Cor-ag-assen

T.C. Boyle im Chat der Washington Post

Am 18. Juli 2006 stellt sich T.C. Boyle im Chat den Leserinnen und Lesern der Washington Post zur Verfügung. Anlass ist das Erscheinen seines Romans Talk Talk. Doch die Fragen, die an den Schriftsteller gerichtet werden, beziehen sich nicht nur auf sein aktuelles Werk.

So will beispielsweise ein Leser mit dem Pseudonym Chinatown wissen, wie der Name Coraghessan richtig ausgesprochen wird. Eine Frage, die Boyle schon so oft gestellt worden ist, dass er sie inzwischen kaum noch beantworten mag. Im Chat der Washington Post verweist der Schriftsteller deshalb auf die Internetseiten, die seinem Schaffen gewidmet sind, auf seine eigene Homepage, aber auch auf tcboyle.net und tcboyle.de.

Dear Chinatown: What a pure delight. I’ve just come back from a nice stroll from Nob Hill, through Chinatown to North Beach and back (yes, I’m in San Francisco). The pronunciation of my middle name is Cor-ag-assen, with emphasis on the second syllable. For elaboration on this and other myteries please go to my site, tcboyle.com or the fan sites, tcboyle.net and tcboyle.de.

Wie schön, die Adresse unserer Website in der Washington Post zu lesen, wenn auch nur im Chat. Hier das ganze Gesprächsprotokoll.

 

Hamburg 2005

Etwas über zwei Stunden dauert unser Besuch beim Norddeutschen Rundfunk (NDR), wo eine der größten Hörspielproduktionen in der Geschichte des Senders ihren letzten Schliff bekommt: Wassermusik von T.C. Boyle.

37 Schauspieler in 70 Rollen standen dafür Anfang des Jahres 2005 vor dem Mikrofon, unter ihnen so namhafte wie Thomas Fritsch, Anna Thalbach, Andreas Pietschmann, Doris Kunstmann und Matthias Köberlin. Als Regisseur Leonhard Koppelmann in Hamburg Karsten Weyershausen und mich begrüßt, erklärt er uns zunächst die Technik. Danach führt er uns durch altehrwürdige Studioräume.

Hier also wird mit zahlreichen Sprechern das Hörspiel »Wassermusik« inszeniert. Man sieht es. In einem benachbarten Aufnahmeraum mit allerhand Utensilien für die Erzeugung von Geräuschen sehen wir ein kleines Kiesbett und zwei Schaufeln. Das ist doch wohl nicht etwa …?

»Doch, doch«, klärt uns Leonhard Koppelmann auf, hier wurde akustisch jene Szene nachgestellt, in der Ned Rise und Decius Quiddle frische Leichen für Dr. Delp beschaffen.

So bildhaft hatten wir uns das nicht vorgestellt. Erinnerungen an das Buch werden lebendig, und es steigt die Vorfreude auf die Ausstrahlung des Hörspiels im Dezember 2005 sowie auf das Erscheinen des Audiobuches Anfang 2006. Zumal Leonhard Koppelmann berichtet, dass das Hörspiel auch durch eine eigens komponierte und von NDR-Philharmonie und NDR-Bigband eingespielte Musik bestechen wird, die – dem Kultbuch von T.C. Boyle entsprechend – ebenso anspruchsvoll wie verspielt die Vielstimmigkeit und ausgefeilte Geräuschkulisse ergänzt.

Wir setzen uns zum Interview. Mit dabei ist Margit Kreß, die Regiesassistentin.

Hier das Ergebnis.

 

Hannover 2003

tcb-hannover-2003Am 14. Oktober 2003 gastiert T.C. Boyle in Hannover, um im Buchhaus Weiland seinen neuen Roman Drop City vorzustellen. Drei Stunden vor der Lesung bekommen wir die Gelegenheit, uns mit ihm zu treffen.

Sechs Lesungen in sechs verschiedenen Städten an sechs aufeinander folgenden Tagen. Davor, danach und zwischendurch Foto-Sessions, Interviews, Signierstunden, Interviews und noch einmal Interviews – auf blauen Sofas, in fahrenden Zügen und schick möblierten Hotelzimmern. Ein straffes Programm, das T.C. Boyle während seiner Lesereise durch Deutschland und die Schweiz zu absolvieren hat. Vielleicht sollte er wie einst John und Yoko einfach im Bett bleiben und sich von dort aus den Fragen der Journalisten stellen. Zu seinem neuen Roman Drop City, der in der Hippiezeit spielt, würde es hervorragend passen. Für unsere Abordnung von www.tcboyle.de (Brigitte, Sven, Holger) steht jedenfalls von vornherein fest, dass wir dem Gefeierten ein wenig Abwechslung bieten wollen auf seiner knüppelharten Deutschlandreise. Also kein Interview, sondern nur ein zwangloses Kennenlernen und na klar, eine Handvoll Fragen zu unserer Website.

Im Grand Hotel Mussmann soll das Treffen stattfinden, von 16:30 bis 17:00 Uhr. Ganz pünktlich sind wir aufgrund gewöhnlicher Zugverspätungen nicht. Aber egal. Der Termin hat sich ohnehin um etwa 20 Minuten verschoben, weil die Fotografen vor uns mehr Zeit benötigten als geplant und weil T.C. Boyle sich noch einmal »frisch« machen will. (Doch nicht etwa wegen uns?) Annette Pohnert vom Hanser Verlag verfrachtet uns in ein nüchternes Besprechungszimmer in der ersten Etage, dann ist es endlich soweit: Die Tür geht auf und Boyle schlurft herein: »Hi everybody!« Er überreicht uns eine CD mit 6 Songs von den Ventilators, jener Band, mit der er einst eine glanzvolle Karriere als Rock’n’Roller anvisierte. Betretendes Schweigen. Eigentlich wollten wir ihm zuerst etwas in die Hand drücken, doch er ist schneller.

Es folgt eine kurze Vorstellung, dann ein bißchen Smalltalk. Schnell fühlt es sich an, als würden wir uns seit vielen Jahren kennen und wären eben zufällig zu einem kleinen Plausch in Hannover zusammengekommen. Wir stellen unsere Fragen, die wichtigsten zuerst. Hat er unsere Website schon genauer unter die Lupe genommen? »Yeah, great.« Wir haken nach. »Yeah, great«, wiederholt er und lacht. Wir berichten ihm, dass unsere Seiten schon nach kurzer Zeit 500 Visits pro Tag verzeichnen. Er zeigt sich davon überrascht, relativiert seine Verwunderung jedoch zugleich, indem er uns verrät, dass seine Homepage 5.000 Visits pro Tag registriert.

Okay, nächstes Thema: In welcher Form können wir für unsere Website werben, gibt es von seiner Seite aus Einschränkungen? »No, no. Go ahead! Everything will be fine«, erwidert Boyle. Wir fragen, ob wir die What’s-New-Rubrik auf seiner Website ins Deutsche übersetzen und mit seiner Unterschrift auf unseren Seiten einbinden dürfen. Immerhin könnte man dabei ja auch einigen Blödsinn verzapfen, zumal bei unseren mangelhaften Englischkenntnissen. »I know. But if you really going insane with it, Brigitte will tell me«, lautet seine Antwort. Na, toll! Hat er also schon (s)eine Verbündete gefunden …

Während Brigitte überglücklich und mit einem in jeder Hinsicht überlegenden Blick durchs ganze Hotelzimmer lächelt, bringen wir düpierten Männer weitere Ideen zur Sprache. Doch was immer wir Boyle vortragen oder fragen, die Antwort ist stets die gleiche: »Good idea, sounds like fun.« Zwischendurch erzählt er von seiner Website, vor allem von einem Besucher mit dem Namen NEWS YOU CAN USE, der im Message Board von www.tcboyle.com ein Quiz nach dem anderen veranstaltet. »I like NEWS YOU CAN USE«, sagt Boyle, »wonderful guy with his great contests. That’s wonderful stuff.« Wir hatten stets angenommen, dass es sich bei NEWS YOU CAN USE um jemanden aus Boyles Familie handelt. Aber falsch. Boyle klärt uns auf: »No, I met him once, after a reading in Chicago.« Dann fügt er hinzu: »You know, I look at his contests and I am get most of the answers right.«

Jaja, schon klar …

Sven beschwert sich daraufhin, wie unfair es sei, die Wettbewerbsfragen erst am Abend um 20 Uhr herauszugeben. Westküstenzeit wohlgemerkt. In Deutschland muss man sich um 3:00 oder 4:00 Uhr am Morgen aus dem Bett schälen, um überhaupt dabei sein zu können. Und um diese Zeit kluge und vernünftige Antworten zu geben, sei sowieso utopisch. »Yeah, true, the time difference«, bestätigt Boyle. »You know, we should do separate contests for the Europeans. We do the next contest when ›The Inner Circle‹ comes out. We should do two seperate contests then.« Wenn also der nächste Roman von Boyle erscheint, The Inner Circle (dt. Dr. Sex), werden die Europäer ihren eigenen Wettbewerb bekommen, bei dem es handsignierte Bücher oder andere attraktive Preise zu gewinnen gibt, eben NEWS YOU CAN USE.

Wir sprechen danach über einen Zeitungsartikel, der in naher Zukunft über www.tcboyle.de erscheinen soll und darüber, welches Material wir dafür verwenden dürfen. Boyles Antwort können wir inzwischen erahnen: »Be creative! You have the CD with the Ventilators. Do your own thing. Have fun with it.« Eine Zusage nach der anderen. Super! Wir nutzen die Gunst der Stunde und fragen, wann denn nun endlich The Tortilla Curtain (dt: América) verfilmt wird. Nach seinem Kenntnisstand sei eigentlich alles da, erklärt er uns, Darsteller, Regisseur, Finanzierung. Im Mai 2003 hätten die Dreharbeiten beginnen sollen, dann im August. Doch bis jetzt ist nichts geschehen. Woran es liegt, kann er uns nicht sagen, weil er selbst nur die Filmrechte verkauft hat, ansonsten nicht weiter in dieses Vorhaben involviert ist, nicht involviert sein will. »Let’s see and hope for the best …«

Wir sprechen schließlich noch über die Unterhaltsamkeit seiner Bücher. Die Zeit vergeht wie im Flug. Plötzlich wirkt Boyle müde. Verständlich. Erst diese vielen Journalisten, und dann wir. Er schlägt vor, noch schnell ein Gruppenfoto zu machen. Unser Geschenk hatten wir schon vorher überreicht: ein T-Shirt. Nicht, dass Boyle nicht genug davon hätte, nein, es ist ein selbstbedrucktes T-Shirt, das er von uns bekommt – auf dem Rücken die Adresse unserer Website, vorne der Schriftzug einer vor langer Zeit ausgestorbenen Biermarke: Quetzalcoatl Lite. T.C. Boyle scheint beeindruckt. »Oh, that’s great actually.«

Die Möglichkeiten, dieses Bier neu aufzulegen und zu vermarkten, können wir nur noch in Ansätzen beschreiben. Die Zeit ist zu kurz. Und sie ist um. Vielleicht beim nächsten Mal, in zwei Jahren oder so. Dann können wir sicher auch von unserer Idee erzählen, als Per-Fo Co., Inc. eine völlig neue, vorverdaute, peptonisierte und sellerie-imprägnierte Sorte von Frühstücksflocken auf den Markt zu werfen. Merchandising? Läuft. Wir sind nach diesem ersten Gespräch sehr zuversichtlich …

 

Braunschweig 2003

tcb-de-startZum Start von www.tcboyle.de

Freitag, 1. August 2003. Es ist ein wunderschöner Sommerabend, den man am besten wo verbringt? Richtig! Im abgedunkelten Hobbykeller.

Kathrin aus Braunschweig und Sven aus Hannover sind vorbei gekommen, um nach einem halben Jahr Vorbereitungszeit die deutschsprachige Website über T.C. Boyle in Betrieb zu nehmen. Unsere lang angekündigte Online-Eröffnungsparty wird den hohen Erwartungen allerdings nicht ganz gerecht. Das liegt zum einen an den technischen Gegebenheiten. Ein Chatroom würde sich für unsere virtuelle Party sicher besser eignen als das installierte Message Board. Es ist etwas umständlich in der Handhabe und die Ladezeiten eignen sich gut für Toilettengänge.

Zum anderen hält sich die Anzahl der Netzbesucher am tcboyle.de-Eröffnungsabend in Grenzen. Etwa zehn Gäste registrieren wir im Laufe des Abends, wobei einige von ihnen wohl nur deshalb vorbeischauen, weil sie einen persönlichen Bezug zum Webmaster oder dem Redaktionsteam haben, nicht unbedingt zu den Büchern von T.C. Boyle. So überrascht es auch nicht, dass wir in unseren kurzen Online-Gesprächen weniger auf die Werke Boyles eingehen als vielmehr »die brennenden Fragen der Zeit« erörtern, wie Boyle-Übersetzer Werner Richter spöttisch anmerkt. Er ist für ein paar Minuten aus Wien zugeschaltet. Hallo Peter Nidetzky!

Zumindest haben wir in unserem tcboyle.de-Hauptquartier in Braunschweig unseren Spaß: mit selbstbedruckten Boyle-T-Shirts, jede Menge Fachsimpeleien, leckerem Abendessen und vielen gut gekühlten Flaschen Bier.

It is VERY important to me that Tom has a great website in German language, because I know he has a lot of readers there.

Die Reaktionen, die wir per eMail bekommen, sind erfreulich: »sehr gut, sehr schön, informativ, interessant, unterhaltsam und übersichtlich«, wird gelobhudelt. Ein paar Schulterklopfer gibt es auch aus den USA. Zum Beispiel von unserer zauberhaften Starthilfe Sandye Utley, der Webmistress von www.tcboyle.net. Sie verweist auf die vielen Leser, die T.C. Boyle in Deutschland hat, und dass es deshalb nicht unwichtig sei, ihnen deutschsprachige Informationen zu bieten. Kritik gibt es, wenn überhaupt, nur an unserem sperrigen und undurchsichtigen Forum. Müssen wir also noch verbessern.

Edit: Der kalifornische Schriftsteller, dem diese Seiten gewidmet sind, meldet sich schließlich auch noch zu Wort: im Message Board seiner eigenen Homepage. Sein Nachrichtenbrett funktioniert offensichtlich besser als die hakende Forumgurke, die wir hier installiert haben.

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Ich bin Ned Rise

Warum eine Website über T.C. Boyle? Diese Frage ist durchaus berechtigt. Immerhin gibt es im Internet mit www.tcboyle.com und www.tcboyle.net schon zwei Boyle-Tankstellen, die sowohl inhaltlich als auch in punkto Kompetenz schwer zu übertreffen sind. Überhaupt wird jede halbwegs prominente Person und beinahe jedes Thema auf unzähligen Internetseiten mehr oder weniger anspruchsvoll in der Online-Welt zelebriert. Warum also eine weitere Website über T.C. Boyle?

Zum einen geht es mir mit dieser Website darum, deutschsprachige Informationen zu Boyle und seinen Werken zu bieten, Informationen, die speziell für seine deutschsprachige Leserschaft von besonderem Interesse sind. Und diese ist nicht gerade klein. T.C. Boyle ist inzwischen in den deutschen Schulen angekommen. Außerdem, so denke ich mir, wird es seine Gründe haben, warum es den Autor zu Lesungen oder Messebesuchen immer wieder nach Deutschland zieht. Boyle hat hierzulande ein großes und dankbares Publikum, und ständig kommen neue Leserinnen und Leser hinzu. Damit wächst natürlich auch das Bedürfnis an Informationen und das Interesse an Gedankenaustausch. Die Folge? Richtig! Eine neue Website.

Der andere Grund, der mich zu der Erstellung dieser Website treibt, ist – neben meiner Affinität für das Internet – meine persönliche Leidenschaft für die Werke von T.C. Boyle. Ich wage hier einmal zu behaupten, belesen zu sein. Aber ein großer Romanleser war ich bislang nicht. Mit einer Ausnahme. Wenn ein neues Werk von Boyle angekündigt wird, gehöre ich zu den ersten, die beim Hanser Verlag ein Rezensionsexemplar bestellen oder für den Kauf der Neuerscheinung im hiesigen Buchhandel vorbeischauen.

Angefangen hatte es im Dezember 1991, als mir eine damalige Arbeitskollegin und gute Freundin die Taschenbuchausgabe von Wassermusik zum Geburtstag schenkte. Zunächst lag das Buch ein paar Wochen in der Ecke. Dann fesselte mich jedoch eine Grippe ans Bett. Ich griff mehr aus Langeweile denn aus Vorfreude nach der Lektüre und durchblätterte die ersten Seiten noch recht widerwillig. Danach legte ich das Buch kaum noch aus der Hand.

Als ich das Bett wieder verließ, war Wassermusik zu Ende gelesen, die Grippe auskuriert und ich ein Romanleser. Zumindest in Bezug auf die Werke von Boyle. Ich latschte gleich in die Buchhandlung, kaufte World’s End und den Kurzgeschichtenband Greasy Lake. In den folgenden Monaten und Jahren folgten dann Grün ist die Hoffnung, Willkommen in Wellville und Der Samurai von Savannah. América, Fleischeslust, Riven Rock, Ein Freund der Erde und Schluss mit cool erwarb ich sofort, als diese Bücher in Deutschland erschienen. Und als mir schließlich die Idee zu dieser Website kam, komplettierte ich die Sammlung mit den übrigen Kurzgeschichtenbänden Wenn der Fluss voll Whisky wär, Tod durch Ertrinken und Der Fliegenmensch. Nicht zu vergessen: die tollen Hefte Mein Abend mit Jane Austen, Der Polarforscher und Der Hardrock-Himmel sowie die Audio-CD Hinter meiner Schulter geht die Welt unter.

Zeit für ein erstes Fazit: Was mich an den Geschichten von T.C. Boyle am meisten fasziniert, das sind Figuren wie Ned Rise (Wassermusik), der Mexikaner Candido (América), Hiro Tanaka (Der Samurai von Savannah), Ty Tierwater (Ein Freund der Erde) oder Charlie Ossining (Willkommen in Wellville). Auf den ersten Blick handelt es sich bei ihnen um ausgesprochen unsympathische Typen, Verlierer, Trottel, teilweise kriminell. Doch T.C. Boyle gelingt es ein ums andere Mal, dass ich mich beim Lesen seiner Geschichten mit diesen schrägen Charakteren identifiziere, bis ich schließlich ganz mit ihnen fühle, leide und am Ende … untergehe.

Dies mag einerseits daran liegen, dass die Lebenswege und Handlungsweisen von Boyles Protagonisten im Laufe der Romane verständlich und nachvollziehbar werden. Andererseits ist es wohl darauf zurückzuführen, dass in mir ebenfalls so ein fragwürdiger Kerl steckt, so ein Ned Rise oder Charlie Ossining. Vermutlich identifiziert sich auch Boyle am ehesten mit diesen Typen. Das wird meines Erachtens deutlich, wenn man seine Biographie, die Boyle-Portraits und -Interviews studiert, die einem kleine fragmentarische Einblicke in das Innenleben des Schriftstellers gestatten.

Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, macht es einem Autor bedeutend mehr Spaß eine Geschichte zu schreiben (und sie wird auch authentischer), wenn er dabei mindestens eine Figur kreiert, mit der er sich besonders gut identifizieren kann. Natürlich steckt in jeder Romanfigur etwas aus dem Leben ihres Schöpfers. Doch bei mehreren Personen ist stets eine darunter, die mehr als die anderen etwas aus dem Seelenleben des Autors verrät. In diesem Sinne bin ich mir ziemlich sicher, dass in T.C. Boyle eher ein Ned Rise oder Candido steckt als ein Will Lightbody oder Delaney Mossbacher.

Gerade in diesen Tagen, in denen ich intensiv Material von und über Boyle sichte und studiere, mache ich immer mehr Entdeckungen, die auf eine Art Seelenverwandtschaft schließen lassen und meine Begeisterung erklären: T.C. Boyle, Ned Rise und ich haben vieles gemeinsam. Vor allem eint uns wohl der Wunsch, entsprechend unseren Möglichkeiten das Beste aus unserem Leben herauszuschlagen. Okay, dann holen wir mal das Beste für uns heraus …

T.C. Boyle hat dies, so vermute ich, schon längst geschafft. Was mich betrifft, und Ned Rise und Charlie Ossining und wie sie alle heißen, wir arbeiten noch daran. Bis wir es geschafft haben, durchleben wir weiterhin die Romane, den eigenen und natürlich die von T.C. Boyle.

 

Göttingen 1996

tcb-goettingen-1996Am Donnerstag, den 10. Oktober 1996, ist T.C. Boyle zu Gast beim 5. Göttinger Literaturherbst. Kathrin und ich haben uns rechtzeitig Karten gesichert, wissen allerdings nicht wirklich, was uns beim erstmaligen Besuch einer Lesung dieses amerikanischen Schriftstellers erwartet. Wir haben Wassermusik und World’s End gelesen sowie den aktuellen Roman América, der in diesem Herbst das Licht der deutschen Öffentlichkeit erblickte und zu dessen Vorstellung Boyle nach Deutschland gekommen war.

Wir sind spät dran an diesem kühlen, regnerischen Oktoberabend in Göttingen. Die Veranstaltung soll im Alten Rathaus stattfinden. Doch dort ist alles dunkel und vernagelt, wie wir bei unserer Ankunft in der Universitätsstadt mit Schrecken konstatieren. Nur ein Plakat hängt an der Tür. Darauf der Hinweis, dass die Lesung in den Hörsaal der Uni verlegt werden musste. Also hasten wir gleich weiter, immer noch in Vorfreude auf einen Abend mit T.C. Boyle. Er hätte ja auch plötzlich abgesagt haben können, und als Ersatz würde man uns nun Ida Friesicke vor die Nase setzen, die aus ihrem Gedichtzyklus Wilde Blüten liest. Dieses Horrorszenario malen wir uns in Gedanken aus, während wir verzweifelt den Hörsaal der Uni suchen.

Die Umleitung ist miserabel ausgeschildert. Wir verpassen deshalb zwar nicht den Anfang von Boyles Auftritt, müssen uns aber mit zwei Plätzen in einer hinteren, höher gelegenen Reihe begnügen. Es sind nicht wenige, die Boyle an diesem Abend live sehen wollen. 300 oder 400 Besucher vielleicht? Leere Klappsessel können wir jedenfalls nirgendwo entdecken, und das ist schon bemerkenswert. Denn wir schreiben das Jahr 1996. Wer zum Teufel ist T.C. Boyle?

Wir erfahren es: T.C. Boyle kommt gemächlichen Schrittes auf die Bühne, dürre Gestalt, schwarzes Jacket, schwarze Hose, rote Turnschuhe, Totenkopfringe an den Fingern. Er platziert sich gelassen hinter einem kleinen Pult, redet und liest aus seinem Roman América – in einem bemerkenswert lockeren, unverkrampften Ton, als hätte er noch nie etwas anderes getan.

Inhaltlich bekommen Kathrin und ich von der Lesung leider nicht viel mit. Das liegt vorrangig an unseren mangelhaften Englischkenntnissen, aber auch an der Akustik des Hörsaals oder einem zu leise eingestellten Mikrofon. Boyle ist ohne deutschen Übersetzer oder Moderator auf die Bühne getreten. Daher erschließen sich uns lediglich einige bedeutende Passagen aus dem Roman América, wohl auch nur, weil wir das Buch gerade erst zu Ende gelesen haben.

Dennoch ist uns zu keinem Zeitpunkt der Lesung langweilig. Allein mit seiner Präsenz schafft Boyle es, uns etwa einanderthalb Stunden zu fesseln. Er macht mit seiner coolen Vortragskunst Lust auf mehr, auf weitere Bücher von ihm, auf weitere Lesungen. Vor allem aber schürt er in uns das Verlangen, die eigenen Englischkenntnisse aufzubessern, damit wir ihn bei seinem nächsten Besuch in Deutschland – verdammt nochmal – besser verstehen.

Der syrische Schriftsteller Ali Ahmad Said (Adonis) sagte einmal in einem Interview etwas sehr Interessantes über Lesungen; Worte, die sich gut auf die Eindrücke von unserer ersten Begegnung mit T.C. Boyle übertragen lassen.

Ich weiß, dass viele Leser nicht verstehen, was ich sage, die einzelnen Gedichte intellektuell nicht genau nachvollziehen können, aber dass sie diese körperliche und stimmliche Präsenz und die Atmosphäre der Dichtung sehr wohl empfinden können. Und wenn es mir gelingt, diese Atmosphäre herzustellen, spüre ich das auch und bekomme diese Energie zurück.«

An diesem denkwürdigen Abend im Oktober 1996 erschließt sich mir, was er damit meinte. Als wir am späten Abend über die A7 nach Hause fahren, haben wir noch jede Menge Spaß. Mit T.C. Boyle und überraschenderweise auch mit Ida Friesecke.

Edit: Im Januar 2007 können wir im Message Board von www.tcboyle.de mit Andreas Zwengel aka JohnDoe ein neues Mitglied begrüßen. Zum Einstieg in unsere Community teilt er uns mit, dass er ebenfalls bei der Boyle-Lesung 1996 in Göttingen dabei war. Seine Erinnerungen an diesen Abend:

Zum ersten Mal habe ich T.C. Boyle »Live« beim Göttinger Literaturherbst 1996 erlebt und war begeistert. Als er den Hörsaal betrat (schwarzes Jacket, schwarzes Hemd, schwarze Hose, knallrote Turnschuhe) und zu plaudern begann, wurde der Begriff Nonchalance für mich endlich mit Inhalt gefüllt. Obwohl sich meine Englischkenntnisse etwa auf dem Stand eines Siebtklässlers befanden (und befinden) und mir der Inhalt der Kurzgeschichte ›Ende der Nahrungskette‹ erst im Anschluss erläutert wurde, hatte ich an diesem Abend ungeheuren Spaß. Dort vorne stand ein weltberühmter Autor und sprach mit einem prallgefüllten Hörsaal, als würde er mit engen Freunden im eigenen Wohnzimmer sitzen. Und nicht nur das, er beantwortete auch die Frage, wie man ein gutes Buch schreibt: (Tierfreunde bitte wegklicken!) Man nimmt zwei Kaninchen unter den Schreibtisch, schneidet sie auf, schlüpft mit den Füßen hinein und sobald sie kalt werden, beginnt man zu tippen. Jedenfalls hab ich es so verstanden, aber persönlich noch nie ausprobiert.