in den USA ein dicker Sammelband mit meinen Kurzgeschichten. Und im Januar &#8217;99 kommt auch schon die Taschenbuchausgabe von <a href="https://www.tcboyle.de/werke/riven-rock/"><em>Riven Rock</em></a>, sodass ich wieder unterwegs sein werde &#8230; Ach ja, und dann ist da auch noch das neue Buch, das ich irgendwann mal fertigschreiben muss.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Das klingt alles nicht viel anders als das, was ein Rockmusiker so zu absolvieren hat: der ist auch ständig auf Tour, entweder mit der Band oder um Interviews für die neue Platte zu geben.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ja, absolut &#8211; nur dass ich nicht weiß, wie diese ganzen Musiker das lebend überstehen. Ich meine, die sind die Hälfte des Jahres unterwegs, und das würde mich umbringen. Mein Standpunkt ist, dass wenn man einen normalen, gesunden Mann oder auch eine normale, gesunde Frau einen Monat lang in ein &#8211; durchaus schönes &#8211; Hotelzimmer steckt, ist er oder sie nach diesen vier Wochen tot. Dieser Lebensstil bringt dich einfach um, kein Scheiß! Diese Tour in Deutschland zum Beispiel läuft für mich total gut, in Berlin etwa hatten wir im Tränenpalast 500 Leute. Aber: je mehr Leute zu den Lesungen kommen, desto länger sitze ich nach der Lesung dran, um Bücher zu signieren. Das läuft nämlich so: Erst lese ich eine Stunde lang, dann beantworte ich zwanzig Minuten lang Fragen, und dann sitze ich anderthalb Stunden da und signiere Bücher. Dann ist es halbzwölf, ich bin in Schweiß gebadet, wir gehen noch irgendwo was essen, um zwei komme ich ins Hotel zurück, doch um acht spätestens muss ich wieder raus, um in die nächste Stadt zu fahren. Und so geht das jeden Tag. Ich meine, mir machen diese Lesereisen natürlich Spaß, aber sie sind eben sehr anstrengend.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Bleiben wir bei der Musik: In ein paar Artikeln wirst du auch als »Ex-Punk« bezeichnet. Wie ist das zu verstehen &#8211; im Sinne von »Punk« als »Halbstarker« oder im Sinne von »Punkrocker«?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Sowohl als auch!</p>
<p><strong>Ox:</strong> Genauer bitte &#8211; ich meine, das Interview ist für ein Punk-Fanzine, also wollen wir auch was über die Punk-Vergangenheit von T.C. Boyle wissen.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> O.k., o.k. &#8230; Ich war ein Punk im ursprünglichen Sinne, aber auch was die Musik anbelangt. Ich war auch ein Hippie, mochte Hippiemusik und Hippiemode, aber ich war jung genug, um an Punk Gefallen zu finden, als es damit richtig losging: Ich schnitt mir die Haare, legte mir andere Klamotten zu und fing an <em>The Clash</em> zu hören. Ich machte also damals, Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, in Los Angeles beide Äras mit.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Und, welche Konzerte von damals hast du in guter Erinnerung?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Natürlich die von den <em>Germs</em>! Au Mann, die legendären <em>Germs</em>. Und natürlich noch zig andere. Meine damalige Band hieß <em>The Ventilators</em>, und auch wenn wir Rhythm &amp; Blues spielten, so waren wir doch ziemlich von Punk beeinflusst. Unser Drummer war echt ein Verrückter, der kloppte wie ein Blöder, sodass wir klassische Rhythm &amp; Blues-Songs in dreifacher Geschwindigkeit spielten. Das war echt verrückt.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Und, habt ihr irgendwas veröffentlicht?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Nein, soweit kamen wir nie, aber ich habe zuhause noch ein Tape, das wir mal beim Proben haben mitlaufen lassen. Ich finde es großartig, aber damit stehe ich wohl ziemlich alleine da.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Vielleicht solltest du diese Aufnahme doch noch irgendwann veröffentlichen.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Na, ich weiß nicht &#8211; aber die Gefahr besteht durchaus! In New York hat mich vor einer Weile nach einer Lesung eine Frau angesprochen, die für das Plattenlabel Reprise arbeitet. Sie steckte mir mit einem verschmitzten Lächeln ihre Visitenkarte zu und sagte nur »Jederzeit&#8230;«. Aber keine Chance, darauf kann ich verzichten. <em>(lacht)</em></p>
<p><strong>Ox:</strong> Nach deiner Beschreibung wären <em>The Ventilators</em> heute durchaus zeitgemäß, denn angesichts von glattem MTV-»Alternative«-Rock wollen viele Leute wohl einfach »echte« Musik.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Hm, stimmt schon. Dieses ganze Grunge-Ding ist mittlerweile völlig am Ende, und ich bestreite nicht mal, dass ein paar dieser Leute recht talentiert waren, aber mehr als einen guten Song oder eine gute Platte hatten die meistens nicht, und das reicht halt nicht. Äh, irgendwie bringt mich das jetzt auf das Thema Film: Ich habe damit zwar direkt nichts zu tun, aber in absehbarer Zeit wird es wohl eine Verfilmung von meinem Buch <a href="https://www.tcboyle.de/werke/gruen-ist-die-hoffnung/"><em>Grün ist die Hoffnung</em></a> geben. Columbia Pictures hat sich die Filmrechte gesichert, hat einen Regisseur gefunden und auch Drehbuchschreiber. Das sind die Leute, die das Drehbuch zu <em>Große Pointe Blank</em> geschrieben haben, und als Regisseur ist der Typ vorgesehen, der <em>Full Monty</em> gemacht hat. Vielleicht machen sie aus meinem Buch also einen witzigen Film, ich hoffe es, aber ich selbst habe damit nichts zu tun.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Hast du denn diesbezüglich keine Ambitionen?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Eigentlich nicht, das heißt, demnächst werde ich wahrscheinlich meine eigene TV-Show auf HBO bekommen. Ich muss allerdings so gut wie gar nichts selber machen, denn die Schreiber suchen andere für mich aus, auch die Regisseure, und es soll so aussehen, dass ich eine kurze Ansage mache zu halbstündigen Verfilmungen von einigen meiner Kurzgeschichten: »Guten Abend, meine Damen und Herren, blablabla &#8230;« Ich freue mich darauf, denn so könnte ich auf einen Schlag viel, viel mehr Leute erreichen und müsste nicht mehr so viel auf Tour gehen. Bisher ist das aber erst im Planungsstadium, eine Entscheidung fällt im Frühjahr.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Literaturverfilmungen sind immer eine heikle Sache, denn wer das Buch gelesen hat, hat im Kopf bereits seinen eigenen »Film« gedreht. Warst du also mit <a href="https://www.tcboyle.de/werke/willkommen-in-wellville/"><em>Willkommen in Wellville</em></a> zufrieden?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ja! Ich kann Alan Parker sehr gut leiden, sowohl als Regisseur wie als Freund. Ich finde, er hat aus meinem Buch einen tollen Film gemacht &#8211; auch wenn die meisten Kritiker nicht dieser Meinung waren. <em>(lacht)</em> Die beklagten, dass er das Buch nur oberflächlich umgesetzt habe, mit zu vielen Slapstick-Szenen. Aber ich denke, man muss einfach sehen, dass es sich um ein ganz anderes Medium handelt: Ich hatte 500 Seiten Platz um zu machen, was ich wollte. Alan dagegen hatte nur knapp zwei Stunden, wobei ich auch noch den Verdacht hege, dass die Columbia-Bosse ihn zwangen den Film zu kürzen, weil er ja richtig groß in die Kinos kam. Aber trotzdem, den Umständen entsprechend hat Alan doch was aus dem Stoff gemacht, der Humor ist wild und dem Buch enstprechend, wobei man auch sehen muss, dass der Humor nicht gerade amerikanisch ist. Die Amerikaner sind da doch Konservativeres gewohnt, diesen typische TV-Serien-Humor halt. Alans Film dagegen hatte mehr was von einem Fellini-Film, er war wundervoll grotesk, mit Schleim und Scheiße und Furzwitzen &#8211; Mann, ich finde das klasse!</p>
<p><strong>Ox:</strong> Wie arbeitest du? Hast du jeden Tag deine festen Schreibzeiten?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ja. Ich stehe morgens auf, setze mich hin und schreibe und arbeite meist bis am frühen Nachmittag, eben bis mein Hirn mich im Stich lässt. Und am nächsten Tag mache ich dann weiter.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Und was ist mit Schreibhemmungen? Passiert es dir mal, dass du dasitzt und dir einfach nichts mehr einfällt?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Natürlich, das kommt vor. Dann stehe ich auf und widme mich dem Toilettenputzen, wische den Küchenfußboden, streiche irgendwas am Haus, bringe ein paar Ratten um &#8211; bis ich mich besser fühle und weiterschreiben kann.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Eigentlich haben alle deine Bücher einen historischen Background. Und ich denke mal, dass man dieses historische Faktenwissen nicht so eben aus dem Ärmel schüttelt, sondern dafür einiges an Forschung leisten muss.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> In der Tat. Und dieses Forschen beschränkt sich nicht nur auf meine historischen Bücher, sondern ist auch bei denen notwendig, die in der Gegenwart spielen. Mein neues Buch etwa, das <a href="https://www.tcboyle.de/werke/ein-freund-der-erde/"><em>Ein Freund der Erde</em></a> heißen wird, beschäftigt sich mit der Geschichte der Umweltbewegung von 1950 bis 2025 &#8211; ich werde die Geschichte also in die Zukunft projezieren. Meine Frau hasst das Buch jetzt schon, denn wenn ich mich so konzentriert mit der Umweltthematik auseinandersetze, bin ich immer sehr deprimiert. Jedenfalls bin ich in Vorbereitung des Buches schon eine ganze Weile damit zugange gewesen, mich mit der Umweltbewegung zu beschäftigen, mit Biologie-Fachbüchern und so weiter. Und während dieser Vorbereitungsphase entwickelt sich dann die konkrete Idee für das Buch, ich fange an zu schreiben, und im Augenblick habe ich schon ungefähr 60 Seiten geschafft. Wie es scheint, wird es die Geschichte eines Umweltsaboteurs sein, der in den Achtzigern und Neunzigern aktiv war und sich jetzt, 2025, an damals zurückerinnert. Das Prägendste an dem Buch wird das Wetter im Jahre 2025 sein, denn es ist sehr, sehr schlecht. Ich meine, ich will nicht und werde nicht ein weiteres apokalyptisches Buch schreiben, das macht ja jeder. Nein, das Buch wird eher eine Komödie sein, nur ist das Wetter eben sehr schlecht, aufgrund der Erderwärmung: ständig weht ein fieser Wind, alles ist voller Scheiße, alles tropft und ist feucht &#8211; so stelle ich mir die Zukunft vor, und um das beschreiben zu können, muss man natürlich erstmal recherchieren. Mit meinen historischen Büchern lief das genauso: Erst war das Thema da, dann habe ich viel dazu gelesen. Bei <a href="https://www.tcboyle.de/werke/america/"><em>América</em></a> habe ich mich in Tijuana mit Mexikanern unterhalten, die versucht haben die Grenze zu überqueren, war mit ihnen nachts an der Grenze, aber das war auch schon alles an journalistischer Arbeit. Ich bin eben kein Journalist, ich erfinde lieber Sachen. Und so lese ich solange Bücher, bis in meinem Kopf eine Geschichte entsteht, die ich dann weiterspinne. Andere Schriftsteller begehen den Fehler, zuviel zu recherchieren, und so lesen und lesen sie und kommen gar nicht dazu, ihr Buch zu schreiben. Ich dagegen lese nur soviel wie es braucht, damit meine Gedanken zu sprudeln beginnen &#8211; schließlich kann ich ja »unterwegs« immer noch anhalten und nochmal was nachlesen. Für kleine Details habe ich mittlerweile das Internet als große Hilfe entdeckt. Ich gebe dir mal ein Beispiel: ich habe gerade eine Kurzgeschichte über den langweiligsten Menschen der Welt geschrieben, und der redet über die verschiedensten Dinge, etwa über Golf &#8211; oder über Motorsägen. Ich persönlich habe aber keinerlei Ahnung von Motorsägen, doch mit Hilfe des Internets und einer Suchmaschine hatte ich mit dem Stichwort »chainsaw« innerhalb einer Minute eine Masse von Informationen, mit beinahe jedem technischen Detail. Für solche kleinen Recherchen ist das Internet also ein sehr nützliches Werkzeug. Apropos, in Kürze habe ich unter <a href="https://tcboyle.com/" target="_blank" rel="noopener">www.tcboyle.com</a> meine eigene Website. Ursprünglich hatte ich eigentlich nur vor, ein paar ausgewählte Rezensionen meiner Bücher dort unterzubringen, aber nachdem ich per Suchmaschine geschaut hatte, was so im WWW über mich zu finden ist &#8211; nämlich nur eine handvoll lausiger Reviews von irgendwelchen Leuten -, entschloss ich mich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und etwa die Besprechungen aus großen Zeitungen wie der <em>New York Times</em> dort hinzustellen.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Und das machst du alles selbst?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Äh, nun, ich habe dafür natürlich meine Techniker &#8211; meine beiden Söhne, die von Geburt an mit ihrem Computer und dem Modem verwachsen sind. Die beiden sind zwölf und fünfzehn.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Eine Tochter hast du auch noch.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ja, die ist jetzt neunzehn und gerade auf dem College. Die kann mit dem Computer aber nicht viel anfangen, im Gegensatz zu den beiden Jungs. Die haben das Design der Webpage schon fertig, wir müssen sie nur noch auf den Server laden. Aber wenn ihr Vater im Zug von Saarbrücken nach Dortmund sitzt, können sie natürlich nicht daran weiterarbeiten.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Ein Grundthema deiner Bücher ist, dass du immer wieder die Geschichte eines Mannes erzählst, der in Situationen gerät, die ihn auf die verschiedenste Weise überfordern, sodass er zu Handlungen gezwungen wird, die seltsam bis bizarr erscheinen.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Was du da beschreibst ist doch eigentlich nur das Leben, wie es wirklich ist: <em>Somebody suddenly fucks up in a major way or things come crushing down on him</em> &#8211; jemand baut plötzlich große Scheiße oder es bricht einfach über ihn herein. Ich habe das Gefühl, dass mein Leben von zufälligen Ereignissen, von Glück und Pech, von Voodoo bestimmt wird. Und was passiert, was bedeutet es, wenn sich plötzlich alles gegen dich wendet? Da ich einen Roman schreibe, da es sich um Fiktion handelt, habe ich die Macht das Schicksal meiner Charaktere zu bestimmen &#8211; und ich will, dass sie leiden. Doch wer bestimmt im richtigen Leben unser Schicksal? Das ist das große Geheimnis, und was geheimnisvoll ist, das macht auch Angst. Bret Easton Ellis, der Autor von <em>American Psycho</em>, hat über <a href="https://www.tcboyle.de/werke/america/" target="_blank" rel="noopener"><em>América</em></a> gesagt, in meinen Büchern gebe es immer eine kontrollierte Situation, eine kleine Gruppe von Menschen mit einer Mauer um sie herum, und dann kommt plötzlich jemand, dringt ein und tritt ein großes Chaos los. Und ja, Ellis hat recht. Ich denke, der Wunsch Kontrolle auszuüben, wenn auch nur über einen eng begrenzten Bereich, ist menschlich, aber dann frage ich mich auch wieder, ob das überhaupt jemals möglich ist. Wahrscheinlich nicht, und deshalb gibt es ständig Frustrationen: Alles auf dieser Welt, vom Leben der Bakterien bis zu dem der Wirbeltiere, ist auf Chaos programmiert. Alles ist Chaos, sowas wie »Vernunft« gibt es nicht.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Wie fühlt man sich denn so als »Kult-Autor«? Als solcher wirst du nämlich immer wieder in Rezensionen bezeichnet.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Hm, ich weiss nicht, ob das wirklich ein gutes Gefühl ist, denn sowas beschränkt dein Publikum. Ich war in den USA früher mal ein »Kult-Autor«, aber jetzt verkaufe ich natürlich viel zu viele Bücher. Zum Mainstream zu gehören ist andererseits auch nicht erstrebenswert, denn das bedeutet ja, dass man nichts Aufregendes mehr macht. Ich bin also irgendwas zwischendrin, wobei man die passende Bezeichnung noch finden muss. Aber klar, es ist schön ein »Kult-Autor« zu sein, ich habe bis heute eine große »Kult«-Anhängerschaft in allen Ländern, nicht nur in den USA. Doch angesichts der Menge von Büchern, die ich mittlerweile verkauft habe, bin ich aus diesem Kult-Dingens herausgewachsen, ohne jedoch zum Mainstream zu gehören. Ich muss mir also was neues ausdenken &#8211; wie wär&#8217;s mit T.C. Boyle, former cult author, now dominant king of the literary world?</p>
<p><strong>Ox:</strong> Äh ja, doch, das klingt gut. Jetzt weiß ich endlich auch, was es mit dieser dezenten goldenen Krone auf deinem Kopf auf sich hat.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> &#8230; der große Schriftsteller, dem mit jedem Buch was neues einfällt. Als ich 20 war, liebte ich einen bestimmten US-amerikanischen Schriftsteller, der in Europa lebt und dessen Namen ich jetzt nicht nennen werde, weil ich über ihn lästern werde. Dieser Schriftsteller war klasse, witzig, gut, ich kaufte alle seine Bücher, sobald sie herauskamen. Doch dann, beim fünften oder sechsten Buch, fiel mir auf, dass jedes Buch eine exakte Kopie des vorhergehenden war, nur dass die Charaktere andere Namen hatten. Ich habe die Bücher daraufhin weggeschmissen, denn das hat für mich nichts mit Kunst zu tun: Man muss sich weiterentwickeln, muss wachsen, was anderes ausprobieren. Und selbst wenn man daran scheitert &#8211; man muss es zumindest versuchen.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Wie siehst du die Zukunft des geschriebenen respektive gedruckten Wortes in Zeiten, da das Fernsehen und das Internet allgegenwärtig sind?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Als seinerzeit das Telefon eingeführt wurde, schrieb die amerikanische Presse wütende Kommentare darüber, dass nun das geschriebene Wort an Bedeutung einbüßen würde und niemand mehr Briefe schreiben werde. Nun, diese Kommentatoren hatten zu einem guten Teil recht, aber was ist heute? Die Leute schreiben sich Unmengen von eMails und telefonieren weniger. Ich sehe darin nichts Schlechtes, denn immerhin benutzen die Leute so die Schriftsprache &#8211; mit Hilfe einer Tastatur. Überlege mal, wie viele Leute schrieben vor zehn Jahren mit Hilfe einer Tastatur? Als Schreiber, als Verfasser von Literatur, beschäftigt mich ein ganz anderer Aspekt, nämlich der, um wieviel wichtiger Musik und Filme im Vergleich zu Büchern genommen werden. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: um ein Buch zu lesen, braucht es ein gewisses Maß an Intelligenz. Demgegenüber ist es viel viel simpler eine CD in den CD-Player einzulegen oder den Fernseher einzuschalten bzw. ein Video einzulegen. Die Schuld daran trägt unsere moderne verrückte Kultur: Ständig ist zuviel von allem verfügbar, alles ist hysterisch und schnell, niemand hat Zeit für irgendwas, schon gar nicht um sich hinzusetzen, sich zu sammeln und sein Gehirn in jenen schönen kontemplativen Zustand zu versetzen, den es braucht, um ein Buch zu lesen. Andererseits sind die Schriftsteller an dieser Entwicklung auch nicht unschuldig, denn je komplizierter und experimenteller ihre Bücher in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern wurden, desto mehr entstand der Eindruck, sie würden nur noch für ihresgleichen sowie für den gebildeten Teil der Bevölkerung schreiben. Nun, das ist prinzipiell in Ordnung, aber auch sehr selbstbeschränkend. Große Kunst, denke ich, sollte für jeden geeignet sein und vor allem auch unterhalten. Oft genug verliert man den zentralen Aspekt aus den Augen, dass ein Buch in erster Linie unterhalten sollte. Ein Buch ist Entertainment, wie eine Fernsehserie oder eine Platte. Ob es nun schlecht oder brillant ist, das ist eine andere Frage &#8211; es kommt darauf an, dass es unterhält. Und wir brauchen keine Kritiker, die uns ein Buch erklären. Nun, ich hoffe, dass meine Bücher diesen Anspruch erfüllen: Jeder sollte in der Lage sein, meine Bücher zu lesen. Nicht jeder muss alles darin verstehen, aber man sollte von der Story gefesselt werden, sich davon hinwegtragen lassen. Die nächste Stufe ist, dass man die Struktur und die Botschaft eines Buches erkennt, und so weiter, aber das ist nicht so wichtig.</p>
<p><strong>Ox:</strong> Wenn es also um den Aspekt der Unterhaltung geht, um Entertainment, warum sollte dann ein Schriftsteller nicht ein ähnliches Level erreichen wie ein Popstar oder ein Filmstar?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ganz einfach: Das Publikum ist kleiner. Und weil ich finde, dass sich das ändern sollte, bin ich auch so heiß auf diese TV-Sache, die ich vorhin erwähnt habe. Wenn ich die Leute mit den Verfilmungen meiner Geschichten begeistern kann, gehen sie vielleicht auch in den Laden und kaufen meine Bücher. Ganz offen: Das Publikum ist wie eine Viehherde, die lesen alles, nur weil sie es im Fernsehen gesehen haben. Und ich finde es besser, wenn sie dann etwas lesen, das meiner Meinung nach gut ist, als irgendeine Scheiße &#8211; und das ist das, was sie jetzt zu lesen vorgesetzt bekommen. Und deshalb will ich in einem lustigen Jackett via Fernsehen vor ihnen stehen und ihnen klarmachen, was gut ist. Natürlich weiß ich, dass in den USA wie speziell in Deutschland die Kritiker damit ein Problem haben werden, denn sie glauben, dass ein Intellektueller bestimmten Kriterien genügen muss, eine bestimmte Rolle erfüllen soll. Und? Ich habe auch einen Universitätsabschluss, und ich kann machen, was ich will. Nur will ich nicht, dass die Leute denken, eine Lesung wäre eine trockene akademische Sache, die am besten in einem Klassenzimmer stattfindet. Nein, eine Lesung muss Spaß machen, muss elektrisieren &#8211; so wie ein gutes Buch auch.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><span class="note">Veröffentlichung des Interviews auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von Joachim Hiller. Bannerbild unter Verwendung eines Fotos von Pablo Campos, Santa Barbara 1998. Verwendung des Fotos auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. </span></p></div>
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<p>Der Beitrag <a href="https://www.tcboyle.de/bis-mein-hirn-mich-im-stich-laesst/">»&#8230; bis mein Hirn mich im Stich lässt«</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.tcboyle.de">www.tcboyle.de</a>.</p>
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		<item>
		<title>»Es ist besser, noch ein bisschen länger zu leben«</title>
		<link>https://www.tcboyle.de/es-ist-besser-noch-ein-bisschen-laenger-zu-leben/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norm Sender]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Nov 1995 22:47:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Scrapbook]]></category>
		<category><![CDATA[Groucho Club]]></category>
		<category><![CDATA[Impressum]]></category>
		<category><![CDATA[London]]></category>
		<category><![CDATA[Matthias Penzel]]></category>
		<category><![CDATA[T.C. Boyle]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Interview mit T.C. Boyle. Geführt von Matthias Penzel am 9. November 1995 im berühmten Groucho Club in Soho/London. Der Anlass: Die Veröffentlichung seines Romans <em>América</em>. Publiziert wird Penzels Interview zunächst nur in Auszügen, hier in ganzer Länge.</p>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h5 style="text-align: left;">Ein Interview mit T.C. Boyle. Geführt von Matthias Penzel am 9. November 1995 im berühmten Groucho Club in Soho, London.</h5></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ich hatte Glück, meine Bücher haben sich immer gut verkauft. Mit <a href="https://www.tcboyle.de/werke/america/"><em>América</em></a> bin ich inzwischen an dem Punkt angekommen, wo ich von Leuten dafür angegriffen werde, dass ich einfach ich selbst bin. Es ist ein sehr politisches Buch. Das passt vielen nicht. Oft kommt Kritik gar nicht von Leuten, die mich eh nicht mögen, sondern von diesen zweitklassigen Romanciers. Sie fragen sich, warum ich es bin, der Bücher veröffentlicht und nicht sie. Meine Antwort ist klar: Vielleicht solltet ihr ein Buch schreiben! <em>(lacht)</em> Manche Kritiken sind wirklich fies, attackieren mich einfach; insgesamt ist die Reaktion aber entweder »Boyle ist ein Schweinehund, er sollte aus seinem Bau gezerrt und abgeknallt werden«, oder aber, wie kürzlich zu meinem neuen Buch zu lesen war: »Es ist ein sehr mutiges Buch, das erzählt, wie es wirklich abgeht.« Es tritt Leuten auf die Zehen. Speziell in Amerika.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> <a href="https://www.tcboyle.de/werke/america/"><em>América</em></a> ist wesentlich straffer konzipiert als deine früheren Romane. Es gibt wenige Flashbacks, das Gros der Story findet in Los Angeles statt. Ergab sich das von selbst? Oder musstest du dich zügeln und kontrollieren &#8230;</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> <em>(lacht)</em></p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> &#8230; um diesmal nicht so sehr abzuschweifen?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Jaja.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> War es von dir also von vornherein geplant, dass in diesem Buch nur das Nötigste reinkommt?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ja und nein. Nach meinem letzten Buch, <a href="https://www.tcboyle.de/werke/willkommen-in-wellville/"><em>Willkommen in Wellville</em></a>, wollte ich einfach wieder etwas anderes machen. Mein Ziel war, eine Art Fabel zu schreiben, etwas mit einer Moral am Ende; die Sprache einfach auf das Nötigste zu beschränken, mich auch mit der Hyperbolie zurückzuhalten und dem Irrsinn, mit dem ich sonst gern spiele -, um etwas zu machen, was ich nie zuvor gemacht habe. Und, ja, es ist straffer &#8211; aufgrund seiner Form, es ist eine Fabel -, es hat gerade vier Personen im Vordergrund, deren Meinungen und eine simplere Geschichte; nicht, was die Story bei oberflächlicher Betrachtung betrifft&#8230;</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> &#8230; sondern die Geschichten der Charaktere, ihre Hintergründe und Biographien.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> &#8230; ihre Geschichten und so weiter, ja.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Es war also von vornherein so geplant?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ja.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Arbeitest du mit einem Konzept, das du vor dem Schreiben eines Romans festlegst und an das du dich dann hältst?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Nein. Selbst bei <a href="https://www.tcboyle.de/werke/america/"><em>América</em></a> hatte ich lediglich eine Ahnung, eine Idee, wie es sich entwickeln könnte. Sicher war ich mir da aber nicht. Ich arbeite nicht mit outline oder ähnlichem. Es entwickelt sich einfach. Das ist eigentlich der Grund, weshalb ich ein Buch wie dieses schreibe: Um herauszufinden, wie meine Gefühle zu den darin vorgebrachten Sachen aussehen. Das läuft nicht polemisch ab nach der Devise: »Wie wär&#8217;s mit einem Buch, das besagt, dass Immigration etwas Schlechtes ist oder etwas Gutes.« Es entwickelt sich einfach. Was aber die Form betrifft, hatte ich von vornherein die recht klare Vorstellung, dieses Mal etwas Simpleres zu machen.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Warum?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Um zu sehen, ob ich es bringen kann. Um &#8230; tja, der Rahmen ist jedesmal anders. Anfangs weiß ich vielleicht nicht, wohin es sich entwickeln oder was darin ausgesagt werden wird. Aber ich weiß ungefähr, in was für einem Rahmen ich mich bewegen werde, welchen Umfang ich dem Ganzen einräume, wie komplex es wird. So weiß ich beispielsweise auch bei jeder Geschichte, die ich schreibe &#8211; ob sie fünf, zehn, zwanzig oder 350 Seiten Umfang hat &#8211; von Anfang an, noch bevor ich mit dem Schreiben beginne, was nötig ist, um die Idee auszuarbeiten. Und die Idee für <a href="https://www.tcboyle.de/werke/america/"><em>América</em></a> war in diesem Sinne eine simplere.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Die Sachen, um die es geht, sind allerdings äußerst komplex!</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ich meine nicht das set-up, sondern was Form anbelangt, und wie weit ich damit gehen muss. Der Roman, den ich als nächstes schreiben werde, wird wieder in der Vergangenheit stattfinden, zwischen 1905 und 1932. Und er wird aufgrund der Inhalte wesentlich komplexer. Es geht um Psychiatrie und Sex.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Wo?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> In Santa Barbara, meiner neuen Heimat.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Das artet also zu einer Serie an Westcoast-Romanen aus?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Scheinbar. Tut mir leid, aber ich bin jetzt ein Westcoast Guy; was ich nie für möglich hielt, aber ich kann mir inzwischen nicht mehr vorstellen, je nach New York zurückzugehen. Ich hätte nie gedacht, dass mir das passieren würde. Als ich aber vor zwei Jahren nach Santa Barbara gezogen bin, wurde mir klar, dass das der Ort ist, wo ich sein möchte. Jim Morrison hatte recht: <em>The West is the best!</em></p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Ursprünglich bist du aber an die Westküste gezogen, um zu unterrichten, richtig?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Vor achtzehn Jahren bin ich nach Los Angeles gegangen, um dort zu unterrichten. Und das mache ich immer noch. Nicht im Moment, denn ich bin ja gerade auf Buch-Tour. Während der letzten zwei Monate habe ich sechs oder sieben Nächte in meinem Bett geschlafen. Es ist also eine ziemlich große Tour. Und das Schlimme ist, dass ich angefangen habe, Hotelessen gut zu finden. Ich schlafe inzwischen sogar in den Hotelbetten richtig gut. Fast so, als wäre das mein normales Leben. Wahnsinn! In ein paar Tagen fliege ich nach Amsterdam, und dann wird man mich zwei Jahre lang nicht mehr sehen &#8211; außer in Deutschland, wo ich im Sommer 1996 vermutlich eine kleine Tour machen werde. Ansonsten werde ich mich die nächsten Monate mit meinem neuen Buch beschäftigen.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Wirst du auch weiter unterrichten?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ja, weiterhin an der University of Southern California, die mitten in South Central L. A. liegt, mitten im schlimmsten Getto weltweit.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Einem der schlimmsten oder dem schlimmsten?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ich würde sagen, dem schlimmsten. Es ist inzwischen wegen der vielen Gangs, die immer stärker bewaffnet sind und die &#8211; ohne mit der Wimper zu zucken &#8211; auch von ihren Waffen Gebrauch machen, sehr gefährlich geworden. In der Gegend kam es ja auch vor ein paar Jahren zu den Unruhen. So lange man aber vor Einbruch der Dunkelheit rauskommt, ist es nicht weiter tragisch. <em>(lacht)</em></p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Rassenunruhen sind in Los Angeles ja seit den frühesten Tagen der Stadt fast Tradition: In den Sechzigern brannte Watts &#8230;</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ja, so überraschend war es vielleicht nicht unbedingt. Nach den Aufständen der Sechziger hatte sich die Situation aber geändert. Lebensmittelgeschäfte, die damals abbrannten, machten nicht mehr auf. Neue Supermärkte wurden gar nicht erst eröffnet, weil keiner investieren wollte. Dadurch wurde alles schlimmer. Denn, wenn jemand etwas zu essen wollte, dann ging er nicht wie jeder Normalverbraucher in einen Laden und kaufte sich Brot und Rosenkohl, nein, die Mentalität aller Bewohner änderte sich: Wenn sie Hunger hatten, gingen sie lieber zum Kiosk oder zum Deli, um sich dort ein Sandwich zu kaufen &#8211; das kostet natürlich achtmal so viel.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Und es sät Wut und Hass &#8230;</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ganz genau! Das war nicht nur ein Aufstand der Schwarzen. Er wurde von Schwarzen begonnen, aber das Rodney-King-Urteil war eher eine Ausrede, endlich mal auf die Barrikaden zu gehen. Es hieß, es seien in erster Linie die Gangs gewesen, die das alles gestartet hätten, mit Bränden, die Polizei und Feuerwehr ablenkten, während sie die Lädchen plünderten. Von da an eskalierte es. Mindestens die Hälfte der Plünderer waren Hispano-Amis. Und das Traurigste an den folgenden Statistiken war für mich, zu hören, dass die am meisten gestohlene Ware Pampers Windeln waren. Wir haben so viel, dass wir uns derartiges gar nicht vorstellen können. Diese Leute müssen täglich die Scheiße aus Stoffwindeln kratzen &#8211; und was wollen sie? Plastikwindeln! Das ist ja wohl zu viel, so etwas zu wollen und nicht das Geld dafür zu haben &#8230; L. A. ist dieses Jahr knapp am Konkurs vorbei gesegelt; die Stadt bekam in letzter Minute eine Finanzspritze von der Regierung. Nächstes Jahr wird das nicht gehen. Im Klartext heißt das: Die Stadt kann ihre Rechnungen nicht bezahlen. Einfach, weil nur einer von fünf Leuten in den Topf &#8218;reinzahlt, während vier von fünf &#8218;rausholen. So funktioniert das nicht. Ich weiß nicht, was die Stadtväter dagegen unternehmen wollen. Steuern erhöhen, nehme ich an. Wenn mehr arbeiteten, würde das vielleicht etwas bringen. Ich denke, es wäre effektiv, als allererstes Drogen zu legalisieren &#8211; und zu versteuern, so wie Alkohol. Im Untergrund gibt es ein riesiges Finanzvolumen, alles Erträge aus Zuhälterei, Drogenhandel, Hehlerei und anderen Geschäften, bei denen keiner Steuern zahlt. Erhebt man Mehrwertsteuer für normale Güter, so kommt niemand daran vorbei, Steuern dafür zu entrichten. Die Mehrwertsteuer &#8211; richtiger: Verkaufssteuer &#8211; beträgt zur Zeit 7 Prozent. Das ist zu wenig. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Kalifornien die höchsten Einkommenssteuersätze im Land hat. Statt dieser gestaffelten Einkommenssteuer sollten sie eine Mehrwertsteuer von 30 Prozent oder so einführen.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Für jedes Produkt, das du kaufst?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ja, oder für alles, was du brauchst. Das ist die einzige Möglichkeit, all jene zu besteuern, die mit ihrem Geld durch das Raster der Wirtschaft fallen.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Aber im Moment gibt es doch so eine Steuer.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> 7 Prozent. Aber das ist zusätzlich zu den 11 Prozent der staatlichen Einkommenssteuer und, je nach dem, was du verdienst, bis zu 42 Prozent Bundessteuer. Außerdem musst Du bedenken, dass ein furchtbar großer Teil des Geldes zurück nach Mexiko geht. Die Menschen können in Mexiko nicht leben, sie können nicht überleben, also schicken sie Geld zurück zu ihren Familien &#8211; eine ganze Menge Geld, das in den Staaten verdient worden ist. Ein weiteres Problem ist: Wenn Mexikaner, Guatemalteken usw. hierher kommen, sind sie ungelernt und ungebildet. Sie wollen ja arbeiten, nur: alles, wozu sie imstande sind, ist manuelle Arbeit. In einer hochtechnologischen Gesellschaft brauchen wir immer weniger Handarbeiter. Wenn du jedoch keine einfache Mathemathik beherrscht, kannst du noch nicht einmal in einer Fabrik arbeiten. Also bekommst du eine irrsinnige Anzahl an Leuten und hast keine Arbeit für sie.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Denkst du dementsprechend, dass sich die westliche Zivilisation Richtung Mittelalter entwickelt &#8211; mit zwei Klassen, eine, die imstande ist, mit modernen Technologien wie eMail etc. zu arbeiten, und eine zweite Klasse, die nicht mal weiß, wie man einen Computer einschaltet?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Genau. Man kann das in der Gesellschaft Lateinamerikas sehen. Die meisten lateinamerikanischen Länder sind korrupt, sie haben eine regierende Partei oder Diktatur und eine sehr kleine, extrem wohlhabende Elite, die sich mit Mauern, Leibwächtern und Mini-Armeen abschottet. Und genau das kann man mittlerweile in L. A. beobachten.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> &#8230; in Bel Air und Beverly Hills.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ja. Eine Gesellschaft kann nicht funktionieren, wenn es keine gemeinsamen Interessen mehr gibt. Das wird dann zu mittelalterlich.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Die Zukunft sieht also finster aus?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Mach keine Witze &#8211; glaubst du wirklich, dass es besser wird?</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Spekulationen über die Apokalypse sind so alt wie die Menschheit.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ja. Aber ich sehe es nach wie vor in einer »doreanischen« Sicht der Dinge. Schau Dir die Tiere an, zum Beispiel den Rehbestand in New York. Die Jagd auf Wölfe wurde dort verboten, und der Rehbestand ist quasi explodiert. Das geht bis zu einem gewissen Punkt, an dem die Natur eingreift, und das geschieht normalerweise durch eine Krankheit. Ein Drittel der Menschen auf der Welt lebt wie wir, wir haben alles was wir wollen. Ein Drittel kommt gerade so durch und ein Drittel hungert zu Tode. Schau dir Westafrika an, wo Menschen, nur um zu überleben, jedes Tier töten müssen, jedes einzelne Ding, das sich bewegt, bis zu Eidechsen und Fröschen, nur um zu Essen. Sie brauchen ein Feuer zum Kochen, also laufen sie viele Kilometer, um das letzte kleine Bündel Reisig zu finden. Sie nehmen dieses letzte Bündel Reisig und verursachen dadurch ein Verwüstung. Sie schaffen ihre eigenen Wüsten. Schau dir die Sahelzone in Westafrika an! Ich glaube in drei Wochen sieht die ganze Welt so aus. Ich mache mir Sorgen darum, ich mache mir Sorgen um alles. Früher ließ mich das kalt. Vielleicht hat es etwas mit dem Älterwerden zu tun. Früher sagte ich: »Scheiß drauf, ist mir doch egal.« Heute ist es mir gar nicht egal &#8211; nichts ist mir egal.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Warum also Bücher? Wozu, aus welchem Grund? Einfach, um diese Gedanken loszuwerden oder um den Gang der Geschichte zu &#8230; verbessern?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ich denke, beides: Ich kann damit Leute beeinflussen, und weil das Schreiben für mich so eine Art Obsession ist &#8211; ich kann nicht anders, als aufzuschreiben, wie ich die Welt sehe. Ich denke, man hat Einfluss. Ein Buch wie <a href="https://www.tcboyle.de/werke/america/"><em>América</em></a> geht, denke ich, in den USA nicht spurlos an den Leuten vorbei. Sicher, vielen wäre eine simple Lösung die liebste, so eine Art Hollywood/Disney-Lösung aller Probleme: Cándido und Delaney lebten glücklich bis an ihr Lebensende, Delaney stellte Cándido als seinen Gärtner an, América als Hausmädchen, sie bekamen Kinder, die dann aufs College gingen, und alle waren glücklich. Und dann kommt die Musik zum Titelabspann. Ich glaube nicht, dass es so läuft. Ich denke, dass es wesentlich härter und gemeiner abläuft. Deshalb versuche ich es eben, mit meinen Büchern und an der Uni die Leute aufzurütteln, sie zu erziehen. Der erste Schritt ist, ihnen klarzumachen, dass Literatur etwas Gutes sein kann, dass sie hip und cool sein kann, witzig und unterhaltsam. Literatur ist nicht etwas, das nur in Akademien stattfindet, in muffigen Universitäten, wo Professoren das Geschriebene decodieren. Literatur sollte jedem etwas bieten. Und das ist auch ein Grund für diese endlos langen Tourneen, auf die ich mich begebe, um dies den Leuten näherzubringen.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Offensichtlich mag es ja niemand, mit anderen verglichen zu werden. Aber ein paar satirische Elemente von Américaerinnern mich tatsächlich an <em>Weißes Rauschen</em> von Don DeLillo, den du ja schon erwähnt hattest. Ist das eher schmeichelhaft oder ärgerlich?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Don DeLillo ist einer meiner Helden. Ich denke, <em>Weißes Rauschen</em> ist eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe &#8211; ja, ich wünschte, ich selbst hätte es geschrieben. Ich hatte das Buch aber nicht im Hinterkopf, während ich <a href="https://www.tcboyle.de/werke/america/"><em>América</em></a> schrieb. Es gibt in den USA allerdings sehr wenige satirische Autoren. In <em>Weißes Rauschen</em> wird DeLillo stellenweise satirisch, ebenso in <em>Mao II</em>. Tom Wolfes erster Roman, <em>Fegefeuer der Eitelkeiten</em>, ist sehr witzig und satirisch. Es gibt aber nicht viele Satiren dieser Art. In England haben sie Martin Amis und ein paar andere, aber auch nicht sonderlich viel, weswegen sich der Vergleich zu <em>Weißes Rauschen</em> vermutlich anbietet. Überhaupt kümmert sich kaum ein amerikanischer Autor dieser Tage um sozial brisante Themen. Sie schreiben darüber, wie es sich als Autor oder als Professor lebt. Es ist alles sehr eingeschränkt, wie mir scheint. Ich schreibe über alles, was mir passt, also auch über sozial brisante Themen, wenn sie mich gerade bewegen und aufregen. Auch in <a href="https://www.tcboyle.de/werke/der-samurai-von-savannah/"><em>Der Samurai von Savannah</em></a> behandle ich den Rassismus, obwohl es insgesamt vielmehr darum geht, wo man sich innerhalb der Gesellschaft befindet, wie sich ein Individuum in eine beliebige Gesellschaft einfügen kann. Gehört Hiro Tanaka nach Japan oder in die Staaten? Und Ruth Dershowitz: Ist sie dieser Autoren-Gesellschaft gewachsen, gehört sie dazu? Auch <a href="https://www.tcboyle.de/werke/worlds-end/"><em>World&#8217;s End</em></a> hatte bis zu einem bestimmten Grad mit Rassismus zu tun. Es ist für mich also nicht absolutes Neuland.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Ich würde sagen, selbst <a href="https://www.tcboyle.de/werke/wassermusik/"><em>Wassermusik</em></a>, obwohl es da um subtilere Abarten wie den Imperialismus, die Arroganz der »zivilisierten« Völker gegenüber der Kultur der »Wilden« geht &#8230;</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ganz genau. Denn das ist ja kultureller Imperialismus: Man zwingt einer anderen Kultur die eigene auf. Und um das machen zu können, entwertet man deren Errungenschaften. Ja, dem Thema habe ich mich auf unterschiedliche Weise schon mehrmals genähert. Damit ist jetzt aber erst einmal Schluss. Wie gesagt, in meinem nächsten Buch geht es um Psychiatrie und Sex. <em>(lacht)</em></p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Hast Du Dir zur Vorbereitung bereits andere Romane über Psychiatrie angesehen? Beispielsweise <em>Einer flog über das Kuckucksnest</em> und Hannah Green?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> <em>Ich hab dir nie einen Rosengarten</em> versprochen, ja. Ich habe mir das gerade neulich durchgelesen, zum ersten Mal seit Ewigkeiten, und ich fand es nicht so super. Ich erzähl dir die Story, an der ich gerade arbeite. Ich habe sie in meinem neuen Wohnort Santa Barbara gefunden. In den Anfangszeiten des Jahrhunderts war Santa Barbara ein Platz, an dem sehr reiche Leute aus dem Osten und aus Chicago riesige Paläste und palastartige Herrenhäuser errichteten, du weißt schon, mit 87 Morgen Land und Mauern drumherum. Einer von denen war der Erbe einer der größten Industrie-Unternehmen, die es damals gab. Er war jung, sein Vater war gestorben. Er hatte zig Millionen Dollar und als er Dreißig wurde, heiratete er eine 29-jährige Frau. Er war in Princeton zur Universität gegangen, hatte 1896 graduiert und war gutaussehend. Er war 1,82 m groß, was damals wirklich groß war. Seine Frau war bildhübsch. Ich habe Fotos von ihr gesehen. Sie war ebenfalls Millionärin und äußerst kultiviert. Ihre Eltern hatten ein Chateau in Genf, sie sprach Französisch und Deutsch, aber: Kurz nach Ihrer Heirat hatte der Mann einen ernsthaften, schizophrenen Nervenzusammenbruch, zum Teil genetisch bedingt, teils psychologisch, resultierend aus ernsten sexuellen Problemen. Ergo, die Ehe wurde nie vollzogen. Und für die nächsten 20 Jahre hat er nie wieder eine Frau angeschaut. Denn wäre ihm eine Frau zu nahe gekommen, hätte er sie körperlich angegriffen. Also konnten auch seine Frau, seine Mutter und seine Schwester ihn nur mit Hilfe von Ferngläsern auf seinem Anwesen beobachten. Ich glaube, es ist eine anrührende Liebesgeschichte, die ich da demnächst schreiben werde.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Sieht so aus.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Seine Frau hielt zu ihm, obwohl sie ihn nicht besuchen durfte und auch nicht am Telefon mit ihm sprechen oder ihm Briefe schreiben konnte. Sie engagierte schließlich einen Psychotherapeuten, einen Freudianer, und die Situation verbesserte sich durch die Analysen so weit, dass er seine Frau wieder sehen konnte. Er war immer noch schwer gestört, aber konnte seiner Frau wieder begegnen. Es gibt übrigens auch einen Affen in dieser Story, und du weißt vielleicht, wie sehr ich Affen liebe. Der erste Primatenzoo der Welt war auf dem Anwesen des gestörten Typen, weil der Psychiater die Ehefrau davon überzeugte, wenn sie einen solchen Zoo gründen würde, könne er &#8211; der Psychiater &#8211; das Sexleben der Affenleben studieren und die Ergebnisse auf ihren Mann anwenden -, was natürlich nicht funktioniert. Ich habe damit eine Menge Spaß gehabt.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Auch <a href="https://www.tcboyle.de/werke/wassermusik/"><em>Wassermusik</em></a> und <a href="https://www.tcboyle.de/werke/willkommen-in-wellville/"><em>Willkommen in Wellville</em></a> bauen auf authentischen Ereignissen auf. Ist dir das lieber, weil es dich davor bewahrt, allzu sehr abzuschweifen &#8230;, was ja vielleicht eine deiner Schwächen ist?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Alle Autoren haben unterschiedliche Gaben. Ich glaube, eine meiner Gaben ist Struktur. Ich verstehe es, verschiedene Fäden zusammenzubringen. <a href="https://www.tcboyle.de/werke/wassermusik/"><em>Wassermusik</em></a> und <a href="https://www.tcboyle.de/werke/gruen-ist-die-hoffnung/"><em>Grün ist die Hoffnung</em></a> sind meine ersten beiden Romane. Ich wusste damals nicht, ob ich imstande wäre, einen Roman zu schreiben. Beide Romane bauen auf tatsächlichen Ereignissen auf, was ihnen Struktur und Form gab. Meinen folgenden Romanen lag dergleichen nicht zugrunde. Und es funktionierte auch. Diesmal werde ich wieder etwas schreiben, das auf tatsächlichen Ereignissen aufbaut. Bis zu einem gewissen Grad trifft dies natürlich auch auf <a href="https://www.tcboyle.de/werke/willkommen-in-wellville/"><em>Willkommen in Wellville</em></a> zu. Denn mit Kellogg hat dieser Roman eine Figur, die tatsächlich lebte. Die komplette Story des Buches habe ich mir jedoch ausgedacht. Das war also ein bißchen anders. Dem nächsten Buch liegen Tatsachen zugrunde, an die ich mich halten werde. Ich muss mir also überlegen, wie ich es strukturiere, was ich aussagen möchte, und wie ich es aussage. Damit beschäftige ich mich zur Zeit.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Hast du dir bereits Notizen dazu gemacht?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Nein, nichts. Ich habe Material gesammelt, Unterlagen der Familie, um die es geht, durchgesehen. Wenn ich aber, so wie jetzt, fünf Monate lang auf Tournee bin, kann ich nicht richtig daran arbeiten. Damit fange ich erst an, wenn ich zurück bin.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Von acht Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Wie du weißt, lässt sich der Alltag eines Schreibers nicht so einteilen.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Manche arbeiten aber nach einem entsprechend rigiden Terminplan.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ja. Sie schreiben aber nur Abfall. Das geht nicht. Dein Hirn stirbt dabei ab. Sicher, jeder geht da anders heran, aber ich arbeite selten mehr als vier Stunden pro Tag &#8211; bis ich mich dem Ende nähere. Man kann sich einfach nicht so lange konzentrieren. Wenn es einen ermüdet, muss man aufhören und sich amüsieren. Trotzdem arbeitet man, denke ich, auf einem unbewussten Level auch dann weiter.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Ja, nonstop.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Genau. Ich flüstere die Namen meiner Charaktere manchmal vor dem Einschlafen. <em>(lacht)</em> Von acht bis fünf würde ich aber niemals arbeiten. Ich glaube, du spinnst. John Gardner, den ich vor langem, ein paar Jahre vor seinem Tod, traf, erzählte mir, dass er jeden Tag arbeitet, und zwar von acht Uhr morgens bis elf nachts. Ich sagte: »Wie furchtbar.« Denn, wenn man weiß, dass man bis elf Uhr nachts am Schreibtisch sitzen wird, dann werkelt man die meiste Zeit einfach nur so herum. So ist das. Und am Ende des Tages, wenn man Stunden mit lauter Quatsch verbracht hat, geht es einem mies, weil man eben nichts Richtiges erreicht hat. Wenn ich den Eindruck habe, dass nichts mehr geht, höre ich einfach auf. Ich glaube, dass man nichts Gutes bringt, ist man erst einmal müde.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Womit schreibst du?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ich komponiere auf einer Tastatur, nicht einem Computer, sondern einer Schreibmaschine. Alle Revisionen mache ich auf dem ersten Manuskript. Mit meiner Schreibmaschine kann ich immer ein, zwei Zeilen löschen, Tippfehler korrigieren, bevor sie auf dem Papier erscheinen. Das ist also gar nicht so anders, als wenn man mit einem Computer arbeitet. Einfach Backspace. Manchmal denke ich, dass ich für die Endfassung auf einen Computer umsteigen sollte, denn zu diesem Zeitpunkt steht alles felsenfest, ist es, abgesehen von wenigen Details, ganz genau das, was in Buchform erscheint. Das letzte Abtippen dauert also einen Monat, den ich mir eigentlich sparen könnte, wenn ich es mit einem Computer innerhalb einiger Tage machen würde. Es ist vermutlich nur eine schlappe Erklärung, aber gerade dieser Monat macht mir Spaß, gibt mir unheimlich viel. Es ist eine Art, ein Projekt abzuschließen und an ein anderes schon mal zu denken. Ich weiß, genauso gut könnte ich das in drei Tagen mit einem Computer zusammensetzen und den Rest des Monats auf den Bahamas verbringen &#8230;, ich weiß auch nicht. Ich habe immer so gearbeitet und ich werde daran festhalten. Bei manchem, was das eigentliche Schreiben betrifft, ergeben sich Gewohnheiten, die man einfach annimmt. Gewohnheiten, die man lieber nicht hinterfragt. Das hat etwas Magisches, so eine Art Voodoozauber, mit dem man sich lieber nicht anlegt. John Updike schreibt seine Romane mit der Hand, seine Essays mit seinem Computer; das ist auch seltsam, irgendwie.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Ist Schreiben erlernbar?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Nein. Es ist eine knifflige Frage. Fast jeder im Publikum fragt bei meinen Lesungen danach. Denn sie wollen alle schreiben. Und sie denken sich, wenn sie ganz scharf zuhören, dann lernen sie, wie&#8217;s geht. So funktioniert das nicht. Für Kunst braucht man Talent, eine Gabe, die einem genetisch gegeben ist. Das ist nicht fair, es ist nicht gerecht, dass es manche haben, andere nicht, ich weiß &#8211; aber so ist das nun mal. Wenn man die Gabe hat, dann kann man von jemandem geleitet werden, um sie besser einzusetzen. Das ist mein Job. Ich kann die Aufmerksamkeit eines Schreibers auf die kleinen Entdeckungen lenken, die er sonst erst in zehn Jahren machen würde; kann ihn aufs richtige Gleis setzen, damit er nicht plötzlich entmutigt die Feder ins Korn schmeisst. Man kann natürlich auch durch das genaue Lesen und Analysieren anderer Schriftsteller viel lernen, wie man schreibt. Mehr geht nicht. Man kann nicht lernen, wie es geht, wenn man die Gabe dafür nicht hat &#8211; man kann sich bis zu einem gewissen Grad verbessern, irgendwann geht aber nichts mehr. So ähnlich wie in der Musik: Manche haben Talent, andere nicht. Mancher hört ein Lied, und schon kann er es perfekt singen &#8211; das ist die Gabe Nemesis&#8216; ; und ich glaube, genau dasselbe passiert mit dem Schreiben auch. Die erste Stufe ist, dass du einen Schriftsteller findest, den du richtig leiden kannst und kopierst seinen Stil &#8211; das ist schon mal ein Talent. Aber kannst du darüber hinausgehen? Du kannst niemals ein großartiger Künstler werden, wenn du nicht über die Nemesis hinausgehen kannst. Manche können es, manche nicht. Ich kann Autoren helfen, dahin zu kommen und sie auf den richtigen Weg führen. Aber sie brauchen mich nicht, sie könnten es selber schaffen. Ich sage sehr oft &#8211; weißt du, anstatt Workshops im Schreiben sollten wir folgendes machen: Nimm alle Schriftsteller und sperre sie alle einzeln in ein Klo. Ich sage, »jedes Mal wenn ihr eine fertige Geschichte unter der Tür hindurchschiebt, pack ich einen Check über $ 100 dazu &#8211; und ein Frikadellensandwich &#8211; und ganz fix sind sie alle Genies &#8230;« <em>(lacht)</em></p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Darauf läuft es doch am Ende hinaus: Just do it &#8211; richtig?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Eigentlich braucht es nur eine Menge psychologische Standfestigkeit, es zu tun &#8211; du musst Selbstvertrauen haben, es zu schaffen.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Aus diesem Grund bin ich etwas verwirrt über deinen Kommentar mit den Genen &#8211; das gibt einem nicht wirklich Selbstvertrauen, oder? Wie weißt du, dass du ES hast. Ich glaube nicht so sehr an das Konzept mit dem Talent. Oft ist es doch so, dass gerade diejenigen, die sagen, sie hätten kein Talent, genau die Leute sind, die keine Lust haben, richtig Arbeit zu investieren. Das Herzblut und den Schweiß &#8230;</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Versteh mich nicht falsch. Wenn du das Talent hast, braucht es eine Menge Blut und Schweiß, um es zu entwickeln. Aber ich glaube nach wie vor, wenn du kein Talent hast, wirst du nie ein großer Schriftsteller. Natürlich bin ich nicht derjenige, der dir zu sagen hat, ob du Talent hast oder nicht. Ich bin selber oft überrascht. Nur ein Beispiel: Vor ein paar Jahren hatte ich einen Studenten, ein unnachgiebiger Punk: groß, knallhart, rasierter Schädel. Er wollte unter allen Umständen schreiben. Er war in meiner Anfänger-Klasse, und er war gut, bis zu einem gewissen Grad, aber er hatte viele Schwierigkeiten. Wenn ich nun die Studenten für die Fortgeschrittenen-Klasse aussuchen muss, nehme ich 60 Manuskripte und suche davon 20 aus, von denen ich denke, dass es die besten sind. Er hatte es nicht geschafft. Er kam in mein Büro und weinte, dieser knallharte Kerl, er weinte. Im nächsten Semester hat er es wieder versucht und dieses Mal war er der Einundzwanzigste. Er hatte sich verbessert, er war besser. Jemand hat dann die Klasse verlassen und ich habe ihn mit hinzugenommen. Am Ende des Semesters war er der Beste in der Klasse und am Ende des nächsten Semesters der Beste, den ich je hatte.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Und? Wie war sein Name?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Kann ich dir leider nicht sagen. Neenee, er ist nicht berühmt. Er arbeitet noch daran. Ich kann dir den Namen nicht verraten, weil es ihn vielleicht beschämt. Ich kann auch nicht sagen: »Hey, vergiss es mein Freund!« Ich weiß es einfach nie, vor allem dann nicht, wenn jemand erst 20 oder 22 Jahre alt ist, wenn er sich noch entfaltet. Ich sage dir aber eins: Du brauchst einfach Talent für bestimmte Dinge, und du musst daran arbeiten und zwar hart. Die schlechte Nachricht ist: Egal, wie hart du arbeitest, wenn du kein Talent hast, wirst du nie ein großer Künstler. Du kannst dich vielleicht damit begnügen in einer Band zu spielen, die richtig gut ist, aber ein Genie zu sein, ich denke, das ist eine Gabe. Nimm Jimi Hendrix. Er konnte es. Nicht, dass er nicht hart gearbeitet und seine Akkorde gespielt hat, &#8230; er war ein Genie, das meine ich. Bis zu einem gewissen Grad bringt Arbeit allein dich weiter und fertig. Ich bin mal zum Iowa Schriftsteller-Workshop gegangen, da geht es sehr angespannt zu, weil &#8230;</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> &#8230; schwierig &#8218;reinzukommen, kann ich mir vorstellen.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Sehr schwierig. Aber erst einmal drin, sind da die kleinen Genies jeder Universität zusammen in einer Klasse. Das ist ziemlich brutal. Und unter diesen Leuten sind viele sehr, sehr große Talente. 20 Jahre später sind einige von ihnen ziemlich berühmt geworden, andere sind schlichtweg verschwunden, vielleicht arbeiten sie immer noch an ihrem Talent in einem anderen Bereich, oder sie haben das Interesse verloren, oder sie sind einfach draufgegangen &#8211; wer weiß?</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Wie fandest du die Filmversion von <a href="https://www.tcboyle.de/werke/willkommen-in-wellville/"><em>Willkommen in Wellville</em></a>?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ich mag sie. Ich glaube, Alan Parker hat einen guten Job gemacht. Die Kritiken sagen, der Film ist nicht so gut wie das Buch &#8211; gut, okay. Ich hatte 500 Seiten, Parker hatte 2 Stunden. Es ist ein total anderes Medium. Ich denke, was immer er gemacht hat, er hat es gut gemacht. Ich habe den Film dreimal gesehen. Einmal in einer privaten Vorführung und zweimal mit einem größeren Publikum. Alle haben die ganze Zeit gelacht. Es war sehr ungewöhnlich, unvorhersehbar und sehr bizarr. Ich denke, Parker hat einen guten Job gemacht. Hast du das Kind gesehen, das den jungen George gespielt hat? Der Junge hätte den Oscar bekommen sollen, nur für sein Gesicht und sein Mienenspiel. Ich hatte rein gar nichts mit dem Film zu tun. Ich war nur einmal zum Abendessen mit Alan Parker zusammen, als er die Rechte gekauft hat, habe ihm viel Glück gewünscht und bin dann einfach zur Vorführung gegangen, als der Film fertig war.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Mal generell, wenn du dich hinsetzt zum Schreiben, weißt du dann schon, ob es eine Kurzgeschichte oder ein Roman wird? Oder kann es passieren, dass Kurzgeschichten ausufern zu Romanen oder &#8211; umgekehrt &#8211; Romane zu Kurzgeschichten werden?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ich weiß immer, wie lange es dauern wird, eine bestimmte Idee zu realisieren. Ich habe gerade sieben neue Geschichten geschrieben, die alle <a href="https://www.tcboyle.de/werke/america/"><em>América</em></a> entsprungen sind. Zwei von ihnen waren vor kurzem erst im <em>New Yorker</em>, Du hast sie vielleicht gelesen, und eine wurde bereits für einen Spielfilm gekauft, eine Kurzgeschichte von 20 Seiten. Es sind alles längere Storys, sie sind charakterorientiert, eher lebensnaher und behandeln aktuelle soziale Fragen. Und es sind sehr böse Geschichten. Ich fürchte, ich habe nur <a href="https://www.tcboyle.de/werke/america/"><em>América</em></a> abgewickelt, aber jetzt will ich einmal den Gang wechseln und zurückgehen zu mehr Comichaftem und Absurdem.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Also würdest du nicht, nur zur Abwechslung, verschiedene Arten von Kurzgeschichten schreiben, während du an einem Roman arbeitest?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Nein. Die Kurzgeschichten müssen warten. Und wenn ich sie geschrieben habe, lasse ich es erst einmal bleiben. Wenn ein Roman fertig ist, habe ich danach stets eine sechs- bis achtmonatige Periode, in der ich Kurzgeschichten schreibe. Am Ende kommt dann ein Buch heraus, eine weitere Sammlung an Kurzgeschichten. Und ich hoffe immer, dass die Kurzgeschichten nach dem nächsten Roman sich sehr von denen unterscheiden werden, die ich gerade geschrieben habe.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Kannst du dir vorstellen, dir das Ziel zu setzen, etwas im Stil von John Grisham zu schreiben, so wie du dir mit jedem neuem Buch auch verschiedene Aufgaben setzt?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ich glaube, du hast mich missverstanden. Ich würde nie planen, ein Buch für eine bestimmte Zielgruppe zu schreiben. Das &#8230;</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> &#8230; könnte eine stilistische Herausforderung sein.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Nein. Das müsste mit dem Teufel zugehen. Schau mal, ich schreibe nicht, damit jemand sich gut fühlt, sondern weil ich etwas ausdrücken will, und um ein Kunstwerk zu erschaffen. Wenn es fertig ist, schicke ich es an einen Verleger und wir denken zusammen darüber nach, ob und wie wir damit &#8218;rausgehen und es den Leuten verkaufen. Ich glaube, du kannst keine Kunst erschaffen, wenn du ein Programm hast oder eine Formel. So funktioniert es einfach nicht. Die Form interessiert mich kein bißchen. Das ist auch der Grund, warum ich keine Kunstgattungen mag. Science Fiction oder alles andere, Thriller, Mysterien, Detektivsachen, Horrorbücher &#8211; das ist alles dasselbe. In den Bereichen gibt es sehr wenig Spielraum. Ich glaube, dass es mein Job ist, dir etwas zu geben, was du noch nie gesehen hast, etwas absolut anderes, völlig Originelles &#8211; im Gegensatz zu dem absolut formularischen Schrott, geschrieben von Debilen und für Debile. Ich würde es nie in Betracht ziehen, jemals derart Spezifisches zu schreiben, nur weil es vielen gefallen könnte oder es sich gut verkaufen ließe. Ich glaube, das ist ein Gräuel für einen Künstler. So kannst du das einfach nicht anstellen. Du musst das Publikum führen, weil du dich nicht darauf berufen kannst, was sie sind. Du musst ihnen etwas geben, wovon sie noch nie geträumt haben und sie dann dazu bringen, es zu wollen. Du darfst dich nicht nach der Öffentlichkeit richten. Du machst einfach deine Arbeit. Du forderst dich selber heraus, um zu sehen, was du als nächstes machen kannst. Ich habe beim Schreiben angefangen zu realisieren, wie befriedigend es ist, etwas Neues zu kreieren. Du weißt nicht, ob du es schaffst, du weißt nicht, wie alles zusammen kommt, du weißt nicht, was du erzählen wirst &#8230;</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Nach sechs Romanen und drei Kurzgeschichten-Kollektionen glaube ich schon, dass du weißt, wie eine Geschichte zusammen kommt.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Aber du weißt nicht, ob die Sache funktionieren wird. Du weißt es nie, bis du zum Ende kommst. Es ist dann wirklich befriedigend, weil du etwas aus dem Nichts erschaffen hast. Du hast ein Werk mehr geschaffen und fühlst dich gut &#8211; für circa zehn Minuten, dann musst du das nächste schreiben. <em>(lacht)</em></p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Du hast nie erfahren, wie es ist, wenn eine Story nach der Hälfte zusammenbricht?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Nein, habe ich nie. Gelegentlich fange ich eine Geschichte an, schreibe eine oder zwei Seiten und schmeiß es dann weg. Als ich angefangen habe zu schreiben, habe ich Geschichten erst am Schluss weggeschmissen.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Weißt du, wohin dich eine Kurzgeschichte bringt, wenn du anfängst?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ich weiß es nicht. Es entwickelt sich, es muss sich von Anfang an entfalten. Es ist zu abstrakt für mich, im voraus alles auszuhecken und auszudenken. Es muss unbewusst funktionieren, auch bei einer 10-Seiten-Story, vor allem aber bei einem Roman. Wenn du beginnst, setzt du bestimmte Dinge fest, ein paar Charaktere, ein Thema, Symbole, Action, und du weißt noch nicht einmal genau, warum. Da ich sehr langsam arbeite, Satz für Satz, Seite für Seite, Tag für Tag, habe ich genug Zeit um die Fragen zu lösen. Das ist die eigentliche Herausforderung. Es ist eigentlich ein Luxus. Kannst du &#8211; und hier kommt das Talent ins Spiel &#8211; es strukturieren? Kannst du es zusammensetzen? Ich weiß vorher nicht, wohin eine Geschichte führt oder was passieren wird &#8211; bis ich an die Stelle komme, an der es passiert. Wenn ich auf der letzten oder vorletzten Seite bin, fange ich an, einen Blick nach vorne zu wagen und denke: »Ohja, darauf läuft es also hinaus.« Das ist sehr aufregend. Einer meiner Lieblingsschriftsteller, dessen neues Buch ich noch nicht gelesen habe, Kazuo Ishiguro, sagt, dass er genau andersherum arbeitet. Er denkt erst ein paar Jahre nach und wenn er dann anfängt zu schreiben, weiß er alles. Was mich betrifft, ich würde in einer Irrenanstalt landen, wenn ich so arbeiten müsste. Ich wäre im untersten Keller des Camero Mental Hospital, in Ketten gelegt &#8211; ich könnte nie so arbeiten. Es ist wie bei den großen Komponisten wie Beethoven, die Musik intellektuell sehen und hören können, als andersherum der Typ, der einen Song schreibt mit Hilfe eines Pianos oder einer Gitarre. Ich bin der Typ, der seinen Song mit Hilfe der Instrumente schreibt. Ich würde nichts zustande bringen, wenn ich nichts hätte, mit dem ich arbeiten könnte. Du kannst keine Formel haben, wenn du Kunst machen willst. Du willst gegen die Formel arbeiten, du willst ein neues Programm entwerfen, eine neue Form. Insgesamt eine neue Idee. Was am Ende herauskommt, ist genau das, wie die letzte Skizze aussehen wird.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Nein!</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Doch, vielleicht ändere ich noch ein Wort oder zwei &#8211; aber keine Änderungen an der Struktur, keine Satzänderungen. Noch einmal: Es ist so, weil ich Satz für Satz arbeite. Und ich mache nicht weiter bis ich fühle, dass alles hinter mir wirklich gut ist. So arbeite ich und es gibt für mich keinen anderen Weg. Ich würde nicht einmal versuchen anders zu arbeiten. Aber, wie wir auch schon gesagt haben, dieses nächste Projekt wird sehr interessant, weil es das erste Mal seit <a href="https://www.tcboyle.de/werke/wassermusik/"><em>Wassermusik</em></a> und <a href="https://www.tcboyle.de/werke/gruen-ist-die-hoffnung/"><em>Grün ist die Hoffnung</em></a> ist, dass es eine reale Geschichte dahinter gibt. Ich weiß, wie alt die Leute waren, als sie gestorben sind, in welchem Jahr welche Dinge passiert sind &#8211; auch das ist interessant, zu so etwas jetzt mal zurückzukehren.</p>
<p><strong>Matthias Penzel</strong>: Ich bin auch schon ganz gespannt.</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ich habe Lesern davon erzählt und sie sind fasziniert von dieser Idee.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Hast du schon ein Gefühl, wie lang das Buch werden wird?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Ich denke, es wird eine ziemlich lange Geschichte. Ich muss eine Menge Dinge über Psychiatrie einbauen, und natürlich weiß ich noch nicht, wie die dritte Figur sein wird oder wie groß die Rolle der Figur wird. Generell werden historische Romane bei mir immer etwas dicker und umfangreicher, weil es mehr Material gibt, das mich fasziniert. Du solltest <a href="https://www.tcboyle.de/werke/willkommen-in-wellville/"><em>Willkommen in Wellville</em></a> lesen &#8211; da ist viel großartige, urkomische und wahre Geschichte drin und der Spaß bei diesem Buch liegt für mich darin: Nur ich weiß, was wahr ist und was nicht; und die unmöglichsten Dinge sind wahr &#8211; das ist großartig!</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> <em>(lacht)</em></p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Weil er so reich war und weil er zu einer inkompetenten Person erklärt wurde, war er dann so etwas wie ein Mündel des Gerichts. Dieses musste über ein Jahr lang alles aufzeichnen, über seine Aufseher, sein Anwesen, für seine Frau und seine zwei Brüder. Und deswegen gibt es Gerichtsaufzeichnungen von allem, alles was er gemacht hat. Zum Beispiel: 1932 hat er 5,8 mal in der Woche masturbiert. Das ist großartig! Ich habe alle diesen wundervollen Details über diesen Kerl. Er war außerdem sehr bizarr, er hatte einen bizarren Gang, manchmal hat er gestottert, und er konnte nicht sprechen, wenn er sprach, quatschte er dich zu Tode. Er hatte dieses Riesen-Anwesen mit 40 Mitarbeitern und Autos und allem. Das Anwesen war wunderschön, dieses große Herrenhaus, aber über jedem Fenster waren diese kleinen Eisenverzierungen von kleinen Efeublättern &#8211; das waren Gitter, um ihn im Haus zu halten. Sein Bett war am Boden festgeschraubt und es gab nichts anderes im Raum. Er war ein Berserker. Es ist unglaublich, wieviel Geld sie in seine Gesundheit investierten. Als er für unmündig erklärt wurde, war er um die dreißig Jahre alt und 10 Millionen Dollar schwer. Also haben wir hier diesen Typen, eingeschränkt und eingesperrt, sein ganzes Leben lang. Als er starb, war er 36 Millionen Dollar schwer. Das sagt doch einiges über den Kapitalismus aus. Sein Vermögen und alles andere wurden von seiner Frau und seinen Brüdern gemanagt &#8211; das ganze Familienvermögen. Er ist 1947 gestorben.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> Du bist 1949 geboren. Was hast du während Vietnam gemacht?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> 1948 bin ich geboren. Ich war während Vietnam auf dem College. Ich war zwar kein guter Student, aber solange sie dich nicht rausgeschmissen haben, war alles okay. Also habe ich es irgendwie geschafft. Ich unterrichtete danach in einer lokalen High School in New York. Und weil sie diese Jobs als »wichtig für die nationale Sicherheit« einstuften, wurde ich nicht zur Armee eingezogen. Ich habe nie vorher unterrichtet und hatte keine Referenzen, aber ich bekam den Job und das ist alles.</p>
<p><strong>Matthias Penzel:</strong> In Peeksville?</p>
<p><strong>T.C. Boyle:</strong> Peekskill. Jan Peek war der holländische Entdecker. »Kill« heißt Bach oder Fluss. Also heißt es Peekskill. Dann haben sie diese Lotterie eingeführt und ich hatte Glück, ich bekam eine ziemlich hohe Nummer. Ich glaube, ich hatte Nummer 360 oder 365. Dann habe ich Geschichten publiziert und bin zu dem Iowa Schriftsteller-Seminar gegangen. 1975 war der Krieg vorbei. Ich wäre auf keinen Fall nach Vietnam gegangen. Ich habe den einfachsten Weg gesucht, da herauszukommen. Ich wäre auch nach Kanada gegangen, wenn ich gemusst hätte. Oder Mexiko, wenn wir schon dabei sind. Ich habe mich rausgeredet. Gott sei Dank. Weil ich nicht glaube, dass es ein legaler Krieg war und ich nicht erschossen werden wollte. Ich habe gedacht, es ist besser, noch ein bisschen länger zu leben.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p><span class="note">Auszüge aus diesem Interview erschienen in der von Josef »Biby« Wintjes gegründeten Literaturzeitschrift <em>Impressum</em>. Veröffentlichung des gesamten Interviews auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von Matthias Penzel. Foto: Pablo Campos, Santa Barbara 1995. Verwendung des Fotos auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. </span></p></div>
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