What’s New? 23/03/2020

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

(Monat eins im Jahr der Seuche)

Düstere Zeiten, wirklich. Gelegenheit, sich mal gemütlich hinzusetzen und zu lesen; wann, wenn nicht jetzt finden wir unser Heil in der Literatur? Da ich mich derzeit in Endzeitstimmung befinde und so mancher sich an meine Erzählung Nach der Pest und meinen Roman Ein Freund der Erde erinnert, habe ich mich mit dem erneuten Lesen von Camus‘ Die Pest und dem überaus optimistischen Roman Die Straße von Cormac McCarthy aufgeheitert. Und ich habe gerade eine neue Erzählung geschrieben, die mitten in der COVID-19-Pandemie spielt, und weil sie so wahnsinnig lustig ist – was könnte komischer sein als der Tod? – will mein Agent ein wenig Zeit verstreichen lassen, bis alles überstanden ist, wenn es denn jemals so sein wird. Wartet auf neue Nachrichten von dieser Front. Und zum Thema ein Schritt zurück: jetzt sind’s sogar zwei Schritte zurück – kaum hatte ich den neuen Titel des neuen Romans angekündigt, erzählten mir ein paar meiner Gesprächspartner auf Twitter, dass es einen Film gleichen Namens vor einigen zwanzig Jahren gab, der auf dem gleichen Zitat von Dr. Seuss basierte, also beschäftige ich mich gerade wieder intensiv mit den Korrekturfahnen des Romans und denke erneut über den Titel nach; wie es im Augenblick aussieht, wird es wieder der Arbeitstitel sein: The Familiar.
     Dies ist die seltsamste Zeit, die ich jemals erlebt habe. Läuft es Euch nicht auch kalt den Rücken herunter? Und hier in Montecito erinnert alles auf gespenstische Weise an die Katastrophe, die uns vor zwei Jahren ereilte, und die uns von der Außenwelt abgeschnitten hat, außer dass es damals den Rest der Welt nicht betraf, nicht so wie jetzt, da wir alle zusammen drinstecken. Und ich? Ich gehöre zur Hochrisikogruppe, nicht nur wegen meines Alters, sondern auch weil ich ein unverbesserlicher Pessimist bin. Was kann ich noch sagen? Bleibt gesund, Freunde. Lest intensiv, liebt intensiv, beobachtet die Natur und die Wolkenformationen und stärkt Euer Immunsystem. Salud.

 


 

Im Original erschien der Text am 23. März 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.

 

What’s New? 26/02/2020

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Ein Schritt zurück, ein Schritt nach vorn. Seit meiner letzten Unterhaltung mit Euch war ich produktiv, entspannt und so glücklich wie man nur sein kann, unter den Umständen der menschlichen Existenz und des Todesurteils, das wir alle bei der Geburt erhalten haben. Der Schritt zurück ist dieser: Das Buch mit ausgewählten Kurzgeschichten ist nun endgültig vom Tisch und wartet auf ein Erscheinungsdatum in ferner Zukunft. Der Grund dafür? Mein Agent möchte nicht, dass das Buch der nächsten regulären Sammlung im Wege steht, die ich, wie ich hoffe, noch vor dem Ende dieses vielversprechenden Jahres fertigstellen werde. Tatsächlich habe ich gerade die erste der zweiten Reihe von Geschichten geschrieben, die (wenn das Schicksal es will und es mir vielleicht noch fünf weitere zugesteht) die Sammlung vervollständigen soll, die zum jetzigen Zeitpunkt so heißt wie eine der kürzlich im New Yorker erschienenen Geschichten, I Walk Between the Raindrops. Die neue Geschichte, gerade erst fertig und an meinen Agenten geschickt, heißt SCS 750, und sie behandelt Fragen der sozialen Kontrolle in einer Diktatur, so wie auch eine meiner früheren Geschichten, Los Gigantes, aus T.C. Boyles Stories II, aber natürlich doch ganz anders.
     Der Schritt nach vorn bezieht sich auf den neuen Roman, der, nachdem mein erster Leser (mein Agent) ihn ein erstes Mal gelesen hat, einen neuen Titel bekommen hat. Er meinte, dass der Titel The Familiar, so passend er sei, doch ein wenig der Erklärung bedürfe, was beim neuen Titel nicht der Fall sei. Der neue Titel stellt die Hauptfigur in den Vordergrund und lässt durchblicken, worum es in dem Roman geht: Bewusstsein und Identität. Er lautet (ganz einfach und zur unendlichen Erleichterung meiner Übersetzer), I am Sam.

P.S. Das angefügte Foto zeigt die zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum erscheinende Ausgabe von América, die der Penguin Verlag im Herbst herausbringen wird.

 


 

Im Original erschien der Text am 26. Februar 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.

 

What’s New? 20/01/2020

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Ein Jubeltag für Euren ach so armen und bescheidenen Autor: Heute habe ich letzte Hand angelegt an zwei Bücher und sie an meinen Agenten geschickt, der sie dann wiederum an meinen Verleger schickt. Das erste ist der neue Roman, von dem ich Euch hier im Lauf des letzten Jahres berichtet habe und welchen ich am 12. Januar vollendet und nun fertig durchgesehen habe. Er heißt The Familiar und taucht ein in das Reich des tierischen Bewusstseins, nachdem Das Licht das menschliche Bewusstsein erforscht hat. Er bringt es auf schlanke 255 Seiten, was in dem Eineinhalb-Zeilen-Abstand, in dem ich schreibe, ungefähr dieselbe Anzahl an gedruckten Seiten ausmacht.
     Das zweite Buch ist eine Sammlung von Geschichten, die ich für meinen Verleger Ecco zusammengestellt habe, als Teil seiner Serie mit Kurzgeschichten-Bänden. Sie heißt When I Woke Up This Morning, Everything I Had Was Gone. Apropos schlank: Nach den zwei dicken Kurzgeschichten-Bänden und den neuen Erzählungen in The Relive Box von 2017 (erscheint auf Deutsch am 17. Februar unter dem Titel Sind wir nicht Menschen) enthält dieser Auswahlband lediglich zwölf Geschichten, ausgesucht aus meinen Sammlungen seit 2000. Ist das ein »Das Beste aus…«? Nicht unbedingt. Ein Best-of wäre mindestens zweimal so umfangreich, aber keine Angst, ich habe ein paar meiner Lieblinge hierfür ausgesucht. Was den Roman angeht, so kann ich nicht viel mehr verraten, als ich an dieser Stelle schon getan habe, aber bleibt dran, je mehr das Jahr fortschreitet, desto mehr Neues werdet Ihr über dieses und jenes erfahren.
     Wann soll er erscheinen? Das hängt ganz von meinem Verleger ab. Wir könnten es im Herbst machen, oder eher nächstes Jahr um diese Zeit. Ich hoffe, es wird wenigstens einen Auszug geben, je näher der Termin rückt, und dazu ein paar Kurzgeschichten, weil ich gerade dabei bin, die nächste Sammlung von neuen Geschichten fertigzustellen, benannt nach der Geschichte, die im New Yorker erschienen ist: I Walk Between The Raindrops.
     So. Was mache ich jetzt? Ich werde alle, die mir nahe sind, lieben, und dazu eine Menge Leute, die mir nicht nahe sind, Frau Boyle und meine Kinder umarmen (und meine Tiere), lange Spaziergänge unternehmen, ein paar Bar-Tresen mit meinen Ellenbogen polieren und … wenn die Zeit dafür gekommen ist, schreiben, schreiben, schreiben.

P.S. Der Jubel kommt, der Jubel geht: Ich glaube, ich war ein bisschen vorschnell: mein Agent teilt mir gerade mit, dass es Probleme mit der Sammlung von Geschichten gibt. Wir müssen das wohl fürs Erste zurückstellen. Bleibt dran, bis ich Neues verkünden kann.

 


 

Im Original erschien der Text am 20. Januar 2020 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.

 

What’s New? 24/12/2019

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Festliche Zeiten. Die Regentonnen laufen über, die im Laden gekauften Kastanien warten auf die Pfanne, die sie hinein in den Backofen befördern soll, die Familie ist in trauter Gemeinschaft. Trotz eines als sehr kontrovers empfundenen vergangenen Jahres und in Erwartung eines kommenden, das uns entweder erlösen wird von dem Bösen oder der amerikanischen Demokratie den Todesstoß versetzen wird, fühle ich doch eine Spur Freude in mir aufkommen (und nein, ich habe den Sekt bisher noch nicht aufgemacht).
     Ich bin Euch hingebungsvollen Lesern und langjährigen Messagistas zutiefst dankbar, dass Ihr mir helft die Kultur lebendig zu halten und, mehr noch, mich selbst am Leben zu erhalten. Zu wissen, dass es Leser gibt, die begierig auf meine Arbeit sind, sorgt für enormen Auftrieb, wenn ich morgens aus meinem Bett springe, um mich an diesen Rechner zu setzen und mich erneut in einen Traum zu stürzen. Der neue Roman, The Familiar, strebt jetzt seiner Vollendung entgegen, und ich hoffe, mich in den nächsten Monaten mit diesem Prozess herumzuplagen.
     Da wir gerade davon sprechen, ich habe neulich im National Public Radio ein Interview mit der neunundachtzigjährigen Edna O’Brien gehört, in dem es um ihren letzten Roman ging. Sie sprach von der unbändigen Freude des Schreibens, aber auch von der Sorge, die unablässig im Hinterkopf eines jeden Romanautors herumgeistert. Was soll das? fragt man sich. Wohin führt das? Ist das glaubwürdig? Ist es das Beste, was ich zu geben in der Lage bin? Selbst jetzt, da ich dieses Schreiben an Euch verfasse, befällt mich die Sorge – sie wird in Kürze Form annehmen, wenn ich mein Tagwerk beginne, aber wenn ich dann fertig bin, freue ich mich darauf, mit meinen Freunden und meiner Familie zu feiern. Es wird ein Kaminfeuer geben, eine Katze, die sich nach Wärme sehnt und einen dankbaren Hund, ebenso wie den schon erwähnten Sekt, und wir lesen Eine Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Keine Sorgen weit und breit. Läutet die Feiertage ein!

 


 

Im Original erschien der Text am 24. Dezember 2019 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.

 

What’s New? 28/11/2019

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Das war für mich ein merkwürdiger Monat, hoch dort oben in himmlischen Gefilden über Euch alle auf dem nordamerikanischen Kontinent hinwegzufliegen, erst von Santa Barbara nach New York, dann von New York nach Gambier, Ohio, dann zurück nach Kalifornien, und zwei Tage später bin ich wieder zur Ostküste gedüst, diesmal nach Miami. Die Flüge waren … na ja, eben Flüge, und ich werd‘ mich nicht über die Inkompetenz der Fluggesellschaften beschweren oder darüber, dass wir wie Rindfleischlieferanten zusammengetrieben und -gequetscht werden, oder dass wir den Fluggesellschaften auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind (Dir gefällt das nicht, wie wir Dich behandeln? Okay, dann geh‘ doch zu Fuß nach Cleveland. Oder nach Boise. Oder nach Saskatchewan.)
     Ich hatte die Ehre, den Kenyon-Review-Preis in New York City in Empfang zu nehmen und freute mich sehr, dann zwei Tage später mit den Studenten am Kenyon College abzuhängen, obwohl der Ort definitiv in der Arktis lag. (Als ich damals an die Westküste zog, nach Los Angeles, fand ich es lachhaft, als ich in meinem ersten Nichtwinter-Winter die Leute in Parkas sah, bei 13 Grad Celsius; heute gehöre ich auch zu denen.) In Gambier war es minus sechs Grad, und dazu ein ordentlicher steifer Wind, der mich zum Tanzen brachte. Glücklicherweise hat mich schließlich ein halber Liter Guinness (oder zwei davon) in einem warmen Pub gerettet. Dann ging es zurück nach New York, um meinen Agenten und meine Verleger zu besuchen und um ein paar Tage frei zu haben, während derer ich ein kurzes Stück auf dem Appalachen-Weg wanderte, hin zu meinem bevorzugten (zugefrorenen) Teich, und die ganze Zeit zitterte ich vor Kälte. Schließlich, nachdem ich kurz nach Kalifornien zurückgekehrt war, um mich um Dinge zu kümmern, die ein Unglück drohen lassen, flog ich nach Miami zur Buchmesse.
     Jetzt bin ich glücklich wieder zu Hause und zurück zu meiner Arbeit an The Familiar, das jetzt zu zwei Dritteln fertig ist – auch wenn vor zwei Tagen in den Bergen Feuer ausgebrochen ist. Wenn Ihr wissen wollt, wie sich das anfühlt, lest meinen Artikel von 2017 im New Yorker über die Katastrophe hier in Montecito (um es kurz zu machen, es fühlt sich nicht sehr wohlig an; ich würde jederzeit die Kälte dem Feuer vorziehen). Aber, aber, aber … das Wunder geschah, und wir hatten den ersten Regen in diesem Winter, der das Fortschreiten des Feuers zurückdrängte. Was soll ich weiter sagen, außer: Happy Thanksgiving?

P.S. Ich glaube wirklich, es wird Zeit, dass alle guten Amerikaner noch mal meine fröhliche Erntedankfest-Geschichte lesen, Carnal Knowledge. Viel Spaß.

 


 

Im Original erschien der Text am 28. November 2019 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.

 

What’s New? 31/10/2019

Von T. Coraghessan Boyle

Deutsch von Ulrich Tepelmann

 

Happy Halloween zusammen! Diesen Feiertag liebe ich wirklich, nicht so sehr wegen der Gelegenheit die Toten zu ehren oder um das schreckliche Geheimnis unseres Lebens als lebendige, atmende, denkende Wesen in einem unergründlichen Universum zu feiern, sondern um des reinen, befreienden Vergnügens willen. Heute abend, in Gesellschaft unserer tollen und wunderschönen Freunde, die aus dem County Cork zu Besuch sind, werden Frau B. und ich uns auf den Weg zum Lower Vilage machen, um mit Horden zuckerfreudiger, verkleideter Kindern zu feiern, die wie wahnsinnig die Straßen rauf und runter flitzen. Das alles macht großen Spaß, ist aber ein bisschen zahm verglichen mit dem Süßes-sonst-gibt’s-Saures, das wir als Kinder damals im Staat New York veranstaltet hatten, als wir das Neubaugebiet unsicher machten, ohne elterliche Supervision, wodurch alles so viel aufregender war. Ah, nun ja. Wenn die Weltbevölkerung sich seitdem verdoppelt hat, dann ja wohl auch die Anzahl der Massenmörder, der Pädophilen und derjenigen, die kleine Nadeln in Äpfeln verstecken (oder diese Populationen sind wohl eher exponentiell gewachsen). Jedenfalls hoffe ich, dem Geist dieser Veranstaltung treu zu bleiben, so kindgerecht ich es vermag, ohne Rücksicht auf das Elend dieser Welt. Wünscht mir Glück. (Übrigens, Wein hilft dabei.)
     Nächste Woche fliege ich nach New York um den Kenyon-Review-Preis in Empfang zu nehmen, eine Ehre, die ich erfreut und dankbar annehme. Wie ich zuvor schon an dieser Stelle gesagt habe, arbeiten wir Romanciers und Dichter innerhalb der dunklen Grenzen unseres Verstandes ohne Input von der äußeren Welt, und deshalb ist es besonders befriedigend zu wissen, dass unsere Arbeit Auswirkungen auf diese Welt hat. Nach New York fliege ich nach Ohio, um am Kenyon College zu lesen, von wo ich dann wieder für etwa eine Woche nach New York zurückkehre. Am Ende des Monats fliege ich noch einmal nach Osten zur Buchmesse in Miami (24. November), was bedeutet, dass der neue Roman eine kleine Pause aushalten muss, wenigstens solange diese nicht unerfreulichen Unterbrechungen andauern. The Familiar ist jetzt zu zwei Dritteln fertig. Ich hoffe, den Roman bis zum Frühjahr zu beenden, durchzusehen und abzuliefern, und dann habe ich vor, die neuen Kurzgeschichten zu schreiben, die die nächste Sammlung I Walk Between the Raindrops komplettieren sollen. Und danach? Ich plane mich anzuschnallen und das weite Erdenrund zu umkreisen in der Hoffnung, dass eines Tages der nächste Roman aus dem Nebel auftauchen wird. Was für ein Leben!

 


 

Im Original erschien der Text am 31. Oktober 2019 auf www.tcboyle.com. Veröffentlichung des Textes auf www.tcboyle.de mit freundlicher Genehmigung von T.C. Boyle. Verwendung der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Tepelmann. Foto: T.C. Boyle.